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Aus aller Herren Länder

Käthe Schirmacher: Aus aller Herren Länder - Kapitel 10
Quellenangabe
authorKäthe Schirmacher
titleAus aller Herren Länder
publisherVerlag von H. Welter
year1897
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Frédéric Mistral.

Schlesische Zeitung. 4. und 5. September 1891.

Frédéric Mistral ist eigentlich bei uns recht unbekannt, und doch ist er ein grosser Dichter. Dass er so unbekannt, mag daran liegen, dass man ihm nicht leicht nahekommt. Denn er dichtet provençalisch, und da das Provençalische, selbst das Neuprovençalische, vom Französischen erheblich verschieden ist, da andererseits das Deutsche noch weit weniger als das Französische fähig ist, auch nur annähernd von der Musik der Sprache Mistral's einen Begriff zu geben, so ist dies grosse Talent weiteren Kreisen unseres Volkes fremd geblieben. Angaben über ihn finden sich in gelehrten Fachschriften, die romanische Philologie hat sich eingehender mit Mistral beschäftigt; vor etwa sechs Monaten ist auch eine deutsche Übersetzung seines Epos »Mireille« erschienen. Aber gerade dieser letzte Umstand scheint mir zu beweisen, dass die, welche Mistral's Sprache verstehen, darum noch nicht immer seine Dichtung zu schätzen wissen: »Mireille«, das Epos, steht an poetischem Wert ja weit unter Mistral's »Isclo d'Or«, den »Goldnen Inseln«.

Freilich ist es auch das Rechte nicht, Mistral im kalten Norden, auf den Bänken eines Hörsaals, in den Blättern einer Chrestomathie kennen zu lernen. Wohl dagegen dem Glücklichen, der Mistral in dessen eigenem Vaterlande aufsuchen kann: so in den Süden kommen, in die Provençe, an die Riviera, das Land der Goldnen Inseln selbst, die, der Küste entlang, im schimmernd blauen Golf du Lion verstreut liegen; diese goldnen Inseln betreten, sie tagtäglich vor Augen sehen, bei farbenglänzendem Sonnen-auf- und Untergang, wobei einem unwillkürlich die majestätischen Formeln wach werden, mit denen die Alten diese Schauspiele begrüssten; zu diesen goldnen Inseln nun des Landes goldne Früchte, sein Reichtum an Blumen, Duft und Farben, diese roten Felsen, blauen Fluten, grünen Wälder und betäubenden Blüten, dies alles sehen, geniessen, empfinden und dann eines schönen Tages, zufällig, lässig, Mistral in die Hand bekommen – das lohnt sich zu leben. Denn Alles, was dies herrliche Land in uns von Entzücken, Sehnen, Lebensmut und Kraft erwecken kann, das Alles hat auch in Mistral's »Goldnen Inseln« Ausdruck gefunden, einen Ausdruck so vollendet, wie ihn eine Dichternatur nur geben kann, noch verstärkt durch Dinge, die der Fremde nicht empfindet: durch glühende Vaterlandsliebe, denn Mistral ist ja Provençale, durch ein vollendetes Formengefühl, denn Mistral's Ahnen sind die Troubadours, und endlich durch die Lebenserfahrungen des Mannes selbst. Gerade diese letzteren mit den tiefen Gedanken, die sie Mistral erregen, geben seiner Poesie den grossen, inhaltlichen Wert.

Mistral – geboren 1830 in der Provençe, heute also im Anfang der Sechziger – gehört mit seinen Werken in den Aufschwung der Dialektdichtung, der etwa 1825 mit dem so volksberühmten Jaussemin begann. Die Bewegung war hauptsächlich bürgerlichen Ursprungs, wie ja auch im Mittelalter viele Bürgerliche unter den besten Troubadours waren. Die neuprovençalische Dichtung nun fand ihren Mittelpunkt in Avignon, Saint Rémy, und der umliegenden Landschaft: in Avignon, wo Roumanille und Aubanel ansässig waren, in Saint Rémy, wo Mistral geboren ist. Im Jahre 1854 war die Bewegung so stark, so volkstümlich geworden, dass sie eine feste Form in der Gründung einer poetischen Gesellschaft gewann, der Félibre, die sich die Wiedererweckung der provençalischen Sprache und Dichtung, die Pflege der heimischen Sitten und Überlieferungen zur Aufgabe machte. Mistral gehörte dazu, Mistral, der bald der Stolz des ganzen Kreises wurde, mit neunundzwanzig Jahren sein Epos »Mireille« schrieb, der Paris und den ganzen Norden zu interessieren verstand, und es nicht verschmähte, dem Publikum neben der provençalischen Form seiner Gedichte auch die französische, schlicht wortgetreue Übersetzung zu bieten; der Gounod zu einer Komposition von »Mireille« begeisterte, und von Lamartine sich einen tausendjährigen Ruhm verkünden hörte.

