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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 4
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Rauschen.

Nationalzeitung. 12. Juni 1892.

Rauschen – das ist ein seltsamer Name für einen seltsamen Ort. Was der Name bedeutet – ob See- ob Waldesrauschen, mag dahingestellt bleiben; vielleicht alles beides, denn die See rauscht zu Füssen, der Wald auf der Höhe. – Ganz oben auf der Nordküste von Samland liegt Rauschen, in der Einöde. Fünf Stunden über Königsberg hinaus geht die Reise. Ein grosser Omnibus fährt zur festgesetzten Stunde vom Halteplatz in Königsberg ab. Es geht in leisem Trab zum Steindammerthore hinaus, über die Hufen, eine langweilige Chaussee entlang, durch Felder – ringsum alles kahl – kein Wald, keine Schönheit. Die Mitreisenden – meist eingeborene Ostpreussen – sitzen stumm ergeben da; sie wissen schon, was bevorsteht und haben sich bereits in Geduld gefasst. – Gleich ihnen zeigt der Kutscher, zeigen die Pferde nicht die geringste Hast – klipp, klapp, klipp, klapp, taktmässig, ununterbrochen geht es vorwärts. Der unbefangene Sommerfrischler, der sich auf grossartige, landschaftliche Schönheit und, laut amtlicher Aussage, auf eine Fahrt von höchstens drei Stunden gefasst gemacht hat – sieht mit immer grösseren Augen enttäuscht auf die platte Gegend; bis nach etwa vierstündigem Schütteln auch er sich in sein Schicksal fügt: die Anderen nehmen das alles so selbstverständlich hin – auch über ihn kommt Stoizismus, und er kreuzt die Arme in Ergebung.

Endlich heisst es: Rauschen! Die Pferde laufen einen steilen Abhang hinunter und man ist angelangt. – Es ist ein Dorf, ein ostpreussisches Dorf, das vor uns liegt. Wohlweislich hat es sich hinter einer hohen Düne versteckt, denn da oben heult und fegt ein Sturm, so wild wie ihn die freie See nur landwärts schicken kann. Da oben muss jeder Fussbreit Boden, soll er angebaut werden, mit Faschinen umflochten, mit Zäunen beschützt sein. Ein einziges Haus steht auf der Höhe; es ist ein Privathaus. Die Eingeborenen zogen das sichere Thal vor. – Und diese Senkung hinter der Düne ist lieblich genug zum Wohnen. Da liegen freundliche Häuser um einen grossen, stillen Mühlenteich; Kiefernwald, Laubwald und weiterhin die herrliche Warnicker Forst bilden den Hintergrund. Inmitten von See-, Waldes- und Mühlradrauschen liegt das Seebad. Es hat kein Kurhaus, keine Kapelle, keinen Steg, keine Promenade. Man macht hier nicht Toilette, spinnt keine Intriguen, liest keine »Neuesten Nachrichten«. Alles, was sich Mode, Luxus, Reichtum, Gesellschaft nennt – ist abwesend von Rauschen. Die Gasthöfe sind gut, aber einfach; die Wohnungsverhältnisse sehr, sehr ursprünglich. Man kommt nach Rauschen noch mit Sack und Pack, Kind und Kegel, mit Betten und Kochgeschirr heraus. Man nimmt vorlieb mit Hühnerstiegen, mit Dachkammern. Man geht steinige und sandige Wege. Man ist einsam, der Welt entrückt. Was von Bällen und Festlichkeiten sich doch ereignet, hat einen harmlosen, einfachen Anstrich. Rauschen ist durch und durch anspruchslos, und wer sich modisch amüsieren will, Herzen brechen, Witze machen, Geistreicheln, Eroberungen suchen, der soll hübsch fern bleiben.

