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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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Warum noch?

»Wenn du nur wolltest, Marie, wenn du nur wolltest!« scherzte er und schlenkerte die Rechte seiner Gattin symbolisch hin und her, »wenn du, alle Stiefmutterbedenken hinter dich werfend, unserem kleinen Unband mit dieser weißen Hand geben wolltest, was ihm gebührt. Das würde dem Balg ganz heilsam sein. Ich bin ja leider«, setzte er kleinmütig hinzu, »dem Ding gegenüber ohne Kraft und ohne Zorn.«

»Das ists, die Stiefmutter wird vorgeschoben, die solls, der Vater kann es nicht.«

Da fing es in seinem Auge zu glänzen an. »Liebste, ist es ein Wunder?« Es ging ein Beben durch seine Stimme. »Ist es ein Wunder? Sie ist das lebendige Ebenbild einer Frau, die ich mehr als mich selbst geliebt habe.«

Die Angeredete hatte sich ihrer Näherei zugewendet, nun ließ sie Stoff und Maschine. Es wurde still, ihre Augen vergossen Tränen.

»Ich hätte es nicht tun sollen«, schluchzte sie, »ich hätte für mich bleiben sollen. Was kann die Zweite einem Manne sein, dessen Liebe in Kirchhofserde ruht? Voll und reich sind deine Gaben, und dein Herz ist gut. Aber Liebe, wahre Liebe ist das nicht. Und ich dürste nach Liebe. Gib mir ein Tröpfchen echter, ein Tröpfchen wahrer Liebe!«

Er stand ratlos vor ihr. »Aber Marie!« rief er einmal über das andere. »Was ist das doch? Eifersucht auf unsere Tote? Beste, wie kamst du darauf?« Er strich über ihr Haar. »Was da alles Platz hat!« versuchte er zu spaßen. »Ich wills nicht aufzählen, und nun kommen dazu noch Grillen und Sorgen und – Grabben, wie wir Plattdeutschen sagen.«

Die Tränen hatte er weggeküßt, aber ernst sah sie noch immer drein.

Er schob einen Stuhl zu ihr ans Fenster und zog sie an sich. »Lieb ich dich nicht genug? Wenn ich der Verstorbenen ein treues Andenken bewahre – ist das keine Gewähr für Lebende? Verehre ich nicht das Frauengeschlecht überall, wo es sich in seinen natürlichen Linien zeigt, bewundere ich nicht seinen scharfen Blick für das Maß der Dinge? Die Frau, die ich genommen habe, die jetzt an meinem Herzen ruht, auf ihren Scheitel häufe ich alle ihren Mitfrauen gemachten Komplimente.«

»Mariechen«, fing er wieder an, »nahmst du nicht einen Mann mit breiter Brust? Und kann in einer breiten Brust ein enges Herz wohnen? Du sollst dich wundern, was da für Räume sind! Komm, wir gehen hinein! Hier der Saal der Erinnerung. Helldunkel und stumm. Und dumpf und schwer rieselt das Schweigen vom Gewölbe her. Darin hängt das Bild derjenigen, die du um meine Liebe neidest. Wie ganz anders, Wand an Wand mit ihm, der andere Raum! Es ist eine Art Kapelle. Schwere Vorhänge, ruhige, gefaßte, tröstende Falten. Weich und wuchtig fällt die lautlos schwingende eichene Tür hinter uns zu. Ein kaum hörbarer Hauch, wie ein mildes Ausrufungszeichen, wie der Fingerzeig einer hoch erhobenen, weißen, eleganten Hand. Nur ein Marmorbild ist in dem Raum. Das ist... ja, das bist... das bist du, meine liebe, meine geliebte Frau!«

Der so redete, war ein wunderlicher Mann. Ein das Leben so schwer, so ernst nehmender Mann. Und konnte dabei so phantastisch und komisch und albern sein. Nun griff er nach dem Hausschürzchen seiner Frau und ließ die grünen, die roten, die blauen, die purpurnen Farben, das ganze schillernde Paradestück ließ er durch seine Hände gleiten.

Lange konnte man ihm nicht gram sein. Auch seine Frau war es nicht mehr. Die Rede hatte sie angenehm erwärmt, sie ging ja oft in stolzen Wogen.