Allerdings war es gerade das langatmige Epos »Mireille«, welches Lamartine zu diesem Ausspruch begeisterte, und auch die deutsche Biographie Mistral's in Böhmer's Werk: »Die provençalische Poesie der Gegenwart« erwähnt nur dieses Epos und das zweite: »Calendau«, nicht aber die Gedichtsammlung: »Die goldnen Inseln« – wahrscheinlich, weil diese Sammlung damals (1870) noch nicht in dieser Form vorlag, obgleich sie sogar Stücke aus den Jahren 1856, 1858 und 1861 enthält. Über den Kreis von Fachleuten dürfte die Kenntnis vom Dasein dieser herrlichen Gedichte also kaum hinausgekommen sein, was um so bedauerlicher ist, als sie Mistral's vollendetste Schöpfung sind. Denn ein provençalisches Epos und nun gar ein Epos im neunzehnten Jahrhundert – das darf von vornherein misstrauisch machen. Erstens weil uns Modernen der naive Glaube an die absolute Richtigkeit unserer Thaten abhanden gekommen ist. Zweitens weil die Provençalen zu ihrer besten Zeit nur mittelmässige Epiker waren, hingegen aber hervorragende Lyriker. Von origineller, provençalischer Epik hat das Mittelalter nicht viel gekannt; in dieser Dichtart hat der Norden, hat das eigentliche Frankreich die Provençe stark beeinflusst. Die beliebtesten, epischen Stoffe, die Artussagen, gelangten durch Vermittelung des Französischen nach dem Süden, und was von provençalischen Epen erhalten, lässt sich zum Hauptteil auf französische Originale zurückführen.

Dagegen war es die provençalische Lyrik, welche in ihrer Vollendung das Vorbild für Nordfrankreich abgab, ja auch für Deutschland, England, Spanien und Italien. Und dasselbe Verhältnis scheint mir bei Mistral vorzuliegen: trotz Lamartine, sind seine Epen nur erweiterte Idylle mit höchst unepischer, wohl aber sehr moderner Sentimentalität und Allegorie gemischt, von einem gleichfalls unepischen, sehr starken Naturgefühle zeugend, alles in allem aber weit mehr lyrisch als erzählend und handlungsreich. Dagegen sind »Die goldnen Inseln« entweder rein lyrisch oder episch-lyrisch, wie die Goethe'schen Balladen etwa. Nach dieser Seite gab sich nun schon das mittelalterliche Genie der Troubadours kund, und in diesem Sinne hat es sich in Mistral auch wieder gefunden. Eigentlich ist jedes Stück der Sammlung ein Beweis dafür, dass Mistral sich als Nachkomme der Troubadours fühlt. Schon die Namen, die er benutzt, um die Gedichte zu gruppieren, diese chansons, romances, sirventes, rêves, plaintes, sonnets, saluts, haben ihre Vorgänger in der altprovençalischen Lyrik. Mehr als das, Mistral fusst so fest auf der für ihn noch lebendigen Erinnerung an die Troubadours, dass er fortwährend auf dieselben anspielt, ihnen Gedichte widmet, ihren Namen anruft und Thatsachen ihres Lebens wiedererzählt. So die Geschichte von Catelan, von der Königin Johanna von Neapel, das Sirvente an Clemenço Isauro, die vorgebliche Erhalterin der mittelalterlichen Poetenschule von Toulouse usw. Natürlich fehlt es auch nicht an Gelegenheitsgedichten an seine Zeitgenossen, an Jaussemin, Lamartine, Gautier, an Festliedern, geschrieben für die Versammlungen der Félibre, für die Blumen-Sängerfeste der verschiedenen provençalischen Städte. Ich möchte nicht behaupten, dass sich in diesen Gedichten Mistral's Genie am reinsten zeigt. – Solche Gelegenheitsgedichte müssen sich an allgemein menschliche Gefühle wenden, müssen in Lokalerinnerungen, Dankbarkeit, Brüderlichkeit und Patriotismus schwelgen. Da kommt leicht ein wohlfeiles Wortgeklapper und ein Schwung des Leierkastens heraus. Dazu empfindet der Leser, der ja nicht dabei war, der sich die Begeisterung solcher Massenansammlungen unter tiefblauem Himmel, zu Füssen eines alten Römerbaues, in einem klassischen Theater, kaum denken kann, der die schönen Frauen von Arles und Avignon nicht sieht, ihre schwarzen Augen nicht auf sich ruhen fühlt, jede Übertreibung des Ausdruckes viel schärfer, jede Länge viel störender, kurz, dieser den Provençalen sehr interessierende Teil von Mistral's »Goldnen Inseln« ist für den Aussenstehenden am wenigsten ansprechend.

