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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 22
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Eine englische Mädchenschule.

National-Zeitung. 8. Februar 1891.

Das Feld unserer Thätigkeit war Liverpool, so recht die Windecke Englands. Die Stadt hatte viel von der englischen Einförmigkeit: die niedrigen, zweistöckigen Häuser zogen sich endlos hin, sie sahen alle gleich sauber und gleich langweilig aus; Thüren von gleicher Breite, Balkons von gleicher Höhe, dieselben Fenster, die gleichen Gitter; nur die Steinstufen der Front waren mit verschiedenen Farben gewaschen und schimmerten abwechselnd weiss, gelb und rot. Was den eintönigen Charakter noch erhöht, sind die im Gemäuer flach liegenden Fensterrahmen; da ist nichts Vorspringendes, nichts Kantiges; platt und glatt und sehr respektabel, so stehen die langen Häuserreihen da. Ein mehr oder weniger dichter Nebel vervollständigt an den meisten Tagen die Öde solcher Strassen; er schliesst die eintönige Perspektive grau in grau.

Von dieser englischen Langeweile hatte Liverpool, wie gesagt, sein wohlgemessenes Teil. Andererseits aber bot es ein fröhliches Leben, so recht gemacht, um stolz und froh zu sein. Nach Westen nämlich öffnet sich die Stadt zum Mersey, den Docks, dem Hafen. Da bläst alle Tage ein frischer Wind, da bringen Ebbe und Flut fortwährenden Wechsel; hinüber und herüber gehen Dampfer vom rechten zum linken Flussufer, dann von England nach Irland, endlich von England nach Amerika. Steht man auf den Landungsbrücken, so giebt es keine Entfernung mehr: in einer Viertelstunde ist man in Birkenhead, in zehn Stunden in Belfast, in acht Tagen in Newyork. Die tapferen, schmucken Schiffe locken und rufen hinaus; da, mitten im Hafen liegt die herrliche »City of Paris« mit ihrem schneidigen Bug, so stolz gekrümmt wie der Hals eines stolzen Renners. Jeden Sonnabend sieht man die grossen Schornsteine der Amerikadampfer auftauchen und verschwinden; sie kommen und gehen, sie nehmen tausend sehnsüchtige Wünsche mit, und dies rastlose Fahren nach allen Teilen der Welt, diese zahllosen roten, blauen und Sternenbanner, diese endlosen Firmen und Schiffahrtsgesellschaften, diese meilenlangen Docks, die hohen Winterfluten von über zwanzig Fuss, die bis an die oberen Kaimauern schäumen und die Brückenketten brechend straff anspannen – dies alles weckt in dem Liverpooler einen gewissen festen Trotz, Reiselust und eine entschlossene Anhanglosigkeit. Im Grunde wäre es jedem natürlich, eines Nachmittags nach Amerika, statt nach Birkenhead hinüberzufahren; heisst ja doch beides »over the water«, jenseits des Wassers; und ob dies Wasser nun der Mersey oder der Ocean, das scheint ziemlich gleichgültig.

Aber auch für kürzere Touren liegt Liverpool besonders günstig. Gleichsam im Handumdrehen ist man zu Bahn oder zu Schiff im sonnigen Wales, im altertümlichen Chester, an den schönen, wenn auch regnerischen Seeen von Cumberland, auf der seltsamen Insel Man, im grünen Irland – und London liegt mit dem Expresszug nur vier und eine halbe Stunde weit. In England giebt es ja gewissermassen gar keine Entfernungen. Daher denn in der ganzen Bevölkerung das Leichtbewegliche, wenn es sich um Reisen handelt, das kühne Herausstreben aus den gegebenen Verhältnissen.

