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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 29
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
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Der internationale Frauenkongress in Chicago.

Vortrag, gehalten in Dresden, Königsberg i. Pr., Danzig und Stuttgart. – Herbst 1893.

Geehrte Anwesende!

Ein alter Spruch sagt: Prüfet alles und das beste behaltet – und der den Spruch so fasste, war ein Mensch, welcher in jenem Augenblick leidenschaftslos beobachtend über den Parteien stand. – Leidenschaftslos, parteilos möchte auch ich heute vor Ihnen stehen und sprechen; leidenschaftslos, parteilos bitte ich Sie, mich zu hören. Und dies ist nichts Unmögliches, – für keinen von uns. Denn wenn schon die fortschrittlichen Frauen dieser Stadt mich herberufen haben und ich selbst in fortschrittlicher Richtung arbeite; wenn auch mein ganzer amerikanischer Aufenthalt mich aufs engste mit den Fortschrittskreisen der radikalen Linken dort verknüpft hat; wenngleich meine persönlichen Erfahrungen jenseits des Wassers zu den wärmsten, hellsten und freundlichsten meines ganzen Lebens gehören, so bin ich doch nicht gekommen, um als Apostel der Frauenemanzipation Ihnen eine einseitige Schilderung des Kongresses zu geben, schönzufärben und Übelstände zu verschweigen. – Im Gegenteil: als meine Aufgabe betrachte ich es, Ihnen nichts zu verschweigen, Thatsachen vor Sie hinzustellen, Thatsachen, wie sie sich mir dargestellt haben, Thatsachen, vor denen ich mich beugen, die ich anerkennen muss – mögen sie in mein Parteiprogramm passen oder nicht.

Und diese Thatsachen, von mir erzählt, für sich zu prüfen, dürfen Sie mir Ihrerseits nicht versagen. So neu Ihnen vieles sein; so ungewohnt, so revolutionär, ja, so unmöglich es Ihnen erscheinen mag, thun Sie es nicht mit einem geistigen Achselzucken ab. – Ich bitte Sie, einmal für eine kurze Stunde alle hergebrachten Urteile und Vorurteile abzuthun und ohne Hass und ohne Liebe, ohne Enttäuschung und ohne Frohlocken – mit mir durch die Welt neuer Thatsachen zu wandern, alles prüfend und am Ende, was Sie für das beste halten, auch behaltend. –

Ich bin mir dabei der Verantwortlichkeit meiner Aufgabe voll bewusst. Ich weiss, dass es sich hier nicht um eine feuilletonistische Leistung im Brillantfeuerwerkstil handelt, sondern dass jedes Wort wohlüberlegt und auf Thatsachen, auf Beweismaterial gestützt sein muss. – Dieses Beweismaterial liegt bei mir zu Hause; es sind die Berichte des Kongresses, die Jahresberichte der verschiedenen Gesellschaften, die ich Ihnen heute schildern werde, die Berichte der amerikanischen Zeitungen, meine Briefe und Tagebücher, endlich die gedruckten Nachschlagewerke und Statistiken. –

Gerade weil aber jeder Satz, den ich hier ausspreche, diesen ganzen Ballast von Material hinter sich herschleppt, weil jeder Ausdruck auf seine volle Sachlichkeit hat abgewogen werden müssen, weil ich mich in nichts auf rein persönliche Schätzung und rein persönliche Anschauung verlassen darf, deshalb halte ich mich heute auch mehr an mein Manuskript, als ich es sonst thun würde: es ist mein Herr und Meister und erinnert mich, dass ich dem Zufall, der Improvisation, dem Schwung der Stunde nichts, gar nichts überlassen darf. –

Nachdem wir so unsern Vertrag auf sachliche Darstellung und freie Prüfung der Thatsachen geschlossen haben, bitte ich Sie, mit mir auf den Chicagoer Frauenkongress zu kommen.

Dieser Kongress wurde am 15. Mai 1893 eröffnet und am 21. Mai geschlossen. Er fand in den Räumen des Chicagoer Kunstpalastes statt, eines grossen Steingebäudes, das dicht am Michigansee, im belebtesten Viertel Chicagos liegt, den grossen, schwergebauten Hôtels gegenüber, dem »Richelieu«, dem »Auditorium«, dicht an der bunten, menschenwimmelnden Promenade, die »Seefront« genannt, welche Chicago etwa »die Linden« ersetzt, dicht auch neben einer Station der Stadtbahn. Diese Nähe war einerseits sehr bequem, andererseits aber erschwerte sie das Sprechen vor grossen Versammlungen ganz ungemein. Denn das Schnauben der Lokomotiven und das fortwährende Rangieren der Züge brachte sehr unliebsame Unterbrechungen in die zusammenhängendsten Reden. Am störendsten war dieser Lärm in den beiden 3000 Personen fassenden Auditorien, welche für die Gelegenheit des Kongresses aus Holz und Wellblech aufgeführt, in die Rückseite des massiven Steinbaues einmündeten.

In diesen beiden Hallen, dem Columbus- und Washington-Saal, haben die Kongresseröffnungen stattgefunden, sowie alle Sitzungen, bei denen Gegenstände allgemeinsten Interesses verhandelt wurden; während in den etwa 33 Sälen des Kunstinstituts selbst die sogenannten Departements-Kongresse stattfanden, die Sektionen tagten und die verschiedenen Gesellschaften abwechselnd ihre eigenen Angelegenheiten verhandelten. Das Gedränge an den Thüren, besonders der beiden grossen Auditorien, ist zeitweise sehr stark gewesen, gingen doch täglich 10- bis 15 000 Menschen in dem Kunstinstitut ein und aus – und es hat, nachdem sechs Tage lang je 10 000 Menschen über die Bohlentreppe der Washington-Hall gegangen waren, zu dem einzigen Unfall geführt, der während des Frauenkongresses vorgekommen: Ein Teil der Treppe brach ein, hundert Frauen fielen in die Tiefe, und etwa fünfunddreissig wurden verletzt, doch nur wenige schwer. Eine Panik entstand nicht. Eine Untersuchung des ganzen Gebäudes durch den Architekten war eine weitere Folge des Unfalls, sie verlief befriedigend.

Immerhin waren die Ein- und Ausgänge von Washington- und Columbus-Hall die gefährlichsten Punkte im ganzen Gebäude, und vor dem Andrängen der Menge standen die Thürhüter, selbst wenn sie die blaue Jacke der Polizei trugen; machtlos da: der breite Strom machte sich eben Bahn; und auch während der Vorträge war es zuerst unmöglich, das Ab- und Zugehen zu hindern. Man schob auch Sitze in die Durchgänge und stellte sich auf Stühle, um besser sehen oder hören zu können. Letzteres war eine Rücksichtslosigkeit gegen das dahinter stehende Publikum; ersteres bildete eine wirkliche Gefahr, falls der Notfall eintrat, den Saal schnell zu leeren. Gegen beide Unsitten sind die leitenden Frauen vom Präsidententisch aus vorgegangen. Sie haben, um das Interesse der Sprecherinnen zu wahren, die Thüren nach Eröffnung der Sitzungen schliessen lassen, sie haben, um das Publikum vor sich selbst zu schützen, mit Bitte, Hinweis, Witzwort und zuletzt direktem Befehl dafür gesorgt, dass die Versammlungen sich in ordnungsmässigem Zustande befanden. Und das Publikum hat gehorcht. – Es bestand in der Mehrzahl aus Frauen – Frauen zwischen zwanzig und sechzig Jahren; aus gebildeten Frauen, von denen die meisten aber zugleich arbeitende Frauen waren, arbeitend in einem Beruf oder dem Hause; und wenn nicht direkt arbeitend, dann im Vereinswesen thätig; Freunde der Frauenentwicklung und Frauenbildung, Frauen des bürgerlichen Amerikas, der mittleren und höchsten Gesellschaftsklassen, Frauen aller Bekenntnisse, Bewohner aller amerikanischen Staaten, Abkömmlinge aller Nationalitäten.

