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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 11
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
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Der Herzog von Saint-Simon und seine Memoiren.

Nationalzeitung. 27. Oktober 1892.

Die Geschichte hat ihre Überraschungen: im siebzehnten Jahrhundert besass der französische Adel keinen schneidigeren Vertreter seiner Rechte und Vorrechte als den damaligen Herzog von Saint-Simon, und im neunzehnten Jahrhundert ist es der Grossneffe dieses Aristokraten, der als Philosoph der Menschenbeglückung, als Philanthrop auftritt und von sich reden macht. Er ist es, der in Deutschland den Namen Saint-Simon bekannt gemacht hat und steht durch seine Zeit, wie durch seine Bestrebungen einer Gesellschaft, die Sozialreform treibt, näher als sein Vorfahr. In Frankreich aber erweckt der Name Saint-Simon in erster Linie nicht das Bild des Nachkommen, sondern das des Ahnen, der als einer der durchdringendsten Beobachter und eine der schärfsten Federn Frankreichs anerkannt wird.

Dass die öffentliche Meinung dies Urteil bestätigt, beweist eine kürzlich erschienene Studie über den Herzog von Saint-Simon, den grossen Saint-Simon, wie ich ihn der Kürze und der Deutlichkeit halber, nennen möchte; hat man ja auch den Marschall von Condé und den Jansenisten Arnauld kurzweg den grossen Condé und den grossen Arnauld genannt, zum Unterschied von Söhnen und Verwandten, die gleichfalls geschichtlich geworden. Wir bleiben mit dieser Benennung also ganz im Rahmen des siebzehnten Jahrhunderts, schliessen uns ausserdem auch dem Geist der angeführten Studie an, die als Einzelband in der Serie: »Les grands écrivains français« – Saint-Simon par Gaston Boissier (Paris, Hachette) erschienen ist.

Saint-Simon rechnet heute zu den »grossen, französischen Schriftstellern«; und auf dem heute muss ein Nachdruck liegen: thatsächlich ist Saint-Simon erst seit etwa 1825 den gelehrten Studien und dem öffentlichen Interesse zugänglich. Das Werk, auf das sich sein Ruhm als Schriftsteller gründet, sind seine Memoiren; sie sind bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht worden, kaum dass man etwas von ihrer Existenz ahnte; nach seinem Tode wurde darum prozessiert, endlich hat man sie »aus Staatsgründen« im Archiv eines Ministeriums verschlossen und dort eingesperrt, bis Ludwig XVIII. glaubte, sie dem Grossneffen des Herzogs nicht mehr vorenthalten zu dürfen. So kam es, dass Frankreich einen seiner grössten Schriftsteller erst lange nach dessen Tode kennen lernte, dass die Zeitgenossen Saint-Simon für alles andere als für einen Mann der Feder hielten, dass die Litteraturgeschichten der Zeit ihn nicht erwähnen, und er sich selbst am wenigsten hat träumen lassen, welcher Nachruhm ihm werden sollte.

Wäre Saint-Simon nur ein Meister der französischen Sprache, hätte er nur eine ausschliesslich nationale, französische Bedeutung, so dürfte Deutschland sich weiter um ihn nicht viel kümmern, da es die Schönheiten des Stils einfach auf Treue und Glauben hinzunehmen hätte. Saint-Simon ist aber ein Menschenkenner und ein Menschenschilderer ersten Ranges gewesen; er hat einen Gegenstand vor Augen gehabt, das Zeitalter Ludwig XIV., der seines grossen Talents würdig war, und ihm ist das Glück geworden, sich in der Sprache auszudrücken, die damals und vielleicht auch heute noch, von allen Sprachen Europas die genaueste und ausgebildetste war. Drei Faktoren treffen so in einer Person zusammen: ein grosser Gegenstand, eine grosse Begabung, eine grosse Sprache, und so entstanden die Memoiren des Herzogs von Saint-Simon, Pair von Frankreich, Grande von Spanien, Gouverneur von Blaye – ein Werk, das dasteht wie ein Fels, fest, stolz, unnahbar, mit grossen Härten und Schroffheiten, aber achtunggebietend, dem Geschichtsforscher, dem Kulturhistoriker, dem Menschenkenner gleich unentbehrlich, dem Laien aller Länder gleich interessant.

Saint-Simon ist ein Zeitgenosse Ludwig's XIV.; er hat letzteren überlebt, hat den Regenten überlebt und noch bis 1755 Ludwig's XV. Regierung mit angesehen. Geboren 1675, gehört der grössere Teil seines Lebens dem achtzehnten Jahrhundert an; wieder einmal hat aber hier die Chronologie Unrecht: Saint-Simon wurzelt ganz und gar in den Anschauungen und der Gesellschaft des siebzehnten Jahrhunderts; wirklich gelebt hat er nur, so lange Ludwig XIV. und der Regent Frankreich beherrschten; seine ganze offizielle Laufbahn gehört der alten Monarchie an, sein ganzes Interesse hängt an dem Hofleben Ludwig's XIV. Seit mit dem neuen Herrscher ein neuer Hof auftritt, zieht Saint-Simon sich auf sein Gut, la Ferté-Vidame, oder in sein Pariser Privathaus zurück und widmet seine Zeit, sein Talent, sein Herz der Abfassung eben jener Memoiren, die den Namen »Denkwürdigkeiten« mit gutem Recht verdienen.

