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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 17
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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Ein Prophet im Vaterlande

An einem weitläufig gebauten Dorf ging ein städtischer Herr junger Jahre die Landstraße daher.

Unter dem Arm trug er eine rundlich gefüllte, schwarze Mappe aus Glanzleder. In den Steinstraßen einer Stadt hätte er für einen Beamten oder für dessen Schreiber gelten können. Das war er aber nicht; der junge Herr hieß Fritz und war ein Geschichtenschreiber, und die Mappe barg alle Handschriften seiner auf dem Boden dieses Dorfes (seines Heimatsdorfes) erwachsenen Erzählungen.

Er hielt seine Geschichten für gute Geschichten. Blamieren konnte sich nach Hebbels stolzem Wort höchstens noch die Welt, wenn sie darüber schlecht urteilte. Bevor er aber die Welt vor diese Gefahr stellte, sollten die sie hören, die es am meisten anging: die Leute dieses Dorfes, die mehr oder weniger Modell gestanden hatten. Ihres Lobes war er so sicher wie der Abendröte nach einem schönen Tage. Er hatte das, was er unter dem Arm trug, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Gemüte geschrieben, das mußten sie fühlen. Zu ihrer Ehre hatte er gedichtet, nicht zu seiner.

Der Weg führte sacht zur Mühle hinan.

Aber wie war er, der Bauernsohn, dazu gekommen, Geschichten zu schreiben? Die Baumgruppe eines Gehöftes tauchte rechter Hand wo es nach den Wiesen hinunter geht, auf. Der Alte, der es besessen, als Fritz noch Knabe war, hieß Hinrich Voß, seine Frau Gesche. Gesche Voß war (da lebte sie noch, jetzt ist sie tot), Gesche und Jochen Schneider waren die Veranlassung, daß Fritz Geschichten schrieb.

Rasch und jung und beflügelt stieg Fritz den Mühlenberg hinauf. Oben angelangt, stand er still und sah sich um.

Die Sonne seiner Heimat schien hell vom Himmel. Just so glänzte sie in den Blättern seiner Mappe. Man sah in weite, blaue Fernen. Einen überschauenden Standpunkt einzunehmen, lud auch die Natur seiner Dichtungen ein. Ein frischer West kam von den großen Mooren her: in seinen Heimatsgesängen war der rauschende Wind überall dabei. Die Höfe lagen zerstreut – so hatte er es beschrieben. Die Menschen, am Alten festhaltend, im engen Kreis, aber darin treu, zäh, eigensinnig, auch wohl mal querköpfig. Alles hatte er so dargestellt, wie es war, nicht besser, nicht schlechter. Von der Wirklichkeit unterschieden sich seine Geschichten nur dadurch, daß die Idee mehr betont war, als es im Leben zu geschehen pflegt, daß sein Dorf in den Äther hinaufgehoben war. Die Dörfler mußten das erkennen. Und wenn das Bild auch nicht immer schön war, den Zeichner und des Zeichners Kunst mußten sie – so dachte Fritz – die mußten und sollten sie loben.

Jürn Meyer stand vor seinem Hof und rauchte. Mit Jürn Meyer hatte Fritz zusammen die Schule besucht, er war zwar nicht der Klügste, aber gutmütig. Deshalb sollte Jürn Meyer zuerst daran.

»Godn Dag, Jürn!«

»Godn Dag, Fritz. Nu, ok betjen hier? Komm in!«

»Ja, Jürn, ich möchte wohl hinein, aber nur, wenn du Zeit hast und mir zwei Stunden ganz gehören kannst.«

»Komm man herein, ich hab Zeit, so viel du brauchst. – Nun, was hast du denn so Wichtiges auf dem Stock?« fragte Jürn, als sie drinnen waren.

»Ich wollte dir vorlesen.«

»Vorlesen?« Jürn Meyer erhielt ein steifes Gesicht. »Nu ja, denn man zu.« Dem Dichter war das Gesicht nicht recht. »Du hast doch Zeit?« wiederholte er.

