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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 13
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
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Rabelais.

Schlesische Zeitung. 28. u. 29. Oktober 1892.

Rabelais ist gerade heute sehr zeitgemäss. Denn von Zeit zu Zeit treten stets Menschen auf, die einer abgeirrten Welt die Rückkehr zur Natur predigen. Ein solcher war Rabelais, ein solcher Zug liegt auch in unserer Zeit, und deshalb verdient dieser freie und tiefe Geist gehört zu werden. Es ist eben in den »Grands Ecrivains Français« Rabelais, par René Millet. Paris. Hachette. 1 vol. 2 Fr. eine Studie über Rabelais erschienen. Sie ist sehr klar und anschaulich geschrieben, auch, was bei Rabelais viel sagen will, umfassend, und so kann man sich getrost der Führung des Verfassers, M. René Millet, anvertrauen; man ist sicher, Rabelais kennen zu lernen.

Rabelais gehört der französischen Renaissance an, er wurde Ende des 15. Jahrhunderts in Chinon in der Touraine geboren, in der reichen, milden Touraine, dem Garten Frankreichs, wo man »den Boden liebevoll bestellt, wo die reichen Obstkulturen und Weinberge langsam der Reife entgegenkochen und Menschen entstehen mit tausend fröhlichen Gedanken und einem kleinen Stich ins übermütig Üppige, so unerschöpflich reich, wie der Boden selbst«. Der junge Rabelais verlebte in diesem reichen Lande eine fröhliche, ungebundene Kindheit. Sein Vater, über den man genaues nicht weiss, war jedenfalls nicht unvermögend; Chinon selbst eine kleine Stadt, von Ackerbürgern, Handwerkern und fröhlichen Schenkwirten bewohnt; der Knabe tummelte sich denn auch im Freien nach Herzenslust und wuchs auf wie ein nicht unvermögendes Kind des Volkes. Das Streben nach einer gewissen Bildung lag aber schon so in der Zeit, dass selbst der kleine Besitzer von Chinon seinem Sohn, der sich geweckt zeigte, gewisse Schulkenntnisse geben wollte. Er schickte François zuerst auf die Schule in Seuillé, dann nach dem benachbarten Kloster la Baumette, als Schüler selbstverständlich, nicht als Mönch. Und hier wurde das Kind des Volkes der Lerngenosse junger Herren vom Adel, der d'Estissac und du Bellay, die später in der geistlichen und der Staatslaufbahn zu hohen Ehren gelangten. Er wurde aber nicht nur ihr Lerngenosse, sondern auch ihr Kamerad und Freund, ihr Freund im besten Sinne, denn die hohen Herren haben, in richtiger Schätzung von Rabelais' Bedeutung, ihm sein Lebelang die Hand geboten und ihn zu sich herangezogen. Das war eine erste Wirkung der Renaissance. Sie machte sich für Rabelais aber erst zwanzig Jahre später fühlbar. Vorläufig wurden die Zöglinge von la Baumette noch nach dem alten, scholastischen System mit abstruser Weisheit vollgetrichtert. Diese Erziehung hatte für den jungen Rabelais eine unerwartete Folge: als er nach Hause kam, war er für die grobe Arbeit des Mannes aus dem Volke zu fein, und man machte ihn zum Mönch.

