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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 30
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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27. Vorbereitungen

Zur Verstärkung unseres Stabes traf aus Mesopotamien ein neuer Offizier bei uns ein mit Namen Young, ein Berufssoldat von außergewöhnlichen Fähigkeiten, der fließend Arabisch sprach und eine lange und vielfältige Kriegserfahrung besaß. Seine Tätigkeit sollte hauptsächlich darin bestehen, mich bei den Stämmen zu unterstützen, um so ihre Mitwirkung auf eine breitere und noch besser fundierte Basis zu stellen. Um ihm Gelegenheit zu geben, sich in unsere andersgearteten Verhältnisse einzuarbeiten, übertrug ich ihm die Aufgabe, in Zusammenarbeit mit Zeid, Nasir und Mirzuk eine achtzig Meilen lange Bahnstrecke nördlich von Maan zu unterbrechen. Ich selbst ging währenddessen nach Akaba und nahm ein Schiff nach Suez, um mich mit Allenby über seine weiteren Absichten zu besprechen.

Ich traf mit Dawnay zusammen, und wir verabredeten vorher alles Erforderliche, ehe wir uns zu Allenbys Truppen aufmachten. Dort angekommen, empfing uns General Bols mit zufriedenem Lächeln und sagte: »Nun, Salt werden wir bald wieder haben.« Zu unserem maßlosen Staunen erzählte er weiter, daß die Häuptlinge der Beni Sakhr eines Morgens nach Jericho gekommen wären und die sofortige Mitwirkung ihrer bei Themed stehenden zwanzigtausend Stammesbrüder angeboten hätten. Tags darauf hatte Bols im Bade einen Plan ausgearbeitet und alles abgemacht.

Ich fragte, wer denn der Führer der Beni Sakhr wäre. »Fahad«, antwortete Bols triumphierend über seinen so glanzvollen Eingriff in mein Bereich. Das wurde ja immer schlimmer. Ich wußte, daß Fahad keine ganzen vierhundert Mann aufbringen konnte und daß zur Zeit in Themed keine Zeltspitze existierte; sie waren mit Fahad südwärts gegen Maan gezogen.

Eilig rief ich das Hauptquartier an und erfuhr leider, daß alles so war, wie Bols gesagt hatte. Die englische Kavallerie war Hals über Kopf in die Berge von Moab vorgerückt, lediglich auf die vagen Versprechungen einiger Zebn Scheikhs hin, habgieriger Burschen, die nach Jerusalem gekommen waren in der Hoffnung, den Engländern Geld aus der Tasche zu ziehen, und deren Großmäuligkeit man für ernst genommen hatte.

Natürlich mißglückte dieser Vorstoß gänzlich, während ich noch in Jerusalem war und mich über General Bols' Unzulänglichkeit mit Storrs tröstete, der jetzt (gewandt und verständnisvoll) Gouverneur des Platzes war. Was von den Beni Sakhr da war, blieb müßig in den Zelten, die andern waren unterwegs zu Young. General Chauvel, der Kavalleriekommandeur, ohne jede Hilfe auch nur eines dieser Stammesbrüder, bemerkte, wie die Türken bereits die Jordanfähren in seinem Rücken in Betrieb setzten, um ihn auf dem Weg, den er gekommen war, abzuschneiden. Wir entgingen einem schweren Unheil nur dank Allenbys sicherem Blick für jede Situation, der ihn die drohende Gefahr noch eben rechtzeitig erkennen ließ. Aber wir hatten ernste Verluste.

Die arabische Bewegung, eine einfache klare Sache, solange sie nur auf eigene Faust mit dem Feind zu tun hatte, war nun gebunden an das Waffenglück ihres großen Mitspielers. Wir mußten uns nach Allenby richten, und es stand nicht gut um ihn. Die deutsche Offensive in Frankreich hatte ihm einen großen Teil seiner Truppen entzogen. Er hielt zwar Jerusalem, konnte aber auf Monate hinaus nicht das geringste, geschweige denn einen ernsten Angriff unternehmen. Das Kriegsamt versprach ihm indische Divisionen aus Mesopotamien und indische Stammformationen. Mit diesen begann er seine Armee nach indischem Muster neu aufzubauen, um dann vielleicht im Herbst wieder aktionsbereit zu sein. Für die nächste Zeit blieb uns jedenfalls nichts anderes übrig, als stillzusitzen.