Glücklicherweise hat Mistral seine feurige Liebe für Vaterland und Vergangenheit aber nicht ausschliesslich in Gelegenheitsgedichten ausgedrückt, sondern sie innerlich verarbeitet und zu reizvollen Balladen umgestaltet, Balladen, in denen die alte Zeit lebendig wird. Darin flammt der Stolz auf dieses herrliche Vaterland, zu dem für Mistral auch noch die spanische Provinz Catalonien gehört, die thatsächlich im Mittelalter, wenigstens in Hinsicht auf die Litterärsprache eins war mit der Provençe. Denn bei dem losen, politischen Verbande jener Zeit war von staatlicher Einheit unter einem Herrscher ja keine Rede. Es flammt in diesen Gedichten der Stolz auf die romanische Abkunft, auf den römischen Stammbaum, etwas Sieghaftes, als sei das provençalische Volk wiederum ein auserwähltes Volk, ein besonders begnadetes. Man hat eingewendet, und nicht ganz mit Unrecht, dass dies eine Gefahr für die französische Einheit berge; denn Provençalisch und Französisch – so wenig das Ausland auch den Unterschied gewahrt – ist nun einmal nicht dasselbe. Ich möchte hierbei gleich darauf aufmerksam machen, dass auch die moderne, französische Litteratur diesen Unterschied vollkommen anerkennt, ja sogar einen Rassenhass zwischen dem überwiegend romanischen Südfranzosen und seinem stark mit germanischen Elementen verquickten, nordischen Bruder feststellen will. In Daudets »Numa Roumestan« liegt z. B. dieser Gegensatz dem Konflikt des Buches zugrunde. In »L'Argent« kann Zola nicht oft genug auf Saccard's provençalische Herkunft hindeuten, der er »seine verteufelte Energie«, sein Talent, die Massen zu begeistern, zuschreibt. Nun, bis zum Abfall von Nordfrankreich hat Mistral seine Provençalen nie treiben wollen; nur eine provençalische Renaissance sollte erstehen, und dazu griff er in die Geschichte der Provence zurück. Es ist eine farbenprächtige Vergangenheit voll Abenteuer. Die Einfälle der Mauren, die Seeräubereien der Türken, die angenehme Aussicht, in Tunis Sklave zu werden, der Reiz des morgenländischen Haremlebens, der Christenstolz, das Ritter- und das Renegatentum, die schönen, selbstbewussten Frauen der Provence, die kecke Grazie und der Humor dieser geistvollen Rasse, ihre elegante Bosheit, das alles findet sich in Mistral's Romanzen, zusammengefasst mit einem Reiz der Sprache, einer Süssigkeit des Lauts, besonders des Refrains, den eben nur das Original uns geben kann.