Wer aber Natur liebt, wer Stille sucht, nach Einsamkeit verlangt, nach reiner Luft, nach Poesie und Frieden – der gehe nach Rauschen. Das Dorf und seine Umgebung sind eine Reihenfolge der schönsten und reizvollsten Bilder. Ein kräftiger, urwüchsiger Zug geht durch die Natur. Steigt man aus der Dünensenkung nach der See, so geht es zuerst über eine weite, freie Heide. Da weht der salzige Atem des Meeres uns an; ein Laubengang aus Birken rauscht im Winde; zur Rechten und zur Linken summen im Hochsommer Bienen durch die roten Heideblüten – ein herber Zauber steigt von dieser weiten Fläche auf. Schon hört man das Wellenrauschen in der Ferne, und da blinkt auch bereits die See am Ende des Birkenganges. – Auf einer freien Plattform angelangt, blickt man vom hohen Ufer auf das offene Meer. – Dies hohe Ufer, dieses offene Meer sind der besondere Charakterzug, die eigenartige Schönheit der Nordsamlandsküste. – Von Cranz bis Brüsterort zieht sich ein Dünenkamm in einiger Entfernung von dem Meer; steigend bis zu hundert Fuss Höhe, sinkend bis zum Meeresspiegel. In diesem hohen Ufer zeigt sich nun die grösste Mannigfaltigkeit der Erd-Bildungen. Diese Düne ist kein langweiliger Festungswall mit glatten Wänden. Im Gegenteil: sie ist zerrissen vom Kampf der Elemente. Der Wind trägt ihren Sand hinweg, fegt ihn unbarmherzig in das Land hinein; der Regen wäscht sie aus, spült sie hinunter an die flache Küste. Die See, die wilde, schäumende See reisst ihr ins Herz hinein, frisst ihr ins Mark, zerstückelt, zerschlägt sie. Die zahllosen Schluchten auf der ganzen Länge der Küste, das sind die Wunden, die das Ufer, die Mutter Erde davontrug im Kampf mit Wind und Wellen. Tief in das Land hinein gehen diese Schluchten. Manche sind das Werk langsamer, jahrelanger Unterspülung, manche das grause Andenken einer Sturmnacht, einer einzigen Springflut. Auch den Bernsteinwerken, als Tagbau betrieben, sind diese Sturmfluten verhängnisvoll geworden: neben den Schluchten ragen dann kegelförmige Erhebungen, Lehmhügel auf aus dem versandeten Trichter, dem Halbrund eines früheren Bernsteinwerks, das in einer Nacht verspült, verschwemmt, verschluckt wurde, mit seinen Hunderten von Karren, Werkzeugen, Hütten, Balken – auf Nimmerwiedersehen. Dann blickt man verwundert auf die schimmernd blaue See, die kräftig zwar, doch nicht gerade ungeberdig an der flachen Küste rauscht, und es scheint unmöglich, dass sie, über das sandige Vorland hinzischend, ihre Wellen an das hohe Ufer hinschleudern kann. Und doch geschieht es und lässt sich nicht leugnen: die See hat alle diese Schluchten ausgewaschen, untergraben, ausgenagt, und sie wird weiter waschen, graben, wühlen, immer weiter. Sie wird ihren Weg in das Land machen, wird unablässig nagen und unaufhaltsam vordringen. Das Samland ist ein dem Tod verfallenes Land. Nicht jetzt, nicht gleich, aber in Zukunft, und das Samland kämpft gegen seinen Tod.

Mit äusserster Hartnäckigkeit ist der Boden bis an die letzte Ufergrenze ausgenutzt. Denn auf der sturmgepeitschten Hochebene, die gleich hinter dem Thal von Rauschen aufsteigt, wird Ackerbau getrieben. Ganz hart an der bröckelnden Kante führt der Landmann seinen Pflug. Ganz dicht an dem Uferrand geht ein Fussweg, und er ist mit das Entzückendste, was man sich denken kann. Er läuft der mehr landeinwärts führenden Landstrasse gleich, ist aber weit schöner als sie. Auf diesem Fusspfad von Rauschen nach Brüsterort zu wandern, ist ein unvergleichlicher Genuss. – Brüsterort liegt westlich von Rauschen und bildet die äusserste Spitze des Samlandes. Nach Osten zu zieht sich die Küste ohne festen Punkt bis zu der fernen Kurischen Nehrung. Nach Osten zu ist die Gegend auch einförmiger. – Der Westen aber lockt: da liegt der schlanke Brüsterorter Leuchtturm am Horizont, da schimmert die See; die stolzen Schluchten weiten sich unter dem blauen Himmel, die Natur strotzt von Glanz und Kraft – es lockt unwiderstehlich, man muss dem fernen Ziel entgegen. Und man geht. –