Wenn nun die Natur jemanden nicht für den geistlichen Stand geschaffen hatte, so war es Rabelais; er war durch seine Freude am Leben und am fröhlichen Leben, durch seinen scharfen Geist ein höchst ungeeignetes Objekt für die Klosterregeln. Das Unglück verschlug ihn, den heiteren Tourainen, nun noch gar in ein bretonisches Kloster, nach Fontenay-le-Comté, in das Land der Nebel, der mystischen Schwärmerei, in die heute noch zurückgebliebenste Provinz Frankreichs. Er hat fünfzehn Jahre dort – gelebt, kann man wohl nicht sagen, sondern gekämpft und sich empört. War er der erste, der bemerkte, wie wenig seine Lebensfreude und sein Wissensdurst hierher gehörten, so fanden die anderen die Entdeckung auch nicht schwer. Über die Mauern von Fontenay hinaus streckte Rabelais seine Arme aus nach der lebendigen Welt; er las und arbeitete für sich, er verachtete das Küchenlatein seiner Konfratres, er hegte den ketzerischen Wunsch, Griechisch zu lernen, und er lernte es zum Entsetzen des Klosters. Die Jugendfreunde, besonders Geoffroy d'Estissac, halfen ihm dabei durch Bücher und Briefe, die gelehrte Welt, der hervorragendste Hellenist des damaligen Frankreichs, Budé, wussten von dem strebenden Mönch. Sie standen beide auf seiner Seite, und ihr moralischer Einfluss war es, der Rabelais schützte vor Haft, Anklage und Kerker, als er eines schönen Tages den Kuttenrock auszog und, über die Klostermauer wegspringend, das Weite suchte. Der entlaufene Mönch fand Aufnahme bei seinem Freunde d'Estissac, der inzwischen Bischof von Maillezais geworden war. Wieder ein Zeichen der Renaissance: es ist nicht der ungehorsame Mönch, der von dem Bischof Straflosigkeit fordert, es ist nicht der Freund, der sich auf den Freund beruft; nein, es ist der Humanist Rabelais, der zu dem Humanisten d'Estissac kommt und sagt, dass alle Diener der »guten Wissenschaften« sich helfen müssen. Die guten Wissenschaften, »bonas litteras«, nannte die Renaissance aber alles, was als Philologie und Philosophie damals seine Auferstehung feierte, also die eigentlichen liberalen Studien, im Gegensatz zu Jura und Theologie, den Brotstudien.

Der Bischof öffnete dem alten Freunde und dem treuen Diener der neuen Zeit bereitwilligst sein schönes, geistreiches Heim in Ligugué; es war ein Gelehrtenhaus, wo man die Wissenschaft und feine Geselligkeit pflegte. Man führte dort ein angeregtes, geistiges Leben, aber das rein geistige Leben hat Rabelais nie genügt; er dürstete nach Welt, Lachen und Menschen, nach bunten, realen Verhältnissen, nach Wirklichkeit. So begab er sich denn auf die Wanderschaft. Ligugué lag schon in der gesegneten Touraine, Rabelais zog also vorläufig munter süd- und westwärts und bereiste, wie etwa hundert Jahre später Molière, die französische Provinz. Nun hat eigentlich das Wort »die Provinz« zu jener Zeit erst wenig Sinn, und zwar weil Paris damals noch lange nicht der einzige Kopf Frankreichs war. Im Gegenteil, es herrschten damals dort etwa dieselben Zustände wie in Deutschland vor 1871; eine Menge geistiger Centren ersten Ranges waren durch das Land verstreut, und die Hauptstadt hatte sehr bedeutende Nebenbuhler. Was Rabelais auf seiner Wanderschaft anzog, waren in erster Linie die Universitäten; er prüfte sie alle, um die beste zu erwählen, und lernte Bourges, Poitiers, Bordeaux, Toulouse, Valence und ganz zuletzt erst, über Orléans kommend, auch Paris kennen. Er fand die Sorbonne in einem höchst unerquicklichen Zustande, in fruchtlose Streitigkeiten verwickelt. Da beschloss er, das Kloster endgültig zu verlassen und in das Lager der handgreiflichsten Wissenschaft, der Medizin, überzugehen. Er war von jeher ein Freund des Lebenden gewesen; nun sollte ihm die Medizin das Lebende selbst erklären.

