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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 32
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Maria Deraismes.

Frauenbewegung, 1. Dezember 1895.

Es war ein seltenes Fest, das am 12. Oktober dieses Jahres in Pontoise, der hübschen, kleinen Provinzstadt, gefeiert wurde: es galt einer Frau und zwar als Bürgerin, als politischer Vorkämpferin. – Ich hatte drüben in Amerika so von Frauen sprechen hören, wie man hier von der heimgegangenen Maria Deraismes sprach; ich hätte mich nicht gewundert, wenn man in der neuen Welt einer »Bürgerin« ein Standbild errichtet. Hier aber in dem alten, vorurteilgespickten Europa, zwischen den Dornenhecken geschichtlicher Überlieferung – ich traute meinen Sinnen kaum, als sich folgendes Schauspiel vor ihnen entwickelte: Musik an der Spitze, begab sich ein bunter Zug durch Pontoise bis zu der neuen Strasse, die den Namen »Rue Maria Deraismes« empfangen sollte; dann wanderte derselbe Zug nach dem Marktplatz, wo bei den Klängen der Marseillaise die Portraitbüste Maria Deraismes enthüllt wurde, und dann von der Tribüne aus der Bürgermeister von Pontoise, der Senator, der Deputierte des Departements, persönliche Freunde und Vertreterinnen der gemischten Freimaurerlogen das Wort ergriffen; wo unter dem strahlenden Herbsthimmel die Bürgerin, die Patriotin, die Republikanerin gefeiert wurde. Wahrlich ein seltener Akt, selten gebrauchte Worte in unserer alten Welt. – Und während diese ungewohnten Ausdrücke um mich wiederholt wurden, betrachtete ich aufmerksam den Bronzekopf da vor mir. Das war ein hochbegabter und sehr unglücklicher Mensch gewesen, den die Bildhauerin Mme. Block da hingestellt: ein durch und durch gescheiter Kopf, aber um den Mund eine so spöttische Resignation, und die Augen in's Weite, in's Weite. – Ich wusste nicht viel von Maria Deraismes, als ich herauskam; der Bronzekopf machte mich aber begierig. Und so will ich versuchen, die Frage zu beantworten, die Sie sicher schon auf den Lippen haben: wer ist denn Maria Deraismes? Oder besser: wer war Maria Deraismes? Denn sie ist 1894 gestorben. Und schon ein Denkmal? werden Sie sagen. Ja, schon ein Denkmal. Aber die zweite Frage löst sich mit der ersten. Wer war Maria Deraismes? – Ein reiches und sehr begabtes Mädchen aus der guten, französischen Gesellschaft, ein Mädchen, das, in Pontoise ansässig, dort einen schönen Landsitz und bedeutendes Vermögen hatte, das gewiss mehr als einmal begehrt und verlangt wurde; das – für alle schönen Künste begabt, der Versuchung eigentlich hätte unterliegen müssen, sich mit dem Dilettieren in eben allen diesen schönen Künsten zu begnügen; ein Mädchen, das für die Rolle der Weltdame und der vornehmen Müssiggängerin wie vorbestimmt schien. – Aber es war etwas in ihr, das sie aus diesen traurigen Halbheiten in eine ernste Thätigkeit rief: ihr bedeutender Verstand. – War es der tägliche, nahe Verkehr mit den Bewohnern der kleinen Stadt, der ihr die Augen für die Not des Lebens öffnete? War es die Berührung mit Politikern und Denkern? Vielleicht beides. Daher dauerte es nicht lange, und Maria Deraismes begann über diese beste aller Welten nachzudenken und wurde sich bewusst, dass sie eine politische Rolle in ihrem Vaterland zu spielen habe. –

Im Jahre 1829 geboren, war sie unter dem zweiten Kaiserreich bereits ein bewusster Mensch und damals bereits eine überzeugte Republikanerin – und sie verlangte die Republik für alle – auch für die Frau: politische und bürgerliche Gerechtigkeit für die Hälfte des Menschengeschlechts, das war Maria Deraismes Forderung. –