Das Meer schäumt unten, die Erde zeigt in klaffenden Rissen dunkle Streifen braunkohlehaltiger Schichten, zeigt stumpfe, ausgewaschene Kegel; die ausgezackten Linien der geborstenen, hohen Ufer nehmen bei gewissen späten Abendbeleuchtungen einen grossartigen Charakter an. Neben diesen Schwärzen und dunklen Tönen blitzt dann wieder der weisse Meergischt, und stiebt der helle Sand in Schauern. Die Gansupschlucht ist eine der ersten am Wege. Sie ist bewaldet, ein Kessel, oben von herrlichen Buchen und Birken gekrönt. Hier führt ein Weg durch einen ausgeschwemmten Riss, von dem bei Regenwetter der dunkle Braunkohlenstaub bis auf das flache Vorland gewaschen wird, gleich Tintenbächen über einer Schülerarbeit. – Von hier beginnt in ununterbrochener Schönheit bis Warnicken das bewaldete Ufer. Die Abhänge hinab steht Baum an Baum, Strauch an Strauch, scheinbar ganz fest, in stolzer Pracht, das üppige Laub genährt vom Hauch des Meeres. Auf hohen Stengeln schiessen grosse Stauden auf, Bärenklau, Kümmel, Schierling, Nessel, ein Gewirr von Brombeeren und Gekräutich, einen Teppich, ein Unterholz bildend zu Füssen der grossen, stattlich alten Bäume. – Man geht in deren Schatten ruhig, friedlich hin; da plötzlich, unvermittelt, gähnt eine Schlucht vor uns. Der Fuss fährt zurück: steil fällt das Erdreich ab, der Pfad kriecht ängstlich landeinwärts, und da unten im Kessel liegt gräuliche Verwüstung: Sand, Lehm, Gehölz, Baumstämme, Ranken, zerschlagen, verwickelt, verknäult füllt es den tiefen Riss. Die See hat wie ein Raubtier ihre starke Tatze dem Land ins Herz geschlagen, und alles ist zusammengebrochen. Spöttisch blinken die hellen, blauen Fluten am äusseren Rande der Schlucht – sie sind ihrer Sache ja so sicher. Da überkommt es den Wanderer wie ein Trotz: dies schöne Land soll sterben? Nun, dann will er es erst gemessen, und er schreitet rüstiger fort. Zuerst durch den Park des Gutes Georgenwalde, den ein grossdenkender Besitzer dem Publikum offen lässt. Wieder erscheint alles in schönstem Frieden, in grösster Sicherheit: Baum reiht sich an Baum, der Pflanzenwuchs gedeiht in reichster Fülle – die See braust ferne. Und doch – auch hier ist Verfall. Nur hat er diesmal, statt wilden Eingriffs, die Formen der Verwitterung angenommen. »Man kann auch langsam sterben«, scheint dies Stück Natur zu sagen. Und richtig, hier fällt eine aufgestellte Bank in morsche Trümmer, da neigt sich ein Stamm langsam nach vorne. Dieser sinkt quer über den Weg, jener ist mit den Wurzeln ausgespült. Die hohen Nesseln haben etwas ungesund Getriebenes; der Boden ist voll sickernder Wässer; er wird weich, schwammig, die Luft ist schwer und feucht: man kann auch langsam sterben, wahrlich das beweist dies Land. Besonders eine Schlucht hat dieses still Vergehende, dies langsam Hinsinkende als Charakterzeichen. Sie heisst die Detroitschlucht und ist thatsächlich schmaler als die andern; vor allem aber ist sie vom Blick und vom Geräusch der See ganz abgeschlossen. Überwölbt von den herrlichsten Bäumen, ausgekleidet mit mattgrünem Farrenkraut und Schlinggewächs, ist sie ein Idyll in diesem epischen Kampf der Elemente.

