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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 6
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Das heilige Land Tyrol.

September 1894.

Nun ist allgemach alles in die Städte und Häuser zurückgekehrt: die Schuljugend trägt ihre Ränzchen; Schreibstube, Lehrkanzel und Aktentisch haben das Ihre wieder; der Wald wird rot, die Heide braun, und man beginnt, an die Winterkampagne zu denken. – Da ist's wohl an der Zeit, dem schönen Sommer ein Lebewohl zu sagen: er ist dahin, wie so und soviel andre Sommer. Er hat im Juni und Juli Hunderttausende die Stadt verlassen sehen, das ganze Land von den Alpen bis zur norddeutschen Küste haben sie bevölkert; zu Bahn, zu Wagen und zu Fuss sind sie hinausgepilgert, um irgend ein Stückchen Grün zu erhaschen, wo ihre vielgeplagten Augen, Lungen oder Rücken sich erholen könnten. Erholen, Ausruhen, war ihre Losung, und Jeder hat die Erholung gesucht auf seine Art: der im teuren Bad und Hôtel mit befrackten Kellnern, jener in stiller Zwiesprach mit der einfachen Natur. –

Gehörst du nun zu diesen letzteren, lieber Leser – und du kannst auch eine Leserin sein – so rate ich dir: geh' nächstes Jahr in das Tyrol. – Wenn dich im Sommer die Reiselust wieder fasst, und du kannst die Banden deiner Pflicht auf einige Wochen abthun, so nimm von deiner irdischen Habe gerade soviel mit, wie du ohne Beschwerde tragen kannst; lass dir von deinem Schneider oder deiner Schneiderin ein Gewand anmessen, das dich bekleidet, ohne dich zu drücken, wärmt, ohne dich zu hindern; zieh ein Par starke Schuhe auf deine hoffentlich auch starken Füsse; nimm einen guten Stecken in die Hand, thue etwas Geld in deinen Beutel, und wenn du vor den Thoren deiner Stadt dann angelangt, schüttle den Staub der Welt und der Kultur von deinen Sohlen: du wirst auf kurze Zeit ein freier, froher Mensch sein. –

Mit dem Kunstausdruck heisst du ein »Kraxler«. Lass dich's nicht anfechten, es ist ein Ehrentitel, und der Genossen hast du viel. Tausende ziehen, wie du, alljährlich in das schöne Land Tyrol; du wirst sie leicht erkennen: sie fahren in der Bahn III. Klasse, sie tragen – ob Mann ob Weib – eine kecke Hahnenfeder auf dem Hut; sie sehen schäbig aus und lachen über ihre Risse und Flecken; sie ziehen Wettermantel und Kapuze über den Kopf und traben unverdrossen unter starkem Regen auf der Landstrasse; sie schleppen ungefüge Rucksäcke und grosse Alpenstöcke; sie jodeln, und sie freuen sich, wenn du, wie sie, mit schlichtem Sinn und heiter durch die schöne Welt ziehst. – Vor allem wundere dich nicht, wenn du Frauen findest, die auch einmal voll Lust und Übermut den Wanderstecken schwingen, die hochgeschürzt, mit roten Backen dir im wilden Wald entgegentreten und – weil die Berge Gottes sind – auch ihren Teil an dieser Gottesgabe haben wollen. – Was dich die Städteweisheit da gelehrt, was dir die Menschensatzung darin vorgeschrieben, das musst du hübsch in deiner kleinen Städtewohnung lassen – es gehört in die freien Berge nicht.

Freilich, du wirst auch manchmal andre Leute finden, solche, die in die schöne, reine Höhe noch Grossstadtschmutz und Medisancebazillen bringen. – Vor diesen, lieber Freund, schlag ein Kreuz und setz' dich abseits von der Bank der Spötter. Sollt's dir aber möglich sein, gieb ihnen einen Fusstritt, damit sie und ihr edles Gepäck von Rassenhass und Klatsch wieder zu Thale fährt, wo es im Dunst der Städte weiter blühen mag. –

