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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 3
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
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Einleitung

Leben und Taten des Obersten Lawrence

Als das britische Weltreich geschaffen oder besser aus zufälligen, der Gunst des geschichtlichen Augenblicks zu dankenden Eroberungen entstanden war, fehlte zuletzt noch ein wichtiges Verbindungsglied, das die in sämtlichen Erdteilen verstreuten Stücke zusammenschloß. Zwar besaß oder beherrschte man den durch Suezkanal und Rotes Meer führenden Seeweg nach Indien und den fernasiatischen Besitzungen, doch war es eben nur die eine, durch einzelne Stützpunkte gesicherte Wasserstraße, und zweitens blieb sie gerade an ihrer empfindlichsten Stelle ständig bedroht, solange die Gebiete nördlich des schmalen, von Kanal und Rotem Meer gebildeten Durchlasses in fremden Händen waren. Diese fast ganz von Arabern bewohnten Länder: Palästina, Syrien, Mesopotamien und die arabische Halbinsel, gehörten seit vielen Jahrhunderten zum Osmanischen Reich, einem überalterten und in der bestehenden Form kaum mehr lebensfähigen Gebilde. Die britische Regierung hat von jeher die in der Politik so wichtige Kunst des Abwartens verstanden. Sie sah dem langsamen Absterben des »kranken Mannes am Bosporus« ruhig zu und sorgte nur dafür, daß ihr selbst keine Zukunftsmöglichkeiten abgedrosselt würden. So ließ England die unter deutscher Leitung in Bau begriffene Bagdadbahn, die vom Bosporus zum Persischen Golf führen sollte, gewissermaßen in einer Sackgasse endigen und nahm das letzte und wichtigste Stück von Bagdad bis Basra unter eigene Kontrolle. Denn der sichere Besitz des Persischen Golfs mit dem Ausgang zum Indischen Ozean war eine der Voraussetzungen für die weit ausgreifenden Pläne Großbritanniens.

Mit der jungtürkischen Revolution und ihren Folgen – weitere bedeutende Gebietsverluste und die Balkankriege von 1912 und 1913 – trat eine akute Krise ein. Die überstürzten Versuche, sich durch Reformen in zwölfter Stunde den Daseinsbedingungen der Zeit anzupassen, führten nur zu einer weiteren Lockerung der an sich schon längst brüchigen, das weite Reich kaum mehr zusammenhaltenden Klammern. Sobald die Jungtürken die von Europa übernommene Nationalidee für das eigene Volk in Anspruch nahmen und als Kampfruf auf ihre Fahne schrieben, wurde der gleiche Gedanke auch von den nichttürkischen Völkerschaften des Reichs aufgegriffen und auch von ihnen zur Forderung erhoben. Das galt besonders von den Arabern, die als ein altes Kulturvolk mit großer Vergangenheit die wenn auch nur lässige Oberherrschaft der aus Asien eingewanderten Türken stets unwillig ertragen hatten. Die neuen, von Konstantinopel ausgehenden Türkisierungsbestrebungen weckten nun aber erst recht das Rassenbewußtsein der Araber. In den arabischen Ländern – fast die Hälfte des Osmanischen Reichs – begann es zu gären. Vielerorts, namentlich unter der städtischen Bevölkerung, bildeten sich Geheimbünde mit dem Ziel der Wiedergewinnung der arabischen Unabhängigkeit.

England besitzt ein sehr fein entwickeltes Gehör für unterirdische Vorgänge, und so nahm es auch sehr bald das leise Grollen unter den arabischen Volksteilen des Türkischen Reichs wahr. Anzeichen deuteten darauf hin, daß in absehbarer Zeit vielleicht die Stunde nahen könnte, um lang gehegte Wünsche zu verwirklichen. In Voraussicht dessen wurde im Jahre 1913 auf Veranlassung Lord Kitcheners, des damaligen Oberbefehlshabers in Ägypten, eine Expedition nach der Sinaihalbinsel und dem südlichen Palästina entsandt, die offiziell archäologische Forschungen vornehmen sollte und unter dieser wissenschaftlichen Tarnung auch die Genehmigung der türkischen Behörden erhielt. In Wahrheit aber hatte sie den geheimen Auftrag, ein vielleicht zukünftiges Aufmarschgebiet auf seine Möglichkeiten für Truppenbewegungen zu erkunden und die unzulänglichen Karten danach zu verbessern und zu vervollständigen. Zu dieser Expedition gehörte auch ein junger, eben fünfundzwanzigjähriger Gelehrter, Archäologe seines Zeichens, der dank seiner Kenntnis der arabischen Sprache und seiner Erfahrung im Umgang mit der Bevölkerung wertvolle Dienste leistete. Sein Name war Thomas Edward Lawrence.