Kommt man aus ihr hervor und gewinnt von Neuem das hohe Ufer, so beginnt nun zwischen den Bäumen des Parks an den Biegungen des Pfads die Folge schöner Ausblicke auf das Meer. Immer wieder, und jedesmal anders zeigt sich die blaue Fläche im Rahmen alter Bäume, bis mit dem Park von Warnicken der Zauber seinen Höhepunkt erreicht. Warnicken, mit seinen Aussichten, seinen alten Baumriesen, seinen zerrissenen Schluchten, hat einen Reiz, wie ihn totkranke Menschen haben, in deren aufgezehrtem Körper die Seele mit einer letzten, wundersamen Flamme brennt. An dieses hohe Ufer schlägt die See ganz nah; das Vorland ist schon völlig verschlungen; bei hohem Wellengang kann kein Fuss mehr an der unteren Küste gehen. Stets, selbst wenn draussen das Meer im reinsten Blau schimmert, sind die Wellen, die an die Warnicker Küste schlagen, grau von dem schweren Lehm, den sie bei jedem Stoss vom Ufer reissen. Sie sehen ewig böse, zornig aus, sind eine stete Todesdrohung. Darum spannt in Warnicken die Natur auch ihre letzten Kräfte bis zum Äussersten an: sie will noch leben, noch ihr Bestes geben, will ihren Reichtum nicht begraben lassen. Daher unter diesen Bäumen, in der steten Feuchte, fusshohe Gewächse, so blühen dort zu Tausenden die schönsten lila Glockenblumen. Sie stehen da im Schatten, in dem Halbdunkel, ein blasses, schwermütiges Geschlecht, ein reicher Kranz von Totenblumen, von einem seltsam märchenhaften Zauber. Wie die letzten Sprossen eines alten Geschlechts sind sie fein und zart, viele ganz schneeweiss, bleichsüchtig, durchsichtig, hochaufgeschossen, farblos. Hier in Warnicken, in diesem schwermütigen Schatten, ist gut Marie Bashkirtseff lesen. – Und doch auch hier weht die See ihren frischen Hauch her, auch von hier aus lockt der ferne Brüsterorter Turm. Einmal aus dem Schatten der Wolfs- und Fuchsschlucht hinaus, einmal wieder am Rand des jetzt von Neuem kahlen Ufers, und es weht ein fröhlicher Wind alle Träume und Trauer hinweg. Wir sind auf einer freien Hochebene, das Ziel liegt vor uns, und der Kampf der Erde mit dem Meer wird wieder trotziger. – »Trotz!« das ist das rechte Wort für dieses letzte Stück des Weges nach Brüsterort. Es scheint, als habe die Düne sich über ihren alten Feind noch einmal lustig machen wollen, in so seltsamen Formen ragt ihr zerfetztes Erdreich zum Himmel. In unzähligen Bogenlinien, hart am bebauten Feld vorbei, treibt uns der Fusspfad bis zur Kuhrner Schlucht. Die ist der weiteste Riss auf der ganzen Küste, ein Halbkreis, wie ein alter Zirkus, von steilen, grasbewachsenen Rasenhängen eingefasst. Vor diesem Halbkreis aber, nur einen schmalen Durchgang lassend, hat sich ein Stück der Düne aufgetürmt, starr, wild, phantastisch. Wie ein Krieger auf einer Schwelle fallend, sie noch im Tod versperrend, so ragt dies fabelhafte Gebilde, keck geformt und gelb, orangegelb vom blauen Himmel abstechend, gegen das Meer auf. Wie eine Götterlaune, ein Geniestreich, eine verkörperte Empörung der alten Erde steht dies trotzige Stück Mauer da: es giebt sich noch nicht besiegt, das Samland! – Auch seine Bewohner nicht. Die bauen ihre Häuser an dem Uferabsturz. Noch ein paar Jahre, und sie wachen eines Morgens im Thal auf oder gar nicht mehr. Aber auch bei ihnen heisst es eben: Trotz! Und in dem Tone geht es weiter bis zum Wachtbudenberg, wo das letzte, äusserste Spitzchen Samlands beginnt. Es streckt sich tief in die Ostsee hinein, ist glatt gefegt wie eine Tenne; nicht Baum, nicht Strauch, nur Telegraphenstangen und den Leuchtturm sieht man dort. Das untere Vorland bietet ein Gewirr von Sand, Lehm und Bäumen; das Hochplateau ist karg und wetterzerschlagen. Den schlanken Leuchtturm aber ficht der Sturm nichts an: seine wohlgefügten Steine halten fest, sein Eisenwerk bricht nicht, sein Licht leuchtet durch Wind und Wetter. Sogar einen kleinen Garten mit Blumen behütet er an seinem Fuss, und sicher ragt er auf, allabendlich hinausscheinend auf zwei tosende Seeflächen: Trotz – Trotz euch und eurer Zerstörung!