»Phantast!« lachte sie. Lachen und Lächeln ging über ihr Gesicht. Die schwarzen Augen, der Mund, die weißen Zähne – alles lachte.

Der Mann stand vor ihr, vor ihrer Reinheit, vor ihrer Schönheit. Vor ihrer Sanftmut, vor ihrer Güte stand er... wie ein richtiger Geizhals, der nichts von seinen Schätzen missen will.

Und stand und war glücklich. War glücklich... lange Zeit ... drei Minuten vielleicht. Ganze drei Minuten war er vollständig glücklich.

Sein Geist wanderte, bis er ihren Atem spürte. Sie sagte ihm was ins Ohr. Sie war wieder ernst und in halber Trübsal. »Aber so«, flüsterte sie, »so, wie du die Erste geliebt hast, liebst du mich nicht.«

Eine grobe Hand fuhr leicht über ihren Scheitel: »Großes Kind, weiß ich, ob du recht hast? Kann man Liebe um Liebe nach Kilo und Gramm abwägen? Und, wenn du recht hättest, sind wir schon am Ende? Kann nicht um so voller ausklingen, was leise begonnen hat? In den ersten Jahren unseres Zusammenseins, da kam wohl noch ein Mißklang vor. Und jetzt, wie lange... wie viele Jahre schon... und immer voller und immer reiner stimmen wir zusammen.«

»Ja.« Sie sprach schüchtern, leise. »Das schon. Und gut bist du auch... Aber...«

»Aber?« ermunterte er.

»Die Welt nennt dich einen Künstler, und ich weiß, du bist es. In deinen Gestalten erkenne ich die Lieblinge deiner Seele – aber deine zweite Frau und ihre Liebe sind nicht unter ihnen.«

Was hatte er darauf zu sagen? Was hatte die Geschichte ihrer Ehe darauf zu sagen?

Er hatte seine Frau bisher nicht angedichtet, weil ihn die Liebe nur eines Zimmers Länge zu tragen brauchte. Dann hatte sie, was sie ersehnte. Sollte aber jemals ihr Besitz in Frage gestellt werden, dann wird die Idee ihres Wesens vor ihn hintreten und von ihm heischen: »Gestalte mich, gestalte deinen Schmerz!« Dann wird er auch ihre Geschichte schreiben.

Er hatte Grund, behutsam mit dem Geschick zu reden. Er wußte, was es heißt, das Unglück heraufbeschwören.

Im Brautstand seiner ersten Ehe erkrankte die Geliebte, die Hochzeit mußte verschoben werden – Jahr um Jahr. Sein Beruf hielt ihn fern von ihr. Und er verzehrte sich in Sehnsucht. Da schrieb er: »Ich ertrag die Trennung nicht mehr. Ich will dich heiraten. Mag der Himmel, wenn wir vereint sind, alle Leiden, die ich verdiene, in vollem, in gerütteltem und geschütteltem Maß auf meinen Scheitel häufen – ich werde es tragen.«

Er heiratete eine kranke Frau. Drei Tage gaben seine Vorgesetzten Urlaub. Er brachte seine Frau nach einem Gesundbrunnen. Das junge, hübsche Weibchen wurde auf der Reise getragen. So krank war es. Es folgte ein langes Jahr... dann besserte sich das Leiden. Hatte der Himmel die Lästerung nicht gehört?

O doch, er hatte gehört – er hatte ein gutes Gedächtnis, aber auf einen Sonnentag kam es nicht an. Krankheit folgte – viele Jahre. Ersparnisse gingen hin. Und dann... endlich... kam der Erlöser... kam der Tod.

Das war lange her... Er hatte zum zweiten mal gefreit. Er lebte glücklich mit seiner Frau. Und das Glück vertiefte sich mehr und mehr.

Die Zeit verging ... Es rollten die Jahre. Noch war die Geschichte der zweiten Frau nicht geschrieben, aber der Himmel fing an, Rohstoff zu sammeln.

Er saß am Schreibtisch und wiegte die Seele in dem köstlichen Gefühl, sein Weib in der Nähe zu haben. Die Tür ist angelehnt – in ihren Gemächern, da waltet seine Frau.

