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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 33
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Die Bedeutung der Frauenfrage für das Familienleben.

Vortrag, gehalten im Frauenbildungsverein zu Cöln a. Rh. am 31. Januar 1896.

Geehrte Anwesende!

Gestatten Sie mir, ehe ich an den eigentlichen Gegenstand meines Vortrags gehe, Ihnen zu sagen, dass ich mit Freuden der ehrenvollen Aufforderung des Cölner Frauen-Vereins gefolgt, dass ich mit ganz besonderem Vergnügen nach Cöln gekommen bin, denn Ihre Stadt ist ein altes, grosses und reiches Gemeinwesen, es hat Intelligenz und es hat Mittel genug, was es als richtig erkannt hat, dann auch ein-, aus- und durchzuführen; wer die Cölner gewinnt, sagte ich mir, der kann sicher sein, dass wir dann nicht nur Worte wechseln, sondern auch Thaten sehen werden. Und auf Thaten kommt es heute vor allem an, denn die ganze moderne Frauenfrage ist in erster Linie eine Frage der bestehenden Not und der praktischen That.

Eine Frage der Not und eine Frage der That besonders im Familienleben. – Darüber will ich Ihnen heute keine akademische, gelehrte Rede halten, sondern die Gelegenheit benutzen, einmal einige der gewöhnlichsten Fälle, die das Familienleben bietet, mit Ihnen zusammen zu betrachten und Sie dann am Ende zu fragen: Glauben Sie nicht, dass hierdurch unsere Bestrebungen zur Lösung der Frauenfrage geholfen, gebessert, verhütet und bewahrt werden kann? Aber urteilen Sie selbst.

Ich denke mir in erster Linie ein reiches Cölner Bürgerhaus; der Mann ist Kaufmann oder Fabrikant, das Geschäft geht gut, das Geld fliesst herbei, und das Haus schmückt sich mit allem, was Industrie und Kunst hervorbringt. – Die Hausfrau, die Kinder leben in Wohlstand, in Luxus, ohne irgend welche Sorge um das tägliche Brot, ohne sich irgend einen Wunsch versagen, ohne sich Dienstleistungen und Handreichungen selbst thun zu brauchen. Solche Verhältnisse sind kein Hirngespinnst, das ich da aus der Luft greife: Gehen Sie über den Hohenzollern-, den Habsburgerring, da stehen sie, diese grossen, reichen und schönen Häuser, in denen man vor des Lebens Not so sicher geborgen scheint. – Und nun setzen Sie den Fall, ein Unglück kommt über dies reiche Haus, der Familienvater stirbt. Dann steht die Frau allein, und in dem Augenblick, wo sie allein steht, legt ihr die Frauenfrage, wie eine ernste Freundin, die Hand auf die Schulter und sagt: Du gehörst mir, du magst wollen oder nicht. Und manche von uns, geehrte Anwesende, hat diese Hand auf ihrer Schulter schwer gefunden.

Die reiche, verwöhnte Frau steht also plötzlich allein, und es treten mit einem Male Fragen an sie heran, von denen sie bis dahin nie etwas geahnt. Nehmen wir an, die Verhältnisse seien in glänzender Ordnung und für die Zukunft der Witwe und der Waisen völlig gesorgt, so befindet sich die alleinstehende Frau nichts destoweniger in einer quälenden Lage. – Eine Flut unbekannter Geschäfte ergiesst sich über sie; von heute auf morgen soll sie sich mit den verwickelten Verhältnissen unserer modernen Welt befreunden, soll angeben, was zu thun ist, während sie die Sachlage doch oft gar nicht übersieht, soll Ja oder Nein sagen in Fällen, die sie nicht kennt, soll Dokumente unterzeichnen, deren Inhalt ihr unverständlich ist. – Das ist eine schwere Aufgabe, wenn man bisher fast gar nichts von Wechseln und Cheques, von Steuern und Abgaben, von Erbschaftsangelegenheiten, Vormundschaftssachen und Fabrikleitung gewusst hat.