Ebenso zu eigen wie die heimische Geschichte ist Mistral die heimische Natur. Sonne, Meer und Wind sind ihm Genossen, die zu seinem Leben gehören, ja mehr, es sind Mächte desselben, mit denen man zählen muss. Denn alles in allem sind wir doch Kinder der uns umgebenden Natur. Die heissen, südlichen Charaktere kommen aus dem Land, das von Sonnenlicht »rieselt«, die stolzen Gedanken kommen vom weiten Meer, über das der »grosse Wind« hinfährt, von den schneebedeckten Alpen, ihren einsamen Berghöhen mit wilden Bergströmen. Die grossen Leidenschaften stürmen wie der Mistral – der provençalische Nordwind – und eine sowohl zu zärtlichen wie heftigen Extremen geneigte Natur bildet sich leicht in einem Lande, das im Frühling ein Paradies, im Sommer eine graue, staubige Wüste ist, so trocken, dass die Erde birst. Ein fortwährendes Fussen auf solchen Naturschauspielen findet sich bei Mistral; wo es nicht direkt in Naturbildern ausgedrückt ist, liegt es unausgesprochen zugrunde. Man kann einen Rausch der Naturfreude auch unter unserer blasseren Sonne, an unserem graueren Meer, bei unserem kälteren Winde empfinden. Wie kraftvoll, wie seelenweitend solch' eine starke, üppige Natur aber wirkt, schildert in ein paar meisterhaften Seiten z. B. Zola in »L'Oeuvre«. Selbst Südfranzose, hat er den starken Rausch jener Natur empfunden, und es gelingt ihm in diesen Seiten, dem Leser etwas von der Tiefe jener Empfindungen zu vermitteln. Da er dies nun mit aller dem Prosaschriftsteller zu Gebote stehenden Breite thun kann, sind diese Seiten eine treffliche Einführung in Mistral's Poesie; denn Mistral als Dichter muss sich eben oft beschränken, muss mit einem Worte ganze Vorstellungsgruppen wachzurufen suchen, die er bei seinen Landsleuten voraussetzen kann, bei Nordländern aber nicht immer finden dürfte. Die Pinien- und Olivenwälder, von denen Mistral spricht, die Sonne, die er »unerbittlich« nennt, dieser »brennende Wind«, die Kosenamen für den Thymian und die Münze, all das hartliche, duftende Kraut der Provence – das sind für den Nordländer Worte, hinter denen er die Dinge und ihren Reiz nie gefühlt. Es ist ganz so, als wollten wir dem Provençalen von der Dorflinde, dem Vergissmeinnicht oder der Wonne des Schlittschuhlaufens erzählen. So ist eins der vollendetsten Naturbilder Mistral's, »Die Grillen«, dem unverständlich, der nicht das Lärmen angehört hat, das die kleinen Braunröcke am Abend in der Provence vollführen. Auch der liebliche Refrain in der »Sommerkönigin« büsst von seiner Naturwahrheit ein:

Schweigt, Nachtigal und Grillen klein,
Hört von der Sommerkönigin das Liedelein.

Bei uns würde die Grille gegen die Nachtigal garnicht aufkommen; im Süden aber schlägt sie ihr Tambourin mit ganz anderer Energie. Überhaupt ist es eine grosse, flammende Energie, eine heisse Liebe zum Leben, die aus Mistral's Dichtung aufweht. Er hat all' die Eigenschaften und strebt nach all' den Dingen, die Luzifer das Paradies kosteten: überlegene Kraft, Macht, Reichtum, Leidenschaft! Förderer einer Renaissance, vertritt er Stolz, Selbstbewusstsein, Grösse, oder um mit Symonds zu sprechen: »the time, in its passion, pomp and pride«.