Du aber komm ins heil'ge Land Tyrol. Es ist im engsten Sinne noch ein heil'ges Land. Bist du ein Katholik, so wird dich's ja nicht wundern, an jedem Weg die Kirchen, Bilder und Kapellen anzutreffen. Wer aber aus dem protestantischen Norden kommt und dieses bunte Bilderwesen noch nicht kennt, dem ist es wunderbar zugleich und rührsam. – Wie fest steht diese Religion im Leben; wie antwortet sie dem Bedürfnis jedes Einzelnen! Man spricht von ihrer gier'gen Hand, man sollte auch von ihren offnen Armen sprechen: kein Weg, keine Strasse, kein Dorf, keine Stadt, kein Wald, kein Berg noch so einsam, wo sie dem müden Herzen nicht ein Bänklein hingestellt zu Andacht, Bitte oder Dank. – An vielen hundert Christusbildern wirst du vorüberziehen, die Jungfrau Maria wird dich hundertfach aus sanften Augen anblicken, die kleinen Heiligen mit ihrem Sternenkranz, ihren bunten Röcklein, ihren Stäben und Kreuzen werden dich anlächeln, solange bis du mit ihnen gut Freund geworden, bis du sie lieb gewonnen hast und ihnen im Vorübergehen freundlichst zunickst. Du wirst zuletzt ganz fromm in diesem frommen Land, und auch wenn du nicht glaubst, fühlst du's zum wenigsten wie einen heil'gen Schauer, einen stillen Reiz, dies kindlich-gläubige Durcheinander von Göttlichem und Menschentum. Nun, es ist keine Sinekure, Heiliger sein in Tyrol! Um was wird solch ein kleines Bild nicht alles angegangen. Und gar die Jungfrau, wie viel soll sie helfen, trösten und erretten! Entspricht sie aber ihren Bittstellern, so füllt sich ihre Kapelle mit Bildern und Tafeln, und wer die sieht und weiss, dass ihm das Schicksal einen Wunsch verwehrt, der liest nicht ohne Neid: »Maria hat geholfen«.

Dies bunte, fromme Bilderwerk mit allem, was es dir von Menschenleid und Freud erzählt, wird dich durch ganz Tyrol begleiten. Und überall dient ihm die Natur zum Hintergrund. Die Kruzifixe heben sich von dunklen Tannen ab, um die Kapellen rauschen weisse Bäche, den Heiligen sind Brünnlein und Quellen geweiht, und überall auf deinem Weg findest du Tafeln mit naiven Schildereien, die dir von dort geschehenen Unglücksfällen erzählen.

Denn es ist ein gefährliches Land, das schöne Tyrol. Hier wird dir in zwei Stunden Wanderung klar, dass wohl auf der ganzen Welt kein fussbreit Erde ist, auf dem nicht schon ein Menschenkind gestorben. Brand, Wasser, Absturz, Blitzschlag, Schlagfluss, das macht dem Leben hier ein rasches Ende; plötzlich, unvorhergesehen fasst es die Menschen, im Wald, an der Strasse; die alten wie die jungen und meist so rasch, dass der Priester mit den Sterbesakramenten zu spät kommt. Dann stiften die Hinterbliebenen eine solche Tafel, worauf der Unglücksfall in steif konventionellen Linien verzeichnet ist und die himmlischen Gewalten von ihrer Glorie aus zuschauen. Um ein »erneutes, christliches Gedenken«, um ein »andächtig Vaterunser« wird der Vorübergehende durch das Täflein ersucht, und ich glaube, der armen Seele wird es gewährt, solange bis die bunten Farben des Bildes vom Regen verwaschen, die Tannenbrettchen verwittert, die Angehörigen gestorben sind, und das neue Geschlecht, seiner Toten gedenkend, die Alten vergisst.