Nun ist es eine Eigentümlichkeit des britischen Weltreichs, daß es, zum mindesten in seinen wichtigsten Teilen, von Außenseitern, Abenteurern könnte man sagen, von Privatmenschen auf eigene Verantwortung und oft auch eigene Kosten zusammengebracht worden ist. Es begann mit den elisabethanischen Freibeutern, setzte sich fort über einen Drake, Raleigh, Clive bis zu Cecil Rhodes, dem Begründer Südafrikas, und schließlich T. E. Lawrence, dessen Name untrennbar mit dem Einbau des Schlußstücks jenes riesigen Gebäudes verknüpft ist.

Wie die meisten dieser Wegbereiter des Empire fiel auch Lawrence nach Art und Wesen aus dem gewohnten Rahmen heraus, war ein Einzelgänger, stand außerhalb aller Norm und Regel, zeigte Absonderlichkeiten und Exzentrizitäten, wofür übrigens seine durchschnittlich sehr korrekten Landsleute immer viel Verständnis haben. So zum Beispiel legte er auf seine äußere Erscheinung gar keinen Wert, wie das auch von Cecil Rhodes berichtet wird, und erschien oft in geradezu »vagabundenhaftem« Aufzug. Mit Cecil Rhodes hatte er auch das gemeinsam, daß in beider Leben das weibliche Element nie auch nur die geringste Rolle gespielt hat.

Schon Lawrences Aussehen war ungewöhnlich. Er hatte eine kleine zierliche Gestalt – »wie eine kirkassische Tänzerin«, hat ihn einer charakterisiert. Auch sein Gesicht hatte, wenigstens in der Mittelpartie, mit den graublauen, meist etwas verschleierten Augen etwas Mädchenhaftes. Darüber aber erhob sich eine hochgewölbte, sehr männliche Stirn, und ihr Gegenpart bildete die langgezogene, stark ausgeprägte, eckige und harte Kinnpartie. Dieses Äußere spiegelte die beiden Hauptseiten seines Wesens. Denn er war ein kühler Tatmensch von nie erlahmender Zähigkeit und Willenskraft und zugleich ein phantasievoller Träumer oder besser Visionär – eine Polarität, wie man sie gemeinhin bei den als nüchtern und praktisch geltenden Engländern nicht so selten findet, und die oft gerade ihren schöpferischen Staatsmännern eigen war. Überblickt man das Werden des britischen Weltreichs, so könnte man fast sagen, das Phantastische wurde Ereignis.

Was Lawrence geworden ist, hat er nur sich selbst zu verdanken. Er entstammte einer verarmten Familie, die nach langem Aufenthalt in Irland nicht mehr recht im englischen Heimatboden Wurzel fassen konnte. Die Eltern zogen unstet von Ort zu Ort, bald diesseits, bald jenseits des Kanals, bis dann nach dem Tode des nie recht eine Beschäftigung findenden Vaters die Mutter sich in Oxford niederließ, wo sie ihre fünf Söhne schlecht und recht durchbrachte. Die Mittel zum Schulbesuch und erst recht zum Universitätsstudium erhielt der junge Lawrence durch Stipendien, die zu erwerben seiner großen Begabung nicht übermäßig schwer fiel. Im übrigen suchte er sein eigener Herr zu bleiben, hielt sich abseits des an englischen Schulen so stark ausgeprägten Gemeinschaftslebens und überließ sich, ein Verächter jeder Regel und Ordnung, unbekümmert den beiden starken Antrieben seiner Natur. Sie standen in innerem Zusammenhang. Es war ein Schweifen in die Ferne, körperlich wie geistig. Tagsüber war er meist unterwegs, allein immer auf weiten Fahrten zu Rade durch das Land, erweitert in den Ferien zu einsamen Wanderungen durch fremde Länder. Später trat das Motorrad an die Stelle, was seiner Lust an Bewegung noch mehr entgegenkam, und was ihm schließlich auch zum Verhängnis wurde.