Als Nachfolger der Troubadours hat er diese überquellende Lebensfreude auch auf die Liebe übertragen. Wenn nun schon der Nordländer in seiner Liebe doppelt zu leben glaubt, so muss der Südländer die Leidenschaft mindestens verdreifacht empfinden. Auch dem muss man Rechnung tragen, dass der Süden in der Liebe oft einfach den Trieb von Mann zu Weib sieht und weit weniger als unsere Sitte das Individuelle darin betont, die Neigung gerade dieses Mannes zu diesem Weib. Wieder erläutert ein französischer Dichter hier den andern: in »Numa Roumestan« sagt Tante Portal: »Mein liebes Kind, wir Frauen in der Provence sind nicht Menschen, sondern Dinge, die man nimmt, geniesst und wegwirft.« Bei Mistral findet sich etwas von dieser Sinnlichkeit, der die Person gleich ist, daneben etwas derb Volkstümliches, das die natürlichen Dinge natürlich behandelt, eine Leidenschaft, die brutal aufschreit, (z. B. in »la coutigo«). Aber für Mistral ist diese ungeberdige Leidenschaft ein Zeichen von Kraft und daher, wo sie sich auch zeigen mag, der Verehrung werth. Und hier mischt sich nun mit dem südlichen Temperament die alte Troubadouranschauung: Mistral gesteht nämlich der Frau dasselbe Recht auf Leidenschaft zu, wie dem Mann. Er billigt ihren Stolz auf körperliche Schönheit bis zu einem Punkt, wo nordische Sitte sich errötend verhüllen würde. Er liebt und bewundert die Frau bis in die Bosheit und Grausamkeit ihrer Liebe. Hiervon sind »Der Wasserträger« und »Prinzessin Clemenço« schlagende Beweise.

Mistral, der von Leidenschaft überquellende Sänger, hat aber auch die feinste Stimmung der Sehnsucht empfunden, das innigste Verschmelzen von Frauenliebe und Naturliebe. Er hat Verse von so keuschem Zauber geschrieben, von einer so still, wenn auch heiss brennenden Leidenschaft, von so bezauberndem Wohllaut, dass wir neben dem starken Geist auch den feinen, innigen in ihm bewundern müssen. Es ist der Provençale Mistral, der in den wenigen Versen von: »Die stille Glut« (das Gedicht gehört zu den »rêves«) ein Gefühl ausdrückt, wie ich es ähnlich nur in Heinrich Heine's »Du bist wie eine Blume« gefunden habe. Das Gedicht lautet in der Ursprache:

Lou dous e tèndre pensamen
Que deliciousamen te brulo,
Me brulo deliciousamen.
Coume sus l'oundo un bastimen,
Au vènt d'amour lou cor barrulo;
Mai dins la vido i'a 'n moumen
Ounte, mut, deliciousamen,
Davans la flour d'un sentimen
Coume l'encèns lou cor se brulo.

Mit etwas gutem Willen und bei der Kenntnis des Französischen, die Deutschland aufweist, dürfte dem Leser auch der Sinn von Worten nicht entgehen, deren Schönheit, Vollton und melodischen Fall nichts wiedergeben kann. Die deutsche Übertragung derselben rückt uns sofort um zehn Breitegrade weiter nördlich. Doch mag es immerhin auf einen Versuch ankommen, sei es auch nur, um zu zeigen, wie viel der verliert, welcher Mistral nicht provençalisch liest. Also etwa folgendes:

Was dir die Seele süss bewegt,
Bewegt sie mir.
Was dich zu stiller Glut erregt,
Teil' ich mit dir.
Braust erst der Leidenschaften Wind
Auf dies Gefühl –
Den Fluten, die entfesselt sind,
Wird es zum Spiel.
Doch wenn die Lieb' erst knospen will,
Kommt ein Moment,
Wo stumm wie Weihrauchglut und still
Das Herze brennt.

