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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 32
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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29. Im Vortrab

Endlich waren alle Vorbereitungen beendet und unsere Nachfolger hier in Aba el Lissan in ihre Geschäfte und Pflichten eingeführt. Ich nahm Abschied. Joyce war eben aus Ägypten zu uns zurückgekehrt, und Faisal versprach, mit ihm und Marshall nach Azrak zu kommen, um dort spätestens am 12. September mit mir zusammenzutreffen. Das ganze Lager war in glücklicher Stimmung, als ich mich in ein Rolls-Lastauto setzte und nordwärts fuhr. War es auch schon der 4. September, so hoffte ich doch die Rualla unter Nuri Schaalan noch rechtzeitig für unsern Angriff auf Deráa zusammenzubringen.

Es war ein unaussprechliches Wohlgefühl, alle Nebel und Dünste des Lagers hinter sich zu haben. Während der Fahrt fanden wir: Winterton, Nasir und ich, uns in dankbarer Erleichterung vereint. Lord Winterton war unsere neueste Erwerbung, ein erfahrener Offizier aus Buxtons Kamelreiterkorps. Scherif Nasir, die Speerspitze des arabischen Heeres seit den Tagen bei Medina, war auserwählt worden, auch den letzten Zug des großen Spiels zu tun. Ihm gebührte die Ehre von Damaskus, wie ihm schon die Ehre von Medina, von Wedjh, von Akaba, von Tafileh und manchen Tagen harter Not zugefallen war.

Überall am Wege trafen wir auf kleine Kamelkolonnen: Truppen, Stämme, Nachschub, die langsam über die unendliche Ebene von Djefer nordwärts zogen. An diesem geschäftigen Leben (ein gutes Omen für unsern rechtzeitigen Aufmarsch in Azrak) brauste unser Wagen vorbei; mein trefflicher Green, der Lenker, brachte es einmal sogar auf siebenundsechzig Meilen in der Stunde. Der halberstickte Nasir auf dem Führersitz konnte seinen zahlreichen Freunden, die wir überholten, immer nur im Vorbeisausen zuwinken.

In Bair fanden wir die Beni Sakhr in heller Aufregung auf die Meldung hin, daß die Türken am Tage vorher plötzlich mit starken Kräften vom Hesa gegen Tafileh vorgestoßen wären. Mifleh glaubte, ich wäre übergeschnappt oder zu unzeitgemäßen Scherzen aufgelegt, als ich über diese Nachricht nur hell auflachte. Vier Tage vorher hätte dieser Vorstoß die Azrak-Expedition bedenklich aufgehalten. Nun aber waren wir unterwegs, mochte der Feind ruhig Aba el Lissan, Guweira, meinetwegen auch Akaba nehmen – gesegnete Mahlzeit! Unsere Schauergeschichte von dem großen Vormarsch auf Amman hatte ihm nicht schlecht Beine gemacht, und jetzt lief sich der Ahnungslose die Stiefelsohlen ab, um unsere Finte zu parieren. Jeder Mann, den sie nach Süden schickten, bedeutete für sie einen – nein, zehn Mann Verlust.

In Azrak fanden wir einige Diener Nuri Schaalans, ferner das Crossley-Lastauto mit einem Fliegeroffizier, einem Mechaniker und dem Zeltschuppen für die beiden Flugzeuge, die unsern Aufmarsch decken sollten. Unsere erste Nacht verbrachten wir auf ihrem Flugplatz und mußten dafür büßen. Bis Sonnenuntergang beschäftigte sich eine Kamelfliege – ein gepanzertes Insekt, das wie eine Hornisse sticht – mit unsern ungeschützten Körperteilen. Dann brachte die Abendkühle etwas Erleichterung, und das Jucken ließ nach – dafür schlug der Wind um, und drei Stunden lang fegte er dicke Wolken heißen, beißend salzigen Sandstaubs über uns hinweg. Wir legten uns flach auf den Boden und zogen Decken über die Köpfe, aber an Schlaf war nicht zu denken. Alle halben Stunden mußten wir den angewehten Sand von uns schütteln, um nicht darunter begraben zu werden. Gegen Mitternacht ebbte der Wind ab. Wir krochen aus unsern schwitzigen Nestern und freuten uns, nun die langersehnte Nachtruhe zu genießen – als mit lautem Gesumm eine Wolke von Moskitos über uns herfiel; mit ihnen kämpften wir, bis der Morgen anbrach.