Dann kommt zu dem Schmerz um den Verlust, den die Frau schon sowieso Tag und Nacht mit sich herum trägt, noch das Gefühl einer ungeheuren Hilflosigkeit, einer Angst vor allen diesen unverständlichen Verhandlungen, eine Furcht, das Interesse der Kinder nicht genügend wahren zu können, ein Misstrauen gegen den vielfachen Rat, der von allen Seiten entgegen gebracht wird. – Nein, selbst eine Witwe in guten Verhältnissen ist heute nicht beneidenswert. – Sie lesen ja alle das Französische mit Leichtigkeit, nehmen Sie doch einmal les Corbeaux von Henri Becques vor. Es ist eine meisterhafte Schilderung der hilflosen Lage einer Frau nach dem Tode ihres Mannes.

Sie werden mir nun einwenden, dass eine solche reiche Frau durchaus nicht ohne Freunde, Ratgeber und Helfer dasteht. Ganz recht. – Sind diese Freunde aber immer zuverlässig? Darauf wird Ihnen jedes Obervormundschaftsgericht ein Nein antworten. Sind sie immer selbstlos? Darauf mag jeder von uns nach seinen eigenen Erfahrungen antworten. Ganz abgesehen aber davon: da das Schicksal uns Frauen nun doch einmal zu Witwen werden lässt und uns in Lagen bringt, wo Not am Mann ist, wo wir Welt- und Geschäftskenntnis brauchen, wo wir selbständig handeln sollten – wäre es da nicht gut, wir könnten in solchen Verhältnissen unseren Mann auch stehen, wir besässen Welt- und Geschäftskenntnis, statt von Herodes zu Pilatus laufen und rechts und links Rat, Beistand und Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen? Glauben Sie nicht, dass wir unsern Schmerz leichter und zugleich auch würdiger trügen, wenn wir uns sagen könnten: Ich handele selbständig nach bestem Wissen im Sinne des geliebten Toten und zum Wohl der Kinder? Ich glaube es.

Und sehen Sie – nicht nur bei der Auflösung der Verhältnisse, bei der Ordnung der Angelegenheiten fehlt den Witwen heute die Welt- und Geschäftskenntnis, nein auch bei der nun folgenden Erziehung der Kinder, besonders der Knaben. – Die brauchen eine feste Hand und für ihr Berufswohl eine intelligente Leitung. Gewiss, wir haben Beispiele von Männern, die von ihren verwitweten Müttern allein zu tüchtigen Menschen erzogen worden sind; dann waren diese Mütter von vorne herein Charaktere, noch gestählt durch die Not und das Muss des Lebens. – Es giebt aber sehr viele Menschen, Männer wie Frauen, die keine Charaktere sind; dem Mann hilft meist die Erziehung durchs Leben zu einer gewissen Festigkeit; bei der Frau der reichen Stände fehlt diese Schulung durchs Leben fast gänzlich. Das Schicksal aber fragt nicht danach, ob eine solche unselbständige Frau ihren Söhnen ein genügender Erzieher, ein weiser Berater sein wird. Es nimmt ihr den Mann ebenso mitleidslos wie der charakterstarken Frau, und sie muss dann zusehen, wie sie mit ihren Knaben fertig wird, wie sie sich Gehorsam und Achtung verschafft, wie sie – die vom Leben nur sehr wenig kennt, sich Autorität verschafft, den heranwachsenden Knaben an Versuchungen vorüberführt, die sie nur ganz schwach ahnt, den richtigen Beruf für ihn herausfindet – obgleich sie für gewöhnlich nur ganz unbestimmte Begriffe von dem hat, was man werden kann und so mit ihren schwachen Kräften einen tüchtigen Menschen macht. – Glauben Sie, geehrte Anwesende, wenn wir Frauen heute unserer Aufgabe, tüchtige Menschen zu erziehen, oft nicht gewachsen sind, es liegt nicht an uns allein, vor allem nicht an unserem guten Willen, sondern in erster Linie an unserer jammervollen, unzureichenden Erziehung, die uns auf diesen hohen Beruf so wenig vorbereitet.