Der Frauenkongress, zu dem sie kamen, war ein internationaler Kongress, und er war der dritte in der Reihe der internationalen Frauenkongresse, die bisher stattgefunden haben. Der erste versammelte sich 1888 in Washington (Amerika), der zweite 1889 in Paris. Keiner der bisherigen Frauenkongresse jedoch hat eine so starke Beteiligung gehabt, wie der Chicagoer von 1893; bei keinem z. B. ist Deutschland so stark vertreten gewesen, und keiner ist von so langer Hand vorbereitet worden.

Die Leitung des Kongresses lag hauptsächlich in der Hand von drei Frauen – Frau Potter-Palmer, Frau Wright-Sewall und Frau Foster-Avery. Ich möchte bei diesen einen Augenblick verweilen.

Frau Potter-Palmer ist eine der reichsten Frauen von Chicago, die Gattin des Besitzers von Palmer-House, eines der besten und grössten Hôtels der Stadt. Sie ist heute die Herrin eines prächtigen Privathauses in Nord-Chicago, im Parkviertel der Stadt, und zugleich Herrin eines Vermögens, das ihr gestattet, dieses Haus mit jenem Luxus auszustatten, der kein Luxus mehr ist, weil er sich im vollendeten Kunstwerk harmonisch auflöst. – Wer Frau Potter-Palmer in dieser Umgebung sieht, wer die sichern Bewegungen ihrer schlanken Gestalt, die Verbindlichkeit ihrer gesellschaftlichen Formen, das Lächeln dieses feinen Gesichts beobachtet, muss glauben, dass sie in diese Verhältnisse hinein geboren sei. Dem ist nicht so: Frau Potter-Palmer hat Arbeit kennen gelernt, Geschäfts- und Lebenskenntnisse erworben und sich ihre Stellung als leitende Frau der Chicagoer Gesellschaft dann durch eine natürliche, sehr weibliche Anpassungsfähigkeit, durch Takt und eine hochintelligente Erfassung geselliger Pflichten zu schaffen gewusst.

Rechnet man die Übereinstimmung in Prinzipienfragen ab, so bilden Frau Potter-Palmer und Frau Wright-Sewall einen grossen Gegensatz. Im Alter dürften sie vielleicht noch stimmen; aber ist Frau Potter-Palmer schlank, so ist Frau Sewall stark; bevorzugt die eine französische Mode, so die andere amerikanische Reformkleider; hat die eine schwarzes Haar, so ist das Haar der andern früh ergraut, eine Erscheinung, die bei amerikanischen Frauen auch in jungen Jahren häufig und in manchen Familien geradezu erblich ist. Mrs. Sewall hat dazu eine klassische Bildung erhalten, und ihr Mann ist ein Gelehrter, während Herr Palmer Geschäftsmann ist. Ihre Teilnahme an der Frauenfrage ist eine auf eigene Studien, auf Argument und Überlegung begründete. Sie steht aus Überzeugung auf dem äussersten Vorposten aller Frauenbewegung und durch ihre Arbeitsleistung im Mittelpunkt der Sache. Auch sie hat ihren Beruf, und sie teilt denselben mit ihrem Manne. Herr und Frau Sewall leben in Indianopolis im Staate Indiana und haben dort ein Gymnasium gegründet, eine sogenannte »klassische Schule«, in welcher nach amerikanischer Sitte Mädchen und Knaben zugleich auf die Universität vorbereitet werden. – Frau Sewall ist lebhaften Geistes, witzig, sehr schlagfertig, eine Meisterin des Worts, eine Beherrscherin der parlamentarischen Form. Ihre Rede versteht sie von wohlthuender Klarheit zu einschneidender Schärfe zu steigern: diamantklar und diamanthart sind dafür ganz passende Worte. Wirkliches Wissen, Geistesgegenwart und ein fröhliches Temperament machen sie zu einer ganzen, lebensvollen Persönlichkeit, die mehr direkt wirkt, aber auch wohl leichter verletzt, als Frau Potter-Palmer.

Eine innige Freundschaft besteht zwischen Mrs. Wright-Sewall und Frau Foster-Avery, der Schriftführerin des Frauenkomitees. Frau Avery lebt in der Nähe von Philadelphia, im Staate Pennsylvanien, dem eigentlichen Freiheitsstaat Amerikas; denn dort ist die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und verlesen, die Freiheitsglocke geläutet worden. Philadelphia ist eine der ältesten, amerikanischen Städte und Frau Avery eine der jüngsten Frauen, die an der Spitze der Frauenbewegung stehen. Und doch hat sich mir eine grosse Ähnlichkeit zwischen der alten Stadt und der jungen Frau aufgedrängt: sie sind beide im Äussern sehr schlicht, und bedeuten innerlich beide sehr viel.

Frau Avery, obgleich sie eine gute, vielseitige Erziehung erhalten und mehrfach auf dem Kontinent gereist hat, ist weder eine Weltdame wie Frau Potter-Palmer, noch eine Gelehrte wie Mrs. Sewall; sie hat auch nicht das lebhafte Temperament, nicht die geistreiche Parlamentsform ihrer Freundin. Frau Avery's Einfluss und Macht liegen erstens in ihrer unermüdlichen Arbeitsleistung, zweitens in ihrer Persönlichkeit, die mit der grössten Schlichtheit und oft geradezu Schüchternheit einen eisernen Radikalismus der Ideen verbindet. Diese junge, mildblickende Frau ist eine der unerschrockensten Denkerinnen auf dem Gebiete der Frauenfrage, und was sie als richtig erkannt, führt sie aus, rücksichtsvoll, wenn es sein kann, rücksichtslos, wenn es sein muss.

Frau Potter-Palmer, Frau Sewall und Frau Avery waren nun die drei Leiterinnen bei Eröffnung und Tagung des internationalen Kongresses. Neben ihnen stand ein amerikanisches Hilfskomitee von 175 Frauen. Diese 175 vertraten alle Gebiete, auf denen Frauen in Amerika thätig sind, alle Richtungen, in denen sie Reformen erstreben. Es waren unter ihnen Hausfrauen, Frauen der Gesellschaft, weibliche Prediger, Rechtsanwälte, Missionare, Lehrerinnen, Zahnärzte, Ärzte, Bibliothekare, Autoren, Journalisten, Schauspielerinnen, Professoren. – Sie vertraten religiöse Vereine, vom orthodoxen bis zum freidenkenden; Vereine für höhere Erziehung, Moral und Sozialreform, für politisches Stimmrecht und Mässigkeitsbestrebungen. Endlich Vereine für internationale Frauenkongresse und internationale Friedensbestrebungen. – Ich gebe hier diese Übersicht der amerikanischen Frauenbewegung, ohne dieses Programm zu empfehlen und ohne es zu tadeln, mit der Bitte: Prüfen Sie es auf seinen sittlichen Gehalt: seine praktische Ausführbarkeit lässt sich ja nur in Amerika selbst beurteilen. – Jedenfalls geht aus diesem Programm hervor, dass die Tendenzen der amerikanischen Frau sich vom Hause aus über das Land und endlich auf die ganze Welt erstrecken. –

Nachdem ich solange nur von Amerika, d. h. dem nationalen Element des Kongresses gesprochen, ist es nur gerecht, sich jetzt dem internationalen zuzuwenden. Die fremden Delegierten waren unentbehrlich, und sie haben sich durchweg der ungeteilten Sympathie des Publikums erfreut.