Er wählte Montpellier für seine Studien, Montpellier, die im Studium der »Dinge« vorgeschrittenste Universität seiner Zeit, wo arabischer Einfluss geholfen hatte, die mittelalterliche Scheu vor der Natur, vor den realen Studien zu schwächen; wo durch arabischen Einfluss und in arabischen Übertragungen Überreste vom Naturstudium der alten Griechen eingedrungen waren; wo zuerst der am wenigsten verfälschte Aristoteles wieder auftauchte; wo – die Frommen erzählten es sich heimlich – man Leichen sezierte, eine unerhörte That in jener Zeit. Dies war das rechte Fahrwasser für den lebensgierigen Rabelais. Wie lange und bis zu welchem Punkte er dort studierte, ist nicht ganz klar; immerhin finden wir ihn im Jahre 1532, etwa 40 Jahre alt, in Lyon als Arzt an dem städtischen Krankenhause. Er muss also kein ganz unbedeutender Heilkünstler gewesen sein. Denn Lyon war zu jener Zeit die Hauptstadt Frankreichs. Dank seiner geographischen Lage, am Zusammenfluss von Rhône und Saône gelegen, war es Handelsstadt; zwischen Schweiz, Frankreich und Italien liegend, war es internationale Handelsstadt; eng mit Italien verbunden, war es, weit eher als Paris, ein Sitz der Renaissance. Hier kommt Rabelais nun in den heissen Kampf der Geister hinein, den eine Schaar angesehener, lyoneser Bürger für die Aufklärung kämpft. Der Zögling des engen Klosters schaut in die höchsten Interessen der weiten, lebenden Welt. Hier, neben den Dolet, Scève, Fontaine, den Despériers, findet auch Rabelais seinen Platz in der Schlachtreihe: in Lyon veröffentlichte er das erste Buch seines Romans, des »Gargantua und Pantagruel«, an dessen Fortsetzung er sein Lebenlang schafft. Ein anerkannter Kämpe im Humanistenheer, geht er später als Arzt von Lyon nach Italien selbst, und zwar ist es sein Jugendfreund Jean du Bellay, der Cardinal, der ihn dorthin mitnimmt. – Nun war zu jener Zeit Rom schon geplündert worden, und der schwache Clemens VII. war auch gerade kein imponierender Papst; aber selbst davon abgesehen, zeigt sich hier rein sachlich, dass Rabelais ein Mann der französischen und nicht der italienischen Renaissance war. Er interessiert sich wohl für Rom, er studiert es baulich und topographisch; aber der Schönheitsrausch der südlichen Renaissance hat ihn nicht gefasst. – Als er nach Frankreich zurückkehrte, hatten die Zeiten sich dort geändert und zu dem Humanismus sich die Reformation gesellt. Franz I., unter dem Rabelais seine humanistischen Sporen erworben hatte, war der Reformation, da sie seinen Staaten mit politischen Änderungen drohte, abhold; man begann, Humanismus und Ketzerei für eins zu halten, und wer wie Rabelais das nicht begreifen konnte, hatte im mildesten Falle für ein Quartier im Auslande zu sorgen. Rabelais floh denn auch auf eine Zeit nach Metz, wo die deutschen Humanisten ihn freudig und ehrenvoll aufnahmen. Als er wiederkam, erhielt er, vielleicht um ihn der Kirche gegenüber zu decken, die Pfarre von Meudon, wieder durch den Einfluss der du Bellay, und wenige Jahre später, 1552, starb er in Paris selbst. Es war Zeit für ihn: er hätte die Religionskriege, die im Aufflammen waren, nicht hindern können, und er hätte es zugleich doch nie verstanden, warum man, statt tolerant zu sein, gegen einander wütete.

Es ist unleugbar: Rabelais' Leben verdüstert sich gegen das Ende; er fühlt das selbst, hat aber an das Unvermeidliche dieser trüben Schatten eigentlich nie glauben wollen. Wenn er das Wort gekannt hätte: Vernunft ist stets bei Wenigen gewesen – er hätte sich vielleicht beschieden. Aber die Menschheit und mit ihr Rabelais war zu solch einem Bekenntnis noch nicht skeptisch genug, und sie stand ja besonders damals in einem Zeitalter der Hoffnung. Es gab eine Partei der »Vernünftigen« in Frankreich, und zu ihr gehörten die ersten Humanisten, die damals fest davon überzeugt waren, die neuen, guten Wissenschaften dienten der Wahrheit, und diese Wahrheit stimme mit den Wahrheiten der christlichen Religion. Es gab eine Partei, die, allen äusseren Formen abhold, auf die gereinigte, biblische Lehre zurückgehen wollte. Es waren dies die Anhänger einer katholischen »Reformation«, einer verbesserten, aber einigen, katholischen Kirche. Sie sahen das Entstehen einer neuen Religion mit neuen Dogmen sehr ungern, sie forderten ein sittliches, aber zugleich ein fröhliches Leben: das war Calvin ihnen zuzugestehen nicht gewillt, das war die katholische Kirche ihnen sofort zu schaffen nicht imstande, und so wurde die Mittelpartei der »Vernünftig-Sittlichen« überhört im Kampf der beiden strenggläubigen Parteien, so vollständig überhört, dass der landläufige Geschichtsunterricht sie heute garnicht mehr erwähnt. Zu ihr gehörten nun in Frankreich unter anderen die Königin Margarethe von Navarra und auch Rabelais, beide von beiden Seiten, katholischer und protestantischer, angegriffen. Der alten Kirche waren sie zu kritisch und dem neuen, finsteren Prädestinationsglauben eines Calvin zu fröhlich, zu weltlich heiter. Sie aber waren thatsächlich die freiesten und die schönsten Geister jener Zeit, und ihre Werke sind voll unvergänglicher Wahrheit und unvergänglicher Hoheit, weil sie, die Natur, die Wirklichkeit darbietend, zu dem Naturwahren auch das im Menschen liegende Edle zählen.