Nun habe ich Ihnen bisher aber noch einen sehr günstigen Fall von Witwenschaft gezeigt, in dem es keine Geldsorgen gab. – Setzen wir den Fall, mit dem Tode des Mannes geht nicht nur das eheliche Glück, sondern auch der äussere Wohlstand, vielleicht sogar der ehrliche Name, dahin. – Dann werden die Verhältnisse erst verwickelt, denn dann heisst es für die Frau selber Brot schaffen. Und das ist nicht leicht, denn, in reichen Verhältnissen aufgewachsen, was haben wir gelernt? Kaum einen Haushalt selbständig führen und im übrigen nur Dilettantenkünste, Musik, Malen, fremde Sprachen, Sticken etc.

Das ist für gewöhnlich die Erziehung nicht nur der Mutter, sondern auch der Tochter in einer reichen Familie gewesen. Und auf diese Tochter bitte ich Sie, jetzt Ihre Aufmerksamkeit zu richten. – Das junge Mädchen, welches mit dem Tode des Vaters, nicht nur den Vater, sondern auch Reichtum und gesellschaftliche Stellung verliert, das gehört noch weit mehr als die verwitwete Mutter zur Frauenfrage. Und daher ist es uns hier besonders interessant.

Für dieses junge, verwöhnte Mädchen beginnt nun eine harte Schule. – Denn, welches Lebensziel giebt man den jungen Mädchen unserer reichen Familien? Eine den eigenen Verhältnissen entsprechende Heirat, was man landläufig eine »gute Partie« nennt. – Unsere reichen, jungen Mädchen müssen also in dem Gedanken aufwachsen, dass ihr Dasein ein müheloses, ihre Zukunft eine glänzende sei, dass ihnen das grosse Loos zufallen und eines schönen Tages der Prinz Charmant sein Dornröschen holen kommen werde. – Das ist so, und es kann nicht anders sein.

Und nun denken Sie sich das Erwachen aus diesem goldenen Traum. – Von heute auf morgen hat sich alles geändert, man ist keine »gute Partie« mehr, man gehört zu den Unversorgten, man muss sich selbst bedienen, sich selbst helfen, seine Ansprüche bescheiden, seine Toiletten ändern. – Die erste Rolle ist ausgespielt, man tritt von der Bühne und fühlt sich als Aschenbrödel.

Es heisst einen Beruf ergreifen. Welchen? Ich erwähnte bereits, dass unsere reichen, jungen Mädchen nur in den seltensten Fällen eine Fähigkeit so ausgebildet haben oder eine Fertigkeit so besitzen, dass sie sich damit ihr Brot verdienen können. Da wird denn der Familienrat berufen, und plötzlich wird allen Beteiligten, die sich bis dahin wenig um die Versorgung der unbemittelten Frau gekümmert haben, klar, dass, ausser dem Lehrfach, für junge Mädchen aus guten Häusern kein Beruf ergreifbar ist. Doch auch Lehrerin wird man nicht von heute auf morgen; vor 50 Jahren war das leicht; da wurde kein Examen verlangt: anständiges Herkommen, eine Empfehlung des Pfarrers oder Predigers, einige häusliche Studien genügten. Heute findet ein junges Mädchen ohne Examen schwerlich mehr eine Stelle als Lehrerin, – an einer Schule sicher nicht, in einer Familie auch nur ausnahmsweise; ja selbst Kindergärtnerin wird man heute nicht mehr, ohne eine Prüfung abgelegt zu haben. Das junge Mädchen wird sich also dazu bequemen müssen, ihre alten Schulbücher wieder hervorzuholen, die vergessenen Dinge durchzulesen, die Formeln und Regeln sich von neuem einzuprägen. Und dazwischen werden ihr die Tanzweisen ihres letzten Balles und die Abschiedsworte ihrer Verehrer klingen, und sie wird sich an den Kopf fassen, ob sie nicht einen bösen Traum träumt. – Nein, mein Kind, es ist leider kein Traum, es ist eine harte Thatsache und ein hartes Schicksal. Es dir leichter zu machen, wenn es kommt, es dir aussichtsvoller zu gestalten, wenn es da ist, deswegen sind auch unsere Bestrebungen zur Lösung der Frauenfrage da, die in der Hauptsache bedeuten: Erziehung jeder Frau zur Arbeit und womöglich zu einer Berufsarbeit. Denn keine von uns kann wissen, ob sie ihren Platz dauernd in der Familie hat und nicht an einer unvorhergesehenen Wendung ihres Schicksals unter die arbeitenden Frauen, unter die Haupttruppen der Frauenbewegung gerufen wird.