Nachts durchstreifte er ebenso ruhelos das weite Reich des Geistes. Er las und las, auf einer Decke oder Matratze liegend, um gleich an Ort und Stelle zwischendurch schlafen zu können. Meist hatte er gleichzeitig sechs Bände aus der Oxforder Bibliothek entliehen, die er nach wenigen Tagen umtauschte. Bücher und Motorrad waren die einzigen Besitztümer, auf die er Wert legte. Für Geld und Geldeswert hatte er kaum Sinn, daran fehlte es ihm auch immer.

Bei aller Willkür und Absonderlichkeit seiner Lebensführung, über die seine englischen Biographen nicht genug erzählen können, darf man indessen nicht übersehen, daß die Formung seines Wesens doch der gültigen Norm entsprach. Vor allem eignete er sich eine gründliche humanistisch-klassische Bildung an, die jenseits des Kanals noch heute als unerläßlich angesehen wird für den Begriff des wahren »gentleman« oder, vielleicht etwas enger, aber genauer ausgedrückt, für den, der der führenden Schicht des Volkes angehören oder zu ihr aufsteigen will. Diese Führerschule ist vor allem Oxford; und seiner sehr ausgesprochenen Prägung konnte und wollte sich auch Lawrence nicht entziehen, der seine gesamten Lehr- und Bildungsjahre dort verbrachte. Im Grunde war und blieb er durch und durch Engländer. (Für den Außenstehenden ist das leichter erkennbar.) Er beherrschte zum Beispiel die griechische Sprache so sicher, daß er noch in späteren Jahren, wo andere ihre Schulkenntnisse längst vergessen haben, in Mußestunden eine Homerübersetzung anfertigte und herausgab.

Sehr merkwürdig nun, wie der junge Wissenschaftler auf eine ihm unbewußte, gleichsam magische Weise von der seltsamen, einzig noch bestehenden Lücke im Bau des britischen Weltreiches angezogen wurde, wo noch Aufgaben winkten, die seiner ungewöhnlichen Natur entsprachen. Wesen und Werk fanden, wie vom Schicksal bestimmt, zueinander. Seine Neigung war von Jugend an die Archäologie. Wie ein Wiesel war er überall hinter Scherben von römischen und mittelalterlichen Tongefäßen her, sammelte unermüdlich Abbildungen von alten Kirchen und Grabplatten und wurde zu einem Meister im Dachklettern, um von irgendeinem Turm oder Giebel aus neue architektonische Sehwinkel für photographische Aufnahmen zu gewinnen.

Allmählich spezialisierte er sich auf mittelalterliche Burgen und Befestigungswerke. Er erforschte sie auf einer Ferienwanderschaft durch Frankreich. Die Burgen führten ihn zur Beschäftigung mit der Kriegsbaukunst; diese wiederum erforderten zu ihrem Verständnis die Erforschung der damit verknüpften Belagerungsoperationen, fernerhin das Studium der Feldzüge und der Strategie überhaupt. Der angehende Gelehrte erwarb also auf diesem Umwege Kenntnisse, die ihn auf eine spätere, ganz außerhalb seines Faches liegende, vorwiegend militärische Aufgabe vorbereiteten.

Aber weiter. Da er sich mit dem Mittelalter befaßte, wurde er ganz von selbst auf die Kreuzzüge geführt. Damit war eigentlich schon das Stichwort gefallen, der Endpunkt der merkwürdigen Spirale erreicht. Denn die großen Kämpfe zwischen Abend- und Morgenland hatten sich zumeist gerade in jenen arabischen Gebieten abgespielt, die dem britischen Reich des zwanzigsten Jahrhunderts zu seinem sicheren Zusammenschluß noch fehlten.