Andern Tags verlegten wir daher das Lager auf die Höhe des Medjaberrückens, eine Meile westlich vom Wasser und hundert Fuß über den Salzsümpfen, allen Winden frei geöffnet. Wir holten erst ein wenig den versäumten Schlaf nach, richteten dann den Schuppen auf und gingen dann später in dem silbrigen Wasser baden. Wir entkleideten uns neben den kleinen Teichen, schimmernden Flächen, deren heller perlgrauer Untergrund den Himmel wie in Mondscheinglanz widerspiegelte. »Köstlich«, rief ich, sprang hinein und schwamm umher. »Aber warum tauchen Sie denn fortwährend unter Wasser?« fragte Winterton. Im nächsten Augenblick stach ihn eine Kamelfliege hinterwärts, jetzt verstand er und sprang mir nach. Wir schwammen umher und versuchten verzweifelt unsere Körper naß zu halten, um die grauen Schwärmer abzuwehren; aber sie waren so hungerwütig, daß sie auch das Wasser nicht scheuten; nach fünf Minuten kämpften wir uns heraus und wie der Blitz in unsere Kleider, aus zwanzig dieser dolchartigen Stiche blutend.

Nasir stand dabei und lachte uns aus. Später wanderten wir zum alten Kastell hinauf, um dort den Mittag zu verbringen. In Ali ibn el Husseins altem Eckturm, dem einzigen Dach weit und breit in der Wüste, war es kühl und friedevoll. Draußen strich der Wind mit einem starren Rasseln durch die Dattelpalmen: ungepflegte Bäume, denn in dieser nördlichen Gegend lohnte die Ernte ihrer rötlichen Früchte nicht, aber mit dicht und tief bezweigten Stämmen, die freundlichen Schatten spendeten. Unter ihnen saß Nasir ruhevoll auf seinem Teppich. Der Rauch seiner weggeworfenen Zigarette stieg kräuselnd in die warme Luft, zerfloß und verblaßte in den Sonnenflecken zwischen den Blättern. »Ich bin glücklich«, sagte er. Wir waren alle glücklich.

Am Nachmittag traf ein Panzerwagen zu unserem weiteren Schutz ein, wenn auch die Gefahr vom Feinde denkbar gering war. Drei Stämme deckten das Land zwischen uns und der Eisenbahn. In Deráa standen vom Gegner nur vierzig Berittene, in Amman nichts mehr: also hatten bis jetzt wenigstens die Türken noch keine Kunde von uns. Am Morgen des neunten flog ein feindliches Flugzeug über uns hin, schlug flüchtig einen Kreis und verschwand wieder, offenbar ohne uns zu sehen. Von der luftigen Höhe unseres Lagers aus konnten wir die Straßen nach Deráa und Amman weithin überblicken. Wir zwölf Engländer, samt Nasir und seinen Sklaven, faulenzten tagsüber, schweiften umher, badeten bei Sonnenuntergang, saßen auf der Höhe und betrachteten die Aussicht oder hingen unsern Gedanken nach. Nachts schliefen wir friedlich und sorglos, oder ich wenigstens tat es, im Vollgenuß der köstlichen Ruhepause zwischen den glücklich behobenen Widrigkeiten von Aba el Lissan und den Kämpfen des nächsten Monats.

Die Hauptquelle dieser heiteren Stimmung schien wohl aus mir selbst zu kommen, denn dieser Marsch auf Damaskus (und als solcher stellte er sich schon unserer Phantasie dar) hatte mein gewohntes Gleichgewicht erschüttert. Ich fühlte hinter mir das Vibrieren der gespannten Erregung des arabischen Volks. Die Frucht jahrelangen Predigens war dem Reifen, das Werk seiner Krönung nahe: eine geeinte Nation drängte mit Allgewalt seiner historischen Hauptstadt zu. In dem Vertrauen, daß diese Waffe, das erwachte arabische Volk – geformt durch mich – allein genügen würde, um das kühnste meiner Ziele zu verwirklichen, kamen mir meine englischen Gefährten kaum noch in den Sinn, die meinen Ideen fernstanden und hier nichts sahen als einen Krieg wie jeden andern. Ich unterließ es, sie zu Mitgläubigen meiner Zuversicht zu machen.