Saint-Simon's Memoiren sind Denkwürdigkeiten in mehr als einem Sinne; vor allem, scheint mir, weil sie uns eine Welt wiederbringen, die vergangen, ja, mehr als vergangen, geradezu unmöglich geworden ist: der Riss von 1789 liegt zwischen uns und dem Zeitalter Ludwig's XIV. – Jenseits des Risses aber dehnten sich die Gefilde der unbeschränkten Monarchie, und Saint-Simon schildert sie uns als Augenzeuge mit der ganzen Schärfe seines Geistes und seiner Feder. Welche Schicksale, welche Erschütterungen, welche Sitten, Menschen und Charaktere! Paris ist verlassen, und der Hof hat seinen Sitz in Versailles aufgeschlagen, denn Paris ist die Stadt des Volkes und des Aufruhrs, Paris hat die Siege der Fronde, hat den Monarchen flüchtig gesehen, und diese Erinnerungen haben für den König wenig Angenehmes. In Paris, in den Palästen seiner Vorfahren ist Ludwig XIV. nur einer unter vielen, er fühlt sich auf den Schultern seiner Vorgänger stehen und hört vielleicht im Traume schon die leisen Sohlen seines Nachfolgers; darum fort von Paris, und so bricht der Hof nach Versailles auf. Versailles, wo früher nur eine elende Mühle stand, dann ein kleines Jagdschloss Ludwig's XIII., Versailles, auf einem windgefegten Plateau gelegen, in einer undankbaren, wasserlosen Gegend, dabei aber sumpfig, ohne Aussicht – man kann sich eigentlich keinen ungeeigneteren Ort zum Aufenthalt eines Hofstaats denken. Im Sinne des unumschränkten Herrschers aber konnte wiederum kein Ort geeigneter sein; denn hiess es nicht unumschränkt herrschen, wenn man auch die Natur bezwang? und so entstanden denn in jahrelangen Mühen die grossen Bauten, die Gärten, Wiesen, Wasserwerke, Ehrenhöfe: Versailles wird eine Oase in einem Sandloch, ein Entzücken in einer Öde. Was diese Schöpfung kostete? Eine Kleinigkeit an Geld und Menschenleben, die Saint-Simon nicht einmal unternimmt zu schätzen. Die Geldsummen liessen sich heute wohl noch feststellen, die Opfer an Menschenleben kaum, da die Todesfälle, die durch Sumpffieber und epidemische Krankheiten unter den Arbeitern und Aufsehern verursacht wurden, nicht erwähnt und besprochen, also auch nicht aufgezeichnet werden sollten. – Müde, im Grossen zu schaffen, Façade an Façade und Fenster an Fenster zu reihen, Zimmerfluchten herzustellen, einen Bau für Tausende von Menschen zu errichten, wählt Ludwig XIV. dann einen neuen Aufenthalt für sich und seine nächste Umgebung. Und wieder ist es ein seltsamer Ort, auf den die Wahl fällt, Marly, ein Dorf in einem engen Thal, ohne Aussicht, nackt und sumpfig, eine Kloake, sagt Saint-Simon. Und auch Marly wird in einen Garten und in eine Oase verwandelt, mittelst einer Milliarde, wie unser Autor meint, hinzufügend, dass Versailles vielleicht weniger gekostet habe.

Saint-Germain und Fontainebleau sind gleichfalls manchmal die Hofstaffage gewesen; keiner dieser Orte war aber eine Schöpfung Ludwig's XIV., und keiner ist ihm so vertraut gewesen wie das der Natur abgetrotzte Marly und Versailles: in ihnen erkannte er die Kinder seiner absoluten Herrschaft.

In seine erzwungene Welt gehörten die bezwungenen Menschen. Saint-Simon sagt, dass Niemand so wie Ludwig XIV. zu imponieren verstand, und dass er dadurch so unfehlbar wirkte. Keine Hoffahrt, keine Heftigkeit, kaum je ein lautes, scharfes Wort; eine stete Höflichkeit, ein unfehlbares Beherrschen seiner ganzen Person, vortreffliche Formen, in seiner Jugend grosse Schönheit, und was ihn nie verliess – Würde. Ludwig XIV. war stets: Ich! Er stellte sich auf einen besonderen Sockel, und die Welt nahm das hin; er hielt sich für etwas ganz Unnachahmliches, Unvergleichliches, und die Welt glaubte ihm; er wollte nicht gross scheinen, er überzeugte durch sein Gebahren von seiner Überlegenheit.

Dabei war er, nach Saint-Simon, durchaus kein grosser Geist – wohl aber verstand er alles Gute und Richtige zu sehen und es sich zwanglos anzueignen; was andere vor ihm voraus hatten, machte er ihnen ohne Mühe nach. Dazu hatte er den Spürsinn des Monarchen, der die rechten Menschen auf den rechten Platz zu stellen weiss. Seine Erziehung war höchst unvollkommen gewesen; er hatte daher die Klugheit, sich in seinen Reden stets kurz zu fassen – »kaiserliche Kürze« würde Tacitus sagen –, sich auf Schöngeisterei nicht einzulassen und sich nur auf seine natürliche Anmuth, auf seine vollendete Beherrschung der Form zu verlassen, wenn es galt, bei Empfängen und Festlichkeiten den König zu zeigen. Was ihn gebildet hatte, war der Verkehr mit erfahrenen Weltdamen, wie die Gräfin von Soissons, deren Salon er als Jüngling besuchte, und die beständige Berührung mit Menschen, die das rechte Maass, die rechte Form und das rechte Wort zur rechten Stunde zu finden wussten, Eigenschaften, die der alten, französischen Monarchie, wie überhaupt den Franzosen in hohem Grade eigen sind.