Es ist gut drei Stunden bis Brüsterort zu Fuss, also eine Tagestour, wenn man sich dort und unterwegs aufhalten will. Daher begnügen sich die Rauschener Badegäste gewöhnlich mit näheren Ausflügen. Die sind ganz dicht bei Rauschen auch in grösster Mannigfaltigkeit vorhanden. Man geht nach Cram und nach den Katzengründen, nach Neukuhren, Nortyken, Tykrehnen, St. Lorenz, Hirschau. An seltsamen Namen und hübschen Orten fehlt es nicht. Georgenswalde ist auch ein Ziel. Noch näher liegt die liebliche, sonnendurchwärmte Heide, und immer schön ist das Wandern an der See entlang.

Dabei sind die Badeverhältnisse zu erwähnen. Sie sind auch weit ursprünglicherer Natur, als man sonst gewöhnt ist. Jedes Privathaus, jedes Gasthaus hat eine Badezelle, mehr oder minder gross und geräumig. Des Morgens bis um 9 Uhr ist Badezeit für die Herren und von da ab für die Damen; des Nachmittags folgt dieselbe Abwechslung. Beides wird einfach durch Aufhissen einer Flagge bekannt gemacht. Im ersteren Falle ist die Flagge rot, im letzteren weiss. Danach – wird angenommen – richtet sich ein jeder, und wer dem durch die Badezeit verpönten Geschlecht angehört, macht einen Bogen um die geheiligte Stelle. Und doch bleibt noch sehr viel Freiheit: die Badestelle liegt ja auf der tiefen Küste, zu der man von dem hohen Ufer erst hinuntersteigen muss; und das hohe Ufer ist ja mit Büschen und Bäumen bestanden – wie oft kommt es da also vor, dass ganze Familien und Bekanntenkreise einträchtiglich zum Baden wandern, sich erst an der letzten Grenze, vor jenen Uferbüschen trennen, und dass dann, hinter diesem natürlichen Vorhang, die einen auf die andern warten, ganz harmlos und unbefangen. Denn freilich – was giebt es denn Besseres zu thun, als sich im Sande auszustrecken und, die Hände unter dem Kopf gekreuzt, auf den Horizont, in den hohen Himmel zu blicken. – Dann wandern die Gedanken weit, nur von Zeit zu Zeit auf die Erde zurückgeführt durch den fröhlichen Lärm, der vom Badeplatz tönt. Ist das ein Jubeln und Lachen da unten, besonders von Kinderstimmen, dem der tiefe Bass der Brandung und das schrille Mövengeschrei als Begleitung dienen. – Die Zurückkehrenden haben dann eine Menge Abenteuer zu erzählen, von grossen Bernsteinstücken, die gefunden worden, von Fischerböten, die in bedrohlicher Höhe gelandet, zumeist aber von Kraft und Anprall der Wellen. Die freilich haben eine Gewalt, einen Zug, dass man sich schwer dagegen anstemmen kann, und dass oftmals sich eine Kette unbekannter Hände zusammenfindet, um gemeinsam dem Hineinziehen besser zu widerstehen.

