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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 25
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180415
projectidb90997ef
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Zur Zeitgeschichte.

Allgemeine deutsche Universitäts-Zeitung. 1. November 1892.

Wir haben es freilich heute schon sehr weit gebracht – bis in die Sterne weit – trotzdem hat die Vergangenheit mit all ihrer »Barbarei« noch immer einen gewissen Reiz für uns, und so kommt es, dass sich manchmal eine moderne Hand in irgend einen alten Schweinslederband verirrt; man blättert, liest, stutzt, ist gefangen und fragt sich zuletzt: wer sind eigentlich die Barbaren, die Menschen der Vergangenheit oder wir? Denn haben wir schon Eisenbahn und Telegraphen, über die unsere Altvordern staunen würden, so haben wir doch auch Entwürfe zu sogenannter Volksschulreform, Vorschläge von »Preussischen Vereinen« und Anschauungen vom Wesen der Frau, die unsere Vorfahren gleichfalls in Staunen setzen würden.

Unsere Vorfahren? Nun ja; sie sind zwar nun bald durch vier Jahrhunderte von uns getrennt, sind aus der Zeit des grossen Lichts, der Renaissance, sind Humanisten gewesen. In vier Jahrhunderten aber kann freilich das grösste Licht zum Stümpfchen herabbrennen, kann die kräftigste Wiedergeburt dem Tod verfallen, können auch die Nachkommen von Humanisten wieder Barbaren werden. Immerhin aber bleiben jene unsere Vorfahren, und zu ihnen gehörte auch Erasmus von Rotterdam, der feinsten Köpfe und der gründlichsten Gelehrten einer. Und er ist es, der angiebt, seinerzeit den neuen Wissenschaften die grössten Dienste geleistet und dafür von den »Barbaren« grosse Verfolgung erlitten zu haben. Armer Erasmus, solche Barbaren gab es also damals schon! Im übrigen glaube ich, hat die Geschichte das Urteil des Erasmus über sich bestätigt, er ist also ziemlich zuverlässig, und man kann ihn einmal wieder zu Worte kommen lassen.

Unter anderen Dingen hat besagter Erasmus nämlich eine Reihe lateinischer Gespräche verfasst, er nennt sie Colloquia familiaria, weil darin auf gemütliche Art allerhand bekannte, allgemein interessierende Gegenstände behandelt werden; auch das Latein, in dem sie geschrieben, ist familiär – Cicero im Hausrock. – Bekäme ein Barbar von heute diese Gespräche in die Hand, er würde den Erasmus ganz ebenso hassen, wie seine Vorbarbaren diesen freien Geist gehasst haben. Um den Beweis für diese Behauptung nicht schuldig zu bleiben, will ich in freier Übersetzung einige Grundanschauungen des alten Humanisten wiedergeben.

Er lässt da einen Abt und eine gelehrte Frau sich unterhalten – beiläufig gesagt, Erasmus hatte, und aus Gründen, einen Zahn gegen die Geistlichkeit seiner Epoche. – Der Herr Abt erscheint im Hause der Gelehrten – die übrigens eine verheiratete Frau ist – und sagt: »Wie sieht denn das hier aus?«

Die Gelehrte: Findest du es nicht elegant?

Der Abt: Ich weiss nicht, ob man das elegant nennt, jedenfalls darf es bei einem Mädchen oder einer Frau nicht so aussehen.

Die Gelehrte: Warum denn nicht?

Der Abt: Es steht hier ja alles voll Bücher.

Die Gelehrte: Nun, und warum missfällt dir das?

Der Abt: Weil das Weib es sich an Nadel und Kochtopf genügen lassen soll.

Die Gelehrte: Sie muss aber doch auch das Haus verwalten und die Kinder erziehen?

Der Abt: Allerdings.

Die Gelehrte: Und du meinst, sie könne eine so grosse Aufgabe ohne Bekanntschaft mit der Weisheit erledigen?

Der Abt: Nein.

Die Gelehrte: Nun, diese Bücher sind es, die mich die nötige Weisheit lehren.

Der Abt: Es ist aber ungewöhnlich, dass Frauen Bücher lesen, und nun gar lateinische und griechische. Die Welt sieht es nicht gerne.

Die Gelehrte: Sprich mir von der Welt! Ist nicht ihre grösste Wonne, das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen? Komme mir mit der Gewohnheit, der Feindin allen Fortschritts! Die Stimme der Edelsten der Nation soll man hören, dann wird das Ungewohnte Gewohnheit werden, das bis dahin »Unziemliche« für schicklich gelten, und was gestern Irrtum war, wird morgen Wahrheit sein.

Der Abt: Weisst du, das Gehirn der Frau ist solchem Studium nicht gewachsen; ihr bekommt Gehirnschwund davon.

Die Gelehrte: Inwieweit dies bei dir schon der Fall ist, will ich nicht untersuchen; jedenfalls gedenke ich meine Kräfte lieber dem Studium zu weihen, als sie, gleich dir, in Festen und Zechgelagen zu vergeuden.

Der Abt: Ich mag aber keine gelehrten Frauen.

Die Gelehrte: Wie freue ich mich, dass mein Mann dir nicht gleicht; wir sind uns gegenseitig durch das Studium nur noch lieber geworden. Und sieh, gelehrte Frauen sind nicht so selten, wie du meinst: in Italien haben wir z. B. einige von vornehmer Geburt, die sich mit den Männern messen können. Kurz, wenn ihr euch nicht in acht nehmt, so kommt es zuletzt noch dazu, dass wir in euren theologischen Schulen auf dem Katheder sitzen, dass wir in den Kirchen predigen und eure Bischofsmützen tragen werden.

Der Abt: Davor bewahre uns Gott!

Die Gelehrte: O nein, an euch ist es, euch davor zu bewahren. Hast du vielleicht einmal ein Stück aufführen sehen? Nun, dann weisst du auch, dass man entweder seine Rolle ausführen muss, oder sie wird einem anderen übertragen. Merke dir das!

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