Beim Tee erwähnte Allenby die Kaiserliche Kamelreiterbrigade in Sinai, die er leider wegen Mannschaftsmangel auflösen müsse, um die Leute in seine Kavallerie einzustellen. Ich fragte: »Was gedenken Sie mit den Kamelen dieser Brigade zu tun?« Er lachte und sagte: »Fragen Sie ›OQ‹!«

Gehorsam ging ich durch den staubigen Garten, drang beim Oberquartiermeister General Sir Walter Campbell – einem echten Schotten – ein und wiederholte meine Frage. Er antwortete sehr bestimmt, daß diese Kamele als Transportkolonne für die zweite der neueintreffenden indischen Divisionen vorgemerkt wären. Ich sagte, daß ich mir zweitausend von diesen Kamelen ausbäte. Seine erste Antwort war nichtssagend; die zweite gab mir zu verstehen, ich könne »ausbitten«, bis ich schwarz würde. Ich führte meine Beweggründe ins Feld, aber er schien außerstande, sich in meine Auffassung zu versetzen. Natürlich, es gehörte zum Wesen eines »OQ«, hartleibig zu sein.

Ich kehrte zu Allenby zurück und sagte laut vor allen Anwesenden, daß zweitausendzweihundert Reitkamele und dreizehnhundert Lastkamele zur Verfügung ständen. Sie sollten sämtlich zu Transporten verwendet werden, aber Reitkamele wären doch nun einmal Reitkamele. Im Stab erhob sich ein Flüstern, und alle schauten weise drein, als hätten auch sie ihre gewichtigen Zweifel, ob Reitkamele zum Gepäcktransport verwendet werden könnten. Sich auf die Sachkunde des Menschen zu berufen, auch wenn's in Wahrheit damit nicht stimmt, ist immer ein probates Mittel. Ein jeder britische Offizier ist Kenner in puncto Tiere, das ist Ehrensache. So war ich nicht weiter erstaunt, als General Campbell gebeten wurde, heute bei dem Oberkommandierenden zu speisen.

Sir Walter Campbell und ich saßen rechts und links von Allenby, und dieser begann bei der Suppe von Kamelen zu sprechen. Sir Walter eiferte los, daß die vorgesehene Verteilung der Kamele der Sinai-Brigade die Transportkolonnen der –ten Division auf ihre etatmäßige Stärke brächte, ein seltener Glücksfall, denn der ganze Orient wäre schon vergeblich nach Kamelen durchsucht worden. Das war starke Übertreibung. Allenby, ein eifriger Leser Miltons, hatte einen sehr ausgeprägten Sinn für Maß, und das Argument Sir Campbells war kein glückliches, denn »etatmäßige Stärke«, das Steckenpferd aller Verwaltungsstellen, kümmerte Allenby wenig.

Er sah mich blinzelnd an und fragte: »Und wofür brauchten Sie diese Kamele?« Ich erwiderte kühn: »Um tausend Mann nach Deráa zu werfen an dem Tage, an dem Sie es wünschen.« Er lächelte, wandte sich dann, betrübt den Kopf schüttelnd, an Sir Walter Campbell und sagte: »OQ, Sie verlieren.« Sir Campbell schaute einigermaßen belämmert drein, und ich war wie beschwipst vor Vergnügen. Das war eine großartige, eine königliche Gabe; eine Gabe, die unbegrenzte Bewegungsfreiheit bedeutete.

Am nächsten Tage war ich schon unterwegs und traf Faisal in seinem Horst in den kühlen Bergen von Aba el Lissan. Wir unterhielten uns des langen und breiten über Familiengeschichten, Stämme, Wanderzüge, Frühjahrsregen, Weiden und dergleichen. Schließlich erwähnte ich so nebenbei, daß Allenby uns zweitausend Reitkamele zur Verfügung gestellt hätte. Faisal blieb der Mund offenstehen, und er faßte mich ans Knie. »Wie?« fragte er. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er sprang auf und umarmte mich. Dann klatschte er in die Hände. Hedjris' schwarzes Gesicht erschien in der Zelttür. »Schnell«, rief Faisal, »rufe sie!« Hedjris fragte: »Wen?« »Nun, Fahad, Abdulla el Feir, Auda, Motlog, Zaal . . .« »Und Mirzuk nicht?« fragte Hedjris sanft. Faisal schalt ihn einen Esel, und der Schwarze eilte davon. Indessen sagte ich: »Nun ist unser Werk nahezu vollendet. Bald kannst du mich ziehen lassen.« Davon wollte er nichts wissen und sagte, daß ich bei ihm bleiben müsse, immer, und nicht nur bis Damaskus, wie ich's in Um Ledjj versprochen hätte. Ich, der ich so dringend zu gehen wünschte!

