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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 15
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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Sokrates Tod

Die Fenster sahen nach dem Wald. Ein starker Wind wühlte darin.

Aber der Mann, der auf dem Ruhebett lag, sah es nicht. Er hörte wohl an den Fenstern rütteln, aber die heftigen, die zürnenden, die verzweifelnden Baumkronen sah er nicht.

Der berühmte Maler sah überhaupt nichts mehr, er war auf beiden Augen blind geworden. Er wird niemals wieder sehen, kein Licht, keine Farben, und niemals wird er wieder malen.

Sein letztes Bild stand auf der Staffelei: Sokrates Tod. Lächeln lag um die Mundwinkel des Sterbenden. Und der Sterbende sah mit überlegener Philosophenmiene auf den, der ihn gemacht hatte und doch nicht wahrnahm. Und sah auch auf den anderen, der des Kranken Hände kaum ließ.

Der war des Blinden Freund, er war zugleich des Blinden hoffnungsloser Arzt.

Wie hatte der geredet und getröstet! Wie hatte er getrauert, als er die Wahrheit sagen mußte! Noch ging es wie ein Beben durch den Raum. Dichter, Philosoph, Gelehrter sollte der Blinde werden, mit fremden Augen sehen, als wären es seine eigenen.

Um die Entbehrlichkeit des Lichts darzulegen, verstieg er sich zu schwungvollen Ergüssen: »Leuchtet nicht«, rief er, »leuchtet nicht dein inneres Auge im alten Feuer? Wird es nicht um so mehr aufleuchten, da dein äußeres erlosch? Haben sich nicht alle Platten und Walzen des Wunderwerkes deines Gehirns, haben sie sich nicht satt und voll gesogen, voll von dem Glanze, den dein Malerauge im langen Künstlerleben schaute?«

Er streichelte des Blinden Hände. »Freund, ich liebe dich! Die Blutwärme meiner Hand sagt es dir. Und du liebst mich auch. Unsere Pulse grüßen einander. Ist dein Auge auch tot und blind, siehst du mich deshalb weniger? Mein Gesicht kennst du auswendig, du hast es oft genug gemalt. Gemalt hast du es, weil es so grotesk häßlich ist. So drückte sich deine liebenswürdige Offenheit aus. Und das grotesk häßliche Gesicht siehst du als Blinder so gut wie immer.

Meine Nase, meine Nase, die war von je dein Entzücken. Was sagtest du doch? Als sie aus der Wurzel schoß, sagtest du, hatte sie die Absicht, eine Adlernase zu werden und wie ein Geier auf die Erde zu stoßen. Auf halbem Wege besann sie sich, da trug sie ihre Spitze zum Horst und nahm den Adlerflug. So ist sie, sagtest du, am letzten Ende eine Stulpnase geworden. Nun, schöner bin ich auch jetzt nicht, und mit meiner Stulpnase sitze ich an deinem Lager.«

Der Blinde lächelte. »Wilhelm, du bist der beste Mensch von der Welt. Du bist der beste. Aber alles, was du mir vormachst, geht nicht. Ich bin Maler und nichts als das, mithin fürder ein unnützer Mensch. Ich werde niemals wieder malen. Darüber kann mich nichts hinwegtäuschen. Ich dürste aber nach rüstigem Schaffen in Licht und Farbe. Licht und Farbe hat man mir genommen, die Welt ist mir gram, ich will gehen.«

»Ich will gehen«, wiederholte er. Er drückte des Freundes Hand fest und warm, eine schier brünstige Bitte lag um seinen Mund: »Ich will gehen, und du sollst mir helfen.«

Den Arzt rüttelte es, der Blinde fühlte es an der Hand.

»Sei barmherzig! Du mußt mir helfen. Ins Wasser gehen? Ich habe Abscheu vor Wasserleichen. Erhängen? Brrr! Die Pistole ist mir zu unsicher. Und allein könnte ich das alles gar nicht ausführen. Ein bißchen Künstler bin ich doch auch. Alles Unschöne, alles Gewaltsame ist mir greulich. Ich will hingehen, wie ... nun, wie mein Sokrates.«

Der Sprecher machte eine Pause.

»Auch um den Sokrates ist es schade. Ich habe die ironische Gelassenheit, womit er sich aus dem Leben drängen ließ, noch besser ausdrücken wollen, es schwebte mir was vor ... es war aber erst flüchtige Idee – da kam die Nacht und nahm mir den Pinsel aus der Hand.

Ich möchte hingehen wie Sokrates, die Idee der Unsterblichkeit festhaltend, das Leben überwunden habend ... sanft, ohne Kämpfe, im Beisein eines Freundes, in deinem Beisein, Wilhelm.

Es muß doch ein Mittel gelten, das das leistet. Du sollst es mir verschaffen, und aus deiner Hand will ich es nehmen.«

 

Eine Stunde später.

Dämmerung fiel in den noch immer von Herbststurm geschüttelten Wald. Unter den hohen Bäumen ging ein tief nachdenkender, grübelnder Mann ... der Arzt.

Der durch die Riesenharfen streichende Wind mahnte an Sterben und Vergehen, in den Kronen rauschten Grabgesänge der Befreiung, in den Ästen knarrte und ächzte die Sehnsucht, und von den schüttelnden, schlagenden Wipfeln her überquoll das hohe Lied zukünftiger Auferstehung alle Zweifel und alles Weh.