Lawrence wählte für seine Dissertation das Thema: »Der Einfluß der Kreuzzüge auf die mittelalterliche Kriegsbaukunst Europas«. Vor der Ausarbeitung beschloß er, auch noch die Schlösser der Kreuzfahrer in Syrien aufzusuchen, und betrat so auf einer Ferienreise zum ersten Male das Land, das ihn sobald nicht wieder loslassen sollte.

Nach seiner Art durchstreifte er ganz allein und zu Fuß mit wenig Geld und noch weniger Gepäck vier Monate lang in der heißesten Jahreszeit kreuz und quer die Länder zwischen Jordan und Euphrat. Der Oxforder Student entsagte allen gewohnten Vorzügen europäischer Zivilisation. Er wanderte von Dorf zu Dorf, aß mit den Bewohnern aus der gemeinsamen Schüssel, wobei die Finger Messer und Gabel ersetzen mußten, und übernachtete in ihren ärmlichen Behausungen. Was das heißt, kann nur der ermessen, der je in den von Schmutz und Ungeziefer starrenden Lehmhütten der Beduinen vergebens Schlaf zu finden suchte. Aber bei dieser Art des Reisens erlernte er rasch die Sprache der Araber, drang in ihre Denk- und Lebensweise ein und erwarb sich Übung in dem oft recht schwierigen Umgang mit ihnen – wiederum die beste Vorbereitung auf die Aufgabe, die, ihm noch unbekannt, seiner wartete.

Nachdem er auf der Universität seinen Grad erworben hatte, kehrte er sehr bald wieder nach dem Orient zurück. Zusammen mit andern leitete er die von einer britischen wissenschaftlichen Gesellschaft unternommenen Ausgrabungen einer alten Hettiterstadt in Djerablus am oberen Euphrat, und zwar – seltsames Spiel des Zufalls – just an einer Stelle, in deren unmittelbarer Nachbarschaft deutsche Ingenieure die große Brücke über den Euphrat bauten im Zug der England so mißliebigen und auch nie vollendeten Bagdadbahn.

Dort in Djerablus blieb er vier Jahre, bis er 1913 zu der getarnten Erkundungsexpedition nach dem Sinai, wie oben erwähnt, abberufen wurde und so zum erstenmal in geheimem Auftrag in den Dienst seines Vaterlandes trat.

Inzwischen spitzten sich die nationalen Gegensätze zwischen Türken und Arabern immer mehr zu. Bereits im Februar 1913 erschien Emir Abdullah, einer der Söhne Husseins, Großscherifs von Mekka und Vasalls des Sultans, bei Lord Kitchener in Kairo und teilte ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, daß sein Vater den kühnen Wunsch hege, die türkische Oberherrschaft abzuschütteln und für den Hedschas mit den Heiligen Städten Mekka und Medina die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Der Abgesandte fand, wie sich denken läßt, einen sehr verständnisvollen Zuhörer.

Während des Weltkrieges wurden die vor seinem Ausbruch angeknüpften Fäden weitergesponnen. Nach langem Hin und Her und schwierigen Verhandlungen gelang es England Anfang des Jahres 1916, den mißtrauischen Hussein aus seiner vorsichtigen Reserve herauszulocken. Gegen das Versprechen, Herrscher eines unabhängigen arabischen Reichs zu werden, sollte Großscherif Hussein die Fahne des Aufstands gegen den türkischen Oberherrn entrollen. Die britische Zusage enthielt nichts über Größe und Grenzen des zukünftigen Araberstaates, auch waren einige unbestimmte Vorbehalte eingeflochten.

Es ist nicht anzunehmen, daß der verschlagene und in allen Winkelzügen der Diplomatie erfahrene Hussein sich über die Doppelsinnigkeit und Verzwicktheit der Paktabmachungen getäuscht haben sollte, da er verschiedene Einwendungen erhob. Aber ein längeres Zögern hätte die ganze Erhebung überhaupt in Frage stellen können. Dem Türken war das geheime Spiel zwischen Mekka und Kairo natürlich nicht verborgen geblieben. Dschemal Pascha, der allmächtige Oberbefehlshaber von Syrien und Palästina, schlug mit starker Hand zu. Er ließ eine ganze Anzahl Verdächtiger aus den ersten arabischen Familien ohne viel Federlesens aufhängen, viele andere wurden in entfernte Reichsteile verbannt. Faisal, einer der Söhne Husseins, von dem in diesem Buch viel die Rede ist, weilte damals als widerwilliger Gast im Hauptquartier Dschemals. Er wurde genötigt, der Hinrichtung seiner arabischen Gesinnungsgenossen zuzusehen. Diese Abschreckungsmaßnahmen unterdrückten die geplante Erhebung in Syrien und verhinderten später auch die tätige Mitwirkung der dortigen Bevölkerung bei dem arabischen Vormarsch.