Wie Ihnen bekannt, hatte sich lange vor Eröffnung der Kolumbischen Weltausstellung auf Aufforderung des amerikanischen Frauenkomitee's in jedem zivilisierten Lande Europas, sowie in Australien und Japan, ein Hilfskomitee von Frauen gebildet, das die Vorarbeiten zur Ausstellung und die Vertretung auf dem Weltkongress übernahm. –

Für Deutschland wurde das Hilfskomitee unter dem Protektorat der Frau Prinzessin Friedrich Karl und der Leitung von Fräulein Helene Lange am 19. Mai 1892 in Berlin gebildet. Die offizielle Vertretung Deutschlands auf dem Chicagoer Frauenkongress lag der Reichskommissarin, Frau Professor Kaselowski, ob. Ausser ihr waren als deutsche Vertreterinnen anwesend: Frl. Auguste Förster-Kassel, welche den hessischen Alice-Frauenverein, den allgemeinen deutschen Frauenverein und den deutschen Lehrerinnenverein vertrat; Frau Anna Simson-Breslau, Delegierte von der Breslauer Frauenarbeitsschule und des dortigen Frauenbildungsvereins; Frau Bieber-Böhm-Berlin, Vorsitzende des »Jugendschutz«; Frl. Annette Schepel-Bern, Vertreterin des Schraderschen Volkskindergartens, genannt das »Fröbel-Pestalozzi-Haus«, und ich, die ich, ohne einen Verein zu vertreten, einer persönlichen Einladung des amerikanischen Frauenkomitee's gefolgt bin. –

Die meisten der ebengenannten Frauen werden Ihnen dem Namen nach oder gar persönlich bekannt sein. Ich möchte nur zusammenfassend erwähnen, dass die sechs deutschen Vertreterinnen in ihrer Gesamtheit vorwiegend die Ansprüche der deutschen Frau auf berufliche Ausbildung, auf höhere Erziehung vertraten und ihre Forderungen innerhalb des Rahmens von Kindergarten, Gewerbeschule, höherer Mädchenschule und Universität stellten. Es ist ja auch dies das Hauptgebiet, auf dem die Frauenfrage sich bei uns bewegt.

In demselben Rahmen halten sich, dem amtlichen Katalog und dem zufolge, was ich selbst gehört, – auch die Frauenbestrebungen in Russland, Polen, Griechenland, Italien, Spanien. In allen anderen Ländern jedoch, die auf dem internationalen Frauenkongress vertreten waren, geht die Frauenbewegung über den Rahmen des Erziehlichen hinaus auf das Gebiet der Politik, Industrie, Moral- und Sozialreform. –

Wunschweise und in Ansätzen geschieht das, dem Bericht von Frau Dr. Kempin zufolge, in der Schweiz; nach Dr. Marie Popelins Bericht in Belgien; nach Frau Humbal-Zeman in Böhmen. – Organisiert dagegen ist die politisch-soziale Frauenbewegung bereits in Frankreich, Schweden, Norwegen, Dänemark, Finnland, Neu-Seeland, Schottland, England und selbstverständlich in Amerika. Durchgesetzt ist sie bereits in Australien, wo jetzt das politische Stimmrecht auch den Frauen gehört. Unter den Vertretern dieser vier letztgenannten Länder waren denn auch die radikalsten Denkerinnen und die glänzendsten Rednerinnen.

Freilich, viele wurden an ihrer vollen Wirkung durch den Gebrauch der fremden, der englischen Sprache gehindert. So die liebenswürdige Madame Bogelot aus Paris, welche Vorsteherin der Reformarbeit im Frauengefängnis von Saint Lazare ist, trotz ihrer sechzig Jahre noch die weite Reise unternommen hatte, und frisch und leistungsfähig war, wie eine der Jüngsten.

Auch die Baronin Thorberg-Rappe konnte in der Hauptsache nur durch ihre Erscheinung wirken. Die ernste und stattliche Dame war offizielle Vertreterin von Schweden, die einzige, welche auf Staatskosten geschickt worden, um an dem Kongress teilzunehmen. – Der König von Schweden war persönlich in der Sitzung anwesend, in welcher die Einladung des amerikanischen Frauenkomitee's zum Weltkongress besprochen und dann in obiger Weise, durch Entsendung der Baronin Thorberg, beantwortet wurde. – Sehr viel lebhafter als diese Delegierte war die andere schwedische Vertreterin, Frl. Hulda Lundin, deren schönes, blondes Haar und helle Farben sie noch zu einer echt germanischen Erscheinung machten.

Ganz ungeniert, ob sie richtig spräche oder nicht, vorausgesetzt, dass man sie nur verstände, war Kristine Frederiksen, die dänische Delegierte. Sie war auch diejenige, die am wenigsten auf Kleidung und Äusserlichkeiten gab, ein rechter Pioniertypus ohne Weichheit. – Zwei sehr hübsche Vertreterinnen, ein junges Mädchen, Mery Toppelius und eine junge Frau, Ebba Nordquist, beide mit kurzgeschnittenem Haar, waren aus Finnland herübergekommen, Frau Nordquist in Begleitung ihres Mannes. Beide jung, anmutig und begeistert, bewiesen, dass Finnland über die harten Zeiten der Frauenemanzipation bereits hinaus ist.

Die Reihe der im Vereinsleben aufgewachsenen, der parlamentarischen Form und der öffentlichen Rede völlig mächtigen Frauen begann aber recht eigentlich erst mit den Vertreterinnen der englisch sprechenden Länder. Das Radikalste als selbstverständlich voraussetzend, schlicht, angenehm und gänzlich ohne Kampfstimmung war Frau Margareth Wyndeyr aus Sydney, Australien.

Zeichen jahrelangen Kampfes und Ringens dagegen trug Mrs. Ormiston-Chant aus London, eine der glänzendsten Rednerinnen, die ich je gehört; während ihre Kolleginnen, Frau Bedford-Fenwick, Frau Fenwick-Miller, Frl. Jane Cobden und die Gräfin von Aberdeen, obgleich sie alle für dieselben politischen Rechte, wie Frau Chant eintreten, dies mit einer fröhlichen Siegesgewissheit, einer lächelnden Selbstverständlichkeit thaten, die Sache als grandes dames betrieben und eine greifbare Verbindung von einschneidend radikalen Gedanken, gewählten Toiletten und vornehmen Formen darstellten. – Nun wären Sie, geehrte Anwesende, denn auch mit dem internationalen Element des Chicagoer Frauenkongresses bekannt gemacht. Diese, etwa 23 Ausländerinnen, zu denen noch die 15 kanadischen Delegierten kamen, wurden – gleichviel ob sie Vereine vertraten, offizielle Sendung hatten, oder auf persönliche Einladung gekommen waren – mit dem Gesamtnamen: die fremden Delegierten – »foreign Delegates« – bezeichnet, und waren auf diesen Ehrentitel hin vom 15. bis 23. Mai in Palmer-House die Gäste des amerikanischen Frauenrats, eines Vereins, den ich Ihnen später noch eingehend schildern werde.