»Meine Frau!« Er wog die beiden Worte mit dem Feingewicht der Liebe auf seiner Zunge. Für ihn war es ein unsagbares Glück, sagen zu dürfen: »meine Frau.« Die nette, bescheidene, immer und immer liebliche, in ihrem Tun nie die Linien der Schönheit verletzende kleine Frau – von allen geschätzt. Wer wußte besser, als ihr Gatte, wie sehr sie das Lob verdiente?

War er poetisch angeregt, dann sah er sie hoch oben im Himmel, im blauen Meer der Ewigkeit auf weißen Wolken. Weiches Halleluja ringsum und auf Tuben blasender Englein ein ganzer Troß.

»Meine Frau!« Ein Rauschen und Knistern webt um mich her. Sie, die ich liebe, schwebt wie eine Geflügelte daher. Ein kleines Klingen: das ist die Blumengießkanne. Ein schüchterner Wasserschwall: die Kanne wird aus dem Blechgefäß gefüllt. Hübsch und reinlich und behutsam tränkt mein Weibchen ihre duftigen Blumen. Ein wischender, schabender Laut: der großen Palme lange Blätter und Zweige werden geputzt.

Ob sie nicht mal herein zu ihrem Manne kommt? Nein, sie kommt nicht. Wie kann sie wissen, daß meine Seele just in diesem Augenblick mehr als sonst nach ihrer Liebe bangt? Er ruft: »Marie, Mariechen!«

»Was, mein Lieber?«

»Mußt mal herkommen.«

»Muß ich wirklich kommen?« Man hört, wie die Wasserkanne hingesetzt wird. Da füllt ihre Gestalt den Türrahmen.

Der am Schreibtisch ist ein alter Mann, und die Frau, die jetzt in die Stube kommt und ihn umarmt, ist auch nicht mehr jung. Volles graues Haar deckt in weichen Silberwellen den vornehm geformten Kopf. Striche der Jahre liegen um Schläfe und Mund und Kinn. Aber Jugend, unverwüstliche Jugend und Güte lachen ihr aus den Augen.

Er ist aufgestanden, er tappt nach einer Zigarre – zum vollständigen Glück gehört der Glimmstengel, ein ganz feiner, blauer Hauch. Er zündet die Zigarre an und raucht, ganz leise, wie wenn er die Spitze küsse, er dreht die zierliche, noch immer jugendlich und leicht gehobene Gestalt seines Frauchens rund herum. Er bewundert die im schwarzen, dunklen, einfachen Hauskleid so mädchenhaft behende Figur. Und umarmt sie und kann sich im Zärtlichtun nicht erschöpfen und fragt und flüstert: »Glaubst du nun?«

Sie streicht mit linder Hand über seine Stirn und antwortet: »Ja, ich glaube.«

»Ja, ich glaube« – hat sie gesagt. Und er drückt sie mit aller Kraft an sein Herz. Er weiß, in der nächsten Zeit wird er ihre Geschichte erleben. ›Stelle den Preis nicht zu hoch, gütiger Himmel!‹ bittet er.

Sie hat ein in Zwischenräumen auftretendes, von den Ärzten verschieden beurteiltes Leiden. Der Chirurg hält einen operativen Eingriff, einen Eingriff auf Leben und Tod, für notwendig. Und sie hat sich entschlossen. Beim nächsten Anfall soll sie zur Klinik.

Und nun wartet sie, wartet auf den Anfall und auf das Messer des Chirurgen. Und ist heiter und stäubt Blumen und wischt Palmen ab und umarmt und tröstet und liebt ihren Mann.

Die wenigen Tage, die ihr bleiben, bringen, äußerlich betrachtet, eine sonnige, eine heitere, eine lachende Zeit. Es werden Betten und Teppiche geklopft, das ganze Haus wird gekehrt. Sie rüstet sich für lange... lange Zeit, für eine Reise, vielleicht auf Nimmerwiederkehr.

War das eine tapfere Frau! So oft es ging, hielt ihr Gatte sie in den Armen und suchte ganz sachte mit Augen und Hand die Linien, wo das rohe Messer sich hineinfressen wird.

