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Aus alter Truhe

Timm Kröger: Aus alter Truhe - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorTimm Kröger
titleAus alter Truhe
publisherGeorg Westermann
seriesNovellen von Timm Kröger, Gesamtausgabe
volumeZweiter Band
printrun4.-13. Tausend
year
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080624
projectid24d07b1c
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1

Und wenn er auch viel las, und wenn auch Mutter und Hannchen bei ihm saßen, so oft und so lange sie konnten, so sah der Kranke doch manche Tagesstunde mit wachem Träumen in seine Stube hinein, und durch die Fenster zum Garten hinaus.

Hinter dem Fenster blühten Rosen, hinter den Rosen standen Birnbäume, darunter ein paar Riesen mit rundem Säulenschaft unter müder, segenschwerer Krone, weiter weg war ein blanker Teich, und die Scheunen eines Gutshofes spiegelten sich darin.

Aber ganz hinten am Horizont stand immer, darauf hätte er schwören mögen, da stand hoch und hehr, in die Wolken hineingereckt, ein Frauenbild mit hoch erhobener Rechten.

Und auch heute träumte er so.

Da sagte eine gute, eine derbe Stimme: »Guten Tag, mein Lieber, wie geht es Ihnen?«

Doktor Volkmann stand an seinem Bett, reichte ihm die Hand, setzte sich und legte nach seiner Gewohnheit beide Hände auf den Silberknopf seines Stockes.

Da wich der Engel und was er in der Rechten trug, da lag der Kranke wieder in seinem prosaischen Bett.

Doktor Volkmann war der Hausarzt, er machte seinen gewohnten Besuch. Daß jede Hoffnung auf Besserung ausgeschlossen sei, hatte der alte Herr den Angehörigen längst gesagt. Wenn er dessenungeachtet von Zeit zu Zeit vorkam, so geschah es, um den Kranken nicht empfinden zu lassen, daß die wissenschaftliche Heilkunde sich ihm gegenüber für hilflos erklären müsse. Das galt im vollsten Wortsinn, denn selbst die Narkotika konnte sie in ihren Dosen und Kruken behalten: der Kranke litt keine Schmerzen. Und das Verlangen nach gemütsauffrischenden Mitteln hatte sie eigentlich auch nicht zu besorgen: der Patient benötigte ihrer nicht. Denn selten war jemand so gleichmäßiger Heiterkeit, wie der junge, an langjähriger Lähmung darnieder liegende Wilhelm Vogler.

Der Doktor kam aber nicht allein des Kranken wegen, er hatte auch selbst was davon – es plauderte sich zu nett mit dem lahmen Philosophen. Und das ging meistens gleich los, denn über die Krankheit selbst wurde wenig gesprochen.

Eines Tages kam der gutmütige Doktor doch wieder mit einem etwas fadenscheinigen Trost. Der Kranke lehnte ihn lächelnd ab. »Lieber Herr Doktor, sagte er, »geben Sie sich nicht so viel Mühe; ich weiß, wie es mit mir steht und was mir fehlt.«

Der alte Herr tat überrascht. »Sieh mal an, nun sind der junge Herr auch wohl über die Medizin gekommen. Das kann ja nett werden. – Nun, wenn Sie es so genau wissen ...« Er vollendete den Satz nicht.

Der Kranke lächelte wieder. »Haben Sie, verehrter Herr Doktor«, antwortete er, »haben Sie schon mal von einem schweren Leiden gehört, von dem man nicht wieder aufsteht? Ich kenne es, ich weiß sogar seinen lateinischen Namen und das andere, was davon auszusagen ist, auch. Wenn Sie befehlen, bete ich meine Lektion her.«

Der Doktor glaubte diese Ansicht ausreuten zu müssen, wußte aber nicht recht, wie. Sollte er scherzen, sollte er wütend tun? Er entschied sich für ein bißchen Zorn und stieß, dies zu zeigen, mit seinem Handstock auf die Dielen.

»Es wird zu toll«, rief er. »Alles hat er durchgelesen, nun kommt auch die Medizin heran. Aber das sage ich Ihnen, junger Freund, das Studium erzeugt ohne Klinik und Laboratorium nichts als Pfuscher und ist gefährlich, denn der Pfuscher kriegt alles in den verkehrten Hals. Fahren Sie nur so fort! Sie lesen sich jedes Gebrechen an, die Reihe durch, und bei jedem nachfolgenden Paragraphen stimmts immer besser.«

»Doktor«, erwiderte der Angestrafte, »in andern Fällen ist an dem, was Sie sagen, etwas daran, hier aber nicht. Sie wissen auch ja selbst ganz gut, was mir fehlt und daß ich die Gewißheit habe, nach nicht gar zu langer Zeit ... Wie sagte doch der fromme Papst Alexander Borgia, wenn er jemand vergiften lassen wollte? Es sei Zeit, daß der Freund die zeitlichen Güter mit den ewigen vertausche. So stehts auch mit mir, auch ich bin im Begriff, denselben vorteilhaften Tausch zu machen.«