Zu derselben Zeit wohnten auch die meisten Damen des amerikanischen Hülfskomitees in Palmer-House, und dies gemeinsame Wohnen, die gemeinsamen Mahlzeiten, das Treffen im grossen Empfangszimmer, die Viertel- und Halbenstunden, die man in einer traulichen Fensterecke verplauderte, während der Menschenstrom die Strassen unten, die Hôtelräume oben füllte, gehörten für die Beteiligten zu dem Anziehendsten und Fruchtbringendsten des ganzen Kongresses: hier hat man internationale Fühlung gewonnen, internationale Bekanntschaften angeknüpft, internationale Freundschaften geschlossen. – Und es liegt auf der Hand, dass für jede grosse Bewegung – mag man sie billigen oder nicht – eine persönliche Berührung der Führerinnen von unschätzbarem Werte ist. Dieselbe hergestellt zu haben, ist das eine Ergebnis des Chicagoer Frauenkongresses von 1893, was ich hiermit als Thatsache feststelle, ohne es im Sinne des linken Flügels jubelnd zu begrüssen, noch im Sinne des rechten Flügels darüber zornig zu werden.

Es ist nun meine Aufgabe, Ihnen in kurzem die Sitzungen des internationalen Frauenkongresses und deren Ergebnisse zu schildern. Diese Sitzungen wurden in acht verschiedenen Abteilungen gehalten. In der ersten beschäftigte man sich mit Erziehungs- und Haushaltungsfragen; in der zweiten mit dem Stande der weiblichen Industrie; in der dritten mit Litteratur und Kunst; in der vierten mit Armenpflege; der fünften mit Fragen der Sittlichkeit und Sozialreform; der sechsten mit Religion; der siebenten mit Politik und der achten mit Wissenschaft. In allen acht Sektionen sprachen einheimische wie fremde Delegierte, wechselten geschichtliche Überblicke der Frauenentwicklung eines ganzen Landes mit Diskussion von Prinzipienfragen, von Fragen der praktischen Organisation und brennenden Fragen des Tages. Dem amtlichen Programm zufolge sind vom 15. bis 22. Mai täglich 14 Sitzungen und etwa 100 Reden gehalten worden.

Es ist klar, dass ich nicht allen Sitzungen persönlich habe beiwohnen können; ich muss mich daher teils auf Berichte anderer Delegierter, teils auf Berichte Chicagoer Zeitungen verlassen. Unter diesen habe ich meistens den »Herald« gewählt, weil ich wusste, dass er, wenn etwas zu bemängeln war, dies sicherlich nicht unterlassen würde. – Aus all' diesem hat sich mir nun folgendes Bild zusammengesetzt: Die amerikanische Frauenbewegung enthält ein starkes, entschieden religiöses Element; von den 77 Sitzungen des amtlichen Programms haben sich 23 allein mit praktisch-religiösen Fragen beschäftigt. Es haben da nebeneinander gesprochen Jüdinnen, Katholikinnen, die Heilsarmee, Methodisten, Baptisten, Mormonen und Unitarianer, kurz alle Bekenntnisse sind zu Wort gekommen. – Alle sind darin einig gewesen, dass die Kirche die Mitarbeit der Frau, besonders in der Armenpflege und bei der Sozialreform, nicht entbehren kann. Die meisten haben auch in der Missionsarbeit ein der Frau in hohem Masse eignes Feld gesehen. Das Centrum und der linke Flügel haben eingehend über die Stellung der Frau als Predigerin diskutiert und von dem neuen Glauben des zwanzigsten Jahrhunderts gesprochen. – Somit sind alle Schattierungen des religiösen Gedankens vertreten gewesen, sie haben sich nebeneinander geduldet und sich eins gefühlt in dem Streben, organisierte Frauenarbeit der Welt zu Nutzen zu machen, jeder auf seine Weise.

An diese religiöse Frauenbewegung reihte sich die erziehliche ganz natürlich an. Auf dem Frauenkongress selbst hat man nur den Ober- und den Unterbau des ganzen Erziehungswesens diskutiert, weil diese allein in Amerika noch etwas zu wünschen übrig lassen, während das mittlere Stockwerk, die öffentliche, unentgeltliche Volksschule und die öffentliche, unentgeltliche, höhere Schule vorläufig ausgestaltet sind.

Aber der Kindergarten und seine Verwendung als Volkserziehungsmittel im Sinne Pestalozzi's und Fichte's ist in Amerika noch eine offene Frage. Man möchte gerne das beste daraus machen, und so besteht in Amerika die Tendenz, den Kindergarten als die normale Vorstufe der Volksschule zu betrachten. – Wenn ich die Sache recht beurteile, so ist es die ungemeine Anschaulichkeit der guten Kindergartenmethode, die Freude am Bunten, am Sicht- und Fass- und Hörbaren, die Erziehung zur Handfertigkeit, zur Beobachtung und Selbstthätigkeit, welche den Amerikanern diese europäische Geistesschöpfung so annehmbar gemacht haben. Der Amerikaner drängt eben überall auf Anschauung und praktische Fertigkeit hin; er ist in erster Linie für das Reale, der Kindergarten nun mit seiner Anschaulichkeit trägt dieser Tendenz Rechnung.

Die Stellung der Frau im Kindergarten ist nie beanstandet worden; ihre Stellung auf der amerikanischen Universität ist jedoch noch keine ganz befestigte, deshalb verhandelte man auf dem Frauenkongress darüber. – Die meisten amerikanischen Universitäten lassen allerdings Frauen wie Männer zu, doch sind immerhin noch 34 % der amerikanischen Hochschulen ausschliesslich Männern zugänglich und unter ihnen Harvard, die beste, amerikanische Universität. Die Eröffnung nun von Harvard, die allgemeine Anerkennung und Fortsetzung der Zusammenerziehung beider Geschlechter auch auf der Universität, sind ein Teil der Aufgabe, welche sich die amerikanische Frauenbewegung gestellt hat. Die Erhöhung der Stipendien, welche heute für Frauen, die sich höheren Studien widmen, etwa 4,8 % betragen, während der ganze Rest von 95,2 % für Männer reserviert ist; ferner die Vermehrung der weiblichen Professoren, deren Zahl an gemischten Universitäten heute nur 9,9 % beträgt, sind die weiteren Ziele dieser Bewegung. Dieselbe hat ihren Mittel- und Stützpunkt in dem »Verein akademisch gebildeter Frauen«, dessen Vorsitzende Mrs. Foote-Crow, Professor für englische Litteratur an der Universität Chicago ist. Der Verein, 1881 in Boston gegründet, nimmt alle diejenigen akademisch gebildeten Frauen auf, welche an guten, amerikanischen Universitäten ihre Titel erworben haben. Er pflegt den kollegialischen Verkehr, fördert die Diskussion von Tagesfragen, sammelt statistisches Material, um den Gesundheitszustand der studierenden Frauen, ihre Zahl und die Berufe, die sie ergreifen, festzustellen und macht durch die Presse, durch Versammlungen und Vorträge für seine obengenannten Ziele Propaganda. Er hat festgestellt, dass heute in den etwa 65 Millionen Einwohner zählenden Vereinigten Staaten 60.000 Frauen akademische Studien treiben; dass von 1500 Mitgliedern des Vereins ein Drittel in das höhere Lehrfach überging, ? heiratete, 1/7 zu Hause lebte, ohne einen bestimmten Beruf zu ergreifen, und die übrigen alle nur erdenklichen Berufe ausfüllen.

Ich habe bei diesem Gegenstande lange verweilt, weil er durch die trockene Statistik hindurch einen Blick auf die amerikanische Gesellschaft gestattet. Wir sehen da zuerst, dass die Amerikanerin völlige Berufsfreiheit hat.