»Ja, Zeit hab ich.«

»Ich will dir eine Geschichte vorlesen, die ich geschrieben habe und die hier im Dorfe spielt.«

»So! Hm!« Erst sagte Jürn »hm! hm!« und »so! so!«, dann flötete er. Das war ein Zeichen starker Befremdung. Aber der Dichter kehrte sich nicht daran. Jürn sollte schon Augen machen und Ohren bekommen, wenn er zu lesen anfing. Die Mappe mußte heran, ein artiges, reinliches Heft ... Fritz las.

Er las die Geschichte von dem Zollwirt. Der ist rechthaberisch, fängt Prozesse an, verhärtet sich, in einer furchtbaren Nacht geht es ihm ans Leben. Da wird er weich.

Eine Viertelstunde hatte Fritz gelesen, da sagte Jürn: »O, Fritz, hol mal betjen still!« Er hatte eine Miene, als ob er gehängt werden solle. »Fritz«, sagte er, »können wir nicht morgen? Mir fällt ein, meine Leute säen auf Störfetten. Der Großknecht könnte dem Jungen den Saatsack geben. Das geht nicht, der kann nicht säen, dann kommt es unegal. Du nimmst es mir nicht übel, aber ich muß nach Störfetten.«

»Ja, Jürn, das ist denn ja was anderes. Wenn du nach Störfetten mußt. Aber morgen? Ich fürchte, dann kann ich nicht lesen, und ich bin bange, du könntest dann nach Sterbrook müssen.–Adjüs, Jürn, und denn hol di munter!«

›Jürn ist zu einfältig‹, sagte Fritz zu sich, ›ich muß zu Klügeren.‹

 

Der Dichter ging zu Hans Skennerstedt und Wilhelm Schmidt und Hans Petersen und zu anderen Freunden und machte überall ähnliche Erfahrungen. Freundliche Aufnahme, viel guter Wille, etwas über sich ergehen zu lassen, zuletzt Verzweiflung; im günstigsten Fall freundliche, einsilbige Zurückhaltung oder Verschlossenheit, immer – Verständnislosigkeit.

Zwei liefen just wie Jürn Meyer davon. Hans Petersen sagte: »Dat is jo ganz nett, awer betjen langwili. Wi kennt dat, so wat passeert hier ok.« Hans Siemerstedt rief mit einem gewissen Schreck: »Schall dat drückt warrn?«

Dem Dichter wurde zwar schwer ums Herz, aber er hielt sich tapfer. Er tröstete sich: ›Man muß sie gewöhnen, man muß sie erziehen. Die verstehen nicht, Geschichten zu lesen, die lesen gewiß gar nichts. Daran wirds liegen.‹

Aber das war doch gefehlt. Denn er erfuhr, daß eine Mappe voll schmutziger Zeitschriften in jedem Hause sei, und daß täglich zwei Zeitungsnummern mit ›Feuilletons‹ unterm Strich schier zerlesen würden.

›Alle sind schwer von Begriff; es ist schade, daß sie sich so blamieren‹, dachte Fritz. ›Ich will zu Krischan Langermann gehen. Das ist ein Kluger, der hat seine eigene Meinung und sagt sie auch. Zuweilen grob, nun, das muß hingenommen werden.‹

»Krischan, ik schriev Geschichten«.

»Dat hev ik hört.«

»Schall 'k di mal vorlesen?«

»Ja, wenn't wesen mut, wenn't Schweck hett. Schull dat wull Schweck hebbn?«

»Worum schull dat keen Zweck hebbn?«

»Wat sünd dat för Geschichten?«

Fritz erklarte nun die Idee. Da seien zwei alte Leute, die wohnten ganz allein auf der Heide, jeder in seiner Kate. Von Haus aus alle beide Poeten, erzählen sie sich ihre Geschichten und kriegen sich gegenseitig satt.

Fritz wollte auf die sich hieraus entwickelnde Tragik eingehen, aber Krischan Langermann fiel ihm in die Rede: »Nä, Fritz, dat is ni nödi, dat hebbt wi hier ok. De olen Peter Ehlers und Ratje Ott is bat jüst so gahn.«

Der Dichter gab den kurzen Abriß einer anderen Geschichte. Die vertrockneten Geistesquellen eines alten Mannes (auch Künstler) werden von einem Erzähler wieder ausgegraben.

Dafür hatte Krischan Langermann gar kein Verständnis. »Dat schient mi, nimm ni üwel, Fritz, awer dat schient mi Tühnkram to wesen.«

Er wollte wissen, ob Fritzens Geschichten alle von der Art seien.