Denn der grösste Teil aller deutschen Frauen arbeitet heute und nicht erst heute, sondern schon seit Jahrhunderten um seinen Unterhalt. Die Verhältnisse liegen da etwa wie folgt: Von unserer deutschen Reichs-Bevölkerung gehören 75% dem Arbeiterstand an, 1% dem Adel-, 24% dem Bürgerstande. Nehmen wir nun an, dass das 1% adliger Frauen vor Not gesichert sei und nicht zu arbeiten braucht – was thatsächlich aber nicht der Fall ist, und nehmen wir an, dass von den 24% Bürgerfrauen 12%, d. h. die Hälfte, keine materiellen Sorgen hat, was eher zu hoch als zu niedrig gegriffen ist, so giebt das zusammen nur 13% nicht arbeitender, nicht erwerbender Frauen gegen 87% solcher, die zu erwerben und zu verdienen haben, d. h. von 100 Frauen, die Sie auf der Strasse treffen, sind nur 13 Rentner und Kapitalistinnen, dagegen 87 Unversorgte, Arbeiterinnen, Erwerbende. –

Daher giebt es denn im deutschen Reiche viele Familien, in denen es für natürlich und selbstverständlich gilt, dass auch die Tochter, und nicht nur der Sohn, einen Beruf ergreift und für sich sorgen lernt. Es sind dies in erster Linie die Familien des kleinen Bürgerstandes, der kleineren Beamten, der kleineren Gewerbetreibenden und der besseren Handwerker, alles in allem ein hochwichtiger Bestandteil unserer Nation, da die Zahl dieser kleinen Heimstätten eine sehr bedeutende ist. – Das junge Mädchen dieser Stände wird also nicht ausschliesslich in dem Gedanken an eine sie versorgende Heirat aufgezogen, obgleich es derselben durchaus nicht abgeneigt ist und auch nicht abgeneigt sein soll; es wird noch weniger in dem Glauben an eine müh- und arbeitslose Existenz aufgezogen, sondern es weiss, dass, verheiratet oder unverheiratet, leben für sie arbeiten heisst, ob arbeiten im Hause oder im Geschäft, gleichviel – es heisst arbeiten. Und das ist ein gesunder Zug in der sittlichen und geistigen Richtung unseres Mittelstandes; darin hat es moralisch etwas vor unseren reichen Bürgerständen voraus.

Das Mädchen und die Frau des Mittelstandes haben auch noch in anderer Hinsicht etwas vor den Frauen der höheren Gesellschaftsklassen voraus: Sie sind nämlich in der Berufswahl freier. – Sie können, ohne sich etwas zu vergeben, auch andere Erwerbszweige wählen, als wie die – bereits so überfüllten und oft so unbefriedigenden der Lehrerin, Erzieherin, Gesellschafterin und Kindergärtnerin. – Sie können ruhig und ohne Anstoss Ladenmädchen, Verkäuferin und Kassiererin werden, Empfangsdamen und Retoucheuse, vor allem aber können sie die beiden einträglichsten, weiblichen Berufe, den der Schneiderin und Putzmacherin, ergreifen. Sie können in den Geschäften ihrer männlichen Angehörigen eine Stellung ausfüllen, können sogar eine bedeutende Rolle darin spielen und sich endlich selbständig machen. – Das alles sind grosse Vorzüge, die die Frau des deutschen Mittelstandes geniesst.

Die Frage ist nun: Hat sie dieselben auch gehörig ausgenutzt? Ist sie, die zum Arbeiten Gezwungene, ein tüchtiger, zuverlässiger, im Familien- und öffentlichen Leben anerkannter Arbeiter geworden? Mit einem Worte: vertritt die arbeitende Frau des deutschen Mittelstandes ihre Berufs- und Standesinteressen wie ihre männlichen Angehörigen die ihren vertreten?