Schritte tappten vor dem Zelteingang und hielten inne: die Oberhäupter setzten eine würdige Miene auf für den Empfang und rückten ihre Kopftücher zurecht. Dann kam einer nach dem andern hereingeschritten und setzte sich gelassen auf den Teppich; und jeder sprach gleichmütig den üblichen Gruß: »So Gott will, gesund?« Jedem antwortete Faisal: »Ehre sei Gott.« Und sie blickten verwundert auf Faisals freudeleuchtende Augen.

Als der letzte hereingerauscht war, eröffnete ihnen Faisal, daß Gott ihnen die Werkzeuge des Sieges gesendet hätte – zweitausend Reitkamele. Nun ginge der Krieg ungehemmt seinem triumphierenden Ende entgegen: der Freiheit. Sie murmelten voller Erstaunen und gaben sich, als Große Arabiens, alle Mühe, gelassen zu erscheinen. Sie äugten nach mir hin, um meinen Anteil an dem Ereignis zu erforschen. Ich sagte: »Die Großmut Allenbys . . .« Zaal fiel rasch im Namen aller ein: »Gott erhalte sein Leben und deins.« Ich fuhr fort: ». . . hat uns den Sieg in die Hand gegeben.« Ich stand auf mit einem »Mit deiner Erlaubnis« zu Faisal und schlüpfte hinaus, um es Joyce mitzuteilen. Hinter mir brachen sie aus in wilde Worte über ihre noch wilderen Taten: kindlich, vielleicht, doch das wäre ein kläglicher Krieg, in dem nicht jeder die Überzeugung hätte, daß er der Sieger sein wird.

Auch Joyce war erfreut und gnädig gestimmt durch die Aussicht auf die zweitausend Kamele. Wir sprachen von den Taten, zu denen wir sie brauchen würden, von ihrem Marsch von Beerseba nach Akaba; und wo wir für eine solche Menge Tiere genügende Weideplätze finden würden; und daß sie erst der Gerste entwöhnt werden müßten, bevor sie für uns verwendbar wären.

Doch das waren Zukunftssorgen. Zunächst lag es uns ob, uns den ganzen Sommer auf dem Plateau zu behaupten, Maan in Schach zu halten und dafür zu sorgen, daß die Eisenbahn dauernd unterbrochen blieb.

Inzwischen gewann der Aufstand dauernd an Ausdehnung. Faisal schürte, in sein Zelt zurückgezogen, durch Wort und Lehre unermüdlich das Feuer der arabischen Bewegung. Akaba summte wie ein Bienenhaus, und auch draußen im Feld standen die Dinge gut. Die arabischen Regulären hatten soeben ihren dritten Erfolg gegen Djerdun errungen, jenen heißumstrittenen Platz, den zu nehmen und wiederaufzugeben sie schon eine gewisse Übung bekommen hatten. Unsern Panzerautos gelang es, einen türkischen Ausfall aus Maan abzufangen und so gründlich zurückzuschlagen, daß von da ab jeder weitere Versuch des Feindes unterblieb. Zeid, der die eine, nördlich von Uheida stehende Hälfte der Armee befehligte, zeigte große Umsicht und Tatkraft. Seine offene, sorglos heitere Art war anziehender für die Berufsoffiziere als Faisals romantischer und feierlicher Ernst; dank dieser glücklichen Ergänzung im Wesen der beiden Brüder war es jedermann freigestellt, sich je nach Geschmack für den einen oder den andern zu begeistern.

Sechs Wochen lang blieben wir in der gleichen Stellung. Zeid und Djaafar beschäftigten dauernd und mit Erfolg den Feind im Abschnitt von Maan. Scherif Nasir, begleitet von Peake und Hornby, stießen vierzig Meilen nördlich gegen Hesa vor und besetzten mit einem Schlag gleich achtzig Kilometer der Eisenbahnstrecke. Durch gründliche Zerstörung sogar des Unterbaues der Strecke wurde die geplante Offensive der Türken gegen Faisal bei Aba el Lissan vorderhand unmöglich gemacht. Dawnay und ich benutzten die Ruhepause, um wieder bei Allenby vorzusprechen.