Auch den Wunsch, gerecht zu sein, gesteht Saint-Simon Ludwig XIV. zu, ebenso das Bestreben, sich über den wahren Stand der Dinge zu unterrichten, in Audienzen mit Geduld zuzuhören und vor allem sein gegebenes Wort zu halten, weswegen, fügt unser Autor hinzu, er es denn auch fast nie gab, sondern für gewöhnlich die Bittsteller mit einem »Ich werde sehen« verabschiedete. Saint-Simon erkennt in Ludwig XIV. also eine beträchtliche Zahl wirklicher Königseigenschaften. Dann setzt er mit zwei scharfen Strichen den Schatten in das Bild: der König war absolut in seinem Selbstgefühl und absolut in seiner Rücksichtslosigkeit.

In der grossen Politik verwickelte dies Selbstgefühl ihn in zahlreiche Kriege, die er zum Teil persönlich leitete, denn er war ein Freund von körperlicher Übung und körperlichen Anstrengungen gewachsen. In der Verwaltung zeigte sich sein Selbstgefühl, wenn er behauptete, Pläne und Auswege stets selbst zu finden und stets noch mehr zu wissen, als seine Beamten. So kam es, dass keiner ihm mit Vorschlägen, mit selbständigen Gedanken und Ansichten entgegentrat, sondern dass alle sich zu dem Umweg bequemten, sich ihre eigensten Gedanken von dem König selbst vorschlagen zu lassen. Diese Schonung des königlichen Selbstgefühls machte es dann, dass sich Ludwig's XIV. Abneigung gegen unabhängige Gesinnung und sein Bedürfnis nach Schmeichelei immer mehr ausbildeten. Saint-Simon behauptet, der König habe jeden einzigen seiner bedeutenderen Minister oder Heerführer mit Erleichterung sterben sehen, bis zuletzt nur noch gefügige Mittelmässigkeiten um ihn blieben.

In der gleichen Abhängigkeit wie die Minister stand der Adel; es war der geschickteste Zug eines absoluten Monarchen, den reichen Provinzadel von seinen Herrschaften nach Versailles zu ziehen. Auf ihren Gütern waren diese adligen Herren eben Herren, in Versailles dagegen abhängige Diener. Abhängig vom Blick des Königs, erhöht, ausgezeichnet durch ein Lächeln, beunruhigt, bedrückt durch ein Stirnrunzeln. Ein ausgeklügeltes Etiketten- und Formwesen hielt diese stolzen Köpfe in beständiger Aufregung: wie war die Rangordnung bei Tisch? Wer würde nach Marly mitgenommen werden? Wen würde man mit einer Audienz beglücken? Wer durfte des Königs Messbuch tragen, wer beim Lever, wer beim Coucher zugegen sein und wer dem Herrscher zu Bette leuchten? Wichtige Fragen, um die sich damals die Existenzen der reichsten und bedeutendsten Standesherren von Frankreich drehten. Denn ausserhalb des Hofs gab es kein Ansehen, kein Fortkommen. Ludwig verlangte, dass man ihm diente, seine Feste und Schlösser füllte und belebte. Wer lau war, wer in seiner Provinz zu leben fortfuhr, wer sich nur ab und zu bei Hofe zeigte, war ausgeschlossen von Ordens-, Amts- und Titelverleihungen, kein bunter Uniformrock, kein Herzogssessel, keine Statthalterschaft, kein Bistum, kein Regiment für ihn: wer ohne den König leben konnte, ohne den konnte der König erst recht sein.

Nichts war also geschickter, als den Adel seine Kraft in fortwährenden Eifersüchteleien und Rangstreitigkeiten aufreiben zu lassen, zu denen Ludwig durch neue Ernennungen, durch einen bisweiligen Pairsschub selbst nicht ungern Anlass gab. Er hatte zu seinen Ministern und Marschällen mehr als einmal Talente von bürgerlicher, ja gewöhnlicher Geburt erhoben: diese Männer des dritten und vierten Standes wie Vendôme, Catinat, Chamillart, belohnte er dann mit Standeserhöhungen und Adelstiteln – eine ganz gerechtfertigte Belohnung, die ihm aber jedesmal die Genugthuung gewährte, seinen alten Adel aufzuregen und zu beunruhigen. Ludwig XIV. verstand sich eben trefflich darauf, absoluter Herrscher zu sein.

Er besass noch ein anderes Mittel, Unbotmässige zu zwingen: seine Familie. Und wieder treffen wir hier auf Zustände, die nur jenseits von 1789 möglich waren. Die eigentliche Königin von Frankreich war eine spanische Prinzessin, Maria Theresia; Saint-Simon spricht nur einmal ganz kurz von ihr, als einer Frau, die den König aufrichtig liebte und im Besitz einer nie endenden Geduld und Güte war. Sie sollte dieselbe vonnöten haben. Denn neben ihr, und sie zuletzt verdrängend, tauchen die beiden schönen Gestalten, Luise von La Vallière und Frau von Montespan auf. Die erstere, absichtslos, die fürstliche Leidenschaft wie ein Schicksal ertragend; die zweite, bewusst, stolz, entzückend, geistreich, selbst eine Herrschernatur und bald den Sieg davontragend über eine Rivalin, der die Kühnheit ihrer Stellung fehlte. Die Königin Maria Theresia hat das Vergnügen gehabt, auf Wunsch ihres Gemahls längere Fahrten und Reisen mit diesen beiden Damen in derselben Karosse zu machen. Leider schweigt selbst Saint-Simon über die Einzelheiten solcher Reisen. – Übrigens hatte Maria Theresia ihre Pflicht als Königin von Frankreich gethan und dem Lande einen Erben geschenkt; auf diesen einen Sohn, Monseigneur, auch le grand dauphin genannt, beschränkt sich die legitime Familie Ludwig's XIV. Saint-Simon schildert den französischen Thronerben als mittelgross und stark, ohne jedoch unförmlich zu sein; was Charakter betrifft – garkeinen; einen gewissen, gesunden Menschenverstand, grosse Abneigung gegen geistige Beschäftigung, sodass er sein lebenlang nur das Vermischte aus der Hofzeitung las, um zu wissen, wer geboren oder gestorben sei. Immerhin würdig im Auftreten und würdig in dem Verkehr mit seinem Vater, der ihm stets nur den König zeigte, ihm Scheu einflösste, ihn unfrei machte. Der Grund? Saint-Simon giebt ihn in drei Worten: Monseigneur war der Thronfolger und dazu »le fils de la Royauté et non de la personne.«