Aber die Wasser schäumen so freudig – denke nicht an den Tod, guter Gesell, sondern wandre fröhlich bergauf. Ich rate dir, steig' zuerst auf die Alm. Irgendwo auf einen hohen Berg, so gegen 2000 Meter, wo nur ein einsames Wirtshaus steht und du den Bergen direkt guten Morgen sagen kannst. Ich sehe dich, wie du im Schweisse deines Angesichts 100 Meter um 100 Meter kraxelst. Neben dir donnert ein grün-weisser Bergbach; wilde Beeren wachsen dir in den Mund, die dunklen Tannen grüssen dich freundlich. Kehrst du ein, so lasse deinen Ranzen ruhig liegen, wo er liegt, brauchst ihn nicht ängstlich zu hüten, dir nimmt Niemand was; aber ans Warten wirst du dich gewöhnen müssen, denn hier in den Bergen ist Zeit kein Geld mehr, und das Maidli, das dich bedient, ist keine Münchner Kellnerin. – Heute geht dirs noch gut: du bekommst Fleisch zu essen, bist eben noch unten am Berg; nur wenige Stunden höher, und du musst dich mit Forellen und Mehlspeise begnügen. Nach Tisch, in der Mittagsglut darfst du dich aber getrost im Schatten an der Strasse ausstrecken; nimm dirs nicht übel, dein Beamten-, Richter- oder Professorengebein so zu erniedrigen; es schläft sich vortrefflich am Wegrand, im Vagabundenbett, und die rauschenden Wasser singen dich ein.

Glaub' auch nicht, dass dir die Kühe was thun, die da von ferne herumläuten, mit grossen Schellen am Halse. Es sind brave Familienmütter – von denen hast du nichts zu befürchten – oder neugieriges Jungvieh; nun, wenn das deinen verehrlichen Korpus beschnuppern sollte, brauchst du nur die Hand zu heben, und es stiebt davon. – Wird es kühler, so sackst du den Ranzen wieder auf und steigst weiter. Der Tannenwald beginnt zu schwinden, dafür treten Arven und Knieholz auf; nur der brausende Bergbach bleibt dein Begleiter. – Kehrst du zur Abendzeit wieder ein, so tönt von der Kirche das Läuten, im Wirtshaus füllt sich die holzgetäfelte Stube, und du kannst dort unter Bauern und Kraxlern ganze Stadtfamilien finden, die ihr Haus zugesperrt und sich mit Kind und Kegel auf den Weg gemacht haben. Da siehst du dann Mädchen und Buben um eine grosse Muspfanne sitzen; wenn aber die Glocken läuten, thun sie sich alle bekreuzen. – Suchst du dann endlich dein Nachtlager auf, so mag dirs geschehen, dass du ein rotkarriertes Bett bekommst, wie es sonst deines Vaters Knechte auf dem Lande oder deine Dienstmagd in der Stadt hat. Es giebt Leute, sagt man, die das nicht vertragen können und einen Alp davon bekommen. Diese Leute sollen nicht in's Tyrol gehen. Ich aber rate dir, schau von deiner rotkarrierten Bettdecke weg und durchs Fenster hinaus auf die göttlichen Berge da vor dir; lass auch dein Fenster auf, damit du deine Stadtbazillen um so eher los wirst, und freue dich, dass deine Wirtin, als sie dir die knarrende Stiege hinaufleuchtete, dich geduzt hat: das ist Tyroler Brauch und honny soit qui mal y pense.

Am nächsten Morgen sattle früh, das ist im Gebirg des Tages bester Teil. Es ist Sonntag, und du kannst deine Andacht unterwegs halten. Immer unwirtlicher wirds, die kahlen Berge recken sich vor dir auf. »Guten Tag, kleiner Wurm,« mögen sie etwa sagen, »wie stehts in der Narrenwelt da unten?« Aber lass dich nur von den anfangs überlegenen und kalten Mienen der Berge nicht abschrecken; es sind gute Freunde in schwerer Zeit. Doch hoffentlich hast du kein schweres Herz da auf die lichte Höh hinaufzutragen, sondern wandelst fröhlich durch die totenstillen Dörfer, wo nur die wachsamen Hündlein ihres Amtes walten, da sämtliche Bewohner in der Kirche sind. Machst du um Mittag Rast, so kannst du ein Stück Tyroler Sonntagsfeier sehen. Man wird dir Forellen und einen grossen Schmarren vorsetzen, und während du beides verzehrst und dazu Tyroler Roten trinkst, wird neben dir Kegel geschoben. Fixe Burschen in Hemdärmeln, den Gemsbart auf dem Hut, das Messer in der Tasche und oft auch Silberringe im Ohr, werfen die Kugeln, lachen und trinken; das kleine Wirtsmädel in einem vorzeitig langen Kleid muss bedienen, und Seppele, der Bub, mit einer rot karrierten Hose aus altem Sophastoff, setzt die Kegel auf. – Du aber gehst und legst dich nach dem Mittagsmahl an der Scheune in die Wiese, denn nach gethaner Arbeit ist gut ruhen; ich glaube gar, du faltest die Hände über dem Bäuchlein und kommst dir vor, so brav und fromm, wie weiland, als du noch das erste Röckchen trugst. Ja, glaube nur, die hohe Bergluft macht zu Kindern.