Lange danach erfuhr ich, daß Winterton jeden Morgen in der Dämmerung aufgestanden war und den ganzen Horizont sorgsam abgesucht hatte, damit wir nicht etwa dank meiner Sorglosigkeit Überraschungen erlebten; und in Umtaiye und Scheik-Saad hatten uns die Engländer tagelang schon als verloren aufgegeben. Tatsächlich wußte ich und habe es gewiß auch ausgesprochen, daß wir so sicher waren, wie man es im Kriege überhaupt nur sein kann. Ihr Stolz hielt sie zurück, auch nur den geringsten Zweifel an meinen Plänen zu verraten.

Diese Pläne waren erstens eine Scheinbedrohung von Amman und zweitens, im Ernst, die Zerstörung der Eisenbahnlinien im Knotenpunkt von Deráa. Weiter gedachte ich zunächst kaum zu gehen, denn ich hielt mir grundsätzlich bei der Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten die ferneren Ziele offen.

Durch unsere Besetzung von Azrak war die erste Hälfte des Plans, Scheinbedrohung von Amman, bereits durchgeführt. Wir hatten an tausend Goldsovereigns an die Beni Sakhr gesandt, um alle Gerste von ihren Tennen aufzukaufen, die wir in etwa vierzehn Tagen für unsere Tiere und die englischen Verbündeten anfordern würden, hatten sie aber gebeten, nichts davon verlauten zu lassen. Djiab von Tafileh – dieser geschwätzige Bauerntölpel – hatte natürlich, ganz unserem Wunsch gemäß, die Nachricht schleunigst durch ganz Kerak verbreitet.

Gleichzeitig rief Faisal die Zebn in Bair zum Kriegsdienst auf, und Hornby, der jetzt (vielleicht etwas verfrüht) arabische Kleidung trug, bereitete einen größeren Vorstoß gegen Madeba vor. Seine Absicht war, etwa am 19., wenn er die Nachricht von Allenbys Vorgehen bekam, zu marschieren. Er hoffte, bei Jericho mit den Engländern in Fühlung zu kommen, so daß, falls unser Unternehmen gegen Deráa scheiterte, wir uns zurückziehen und seinen Vorstoß verstärken konnten, was dann nicht mehr nur ein Scheinangriff, sondern der alte zweite Pfeil in unserm Köcher gewesen wäre. Jedoch machten hier die Türken mit ihrem Vormarsch auf Tafileh einen Strich durch die Rechnung, und Hornby mußte Schobeck gegen sie verteidigen.

Was nun den zweiten Teil unsers Plans betraf, das Deráa-Unternehmen, so mußte hier ein wirklicher Angriff eingeleitet werden. Als Vorspiel dazu beschlossen wir, die Bahn nahe Amman zu unterbrechen, wodurch eine etwaige Verstärkung Deráas von Amman her verhindert und zugleich der Feind in der Überzeugung bestärkt wurde, daß unser Scheinmanöver ernst gemeint sei. Es schien mir am besten, zu diesem Vorspiel die Ghurkas zu verwenden (mit ägyptischen Pionieren zur Ausführung der Zerstörung), denn durch ihre Entsendung wurde die Hauptabteilung nicht von ihrem Hauptziel abgelenkt.

Dieses Hauptziel bestand darin, die Eisenbahnen im Hauran zu unterbrechen und ihre Wiederherstellung mindestens für eine Woche zu verhindern. Dazu standen drei Wege offen. Erstens konnte man nördlich von Deráa bis zur Damaskusbahn vorstoßen, wie auf meinem Ritt mit Tallal im letzten Winter, und die Linie zerstören, um dann zur Yarmukbahn hinüberzuwechseln. Zweitens konnte man südlich von Deráa direkt auf den Yarmuk losmarschieren, wie mit Ali ibn Hussein im November 1917. Die dritte Möglichkeit war ein unmittelbarer Angriff auf die Stadt Deráa.