Monseigneur führte am französischen Hofe das bekannte Leben des Kronerben: beiseite geschoben von den meisten, gesucht von einigen Wenigen, meist auch Zurückgesetzten, lebt er möglichst für sich, entfernt sich sogar öfter von Versailles, um sich nach Meudon zu begeben, wo er sich ein Privatleben nach seinem Geschmack eingerichtet hatte, welches er, dem Beispiel des Vaters folgend, gleichfalls nicht mit der Frau, die seine königliche Stellung teilte, sondern mit der Frau seiner Wahl führte, mit Fräulein Choin, die Saint-Simon in einigen seiner kräftigsten Züge als ein »grosses, braunes Frauenzimmer« von ungemeiner Gutmütigkeit darstellt.

Um Monseigneur, den Sohn der Krone, der eine streng christliche Erziehung durch den ernsten Bossuet erhielt, gruppieren sich bald eine Reihe anderer Gestalten, die natürlichen Kinder des Königs, Mademoiselle von Blois, die Prinzessinnen von Conti und von Condé, der Herzog und die Herzogin von Maine, der Herzog von Toulouse, schöne, stattliche, herrschsüchtige, ehrbegierige Menschen, gesinnt, sich ihre Geburt als hohe Ehre zu rechnen und darin unterstützt nicht nur von ihren Müttern, sondern auch auf's Entschiedenste von ihrem Vater.

Denn hier war wieder ein Feld für den absoluten Herrscher: hatte er in Versailles und Marly die Natur bezwungen, so wollte er durch die Kinder seiner Person die Menschen und die Gesellschaft zwingen: sie waren königlichen Blutes durch ihn, und als Königkinder sollten sie anerkannt werden. Das war das andere Mittel, wodurch er den Adel herabdrückte: von unten schob er das Bürgertum in ihn hinein, da genügte Talent ohne Geburt; von der anderen Seite her bewies er wiederum, dass die Geburt alles ist, auch ohne Talent, ohne Verdienste, ohne Besitz. Man kann das »tel est mon bon plaisir« nicht schlagender erläutern. So wurden, trotz alles Murrens der Standesherren, diese Kinder mit fürstlichen Titeln und grossem Besitz bedacht; für die Töchter suchte man dann später glänzende Verbindungen. So schienen für zwei derselben dem König die Namen Condé und Conti nicht zu gross, ja Mademoiselle von Blois wurde mit dem einzigen Neffen des Königs, dem Herzog von Orléans, dem späteren Regenten, verheiratet, trotz des Widerstandes von Seiten Elisabeth Charlottens, des Herzogs Mutter, die Saint-Simon uns in ihrem herben Eifer gegen solche »Missheiraten« zeigt.

Unter den Söhnen Ludwigs XIV. war es der Herzog von Maine, der sich besonders unleidlich zeigte, für seine eigenen Kinder die gleichen Rechte verlangte, die er genoss, und der sich später nicht entblödete, mit Frau von Maintenon gemeinsame Sache zu machen, als er sah, dass seine eigene Mutter, Frau von Montespan, das Heft aus den Händen verlor. Dagegen war sein Bruder, der Herzog von Toulouse, durch seine Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit äusserst beliebt. Er war aber eine Ausnahme; im ganzen war dies schöne, kraft- und geistvolle Bastardgeschlecht mehr bösartig als versöhnlich, immer bereit, sich zu verteidigen und am liebsten dem Angriff durch Angriff noch zuvorzukommen.

Ludwig XIV. hat da wirklich mehr als einmal derb zugreifen müssen, wollte anders er Ruhe und Ordnung haben. Denn welche Leidenschaften und Begierden regten und entfesselten sich in diesen Charakteren, die sich im Grunde ihre Gesetze selbst gaben und sich in ihren Stellungen nicht sicher fühlten. Dazu kam noch die Eifersucht auf des Königs legitime Enkelkinder, die sich bedenklich steigerte, als der König einem derselben wirkliche Neigung bewies.

Die drei königlichen Enkel waren die Herzöge von Burgund, von Anjou und von Berry. Der interessanteste von allen ist der Herzog von Burgund. Er war ein schreckliches Kind, sagt Saint-Simon, von einer Heftigkeit, die geradezu in Wut ausartete, sodass er sich nicht mehr kannte. An ihm haben seine Erzieher, der Herzog von Beauvilliers und der Erzbischof Fénelon, das Wunder gewirkt, dass er sich in wenigen Jahren völlig beherrschen lernte und ein trefflicher Mensch wurde.

