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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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4

Nach wenigen Tagen liefen zu gleicher Zeit ein Brief, den Harald an der spanischen Küste geschrieben hatte (›das ist der, den er schrieb, als ich im Traum bei ihm war‹, behauptete Hannchen) und ein Telegramm aus England ein. Der Brief meldete, daß er wohl sei, das Telegramm setzte seine Ankunft auf Sonntag fest.

Die paar Tage bis Sonntag waren für das kleine Gartenhaus, das für und für nach dem Blumen- und Obstgarten hinaussah, Freudentage. Zumal Hannchen sang und jubilierte wie eine Nachtigall, dem Bräutigam entgegen.

»Mutter bekommt ihren Sohn wieder«, frohlockte sie den Kranken an, »du bekommst deinen Bruder zurück. Was aber ist ein Sohn, was ein Bruder im Vergleich zu einem Bräutigam, und ich« (sie umschlang in den Lüften einen fingierten Bräutigam) »ich drücke meinen Geliebten ... meinen zukünftigen Mann an mein Herz. Kannst du dir dabei was denken. Mann?«

Wilhelm schien sich dabei nichts denken zu können, er war still geworden; er antwortete nichts, schloß die Augen und drückte sein klein gewordenes und immer kleiner werdendes Gesichtchen in die Kissen.

»Lieber, was sagst denn eigentlich? Freust dich denn gar nicht? Sieh, mein Junge so werde ich ihn umarmen, so werde ich ihn lieb haben.«

Und wie sie das sagte, da hatte sie ihre Vorsätze vergessen, da war Wilhelm wieder der Kleine, das Kind, da beugte sie sich über Wilhelms Lager und hielt den Kranken im Arm und bedeckte sein Angesicht und seinen Mund mit vielen Küssen.

»Du kannst es nur nicht so sagen, du freust dich gewiß nicht weniger als ich. Tust du nicht?«

Da sah er in Liebe zu ihr auf und antwortete: »Ich freue mich und wollte mich noch viel mehr freuen, wenn Harald dich nur nicht von mir wegnähme.«

»Mich von dir nehmen? Nein, da brauchst du nicht bange zu sein. Du und Mutting und ich und Harald – wir bleiben alle zusammen und haben uns alle miteinander lieb. Bist nun zufrieden?«

Und wieder überschüttete sie den Armen mit Zärtlichkeiten.

 

Der Sonntag kam und brachte, was er versprochen hatte.

»Ich komme mit dem 3-Uhr-Schnellzug«, hatte Harald angezeigt, saß aber schon in dem zur Mittagspause in dem Bahnhof einlaufenden Personenzug. Mutter und Hannchen machten sich gerade zurecht, ihn vom Bahnhof abzuholen, da trat er ins Zimmer.

Wilhelm hörte von seinem Lager aus die Freude, die Überraschung, den Jubel.

»Harald, Liebster!« So Hannchens Stimme. »Mein Sohn!« So die Stimme der Mutter. Und dann war einen Augenblick alles still, da lag Hannchen gewiß an Haralds Brust und konnte sich in Umarmen und Liebhaben nicht genug tun.

Und der Kranke pries das Geschick, daß die Tür nicht offen stand und daß die Vorhänge lang und schwer in würdigen Falten herabhingen. Es kam doch etwas leiser und gedämpfter zu ihm her, er brauchte es doch nicht gerade mitanzusehen, wie Harald und Hannchen auf seine Kosten glücklich waren.

»Was hast du für einen großen Bart bekommen, wie bist du braun gebrannt!« So sprach Hannchen. »Wie bist du schön geworden!« So sein Bruder. Es war eine tiefe, klangvolle, gewissermaßen braune Stimme. Man hörte es schon aus dem Klang heraus: der Eigner war ein guter, gefesteter und auch ein hübscher Mann, er hatte sicher auch volles braunes Haar und eben solchen Bart.

Und nun sprach die Mutter: »Komm, Harald, im Nebenzimmer liegt ein kranker Mann, der will sich auch freuen!« Und da wurde die Tür aufgemacht, da schritt ein schöner, brauner Offizier mit langem weichen Bart (fing das Kopfhaar nicht an, dünn zu werden?) in seine Stube hinein, trat an sein Lager, beugte sich über ihn und küßte ihn auf die Backe.

»Gott sei gedankt«, sagte er, »nun sehe ich mein Brüderchen wieder, das ich so grausam lieb habe ... Nicht wahr, Wilhelm, nun soll es eine Herrlichkeit mit uns werden ... Du ... Du!« und er schüttelte ihm die kranke Hand.

Wilhelm antwortete nicht, die hellen Tränen liefen ihm über die Backen.