Die Statistik besagt aber noch mehr: wenn in Amerika 60.000 Frauen studieren, so bedeutet dies, dass das beste Wissen der Nation und die wissenschaftliche Erkenntnis auch dem weiblichen Geschlecht zu Gute kommen; dass die Frau ebenso tief sehen und der Wahrheit ebenso in's Gesicht sehen lernt wie der Mann. Es bedeutet ferner, wenn diese Frau heiratet, den Einzug wissenschaftlicher Schulung, sachlichen Denkens und sachlichen Urteils in das Haus, die Familie; es bedeutet eine neue Generation von Müttern und Kindern. Ich sage »neu« einfach im Sinne von »anders«, ohne hier zu diskutieren, ob besser oder schlechter. – Des weiteren bedeutet es, dass die akademisch gebildete Frau, auf allen Gebieten, die sie beruflich kultiviert, die Interessen der Frau vertritt und somit ein neuer Faktor in der sozialen wie geistigen Entwickelung des Landes wird. Es bedeutet endlich, dass sie sich dem akademisch gebildeten Manne gleichberechtigt fühlt und dem nicht akademisch gebildeten überlegen: in Sachen des reinen Erkennens beugt sich der amerikanische Mann auch sehr gern vor der gebildeten Frau. –

Und diese Kombination: akademisch gebildete Frau und nicht akademisch gebildeter Mann, ist in Amerika recht häufig und deshalb sowohl bedeutsam wie charakteristisch. – Sie erklärt sich aus folgenden Ursachen, die ich nicht auf meine eigene Gefahr hin anführe, sondern, gestützt auf die Autorität eines Professors der Universität Chicago, William Gardner-Hale, der in öffentlicher Versammlung am 26. Juni 1893 etwa dieses sagte: Unser junges Land besitzt heute noch so grosse Bodenschätze, es bietet die Bezwingung und Beherrschung der äussern Welt bei uns noch solche Lockungen, so grosse Vorteile, so unendliche Machtstellungen, dass die beste Kraft und die höchste Intelligenz der Nation sich der wirtschaftlichen Beherrschung des Landes, den praktischen Berufen zuwendet. Industrie-, Eisenbahn-, Börsenkönig sein, das ist das Ziel unserer bedeutendsten Köpfe. Der stille Dienst der Wissenschaft, die Beherrschung der Welt durch den Gedanken, ist heute bei uns weit weniger beliebt und populär. Sie sind auch weit weniger lohnend; das ist der grosse Punkt, und daher, wie gesagt, wenden unsere glänzendsten und rührigsten Männer sich vorzugsweise noch dem realen Leben zu. – Soweit Professor Hale. Ich glaube hieran folgenden Schluss knüpfen zu dürfen: Weil grossartige, wirtschaftliche und industrielle Unternehmungen auch in Amerika noch selten von Frauen begonnen und geleitet werden, diese Karriere ihnen, wenn auch nicht gerade verschlossen ist, so doch in weit geringerem Masse Erfolg bietet als dem Manne, so haben sie sich mit Vorliebe und in ihren intelligentesten Exemplaren dem Gebiet der akademischen Studien zugewendet, dessen hohe Bedeutung sie wohl erkannten, dessen Zukunft, auch in Amerika, ihnen völlig klar war. Auf diese Art ist in Amerika eine Klasse von Frauen entstanden, welche direkt an den Quellen der wissenschaftlichen Erkenntnis steht, welche der amerikanische Mann anerkennt, respektiert, und die fest entschlossen sind, sich aus dem Wissen der Zeit Waffen zu schmieden für den Kampf der Zeit.

Um denselben möglichst erfolgreich und ungehindert aufnehmen zu können, um für ihn alle Zeit und Gesundheit zu sparen, hat die amerikanische Frau auch ihre Gedanken auf Kleiderreform gerichtet; denn sie ist der Ansicht, dass die heutige, weibliche Kleidung sowohl ungesund, wie unpraktisch ist. Es handelt sich bei der Kleiderreform in erster Linie um Verbannung des Korsets, in zweiter, um Beschaffung eines praktischen Arbeits- und Strassenkostüms für Frauen. Die Hauptneuerung am Reformkleid ist daher der kurze, nicht viel über das Knie reichende Rock. Vom Knie bis auf den Fuss gehen blaue Tuchgamaschen. Die Taille hat die Form der heute so modernen Zuavenjäckchen. Dunkel-marineblau ist meist die Farbe, der man zu Arbeitskleidern den Vorzug giebt. Man nennt diese Kleidung »Bloomer«, nach Amelie Bloomer, ihrer Erfinderin, die zu den Pionieren der amerikanischen Frauenbewegung gehört hat und gegen 1850 zuerst öffentlich so auftrat. – Damals sind ihr die grossen und kleinen Gassenjungen noch nachgelaufen, und ein Polizist musste sie und ihre Leidensgefährtin, Lucy Stone, in einer Droschke nach Hause bringen. – Heute kann eine Frau die Reformkleider ruhig auf der Strasse tragen. Ich habe Frau Sewall und Frau Avery bei einer Sitzung des internationalen Frauenkongresses darin gesehen; beide waren zu Fuss vom Palmer-House die etwa zehn Minuten bis zum Kunstinstitut gegangen. – Da diese beiden Kostüme in jener Sitzung als Anschauungsobjekte dienen sollten, und da der Saal so voll war, dass die Anwesenden wieder auf Stühle stiegen, um nur etwas sehen zu können; da Frau Sewall, die Vorsitzende, dies aus Ordnungsgründen nicht duldete, hat eine Dame aus dem Publikum Frau Avery gebeten, sie möge doch auf den Präsidententisch steigen und von dort aus ihre Rede halten. Da der Wunsch gerechtfertigt war, ist Mrs. Avery in ihrem Bloomerkostüm auf den Präsidententisch gestiegen und hat von dort aus gesprochen. Wo das Zweckmässige anfängt, hört in Amerika das Unpassende auf.

Ebenso radikal gehen die amerikanischen Frauen in der Moral-, Sozial- und politischen Reform vor. Ich will die Hauptsachen zusammenfassend hervorheben. Es ist einer der zahlreichsten, amerikanischen Frauenvereine, welcher sich die Beschränkung und womöglich die Abschaffung des Alkoholgenusses zur Aufgabe gemacht hat. Ich meine den 1874 gegründeten Mässigkeitsverein christlicher Frauen, dessen Vorsitzende Francis E. Willard ist, eine Frau, deren Namen eine Macht bildet. – Der Verein eifert nicht und schilt nicht; er sucht zu bekehren und aufzuklären. Seine Beweggründe sind einerseits christlicher Natur: der Genuss von Alkohol erniedrigt das Ebenbild Gottes; zweitens, – wissenschaftlicher – der Genuss von Alkohol wirkt schädlich auf Körper und Geist; drittens, – patriotischer – der Genuss von Alkohol raubt dem Menschen die Selbstbeherrschung und macht ihn deshalb zu einem schlechten Staatsbürger. – All dieses bezieht sich nun auf den gewohnheits- und übermässigen Alkoholgenuss. Gegen den massvollen lässt sich das gleiche nicht sagen. Der Verein meint aber, dass niemand, der sich an Alkohol gewöhnt hat, sicher ist, dass es bei dem massvollen Genuss bleiben werde, und es nur von äusseren Umständen abhängt, ob er dem Trieb nach »mehr« widerstehen kann oder nicht. Angesichts dieser Thatsache und der Verheerungen, welche der Alkohol in der Volkskraft, besonders in der Arbeiterfamilie anrichtet; angesichts der nachgewiesenen Verbindung von Alkoholgenuss und Verbrechen sieht der erwähnte Verein in völliger Enthaltung von geistigen Getränken das einzig rationelle Mittel, um erst dem grossen Übel zu steuern und es endlich ganz auszurotten.