Von diesem Bad, von dieser Natur geht eine Erfrischung aus, wie sie nicht grösser sein kann. War es nun dies, war es Glück, ich habe bei meinem ersten Aufenthalt in Rauschen fast nie unangenehme und grämliche Menschen gefunden. Wer da war, war auch guter Laune, war Naturfreund, war guter Fussgänger. – Auch das Bekanntwerden hatte hier etwas Ursprüngliches. Man sass an einem verhältnismässig kleinen Tisch – keine dieser endlosen Wirtshaustafeln. Eine der anwesenden Damen schöpfte die Suppe auf, und dies wurde als Ehrenamt betrachtet, das der Reihe nach herumging, für welches aber einzig die verheirateten Frauen von dem bedienenden Kellner würdig befunden wurden. – Dieser Kellner war ein Original: seine Schlagfertigkeit wusste oft aus der Not eine Tugend zu machen, eine augenblickliche Verstimmung in Scherz aufzulösen. Mit was für schlauem Lächeln antwortete er auf die Beschwerde: Sie haben mir ja kein volles Glas gegeben – mit »die Fliegen haben's ausgetrunken, Herr!« – Dadurch kam zu dem patriarchalischen Element unserer Wirtshaustafel noch ein leicht demokratischer Anstrich. Wie liebenswürdig nahm man das aber auf! Es war eben Niemand da, der seine Würde herausbeissen wollte, sich grossthun, sein Geld, seine Toiletten zeigen und bewundern lassen. Wir waren sehr harmlos und doch, wie oft gab es Gespräche der anregendsten Art. Welche Lebenserfahrung und welchen praktischen Sinn fand man bei »unseren Herren«; welchen Witz und Humor bei den Frauen der Gesellschaft! Zu welchem Spass gab es Anlass, dass wir zehn Damen zuletzt alle zusammen nur noch »einen Mann« besassen, und welche Neckereien flogen dabei hinüber und herüber. Oftmals in diesem Hin und Her von Witz und Sinn, im Kreise tüchtiger Menschen, in diesem Lande des Sturmes und Trotzes schweiften mir die Gedanken ab in die Geschichte: der hatte diese starke, ostpreussische Rasse auch ihren Stempel aufgedrückt, und ich verstand, dass die Erhebung in den Freiheitskriegen von Ostpreussen ausgegangen war. Aus solchen Gedanken riss mich dann oft ein helles Lachen, ein fröhliches Geschichtchen. So einmal folgendes: Die ostpreussischen Kiefernwaldungen wurden von einer schädlichen Raupe bedroht. Die Regierung erliess sofort Bestimmungen, die aber etwas vielfältig und dunkel gewesen sein sollen. Diese Bestimmungen wurden unter anderen auch einem samländischen Gutsbesitzer zugestellt. Der Mann war, wie man sagte, ein Original – letztere scheinen in Ostpreussen häufig zu sein. Nach Verlauf der festgesetzten Frist erscheint der Regierungsabgesandte bei dem Original. »Alle Massregeln befolgt?« – »Zu Befehl.« – »Die Raupen tot?« – »Ganz tot.« – »Das ist ja ein Wunder; wie haben Sie das fertiggebracht?« – »Ich nahm die Regierungsvorlage, ging in die Kiefernschonung, las sie dort laut vor – und alle Raupen haben sich darüber totgelacht.«

Das ist nur ein Beispiel von vielen, und schon verliert es, gedruckt, von seiner Frische; um wie viel mehr dann die Gelegenheitswitze, die Anspielungen und Augenblicksantworten, welche eine Tafelunterhaltung den Bekannten so anziehend, dem Aussenstehenden aber so langweilig machen. Diese wiederzugeben, muss ich verzichten, den Ort selbst aber kann ich nicht genug loben: seine Einrichtungen, seine Umgebung, seine Badegäste passen für anspruchslose Menschen, für Naturschwärmer, für gute Fussgänger und Einsamkeitsfreunde. – Rauschen ist daher auch ein ängstlich gehüteter Schatz Ostpreussens, siehe die schlechten Verbindungen. Rauschen ist demnach dem Modemenschen ein Gräuel, dem Verwöhnten ein Abscheu, dem Eroberungslustigen eine Wüstenei. Den Kindern der Welt ist es eine Hölle, den Träumern, Poeten, Malern, Denkern, den Naturmenschen aber ein Paradies. Wie voll dies die Rauschener Badegäste empfinden, beweist ein kleiner Vers, der, verfasst von einem begeisterten Bewunderer, dort von Hand zu Hand, von Lippe zu Lippe ging:

»Mein Rauschen, prächtige Margell,
Lass' dich nicht stutzen zur Mamsell –
Frei bleibe Fuss und Stirne,
Urwüchs'ge Fischerdirne!«

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