Der arme Herzog von Burgund kam dadurch aber vom Regen in die Traufe: die Erziehung gelang zu gut, er geriet nun auf den Gedanken, es mit dem Christentum ernst zu nehmen; er floh das Hofleben, widmete sich den Wissenschaften und weigerte sich, zur Fastenzeit zu tanzen. Da hatte er aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht: man liess am französischen Hofe wohl seine Söhne und Enkel von den christlichen Kirchenfürsten, Bossuet und Fénelon, erziehen, das schickte sich so, sah gut aus und ermunterte die Unterthanen im Eifer für die Religion – es aber mit einem christlichen Leben ernst zu nehmen, war unerlaubt. Ein christliches Leben stimmte nicht zu dem königlichen Leben, das Ludwig XIV. sich vorgesetzt hatte. Kirchlich wollte er allenfalls leben, aber nicht christlich; sollte er sich von seinem Enkel beschämen lassen? Was thun? Nun, man griff zu dem alten Mittel der Heirat. Das Schicksal aber wollte, dass der Herzog von Burgund sich sterblich und zärtlich in seine junge Frau verliebte und sich auch nicht dazu verstand, wie der Vater und der Grossvater ein doppeltes Hauswesen zu führen, eins »pour l'honneur« und eins »pour le plaisir«. Kurz, er war unverbesserlich in seiner Tugend und lebte, wie sein Vater, der Dauphin, etwas abseits vom Hofe, wissenschaftlich beschäftigt, auch in politische Reformen vertieft, wenig beachtet von Hofleuten, deren oberflächliche Bildung vor seinem Wissen scheute, glücklich mit seiner Frau und gesucht nur von denen, die, selbst tiefere Naturen, seinen Wert als Mensch und Fürst zu schätzen wussten; zu diesen gehörte Saint-Simon.

Erst schwere Schicksalsschläge, die nach seines Vaters Tode aus ihm den Thronfolger machten, näherten den Herzog von Burgund seinem Grossvater Ludwig, so dass ein freundliches Verhältnis zwischen ihnen seit 1711 entstand. – Wen der König aber stets geliebt hat, das ist des Herzogs Frau, eine Prinzessin von Savoyen. Sie kam sehr jung an den französischen Hof, wohl unterrichtet und gut erzogen. Eigentlich war sie geradezu hässlich: eine vorgewölbte Stirn, schlaffe Backen, eine nichtssagende Nase, stockige Zähne – aber schöne Haare, sprechende, herrliche Augen, königliche Haltung, zarte Haut und dabei eine entzückende Anmut, sodass sie ging wie eine Göttin auf Wolken. Dabei fast immer lustig, die Seele aller Feste, sprühend, aber auch ernst, wenn es an der Zeit war. Anscheinend ein grosses Kind, hatte sie des Königs Herz im Sturm genommen, sie spielte um ihn wie ein Kätzchen, sagte alles, was ihr durch den Kopf ging, lachte, scherzte, fragte und erlaubte sich Vertraulichkeiten, die selbst der Herzog von Maine, des Königs Lieblingssohn, sich nicht gestatten durfte. Die Herzogin von Burgund war der Sonnenschein des Hofes, gegen den selbst Frau von Maintenon sich nicht wehren konnte, und an dem auch Saint-Simon alles Licht sein lässt.

In diesen Kreis, um den sich die ersten Namen Frankreichs gruppieren, die Condé, Conti und Turenne, Lorges, Boufflers, Sévigné, La Rochefoucauld, die la Trémoille, la Fayette, la Feuillade, Chevreuse und andere mehr, in diesen Kreis, dessen Mittelpunkt der König ist, tritt gegen 1670 eine stille, unscheinbare Gestalt, Françoise Scarron, die spätere Frau von Maintenon. Sie war eine bürgerliche Poetenwitwe, hatte aber verwandtschaftliche Verbindungen mit den Häusern d'Albret und Montespan, die ihr den Eintritt in die grosse Welt sicherten. Sie gefiel durch ein gewisses schlichtes, stilles Wesen, schien gänzlich anspruchslos für ihre Person, erwies sich aber als sehr angenehm, wenn man sie brauchte und gab guten Rat. Frau von Montespan war damals auf der Höhe ihrer Macht und suchte gerade eine Erzieherin für ihre Kinder, den Herzog und die Herzogin von Maine. Sie schlug Françoise Scarron dafür vor und setzte ihr Stück durch, weil die junge Witwe ihr zu gefallen suchte und auch gefiel, trotzdem, wie Saint-Simon behauptet, der König Frau Scarron damals nicht leiden konnte. Es verbesserte seine Stimmung nicht, als Frau von Montespan ihn darum anging, der Erzieherin das zum Verkauf stehende Gut und Schloss Maintenon zu schenken. Ganz langsam nur begann der Umschwung in des Königs Stimmung. Zuerst bemerkte Ludwig, dass die Frau von Maintenon sehr hübsche Briefe schrieb, in denen sie von den Reisen mit ihren Zöglingen erzählte; dann kamen die Launen der Frau von Montespan, und sie hatte deren viele, sagt Saint-Simon; es kam bisweilen zu einem Gespräch zwischen dem König und der Gouvernante, zu einem vertraulichen Gespräch, dann zu Scenen mit Frau von Montespan, dann zu Vorwürfen, zuletzt sprach Franziska Scarron als die Überlegene, die Reine, zu Frau von Montespan, der grossen Sünderin, und nach einem letzten, entscheidenden Kampf zwischen dem Stern, der aufging, und dem Stern, der erblich, zog Frau von Montespan sich in das von ihr gestiftete Kloster Saint-Joseph zurück. Seitdem war Frau von Maintenon im Besitze einer Stellung, über die niemand sich täuschte, »ohne dass ihr Ruf darunter litt«. Die Königin war inzwischen gestorben, die Rivalin verbannt, es blieb Frau von Maintenon nur noch der letzte Schritt zu thun: ihre Heirat mit dem König, und sie erreichte auch dies, allerdings unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses. Ihre Heirat nicht öffentlich erklären zu hören, war der einzige Triumph, den sie nicht geniessen sollte. Hier hatte der Minister Louvois in seiner heftigen Art sich zu einem energischen Schritt hinreissen lassen und dem König vorgestellt, dass er sich durch eine solche Erklärung vor ganz Europa lächerlich machen würde: die Veröffentlichung unterblieb.