Doch das klingt auch trotz des besten Willens nicht halb so süss wie das Urgedicht. Allenfalls bekommt der Leser den Eindruck des keuschen Zögerns, der religiösen Scheu, wie vor etwas Heiligem, die ja das Original auch kennzeichnen. – Bei der Gelegenheit lässt sich Mistral's Verhältnis zur Religion und Kirche erörtern. Man kennt den Charakter der katholischen Kirche in romanischen Ländern, ihren sinnerregenden Kult, ihre Äusserlichkeit. Sie ist – so hat man oft gesagt – weit mehr die Rasseneigentümlichkeit eines lebensfrohen, halb heidnischen Stammes, als eine Schule der Moral, eine Stillung mystischer Gefühle, wie sie der Norden kennt und fordert. Von dieser Anschauung zurückzukommen, giebt Mistral uns keinen Anlass: zu der offiziellen Kirche hat er garkein Verhältnis. Was er dagegen von wirklicher Frömmigkeit besitzt, ist entweder kindlich naiv oder ungelehrt philosophisch. Im »Busspsalm« z. B. spricht er sich in ersterem Sinne aus. Das Gedicht, 1870 geschrieben, betrauert die Not des Vaterlandes und schlägt mit südlicher Leidenschaft die Götter der guten Tage in Stücke, den Stolz, den Fortschritt. Mistral glaubt vor dem Angesicht des zürnenden und eifrigen Gottes zu stehen, der dieses Kriegsunglück zur Strafe für die Sünden seiner allzufröhlichen Provençalen geschickt hat, der seinen Kindern zürnt; und nun verlegt Mistral sich mit einer köstlichen Naivetät auf das Bitten: »Lieber Herr, wir haben aus Vergesslichkeit gesündigt, doch ist es uns jetzt leid. Sieh', wir haben die Sünde ja nicht in die Welt gebracht; o schicke einen Friedensstrahl, hilf unserer Sache, und wir werden uns wieder aufrichten und dich lieben.« Wir wissen, so bitten und beten alle verzogenen Kinder, alle Lieblinge der Götter, und deren giebt es unter den Individuen wie unter den Völkern.

Ich sagte, dass bei Mistral die Frömmigkeit auch philosophisch wird, ich meine philosophisch nach Art der naiven Dichter, nach Goethe's Art. Es spricht sich dann bei Mistral ein ernster und gehaltener Sinn, ein tiefes Gemüt, ein Schicksalsgedanke, ein Lebensurteil, eine Menschenkenntnis in schlichten Worten, poetischen Bildern, kurzen, schlagenden Sätzen aus. Ihre Kürze und Schlichtheit wächst mit der Tiefe und Schärfe der vorangegangenen Erfahrung. Es sind Gedanken und Zeilen, die uns nicht wieder loslassen. Sie sind der wertvollste Teil von Mistral's Dichtung, denn sie sind die Kinder seiner eigensten und leidvollsten Erfahrung. Wer aufmerksam liest, wird diese goldenen Körner an ihrer Stelle auffinden. Ich möchte nur dasjenige Gedicht herausnehmen, welches Mistral's Lebenskampf zusammenfasst. Es heisst: »Lou Prègo-Dieù«, der Gottesbeter, oder wie der deutsche, naturgeschichtliche Ausdruck lautet: der Mantelanbeter (was eine mangelhafte Übersetzung des französischen »la mante religieuse« ist). Der Prègo-Dieù ist ein Insekt, eine Art Grille, die durch die Stellung ihrer Vorderfüsse den Schein erweckt, als bete sie fortwährend. Der Volksmund, ja sogar die lateinische Aufzeichnung hat sich des Prègo-Dieù bemächtigt und erzählt, dass, weil er immer betet, ihm Gott die Gabe verliehen habe, die Dinge zu erkennen und Irrende, wenn sie ihn fragen, auf den rechten Weg zu weisen. Mistrals Gedicht hat zwei Teile. Im ersten finden wir den Dichter an einem Sommernachmittag zwischen Schlaf und Wachen in den Stoppeln liegend; da sieht er auf einer stehengebliebenen Ähre den Prègo-Dieù, und aus seinen Liebesgedanken heraus fragt er: »O, schöner Prègo-Dieù, da du ja alles weisst, sag' mir, was thut mein Schatz?« Prègo-Dieù nimmt die profane Frage garnicht übel, schlägt nur ein wenig mit den Flügeln und beginnt dann mit hellem Stimmchen: »Dein Schatz sitzt unterm Kirschenbaum, aber sie kann nicht hinaufreichen, und da wünscht sie: Wär' doch mein Liebster hier!« An dies liebliche Bild des frohen Sommers schliesst sich im zweiten Gedicht die »Herbstmelancholie«. Zwischen beiden Gedichten liegt eine Zeit von achtzehn Jahren. »In diesem Herbst«, sagt der Dichter, »in irdische Gedanken versunken, verlor ich meinen Weg. Und sieh', da fand ich wieder in den Stoppeln den Prègo-Dieù. »O, schöner Prègo-Dieù, dieweil du immer betest, gab unser Herr dir die Allwissenheit; auch kannst du den Verirrten den Weg zeigen. Und sieh', ich bin solch' armes, verirrtes Kind, denn wenn wir Menschen grösser werden, wächst auch mit uns die Sünde. Sieh', zwischen Weizen und Unkraut, in Stolz und Furcht, in meiner Jugend grüner Hoffnung, da fühl' ich, schwankend, auch die Gefahr. Sieh', lieber Prègo-Dieù, ich liebe Luft und Freiheit und soll mich beschränken; das ist wie Gehen mit blossen Füssen durch Gestrüpp. Liebe ist Gott, und dennoch sündigt Liebe, und Leidenschaft, einmal befriedigt, ist dann aus. Und doch, vor ihrer Kraft verschwindet alles; das Tier in uns brüllt auf, geniesst, und unser Ideal zerfetzt es uns in tausend Stücke. Warum hat Erdenfreude soviel Dornen? Denn, Prègo-Dieù, man nennt es Sünde – aber diese Sünde lacht mir; warum ist Freude Sünde? O warum uns dürsten lassen und zur Stillung bittres Wasser reichen! Dies macht, dass ich leben will und sterben allzugleich. Und müde bin ich, Prègo-Dieù, sehr müde; kannst du mir den Weg nicht zeigen aus dem Wirrsal?« Da hob der Prègo-Dieù das magere Ärmchen auf zum Himmel, still, ernst und feierlich, wie betend. – In solchen Kämpfen lernen die reichen Naturen sich bändigen und jene Linie ziehen zwischen Recht und Unrecht, die ihre Lebensrichtung ausmacht und ihren Segen oder Unsegen in der Welt bestimmt. Mistral, der eine bürgerliche Laufbahn hinter sich hat – er hat Jura studiert, sich dann auf sein Gut zurückgezogen und sich von seiner stillen Besitzung aus zum Leiter der neuprovençalischen Bewegung gemacht – scheint ja den Weg gefunden zu haben. Doch ist das nur eine wohlwollende Hypothese, denn die wahre Biographie grosser Menschen wird nie geschrieben.