Die Mutter war darauf zugekommen, ohne daß man ihrer gewahr geworden war, sie stand an der vom Krankenzimmer nach der Wohnstube hinüberführenden Tür, die letzten Worte ihres Sohnes hatte sie mitangehört. »Was«, fragte sie, »was sagt mein Sohn da?«

»Ja«, erwiderte der Doktor, »was redet der? Wild redet er, gnädige Frau. Er spricht von Sterben und freut sich auf das neue Strahlenhemd, auf das er hofft, wenn er hier seine Augen geschlossen hat.«

Wilhelm sah seine Mutter zärtlich an. »Ja, Mutter ... auf das Strahlenhemd hoffe ich allerdings. Und zu lange kann es ja nicht mehr dauern. Und ich freue mich darauf. Nur eines ist mir im Wege: ich meine, ich komme zu glatt ins ewige Leben. Denn ... Mutter, Doktor, sagt selbst ... war je einer so glücklich wie ich? Habe ich auf Erden von euch, von Hannchen, von Harald, von allen – habe ich jemals etwas anderes als Liebe erfahren? Habe ich je Kämpfe und Versuchungen zu bestehen gehabt? Wie kann man von einer Seele, die niemals Gelegenheit und niemals Veranlassung gehabt hat, Übles zu tun sagen, daß sie sich bewährt habe? Und wenn auch alles nichts machte, ich möchte doch lieber auf Erden ein Kämpfer gewesen sein und – überwunden haben.«

Auf der jungen Stirn des Kranken erschienen ein paar Falten. »Wenn ich nur mal ein Leid erfahren könnte, wenn ich meinem Herzen nur mal einen Verzicht abringen müßte, dann ginge es allenfalls. So aber, wie ich bin, kann ich nur ein Geduldeter im Himmelssaal sein. Immer auf meine Mutter warten und vor der Himmelstür stehen... Mutting, verstehe mich nicht falsch, ich will gern lange, sehr lange warten... Ich meine nur, ich stehe den lieben Engeln überall unter den Füßen herum, weil ich mir kein rechtes Himmelsbürgerrecht zuschreibe.«

»Da haben Sie recht«, scherzte der Doktor, »entweder ein tüchtiger, weicher Himmelssessel oder zurück zur Erde!«

»Kann man das denn, Doktor?«

»Gewiß kann man! Soviel Sie auch in Ihren Kopf hineingelesen haben, Lieber, die mystische, die spiritistische Weltanschauung scheint Ihnen doch fremd geblieben zu sein. Wissen Sie, was die sagt? Die sagt ganz so wie Sie. Eine Seele, sagt sie, die in den Prüfungen des Lebens schlecht bestanden hat oder keine Gelegenheit gehabt hat, sich zu bewähren – mit einem Wort: eine, die nicht genügend geläutert ist, wird wieder ins irdische Jammertal zurückgeschickt, just wie in Erdenfamilien eine Tochter vom Hause geschickt wird, Unterschied zu lernen, wenn die Erfahrung des Vaterhauses nicht genug ausgetan hat. Es kommt das freilich auf eine Art Seelenwanderung hinaus. Und gern denken die Herren sich die Sache so, daß die Seele als neuer Lebenskeim in den Zuwachs neuer Generationen ihres Geschlechts fährt.«

Der Kranke lachte froh auf. »Auf diese Weise kann man ja sein eigener Altervater gewesen sein.«

»Gewiß.«

»Aber das müßte man doch erinnern.«

»Doch nicht. Man müßte es nicht allein nicht wissen, sagt die Philosophie der Mystik, man kann es nicht einmal erinnern. Der Mensch ist, nach ihrer Lehre, ein Doppelwesen mit einem doppelten Bewußtsein, zu vergleichen zwei konzentrisch um einen Punkt gezogenen Kreisen, die den Empfindungsschwellen beider Wesen entsprechen. Der weitere ist der Kreis der transzendenten Persönlichkeit, der kleine Kreis die irdische Person und das irdische Bewußtsein. Die transzendente Person in uns weiß alles, was in ihrem Kreis beschlossen ist, also auch den in ihr liegenden Erinnerungskreis der irdischen. Die irdische dagegen weiß, solange sie mit dem schweren Rüstzeug unseres Leibes belastet ist, nichts von dem, was die transzendentale erlebt oder erlebt hat, da es über ihre Empfindungsschwelle hinausgeht. Nur bei den sogenannten okkulten Erscheinungen ragt die außerhalb unserer Erfahrung liegende Welt in ihren Kreis hinein. Das sind und bleiben aber Ausnahmefälle.«

»Ja, das sind so Geschichten«, setzte der Doktor zur Mutter des Kranken hingewendet hinzu.