Der Liverpooler Jugend lag das ebenso im Blut wie den Alten, und zwar verteilten sich wilder Sinn und Unternehmungsgeist auf Mädchen wie auf Knaben. Da hatten wir Lehrenden es denn mit Charakteren zu thun, die sich nur vor der zwingenden Persönlichkeit beugten. Unsere Anstalt war eine öffentliche, höhere Mädchenschule. Das bedeutet nicht dasselbe wie bei uns: der englische Staat kümmert sich nur um die Volksschulen; das höhere Lehrwesen ist frei, die Schulen und Universitäten verwalten sich selber. Eine höhere, öffentliche Schule in England besteht also weder von Staats- noch von Stadtwegen; sie ist für gewöhnlich ein Unternehmen von Privatleuten, die eine solche Schule für ein öffentliches Bedürfnis halten. Sie ist eine gemeinnützige Anstalt, die ihre Kosten decken soll, von der aber keiner der Gründer Gewinn für seine Tasche erwartet. So war denn unsere Anstalt, Blackburne House genannt, um 1860 von einem Komitee von etwa vierzig angesehenen Bürgern Liverpools gegründet worden. Dies Komitee bestand aus Kaufleuten und einigen Fachmännern, freisinnigen Geistlichen und Akademikern. Sie hielten für nötig, dass dem guten Mittelstand eine Schule errichtet würde, in der seine Töchter und Söhne gegen verhältnismässig geringes Geld ordentlich unterrichtet würden. Es war also ein Versuch, gute Methoden und rechtes Wissen unter die weniger Bemittelten zu bringen. Blackburne House hat denn auch den Ruhm, die Ahne der heutigen High-Schools zu sein und eine gute Erziehung auf die Mädchen ausgedehnt zu haben. Das ganze Institut bestand aus Knabenschule, Mädchenschule und einer damit verbundenen Kunstschule.

Diese Gebäude, um einen freien Platz gelegen, hatten ein stattliches Ansehen; auf einem Hügel, die Stadt beherrschend, zeigten sie sich in vornehmer Architektur. Besonders die Mädchenschule. Ihr ältester Teil war ein früheres Patrizierhaus, das den Blackburnes gehört, die der Anstalt den Namen gegeben hatten. Dies Haus war als südlicher Flügel benutzt, hatte als Ansatz ein entsprechendes Gebäudestück nach Norden bekommen, einen Gebäudekörper in der Mitte und stand nun da, mit schön verzierter Vorderfront, einer breiten Freitreppe, kräftig vortretenden Fenstern, kurz einem individuellen Gesicht. Ein grosser von Bäumen umgebener Kiesplatz dehnte sich davor aus, eine hohe Mauer trennte ihn von der Strasse; doch hinderte sie den Blick nicht und von den breiten Fenstern schaute man frei auf die hügelabsteigenden Strassen, den Mersey und die fernen Berge von Wales.

Solch' ein weiter Blick und der muntere Windhauch um das Haus liessen keine Grillen aufkommen. Wir waren frisch und fröhlich in Blackburne House. Freilich hatten wir auch die Rolle des frischen Salzes zu spielen, da das alte, wie man sagt, dumm geworden war. Es hatte nämlich ein Direktionswechsel eintreten müssen, da die bisherige Leiterin auf ihren Lorbeern zur Ruhe gegangen war, der Lehrkörper fand, er hätte genug gethan, und die Aufsicht zum Teil den Händen ganz ungeeigneter Personen anvertraut wurde. So war es z. B. eine der eingebürgerten Praktiken, dass des Morgens die Namen sämtlicher Nachzügler – und sie waren zahlreich – von zwei Dienstmädchen auf Schiefertafeln aufgeschrieben wurden. Zu welchem Zweck, hat man nie erfahren können, denn der Arm der Gerechtigkeit erreichte die Schuldigen nie. Da nachmittags obligatorische Arbeitsstunden waren, die meisten Schülerinnen aber der grossen Entfernungen wegen nicht nach Hause zurückkehren konnten, so wurde in der Schule auch unter der alten Leitung für das Mittagessen gesorgt. Die Mädchen fanden es aber natürlich viel interessanter, sich ihre Vorräte selbst zu beschaffen, lehnten das offizielle Mahl ab, richteten Picknicks im Spielsaal ein und waren die besten Kunden der anwohnenden Krämer. Dadurch kam die Anstalt in Verruf. Schoss einmal eine etwas wild aussehende Jungfrau mit einer Tüte Apfelsinen eilfertig über Blackburne Place, so verhüllten die Gerechten ihr Haupt und sagten »shocking«. Es war aber auch shocking. Erstens das Unrecht, das diese Zustände den Mädchen thaten; zweitens die Würde, in welche sich dieser Schlendrian nach aussen kleidete. Da stand das schöne Haus scheinbar so fest und sicher; innen auf der steinernen Doppeltreppe, die zur Wohnung der Direktrice führte, wurden allabendlich grosse Gaskandelaber angezündet für den Fall, dass Besuch käme, und die grosse Halle schien Fürstlichkeiten empfangen zu wollen.