Dieser dritte Weg konnte nur dann eingeschlagen werden, wenn uns die Luftstreitkräfte zusichern konnten, die Station Deráa so nachdrücklich mit schweren Bomben zu belegen, daß es einer Artilleriebeschießung gleichkam, wodurch wir dann mit unsern wenigen Kräften einen Sturm wagen konnten. Salmond hoffte dazu imstande zu sein; doch hing das davon ab, wieviel schwere Maschinen ihm zugewiesen oder rechtzeitig eintreffen würden. Dawnay wollte am 11. September mit dem endgültigen Bescheid zu uns herüberfliegen. Bis dahin hielten wir uns alle drei Möglichkeiten offen.

Von den Nachschubkolonnen traf meine Leibgarde als erste ein und kam am 9. September von Wadi Sirhan daherstolziert, strahlend, fetter als ihre fetten Kamele, ausgeruht und beglückt von ihrem Festmonat bei den Rualla. Sie berichteten, daß Nuri Schaalan nahezu bereit und entschlossen wäre, zu uns zu stoßen.

Am 10. kamen die beiden Flugzeuge von Akaba. Murphy und Junor, die beiden Piloten, richteten sich auf dem von Kamelfliegen heimgesuchten Platz häuslich ein, die förmliche Freudentänze aufführten angesichts dieser saftigen Saugobjekte. Am 11. traf der zweite Panzerwagen ein, dann auch Joyce mit Stirling, aber ohne Faisal. Marshall hatte darauf bestanden, ihn am nächsten Tag selbst herzubegleiten, und wenn Marshall, diese brave Seele mit der immer guten Laune, eine Sache in die Hand nahm, ging sie sicher gut. Young, Peake, Scott-Higgins und die Gepäckkolonnen trafen ein. Azrak bevölkerte sich immer mehr, und um seine Teiche hallte es laut vom Gelärm und Geplantsch schlankkräftiger brauner, kupferroter und weißer Körper im durchsichtig klaren Wasser.

Am 11. kam das Flugzeug aus Palästina an. Leider war Dawnay wieder krank geworden, und der ihn vertretende Stabsoffizier, neu im Lande, hatte unter der rauhen Kälte oben in der Luft schwer gelitten.

So kam es, daß er seine wichtigste Nachricht vergaß. Am 6. September nämlich hatte Allenby in einem plötzlichen Einfall zu Bartholomew gesagt: »Was sollen wir uns erst um Messudieh plagen? Lassen Sie die gesamte Kavallerie direkt auf Afuleh und Nazareth vorgehen.« So war der ganze Plan umgeworfen worden, und statt gegen ein bestimmtes, fest umgrenztes Objekt stieß der Angriff jetzt weit ins Unbestimmte vor. Davon erfuhren wir also kein Wort. Aber durch ein Kreuzverhör der Piloten, die Salmond informiert hatte, bekamen wir ein klares Bild von dem Bestand an Bombenflugzeugen. Er blieb hinter dem Minimum dessen zurück, was wir für Deráa brauchten. Wir entschlossen uns daher, die Stadt nördlich zu umgehen, um sicher die Bahn nach Damaskus zu zerstören, und die Flieger sollten währenddessen die Stadt nur zur Ablenkung mit einigen Bomben belegen.

Am nächsten Tage traf Faisal ein; und mit ihm Nuri Said, aus dem Ei gepellt wie stets, Jemil der Artillerist, Pisani mit seinen Algeriern und unsere ganze Truppenmacht. Jedenfalls etwas mehr als Allenbys »drei Mann und 'n Junge«. Die grauen Fliegen hatten nun Tausende von Kamelen, um sich zu mästen, und angesichts dieser reichen Mahlzeit gaben sie Junor und seinen halbausgesogenen Mechaniker auf.

Am gleichen Nachmittag erschien Nuri Schaalan, mit Trad und Khalid, Faris, Durzi und den Khaffadji. Auch Auda abu Tayi kam, mit Mohammed el Dheilan; ebenso Fahad und Adhub, die Führer der Zebn, mit Ibn Bani, dem Oberhaupt der Serahin, und Ibn Gendj von den Serdiyeh. Madjid ibn Sultan, von den Adwan bei Salt, kam herübergeritten, um zu hören, was Wahres sei an unserm Angriff auf Amman. Später am Abend ertönten von Norden her knatternde Flintenschüsse, und Tallal el Hareidhin, mein alter Weggenosse, kam rauschend angaloppiert, gefolgt von vierzig bis fünfzig berittenen Hauran-Bauern. Sein lebenslustiges Gesicht strahlte vor Freude über unsere lang erhoffte Ankunft. Drusen und städtische Syrier, Isawiyeh und Hawarneh ließen unsere Schar noch weiter anschwellen. Auch die Gerstenvorräte, bestimmt für unsern Rückmarsch, falls das Unternehmen mißlang (eine Möglichkeit, an die kaum jemand dachte), trafen nach und nach ein. Alles war gesund und wohlgemut.