Wie sollte sie die geltend machen? Das war die grosse Frage. Und wie oft, wie oft mag die klardenkende und willensstarke Frau über die grosse Ungerechtigkeit empört gewesen sein, die sie – unter dem Kaiserreich noch mehr als der Republik – von jedem direkten Anteil an der Politik ausschloss. Sie, mit all' ihrem Wissen, all' ihren Fähigkeiten, all' ihrem Vermögen, ihrer Begeisterung und Vaterlandsliebe konnte nie und nimmer Abgeordneter werden. Dafür waren die Zeiten nicht reif. Sie ergriff also die zwei Wege, die ihr blieben, um etwas zu erreichen: Wort und Schrift. –

Unter dem Kaiserreich war es einer Frau nicht gestattet, politische Gegenstände öffentlich zu besprechen. Damals nun wurde Maria Deraismes von Léon Richer dazu aufgefordert, der den Saal von der Polizei erbat und dann die »Patriotin« den Vortrag halten liess. – Unter der Republik hatte sie hierin freie Hand, und liess es sich nicht nehmen, bei den Wahlen in ihrem Departement – Seine et Oise – in öffentlichen Versammlungen, die sie anberaumte, ihr Wort mitzusprechen. Sie hat eine grosse Zahl solcher öffentlicher Reden gehalten, teils politischen, teils sozialen Inhaltes, und allen ist der Zug gemeinsam, dass sie sozusagen auf der Bresche gehalten worden sind, aus dem täglichen Leben heraus für das Leben des Tages berechnet.

Auf diese Art sind Maria Deraismes Schriften in der Hauptsache nur ihre gedruckten Reden. Von letzteren existieren vorläufig 3 Bände: Eine Gesamtausgabe ist seit 1895 im Gange. Paris bei Alcan, der I. Band ist soeben erschienen.

Le droit de l'Enfant
L 'Epidémie Naturaliste
Paris Dentu
Ève dans l'humanite
Paris Sauvaître 1891

Von Büchern 2:

France et Progrès.
Nos Principes et nos Mœurs
Paris Société des Gens de Lettres

Die Reden sind den Büchern entschieden überlegen. Man merkt es, Maria Deraismes war der geborene Volkstribun, sie brauchte den gefüllten Saal, die Berührung mit den Massen, um ihr Bestes zu geben. Sie musste wirken können, handeln, antreiben. Schöner, energischer Charakter! Man spricht dich der Frau ab, und wenn sie ihn hat, so muss er brach liegen, oder sich auf Umwegen eine Pseudothätigkeit schaffen. Immer wieder drängt sich mir dann die Frage auf: Was hat Maria Deraismes leiden müssen, als sie, die Begabte, die Patriotin, die Herrschende, sich mit all' ihren Fähigkeiten so kalt gestellt sah; als ganz andere Leute, grobe Mittelmässigkeiten und gemeine Berechnungen in das Abgeordnetenhaus stiegen, einfach weil sie ein Männerkleid trugen und niemand weiter fragte, ob nicht etwa der Wolf oder der falsche Prophet darin stecke. – Und Maria Deraismes war noch eine verhältnismässig begünstigte Frau: reich und mit einflussreichen Verbindungen versehen, konnte sie sich wenigstens jene Pseudowirksamkeit schaffen, die darin besteht, einen Salon zu eröffnen, Abgeordnete zu empfangen und durch sie – indirekt – die Gesetzgebung zu beeinflussen. – Das kann man nur in Maria Deraismes Stellung. Die Natur aber bindet ihre Gaben nicht an die gesellschaftliche Stellung; daher können wir getrost annehmen, dass eine grosse Menge politischen und rednerischen Talents, sehr viel Antrieb zum Guten, sehr viel reine Begeisterung und heilsame Führung der Menschheit verloren gegangen ist, weil unter ungünstigen Bedingungen eine grosse Zahl Maria Deraismes im Keim erstickt, in engen Verhältnissen zu Grunde gegangen, verbitterte, alte Mädchen, zänkische Hausfrauen geworden sind, deren Begabung keinen Ausweg fand. –

Ich weiss nicht, ob Sie den Roman von Georges Meredith: »Diana of the Crossways kennen«? – Der behandelt ein solches Thema: eine glänzend begabte Frau, die von sich selber sagt: »I was borne an active« – »ich war zum Handeln geboren« und die nun einmal zum politischen Handeln nur indirekt – durch Männer – kommen kann. Das Buch ist durchaus zeitgemäss.