Es giebt auch einige Gedichte bei Mistral, in denen er vorwiegend Künstler ist, Gedichte, die in ihrer Vollendung an geschnittene Steine, an kleine Statuetten, an Miniaturen der Malerei erinnern. Überall dieselbe Feinheit der Form, Schönheit des Ausdrucks und Biegsamkeit der Sprache; Paradestücke ausgenommen, ist bei Mistral keine Phrase zu finden. Die reichen Klänge einer Sprache, die Reimfülle verleiten ihn nicht zu Spielerei oder Wortgeklingel. Entzückend sind durchweg die Kehrreime mit ihrer wechselnden Stimmung der Freude, der Trauer, des Sehnens, der Üppigkeit. Mit den alten Troubadours auf dem Gebiet der Form verglichen, ist Mistral allerdings ärmer, schlichter, ungesuchter. Sein Inhalt ist aber bedeutend reicher, sein Gefühl, besonders das der Liebe, weit persönlicher und frischer. Bei ihm wird glücklicherweise die bekannte Troubadourklage nicht wiederholt, dass z. B. die Liebe Herzen stiehlt und das Herz des Liebenden der Geliebten giebt, worauf dann grosse Verwunderung darüber folgt, dass zwei Herzen in einem Körper sein können, oder ein Herz zugleich an zwei Orten. Auch die banale Troubadourversicherung kommt nicht vor, dass der Sänger vor Liebe sterben werde, müsse – kurz, Mistral ist eine ganz neue, eigenartige Persönlichkeit, dazu das Kind eines ungewöhnlich reich begabten Volkes, und daher lohnt es, selbst um den Preis von etwas Mühe, mit ihm Bekanntschaft zu machen. Mistral's »Mireille«, die »Goldenen Inseln« und ein Band Prosa sind bei Lemerre in Paris herausgekommen. Die Ausgabe bringt neben dem provençalischen Text gleich die französische Übersetzung.

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