Ausgenommen ich selbst. Das Menschengewimmel hatte mir die Freude an Azrak vergällt; und ich ging fort, das Tal hinunter zum einsamen Ain el Essad, und lag ganze Tage lang in meinem alten Versteck unter den Tamariskenbäumen, wo der Wind in den staubig grünen Zweigen rauschte wie in den Bäumen Englands. Er raunte mir zu, wie sterbensmüde ich dieser Araber sei, dieser hochgezüchteten Semiten, in deren Wesen Höhen und Tiefen lagen, unerreichbar für unsere Fassungskraft, wenn auch nicht verborgen unserm Blick. Sie waren gewissermaßen die Verkörperung des Absoluten in uns Menschen mit ihrer schrankenlosen ungehemmten Fähigkeit sowohl zum Guten wie zum Bösen. Und zwei Jahre lang hatte ich, nur um sie auszunutzen, fälschlich ihren Gefährten gespielt.

Joyce übernahm inzwischen Pflicht und Verantwortung, die ich in meinem Einsamkeitsbedürfnis vernachlässigte. Auf seinen Befehl wurden Peake mit dem ägyptischen Kamelreiterkorps, jetzt nur noch eine Pionierabteilung, und Scott-Higgins mit seinen Ghurkas, nebst zwei Panzerautos als Sicherung, in Marsch gesetzt, um die Bahn bei Ifdein nördlich Amman zu unterbrechen.

Zu diesem Zweck sollte Scott-Higgins mit seinen flinken Indern – das heißt: flink zu Fuß, auf den Kamelen hingen sie wie nasse Säcke – nach Dunkelwerden ein Blockhaus stürmen. Dann sollte Peake die Nacht durch die Zerstörungen ausführen. Die Panzerautos sollten dann am Morgen ihren Rückzug nach der großen Ebene hin decken, über die wir, die Hauptarmee, nordwärts von Azrak nach Umtaiye marschieren wollten, einer großen Regenwassersenke fünfzehn Meilen unterhalb Deráa und unserm Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen. Wir gaben ihnen einige Rualla als Führer mit und sahen sie hoffnungsvoll abziehen zu diesem ersten wichtigen Vorspiel.

Bei Morgengrauen brach auch die Hauptkolonne auf. Tausend davon gehörten zum Kontingent von Aba el Lissan, dreihundert waren Nuri Schaalans Nomaden zu Pferd. Er hatte auch zweitausend Rualla-Kamelreiter zur Verfügung, und wir baten ihn, diese vorläufig im Wadi Sirhan zusammenzuhalten. Es wäre unklug gewesen, vor dem entscheidenden Tage eine so große Zahl unruhiger Beduinen auf die Dörfer im Hauran loszulassen. Die Nomaden zu Pferde dagegen waren Scheikhs oder Diener von Scheikhs, Männer von Wert und Selbstbeherrschung.

Besprechungen mit Nuri und Faisal hielten mich den ganzen Tag über noch in Azrak fest. Doch Joyce hatte mir ein Lastauto zurückgelassen, mit dem ich am nächsten Morgen die Armee einholte. Ich fand sie bei der Frühstücksrast im grasbewachsenen Hügelland von Giaan el Khuma. Die Kamele, froh, dem engen, abgegrasten Bezirk von Azrak entronnen zu sein, stopften sich hastig ihre Mägen voll mit dem saftigen Futter.

Joyce hatte schlechte Nachrichten. Peake war mit seiner Truppe zurückgekommen und hatte die Bahn gar nicht erreicht, infolge von Zusammenstößen mit arabischen Lagern ganz in der Nähe der vorgesehenen Sprengstelle. Wir hatten auf die Unterbrechung der Ammanlinie den größten Wert gelegt, und dieses Mißlingen war für uns eine arge Enttäuschung. Ich nahm eine Packung Schießbaumwolle, bestieg mein Kamel und ritt der Truppe voraus. Diese selbst machte einen Umweg, um die zerklüfteten Lavarücken zu vermeiden, die westwärts zur Eisenbahn abfielen. Aber wir, meine Ageyli und andere gut Berittene, kletterten geradeswegs einen steilen Schleichpfad zur offenen Ebene hinab bei den Ruinen von Um el Djemal.