Der Verein hat zuerst versucht, die heutige, erwachsene Generation zu bekehren. Seit 10 Jahre fruchtlosen Kampfes ihm das Aussichtslose der Sache zeigten, hat er sich in erster Linie auf vorbeugende Erziehung der Jugend gerichtet. Seit 1883 hat in mehreren amerikanischen Staaten der wissenschaftliche Mässigkeitsunterricht in den Elementar- und höheren Schulen begonnen.

Heute ist in 42 von den 50 amerikanischen Staaten und Territorien der wissenschaftliche Mässigkeitsunterricht eingeführt und obligatorisch: 18 Millionen Kinder werden darin unterrichtet. In vielen Staaten haben die Lehrer eine besondere Prüfung darüber zu bestehen, ob die Natur der alkoholischen Getränke, ihre Bereitung, ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus ihnen auch genügend klar sind. Der Verein hat sich die grösste Mühe gegeben, klare und leichtverständliche Schul- und Lehrbücher über den Gegenstand veröffentlichen zu lassen. Er schreibt zwar den Lehrern ausdrücklich vor, jede Diskussion abzulehnen, wenn bei Besprechung des Gegenstandes ein Kind erzählt, dass die Eltern zu Hause Alkohol trinken. Trotzdem er aber jede Polemik in der Schule unterlässt, ergreift er jede Gelegenheit, auf die Jugend zu wirken. Und als am 17. und 18. Juli in Chicago ein Jugendkongress stattfand, hing in Washington-Hall eine grosse Landkarte der Vereinigten Staaten, auf der die 42 Temperenzstaaten weiss und die acht andern tief schwarz angemalt waren.

Dieser Frauenverein ist eine soziale Macht. Eine soziale Macht ruht auch in einem andern aus Frauen und Männern gebildeten Verein, der »Christlichen Liga für Sittlichkeitsreform«. Der Sitz des Vereins ist New-York, die Präsidentin Frau Elisabeth B. Grannis. Sie wohnte zur Zeit des Kongresses gleichfalls in Palmer-House; wir haben oft bei Tische nebeneinander gesessen, und lange, ehe ich wusste, welche Sache sie vertrat, war mir ihr feines, vergeistigtes Gesicht aufgefallen.

Der Verein hat in seinen Schriften wie in seinen Kongresssitzungen folgenden Grundsatz für seine Arbeit festgestellt: In der Moral giebt es keinen Unterschied der Geschlechter; was für die Frau unsittlich ist, ist es auch für den Mann. – Die heutige Gesellschaft misst beide mit verschiedenem Masse; dies ist unchristlich, ist unheilvoll, ist ungerecht. Aus all diesen Gründen werden wir, die Mitglieder dieser christlichen Vereinigung, gegen die heute in der Welt geltende doppelte Moral für Mann und Weib arbeiten. – Der Verein ist 1886 gegründet worden. Was jene Frauen und Männer zu ihrem Entschlusse trieb, war nicht nur ihr christliches Gewissen, das sich gegen die systematische Nichtachtung des sechsten Gebots empörte; es war auch ihre ganze Kenntnis der modernen Wissenschaft, des modernen Lebens und der Zustände in grossen wie in kleinen Städten. – Diese Kenntnis haben die Frauen auf den Universitäten erworben, durch praktische Arbeit in den Stätten der Not und des Elends, durch die weiblichen Prediger, weiblichen Ärzte, weiblichen Rechtsanwälte. In diesen Fragen urteilt die amerikanische Frau aus eigener Anschauung und nach eigener Überzeugung. Beides, ihre Anschauung, wie ihre Überzeugung mögen dem Landläufigen widersprechen. Dann behält die amerikanische Frau sich immer noch vor, einmal ihre Anschauungen dem Landläufigen entgegenzusetzen und, nachdem Jahrtausende lang nach der doppelten Moral gehandelt und dabei die heutigen Zustände erwachsen sind, nun einmal das Experiment mit der gleichen Moral für Mann und Frau zu machen.

Zu den besuchtesten Sitzungen des Kongresses gehörten die über Industrie und Politik. Beide Sektionen hängen aufs engste zusammen. – So verschieden die Stellung der amerikanischen Frau auch in vielem von der der europäischen ist, in der Lohnfrage ist sie oft noch dieselbe: Frauenarbeit wird auch in den Vereinigten Staaten schlechter bezahlt als Männerarbeit. Es ist dies, wenn die Frauenarbeit der Männerarbeit gleichwertig ist, eine Ungerechtigkeit, die durch nichts entschuldigt werden kann, und man hat denn auch die heute bestehenden Lohnverhältnisse auf dem Frauenkongress als einen Missbrauch der Macht bezeichnet. – Man war sich ganz klar darüber, dass hiermit noch nicht viel gethan sei und diskutierte deshalb die praktische Seite der Frage: Abwehr durch Organisation der weiblichen Arbeiterinnen in Gewerkvereinen. – Die Lage wurde wie folgt geschildert: Die weibliche Industriearbeiterin steht dem männlichen Industriearbeiter an Vereinsschulung, an geistiger Erziehung durchaus nach, und zwar weil ihr die Bethätigung auf politischem Gebiet fehlt. Deshalb haben die bisherigen, weiblichen Gewerkvereine wenig geleistet und wenig Einfluss. – Es fehlt an Korpsgeist, und denen, die etwas leisten wollen, fehlt es an Macht, ihren Ansprüchen Nachdruck zu verleihen, denn – es fehlt ihnen das politische Stimmrecht.

Gebt uns dies, sagen die amerikanischen Frauen, und wir erhalten auf industriellem Gebiet wie auf geistigem den gleichen Lohn; denn sowie wir Wähler sind, müssen unsere Abgeordneten, muss unsere Gesetzgebung auch unsere Interessen vertreten, oder sie verliert unsere Unterstützung.

Hier nun ist der Punkt, wo alle, die materiellen, sittlichen und geistigen Bestrebungen der amerikanischen Frau in dem politischen Knoten zusammenlaufen. Und hiermit ist zugleich der Zeitpunkt gekommen, wo ich Ihnen einen geschichtlichen Namen, den Namen von Susan B. Anthony, nennen darf, der Vorkämpferin für Frauenstimmrecht, derjenigen Frau, welcher jeder auf dem Kongress mit Ehrfurcht begegnete, vor welcher der Polizist seinen Helm abnahm, die mit ihrer hageren Greisengestalt vierzig Jahre voll Kampf verkörperte; und das ist – mag man das Ziel des Kampfes billigen oder nicht – immerhin eine achtbare Leistung. Susan Anthony war eine der Hauptfiguren des Kongresses, eine wunderbare, alte Frau, die Amerikaner nannten sie eine »grosse Frau«. Was ihr wohl durch den Kopf gegangen sein mag, als sie von ihrem Ehrenplatz auf dem Podium aus auf die tausendköpfige Menge blickte und diese grosse, jubelnde, internationale Vereinigung mit ihren ersten Anfängen verglich! – Sie hat in ihrer teils humoristischen, teils scharfen Art einiges von ihren Erfahrungen erzählt. – Und eines ihrer Erlebnisse möchte ich, da es für Susan Anthony und Amerika entscheidend wurde, wiedererzählen. Es datiert von 1853. Im Jahre vorher war der erste Frauenmässigkeitsverein gegründet und eine Petition mit 28,000 Unterschriften ging an die Verwaltung des Staates New-York. – Der Gedanke, den Genuss von Alkohol gesetzlich zu beschränken, war damals noch ganz neu. – Bei der Verhandlung über die Petition trat daher ein Sprecher heftig dagegen auf und mit den Worten: »Wer sind denn die, welche vom Staate New-York ein solches Gesetz verlangen? Es sind ja nur Frauen und Kinder« gab er der Rolle mit der Petition und den Unterschriften einen Schlag, dass sie auf die Erde fiel, wo er sie mit dem Fuss verächtlich weiterstiess. – Susan Anthony war in der Versammlung; »und,« erzählte sie, »da fragte ich mich, warum der Name einer Frau unter einer Petition nicht ebensoviel gelte, wie der eines Mannes? Und ich war verständig genug, zu sehen, dies sei nur der Fall, weil jener Mann unter seinen Wählern eben nur Männer, aber keine Frauen habe. Hätten auch Frauen ihn gewählt, er würde ihre Unterschrift wohl anerkannt haben. – In jenem Augenblick schwor ich mir zu, dass ich bis an mein Lebensende arbeiten wolle, damit der Name einer Frau auf einem Stück Papier ebensoviel Gewicht habe, wie der eines Mannes – und seit jener Zeit hab' ich genug zu thun gehabt.«