Gleichzeitig wurde von der türkischen Heeresleitung eine starke Truppenmacht entsandt, um Mekka und Medina zu besetzen. Damit sah Großscherif Hussein nicht nur seine eigene Herrschaft, sondern auch seine schönen Zukunftsträume gefährdet. Es blieb ihm nichts übrig, als rasch zu handeln, ohne mit England ganz ins klare gekommen zu sein.

So brach denn der Aufstand vorzeitig und schlecht vorbereitet im Juni 1916 aus. Nach einigen ersten Überraschungserfolgen kam der Rückschlag. Die aus Beduinenstämmen hastig zusammengeraffte Armee Husseins glich mehr »einer Horde wild gewordener Derwische«, wie sich ein Engländer nicht unzutreffend ausdrückte; gegen die geschulten türkischen Truppen vermochten sie wenig auszurichten. Der Sturm der ersten Begeisterung flaute merklich ab. Der ganze Aufstand drohte zusammenzubrechen, wenn ihm nicht von außen frisches Leben zugeführt wurde. Darüber waren sich London und Kairo nicht einig. Die britische Regierung, die überhaupt den Vorgängen im fernen Arabien nur geringe und jedenfalls keine entscheidende Bedeutung beimaß, war geneigt, das anscheinend wenig aussichtsreiche und zudem sehr kostspielige Unternehmen ganz fallen zu lassen. Das Hauptquartier in Kairo sah dagegen in der arabischen Erhebung sein ureigenstes Werk und wollte das Begonnene, wenn irgend möglich, auch zu Ende führen.

Lawrence, der Leutnantsrang erhalten hatte, war bis dahin beim Nachrichtendienst in Kairo beschäftigt, wo seine arabischen Kenntnisse und Erfahrungen am besten verwendet werden konnten. Im Frühjahr 1916 spielte er, wie einer seiner Biographen berichtet,Liddell Hart, »Lawrence in Arabia and after«. Deutsche Ausgabe, Berlin 1935. aus weiter Ferne eine geheimnisvolle Rolle bei der »Eroberung« von Erserum durch die russische Kaukasusarmee – nach einer auffallend schwachen Verteidigung durch die Türken. Ermutigt durch diesen Erfolg, wurde Lawrence kurz darauf in geheimer Mission nach Mesopotamien entsandt, wo der britische General Townsend mit seiner Truppe bei Kut el Amara rettungslos eingeschlossen war. Lawrence hatte den Auftrag, den türkischen Oberbefehlshaber Halil Pascha zu bestimmen, gegen die großzügige Abfindung von einer Million Pfund Sterling den englischen Truppen freien Abzug aus Kut el Amara zu gewähren. Aber diesmal mißglückte der Versuch mit den silbernen Kugeln.

Lawrence gehörte zu den wenigen begeisterten Anhängern des arabischen Aufstands. Als nun die Lage kritisch wurde, entsandte man Sir R. Storrs, Sekretär der Britischen Residentschaft in Kairo, nach dem Hedschas, um festzustellen, welche Aussichten noch für die Erhebung beständen und wie man ihr den Rücken stärken könnte. Lawrence benutzte einen Urlaub, um sich ihm anzuschließen. Mitte Oktober 1916 landeten sie in Dschidda, der Hafenstadt Mekkas. An dieser Stelle setzt die Erzählung ein, der wir hier nicht vorgreifen wollen. Sie schließt mit dem siegreichen Einzug in Damaskus zwei Jahre später.


Es bleibt noch übrig, einen kurzen Blick auf die ferneren Ereignisse zu werfen.