Als Blackburne House anfing, von seiner Höhe zu sinken, den neuen Methoden keine Rechnung mehr trug, an alten Lehrbüchern und Gedächtniskram festhielt und unbrauchbare Lehrkräfte im ausgetretenen Pfade fortschlendern liess, da stellte das Komitee der Leitung eine Frist für Änderung der Zustände, und als die Forderung nicht beachtet wurde, als der, ein zweites Mal, aus Cambridge herbeigerufene Examinator die gerügten Missstände von neuem unverändert vorfand, geschah ein durchgreifender Wechsel in Direktion wie Stab.

Um gründlich mit den verjährten Methoden zu brechen, gewann man ausschliesslich Frauen von akademischer Bildung und legte überhaupt den ganzen Unterricht in Hände von Frauen. In die unansehnlich gewordenen Schulräume zogen Maler und Handwerker ein und bald machte das Haus, von innen licht, mit seinen schönen Verhältnissen, seiner patrizischen Raumverschwendung wieder den befreienden Eindruck, der ihm sonst eigen war. In diese hellen, luftigen Räume zogen nun wir Neuen von der Universität. Die Direktrice war zugleich die mathematische Lehrerin, dazu hatten wir akademisch gebildete Lehrerinnen des Englischen und Lateinischen, die beide ihr Staatsexamen in Newnham gemacht hatten. Ich kam von der Sorbonne mit der Fakultät für die deutsche und französische Sprache und hatte noch eine jüngere französische Lehrerin zur Seite, die zwar keine Universität besucht, wohl aber die gediegene Erziehung einer höheren, französischen Staatsschule erhalten hatte; der Zufall wollte, dass sie die Schülerin einer meiner Universitätsfreundinnen war. Die Hauptfächer lagen auf diese Art in der Hand der »Modernen«, wie wir uns unter einander zu nennen pflegten. Religion kam, da die Anstalt konfessionslos war, nicht in Betracht. Dies, sowohl wie unsere neuen Methoden und Anschauungen, stellte uns von vornherein in Gegensatz zu den älteren Elementen, die dem Dynastiewechsel zwar bang entgegengesehen, aber teils aus Gewohnheit, teils aus Mittellosigkeit, zu bleiben vorgezogen hatten. Sie bildeten hauptsächlich den Stab der Elementarlehrerinnen und waren als solche, obgleich ihnen eine gewisse Enge anhing, hervorragend tüchtig. Sie begrüssten einerseits die neue Leitung mit Freuden, denn als tüchtige Menschen wünschten sie auch geordnete Zustände herbei. Andererseits aber hatten gerade sie bisher in Oberklassen die Fächer gelehrt, die wir nun übernahmen, und wir mussten uns daher vor diesen strengen Richtern unsere Sporen erst verdienen. Die Naturwissenschaften blieben freilich nach wie vor in den Händen einer gelehrten, älteren Dame, einer grossen Schweigerin; mit scharfen Augen, die jedem Tier schon von weitem ansahen, was es war. Sie bewahrte eine Fülle von Bindfäden, Chemikalien und Retorten in ihrem Schrank und besass nebst einem guten Herzen einen künstlerischen Geschmack.

Von Schulhierarchie im deutschen Sinne war bei uns keine Rede; jeder nahm den Platz ein, den er sich durch seine Leistungen erwarb. Ein Sichheraufdienen war unbekannt. Da wir Jungen die Fähigeren waren, so bekamen wir die verantwortlicheren Posten in den mittleren und oberen Klassen und das entsprechende Gehalt. Die Direktion sah keinen Gewinn dabei, die Lateinlehrerin z. B. mit dem elementaren Rechenunterricht zu betrauen. Es lag ihr eben nicht daran, ein Zeichen ihrer Allgewalt zu geben, indem sie den unrechten Menschen an den unrechten Platz zwängte. Das Verhältnis zwischen der Leiterin und den Lehrerinnen war ein freies; man stand auf gleichem Fusse; ein Wink von oben kam niemals vor. Man sprach sich aus, einigte sich und handelte dann nach Übereinkommen. Die Leiterin nahm als selbstverständlich an, dass wir das Rechte thun würden. Da man in England die Erziehung und den Unterricht als eine Sache des gesunden Verstandes und der praktischen Erfahrung betrachtet, gab es bei uns keine philosophisch-pädagogischen Verhandlungen. Stellte sich ein Übelstand heraus, so ging man mit sich selbst zu Rat, teilte das Ergebnis der Leiterin mit, hörte ihre Ansicht und handelte wiederum nach Übereinkunft. Dies sicherte jeder von uns eine selbstständige Stellung; was in unserm Bereich vorkam, ging in erster Instanz uns an und dann erst die Direktrice. Der Apparat einer Konferenz wurde nur in seltensten Fällen in Bewegung gesetzt.