Sie kam aus einer kleinen, lustigen Kaffeegesellschaft zurück. Gefaßt, nur mit einem müden Zug. »Mir ist, als ob die Schmerzen kommen wollen«, sagte sie ruhig. »Dann geht es wohl morgen los.«

Sie kramte in ihrer Kommode und las vergilbte Briefe. »Ich möchte mich an alles Liebe erinnern, was mir im Leben widerfahren ist. Und ich hab so viele, ach, so viele liebe Menschen getroffen. – Das kennst du wohl noch gar nicht, lieber Mann?« Sie hielt ihm einen kleinen Packen Briefe hin. »Lies, lies! Ich sehe nichts darin, daß ein junges Mädchen mal einen Mann lieb gehabt hat, den sie nicht geheiratet. Nicht geheiratet hat... weil die Verhältnisse es nicht zuließen ... weil es nicht ging. Lies, mein lieber Mann; was da geschrieben steht, gereicht uns beiden nicht zur Unehre.«

In der Nacht entschied es sich, da begannen die Schmerzen. Ein paar mal kam wohl ein schüchternes, zaghaftes: »Wenn er sich aber irrt...« Aber alle Zweifel wurden willensstark niedergebogen.

In der Klinik gab es Aufschub. Es war ungewiß, ob die Operation jetzt stattfinden könne.

An ihrem Bett saß der Gatte und las die unsterblichen Geschichten Gottfried Kellers: ›Leute von Seldwyla‹ – ›Die gerechten Kammacher‹ –›Spiegel, das Kätzchen‹ – ›Romeo und Julie auf dem Dorfe‹ ... Romeo und Julie! »Man erlebt alles mit. Wir überzeugen uns, daß ihnen nichts übrig blieb als der Tod.« Die drei gerechten Kammacher! ...

Von Zeit zu Zeit kam der Arzt und untersuchte. Abends um neun Uhr und wieder morgens um sieben.

»Es geht. Dann wollen wir gleich.«

»Ja!« erwiderte die Tapfere

Er wanderte im Garten der Klinik ruhelos umher... so lange, wie der Kranz elektrischer Lampen an der Decke des Operationszimmers glühte.

Es folgten bange Monate. Seine Frau litt große Schmerzen, und er konnte nicht lindern; der Zustand war besorgniserregend, und er konnte nicht helfen.

Die Geier des Mitleids, des Grams, der Sorge nagten an seinem Herzen, er lernte die Sage von den Leiden des gefesselten Halbgottes verstehen.

Aber es wuchs kein gigantischer Trotz aus seinem Schmerz. Der beugte ihn vielmehr, beugte ihn zum selbstquälerischen, spürenden Grübeln. Das Buch seines Lebens schlug er auf und forschte nach seinen Sünden, forschte nach seiner Schuld.

Das Bild des verstorbenen Vaters erschien: ›Vergib mir, was ich gefehlt habe!‹ – Die verewigte Mutter stand vor ihm: ›O, du, mit deinem Herzen voll Liebe, wie hab ichs vergolten!‹ – Den Geschwistern, den Brüdern, den Schwestern sagte er: ›Ich war nicht immer brüderlich, vergebt mir!‹ Und seine Jugendgeliebte sah er tot im schwarzen Schrein: ›Ich hab dich lieb gehabt, und doch tat ich dir weh. Vergib!‹

Die Schatten der Freunde kamen... Viele schüttelten den Kopf. Und dann ein langer Zug ... Hunderte, mit denen ihn das Leben zusammengeführt hatte. ›Was ich gegen euch gefehlt haben mag – vergebt!‹ Hämische, hassende Gesichter waren darunter... die lachten über seine Bitte. Die meisten waren Gleichgültige, wenige, aus deren Miene Teilnahme sprach.

›Ich suche die Hoffnung, ich suche die Zuversicht. Wo ist der Weg, der zur Hoffnung führt?‹

Die Gleichgültigen stockten. Sie sprachen eine Zeichensprache untereinander und richteten den Zeigefinger gegen ihre Stirn. Und durch ihre Reihen ging ein Gemurmel. Dem fehlts da ... der arme, arme Mann!

Wo geht der Weg zur Zuversicht?