Darauf ist die Antwort ein rundes Nein. – Obgleich die Mädchen und Frauen unseres Mittelstandes zur Arbeit erzogen werden, erzieht man sie doch nicht genügend, nicht ausreichend dazu. – Niemand lehrt sie heute, dass die Arbeit, die sie leisten, eine Ehre ist, dass sie, die Kleinen, als Pioniere da voran gehen, wo die anderen bald nachfolgen werden, dass sie in ihrer grossen Zahl und Masse, ohne es zu wissen und zu wollen, den bedeutendsten Teil der Frauenfrage bilden. Niemand hat ihnen bisher gesagt: Ihr seid der Teil eines grossen Ganzen, ihr müsst zusammenstehen, ihr müsst Korpsgeist haben, ihr müsst Verbände und Vereine bilden, ihr müsst Fachschulen gründen, ihr müsst Zeitungen und Zeitschriften lesen, um euch auf dem Laufenden zu halten, um stets das Beste und Neueste eures Berufs zu kennen. Weit davon, die Mädchen und Frauen dieser Stände haben fast gar keinen Korpsgeist und wissen sehr wenig von den grossen Entwickelungen der Welt; sie betrachten sich, jede als eine einzelne, die ihr Schiffchen möglichst bald in den Hafen zu bringen sucht und nicht viel danach fragt, wie es den anderen Fahrzeugen zur rechten und zur linken ergeht.

Sie bringt gemeinhin nur die Bildung einer Volks- oder Mittelschule für ihren Beruf mit; sie betrachtet ihren Erwerb manchmal nur als einen Zuschuss oder ein Taschengeld, sie ist sich nicht darüber klar, dass sie dadurch den Lohn derjenigen herunterdrückt, die von ihrer Arbeit ganz und gar leben müssen, sie weiss nicht, dass sie damit ein soziales Unrecht begeht. Sie sieht ihr Erwerbsleben oft nur als eine Leidenszeit, ein Martyrium an, das sie hinnimmt, um sich das Paradies der Ehe zu gewinnen; sie ist daher an ihrer Stelle oft weder strebsam, noch ehrgeizig, wie ein junger Mann es sein würde; sie will gar nicht vorwärts kommen. Sie begnügt sich und bescheidet sich, und daher kommt es, dass die arbeitende Frau des Mittelstandes in fast allen ihren Erwerbsfächern ausgenutzt, ausgesogen, schlecht bezahlt, überanstrengt wird. – Sie hat keine Kraft sich zu verteidigen – ist eine einzelne, eine Isolierte. In unserer modernen Welt aber wird nur der Starke geachtet; die arbeitende Frau des deutschen Mittelstandes ist aber nicht stark.

Wie traurig die Verhältnisse dort aussehen, darüber giebt Ihnen eine Broschüre Auskunft: Die Frau im Handel und Gewerbe von J. Meyer und Silbermann, 1895 bei Taendler in Berlin erschienen. Sie zeigt aufs deutlichste, wie viel durch tüchtigere Berufsbildung und durch Aufklärung über die grossen, sozialen Fragen, endlich durch eine verständige Organisation bei den Frauen des deutschen Mittelstandes noch zu leisten ist. – Ihr Leben ist heute kein leichtes, ihre Aussichten sehr geringe; da haben unsere Bestrebungen zur Lösung der Frauenfrage einzusetzen, damit es dort Licht werde.