Im Hauptquartier spürten wir sofort eine merklich veränderte Atmosphäre. Tatkraft und Zuversicht durchpulsten wie immer den Ort, jetzt aber regiert von einem zielbewußten Zusammenarbeiten ganz ungewöhnlichen Grades. Die neuen Truppen waren rechtzeitig aus Mesopotamien und Indien eingetroffen, und ihre Organisation und Ausbildung war schon weit gediehen. In einer internen Besprechung am 15. Juni kam man zu der wohlbegründeten Überzeugung, daß die Armee im September zu einer allgemeinen und weittragenden Offensive bereit sein werde.

In der Tat, der Himmel hatte sich sichtlich geklärt. Wir gingen zu Allenby, und er eröffnete uns, daß er gegen Ende September seinen Großangriff nach dem alten Plane von Smuts beginnen werde mit dem Ziel Damaskus und Aleppo. Die Mitwirkung der arabischen Armee würde die gleiche sein, wie es im Frühjahr bestimmt worden war: Vorstoß auf Deráa mittels der zweitausend neu zugewiesenen Reitkamele. Die Einzelheiten der Ausführung würden im Lauf der kommenden Wochen genauer festgesetzt werden.

Am 11. Juli 1918 hatten Dawnay und ich eine erneute Besprechung mit Allenby und Bartholomew, seinem neuen Stabschef; und wir konnten dabei unverhüllt Einblick gewinnen in die zweckmäßige und sachkundige Arbeit zweier Generäle. Für mich sehr wertvoll und lehrreich, da ich doch auch so etwas wie ein General war, freilich auf meine eigene sonderbare Art.

Allenbys Zuversicht war wie ein Fels. So ging er beispielsweise vor einem Angriff durch die Reihen seiner Truppen, die in Deckung massiert auf das Signal zum Sturm warteten, sprach sie an und sagte, er wäre gewiß, mit ihrer Hilfe dreißigtausend Gefangene zu machen; und das, wenn der Erfolg oft nur von einem bloßen Glücksfall abhing! Bartholomew war dagegen zur Vorsicht und Besorgnis geneigt. Er erklärte es für kaum durchführbar, die gesamte Armee bis September gefechtsbereit zu haben, und selbst wenn das gelänge, durfte man nicht damit rechnen, daß die Operationen so vonstatten gingen, wie es geplant war. Der Angriff konnte nur im Küstenabschnitt durchgeführt werden, in der Nähe von Ramleh, südöstlich Jaffa, dem Endpunkt unserer Eisenbahn, die allein einen ausreichenden Nachschub von Material und Verpflegung gewährleistete. Doch konnten so bedeutende Truppenvereinigungen kaum verborgen bleiben, und er könnte unmöglich annehmen, daß die Türken dauernd mit Blindheit geschlagen blieben, wenngleich ihre augenblicklichen Gruppierungen nicht darauf hindeuteten, daß sie die Gefahr bereits witterten.

Allenbys Plan war, die Hauptmasse seiner Infanterie und seine gesamte Kavallerie unmittelbar vor dem 19. September in den großen Oliven- und Orangenhainen bei Ramleh zusammenzuziehen. Durch gleichzeitige Scheinangriffe gegen das Jordantal hoffte er die Türken in dem Glauben zu halten, daß die englischen Hauptkräfte sich dorthin zu konzentrieren im Begriff wären. Die beiden Vorstöße auf Salt hatten die Augen der Türken ausschließlich auf den Jordanabschnitt festgebannt. Jede Unternehmung dort, ob von Engländern oder Arabern ausgehend, hatte sofortige Gegenmaßnahmen der Türken zur Folge, was bewies, wie besorgt sie um diesen Abschnitt waren. Im Küstengebiet, wo die eigentliche Gefahr für den Feind lag, hatte er nur lächerlich wenig Truppen stehen. Der Erfolg unseres Angriffes hing also davon ab, die Türken in ihrer verhängnisvollen Unterschätzung des Küstenabschnitts zu erhalten.