Lawrence, mit dreißig Jahren Oberst geworden, blieb nur wenige Tage in Damaskus. Nach dem feierlichen Einzug Faisals nahm er Urlaub und reiste nach London. Nun an Stelle des Waffengangs die Politik getreten war, fühlte er sich als Christ und Fremdling fehl am Platze. Mehr noch schmerzte ihn die Scham, seinen Freunden unerfüllbare Versprechungen gemacht oder – wie er selbst sagt – »die höchsten Ideale und die Freiheitsliebe der Araber als bloße Werkzeuge im Dienste Englands ausgebeutet zu haben«. Nach seiner Rückkehr in die Heimat sandte er die ihm für seine Verdienste um den arabischen Aufstand gewordenen Auszeichnungen an seinen König und dessen Verbündete zurück.

Die Auseinandersetzungen unter den verbündeten Mächten über die Siegesbeute im Orient zogen sich über Jahre dahin. In das wirre Gestrüpp der Verhandlungen, der kreuz und quer laufenden Interessen und Ansprüche, der fortwährend wechselnden Ereignisse, der geheimen wie offenen Kämpfe einzudringen, erscheint an dieser Stelle nicht notwendig. Die Darlegung würde ein Buch für sich erfordern. Es genügt, aufzuzeigen, was schließlich aus den arabischen Ländern geworden ist.

Faisal wurde zuerst König von Syrien. Als aber auf der Konferenz von San Remo 1920 Frankreich das Mandat über ganz Syrien zugesprochen wurde, mußte Faisal das Land verlassen. Doch erhielt er von Großbritannien ein anderes Königreich in Gestalt des neugeschaffenen Irak, im Gebiet von Mesopotamien. Ein anderer Sohn des Großscherifs Hussein, Emir Abdullah, erhielt die Herrschaft über das ebenfalls neu errichtete Transjordanien, das sich im Westen an Irak anschloß. Das mit der Sinaihalbinsel unmittelbar an Ägypten angrenzende Palästina nahm England als ihm zuerteiltes Mandat unter eigene Verwaltung. So hatte sich Großbritannien die gewünschte Landbrücke von Ägypten nach dem Persischen Golf geschaffen. Dabei konnte es den Teilkönigreichen in der unter seinem Einfluß stehenden Zone ein sehr weites Maß von Selbständigkeit zubilligen.

Auch der alte Hussein sah seinen Traum, wenn auch längst nicht in dem erhofften Umfang, verwirklicht. Er erhielt den Hedschas als selbständiges Königreich. Doch wurde sein ruheloser Ehrgeiz – hatte er sich doch sogar die freigewordene Kalifenwürde zugelegt – England bald unbequem. Als dann Ibn Saud, der sich zum Herrscher von ganz Mittelarabien gemacht hatte, noch weiter vordrang und seine Wahhabitenkrieger den Hedschas überrannten, ließ England König Hussein fallen und erkannte die Eroberung Ibn Sauds an, nachdem es vorher noch den strategisch wichtigen Hafen Akaba mit seinem Hinterland vom Hedschas abgetrennt und Transjordanien zugewiesen hatte. König Hussein starb wenige Jahre danach im Exil.

Lawrence nahm an der Regelung der arabischen Angelegenheiten tätigen Anteil. Zuerst während der Pariser Friedenskonferenz mit wenig Glück als Fürsprecher König Faisals, später dann mit mehr Erfolg in amtlicher Eigenschaft als Berater des damaligen britischen Kolonialministers Winston Churchill. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß die endgültige Gestaltung Arabiens zum guten Teil seinem Einfluß zuzuschreiben ist. Jedenfalls fühlte er seine Ehre wiederhergestellt und sah die Versprechungen, mit denen er die Araber in den Aufstand getrieben hatte, im Rahmen des Erfüllbaren eingelöst. Mehr war nicht zu erreichen gewesen. Er hatte den Arabern die Möglichkeit verschafft, sich selbst unter eigener Verantwortung zu regieren und damit den Weg des Aufstiegs zu betreten.