Nichtsdestoweniger wurde Frau von Maintenon einer Königin gleichgeachtet. Ihre Gemächer lagen denen des Königs gegenüber, ihr statteten die fürstlichen Persönlichkeiten Besuche ab, ihr begegneten die Kinder des Königs wie einer Mutter, ob gern, ob ungern, gleichviel. In der Etikette des Hofes hatte sie ihren festen Platz, kaum dass sie sich für die bedeutendsten Persönlichkeiten von ihrem Sessel erhob. In ihrem Zimmer arbeitete der König mit seinen Ministern, während sie in ihrer schlichten Tracht am Kamin sass, sich kaum je in das Gespräch mischte, behauptete, keine Meinung zu haben und doch alles begriff und verfolgte. Ohne dass man es merkte, konnte sie so ihre Finger überall haben und stets wissen, wie der Wind wehte. Nichtsdestoweniger gehörte ein ungewöhnliches Mass von Klugheit dazu, sich in dieser Stellung dreissig Jahre lang zu halten. Und diese lange Herrschaft, dies ungewöhnliche Talent, den König dauernd zu fesseln, sind es, was Saint-Simon nicht genug bewundern kann; so gründlich er »die Witwe Scarron« hasst, er gesteht zu, sie sei eine ausserordentliche Frau gewesen.

Man ist sehr geneigt, ebenso zu denken, wenn man sich überlegt, wie glühend diese Frau von dem ganzen französischen Adel gehasst werden musste, wie feindselig ihr die Frauen der königlichen Familie gesinnt waren, wie aufgebracht die Kinder, wie neidisch alle Damen, die, schöner als sie, sich an ihre Stelle wünschten. Eine aussergewöhnliche Frau allerdings, die den Hass eines Hofes nur durch ihre Unentbehrlichkeit parieren konnte, dadurch, dass durch sie der Weg zum König ging; aussergewöhnlich auch, weil ihr im entscheidenden Augenblick nicht die Kraft versagt hatte, ihre frühere Wohlthäterin zu entthronen. In solchen Augenblicken an seiner eignen Niedertracht nicht zu ersticken, dazu gehört entweder eine rücksichtslose Raubtiernatur oder der Glaube an eine hohe Mission. Vielleicht glaubte Franziska d'Aubigné wirklich ein gutes Werk zu thun, wenn sie den König den Gefahren einer unregelmässigen Verbindung entriss, ganz ebenso wie sie später den König ermutigte, die Jansenisten und die Hugenotten dem »wahren Glauben« wiederzugeben. – War die Erhöhung der Frau von Maintenon einerseits wieder ein Beweis von Ludwigs absoluter Macht, denn eine bürgerliche Königin von Frankreich, eine Poetenwitwe auf dem Thron war noch nicht dagewesen, so hat anderseits auch gerade Frau von Maintenon den Druck der Hand, die sie erhöht hatte, gefühlt: sie lebte und hatte nur für den König zu leben. Machte sie sich ihm unentbehrlich, so musste sie auch stets zur Hand sein. Ebenso pünktlich und regelmässig wie der König bei seinen Beschäftigungen war, hatte auch sie zu sein. Ging er nach Marly, so musste sie ihn dort schon erwarten. Wetter, Krankheit, Unbequemlichkeit, nichts galt, sie musste zur Stelle sein, und Saint-Simon sagt, sie habe öfters die Fahrt dorthin in einem Zustande gemacht, in dem man keine Dienstmagd gezwungen hätte, aufzustehen.

Und dies ist die Kehrseite der Medaille: nicht nur Frau von Maintenon hatte sich mit all ihren Kräften dem Dienst des Königs zu widmen, sondern auch alle anderen Glieder des Hofes mit ihr. Des Königs Gesundheit war eine vortreffliche; unermüdlich und stets zur angesetzten Zeit begab er sich von Fest zu Fest, von Beschäftigung zu Beschäftigung. »Tel est mon bon plaisir« und alle, die um ihn waren, mussten folgen, wohl oder übel. Hier zeigte sich Ludwig XIV. in seiner schroffen Rücksichtslosigkeit: was ihm Vergnügen machte, musste auch anderen Vergnügen sein. Krankheit war kein Hinderungsgrund, Tod von Freunden und Verwandten entschuldigte das Versäumen eines Hofballs nicht. – Der König liebte die Luft; wen er geruhte in seiner Karosse mitzunehmen, der musste auch die Luft lieben und durfte gegen die Sonne keinen Vorhang vorziehen. Der König liebte es auch, dass die Jugend mit tüchtigem Appetit ass; hatte man nun auf solch einer Fahrt nach Marly sein bestes gethan und eine Bresche in die Reisevorräte gelegt, so war es doch nicht erlaubt, bei der Abendtafel Mangel an Esslust zu zeigen.

Und so lebte Versailles: von aussen ein stolzer Palast, ein Aufenthalt der Freude, ein Olymp, von fröhlichen Göttern und reizvollen Göttinnen bevölkert. Die Feste, Bälle, Siege, Prachtaufzüge, die grossen Namen, Titel und Ehren hatten thatsächlich etwas blendendes, so blendend, dass über diesen künstlichen Massstäben des Glücks alle natürlichen Glücksgüter vergessen, dass über den Ehren die persönliche Ehre vernachlässigt, über der Schmeichelei und dem Gefallenwollen der eigene Gedanke und die eigene Meinung hintangesetzt wurden. Ludwig XIV. trieb eine nachsichtslose Interessenpolitik, rechnete auf den Eigennutz der Menschen und trat auf ihnen herum, bis sie leer und hohl wurden wie ausgedroschene Ähren. Er unterdrückte die Natur, wo immer sie ihm nicht passte und schenkte dann die bunten Kleider und Orden, mit denen die Menschen ihre Verkrüppelung bedecken mochten.