Diese Reste römischer Grenzstädte – Um el Djemal, Um el Surab, Umtaiye – verrieten, zumal in diesem Teil der Erde, der damals wie jetzt nichts als ein Wüstenwinkel war, noch immer etwas von dem Geist blinder, nicht anpassungsfähiger Herrschsucht. Gewalttätig und frech schaute dieses Um el Djemal drein.

Jenseits der Ebene lag die Ammanbahn vor mir in einer geradezu beleidigenden Unberührtheit. Und ich war so vertieft in den Anblick der Ruinen und in meine Überlegungen, auf welche Weise die Bahn am raschesten und sichersten unterbrochen werden könnte, daß mir ein Luftkampf ganz entging zwischen Murphy in unserm Bristolkampfflugzeug und einem feindlichen Doppeldecker. Der Bristol war arg durchlöchert, ehe der Türke schließlich brennend abstürzte. Unsere ganze Armee schaute begeistert zu; Murphy aber fand den Schaden an seinem Flugzeug zu erheblich für unsere geringen Hilfsmittel in Azrak und flog daher zur Ausbesserung nach Palästina. Von unsern geringen Luftstreitkräften blieb uns infolgedessen nur B.E. 12, ein so veralteter Typ, daß er für den Kampf überhaupt nicht und für Aufklärungszwecke nur wenig brauchbar war. Aber wir freuten uns doch mit der ganzen Truppe über den Sieg unseres Fliegers.

Umtaiye erreichten wir kurz vor Sonnenuntergang. Die Truppe war noch fünf bis sechs Meilen zurück; und sobald unsere Tiere getränkt waren, machten wir uns zur Bahnlinie auf, vier Meilen hangabwärts nach Westen zu, in der Absicht, eine flüchtige Zerstörung zu versuchen. Dank der Dunkelheit kamen wir ungesehen bis dicht heran; gerade vor uns lagen zwei feste Brücken, und zu unserer Freude stellten wir fest, daß der Boden bis an die Bahn heran für Panzerautos fahrbar war.

Diese beiden Umstände bewogen mich, am nächsten Morgen mit Panzerautos und einer größeren Ladung Schießbaumwolle wieder hierher zurückzukehren, um die größere, vierbogige Brücke zu sprengen. Durch ihre Zerstörung, die den Türken viele Tage harter Arbeit kosten mußte, waren wir vor etwaigen Überraschungen von Amman her während der ganzen Zeit unseres ersten Vorstoßes gegen Deráa vollkommen gesichert. Damit wäre Peakes fehlgeschlagene Unternehmung ihrer beabsichtigten Wirkung nach voll ausgeglichen. Froh über diese Entdeckung ritten wir zurück und suchten in der zunehmenden Dunkelheit den Boden ab, um den besten Weg für die Wagen zu erkunden.

Als wir den letzten Höhenrücken erklommen, einen hohen und gleichmäßigen Kamm, der Umtaiye vollkommen gegen Sicht von der Eisenbahn und ihren etwaigen Wachposten deckte, blies uns der frische Nordost den warmen Dunst und Staub von zehntausend Füßen ins Gesicht; und die römischen Ruinen oben auf dem Kamm erschienen uns so seltsam anders als noch vor drei Stunden, daß wir verblüfft anhielten. Der ganze sanft gebuchtete Grund prangte wie in Festbeleuchtung mit langen Reihen kleiner abendlicher Feuer, deren eben erst entzündete Flammen noch in den Rauch flackerten und leckten – rings um sie geschart die Gruppen dunkler Gestalten, geschäftig mit der Zubereitung von Brot oder Kaffee, während andere wiederum die dumpf brüllenden Kamele hin und her zur Tränke führten.