›Das ist eine gute Antwort‹ deutete der große Bruder, ›Das quillt aus frohem Herzen!‹

 

Und drei Monate später war stille Hochzeit – Harald und Hannchen waren Mann und Frau. Zu einer lauten Hochzeit war nicht Zeit und Stimmung, denn der Kranke war still und stiller geworden, sein flackerndes Lebenslicht lechzte am letzten Tropfen Öl. Wenn man ihn so weiß und blaß in seinem Linnen sah, dann glich er mehr und mehr einem toten Mann. Und auf der mageren Stirn glänzte ein Friede, vom Himmel herab aus silberner Schale geträufelt.

»Mutting«, sagte er eines Tages, »nun werde ich doch nicht so ganz ohne Narben und Wunden vor dem Ewigen stehen, ich habe einen Kampf gehabt und habe – überwunden. Und ihr habt es gar nicht gemerkt. Ja, Mutting, sieh mich nur groß und fragend an! Ich habe dem großen, braunen, weitgereisten Bruder mein Hannchen nicht gönnen wollen. Ich bin hart mit mir verfahren, und nun habe ich das Unreine, was in mir aufquellen wollte, abgestoßen. Ich meine die Eifersucht und die Art Liebe, die nur dem Gesunden und Kräftigen ansteht ... Und nun habe ich verzichtet. Und da ist auch das, was ich so schmerzlich entbehrt habe, eingekehrt, die Freude an Hannchens und an meines Bruders Glück.«

»Mutting«, fuhr er nach einer Weile fort, »was meinst du? Ob das dem Herrgott wohl genügen wird, mich jetzt schon anzunehmen, oder ob er mich dessenungeachtet noch einmal niederwärts zur Erde schickt in grober Knechtsgestalt?«

Der Mutter liefen die Tränen über das Gesicht. »Mein Sohn, wie viele Menschen gibt es denn, die so viel Prüfungen gehabt haben wie du und sie bestanden haben wie du? Wenn das da oben nicht ausreicht, wie sollen wir Gesunden und Starken denn bestehen?«

»Ja, Mutter, mitunter scheint mir auch, es möchte wohl gehen. Aber dann kommt eine Stimme, die sagt: ›Laß dirs nicht genügen! Willst du allein als Gichtbrüchiger ins Himmelreich hinein? Nein, bitt den Herrn, daß er dich das Erdenwallen noch einmal durchmachen läßt – als gesunder Mann, des Lebens Kampf zu wagen.‹ Ach, Mutter, ich weiß es, Zeitungen und Bücher tragen ein dumpfes Grollen bis an mein Bett – die Welt erbebt in Schlachtgetöse. Vielleicht webt gerade jetzt die Gottheit für Jahrhunderte der Menschheit ein neues lebendiges Kleid. Ich hätte mitkämpfen mögen. Mutter, ich fühle gewaltige Lust, wiederzukehren und mitzutragen alle Last und alle Lust des Kampfs. – Komm näher!« fuhr er fort, »ich will dir was ins Ohr sagen, ich will dir eine Hoffnung sagen. Du weißt, was ich immer sehe ... Hannchen groß, die Rechte hoch, mir das Köstlichste zu bringen. Seitdem sie mich aber mal geküßt hat, und ich erst zu meiner Freude, bald aber zu meinem Schrecken erkannte, daß ich sie nicht als Bruder, daß ich sie ganz anders liebte, trägt sie keine Schale mehr, nun wiegt sie ein kleines Kind in ihrem Arm. Und das bin ich. Paßt auf, wenn es geboren wird! Es wird das Muttermal der Schlange auf der Brust haben.«

 

Am folgenden Morgen in der Frühe, fast zu derselben Stunde, wo der von seiner Reise zurückkehrende Doktor Volkmann aus dem Zug stieg, fand man den Dulder still entschlafen, Frieden auf der Stirn, sieghaftes Lächeln um den Mund. Die Augen hatte er aufgemacht, er hatte noch im Verscheiden das Bild gesehen, Köstliches in Mutterarmen wiegend.

Und bald sah man: Hannchen war eine gesegnete Frau. Und als sie ihrer Hoffnung genesen war, sagte die junge Großmutter: »Der muß Wilhelm heißen. Denn er wird ein Blonder. Und nun wollen wir mal sehen, ob der Kleine auch sein Mal auf Schulter und Brust trägt.«

Man sah und prüfte, Volkmann zuerst. Aber man kam zu keinem Ergebnis. Es fand sich an der Stelle wohl eine Rötung, aber die, die es als ein Schlangenbild deuten wollten, konnten es nur auf Grund starker Einbildungskraft. Die Mutter meinte, es sei ein erhobener Frauenarm, auch das fand keine Anerkennung, und acht Tage später war überhaupt nichts mehr zu sehen.

Woher bezog der neue Erdengast sein Seelchen? Wird er ein tapferer Kämpfer im Schlachtenlärm des Lebens sein?

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