Der Arzt wog ab, was wir vom Leben, was wir vom Tode wissen. Erwog die Lehren ab, die den Körper für den geheiligten Tempel Gottes erklären. Er wog aber auch die Freiheit ab, die uns allen an der Wiege zugeschworen worden ist.

Und darauf ..., ja darauf ging er, den Erlösungstrank zu mischen.

 

Der Blinde mattete ...

Er hörte Schritte ... er kannte die Schritte.

»Bist dus, Wilhelm?«

»Ich bins.«

»Und hast dus mitgebracht?«

»Ich habe es mitgebracht.«

Der Blinde dankte nicht, er sagte nur: »Ich wußte, daß du es tun würdest.«

Der Freund gab keine Antwort.

Der Blinde hörte ein Hantieren mit Gläsern ... Es wurde etwas in ein Glas gegossen; es war ein weicher, reicher Schwall, es konnte Wasser sein.

Und es war Wasser. Die Karaffe wurde auf das Teebrett zurückgestellt.

Schwere ... eine Menge Einzeltropfen ... fielen plätschernd in eine Flüssigkeit.

Darauf Stille ... fünf Sekunden ... dann Wilhelms sonore Stimme: »So, Karl!«

Der Blinde fühlte eine Hand (eine tröstende, stärkende, liebeswarme, eine brüderliche Hand) in seiner Linken. In die Rechte wurde ihm ein Glas gedrückt.

»Da, Karl, da hast du, was du wünschest. Mach davon den Gebrauch, den du für gut hältst!«

Der Maler sagte nichts, er faßte aber mit fester Hand das Glas. Sie zitterte nicht, die Hand.

Die Uhr, die auf dem Kamin stand, fing an zu schlagen. Sie schlug neun.

Nüchtern, verständig schlug sie. Nüchtern und verständig verkehrten auch die beiden Menschen.

So lange wie die Uhr schlug, hielt der Blinde den Todestrank in der Hand. Als der letzte Schlag verhallt war, setzte er ihn an und trank aus.

Er trank in einem Zuge, daß kein Tropfen darin blieb.

Und griff führerlos nach der Hand seines Freundes, fand sie und drückte sie warm.

»Wie lange noch?«

»Eine Stunde.«

»Nun, Lieber, lies mir vor, etwas, das groß ist, das mich erhebt, das mir die Flügel stärkt.«

Und Wilhelm las.

Die Lemuren gruben dem blinden Faust das Grab, ihm aber klang das liebe Sichelgeräusch als willkommene Kunde von der Vollendung seines letzten Werkes.

Die Geschichten von Simson, dem jüdischen Siegfried, flossen vorüber. Die süßen Lockungen der falschen Delila. Das Geheimnis seiner märchenhaften Kraft und der Delila Verrat. Sie zwingt ihn in ihren Schoß, da kommen die Philister über Simson und stechen ihm die Augen aus und führen ihn nach Gasa, wo er im Gefängnis mahlen muß. Das Fest des Gottes Dagon, der Tag der Rache. Der blinde Simson muß vor ihnen spielen und sagt zu dem Knaben, der ihn leitet:

›Laß mich, daß ich die Säulen taste, daß ich mich daran lehne: das Haus aber war voll Männer und Weiber. Es waren auch der Philister Fürsten alle da, und auf dem Dach bei dreitausend Mann und Weib, die zusahen, wie Simson spielte. Simson aber rief den Herrn an und sprach: Herr, Herr, gedenke mein, und stärke mich doch, Gott, diesmal, daß ich für meine beiden Augen mich räche an den Philistern. Und er faßte die zwo Mittelsäulen, auf welchen das Haus gesetzt war und drauf sich hielt, eine in seine rechte und die andere in seine linke Hand und sprach: Meine Seele sterbe mit den Philistern! und neigte sich kräftiglich. Da fiel das Haus auf die Fürsten und auf alles Volk, das drinnen war, daß der Toten mehr war, die in seinem Tode starben, denn die bei seinem Leben starben.‹

 

Der Arzt machte sachte die Bibel zu. Denn die Uhr hub an zu schlagen und schlug zehn Schläge.

Und er beugte sich über den Blinden, horchte auf die Schläge seines Herzens und prüfte seine Pulse. Und küßte die erloschenen Augen und erhob sich.

Und trug das Buch der Bücher sorgsam dahin, woher er es genommen hatte. Und tastete nach seinem Hut und war daran, die Lampe auszumachen, zögerte aber und nahm sie und leuchtete dem toten Sokrates ins Gesicht.

Und stockte und leuchtete wieder hin und stockte wieder. Denn es deuchte ihm, als sähe er im Bild hinter dem Toten eine Gestalt. Aber es war nur ein Schemen. Doch schob der Schemen die Hände schattenhaft dem verblichenen Weisen über das Gesicht. Und sah dem Beschauer ins Angesicht und lachte.

Da stellte dieser die Lampe brennend, wie er sie in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch und ging mit liebenden leisen Schritten über den Teppich.

Und drückte die Tür sachte hinter sich zu.

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