Scheinmanöver, im allgemeinen für den Führer nur ein kleines Hors-d'oeuvre vor Beginn der eigentlichen Schlacht, waren für Allenby eins der Hauptmittel seiner Strategie geworden. Demgemäß sollte Bartholomew in der Gegend bei Jericho unbrauchbar gewordene Zelte aus Ägypten aufbauen, Tierlazarette und Sanitätsformationen dorthin verlegen und überall an geeigneten Plätzen zum Schein Lager errichten mit einigen Leuten und Pferden. In den Tagen kurz vor dem englischen Angriff gegen den Küstenabschnitt sollte er auf den staubigen Straßen bei Jericho Kolonnen von Nichtkämpfern in Bewegung setzen, um den Eindruck hervorzurufen, als vollziehe sich hier in elfter Stunde eine englische Truppenzusammenziehung für einen größeren Vorstoß. Gleichzeitig sollte die Königliche Luftflotte in zahlreichen geschlossenen Geschwadern neuester Kampfmaschinen die Gegend überfliegen. Ihre Überlegenheit würde gerade in den entscheidenden Tagen den Gegner des Vorteils der Luftaufklärung berauben.

Bartholomew wünschte, daß die arabischen Streitkräfte von der Seite von Amman her seine Maßnahmen mit aller erdenklichen Energie und Geschicklichkeit unterstützen. Doch machte er uns nachdrücklich darauf aufmerksam, daß der Erfolg an einem seidenen Faden hinge: denn die Türken könnten durch eine einfache Zurücknahme ihres Küstenabschnitts um acht Meilen sich und ihre Armee der Gefahr entziehen und unsere Konzentration zwecklos machen, so daß wir von vorn beginnen mußten. Die englische Armee wäre dann wie ein Fisch auf dem Trocknen, der ins Leere schnappt; ihre Eisenbahnen, schwere Artillerie, Munitionsdepots, Vorräte und Lager: alles am falschen Platz; und ohne Olivenhaine, die eine Neukonzentrierung der Sicht des Feindes entziehen könnten. Er, Bartholomew, könne sich dafür verbürgen, daß die Engländer ihr Äußerstes tun würden; doch bat er uns dringend, schon in seinem Interesse, die Araber nicht in eine Lage zu bringen, aus der ein etwa notwendig werdendes Entweichen unmöglich wäre.

Erfüllt von diesem großen Plan eilten Dawnay und ich geschäftig nach Kairo. Dort lagen Nachrichten aus Akaba vor, die zunächst die Frage der Verteidigung des Plateaus von Maan wieder in den Vordergrund rückten. Nasir war soeben aus Hesa herausgeworfen worden, und die Türken planten einen größeren Schlag gegen das Plateau und Aba el Lissan für Ende August, wo doch gerade das Unternehmen gegen Deráa einsetzen sollte. Konnten wir die Türken nicht um weitere vierzehn Tage aufhalten, so mußte uns ihre Bedrohung lahmlegen. Irgendein neues Mittel mußte also unter allen Umständen zu diesem Zweck ersonnen werden.

Da verfiel nun Dawnay glücklicherweise darauf, sich des einen noch bestehenden Bataillons des Kaiserlichen Kamelreiterkorps zu erinnern. Vielleicht, daß das Hauptquartier uns das Bataillon auslieh, um den Türken einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wir riefen Bartholomew an, der gleich Verständnis zeigte und unsern Wunsch an Bols in Alexandrien und an Allenby weitergab. Nach lebhaftem Depeschenwechsel war das Bataillon unser. Oberst Buxton wurde uns mit seinen dreihundert Mann für einen Monat zur Verfügung gestellt unter zwei Bedingungen, nämlich erstens, daß wir vorher den Verwendungsplan einreichen sollten, und zweitens, daß das Bataillon keine Verluste haben dürfte. Bartholomew glaubte sich wegen dieser letzteren doch wirklich herzerfreuenden Bedingung entschuldigen zu müssen, weil er sie für unsoldatisch hielt.

Dawnay und ich machten uns also über die Karte her und setzten fest, daß das Bataillon zunächst vom Kanal nach Akaba marschieren sollte, von da nach der Rumm, um Mudowwara in nächtlichem Überfall zu nehmen, von da nach Bair, um die Brücke und den Tunnel bei Amman zu zerstören; und dann konnte es am 30. August nach Palästina zurückkehren. Die Tätigkeit des Bataillons würde uns einen Monat Ruhe verschaffen.