»Das sind sie.«

»Denn warrst du hier nix mit din Geschichten. Son Vertelln besorgt Jochen. Dor is nix bi to schrieben. Schriev doch mal vun Schlösser un Burgen un Grafen und Baronen!«

Für Krischan Langermann hatten Geschichten keinen Zweck, die man selbst erleben konnte. »Uns' Frugenslüd«, schaltete er ein, »gaht an leevsten to Hof und verkehrt mit Königen und Kaisern. Dat kanns di marken!«

Frau Langermann hatte in der Küche gestanden und das Gespräch mit angehört. Nun war sie in der Stube, wischte ihre Hände in der Küchenschürze ab und mischte sich in die Literaturunterhaltung.

Da habe ihr Mann ganz recht, erklärte sie; sie für ihre Person und die Bauernfrauen im allgemeinen seien nicht für Staat, um so mehr Feinheit müsse in den Geschichten sein: »Grafen, Barone, ümmer höger rop, Königs- und Kaiserfrugens am leevsten. All in Gold un Sülwer un Sammt un Sied, fein und vörnehm. Dat dat man so seggt: Stab!«

»Son Geschichten hev ik ni«, erwiderte Fritz. Er packte seine Mappe. Ernüchtert ging er wieder über den Mühlenberg.

Sein Schulkamerad Marx Steffens begegnete ihm mit einem Fuder Mist.

»Brr, holt!« rief der und stoppte die Pferde. »Süh, Fritz! Wi könnt uns doch ni so vörbigahn.«

Marx Steffens besah seinen Freund von oben bis unten. »Jung, Fritz, du büst jo 'n gans feinen Herrn!«

Ein eigentümlicher Erdgeruch ging von Steffens und seinem Fuder aus. Die Freunde schüttelten sich die Hand, auch des Freundes Hände hatten Erdgeruch. Sie plauderten.

»Wat hest dar in?« fragte Mari und wies auf die Mappe.

Fritz erzählte von seinen Arbeiten und von dem Zweck seines Kommens. Marx sah ihn mit krauser Nase an.

»Und wi sünd dor in afnahm, gans as wi bünt – graff un eenfach?«

»Dat sünd ji.«

»Jung, Jung!«

»Wat: Jung, Jung?«

»Ik segg di, Fritz, lat na! Dat givt Lüd, de könnt bat ni hebbn. Und wenn se findt, dat se gar to ähnli sünd, denn kann dat kam, dat se di mit Füst un Reitschopp klar makt, wo se dat freuen deit.«

»Marx, du meenst?«

»Ja, Fritz, ik meen, dat kann kam, dat du di 'n Bracht Prügel besügst.«

»Aber, Marx, ich tat doch alles aus Liebe.«

»So«, sagte Marx und sah ordentlich ironisch aus. »Nu, denn werden die es auch wohl aus Liebe tun.«

Marx fuhr bergab und nahm den Erdgeruch mit sich, Fritz ging weiter und hatte noch immer die Mappe, gefüllt mit echten Erdgeruchsgeschichten, unterm Arm.

Einen Augenblick schwankte Fritzens geistiges Gleichgewicht, aber er fand es gleich wieder. »Wenn ich nun mein bißchen Philosophie nicht hätte«, sprach er für sich, »ich könnte Haß gegen meine Heimat oder wenigstens Unmut und Verstimmung über den Mühlenberg tragen. Daß alle erleuchtete Seelen sind, kann ich nicht verlangen. Der Gott Abrahams wollte Sodom und Gomorrha verschonen, wenn nur zehn Gerechte in ihren Mauern weilten. Und in den fruchtbaren Triften des Jordantals wohnten viele Tausende, darunter nur ein halber Gerechter. Ich will mein Dorf verschonen, kein Haß, kein Fluch soll Pech und Schwefel herabbeschwören. Hat es doch wenigstens einen Ganzgerechten. Ich geh zu Jochen.«

Er wollte zu Jochen. Der hatte die ganze Schreiberei noch mehr auf dem Gewissen als Gesche Voß, und Jochen war sicher gerecht.

Wer war Jochen?