Da trat ein Mann aus der Schar, den kannte er. Es war einer, der einstmals sein Widersacher gewesen war, der einzige, den er gehaßt hatte. Aber Haß ... Haß ... der Haß war verflogen... hüben wie drüben ... Der Mann trat aus der Menge heraus, reckte den Arm und den Finger und sagte: ›Da geht der Weg zur Hoffnung.. ‹Und er, der das alles im Halbschlummer sah, kam zu sich ... Ihm war, als hätte man ihm die Heimat gezeigt.

Im Norden an den trägen Flußwindungen des großen Gewässers ist er zu Hause, in der Gegend der großen, wilden Moore. Einstmals sind die Moore flache Bodenmulden gewesen, in denen der Strom, wenn er sein Bett verließ, Wasser und Schlamm zurückgelassen hat, die von den untergegangenen Geschlechtern der Torfmoose aufgesogen worden sind. Moor ist emporgewachsen, eine neue, nach Wärme begehrende Decke ist emporgehoben worden.

Die Decke ist trügerisch und weich, vor einem Jahrhundert ist sies noch mehr gewesen. Aber die heiße Sonne besuchte auch diese Einsamkeit und zog ihren goldenen Bogen über sie her ... Wie dürstet sie nach Licht und Wärme!... Die heiße Sonne zieht ihren goldenen Bogen über sie her, trocknet die neue, die junge, die schwarze Erde und dörrt sie, und tut ein Mehreres, sie schmückt sie auch. Es sproßt die Heide, die unechte Sumpfheide mit den feingefiederten Zweigen, aber auch die echte Erika mit den zarten rosa Glockenblüten. Der stille Glanz beider Schwestern verklingt einsam im Moor.

Vom Süden her sieht ein kleiner Turm über das braunrote Moor, vom Norden her grüßt ein größerer. Sie sehen sich ... aber nur in dämmernder Ferne. Wie der Finger eines Frommen, der vom Weltende her der anderen frommen Hand den Weg zum Himmel weist. So zeigen sie in die Wolken. Wie Gebirgsstöcke zweier Wanderer, die nichts voneinander wissen und neben ihrem Stab im Grase lagern. Sie wissen nichts voneinander, spähen aber nach derselben Wolke. Eine Wolke ist es, die am Himmel wie ein lachender Gott in der Höhe steht. Und beiden bedeutet es die Zuversicht in treuer, fröhlicher Brust.

Von Turm zu Turm quer durch die Wildnis führt ein viel gewundener, ein schwarzer Weg. Wenn die Hoffnung auf eintönig geraden Strecken ermüden will, schlägt er schnell einen Bogen. Man erkennt das an den wilden Weiden, die am Wege wachsen, selbst von der Ferne her... Und mit jeder Wendung lebt die Hoffnung wieder auf.

Als er, von dem wir erzählen, vor Jahren sein Dorf wiedersah, und sein Auge den Weg entlang über das Moor glitt: wie glich doch der schwarze, beschwerliche Weg seinem Leben, wie glichen die Windungen seinen Irrtümern!

Und nun ging er wieder den Weg seines Lebens, die Straße seiner Irrtümer. Sie war weich, und die Geleise waren tief. Er aber war des zum Himmel ragenden Turmes getrost. Und trug ein unbeirrtes, ein eigensinniges Gottvertrauen, ein eigensinniges Gefühl der Freude in zuversichtlicher Brust.

Das war der ihm gezeigte Weg. Und nun ging er Nacht für Nacht über das Moor in immer gleichem, in immer beharrlichem Traum.

Lange Zeit lag er abends in wachem Zagen. Wenn aber der Schlaf seine Augen schloß, dann war er im Moor...

Und wenn er im Moor war, wollte er gehen, konnte aber nicht. Die Knie versagten den Dienst. Und das tat ihm ein Wesen an, das neben ihm stand und ihn bannte. Es hatte das Angesicht eines Mannes und Gestalt wie ein Mensch; die Züge nicht roh, aber finster und ernst, die Augen brennend.

»Laß mich!« flehte er das Wesen an. »Laß mich! Wer du auch seist – du trägst ein menschliches Angesicht, da hast du auch ein menschliches Herz in der Brust. Zum Turme der Hoffnung will ich ... Laß mich!«

Die Gestalt aber blieb stumm.