Was nun den Hauptplan anbetraf, so gedachte Allenby am 19. September anzugreifen und wünschte, daß wir nicht mehr als vier, aber auch nicht weniger als zwei Tage vor ihm bei Deráa eintreffen sollten. Er sagte mir wörtlich, drei Mann und ein Junge mit einer Pistole, die genau am 16. September vor Deráa ständen, würden ihm für seine Zwecke vollkommen genügen, besser jedenfalls als tausend Mann eine Woche vorher oder nachher. Die Wahrheit war, daß er auf die Kampfkraft der arabischen Armee kein Gewicht legte und sie lediglich als taktisches Mittel in Rechnung setzte. Für ihn war unser Zweck rein moralischer Art, nämlich die Aufmerksamkeit der feindlichen Führung auf die Jordanfront festzunageln. Als Engländer pflichtete ich dieser Auffassung bei; als Sachwalter der arabischen Bewegung jedoch hielt ich beides: moralische Einwirkung und Kampf, für gleich wichtig, das erstere, um gemeinsamen Erfolg zu sichern, das andere, um das Selbstvertrauen der Araber zu festigen, ohne das ein Sieg letzten Endes keine gesunden Zustände schaffen konnte.

Demgemäß beabsichtigte ich, fünfhundert Mann reguläre berittene Infanterie, die Batterie französischer Gebirgs-Schnellfeuergeschütze Kaliber 6,5, eine entsprechende Anzahl Maschinengewehre, zwei Panzerautos, Pioniere, auf Kamelen berittene Aufklärer und zwei Flugzeuge nach Azrak vorzuschieben, woselbst ihre Versammlung am 13. September vollzogen sein mußte. Am 16. September wollten wir dann Deráa einschließen und die dortigen Eisenbahnen unterbrechen. Zwei Tage danach wollten wir uns östlich der Hedjas-Bahn zurückziehen und die weiteren Ereignisse bei Allenby abwarten. Zur Sicherheit für etwaige Zufälle sollten in Djebel Druse größere Mengen Gerste aufgekauft und in Azrak aufgespeichert werden.

Nuri Schaalan sollte uns mit seinem Kontingent Rualla begleiten, ebenso die Serdiyeh, die Serahin und die Haurani-Bauern aus dem »Heiligen Land« unter Tallal el Hareidhin. Dawnay half bei der Organisation und veranlaßte, daß uns das Hauptquartier Stirling zur Verfügung stellte, einen geschickten Generalstabsoffizier, klug und taktvoll. Stirlings Leidenschaft für Pferde war geeignet, ihm von vornherein das Vertrauen Faisals und seiner Großen zu gewinnen.

Unter den arabischen Offizieren wurden als Belohnung für ihr tapferes Verhalten in den Kämpfen um Maan einige englische Auszeichnungen verteilt. Djaafar Paschas wohlverdientes C.M.G. wurde von Allenby durch einen kleinen Scherz noch besonders unterstrichen. Djaafar kam nach Palästina, um die Auszeichnung in Empfang zu nehmen, und die Herren des Stabes nahmen die Gelegenheit wahr, zu Ehren ihres einstigen Kriegsgefangenen eine kleine Empfangsfeierlichkeit zu veranstalten. Die Ehrenwache wurde aus dem Dorset-Kavallerieregiment gestellt, eben jenem, das vor drei Jahren in der Senussi-Wüste den Pascha niederattackiert und ihm die Klingen seiner Säbel zu kosten gegeben hatte. Djaafar Pascha lachte vor Freude über diesen Einfall, der so recht nach seinem eignen tapferen Herzen war. Diese Gunstbezeigungen Allenbys kräftigten den guten Geist der arabischen Armee. Nuri Pascha Said wurde aufgefordert, das Kommando der Deráa-Expedition zu übernehmen; er war durch seinen Mut, sein Ansehen und seine kaltblütige Ruhe der ideale Führer für dieses Unternehmen. Er machte sich sogleich daran, die besten fünfhundert Mann aus der Armee auszuwählen.

Pisani, der französische Batteriechef, gestärkt durch ein Militärkreuz und eifrig bedacht auf Erwerbung eines D.S.O., übernahm die vier Schneider-Gebirgsgeschütze, die Cousse uns gesandt hatte. Zusammen mit Young verbrachte er qualvolle Stunden damit, die vorschriftsmäßigen Mengen von Munition und Maultierfourage nebst der Begleitmannschaft und seiner Privatküche auf die Kamele zu verstauen, deren er nur halb so viele erhalten hatte, als vorgesehen waren. Das ganze Lager summte von Eifer und Geschäftigkeit, und alles ließ sich gut an.

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