»Mir zu gelehrt.«

»Klingt wenigstens so«, erwiderte der Doktor.

»Vor allen Dingen«, fiel der Kranke ein, »ist es interessant. Wenn Sie die Güte haben wollten, mir ein paar Bücher über Spiritismus zu schicken, dann verspreche ich Ihnen, nicht länger Medizin zu studieren.«

Das sagte der Doktor zu.

»Das wird eine Freude«, erwiderte der Kranke. »Sie sagen freilich, man weiß nichts davon, was man früher gewesen ist, und Bestimmtes kann auch ich ja darüber nicht aussagen. Und doch glaube ich, daß ich mein Großvater war.«

»Aber Wilhelm!« rief die Mutter.

»Ja, Mutter«, scherzte der Kranke, »Großvater ist ja, wie ich höre, ein fröhlicher, aber auch bißchen leichter Bursche gewesen, ist deshalb auch wohl als nicht hinreichend vorbereitet zurückgeschickt worden. Und nun scheint der Versuch ja wieder verfehlt, nun mußte er in einen Leib fahren, der den ganzen Tag im Bett liegt und keine Anfechtungen hat.‹

»Aber Wilhelm!« rief die Mutter wieder.

»Ich glaube ganz bestimmt, daß ich dein Schwiegervater gewesen bin, Mama. Erinnerst du noch, du erzähltest, Großvater habe am Halse ein Mal gehabt? Seine Mutter hat sich, als sie mit ihm ging, an einer kleinen Schlange versehen, die aus dem Graben kroch, wie sie eine Heckenrose pflückte. Sie trug nach der Mode ein ausgeschnittenes Kleid, rief erschreckt: ›Ach!‹ und schlug mit der Hand in der Gegend der Schulter auf ihre Büste. Da sah man bei dem Neugeborenen an derselben Stelle ein kleines Schlangenbild. Der Vater hats nicht gehabt, ich aber habs wieder, wenn auch ganz schwach. Wenn man bei mir die Haut reibt, sieht man es ganz deutlich. Daraus schließe ich, daß ich eigentlich dein Schwiegervater bin.«

Die Mutter bestätigte die Tatsachen, der Doktor interessierte sich, das Vorhandensein des Mals wurde bei dem Kranken festgestellt. Sieh da! nach leichter Reibung blieb eine in geschwungenen Linien gezeichnete Rötung. Es war ein kleines Schlangenbild, man unterschied ordentlich den Kopf.

Es war ein junges Mädchen hinzugekommen, das stand mit freundlichem Lächeln zu Füßen des Bettes.

»Was sagst du dazu, Hannchen!« fragte der Kranke.

»Wozu, mein Lieber?«

»Nun, du hast das Letzte doch mitangehört. Was sagst du dazu, daß ich mein eigener Großvater gewesen bin? Was hältst du überhaupt von Seelenwanderung und Spiritismus?«

Hannchen bedeckte die Augen mit der Hand, ließ sie aber gleich, als ob sich das in Gegenwart des alten Herrn nicht passe, wieder frei und lachte, indem sie sagte:

»Was soll ein junges, ungelehrtes Mädchen dazu sagen? Ich sage wie... wie... War es nicht die Prinzessin im ›Tasso‹? Ich sage wie die: ›Ich höre gerne zu, wenn kluge Männer reden, und freue mich, daß ich versteh, wie sie es meinen.‹ So ungefähr stehts im Buch.«

Der Doktor sah das hübsche, braune Ding mit Wohlgefallen an. »Ungelehrt, Fräulein Johanna? Das weiß ich nicht, ich hoffe. Sie noch mal so genau kennen zu lernen, darüber zu urteilen. Jedenfalls haben Sie Ihren Goethe gut im Kopf.«

Er stand auf, Abschied zu nehmen. »Die Bücher schicke ich Ihnen«, sagte er. »Es sind Perlen darin, sie liegen aber häufig unter Schutt. Lesen Sie sich nur nicht fest, junger Freund!«

»Leben Sie recht wohl«, verabschiedete er sich bei Mutter und bei Hannchen. »Ich sehe Sie einige Zeit nicht. Morgen gehe ich daran, meinen schon ein paar Jahrzehnte gehegten Wunsch auszuführen – morgen trete ich mit meiner Frau die schon längst geplante Reise an. Kollege Freese vertritt mich. Ich bin überzeugt, ich sehe Sie alle frisch und gesund wieder.«

»Auch mich?« fragte Wilhelm.

Der Doktor überhörte das. »Den Spiritismus bekommen Sie noch heute abend«, sagte er, damit ging er aus der Tür.

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