Das ist es auch, was uns heute noch zu Rabelais hinzieht. Sein grosser, satirischer Roman »Gargantua und Pantagruel« kam auf ganz eigentümliche Art zustande. Wie alle Humanisten gab auch Rabelais alte Schriften in Uebersetzungen und gelehrten Ausgaben heraus. Wie heute noch, war auch damals der Absatz solcher Früchte vom Baume der Erkenntnis kein reissender. Rabelais aber musste leben. Er ging also unter die damaligen Litteraten und schrieb Kalender. Diese Kalender bestritten die litterarischen Bedürfnisse der breitesten Volksmassen und waren durchaus nicht lauter Thorheit; sie enthielten neben Schwänken, Fabeln und Geschichten, neben abenteuerlichen Prophezeiungen auch gute und verständige Ratschläge. Für einen solchen Kalender bearbeitete Rabelais, sozusagen als Feuilleton, eine alte, volkstümliche Sage: die Geschichte der Riesen Gargantua und Pantagruel. Das Büchlein ging sehr gut; dabei ist dem praktischen Rabelais wohl der Gedanke gekommen, diese Goldader auszubeuten, und da er ein Mann von Genie und Welterfahrung war, wurde aus dem lächerlichen, lustigen Büchlein ein grosser, lachend-ernster, satirischer Roman. Wer in Rabelais' Buch nur eine Sammlung mehr oder weniger anstössiger Anekdoten sieht, der spricht eben von Hörensagen oder stellt sich selbst ein recht schlechtes Zeugnis aus. Wer in Rabelais einen Philosophen der reinen Vernunft und einen wunschlosen Priester der Weisheit sucht, der thut ihm auch keinen Dienst; denn Rabelais hat das Leben und auch das derbe Leben geliebt. Der frischweg Geniessende und ins Gemeine hinüber Taumelnde ist die eine, nicht wegzuleugnende Seite Rabelais'; aber die andere, die des weisen, sittlich gebändigten Mannes und des scharfsinnigen Menschenkenners, ist ebenso wirklich und ebenso sehr Rabelais wie die andere: er ist ein voller Mensch aus einer vollen Zeit, und deshalb zieht er so an.

Sein Buch ist daher auch ein Werk der Fülle: es ist eine reiche, ungeordnete, in den Begebenheiten oft widerspruchsvolle Darstellung der damaligen Welt. Sie ist unkünstlerisch als Ganzes, denn es fehlt jeglicher Aufbau; sie hat Längen, sie hat Übertreibungen, Auswüchse, Geschmacksfehler, die wir heute nicht mehr ertragen. Sollen wir aber deshalb das Kind mit dem Bade ausschütten? Sollen wir die lustige, lebende Welt, die in diesem Wirrsal festgebannt ist, darum schlummern lassen, weil man den Weg dazu sich durch Dornen und Disteln bahnen muss? O nein; schlagen wir einfach die langweiligen, ungeniessbaren Seiten um, die Seiten, auf denen Rabelais einen guten Gedanken zu Tode hetzt, eine Thorheit, eine Schwäche zur Ungeheuerlichkeit aufschwellt, sich an seinen eigenen Worten und Einfällen berauscht: wir sind eigentlich die Schuldigen, nicht er. Unsere Aufnahmefähigkeit ist zu gering für seinen Segen und unsere Zeit zu kurz für seine Abschweifungen. Aber welche Freude, wenn man unter dem Wust den wahren Rabelais, den Kern zu fassen bekommt! Man findet ihn auf jeder Seite und oft ununterbrochen seitenlang, hier in einem schlagenden Ausdruck, dort in einem Gedankengang hoher Weisheit: wo man das Buch aufmacht – das Ungeniessbare zur Seite geschoben – es erheitert, stärkt und erhebt.