Am Morgen, als die Mannschaft beim Morgenimbiß lagerte und sich die vom kalten Tau der Frühe erstarrten Glieder wärmte, beriefen wir die arabischen Führer zusammen und sprachen mit ihnen von dem geplanten Panzerwagenüberfall auf die Eisenbahn. Es wurde beschlossen, daß zwei Wagen zur Brücke hinabfahren und sie angreifen sollten, indes die Hauptarmee ihren Marsch auf Teil Arar an der Damaskusbahn, vier Meilen nördlich von Deráa, fortsetzte. In der Dämmerung des morgigen Tages, des 17. September, sollte sie dort Posten fassen und die Bahnlinie besetzen; noch vor diesem Zeitpunkt würden wir mit den Panzerautos die Brücke erledigt und sie wieder eingeholt haben.

Um zwei Uhr nachmittags, als wir der Eisenbahn zufuhren, sahen wir oben in der Luft den surrenden Schwarm unserer Bombenflieger, die zum Überfall auf Deráa flogen. Der Ort war bis dahin mit Vorbedacht von Luftangriffen verschont geblieben, daher war die Wirkung auf die überraschte und dagegen nicht gewappnete Garnison außerordentlich schwer. Die Moral der Leute litt ebenso stark wie der Eisenbahnverkehr; und bis dann später unser Vorstoß von Norden her sie überraschte, war die Garnison ausschließlich damit beschäftigt, bombensichere Fliegerdeckungen herzustellen.

Die beiden Panzerwagen nebst zwei Lastautos schlängelten sich etwas mühsam zwischen Blöcken und Steinfeldern und über weiche Grasflächen dahin, kamen aber sämtlich wohlbehalten hinter den letzten kleinen Höhenrücken just gegenüber unserm Ziel. Am südlichen Aufgang zur Brücke lag ein steinernes Blockhaus.

Wir beschlossen, die Lastautos hier in Deckung zurückzulassen. Ich bestieg mit hundertfünfzig Pfund Schießbaumwolle, zündungsfertig, den einen Panzerwagen in der Absicht, mit diesem das Tal hinab bis zur Brücke zu fahren und, wenn ich dann durch die Brückenbogen gegen das Feuer des Postens im Blockhaus gedeckt war, die Ladung anzulegen und in Brand zu stecken. Inzwischen sollte das zweite Panzerauto auf kurze Schußweite das Blockhaus unter Feuer nehmen und es so lange beschäftigen, bis ich mit allem fertig war.

Die beiden Wagen fuhren gleichzeitig los. Als die Besatzung der kleinen Schanze am Blockhaus, sieben oder acht Türken, uns kommen sah, gingen sie – entweder infolge eines Mißverständnisses oder einer Panik, oder auch aus einem geradezu übernatürlichen Mut – aus dem Graben heraus und in Schützenlinie gegen uns vor.

In wenigen Minuten trat der zweite Panzerwagen gegen sie in Tätigkeit, indes vier weitere Türken seitlich der Brücke erschienen und auf uns schossen. Unsere Maschinengewehrschützen richteten und gaben dann eine kurze Feuergarbe ab. Ein Mann fiel, ein zweiter wurde verwundet, der Rest lief ein Stück zurück, besann sich dann aber eines Besseren und kehrte, freundschaftliche Zeichen machend, wieder um. Wir nahmen ihnen die Gewehre ab und sandten sie das Tal hinauf zu den Lastwagen, deren Führer uns von der Höhe aus scharf überwachten. Kurz darauf ergab sich das Blockhaus. Wir waren sehr zufrieden, die Brücke und ihren Bahnabschnitt innerhalb fünf Minuten ohne Verluste in Besitz genommen zu haben.

Joyce kam im zweiten Lastauto mit noch mehr Schießbaumwolle heran, und in aller Eile wurden die Ladungen über die ganze Brücke verteilt. Es war ein hübsches kleines Bauwerk, geziert mit einer schimmernd weißen Marmorplatte, die den Namen und die Hoheitstitel Sultan Abdul Hamids trug. In den Abzugslöchern des Oberbaus wurden im Zickzack sechs kleine Ladungen eingebaut; und durch ihre Explosion wurden die Brückenbogen kunstgerecht angesplittert. Es war ein schönes Beispiel von Zerstörungen der feinsten Art: das Gerüst der Brücke blieb intakt, hatte aber keine Widerlager mehr, so daß es stark schwankte; und der Feind mußte erst das ganze Werk abbrechen, ehe er an den Wiederaufbau denken konnte.