Er erhob die Hände: »Sprich das erlösende Wort! Ich will zu dem Turm, der nach oben zeigt. Weshalb trittst du mir in den Weg? Weshalb hinderst du mich? Ich sah dich noch nie und kenne dich nicht, ich tat dir nie was zuleide.«

»Du irrst«, erwiderte die Gestalt, und ihre Stimme klang dumpf und schwer. »Du irrst, du kennst mich wohl und tatst mir auch was zuleide und noch mehr denen, in deren Namen ich das tue, was ich tu. Ich bin der Abgesandte der Seelen, denen du harte Worte gesagt, der Rächer derer, denen du unrecht getan hast. Ich bin der Wägemeister des Gewissens, und die ... das sind meine Diener. Sieh hin!«

Der Mann, von dem wir reden, sah hinter sich. Eine lange Zeile kleiner Gestalten kniete am Boden. Und alle sammelten etwas aus dem Wegschlamm. Und bei dem Wägemeister stand einer, der wog, was gesammelt war, in seinen, an winzigen Balken hängenden Schalen.

»Sie sammeln deine Seufzer, deine Schmerzen, deine Sorge, deinen Gram, ich laß es wägen. Wir sammeln und wägen, bis das Zünglein einsteht, bis dein Leid das Leid aufwiegt, das du anderen zugefügt hast. Und wenn das Zünglein einsteht, dann kommst du nach dem Turme der Hoffnung.«

So träumte er Nacht für Nacht.

Eines Morgens wachte er erfrischt auf und war guter Dinge. »Ich werde gute Nachricht bekommen«, sagte er. »Ich bin des Leides quitt, ich stand am Turm der Hoffnung.«

Es war Frühling geworden, aber noch verging ein ganzes Jahr. Und dann sproßte der Waldmeister.

Ein Freund von mir pflegte zu sagen: »Drei Dinge gibt es, die ich mit keinem Menschen teile: mein Buch, mein Wein und mein Weib.

Meine Bücher sind ein Noli me tangere, die verleihe ich nicht. Selbstverständlich schränke ich den Namen ›mein Buch‹ ein auf die Werke, die meinem Wesen etwas hinzugetan haben. Ein solches Buch zu verleihen, wäre Lieblosigkeit und unrecht, dreifach unrecht: unrecht gegen den Verfasser, unrecht gegen das Buch und unrecht gegen mich selbst. Ein Buch, das meine Liebe besitzt, darf ich ebensowenig in fremden Händen sehen wie meine Frau in fremder Männer Armen.

Und Wein, den ich mit anderen zusammen trinke, ist nicht das, was ich meinen Wein nenne. Jener ist ein allen gehöriger Wein. Die Freude, die Stimmung, die er in mir erweckt, geht nicht in mich hinein, sondern aus mir heraus. Für Freundschaft, für die landläufige Begeisterung, für Bratenreden, zur Entladung kleiner geistiger Funkenfeuer – vortrefflich! Aber für das, was den Menschen wirklich reich macht, für die Erschließung der eigenen noch unausgeschöpften Geheimnisse – nicht zu gebrauchen. Will ich meinen Wein trinken, dann gehe ich in mein Kämmerlein und schließe die Tür hinter mir zu. Und trinke und warte auf das, was ganz sicher kommt. Der Dichter Hauff, der verstand es. Während der Troß seiner Freunde sich schalen Vergnügungen hingibt, geht er ganz allein in den tiefen Ratskeller hinab und trinkt, immer allein, eine ganze Gespensternacht hindurch. Etwas Ähnliches hab ich auch schon ausgeführt. Und habe gesungen: Und so trink ich: ›tinke, tinke.‹ Und habe mit mir angestoßen. – Stoße an, du, ›tinke, tinke!‹

Allein bin ich auch, wenn ich mein Weib bei mir habe. Denn sie ist mein, ich bin sie selbst, und sie ist mein anderes Ich. Nur in etwas feinerer Mischung; rauhe, erdige, nicht aufgehende Restbestände sind im Tiegel zurückgeblieben. Wenn vor mir und meiner Frau des Rheines Rebensaft im Römer perlt, dann trinke ich meinen Wein. Und seitdem mein Weib mir wiedergeschenkt ist, hab ich mich schon mehr als einmal des süßen Weines vollgesogen. Und ich trinke, trinke, trinke, stoße mit mir, das heißt mit meinem Weibchen an und lärme: ›Tinke, tinke!‹

So sagte mein Freund und dieser Freund ist der, von dem diese Geschichte handelt.