Als eigentlicher Kern des »Gargantua« will mir folgendes Wort erscheinen: »Geniesse Alles, aber hänge dich an Nichts.« »Geniesse Alles!« Ja, Rabelais wollte das Leben mit allen Sinnen geniessen und nach allen Seiten hin, daher feiert er die Tafelfreuden und den Genuss des fröhlichen Gelages, die sinnliche Liebe ebenso wie die geistigen Freuden, das Studium, die Weisheit, die milde Ruhe.

Man übersieht auf einen Blick, in welche Widersprüche mit der mittelalterlichen Welt, in welche Gegnerschaften ihn diese Anschauungen verwickeln mussten. Sein Feind war die Unnatur, namentlich die Unnatur der Scholastik, welche nur noch mit Worten bis zur völligen Begriffslosigkeit arbeitete und die reale Welt unbeachtet liess. Allerdings tritt Rabelais mit dem ganzen Ungestüm seines Wesens nicht nur gegen die Scholastik, sondern auch zugleich gegen das »einseitige Kirchentum«, gegen das Mönchstum, gegen den Zwang der Klöster, in erster Linie aber doch gegen den scholastischen Zwang der Schulen und Hochschulen auf. Er schildert da die Erziehung des Gargantua, der unter der alten, scholastischen Methode grob, schmutzig und blöde heranwächst, bis ihn ein glücklicher Zufall mit dem aufblühenden Humanismus in Berührung bringt.

Er lässt Gargantua's Sohn Pantagruel auf des Vaters ausdrücklichen Wunsch in den neuen, naturgemässen, lichtvollen Methoden unterweisen; er lässt den alten Gargantua einen Brief über Erziehung schreiben, der – in den Grundsätzen – heute noch gilt. Er lässt Pantagruel nicht nur geistig, sondern auch körperlich bilden; er nennt dieselben lieblichen Orte in der Umgegend von Paris, wo heute müde Studenten sich erholen, und wohin sie sich amüsieren gehen, auch als die Tummelplätze Pantagruel's und lässt ihn aufwachsen, umgeben von freien, guten Geistern mit tönenden, griechischen Namen, die Fischart in seiner Übertragung garnicht schlecht mit: Arbeitsam, Wohlbeart, Kampfhart wiedergiebt. – Erhält die Geistlichkeit als Pfeiler der scholastischen Methode schon anlässlich der Erziehungslehre manchen Seitenhieb, so wird sie als Beschützerin der Klöster ganz direkt angegriffen. Rabelais ersparte den Klöstern in ihrer damaligen Gestalt nach dieser Richtung nicht einen der Vorwürfe, die schon das Mittelalter selbst ihnen gemacht. Er that aber ein Weiteres: er schuf die Gestalt eines Mönches, genannt frère Jean, der vom Mönch nichts hat als den Rock, der sonst alle Neigungen und Begierden eines sehr menschlichen Menschen besitzt, der ein gewaltiger Kämpfer ist, sein Kloster ganz allein gegen feindliche Scharen verteidigt, überall zugreift, wo es etwas zu schlagen giebt und an Essen und Trinken ein höchst reichliches Maass zu sich nimmt, um den Kräfteverbrauch entsprechend zu ersetzen. Dieser unmönchische Mönch, der gewiss viel von Rabelais hat, war damals eine geradezu volkstümliche Gestalt. Es gab viele Knaben, die, ganz ohne Beruf, in's Kloster gesteckt und dann zu solchen schlechten Mönchen wurden. Rabelais jedoch lässt seinen frère Jean dem Kloster entschlossen den Rücken drehen, ein thätiges und nützliches Dasein führen und endlich zum Abt der freien, höchst eigenartigen Abtei Thelema werden; so führte er lebendige Kräfte in das Leben zurück. Seinem Wahlspruch »Geniesse Alles« treu, will Rabelais also genussfähige Menschen erziehen und das Mönchstum abschaffen. Doch hatten zu seiner Zeit die Natur und der Lebensgenuss noch ganz andere Feinde als Kirche und Scholastik.