Jochen war der Schneider des Dorfs. Er hatte den Bauern schon Hosen und Röcke angemessen, als Fritz noch ein junger Knabe war. Damals ging er von Hof zu Hof, Papiermodelle in der Tasche, ein Reißbrett in der Hand, die Schere an der Hosennaht durch eine Öse gezogen.

»Godn Morgen, de Snider kommt«, pflegte der lustige Meister zu rufen, wenn er in ein Haus eintrat. Für Fritz war es ein Freudenruf, denn mit Jochen kamen die Tage sengender Bügeleisenwonne, verbrannter Wolle und prachtvoller Geschichten. Denn Jochen konnte erzählen, und Fritz hörte nichts lieber, als Geschichten.

Am schönsten erzählte Jochen beim Zuschneiden; denn beim Zuschneiden war seine Stimmung gehoben. Was für andere Lappen war, hatte er in der Idee bereits zu einem neuen Gebilde zusammengefügt. Die Schere lag in den Mußestunden faul und blank auf dem Tisch. War sie aber beim Zuschneiden in Meisters Hand, dann redete sie mit, gab ihre Anmerkungen und frohlockte bei Pointen und Schlagern laut über die Tischplatte hin.

So ging es Jahr um Jahr, so ging es viele Jahre. Fritz wurde groß und stand vor der Konfirmation.

Nun kam eine andere Zeit, Fritz sollte zur Stadt, der Tag der Trennung war da. Der Vater wollte ihn selbst hinbringen, der Wagen war bereit. Vater war nur noch zur kranken Frau Gesche Voß gefahren, einen Doktorbericht mitzunehmen. Wir wollen gleich bemerken, daß er nicht weit gekommen ist, da Gesche ihm dicht beim Hof begegnet ist und gesagt bat, sie sei gesund und an dem Doktor wolle sie nichts mehr verkosten. So ist es gekommen, daß der Alte nach ganz kurzer Zeit wieder an der Pforte hielt und mit der Peitsche ballerte.

In der Stube hatte Meister Jochen inzwischen die Geschichte der krummen Eiche erzählt oder zu erzählen angefangen. Die Schere hatte er in der Hand, schwatzend lief sie hin und her. Aber die krumme Eiche blieb ein Bruchstück. Das Peitschengeknall des Vaters brach sie schroff ab, und Fritz mußte mit einer angebrochenen Geschichte aus dem Dorf.

Die krumme Eiche hat ihm aber keine Ruhe gelassen. Er hat über die angefangene Geschichte gegrübelt und gegrübelt und sie schließlich gedichtet. So war er zum Schreiben und Schaffen gekommen, auf eine ähnliche Weise, wie man von Lope de Vega, dem Verfasser ungezählter Dramen, erzählt. Alles, was Fritz in der Mappe hat, sind nichts als Übungsblätter zu der einen abgebrochenen Erzählung. Sie alle wären nicht geschrieben worden, wenn die Erzählung von der krummen Eiche zu Ende gekommen wäre, wenn Gesche Voß nicht so unzeitig gesund geworden wäre. Hätte sie dem Alten den Doktorbericht mitgegeben, dann wäre dieser wenigstens eine halbe Stunde später vorgefahren, die Geschichte wäre zu Ende gekommen, Fritz hätte nicht das Grübeln angefangen. Nun aber geht er im Dorf mit der Mappe umher, und Gesche und Jochen sind schuld.

Fritz fand seinen alten Freund in eigener Werkstatt. Von Haus zu Haus ging er nicht mehr, er hielt sich sogar einen Gesellen, einen jungen, feingliedrigen Mann. Die Sonne kam durch kleine Bleischeiben zu ihm aus einem Obstgarten, und wenn sie irgend konnte, warf sie einen Strahl dorthin, wo die große Schere lag.

Die Schere redete nur noch wenig, sie und der Meister waren nicht mehr so intim. Wenn sie die alten Töne fand, wurde sie von der Hand des jungen Gesellen geführt.

Jochen war alt geworden, aber deshalb nicht mehr der Alte. Sein Gedächtnis war schwach, er erzählte nicht mehr so gut, und was er schließlich als die Geschichte der krummen Eiche vortrug (dieselbe Geschichte, die so viel Leuchten und Schimmern in Fritzens Seele geworfen hatte), das war ganz alltäglich.