Die wenigsten haben ihre Erniedrigung gefühlt; wer nach Versailles kam, wurde bald von der monarchischen Verzückung befangen, die ihm das Urteil nahm. Wie liesse es sich sonst erklären, dass Leute, die in der Provinz die schönsten Landhäuser hatten, die bequemsten Wohnungen, das angenehmste Familienleben, dass diese Leute sich in Versailles jede Unbequemlichkeit gefallen liessen, in licht- und luftlosen Zimmern wohnten, ihre Gesundheit aufs Spiel setzten in diesem Bau, wo fünftausend Menschen aufeinandersassen, wo sich epidemische Krankheiten erschreckend verbreiteten, wo plötzlicher Tod die Höchstgestellten fortraffte?

Was man ihnen für solchen Zwang bot, das Lächeln des Königs und die Befriedigung ihres Ehrgeizes, muss sie eben mehr gelockt haben, als jener sie schreckte, und dieses Königslächeln, dieser befriedigte Ehrgeiz, die äussere Dekoration von Versailles und die äusserlichen Lustbarkeiten sind denn auch fast einstimmig von den Zeitgenossen als das Unvergleichliche, das höchste Gut der Welt gepriesen worden, so einstimmig, so nachhaltig, dass die Legende des siebzehnten Jahrhunderts als eines goldenen Zeitalters bis zur französischen Revolution, ja noch darüber hinaus, Gläubige, Anhänger und Fanatiker gefunden hat.

Es ist nun Saint-Simon's grosses Verdienst, dass er sich nicht hat blenden lassen, dass er die Äusserlichkeiten zwar wohl beobachtet, vor allem aber den verborgenen Triebfedern nachgespürt hat. Und er hat es bewusst gethan: die gewöhnlichen Memoiren genügten ihm nicht, er wollte die Masken abreissen und in die Tiefe dringen. Wie kam er dazu?

Sein Vater war von Adel, ein Günstling Ludwigs XIII., der überraschend Carrière machte und nebst vielen Ämtern noch den Titel Herzog und Pair von Frankreich erhielt. War der Herzogstitel in der Familie neu, so führte sie ihren Adel doch bis auf Karl den Grossen zurück, und wenn je einer, so fühlte sich Saint-Simon als ein Wesen besonderer Gattung. Er war ein kleiner Herr von heftigem Charakter, glühend in seinem Hass, zornbebend, wenn man seinem Rang, seinen Vorrechten zu nahe trat; ein schlechter Hofmann, weil er sich nicht mässigen konnte, mit einem unübertrefflichen Scharfblick begabt, wo es sich um Menschen und Charaktere handelte, weniger brauchbar als Diplomat und Geschäftsträger; er verstand es eben nicht, im rechten Augenblick wie Oel nachzugeben, verstand die Kunst der halben Worte und der Zugeständnisse nicht. Urteile wie Ausdrücke waren bei ihm scharf wie Messer, und er versagte sich auch eine Bosheit nicht, selbst wenn sie Gefahr brachte. Dazu hatte er eine Freude an Studien, an der Geschichte, war mit seiner Frau glücklich, ein gläubiger Christ, ein Mann, der sich nichts vergab und den Mut der eigenen Meinung besass.

Das war kein Charakter nach dem Herzen Ludwigs XIV., der brauchte weicheres Holz und geschmeidigere Rücken. Saint-Simon war auch kein Mann nach dem Herzen der Frau von Maintenon, denn er verachtete die bürgerliche Witwe Scarron. Nun hat Saint-Simon seine Laufbahn im Heer 1691 und die am Hofe 1697 angefangen, und zu beiden Zeiten war Frau von Maintenon schon die regierende Gottheit. Des Herzogs Aussichten auf Erfolg waren also gering. Er hat es denn auch nie zu einer glänzenden Stellung gebracht, hat nie in der vollen Sonne gestanden. Er war dem König unheimlich: er liess sich den Mund nicht verbieten, er war Rädelsführer, wenn es galt, den alten Adel gegen die illegitimen Königskinder zu verteidigen, er las viel, er schrieb, man wusste nicht was, er gehörte für Ludwig XIV. zu den Ideologen, die später Napoleon I. so unausstehlich fand.

Und sein Instinkt täuschte Ludwig XIV. nicht: thatsächlich hat Saint-Simon grosse, politische Pläne genährt und ausgearbeitet. Er fand sich mit Beauvilliers und Chevreuse, mit Fénelon und dem Herzog von Burgund, in langen, heimlichen Beratungen bei verschlossenen Thüren zusammen, und er meinte es sehr ernst mit seinen Plänen, er baute vor allem auf den Herzog von Burgund, der 1711, nach dem Tode seines Vaters, Thronerbe war.

Alle diese Reformpläne gingen von der Wiederherstellung des Adels aus. Saint-Simon's Beurteilung des Bürgertums, der Magistratur und der Parlamente ist gleichfalls ganz unter dem Gesichtswinkel des Standesherrn gefällt und wirkt in unserer heutigen Welt fast komisch. Aber das eine darf man doch nicht vergessen, dass diese Reformpläne, mögen sie auch beschränkt sein, immerhin ein ehrenvolleres Zeugnis für Saint-Simon sind, als es ein Verleugnen seiner Standesvorurteile gewesen wäre, ein Aufgeben seiner Persönlichkeit, seiner Grundsätze um den Preis einer Erhöhung, eines Königslächelns. Es ist, wenn alles auf den Knieen liegt, eine mutige That, aufrecht stehen zu bleiben, besonders wenn man unbequem steht, wie Saint-Simon.