In erster Linie die verheerenden Kriege. Ihnen widmet Rabelais fast ein ganzes Buch, und man sieht, dass er sie aus der Nähe kennen gelernt hat. Die Feldzüge des Königs Pichrocole – Fischart übersetzt Bittergroll – gegen Gargantua's Vater Grandgousier haben ja gewiss in der Schilderung ihre Komik, denn es ist immer belustigend, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen. Aber die tiefe Barbarei des Krieges, die Leichtfertigkeit, mit der man ihn vom Zaune brach, die Kurzsichtigkeit solcher blutigen Politik und der Umstand, dass es damals die Dynastien waren, die sich bekriegten, nicht die Völker, dies alles war Rabelais sehr klar geworden. Wenn es sich darum handelt, menschliche Verhältnisse im Grossen zu beurteilen und von hoch oben zu betrachten, dann kommt immer der echte Rabelais zum Vorschein. Sein Grandgousier ist bei dieser Gelegenheit ein weiser, milder Herrscher, der dem Kriege steuern möchte und seinen Gegnern zuletzt auf das Grossmütigste vergiebt. Gerade so, wie er arme Pilger, die sich die Schuhe mit Wallfahrten ablaufen, freundlich speist und dann ermahnt, im Lande und bei ihrem Leisten zu bleiben, das sei Gott wohlgefälliger, als in der Fremde herumzuziehen. Es geht überhaupt eine grosse Güte durch das ganze Buch; sie entspringt in Rabelais selbst, denn er liebt die Natur, und die Menschen dauern ihn in ihrem Zwang: wie alle Befreier möchte er geben und immer wieder geben. Mit dieser Güte bekleidet er denn auch die drei Herrscher, die er uns vorführt, Grandgousier, Gargantua und Pantagruel, welch' Letztgenannter Rabelais selbst in seinen erhabenen Augenblicken und stillen Stunden ist, der milde, gerechte Geist wahrer Erfahrung und Aufklärung, während der derbere Teil von Rabelais' Natur sich in frère Jean's Thaten und Genüssen Luft macht.

Nun hatte Rabelais aber noch einen Feind der Natur und des Lebensgenusses aufs Korn zu nehmen, die damaligen Advokaten und Herren vom Gericht, unter deren Tatzen das ganze Mittelalter in aller Herren Ländern geseufzt hatte. Es waren die Ungerechtigkeit des Verfahrens, die Gewissenlosigkeit der Rechtspflege noch weit mehr als die Erpressungen, die Rabelais und mit ihm viele andere empörten. Er empfand es als eine Verspottung des Verstandes, wenn unwissende Richter in barbarischem Latein, mit Citaten, die herausgerissen waren, mit Erklärungen, die den Text nur verdunkelten, lange Reden und dem Angeklagten einen Strick spannen, der bei der Dunkelheit, die über der Sachlage schwebte, ihm leicht um den Hals zu werfen war. Wie er die Scholasten in Joannes Bragmardo durch eine blödsinnige Scholastenrede blossgestellt und dem Gelächter preisgegeben hatte, so auch die Advokaten durch das unentwirrbarre Plaidoyer Bridoye's, durch sein Geständnis, dass er die Rechtsfälle durch Würfel entscheide; endlich im letzten Buch noch einmal durch die Erzählung vom furchtbaren Grippeminaud und den Pelzkatzen, deren Krallen Niemand entrinnt. Diese letzte Satire hat schon etwas Herbes: Rabelais hatte inzwischen einen Vorgeschmack von der Inquisition bekommen.