Denn das deutsche Frauenleben und damit auch das deutsche Familienleben ist weit davon entfernt, nur Licht zu sein, und je tiefer wir steigen, desto tiefer werden auch die Schatten. Wir haben uns die Bürger- und die Kleinbürgerfamilie angesehen; gehen wir jetzt zur Arbeiterfamilie, und sehen wir, was die Frauenfrage dort zu leisten hat. – Geehrte Anwesende, alles hat sie hier zu leisten. Gehen Sie einmal hinaus nach Kalk, Ehrenfeld, Nippes und Bickendorf. Viele von Ihnen werden die Zustände dort schon aus Armenbesuchen kennen. Ihnen werden aber jedesmal wieder die Haare zu Berge stehen vor der Arbeit, die da zu leisten ist. Das kommt, weil im vierten, im Arbeiterstande die Frau nicht nur Frau und Mutter, sondern fast immer auch noch Arbeiter sein muss und nicht das Geld hat, sich für ihre häuslichen Pflichten, die sie nicht erfüllen kann, eben weil sie in die Fabrik muss, bezahlte Kräfte zu halten. – Da draussen in Kalk, Ehrenfeld und Nippes, meine Damen, da heisst die Frauenfrage am besten die soziale, die Arbeiterfrage; da heisst es folgendes Rätsel lösen: Wie machen wir es möglich, dass die Arbeiterfrau im Hause bleiben kann, um nach den Kindern zu sehen, um das Haus rein zu halten, um die Kleider zu flicken; wie kann es geschehen, dass dieses arme, überlastete Weib, das doch vor Gott unsere Schwester ist, von der Hälfte seiner Lebensbürde entlastet wird?

Wie machen wir es möglich, dass die Kinder in diesen Fabrikvorstädten eine andere Erziehung als die Erziehung der Gasse, der Gosse und der Schenke erhalten? Wie bringen wir es fertig, dass die Mädchen eine ordentliche, häusliche Unterweisung empfangen, dass sie es lernen mit wenig auskommen, sparen, den kleinen Besitz zusammenhalten und die Familie vor Not und Schande bewahren?

Nun, geehrte Anwesende, dazu sollen Sie helfen, Sie die Bürger und Bürgerinnen einer grossen, reichen und thatkräftigen Stadt. Die Arbeit liegt vor Ihrer Thür, weigern Sie sich derselben nicht. Helfen Sie, die Sie reich, glücklich und oft nicht voll beschäftigt sind, dass dank der Bestrebungen zur Lösung der Frauenfrage unser gesamtes, deutsches Familienleben ein schöneres und reicheres wird. –

Wenn Sie es nicht für sich selbst brauchen, so treten Sie der Frauenbewegung um der anderen willen bei. Um der Arbeiterfamilie zu helfen, gründen Sie in erster Linie Kinderhorte. Ich glaube nicht, dass Sie solche Einrichtungen hier haben. In meiner Vaterstadt Danzig, wo seit fünf Jahren ein Frauenverein besteht, ist dieser Hort eine der segensreichsten Schöpfungen. – Sein Zweck ist, mit Beihilfe der Volksschullehrer und -lehrerinnen diejenigen Kinder zu ermitteln, die zu Hause besonders schädlichen Einflüssen ausgesetzt sind; sie des Nachmittags in einem entsprechenden Raum zu versammeln, in Ruhe ihre Schularbeiten machen zu lassen, sie Anstand und Sitte zu lehren, sie spazieren zu führen, zu belustigen und vor allem sie von der Strasse fern zu halten, wo sie meist wenig Gutes lernen.

Mit diesem Kinderhort soll eine Haushaltungsschule verbunden sein, d. h. eine Unterweisung im Kochen der einfachsten Gerichte, im Verwerten der Reste, im Ausführen, Anordnen und Disponieren häuslicher Arbeiten gegeben werden. Zu einer vollständigen Haushaltschule gehört Geld. Meine Vaterstadt, in den letzten zwanzig Jahren von grossen, handelspolitischen Schlägen getroffen, hat uns seinerzeit die nötigen Summen nicht geben können. Bei Ihnen aber blüht der Handel; wenn Sie hier eine Haushaltschule für Mädchen des Arbeiterstandes begründen wollen, es wird Ihnen nicht daran fehlen, und Sie haben sich nur mit der Haushaltschule in Marienburg oder der trefflichen Frau Kommerzienrat Heyl in Charlottenburg in Verbindung zu setzen, um den besten Rat zu erhalten und dann frisch zur That schreiten zu können.