Und dieser Umstand, dass eine Frau bis jetzt ihr politisches und Organisationstalent, ihre sozialen Anschauungen, ihre rednerische Begabung nie am zuständigen Ort, nie in der grossen Arena, nie direkt verwerten und anbringen kann, ist wichtig genug, um dabei noch einen Augenblick zu verweilen. – Er tritt in eine eigentümliche Beleuchtung, wenn man ihn mit folgendem Fall zusammenstellt:

Die höheren, französischen Mädchen- und Knabenschulen tragen sämtlich berühmte Namen; für die Jünglinge hat man Henri IV, Louis le Grand, Condorcet, Carnot gewählt; den Jungfrauen hingegen Racine, Fènelon, Molière, Sévigne überlassen. – Nun sollen neue Mädchenschulen benamst werden, und plötzlich zeigt sich eine erschreckliche Dürre an Taufpaten. Jeanne D'Arc, Charlotte Corday, Madame Roland? Ach nein, man schreckt davor zurück, das hiesse ja gleich ein Amazonenkorps gründen, so mutig will man die zukünftigen Mütter nicht. Nun dann die anderen grossen Frauennamen der französischen Geschichte oder Litteratur. George Sand, Maintenon, Pompadour ... Sofort erhebt sich Widerspruch: das Privatleben dieser Frauen. Sie waren begabt, intelligent, aber entweder im allgemeinen von freien Sitten, oder ganz offenkundig die Maitressen der Könige, und dieses Beispiel ... ich brauche nicht fortzufahren. – Ich glaube, unter sämtlichen bedeutenden Frauen Frankreichs ist ausser Madame de Sévigné nur noch Madame de Staël in puncto Moral ganz einwandsfrei. – Diese Thatsache muss doch ihren Grund haben, und er liegt meiner Ansicht nach in Folgendem: Frauen, die wie George Sand litterarisch etwas leisten wollten, die mussten das Leben kennen lernen, und das konnten sie nur, indem sie sich durch freie Sitten einen weiten Spielraum schafften; Frauen, die sich zu politischer Wirksamkeit berufen fühlten, die Ehrgeiz hatten, wie Madame de Maintenon und Madame de Pompadour, die mussten ihr Ziel auf Umwegen erreichen, die mussten erst einen Mann gewinnen, ehe sie ihre Stellung fanden, und so wurden sie die Maitressen des Königs, wurden es selbst, wenn sie von so lehrhaftem Temperament waren wie Frau von Maintenon oder so kalt wie Madame de Pompadour, die sich zu der notwendigen Sinnlichkeit ihrer Rolle erst zwingen musste. – So haben unterdrückter, weiblicher Ehrgeiz, unterdrückte, weibliche Begabung wunderbare Formen und oft verhängnisvolle Gestalten angenommen. Leider haben wir heute weder eine Geschichte, noch eine Kulturgeschichte, die dies aufdecken, und doch Hesse sich daraus unendlich viel lernen. Nun, vielleicht wächst uns heute schon die junge Geschichtsforscherin heran, die diese Aufgabe lösen wird.

Wie die Sachen aber einmal liegen, können wir froh sein, dass sich unter den etwas liberaleren, französischen Zuständen wenigstens eine Gestalt wie Maria Deraismes hat entwickeln können. – Nachdem sie in den letzten Jahren des Kaiserreichs – sie zählte damals etwa 40 Jahre – zuerst und mit grossem Erfolg als Rednerin aufgetreten war, gründete sie eine Zeitung. – Als der Krieg hereinbrach und Frankreich in einer traurigen Unfertigkeit dastand, war sie es, die nach Verkündigung der Republik mit Eifer an die Herstellung einer bessern Weltordnung ging. Ihr Programm war sehr einfach. Die junge Generation ist unsere Hoffnung, diese muss gestärkt und geschützt werden, daher Maria Deraismes Schrift: »Le droit de l'enfant«, in welcher sie Schutz der Kinder gegen barbarische Eltern verlangt, allgemeinen, obligatorischen Schulunterricht – er wurde in Frankreich erst 1882 eingeführt – die Anerkennung der unehelichen Kinder, d. h. Aufhebung des französischen Schmachparagraphen: »la recherche de la paternité est interdite« – endlich Beschränkung der Kinder- und Frauenarbeit in den Fabriken.