Heute ist das Frauenstimmrecht in Amerika eine Sache, der sich die allgemeine Meinung steigend zuwendet. Die Motive sind vielfältiger Art. Man hält es für ungerecht, der Frau das Stimmrecht zu entziehen, erstens weil sie Steuern bezahlt und deshalb ein Recht hat, über die Verwendung der öffentlichen Gelder mitzuberaten. Zweitens, weil die politischen, sozialen und moralischen Verhältnisse des Landes auf die Frau ebensoviel Einfluss üben wie auf den Mann, und sie deshalb ein Recht hat, wie der Mann, ihre politischen, sozialen und moralischen Anschauungen und Interessen zum Ausdruck, zur Vertretung und zur Herrschaft zu bringen. –

Als Steuerzahler und als Bürger haben die amerikanischen Frauen also der heutigen Auffassung nach Anspruch auf politisches Stimmrecht. – Ein praktischer Anfang ist damit bereits in dem Staate Kansas gemacht, wo alle Frauen bei allen städtischen Wahlen mitwählen und zu allen städtischen Ämtern wählbar sind. – Im Staate Wyoming besteht das allgemeine Frauenstimmrecht seit 1869. Es wurde angenommen, als Wyoming noch ein Territorium war, und als es bei wachsender Bevölkerung das Recht hatte, seinen Rang als Staat zu fordern, wurde die Frage erörtert, ob man diese Rangerhöhung nicht an die Aufgabe des Frauenstimmrechts knüpfen solle. Wyoming hat damals erklärt, dass es dann lieber Territorium mit, als Staat ohne Frauenstimmrecht sein wolle, so gut habe das letztere auf die Zustände des Landes gewirkt. – Es waren zwei weibliche Stadträte aus Kansas und Wyoming, welche in öffentlicher, politischer Versammlung das eben Angeführte erzählten und dann hinzufügten: »In keinem der beiden Staaten ist das politische Stimmrecht ein Störer des Haus- und Ehefriedens geworden. Auch die Befürchtung, dass die Frauen sich um materielle Verwaltungsfragen weniger kümmern würden, als um sittliche, hat sich als grundlos erwiesen. – Sie haben allerdings mit den sittenpolizeilichen Vorschriften, die bisher nur auf dem Papier bestanden, Ernst gemacht und haben bei den Wahlkandidaten weniger auf politische Färbung, als auf ihren ehrenwerten Charakter gesehen.« –

Nachdem die zwei Frauen so gesprochen, hat dann Herr Hoit, Exstatthalter von Wyoming, in derselben Versammlung erklärt, nach seiner langjährigen Erfahrung im politischen Zusammenarbeiten mit Frauen handle es sich da eben nicht mehr um ein Experiment, sondern es sei eine feststehende Thatsache, das politische Stimmrecht der Frau sei gut für die Frau, den Mann, die Nation und sicher auch die Welt. –

Um den vollen Sinn dieser politischen Frauenbewegung zu fassen, muss man sich viererlei gegenwärtig halten. Erstens, dass es vor 1862 ausser den Frauen noch andere politisch rechtlose Klassen in Amerika gab, z. B. die Neger; dass die Frauen die eifrigsten Anhänger der Sklavenemanzipation waren und nun plötzlich das Wunderbare erlebten, die früher missachteten, nicht einmal als Menschen taxierten Neger sich über den Kopf wachsen, zu amerikanischen Vollbürgern aufsteigen zu sehen. Und das zu einer Zeit, wo die amerikanische Frau schon ganz bewusst in der Agitation stand: Der schwarze, ungebildete Sklave stieg in die Klasse der Wähler, der Herrscher, derjenigen auf, welche die Zukunft des Landes bestimmten; die weisse Frau, selbst wenn sie gebildet war, blieb in der Klasse der politisch Rechtlosen mit den drei anderen Kategorien der von der Politik Ausgeschlossenen: den Indianern, Schwachsinnigen und Verbrechern. –

Die amerikanische Frau hat darüber sehr tief nachgedacht, und auf der Weltausstellung war in dem Staatsgebäude von Kansas ein Resultat dieses Nachdenkens, eine bildliche Darstellung ihrer selbst und ihrer politischen Mitbrüder, des Indianers, Idioten und Verbrechers zu sehen. –

Man muss sich zweitens gegenwärtig halten, dass in Amerika jeder, auch der ungelehrteste, verworfenste Mann und Fremde nach einem Aufenthalt von wenigen Monaten das Wahlrecht erwirbt, während eine amerikanische Patriotin wie Susan B. Anthony ihr Lebelang politisch rechtlos geblieben ist und das eine Mal, als sie sich erlaubt hat, an die Wahlurne zu gehen, gefänglich eingezogen und vor Gericht gestellt wurde.

Man muss sich drittens sagen, dass die amerikanischen Frauen sich in ihrer ganzen Reformarbeit, bei allem, was sie Umfassendes unternehmen wollen, durch ihre politische Rechtlosigkeit, durch Mangel an direktem Einfluss auf die Gesetzgebung gehindert, gehemmt, gefesselt fühlen.

Und viertens muss man sich gegenwärtig halten, dass die amerikanische Politik und Gesetzgebung nicht in den reinsten Händen liegt; dass die politischen und Verwaltungsverhältnisse Amerikas sehr korrupte und bedenkliche sind; dass ganz schamloser Stimmkauf, Bestechung öffentlich getrieben werden; dass die guten und die besten Männer in der Verdammung dieses Systems mit den Frauen ganz einig sind, und die politischen Verhältnisse Amerikas durch Eintritt einer neuen, von sittlichen Grundsätzen erfüllten Wählerklasse nur gewinnen könnten.

Das ist der Sinn eines Satzes, den ich die Stadträtin von Kansas aussprechen hörte, und der mir so energisch im Gedächtnis geblieben ist: »Wir wollen politische Ämter wieder zu Ehrenämtern machen.« – Dies ist thatsächlich die Tendenz, welche die amerikanischen Frauen einesteils bei ihrem Kampf um das politische Wahlrecht leitet. Andererseits ist das politische Stimmrecht ihnen heute allerdings auch der Schlüssel zu allen anderen Rechten und hat darum auch den grössten praktischen Wert.