Von da ab verliert sich sein Leben in ein mystisches Halbdunkel. Es hat den Anschein, als wäre er ständig auf der Flucht vor der Öffentlichkeit, während gerade durch seine Absonderlichkeiten die Welt immer wieder auf ihn aufmerksam wird. Seltsame Gerüchte laufen um, und wo in irgendeiner Ecke der Erde ein Brand entsteht, glaubt man die Hand des »geheimnisvollen Obersten« im Spiel. Was daran richtig, was falsch ist, kann vorläufig nicht ermittelt werden; das ruht in den Geheimakten britischer Archive.

Tatsache bleibt, daß der ehemalige Oberst im Jahre 1923 unter dem angenommenen Namen »Ross« als einfacher Soldat in das englische Heer eintritt, unter Verpflichtung zu elfjährigem Dienst. Was ihn dazu veranlaßt hat, weiß im Grunde niemand, soviel Deutungen auch gegeben wurden. Anfangs ist er bei einer Fliegertruppe. Aber ein früherer Kamerad erkennt ihn und verkauft die Sensationsnachricht gegen ein ansehnliches Honorar an die Tagespresse. Dadurch wird gewaltiger Staub aufgewirbelt, und das Luftfahrtministerium sieht sich veranlaßt, Lawrence, alias Ross, aus der königlichen Luftflotte auszuschließen. Jede Erwähnung seines Namens wird verboten. Sehr merkwürdig, muß man sagen.

Unter dem neuen Namen »Shaw« taucht er nun bei einem Tankkorps unter. Nach zwei Jahren wird er in die Fliegertruppe zurückversetzt, dann nach Indien und hält sich dort an der äußersten Nordwestgrenze just in dem Augenblick auf, als im benachbarten Afghanistan die Revolution ausbricht. Wiederum wird durch eine Indiskretion bekannt, daß der Flieger Shaw kein anderer als der berühmte Oberst Lawrence ist, und wieder sieht sich die britische Regierung genötigt, einzugreifen und ihn offiziell nach England zurückzuschicken. Die englische Presse meldete, daß T. E. Lawrence nach seiner Rückkehr bei einem Flugzeugunglück am 7. Februar 1931 tödlich verunglückt und in Cattwater mit militärischen Ehren begraben worden wäre.

Er soll wieder aus der Armee entfernt werden, aber darf bleiben, wenn er sich bestimmten Bedingungen unterwirft. Diese lauten: Strikte Beschränkung auf die Alltagspflichten eines gewöhnlichen Flugzeugwärters; keinerlei Flüge; keine Auslandsreisen, auch nicht nach Irland; weder Besuche bei irgendwelchen politischen Persönlichkeiten, noch Gespräche mit solchen.

Während des Restes seiner Dienstzeit beschäftigt er sich mit Konstruktion von Motorboottypen, die Wasserflugzeugen in der Nähe der Küste rasch Hilfe bringen sollen, und mit einer Prosaübersetzung der Odyssee, die in dieser Zeit erscheint.

Im Frühjahr 1934 ist er wieder Privatmann und zieht in ein kleines Landhaus in Wessex mit seinen Büchern und seinem Motorrad. Ein Jahr darauf, im Mai 1935, verunglückt er bei einer Motorradfahrt, als er einem Radfahrer ausweichen will, und zieht sich einen schweren Schädelbruch zu.

Während seines Krankenlagers werden täglich Bulletins über seinen Zustand ausgegeben. Der König schickt seinen Leibarzt. Das Lazarett, in dem er liegt, wie auch sein Landhaus werden von besonders ausgewählten Militärposten bewacht: niemandem wird der Zutritt gestattet.

Nach acht Tagen ist Lawrence seinen Verletzungen im Alter von 46 Jahren erlegen. Ganz England ehrte den Toten. Minister Churchill sagte über ihn: »Ich hatte die Ehre, sein Freund zu sein; ich kannte ihn gut und hoffte es noch zu erleben, daß er eine führende Rolle in den Gefahren übernehmen werde, die England jetzt bedrohen. Seit vielen Jahren hat das Britische Reich kein so schwerer Schlag getroffen wie sein vorzeitiger Tod. Er war ein Mann, wie man ihn unter fünfzig Millionen nicht wieder findet.«

Im Juli 1935

Dagobert von Mikusch

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