So organisiert, traten wir vor unsre Klassen. Ich stelle mir vor, dass einem jungen Offizier vor dem Beginn eines Gefechtes so zu Mute sein mag, wie es mir damals war. Und eine Schlacht, ein Kampf um die Herrschaft sollte es auch werden. Wir hatten es mit Mädchen zu thun, die gutwillig keine Autorität anerkannten, die gewohnt waren, ihre eignen Wege zu gehen und jeden Begriff von Arbeit, Gehorsam und Pflicht vergessen hatten. Die Hauptschwierigkeit war, das richtige Mass von Strenge zu treffen und die Unartigen nicht zu Bösartigen zu machen. Das letztere wäre ein grosser Fehler gewesen, denn die Mädchen hatten bei all ihrer Wildheit das Herz meist auf dem rechten Fleck. Vor allem aber besassen sie Selbstgefühl und wären durch kein Mittel zu willenlosen Untergebenen zu machen gewesen. An ihre Ehre, ihren Verstand zu appellieren, das half schon besser; ihnen imponieren war die Hauptsache. Für moralischen Mut waren sie sehr empfänglich. Mit der Zeit aber stellte sich jene eigentümliche Fühlung zwischen uns und den Mädchen her, die macht, dass der Befehlende die Stimmung der Untergebenen ahnt, ohne dass auch nur ein Wort gewechselt wird; dass der Lehrer bei dem Eintritt in die Klasse weiss, was die Glocke geschlagen hat und sich klar ist, was er zu thun hat. In dem Masse, wie diese Fühlung sich bildete, wuchs auch die Zucht, die Achtung vor dem Gesetz, und unter den besseren Elementen entwickelte sich ein Korpsgeist, der anfing, gegen Ausschreitungen Partei zu nehmen. Auch unter dem neuen Regime liess man mit Absicht den Mädchen, – wir hatten ungefähr dreihundert in der Anstalt – in manchem Punkt grosse Freiheit. So war der Spielplatz ihr ausschliessliches Reich. Wir wussten ganz genau, dass wir mit dem Augenblick, wo wir auf diesem Platze erschienen, alle Autorität ablegten und eben nur mitspielen durften. Dies galt allerdings als eine grosse Gunst, die wir erwiesen, es war aber bezeichnend, dass nur die Modernen sich in diese Löwenhöhle wagten, weil nur sie in dem Ruf standen »jolly« zu sein, was ungefähr bedeutet »ein lustiges Haus.« Öfter aber betrachteten wir uns den Spielplatz von unserem Zimmer aus und konnten dann sehen, wie sich unter den Mädchen drei Gruppen sonderten. Die einen gingen paarweise umher und unterhielten sich – diese waren vielleicht die schlimmste Erbschaft, die wir angetreten; denn in ihren Köpfen war wenig Ernst und Wissenschaft, dagegen viel Mode und Thorheit. Die anderen gaben sich mit strahlenden Gesichtern einem Sport hin, sie hatten ihre Springseile und Bälle und hatten verschiedene Klubs dafür gegründet. Die Nachbarschaft konnte niemals überhören, dass in Blackburne House Pause sei. Wie oft haben wir mit heller Freude die kräftigen, flinken Gestalten betrachtet und einen Wettlauf verfolgt, an dem die ganze Schule mit Rufen und Klatschen teilnahm – die Einsamen ausgenommen. Diese bildeten die dritte Gruppe; sie waren entweder unliebenswürdig oder arm und krank. Wir verdankten der Pause gar manchen Aufschluss über problematische Naturen.