Die Ärzte hat er nicht zu seinen Feinden gerechnet, während Molière ein Jahrhundert später gerade sie zu seinem Sündenbock macht. Nichts war natürlicher: zu Molière's Zeit war die Medizin eine recht zweifelhafte Wissenschaft geworden, zu Rabelais' Zeit war sie die realste unter den Wissenschaften und ging einer Blüte entgegen. Denn gerade sie wandte sich damals zum Studium der Natur; Rabelais, den seine Neigung dahin getrieben hatte, und der diesem Studium seine wichtigsten Einblicke in Natur und Welt verdankte, der mit Leib und Seele Arzt war, der von dem Arzt verlangte, dass er dem Kranken schon durch eine freundliche Miene Mut mache, Rabelais konnte sich und seinesgleichen unmöglich zu den Feinden der Menschheit rechnen, und wenn er auch darüber spöttelt, dass der Arzt Rondibilis ein Honorar mit Worten abweist, aber mit der Hand ergreift, so ist das eine Nebensache, verglichen mit der weisen Sachlichkeit desselben Arztes. Rabelais betrachtet den Arzt geradezu als einen freundlichen Helfer im Kampf gegen Unnatur und Trostlosigkeit des Lebens, als einen, der das: »Geniesse alles!« ermöglichen könne. Gerade aber vom Standpunkt des Arztes kam ihm auch die andere Erkenntnis: »Hänge dich an nichts!« Rabelais wusste so ungefähr, was das Leben an und für sich war – er hatte so viele Menschen sterben gesehen. Er wusste auch, was menschliches Glück ist, er, der Weltfahrer, hatte so vieler Menschen Schicksale und Schaffen, so vieler Länder Sitte kennen gelernt. Daher hatte sich seinem ernsten Geiste die Vergänglichkeit alles Irdischen fest eingeprägt, und daher ergänzte er, der fröhliche Genussmensch, seinen ersten Wahlspruch durch den zweiten: »Hänge dich an nichts«. Man hat diese Summe von Rabelais' Philosophie eine Mischung von epikuräischer Lehre und Stoïcismus genannt. Mit vollem Recht. Es ist der eigentliche Realismus, eine Lebensanschauung, die sich der Freuden wie der Dornen des Daseins gleich bewusst ist, die das gegenwärtige Leid mit der Erinnerung an genossene Freude dämpft und selbst im freudigen Taumel, wenn der Kopf wirbelt, immer bereit ist, bei einem jähen Sturz auf philosophische Füsse zu fallen. Dies Gleichgewicht ist das Beruhigende, das Stärkende an Rabelais: aus den Schilderungen skrupellosester Lebensfreude erhebt er sich zur abgeklärtesten Weisheit; und die höchste Weisheit würzt er mit einer Menschlichkeit. Er kann es thun, weil er Herr seiner selbst ist; weder macht ihn seine derbe Natur rettungslos zum materiellen Genussmenschen, noch reisst ihn sein Geist zur Phantasterei hin.

In seiner Weltkenntnis hat Rabelais aber auch erfahren, dass es Menschen giebt, denen das sorglose Geniessen, das thätige Schaffen und die Ergebung in das Unvermeidliche völlig unerreichbar sind. Dem Vertreter dieser Gattung war er auf seinen Wanderungen wahrscheinlich oft begegnet, und er hat ihn in Panurge für alle Zeiten festgehalten. Panurge ist der gelehrte Proletarier der mittelalterlichen Universität, der Vorläufer von Gil Blas, von Figaro; er ist, wie sein Name sagt, der Mann für alles, der, da er sich eine bürgerliche Stellung nicht hat machen können, sich nun gegen die ganze besitzende Gesellschaft kehrt, gegen alle Sitte, alle Haustugend, alles Hergebrachte. Panurge ist dabei nicht von unedler Geburt und weit davon entfernt, ein Dummkopf zu sein; er ist aber ein Unzufriedener, ein verlumptes Genie, ein anschlägiger Kopf, der von zweifelhaften Einnahmen lebt, der wie Reinecke Fuchs auf die Dummheit der Menschen rechnet und seine Spässe bis zur Grausamkeit treibt: muthig, wenn er weit von dem Schuss, frech, wenn er ausser Gefahr ist, aber feige, abergläubisch, jammerbar, wenn es gilt, und wenn den Worten Thaten folgen sollen. Panurge ist durch seine Komik, seinen Witz und seine Widersprüche eine Lieblingsfigur Rabelais' geworden, die einen grossen Platz in dem ganzen Werk einnimmt. Er ergänzt das ernste und das heitere Lebensbild, das je nachdem Pantagruel, Gargantua und Frère Jean bieten, indem er den ideal- und glaubenslosen Zweifler, den witzigen Kopf einführt, für den es nichts Hohes und nichts Tiefes auf Erden giebt, sondern nur ihm Nützliches und Schädliches. Diese Gestalt ist wieder ein Beweis für Rabelais' Vorurteilslosigkeit: er nahm es mit seiner eigenen Philosophie recht ernst und glaubte doch seinen Lesern nicht vorenthalten zu dürfen, dass sie auf gewisse Menschen gar keine Anwendung hat.