Er zog es vor, sich treu zu bleiben und die Zeit abzuwarten, wo er mit Ehren seinen Platz einnehmen würde. Die Zeit sollte nie kommen: schon 1712 raffte die gleiche, tückische Krankheit den Herzog wie die Herzogin von Burgund weg. Die Beschreibung dieser traurigen Ereignisse muss man in den Memoiren selbst nachlesen; sie hat bei aller erzwungenen Ruhe etwas so aufrichtig Erschüttertes, ein so tief schmerzliches Bedauern, dass man fühlt, Saint-Simon sah nicht nur seine eigenen Hoffnungen durch diesen Todesfall zerstört, sondern die Hoffnung und die Zukunft seines Landes. Denn Saint-Simon ist nicht nur Standesherr, er ist auch Patriot gewesen, er wollte seinen Stand doch nicht nur um seinetwillen wieder erhöht wissen, sondern auch um des Landes willen. Saint-Simon hat ein Auge für die sich erschöpfende Kraft der Nation, ein Auge für die beginnende Notlage, für die thörichte Verschwendung. Er sah, dass etwas faul war im Staate Dänemark, und da er wusste, dass sein eigener Stand früher eine andere Stellung gehabt, und dass es früher besser gegangen war, daher rief er: Zurück! Er fühlte sich selbst als einen Ehrenmann, zu Nützlicherem geschaffen, als dem König den Leuchter zu halten und das Messbuch nachzutragen. Und er hat ja im Grunde nicht Unrecht gehabt: ein starker Adel würde das absolute Königtum verhindert haben. Er erwartete bessere Zeiten für die ganze Nation von der Herrschaft des Herzogs von Burgund, und nur den Bitten seiner Frau gelang es, ihn nach dessen Ende noch länger bei Hofe zu halten. Er blieb dort bis 1723, bis zum Tode des Regenten, den er seinen Plänen nicht unzugänglich gefunden hatte, und dem er die eine grosse, ungetrübte Freude seines Lebens verdankt: das Testament Ludwigs XIV. kassiert zu sehen, ein Testament, nach dem die illegitimen Prinzen vorkommenden Falls zur Erbfolge berechtigt sein sollten.

Seit dem Jahre 1723 verstand Saint-Simon aber, dass er nichts mehr zu hoffen habe, und mit der Würde, die ihm natürlich war, zog er sich vom Hofe zurück und begann nach einigem Zaudern und Tappen die endgiltige Niederschrift seiner Memoiren, zu denen er seit 1694 tägliche Notizen gemacht hatte.

Vielfach ist darum gestritten, inwiefern Saint-Simon verlässlich sei. Thatsächliche Ungenauigkeiten sind ihm nachgewiesen worden, und es ist durchaus glaubhaft, dass auch bei seiner Schilderung von Charakteren, besonders, wenn er sie nicht leiden konnte, sein Hass ihm die Linien verzerrt hat. Aber im Grunde berührt es doch wunderbar, die verschiedenen Herausgeber und Erklärer unsern Autor immer wieder als unverbesserlichen Pessimisten hinstellen zu sehen. Was hatte Saint-Simon denn vor Augen? Doch einfach das Schauspiel einer Welt, die in würdiger Form unwürdig lebte, die sich, solange die Etikette gewahrt blieb, alles gestattete, die mit der Moral handelte und mit dem Christentum spielte. Hinter diese Form und die Etikette geblickt, dies Handeln und Spielen durchschaut zu haben, ist gerade Saint-Simon's Verdienst; und dass er nichts sehr Erfreuliches dabei entdeckte, nicht seine Schuld. Er steht als passende Ergänzung neben La Rochefoucauld, der nach einem Leben voll höfischer Erfahrung und höfischer Beobachtung gleichfalls als aller Weisheit Schluss betrachtete: dass Eigennutz die Triebfeder aller menschlichen Handlungen, auch der guten, sei.

Die Welt ist nie sehr sittlich gewesen, aber trotzdem ist es natürlich, dass sie ihrem Porträtmaler, besonders wenn er einen Pinsel führt wie Saint-Simon, gern etwas anhängt. Wohl ihm, dass er tot ist, so wird ihm rascher Gerechtigkeit widerfahren. Von seinen Porträts weitere Proben zu geben, darauf muss ich verzichten: sie sind entweder unübersetzbar, oder sie verlangen ganz neu geschaffen zu werden. Man müsste auch mit dem Deutschen dabei ebenso umspringen, wie er mit dem Französischen, denn das ist ja das Interessante an ihm: er ist kein akademischer Schriftsteller, sondern lässt seine Feder frei laufen, er braucht die gewöhnlichsten Ausdrücke, schreibt das gesprochene Französisch seiner Zeit, die Witzworte und kecken Vergleiche der geistreichen Unterhaltung jener Kreise. Er überrascht immer wieder durch neue Wendungen, er hat Menschen und Dinge nicht nur im Griff, nein, er beisst in sie hinein und gehört mit Molière, Lafontaine, Fénelon zu den unabhängigen Geistern des siebzehnten Jahrhunderts, die sich selber treu blieben und bewiesen, dass selbst in Zeiten epidemischer Unterwürfigkeit der Menschheit noch immer etwas Rückgrat bleibt.

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