Hat sich die Sonne müd' gelaufen, bist du wieder frisch. Vorwärts! nun heisst es, bis auf die Spitze. Der Rucksack drückt etwas, der Pfad ist steil, die Markierung unsicher. Bäche und Sumpf kommen dazwischen, aber dafür die Bergspitzen auch um so näher. Sie stehen da zum Greifen nah; dass sie noch 1000 Meter höher als du selbst, will dir nicht ein, du bist so froh, du weisst nicht wie und eilst mit grossen Schritten zum Ziel.

Da liegt es: ein altes, königliches Jagdhaus hat man dir gesagt. Du musst lachen; königlich sieht's nicht aus: der untre Bau von Stein, einen Stock hoch, kleine Fenster, Dachboden und Dach von Holz mit roh gehauenen Drachenköpfen im Gebälk als Träger. Ein Kapellchen dicht dabei und ein paar Wirtschaftshäuser, ein kleiner Küchengarten, 12 Meter rasenfreier Weg vorm Haus und sonst Natur, Einöde, Berg.

Wie seltsam dir's wohl wird, wenn du heut Nacht in deinem Zimmer liegst, ein riesengrosses Zimmer, holzgetäfelt und geschnitzt; die Fenster sind vertieft, die Butzenscheiben klirren, der baarste Hausrat nur umgiebt dich, und dein Licht, das in dem tiefen Fenster steht, wirft wunderbare Schatten in den leeren Raum. Es ist so still, denn von dem Lärm der Gäste unten hörst du nichts, die dicken Mauern halten alles fern; es ist so still, nur einerlei begrüsst dich: das Wasserrauschen bleibt dir treu. Bist ja im Urgebirg, und von den hohen Wänden, aus allen Thälern, die Gott schuf, da stürzen Bäche und brausen fröhlich unter deinen Fenstern.

Vielleicht lässt dich der Bachgesang nicht schlafen, das geht vielen so in der ersten Nacht. Dann will ich dir in diesen stillen Stunden von dem alten Haus erzählen. Es ist sehr alt: ein tyroler Herzog hat's gebaut, er hatte – Gott hab ihn selig – einen Namen, um den du ihn vielleicht beneidest: Sigismund den Münzreichen nannte man ihn. Dann hat eine Herzogin Claudia drin gelebt, eine kunstsinnige Frau, die all das schöne Schnitzwerk in deinem Zimmer hat ausführen lassen; schau dir nur morgen aufmerksam die feinen Säulen und die Kapitäle, die Arabesken und die Sternchen an; auch die grossen, grünen Öfen hat das praktische Weiblein setzen lassen. Viel österreichische Grosse und Herrn haben hier gewohnt und gejagt; der Kaiser Max von der Martinswand hat's hier auch auf Gemsen, Bären und Hirsche abgesehen. Dann ist das Jagdhaus in Privatbesitz übergegangen, eine grosse Familie soll dort gewohnt haben, Sommer und Winter, und ihre Toten – wenn im Winter einer starb – trugen sie auf eine Bodenkammer, bis der Schnee schmolz, und man ins Pfarrdorf konnte oder selbst dort oben ein Grab schaufeln.