Nun erlaubte das Wetter aber nicht immer ein längeres Verweilen im Freien. Dann begab sich die Schule in einen grossen Spielsaal. Während der Vormittagspause ging es dort meist ruhig zu, die Zeit war zu kurz und der Raum nicht gross genug, um die kleinen Wildlinge zu entfesseln. Nach Tisch aber, bis zu den Nachmittagsstunden war jener Spielsaal dasselbe, was der Spielplatz im Freien, ein Pandämonium. Die Mädchen, an wilde Spiele und körperliche Übungen gewöhnt, pflegten sich im Saale niedrige Bänke zusammenzustellen und mit längerem und kürzerem Anlauf darüber zu springen. Sie spannten ihre Seile über die Breite des Saals und hüpften zu zwanzig darüber. Sie schlugen Ball und lärmten nach Herzenslust. Mein Klassenzimmer lag über diesem Saale und ich sass einmal lesend am Kamin, als die Hölle unter mir zu brodeln anfing. Von einer Kollegin, die in diesem Augenblicke bei mir eintrat, erfuhr ich, was sich unten begab. Die Mädchen hatten sich durch die Fenster Schnee geholt und lieferten sich eine Schneeballschlacht. Aufspringen, die breite Treppenflucht hinunter, die Thür aufschliessen lassen; war eins. Meine Kollegin benachrichtigte die Leiterin, ich blieb unten, vor mir lag Pandämonium: zwei Parteien mit roten Backen, sich schneeballend, der Zementboden nass, ein Chor jüngerer A-B-C-Schützen jeden Wurf mit bewunderndem Geschrei verfolgend, ungemessenes Jubeln und Lachen, die schlanken Gestalten der Führerinnen an der Spitze. Sich verständlich zu machen, war keine Möglichkeit; nur die persönliche Anwesenheit wirkte langsam von den Nahstehenden auf die Ferneren, und langsam, wie Wellenringe im Wasser, breitete sich Schweigen durch den Saal. Ich konnte der Vorsteherin mit einer stummen Verbeugung den Platz räumen. Die Thüren schlossen sich hinter ihr; der Stab hatte sich inzwischen oben an der Freitreppe versammelt, und als nach etwa fünf Minuten die Mädchen der Reihe nach heraufkamen, marschierte jede von uns schweigend mit ihrer Kompagnie nach der Klasse.

Solcher Gerichtstage gab es noch einige; es wurde weder vor noch nachher pädagogisch orakelt, sondern im entscheidenden Augenblick entschlossen gehandelt. Es bildete sich, wie gesagt, mit der Zeit dadurch ein gesitteterer Ton, obgleich das freimütige Wesen, das die Mädchen im Verkehr mit dem Stabe zeigten, ihnen blieb. Wir Lehrerinnen waren für sie ebensowenig höhere Wesen, wie die Vorsteherin es für uns zu sein wünschte. Von diesem Gemisch von Erziehung und Originalität erhielten wir einen hübschen Beweis. Unsere Vorsteherin hatte auf der Frauenuniversität Newnham studiert und stand in herzlichen Beziehungen zu der Rektorin von Newnham, der auch in Deutschland bekannten Miss Clough. Sie besuchte uns einmal in Liverpool. Dies Ereignis war natürlich Wasser auf unsere Mühle. Wir kannten unsere guten Liverpooler und ihren praktischen Sinn, wussten aber aus mancher Erfahrung und Enttäuschung, wie wenig Verständnis sie für ideale Bestrebungen hegten. Während ein Mädchen, das schlecht rechnete, bei uns eine Seltenheit war, gab es keins, das einen Vers schön sprechen konnte. Schönheitssinn und litterarisches Gefühl waren bei ihnen gänzlich unentwickelt. Unsere Aufgabe war es nun, unseren Schülerinnen eine sympathische Achtung für Miss Clough's Streben einzuflössen – und ihnen klar zu machen, dass da eine grosse Frau vor ihnen stände, die Vorurteile aus dem Felde geschlagen und freien Sinn zum Sieg geführt hätte. Dies war nicht ganz leicht, da die meisten der Mädchen sogar von äusseren Universitätsverhältnissen höchst unvollständige Ansichten hatten, andrerseits in den freien Erziehungsprinzipien schon aufgewachsen waren und sich der früheren Hindernisse, die dem Studium der Frauen entgegenstanden, nicht mehr entsannen. So glaube ich, dass es ihnen sehr drollig vorkam, um die elfte Stunde in der Aula versammelt zu werden, weil Miss Clough zu ihnen sprechen wolle. Sie erwarteten einen rechten Spass, »Good fun«, davon, doch zeigten sie sich sehr gesittet und machten ernste Gesichter. Nun verstand aber die Rednerin ihr Publikum. Sie plauderte mehr mit den Mädchen, als dass sie eine grosse Programmrede hielt. Sie erzählte dies und jenes und fragte zuletzt: »Habt ihr denn auch eine Schulbibliothek? Nein? Das solltet ihr doch versuchen.« Und nun wusste sie die Mädchen für dies neue Unternehmen zu gewinnen; die Stimmung wurde wärmer, die Herzen wandten sich ihr zu; als die würdige, alte Dame den Saal verliess, klang es hinter ihr her: »Adieu, Miss Clough, Adieu!« Das war die Natur, die aus ihnen sprach. Die Bibliothek wurde denn auch sofort mit englischer Energie in Angriff genommen.