Als alles fertig war, gaben uns nahende feindliche Patrouillen anständige Entschuldigung, schleunigst Reißaus zu nehmen. Die wenigen Gefangenen, wertvoll für uns zur Erlangung von Nachrichten, wurden auf die Lastautos gesetzt, und wir ratterten los. In unserer Freude aber waren wir allzu unbedacht darauf losgerattert; und beim ersten Wasserlauf gab es einen Krach unter meinem Wagen. Eine Seite des Wagenkastens senkte sich nach unten und legte sich auf den Reifen des Hinterrads: wir saßen fest.

Eine der hinteren Federn war nahe am Gelenk glatt durchgebrochen, die Reparatur konnte nur in einer Werkstatt vorgenommen werden. Wir standen und blickten voller Verzweiflung; wir waren nur dreihundert Yard von der Eisenbahn entfernt, der Feind konnte in zehn Minuten heran sein, und dann mußten wir den Wagen im Stich lassen.

Rolls, der Führer, unser erfahrenster und nie um Aushilfe verlegener Mechaniker, dessen Geschick und Rat unsere Wagen stets in bester Fahrbereitschaft gehalten hatte, war über den Unfall den Tränen nahe. Wir alle, Offiziere und Mannschaften, Engländer, Araber, Türken, standen dichtgedrängt um ihn herum und blickten ihm voll ängstlicher Spannung ins Gesicht. Als er erfaßte, daß er, der Zivilist, in dieser Notlage zu befehlen habe, schienen sich sogar die Bartstoppeln an seinem Kinn in düsterer Entschlossenheit zu sträuben. Nach genauer Untersuchung erklärte er, daß es gerade noch eine Möglichkeit gäbe. Man konnte das herabgefallene Ende der Feder hochwinden und es durch Balken auf dem Chassisrahmen ungefähr in seiner alten Lage verkeilen. Mit Hilfe von festangezogenen Stricken konnte die stählerne Eckschiene das vermehrte Gewicht vielleicht zur Not tragen.

Auf jedem unserer Wagen führten wir eine Lage Planken mit, die, im Fall der Wagen im tiefen Sand oder Morast steckenblieb, unter die Doppelbereifung geschoben wurden. Drei solcher Hölzer mochten wohl die benötigte Höhe ergeben. Sägen hatten wir nicht, also wurde die Planke an der gewünschten Stelle hin und her so lange mit Kugeln beschossen, bis sie durchgebrochen werden konnte. Die Türken hörten das Schießen und hielten sich wohlweislich fern. Auch Joyce hörte uns und kam zurück, um uns zu helfen. Die Lasten wurden in seinen Wagen geladen, dann die Feder und das Chassis hochgewunden und die hölzernen Blöcke festgebunden; dann wurde der Wagen heruntergelassen (die Versteifung trug herrlich), angekurbelt und losgefahren. Rolls fuhr mit größter Langsamkeit über jeden Stein oder Graben, während wir andern samt den Gefangenen mit Ermunterungsrufen nebenher oder vorneweg liefen und die Bahn freimachten.

Im Lager wurden die Balken neuerdings mit erobertem Telegraphendraht versteift und mit Chassis und Feder fest zusammengebunden, bis es denkbar sicher aussah, und dann die Lasten wieder aufgeladen. Die Eckschiene erwies sich als so widerstandsfähig, daß der Wagen die ganzen nächsten Wochen seine gewöhnliche Arbeit tat und schließlich noch mit in Damaskus einzog.

Das Ausbessern des Wagens hielt uns mehrere Stunden auf, und wir übernachteten in Umtaiye. Brachen wir früh genug auf, so konnten wir morgen rechtzeitig Nuri Said an der Damaskuslinie treffen und ihm berichten, daß die Ammanlinie durch den Verlust einer ihrer Hauptbrücken mindestens für eine Woche lahmgelegt war. Deráa konnte so nicht verstärkt werden und wir waren vor ihm sicher. Sogar dem armen Zeid unten in Aba el Lissan war dadurch geholfen worden, denn die schon in Tafileh versammelten türkischen Kräfte mußten den Angriff aufschieben, bis ihre rückwärtigen Verbindungen wieder offen waren. Unser letzter Feldzug ließ sich recht verheißungsvoll an.

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