Auch eine neuere Tragödie hat sich da oben zugetragen: es sind nur wenige Jahre her, da waren hier zwei junge Leute, die sich liebten, und weil sie wussten, dass sie sich nie würden haben dürfen, da haben sie gemeinsam ein Ende gemacht. Wenn du, guter Freund, eines Tages auf der andern Seite den Berg hinabsteigst, und du kommst zum Kuraten im Pfarrdorf auf dem halben Weg, da kannst du draussen an der Kirche das Grab der Selbstmörder sehen. Sie liegen nicht in der geweihten Erde, doch hat man ein grosses, schwarzes Kreuz ob ihnen gemalt. Tritt hin und bete dein Sprüchlein – vielleicht hast du in demselben Zimmer, demselben Bett wie sie geschlafen – vielleicht stehst auch du einmal vor dem Lauf deiner Pistole ... Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet werdest. – Aber ich sehe, dies sind dir gar grauliche Geschichten, und du willst lieber schlafen. Sei's drum, und träume von der kunstsinnigen Claudia. –

Es wird dir sowieso in der Früh nicht lange Ruhe lassen: neben dir ist der Stall, da marschieren schellenklingelnd die Kühe und Ziegen heraus, du hörst die Senner schreien und die Säge das Holz zerschneiden. Flugs in die Kleider und herunter in die Küche. Stelle dich nur mit der Wirtin gut, dann bekommst du etwas Extrafeines. Solch eine Küche ist der Mittelpunkt des Hauses auf der Alm. S'ist warm, es ist behaglich, ist gemütlich. Ein jeder hat dort was zu thun: der will sich seines Leibes Nahrung dort bestellen, dieser bringt nasse Stiefel oder Kleider an; noch einen zieht sein Herz zur Küchenmagd und Sennerin; ist ein Maler oben, so »studiert« er natürlich dort. Am Abend hört man hier den Chor mit aller Kraft der unverbrauchten Lungen Lieder singen, deren Text zum Teil für keusche Ohren nicht gemacht. Von hier aus springt die Lustigkeit dann auch auf den grossen Hausgang über, wo sich bald ein Stampfen, Tanzen und Juchzen erhebt, das seinesgleichen sucht: Senner und Sennerinnen, Küchenmädchen, Kellnerin, Zimmerin und Gäste, das wirbelt lustig durcheinander. Und sie sind wahrlich zu beneiden, diese Menschen mit ihren 18 bis 25 Jahren, den roten Backen, weissen Zähnen und der Freiheit von Kultur.

Und wie mancher, der im Kreis der Gäste stehend, ihnen zusieht, der sein Stubengehirn, seine Stadtlunge, seine Kathederweisheit und seine Schulkonflikte hier zum Lüften auf den Berg getragen, beneidet sie wirklich, diese Naturmenschen. Wen du mit grossen, traurigen Augen auf dies naive Volk da blicken und sich dann mit einem Seufzer wegwenden siehst, vor dem brauchst du nicht die bewussten Kreuze zu schlagen, noch von seiner Bank aufzustehen. Mit dem kannst du's halten, und du wirst ihm wohl öfters begegnen, wenn ihr euch beide in der schönen Gottessonne auf die grüne Wiese legt, um, den Hut übers Gesicht gezogen, euch braten zu lassen nach Herzenslust; oder bei stillem Wandern in die tiefen Thäler, immer den brausenden Wassern nach, über Bäche und Steine, grosse Blöcke, grosse Haufen, unterhalb schneeiger Häupter, die gelassen mal eine Lawine in die Tiefe schicken, um wieder jahrelang – für sie sind es wohl nur Minuten – regungslos weiterzuträumen, während die Wolken um sie spielen und sich an sie hängen, wie Spinnweben an einen Totenkopf. Da, in der grossen Bergeinsamkeit, wo der Baumwuchs aufhört und die Tierwelt verstummt; wo nur ganz selten ein Bergfink oder Rotschwanz dir zur Seite auffliegt, oder ein vorwitziges Murmeltier, durch deine Unbeweglichkeit beherzt gemacht, sein spitzes Näschen aus dem Loch steckt – da lernst du, was es um den Menschen ist. Hier ist Natur in ihrer strengsten Form, die unerbittlich Unbewegliche. Nimm's hin; es ist so; nimm die Lehre mit hinab, dass sie um deinetwillen nie ein haarbreit sich verschieben wird. Hier in den Bergen lern', was ehernes Gesetz, was Schicksal ist. Was auch das Deine sei, wie hart, wie schwer – du hast es auszuleben, sag dir das. Nie wirst du von den Bergen andre Antwort haben, denn dies: Halte aus!