Und die amerikanischen Frauen sind fest entschlossen, ihre Ansprüche durchzusetzen. Sie wollen eine Macht bei sich werden, in ihrem Lande, und weil sie sich eins fühlen mit den Frauen aller Länder, so auch eine internationale Macht. – Die letzte Sitzung des Kongresses war diesem Gedanken gewidmet. – Macht beruht auf Einigkeit, dies haben sich die amerikanischen Frauen bereits vor Jahren gesagt, und deshalb haben sie versucht, die ganze organisierte Frauenbestrebung ihres Landes in einem Punkt zu konzentrieren, d. h. sie haben den amerikanischen Frauenrat gebildet.

Der amerikanische Frauenrat, National Council, ist keine Verbindung von Privatpersonen, auch keine Verbindung von Lokalvereinen, sondern er giebt seine Mitgliedschaft nur den jeweiligen Präsidentinnen aller das ganze Land umfassenden Frauen-Vereine. Er vertritt selbst keine Tendenz, er lässt alle bestehenden Tendenzen gelten, vorausgesetzt, dass sie zur Freiheit führen, und er ist so ein Knotenpunkt der verschiedensten Bestrebungen und Kräfte. Er ist in der vollen, bewussten Absicht gebildet, geschlossenste Organisation, einmütigstes Handeln zu ermöglichen, alle Interessen der Frau dauernd zu vertreten und, solange die Frau vom Männerparlament ausgeschlossen ist, ein ständiges Frauenparlament zu schaffen, bei dem Klagen vorgebracht und Rechte nachgesucht werden können; eine Frauenvereinigung, die bei streitigen Fällen befragt wird und durch die Fülle ihres Wissens von allem, was die Frau will, ist, leistet und nicht leistet, zur Autorität wird. –

Nationale Verbindungen dieser Art bestehen bereits in Frankreich, Dänemark und Belgien. Dieselbe Organisation auf alle Länder auszudehnen, in jedem Lande eine solche Pflanzschule der gegenseitigen Duldung zwischen Vereinen, des sachlichen Verkehrs zwischen Personen einzurichten – dieser Gedanke ging naturgemäss aus dem bereits Bestehenden hervor. Der Verband deutscher Frauenvereine ist im März 1894 unter dem Vorsitz von Frl. Auguste Schmidt bereits in's Leben getreten.

Den Tag zu sehen, an welchem die Vorsitzenden all' dieser nationalen Frauenverbände sich in einem internationalen Frauenrat zusammenfinden würden, um die die Welt umspannenden Interessen der Frau – welche zugleich auch die der Menschheit sind – zu vertreten, war der Schlussgedanke des Kongresses, dessen Grundprinzip: »Ihr könnt die Welt nicht ohne uns regieren, noch vollenden« – jetzt in seiner ganzen, amerikanischen Thatsächlichkeit vor Ihnen steht. – Noch ganz anders greifbar wird es Ihnen werden, wenn erst die Akten des internationalen Kongresses gedruckt sind, Die Akten sind jetzt in einem Band veröffentlicht. Preis 15 Mk. Chicago. Rand, Mc. Nally & Co. in jeder Frauenbibliothek als unentbehrliches Nachschlagebuch stehen und eine Basis für die Kulturleistung der Frauen der Welt abgeben werden. Eine solche Basis geschaffen und die persönliche Fühlung zwischen den Leiterinnen der Bewegung hergestellt zu haben, sind die zwei Ergebnisse des internationalen Frauenkongresses, die heute bereits feststehen.

Diese Bestrebungen werden nun noch lange nicht von der ganzen amerikanischen Bevölkerung geteilt. Sie sind Eigentum der Fortschrittskreise der Nation. Diesen Fortschrittskreisen und allen, die ihnen zustimmen, aus der Seele gesprochen, war die Pfingstpredigt, mit welcher am Sonntag, den 21. Mai der internationale Frauenkongress schloss.

Diese letzte, grosse Versammlung fand in Washington-Hall statt. Achtzehn weibliche Prediger der verschiedensten religiösen Richtungen sassen auf dem Podium. Die Einleitungs- und Schlussformeln sprach Fräulein Clara Bartlett, freireligiöse Predigerin; die Predigt selbst hielt Reverend Annie Shaw von der Methodistengemeinde. »Die Freunde des Lichts,« sagte sie, »sind eins; gleichviel ob Mann ob Weib, und ihr Gott ist eine Macht, ein Streben zum Guten, gleichviel wo, wann und wie. – Die Kenntnis dieser Wahrheit soll und wird uns frei machen. Sie wird uns helfen, die Welt in neue Bahnen zu lenken und statt in alten Traditionen weiter zu leben, uns selbst unsere eigenen Gesetze zu geben. Das wird Kampf kosten; aber wer diese Wahrheit einmal erkannt, wer sie als Wahrheit erkannt, wer das Recht der Frau erkannt, wer es als Recht erkannt, der muss auch den sittlichen Mut haben, es auszusprechen und danach zu handeln, unbekümmert um das Geschrei der Menge und den Lärm der Strasse. Man muss auch hart sein können im Guten. Wer das erkannt hat, muss ein Kämpfer sein, er hat höhere Ordre bekommen und muss aushalten auf dem Posten, der ihm angezeigt. Und wer so der Wahrheit treu ergeben dient, den wird auch sie nicht verlassen. Musik in Front wird es taktmässig in geschlossenen Reihen vorwärts gehen.« – Mit einem Gleichnis schloss Annie Shaw: »Im Tumult der Schlacht,« sagte sie, »war der junge Fahnenträger seiner Kolonne weit vorangeeilt. Der Führer rief ihn zurück. ›Zur Mannschaft rückwärts kommt die Fahne nicht,‹ war die Antwort, die Mannschaft muss zur Fahne kommen!« – »So stehen wir auch heute,« fuhr Annie Shaw fort. »Auch uns ruft man zu: Ihr geht zu weit, ihr fordert Unmögliches, ihr wollt die Welt verändern, die Natur lässt das nicht zu – kommt zurück! – Und wir müssen darauf sagen wie jener ›Fahnenträger:‹ Rückwärts zur Mannschaft kann die Fahne nicht; die Mannschaft muss zur Fahne kommen!« – Damit ist meine heutige Aufgabe vollendet. Ich wollte und musste Sie bis an das äusserste Gebiet der amerikanischen Frauenbewegung führen. Wie Sie über die Ziele derselben nun auch denken mögen – das eine glaube ich festgestellt zu haben: dass es sich hier um eine ernste, mit Sach- und Lebenskenntnis unternommene, seit 40 Jahren systematisch organisierte Bewegung handelt; um ernste Arbeit, um bewusste Arbeit; um Zusammenarbeit mit Männern; um eine Bewegung tiefeinschneidender Natur; eine internationale Bewegung grossen Stils, eine Bewegung, die, in grossem Sinn geführt, heute bereits in Amerika eine reale Macht ist, und deren Leiterinnen für ihre Zukunft, wenn es sein kann friedlich, wenn es sein muss, rücksichtslos entschlossen eintreten werden. Ich habe Ihnen jenes Gleichnis von der Fahne gesagt, nicht weil ich Sie damit auffordern will, zu dieser Stunde und in diesem Lande diese Fahne aufzupflanzen, sondern weil zur Charakteristik der amerikanischen Frauenbewegung eben dieses Wort gehört; weil dieser Enthusiasmus zu dem besten zählt, was die amerikanischen Frauen heute zu besitzen glauben, und weil ich, dem Motto meines Vortrags getreu, nichts verschweigen durfte; lautete dieses Motto doch: Prüfet alles und das beste behaltet!

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