So trivial, daß Fritz verlegen wurde.

»Ohm«, sagte er (er ›ohmte‹ den Schneider), »ich habe die Geschichte mir auch zurecht gedacht und aufgeschrieben. Soll ich sie vorlesen?«

»Ja, gewiß, wenn du so gut sein willst. Eine zurechtgedachte Geschichte muß ich hören. Zurechtgedacht? Das ist spaßig!« setzte Jochen hinzu.

Fritz las. Schneider Jochen machte die Daumenmühle und hörte zu. Zwischen den Zeilen sah Fritz auf und suchte die Teufelsschwänzchen, die in junger Zeit um des Alten Lippen spielten, wenn ihm was gefiel. Es waren aber keine Teufelsschwänzchen da, Fritz sah ein Lippenfalten, das ihm gar nicht behagte. Die Miene wurde immer vieldeutiger oder, wie man will, eindeutiger.

»Nu, Ohm, wie gefällt es dir?«

»Hm, hm!« antwortete Jochen.

»Sieh, Ohm, das hab ich erzählt und geschrieben im Gedenken an dich und dir zu Ehren.«

Da nahm der Schneider seine Brille ab und sah Fritz mit zornigem Erstaunen an.

»So«, sagte er und lachte, »der Deuker! Mir zu Ehren! Da muß ich mich wohl bedanken?«

»Ohm, ich seh, es gefällt dir nicht. Ich weiß nicht, weshalb. Denn, daß es fein ist, das mußt du doch sagen.«

»Fein?« Die ganze Mundhöhle des Meisters und zwei lange, einsame, schwarze Zähne wurden sichtbar. »Jawohl, fein ... fein ... fein gelogen!«

»Gelogen?«

»Ja, gelogen! Das will ich dir beweisen«, setzte Jochen hinzu.

»Die krumme Eiche steht noch immer in Jürn Butenops Holzlage, und du schreibst, als habe sie im Gehege gestanden und sei jetzt umgehauen. Und die Eisenbahn, die da gehen soll? Wo ist die? Wir haben keine Eisenbahn und kriegen, wills Gott! noch lange keine. Und dann die Geschichte mit den Prozessen und mit unserer Schweineplietschheit und all das andere – alles aus der Luft gegriffen. Aber um bei dem ersten zu bleiben: Bei der Gehegpforte soll Namlosbeck sein, und die ist am Breiner Weg, die Baumschule und Hegereiterei legst du nach dem Hüttener Weg und ist in Barlohe; einen Hof namens Holm gibts gar nicht, auch keine Töchter von Harm Kühl. Überhaupt die Namen, da stimmt kein ein. Es ist alles ... alles verdreht und verkehrt. Das soll eine Geschichte sein, mir zu Ehren? Da bedanke ich mich für, ich schreib keine lügenhaften Geschichten!«

Fritz mußte lachen. »Ohm, Ohm, lieber Ohm! Hast du denn nie von Dichten gehört? Ist denn nur das wahr, was just so aufs Tüttelchen passiert ist? Hast du denn gar kein Verständnis für die Welt des wahren schönen Scheins? Kein Verständnis dafür, daß man die Tatsachen anders geben muß, um ganz wahr zu sein?«

Was hatte er zu reden, um nur das Zeugnis persönlicher Ehrenhaftigkeit zurück zu erhalten!

Es blieb aber bei einer halben Versöhnung. Jochen war zu alt, Jochen mußte verschlissen werden, wie er war. Einmal hatte Fritz Hoffnung, da hatte es den Anschein, als wolle es bei dem Alten dämmern ... aber es blieb bei einem fahlen Schein.

Fritz griff beinahe zornig nach der Türklinke – da hörte er die Schere. Seine alte, stahlharte Freundin rief ihm vom tönenden Resonanzboden des langen Schneidertisches her ihren rollenden Beifall nach. Der Gehilfe hatte sie in der Hand, er hob einen neuen Rock der Idee nach aus dem groben Stoff. Und schüchtern aus großen, leidensvollen Augen sah das kranke Jünglingsgesicht zu ihm auf. Ein kurzes Aufleuchten, aber der Dichter las dann das, was er gebrauchte – Verständnis für das Opus der krummen Eiche.

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