Doch drückt dich diese herbe Lehre nieder, so musst du zu den weissen Wassern gehen; die springen gar so froh zu Thal, die waschen selbst die Berge auseinander, die reiben auch die Steine gar entzwei. Das ist ein wunderbarer Gegensatz: die starren Berge und die stetsbewegten Wasser. Sie sind mit ihrer zischenden Beweglichkeit, mit ihren freudenvollen Sprüngen, ihrem Hüpfen, dem Jubel ihrer ungezähmten Wellen, so recht das Bild rastloser Thätigkeit und steter Hoffnung.

Zwischen den beiden bring' du deine Tage hin; bald fühl' dich klein und demütig am Fuss der Berge, bald sei dir deiner eigenen Kräfte stolz bewusst, wenn dir die Bäche ihre Lieder schäumen. Vielleicht ist auch ein Bergsee auf der Alm, so grün und tief wie Nixenaugen. Dort ist gut sein; du liegst im kurzen Gras, rings um dich her duften in Mittagsglut die harzigen Alpenrosenstöcke, und über dir die weissen Gletscher spiegeln sich ganz unbewegt und scharf in dem hellgrünen, stillen Wasser. Wer dann in seinem Herzen wunschlos ist, der hat den Frieden auf der Welt gefunden.

Jedoch nicht allzulang, und du beginnst einen gewaltigen Thatendrang in dir zu spüren. Ringsum sind Kegel, Kogel, Joche, Spitzen, Scharten. Nun wird sich's zeigen, ob du nur ein Kraxler bist, oder ein wahrer Bergfex, der keinen Zacken, den Gott schuf, erblicken kann, ohne hinauf zu müssen, coûte que coûte. Bist du ein Kraxler nur, so kannst du's ruhig mitansehen, wenn sich bei Nacht und Nebel, Regen oder Schnee eine Schar Kraftmenschen mit Nagelschuhen, kurzen Hosen, blossen Knieen und Loden- oder Lederjacken aufmacht, und, Stäbe und Steigeisen mit sich tragend, bei vielem Lärm und grausigem Geklirr verschwindet. Bist du ein Fex, so musst du mit hinauf, hast, ehe du oben warst, auch keine Ruh, hütest das Geheimnis deiner Touren vor Rivalen und hast die mühevoll erschwitzte Genugthuung, auf einer, noch von Menschenfuss nicht betretenen Stelle, ein Steinmännlein als Zeichen aufzurichten. Und warum sollst du dich am Ende nicht auch so vergnügen? Es stärkt und macht dich froh und schadet niemand.

Aber bei sothanem Vergnügen auf der Alm könnte es dir dort auch begegnen, dass du eines Morgens im Schnee erwachst. Oh, jemine, dann ist der Jammer gross. Zwar der Kalender zeigt August, aber das hilft deinem frierenden Gebeine nichts, du musst dich in die Küche konzentrieren, wo der Herd flammt, oder dem grünen Ofen in deinem Zimmer oben den dicken Bauch wärmen lassen, oder wie ein Besessener vor dem Hause auf- und abrennen, oder sonst dein Inneres einheizen.

Da siehst du denn die Schattenseiten der von Kultur noch nicht beleckten Alm: kein Buch, es sei denn der fromme »Rafael« für die katholische Jugend, oder das Tyroler Volksblatt; keine Briefe, keine Post, denn bei dem Wetter kann der Bub nicht die 3 Stunden Berg hinab. Zum Überfluss sitzt bei der Kälte dichtgedränget Mann und Weib in der einen geheizten Wirtsstube; da qualmen sämtliche Tabake Österreichs und Deutschlands durcheinander, und zum Mittagessen giebt es, um das Unglück voll zu machen, sicherlich gesottnen Hammel, weil andres Fleisch hier oben nicht zu beschaffen.