Der zweite Grundsatz Maria Deraismes war: Die ganze heutige Welt krankt an einer systematischen Übersehung und Nichtbeachtung der Frau; daher wird aller Fortschritt gehemmt. – Wie traurig die Lage der Frau im heutigen Frankreich (und sagen wir getrost in der ganzen zivilisierten Welt) ist, das nachzuweisen bemühte sich Maria Deraismes in ihren gesammelten Reden: »Ève dans l'humanité.« – Die Stellung der Frau in der Religion, dem Recht, zur Sittlichkeit, zur Gesellschaft, zum Theater, zur Litteratur wird mit Kenntnis und Schärfe erfasst, und wenn man diese Reden liest, sieht man unwillkürlich den Bronzekopf der Büste vor sich, den so herb resignierten Mund, der jene Linien angenommen hatte, als der Geist es sah und die Feder es schrieb:

»Wo die Frau in Betracht kommt, wo es sich um die Gesamtheit der Institutionen handelt, denen sie unterworfen ist, da suche man weder Logik noch Gerechtigkeit; nichts hängt zusammen, nichts ist gerecht, nichts folgerichtig; alles hingegen willkürlich und voller Widersprüche ... Auf der einen Seite heruntergerissen, wird sie hier verehrt und angebetet ... und wo sie für gewöhnlich nicht einmal Bürgerrecht hatte, wurde sie ausnahmsweise Fürstin und Königin.«

Oder: »Ich sage Ihnen, dass von allen Feinden der Frau diejenigen die schlimmsten sind, die sie einen Engel nennen; das heisst ihr unter dem Deckmantel sentimentaler Bewunderung alle Pflichten auferlegen und sich selbst alle Rechte vorbehalten; das heisst ihr zu verstehen geben, dass Hingebung, Opferfreude und Selbstlosigkeit ihre Rolle sind, dass sie der Tyrannei ergeben, der Rohheit sanftmütig, der Gleichgiltigkeit liebend, der Treulosigkeit unwandelbar anhänglich, der Selbstsucht selbstlos gegenüber treten soll. – Angesichts dieser langen Liste,« schliesst Maria Deraismes, »danke ich für die Ehre, ein Engel zu sein, denn niemandem gestehe ich das Recht zu, mich zum Narren und Opfer zu stempeln.«

Auf jeder Seite fast finden wir diese festgeprägten Ausdrücke eigener, bitterer Erfahrung und Empörung. Wie musste ihr, die in sich die Kraft fühlte, im Abgeordnetenhaus ihre reine Begeisterung, ihre hohe Auffassung von den Aufgaben der Republik glänzen und leuchten zu lassen, wie musste ihr ein solcher Satz von Herzen kommen: »In unserer Gesellschaftsordnung ist die Frau eine verlorene Kraft, sie hat nicht alles geben können, was sie kann.« – Das war ja Maria Deraismes eigner Fall: sie konnte nur junge Deputierte beschützen und zu Jüngern machen, in die Arena durfte sie selbst nicht. Was aber die Gesellschaft damit verloren hat? Wer will das berechnen? – Ob es zu den skandalösen Scenen gekommen wäre, die seit 20 Jahren das französische Abgeordnetenhaus entwürdigen, wenn ein grosser Charakter wie Maria Deraismes mit der Reinheit seiner Anschauungen und seines Privatlebens, mit seiner Selbstlosigkeit in politischen Dingen – denn sie hätte in ihrem Mandat keine Brotstelle, sondern ein öffentliches Amt gesehen – mit seiner zündenden Beredtsamkeit dort eingetreten wäre und gewirkt hätte? Über andere Mittel haben ja auch die grossen Männer der Geschichte nicht verfügt; sie hatten nur den Vorteil, am rechten Platz zu stehen, Maria Deraismes nicht. Daher denn noch jener Satz bei ihr: »Unsere Gesellschaft ist so weise eingerichtet, dass sie der Frau von losen Sitten allen Einfluss lässt und den der anständigen Frau auf ein Minimum beschränkt. Die Frau, die entsittlicht und verdirbt, darf auf ein Podium steigen, und man jubelt ihr zu, nennt sie einen Stern, eine Diva. Lasst uns aber von einer Tribüne herab Moral und Tugend verteidigen, und der Spott kann nicht genug Lächerliches an uns finden.«