Aber damit nicht genug – Sie können noch anderes für die Frau des Arbeiters und des Mittelstandes thun. Gründen Sie Fachschulen für Dienstboten oder, wie man heute sagt, für Hausbeamtinnen; eine solche besteht bereits in Tübingen unter der Leitung von Frau Professor Weber, Sie haben also ein Vorbild, und in einer Zeit, wo so allgemein über die hohen Ansprüche und niedrigen Leistungen der Dienstboten geklagt wird, scheint mir eine solche Schule kein nutzloses Unternehmen. – Endlich – und das ist mein Lieblingsgegenstand – sollte sich nicht jemand unter Ihnen finden, der die weibliche Jugend der arbeitenden Stände lieb genug hat und tief genug versteht, um sie an Sonntagen zu Vergnügen und Lustbarkeit zu versammeln? Unsere jungen Mädchen aus dem Arbeiter- und Mittelstand sind doch auch jung und wollen sich amüsieren; viele aber finden ehrbare und gefahrlose Gelegenheit dazu nicht. Da ist es denn wahrlich eine dankbare Aufgabe, sich die Herzen dieser weiblichen Jugend zu gewinnen, die zuerst durch den Standesunterschied bedrückt und etwas misstrauisch gemacht, doch bald sich froh und ungezwungen geben lernt und gerne zu diesen zwanglosen Unterhaltungen kommt, wo die Reichen im Geist von ihrem Überfluss mitteilen und ein geselliger Verkehr der Frauen aller Stände angebahnt wird. – Man hat solche Sonntagnachmittage in Danzig eingerichtet, und ihr Erfolg, ihr Einfluss ist ein erstaunlicher. –

Wenn Sie sich diesen praktischen Lösungen der Frauenfrage zuwenden, geehrte Anwesende, wenn Sie solche Einrichtungen schaffen, die sich eng an das Leben der Familie anschliessen, so werden Sie sehr bald sehen, dass Sie mit Ihrem eigenen Wissen und Können nicht immer auskommen, und Sie werden sich bald an Ihre Männer oder überhaupt an Männer wenden, die die thatsächlichen Verhältnisse der Welt besser kennen. – Und ich werde das mit Freuden begrüssen, denn eine der schönsten Seiten der Frauenfrage ist es ja, dass sie ein gemeinsames Arbeitsgebiet für beide Geschlechter bietet. Ihr eigenes Leben, meine Damen, wird aber dadurch nicht ärmer werden, dass Sie mit Ihrem Mann oder mit Männern überhaupt sachliche Interessen teilen und der Welt Bürde tragen lernen. – Das ist ein Vorteil, den Sie von Ihrer Beschäftigung mit der Frauenfrage gewinnen werden.

Ein anderer wird es sein, dass Sie sich zugleich auch der Mängel bewusst werden, die unserer heutigen Frauenerziehung überall anhaften, dass Sie bald selbst nach mehr Tiefe und Gründlichkeit, nach mehr praktischer Lebenskenntnis und grösserer Selbständigkeit verlangen werden, als wie die heutigen Schulprogramme sie uns zugestehen; dass Sie nicht aufhören werden, mit uns: Reform der Mädchenschulen! zu rufen, so lange und so dringend, dass der Staat uns endlich hören muss. – Endlich der dritte Vorteil, der Ihnen meiner Ansicht nach aus der ernsten und praktischen Beschäftigung mit der Frauenfrage erwachsen muss, ist eine Erweiterung des ganzen Gesichtskreises und der Weltanschauung: Sie werden mit Gründungen anfangen, die sich eng, oh ganz eng an die Bedürfnisse der Familie anschliessen, und langsam, nach und nach werden Sie zu der Einsicht kommen, dass jede von Ihnen und jede einzelne Familie nicht ein für sich bestehendes, losgerissenes Atom, sondern dass jede von Ihnen, jede einzelne Familie ein lebender Teil des grossen Ganzen, des deutschen Staates ist, und dass nichts in diesem Staat geschehen kann, was nicht auch jede von Ihnen und jede einzelne Familie berührte; dass die grossen, sozialen Fragen, die politischen Entwicklungen an keinem von uns spurlos vorübergehen, sondern dass jede von uns und jede einzelne Familie ihre Opfer oder ihre Sieger sind. – Doch das ist noch weit hin; für heute lassen Sie mich mit dem Wort von Ihnen scheiden: Wenn jemand Sie fragt, was die Frauenbewegung will, antworten Sie: die Frauen tüchtiger machen. Wer wollte dann wohl etwas dagegen haben?

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