Da heisst es denn seinen Witz zusammennehmen und sich irgendwie unterhalten. Ich habe Leute gekannt, die, da sie dem Rauchen abhold und dem Trunke nicht ergeben waren, sich zuletzt – nach dem Spruche: so ihr nicht werdet, wie die Kindlein – faktisch die alten Grimm'schen Märchen erzählt und Kinderspiele aus der Jugend vorgenommen haben. Nichtsdestoweniger hört auch bei solchem Wetter das Kommen und Gehen von Gästen auf der Alm nicht auf. Je böser es draussen stürmt, desto munterer rücken die letzteren an, meist Innsbrucker, die ja für ihr berghaftes Wesen bekannt sind. Da kommen sie herbei, abends um 8, 9, 10 Uhr, trotz Wind und Wetter, die ehrsamen Bäcker, Schneider und Gastwirte von Innsbruck, die sich ihre acht Tage Sommerfrische gönnen und dazu ins Gebirg gezogen sind. Bräute, Töchter und Schwestern wandern alle mit, sie tragen Hüte mit nickenden Hahnenfedern und hauen tapfer ein, wenn Goulasch und Roter auf dem Tische stehen. Getanzt wird auch noch, und giebt's nicht mehr Platz im Haus, so schläft man in der Scheune auf dem Heu, um mit dem ersten Morgengrauen zu verschwinden.

Im allgemeinen ist es eine laute, lustige Bande ohne Manieren, die dort einrückt. Aber das eine rate ich dir, guter Freund: lass dich nie verleiten, über den Zivilstand eines Kraxlers oder einer Kraxlerin zu urteilen, ehe du nicht dein Urteil mit dem Fremdenbuch verglichen hast; du möchtest sonst arge Überraschungen erleben und dir zum öfteren den Mund verbrennen. Die jungen Leute, die sich da gestern bei Tische die Schuhe auszogen und in Pantoffeln herumlatschten, die dir ins Gesicht rauchten und deiner Frau ihre nackten Kniee unter die Nase steckten, die sich beim Essen mit dem Ellenbogen aufstemmten und sich zum Trinken auf den Tisch herniederbogen, das waren nicht Bauernlümmel, sondern Professorensöhne, und daraus kannst du lernen, dass es auf der Alm ka Sünd giebt, insofern nämlich dass keine Etikett' besteht, gegen die man sich versündigen könnte. – Das ist, weiss Gott, sehr drollig, aber es ist so, und sei du nur drei Tage auf der Alm, so wird dirs schon gefallen.

Macht dirs das Wetter am Ende aber doch zu bunt, so lass dir deine Schuh' zuvor in Butter kochen, und begieb dich dann auf den Abstieg. Musst dich schon zu Schusters Rappen bequemen und dein Ranzel auf den Rücken nehmen. Ehe du aber gehst, vergiss nicht, der feierlichen Handlung des Bezahlens deine Aufmerksamkeit zu schenken. Ich nehme an, du kommst aus der norddeutschen Tiefebene, wo man so gut zu drillen und zu rechnen versteht; dann wird dir schon in den ersten Tagen deines Bleibens auf der Alm aufgefallen sein, dass du im Grunde die Rechnung machst. Jeden Morgen wirst du mit Müh' der Kellnerin habhaft, um ihr die nötigen Batzen hinzulegen. Was du verzehrst, steht allerdings mit wunderbarer Rechtschreibung in einem Buch verzeichnet, aber manchmal auch nicht; am sichersten ist es schon, du schreibst es selber ein und rechnest selbst bei Heller und Kreuzer zusammen, was du schuldest. Denn die hübsche, schwarzhaarige Kathi »kann's nit all behalte«, und sie traut deiner Ehrlichkeit, dass du kein Stückel Brot und kein Achtel Roten unterschlagen wirst. Und ebenso ist's bei der Abfahrt: wenn du nicht weisst, wie lang du hier gehaust, und was für Nebenspesen dein Konto belasten – die Kathi weiss es sicher nicht, sie kann's nit all behalte.