»Meine Frau ist zwar eine geflickte«, scherzt er weiter, »aber lieb habe ich sie doch; ich bin noch weniger als früher bereit, sie auszuleihen. Ich kann sie schon deshalb nicht ausleihen, weil ich sie keinen Augenblick entbehren kann.«

»Du«, sagte er zu mir, derselbe also, von dem ich in dieser Geschichte erzähle, »es ist etwas Herrliches um den Besitz einer solchen Frau. Das war eine große und gründliche Hauptreparatur, nun kann sie noch lange halten. Wie frisch von der Jungmühle – eine richtige Wiedergeburt.

Es kommt mir immer so unnatürlich vor, wenn ich sie in den Baumreihen unserer öffentlichen Anlagen am Arme führe und nicht mit beiden Armen an mein Herz drücken darf.

Zuweilen, wenn wir keinen Menschen sehen, frage ich, obs hier nicht mal zu machen sei. Aber sie antwortet: ›Es geht nicht‹. Und es geht wirklich nicht.

Nach dem Wald ist zwar nicht gar so weit, aber er ist ein hochstämmiges Gehölz, die Kronen raunen über uns allerlei Ironisches, und ein Dritter kann weit durch die Stämme sehen. Ich kenne nur eine Stelle, dicht und verwachsen genug, eine, die allenfalls genügt.

Der Verschönerungsverein hat eine Bank hingesetzt. ›Für Liebende!‹ hat ein Schalk fein und säuberlich mit dem Taschenmesser hineingeschnitzt. Eine treffliche Widmung! Die Bank wirkt auf junge, zärtliche Paare wie Pflöcke, die der Bauer seiner Hausfirst aufsetzt, auf ansiedelungslustige Störche. Die Störche bauen sich ein Nest für Jahre, die Besucher der Liebesbank richten sich für ein Stündchen ein.

Es ist eine vielbesuchte Bank, der ausgetretene Fußsteig zeigt es. Am ehesten hat man noch Montags (die Sonne muß aber noch ziemlich hoch stehen) Aussicht auf ein Plätzchen.

›Für Liebende!‹ Wie Brautleute sitzen wir Alten auf der vom Verschönerungsverein eingerichteten Bank, Hand in Hand. Unsere Augen sind Liebe, und was wir sprechen, ist Liebe. Wie hat sich alles so herrlich gewendet! Noch heute saß ich auf der Liebesbank und küßte meiner Frau die Hand. Und dann sagte ich: ›So, Frauchen, nun haben wir was erlebt, nun will ich nach Hause gehen und deine Geschichte schreiben‹ Aber die geküßte Hand fuhr über meine Wangen: ›Laß das, Lieber, es ist nicht mehr nötig! Warum noch?‹

Wir sind uns einig geworden, es ist nicht mehr nötig. Und ich schreibe nichts über meine Frau.«

So plauderte der Held meiner Erzählung.

Er und sie kamen von der Liebesbank. Er in übermütiger Laune. Er spaßt, er lacht. Und sie, sie in ihrer vornehmen, in ihrer klassischen Ruhe ... Hut ab! Hochachtung, gnädige Frau!

Wie gingen sie so fröhlich dahin! Es ist wirklich nicht nötig. Sie glaubt auch so. – Er, ein alter Mann und keineswegs groß und stattlich oder vornehm, schlecht und recht, wie der liebe Gott einen Bürger erschafft. Und sie auch alt, aber immer noch leicht und behend, und in ihrer Weise immer noch mädchenhaft schön. Die alten Leute! Wie bräutlich sie an seinem Arme hängt, wie bräutigamsgleich er sie führt!

Die Sonnenbilder fließen ihnen über Hut und Röcke, Bekannte grüßen, und der Goldweidenstumpf mit den jungen Sprossen verbeugt sich mit der ganzen Pracht seiner geschmeidigen Wedel.

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