Miss Clough's Besuch trug dazu bei, uns Modernen liebe Universitätserinnerungen zu wecken. Wir tauschten dieselben meist in der Pause am Kamin aus, denn viel Zeit und Musse, uns zu sprechen, hatten wir nicht. Wir arbeiteten so intensiv, wechselten nach den Stunden so rasch eine Klasse mit der andern, verwendeten die Mittagspause meist so ausschliesslich zum Korrigieren, dass jede nur Zeit hatte, ihren eignen Geschäften nachzugehen. Daher kam es, dass sogar ungewöhnliche Ereignisse in den Klassen kaum über den Kreis der Beteiligten hinausdrangen. So entstand wohl unter uns zwölf Frauen ein kollegialisches Verhältnis, gegründet auf gleiche Pflichten und gegenseitige Hülfsbereitschaft, aber es war sonst wortkargen Charakters, die Pause ausgenommen. Wir pflegten dann vor dem Kamin zu sitzen, auf Stühlen, Puffs oder dem Teppich und uns zu unterhalten. Einige, die eine Korrektur beenden wollten, wünschten freilich Stille, doch war das zu viel verlangt, und wir plauderten ganz ungestört über unsere Lieblingsgegenstände. Die Geschichtslehrerin, eine lebhafte Irländerin, wusste stets die Universitätsneuigkeiten der Stadt, oder sie hatte ein altes Dokument ausgegraben, das wir bewundern mussten. Die junge Französin pflegte zu singen:

»Vive la France, vive l'Italie,
A bas la Prusse, vive Garibaldi!«

wobei sie mich aus sicherer Entfernung anblinzelte und wie ein Kind lachte. Die Turnlehrerin brütete über einer neuen Stellung, Übung oder Figur, die sie sich uns mit ihrer hageren, biegsamen Gestalt vorzumachen bemühte; Miss Taylor, die Handarbeitslehrerin, sorgte für ihr leibliches Wohl, und die lateinische Kollegin brach Lanzen mit der Seniorin. Es war unsere alte Meinungsverschiedenheit: Miss Webster fest davon überzeugt, dass sich die menschliche Natur nicht ändern lässt; dass die Mädchen stets nachlässig, faul und leichtsinnig bleiben würden; wir Modernen erklärten dagegen, dass sich diese Dinge ändern liessen und gute Gewohnheiten an die Stelle schlechter treten könnten. In der That sollten wir recht behalten. Die schlechten Elemente zogen bald vor, den Platz zu räumen, die guten gruppierten sich fester zusammen und neuer Zuzug kam. Die grössere Achtung, welche die neu geordnete Anstalt Eltern und Schülerinnen einflösste, zeigte sich bald in der sorgfältigeren Kleidung der letzteren. Die herzliche Zuneigung zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen kam in allerlei kleinen Aufmerksamkeiten zum Vorschein, in Blumenspenden, die uns mit Erröten und etwas linkisch in die Hand gedrückt wurden, in wachsender Höflichkeit des Benehmens. Freilich gab es noch immer zerstossene Kniee und ausgeschlagene Zähne auf dem Spielplatze, und wir mussten manchmal den Samariter spielen; aber nach Jahresfrist konnten wir uns sagen, ein andrer Geist sei in Blackburne House eingezogen, das Gesetz wurde dort wieder anerkannt und die Arbeit gepflegt; die wilde Rasse war gebändigt worden, aber nicht geknechtet.

Dass die oben geschilderten Verhältnisse ausnahmsweise waren, ist ersichtlich, und man muss sich die höheren, englischen Schulen völlig organisiert und diszipliniert denken. Doch muss sich die deutsche Lehrerin immer auf ein grösseres Mass individueller Freiheit gefasst machen, als es bei uns landläufig ist: der parlamentarische Gedanke geht durch ganz England, und blinde Unterwerfung wird daher auch in der Schule nicht gefordert.

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