Hast du die richtige Anzahl Gulden alsdann auf dem Tische des Hauses niedergelegt, so winkt man dir mit einem weissen Tüchel nach, und durch den Schnee steigst du bergab. Wie weheleidig die kleinen Blumen anzusehen sind; zwar viele haben von der Natur Pelzröcke angezogen bekommen, doch manche auch nicht, und die muss es arg frieren. Je tiefer es nun aber hinab geht, desto wärmer wird's; schon beginnt der Tannenwald wieder, hier sieht man rote Berberitzensträucher und endlich auf dem Boden des Thals die ersten Maisfelder und Wallnussbäume! Ist das ein Gegensatz; aber nicht nur ein erfreulicher, denn mit der Ebene kommt auch wieder die Kultur; da unten summt ein Eisenbahnzug, wahrhaftig, du siehst eine Lokomotive, ein Stellwagen fährt, ein grosses Gasthaus thut sich protzig auf – Menschen, Toiletten, Damen ... nein, es ist nicht auszuhalten. Fort in den Zug und in eine neue Einöde!

Freilich, durch Kälte klug gemacht, wirst du dich ein paar hundert Meter tiefer festsetzen, und wenn du mir folgen willst, führe ich dich in ein schönes, stilles Nest, wo die Kultur dich nicht belästigen soll. Es liegt aber nicht mehr im Granit-, sondern im Kalkgebirg, und ich weiss, hier wirst du die erste Nacht deshalb nicht schlafen können, weil dir das Wiegenlied der wilden Wasser fehlt. Aber Geduld, du sollst mir auch hier schon zufrieden werden. Steig früh am Morgen mit mir die breite Strasse hinauf, und nach zwei Stunden kommst du an ein schmuckes Dorf. Es liegt sehr schön, Beweis, hier steht ein altes Kloster, allwo die Mönche auch ein gutes Bier gebraut, und da du ja ein Freund von Einsamkeit bist, sollst du eine alte Klosterzelle zur Wohnung haben. Vor deiner Thür ist ein hallender Kreuzgang mit Wandgemälden, die alte Wunder schildern. Die Steine sind uneben, die Treppen holperig, im Hofe ist ein malerisches Durcheinander, im ganzen Hause duftet es nach Malz und Bier. Vor deinen Fenstern ist ein grosser Küchengarten; den Horizont umschliessen hohe, blaue Berge.

Die sieh dir an, du wirst es nimmer müde: nicht eine Stunde sind es dieselben. Fehlt ihnen auch der Reiz der schäumend weissen Wasser, so bieten sie in ihren Falten, Biegungen und Rissen dem Licht, den Wolken einen Gegenstand reizvollsten Spiels. Tiefblau und gleich darauf hellgrau, jetzt ernst, jetzt lachend, bald hell die Spitze, dunkel der Fuss, bald umgekehrt, sind sie ein Bild der allerwechselndsten Stimmung. Am Abend sind sie gold und rot, am Morgen violett, um Mittag grau und blau – und immer stolz; doch niemals finster. Die ganze Landschaft ist viel lieblicher als die Alm; sie ruht in grünen Tannenwaldungen, in hellen Wiesen; sie breitet einen Reichtum wilder Beeren vor dir aus, sie ragt mit vielen Kirchtürmen zum Himmel, sie läutet aus vielen Glöckchen den Abend ein und bietet dir schöne Strassen zu ungehindertem Kilometerlauf.

Und ich glaube, trotz deiner Begeisterung für die noch nicht kulturbeleckte Alm, du freust dich gar, dass du jetzt jeden Morgen frische Semmeln bekommst, einen »gemischten Warenhändler« entdeckt hast und deine Stiefel zum Schuster schicken kannst?

Die Menschen aber sind noch dieselben: auch hier dasselbe Zuvertrauen zu deiner Ehrlichkeit, dieselbe Vertraulichkeit mit dir, dasselbe freundliche Grüss Gott – und auch dieselbe Billigkeit in Speise, Trank und Wohnung. –

Gott behüte dich, liebes Tyrol, bleib' noch lange so schön und so schlicht, wie du bist; behalte deine Berge unangetastet von Bahnen, deine Thäler frei von Hôtels und deine Menschen frei von Geldgier.

Dir aber, lieber Leser, rat' ich, wenn du dich deines Lebens freuen willst: geh nächstes Jahr zur Sommerfrische und als Kraxler nach Tyrol. –

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