So zieht ziemlich die ganze Welt unter Rabelais' Führung an uns vorüber. Aber nur ziemlich: die Frau nämlich hat so gut wie gar keinen Platz darin. Es wird wohl manchmal von ihr gesprochen, aber Rabelais hat keine weibliche Gestalt geschaffen, die eine Rolle in dem Roman spielte und neben die Gestalten der Männer treten könnte. Es dürfte bei einem Verfasser, der sein Leben und seine eigenen Erfahrungen so greifbar in sein Werk übertrug, wohl nicht zu viel behauptet sein, dass bei solcher Lücke dann auch in Rabelais' Leben eine Frau gefehlt hat, die ihn ähnlich gefesselt, die er ähnlich studirt und verstanden habe wie seine Männer. Hier ist Rabelais' Erfahrung mangelhaft geblieben. Das lag an ihm, und diese Lücke ist wiederum für ihn bezeichnend. Denn Rabelais' Zeitalter war reich an bedeutenden Frauengestalten, und Leute, die an ihn geistig lange nicht heranreichten, wussten zu ihnen in enge Beziehung zu treten, so Clément Marot zur Königin von Navarra. Es lag aber nicht in Rabelais, sich solchen Frauen zu nähern. Er war nicht umsonst fünfzehn Jahre lang Mönch gewesen: er hatte etwas von dem Hass der alten Kirche gegen »das Weib, der Sünde Urquell«, zurückbehalten. Dann hatte er die Frau auch nur in den unteren Ständen kennen gelernt, und es waren keineswegs begeisterte und ehrfurchtsvolle Gefühle, die sie in ihm erweckte. Endlich lernte er die Frau als Arzt kennen; da hat sie ihn frappirt durch das, was wir heute Nervosität nennen, und er hätte seine Ansicht in die Worte zusammenfassen können: Schwachheit, dein Name ist Weib.

Und doch hat auch den Realisten Rabelais einmal der Traum der Renaissance umfangen: der Traum einer reineren und feineren Beziehung zwischen Mann und Frau, eines Lebens in voller Interessengemeinschaft und gegenseitiger Ergebenheit. Es ist dies verkörpert in der vorher schon genannten Abtei von Thelema, und dies nicht erwähnt zu haben, scheint mir ziemlich die einzige, empfindliche Lücke in der Milletschen Studie. Denn man darf es doch nicht unbeachtet lassen, dass der scharfblickende Rabelais es sich trotz aller Welterfahrenheit gestattete, an den Adel gewisser Menschennaturen zu glauben und zu sagen: »Freie Menschen von guter Geburt und guter Erziehung, die sich in schöner Geselligkeit zusammen finden, haben von Natur einen Trieb und Sporn, der sie zur Tugend treibt: sie nennen ihn Ehre«. Und diese »Ehre« haben in Thelema die Frauen ebenso wie die Männer. Sie theilen auch alle Beschäftigungen, Arbeiten und Spiele mit einander, und solchen Frauen gegenüber gesteht auch Rabelais zu, dass man mehr als ein flüchtiges Begehren empfinden könne; sie scheinen ihm einer wahrhaften »Ergebenheit« würdig. Also – selbst Rabelais hat sich dem Einfluss der Renaissance in diesem Punkte nicht entziehen können; er hat wenigstens aus der Ferne bewundernd zu den grossen, vollentwickelten Frauen jener Zeit aufgeschaut, hat ihr Dasein anerkannt und sich über die engen Anschauungen des Klosters und des Hospitals wenigstens zeitweise erhoben. Viele seiner Zeitgenossen, die häufiger und intimer mit bedeutenden Frauen zusammenkamen, haben dann dauernd eine hohe, freie Schätzung der Frau gehabt.

Und fragt man nun, woher Rabelais sein ganzes Werk und seine ganze Philosophie hat, so muss die Antwort lauten: aus seiner Zeit. Es war eine Zeit der Hoffnung und des Kampfes, und seine Werke spiegeln sie in grossartiger Weise wieder.

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