Endlich: »Die Frauentugend ist heute eine schwächliche Passivität und Enthaltsamkeit geworden. Vor solcher Tugend hat das Laster, das sich schämen sollte, keine Achtung, es fühlt sich ihr gegenüber als eine Kraft, als Macht.«

So spricht nur ein Mensch, der das Leben kennt und viel erfahren, viel gelitten hat. – Dass Maria Deraismes viel gelitten, brauche ich nicht besonders zu sagen, es liegt in der Natur der Sache, in dem Konflikt ihrer Individualität und ihrer Gesellschaft. Sie selbst hat es freilich, mit ihrem gewaltsamen Stoicismus und ihrem herben Stolz nie zugeben wollen: Man sprach der Frau die Stärke ab – nun wollte sie einmal das Gegenteil beweisen, und so war sie hart gegen sich. – Sie hat auch, wie vorauszusehen, nicht geheiratet. Ihr Reichtum war es mit, der sie daran verhinderte, da sie eben nicht als »gute Partie«, sondern als Mensch, als Maria Deraismes geliebt werden wollte. – Und dass sie niemand fand, zu dem sie dieses gute Zutrauen fassen konnte, dass der grosse Ehrenmann und Patriot, der sie ergänzt hätte, ihr vom Schicksal vorenthalten blieb, das mag sie auch gelehrt haben, die Lippen fester zu schliessen.

Immerhin – sie fand doch wenigstens einige Gesinnungsgenossen und gute Freunde, und an jenem Feste in Pontoise klang das in Europa seltene Wort doch mehrmals wieder: »Unsere Kameradin Maria Deraismes,« – »die Frau, an deren Seite wir gefochten.« – Und durch diese Gesinnungsgenossen im Abgeordnetenhaus und Senat hat Maria Deraismes auch das erreicht, was sich von praktischen Erfolgen jetzt erreichen liess. – Zuerst, unterstützt von 60 Abgeordneten das Recht für die selbständig handeltreibenden Frauen, an den Wahlen für die Handelskammern Teil zu nehmen, ein Recht, das ihnen seit 1891 zusteht. Endlich die ersten Ansätze zur politischen Befreiung der Frau, zu ihrer Beteiligung am allgemeinen Wahlrecht. –

Diesen letzteren Wunsch sah Maria Deraismes, als sie 1894 die Augen schloss, nicht mehr erfüllt, und ihr Ideal einer Republik blieb eben Ideal. – Gerade die Republik aber schien ihr berufen, das zu thun, was Kirche und Monarchie nicht haben leisten können oder nicht haben leisten wollen. »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit lautet der Wahlspruch unserer Republik,« sagte Maria Deraismes, »nun, das ist der rechte Grund, um unsere Frauenrechte darauf zu erbauen. Die Gleichheit wollen wir haben vor dem Gesetz als Frauen, Mütter, Arbeiterinnen.« – Und von diesem Standpunkt aus erfasst man Maria Deraismes Thun in seiner ganzen Einheit; von diesem Standpunkt aus beschäftigte sie, die reiche Frau, sich mit dem Leben der arbeitenden Klassen, der Not der Frau des vierten Standes, der Misshandlung des Kindes, der öffentlichen Erziehung, den Überlieferungen der Kirche und den Paragraphen des Gesetzbuches. –

Der rastlosen und aufopfernden Arbeiterin stand eine verheiratete Schwester zur Seite, die ihr das Leben verschönte und jetzt die Sorge für den Nachruhm der Verstorbenen auf sich genommen hat. Madame Ferresse-Deraismes. Ihr verdankt Maria Deraismes, dass ihr so rasch ein Standbild in dem lieblichen Pontoise errichtet worden ist, und dass ihr scharfgeschnittenes Gesicht mit den sehnsüchtigen Augen und dem festgeschlossenen Mund heute halb freundlich, halb spöttisch auf die guten Frauen von Pontoise herabschaut, wenn sie am Brunnen Maria Deraismes ihre Eimer und Krüge füllen kommen. – Auch Maria Deraismes hat nicht alles geben können, was sie besass, aber ein Teil ihrer Begabung ist doch an's Licht gekommen, und die alte Welt hat doch wenigstens einmal die Worte: »Unser Kamerad, die grosse Patriotin Maria Deraismes« – gehört, – das Weitere bleibt denen überlassen, wie die Bibel sagt, – die nach uns kommen werden.

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