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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 29
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
projectid423a79c9
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26. Oberst Dawnays Operationen

Gleich danach beschloß ich, zu Dawnay zu gehen. Ich war etwas in Sorge, wie sich dieser nur an reguläre Kämpfe Gewöhnte mit seinem ersten Versuch im Guerillakrieg abfinden würde, zumal dabei erstmalig eine so schwierig zu handhabende und empfindliche Waffe wie Tanks Verwendung finden sollte. Außerdem sprach Dawnay kein Arabisch, ebensowenig wie Peake, sein Kamelsachverständiger, oder Marshall, sein Arzt, darin sehr geübt waren. Seine Truppen waren eine bunte Mischung aus Engländern, Ägyptern und Beduinen, und die beiden letzteren waren sich durchaus nicht gewogen. Daher machte ich mich gegen Mitternacht nach seinem Lager oberhalb Teil Schahm auf und bot mich ihm in möglichst unaufdringlicher Weise als Dolmetscher an.

Zum Glück empfing er mich freundlich und zeigte mir gleich die Aufstellung seiner Truppen. Es war das schönste militärische Bild, das man sich denken konnte. Hier stand geometrisch ausgerichtet der ganze Wagenpark, drüben in gleich peinlicher Ordnung die Tanks, an den geeigneten Stellen vorgeschoben die Feldwachen und Doppelposten mit schußbereiten Maschinengewehren. Sogar die Araber standen an einem gefechtsmäßig gewählten Platz in Deckung hinter einem Hügel als Reserve, und man sah oder hörte nicht das geringste von ihnen. Durch irgendein Zauberkunststück hatten er und Scherif Hazaa es zuwege gebracht, diese unruhigen Geister regungslos an ihrem Platz zu halten. Ich mußte mir auf die Zunge beißen, um die Bemerkung zu unterdrücken, nur eins fehle an dieser Vollkommenheit, nämlich der Feind.

Als er mir dann seinen Operationsplan auseinandersetzte, stieg meine Bewunderung zu schwindelnder Höhe. Alle Gefechtsbefehle waren bis ins kleinste ausgearbeitet: ein vollständiges, streng auf die Minute festgesetztes Programm mit genau geregeltem Ablauf aller Bewegungen. Jede Einheit hatte ihre ganz bestimmte und fest umgrenzte Aufgabe: Mit Morgengrauen sollte von der Deckung des Hügels aus der »Talstützpunkt« angegriffen werden (Tanks). Die Wagen, mit geschlossenen Blenden, sollten vor Anbruch des Tageslichts »Bereitstellung« nehmen und überraschend in die feindlichen Gräben einbrechen. Dann sollten Gerätewagen 1 und 3 die Brücken A und B der Operationsskizze (Maßstab 1:250 000) um Punkt 1 Uhr 30 morgens zerstören, währenddessen sollten die Tanks gegen den »Berg-Stützpunkt« vorfahren und ihn mit Unterstützung von Hazaa und seinen Arabern überrennen (Punkt 2 Uhr 15).

Hornby mit dem Sprengmaterial in Talbotwagen Nr. 40 531 und 41 226 sollte ihnen folgen und Brücken D, E und F zerstören, während die Truppen Frühstückspause machten. Nach dem Essen, wenn die tiefstehende Sonne freie Sicht durch die Luftspiegelung gestattete, um Punkt 8 Uhr auf die Sekunde, sollten die vereinigten Kräfte den »Südstützpunkt« angreifen: die Ägypter von Osten, die Araber von Norden, unterstützt durch Maschinengewehrfeuer der Tanks und durch Brodies Zehnzöller, hinter dem »Beobachtungshügel« aufgestellt. Der Stützpunkt würde fallen, und die Angriffstruppen hatten sich dann gegen die Station Teil Schahm zu wenden, die von Brodie mit Schrapnellfeuer belegt und durch die Flugzeuge (Aufstieg Punkt 10 Uhr von der Lehmfläche der Rumm) bombardiert werden sollte, die Tanks hatten von Westen her gegen sie vorzufahren. Die Araber sollten den Tanks folgen, Peake mit dem Kamelreiterkorps von dem genommenen »Südstützpunkt« aus hangabwärts vorstoßen. »Um Punkt 11 Uhr 30 wird die Station genommen sein«, hieß es im Plan, der so mit Humor schloß. Doch hierin versagte er; denn die Türken, die doch von diesem Plan nichts wußten und es sehr eilig hatten, übergaben die Station zehn Minuten zu früh, der einzige Klecks auf dem blut- und fleckenlosen Programm dieses Tages.

Mit einer vor Bewunderung sanften Stimme fragte ich, ob denn Hazaa das auch begreifen würde. Ich wurde belehrt: da er keine Uhr habe, um die genaue Zeit festzustellen (dabei fiel mir schwer aufs Gewissen, daß ich doch endlich auch einmal meine Uhr richtig stellen müßte), so hätte er seine erste Bewegung zu machen, sobald die Tanks nordwärts schwenkten; seine spätere Tätigkeit würde durch direkten Befehl geregelt werden. Ich schlich hinweg und legte mich eine Stunde schlafen.

Bei Morgengrauen sahen wir die Tanks auf die sandigen Schützengräben zurollen, wo alles noch im Schlaf lag. Die verblüfften Türken kamen heraus und hoben die Hände hoch. Es war wie ein lustiges Kirschenpflücken. Darauf zog Hornby mit seinen beiden Rolls-Lastwagen los, legte ganze hundert Pfund Schießbaumwolle unter Brücke A und zerpulverte sie buchstäblich zu Staub. Der Luftdruck hätte uns beinahe aus unserm vierten Lastwagen herausgeschleudert, von dem aus wir das Gefecht großartig leiteten. Wir eilten hin, um Hornby das entschieden sparsamere Verfahren zu zeigen, nämlich unter Benutzung der Regenabzugslöcher als Minenkammern. Von da ab kamen die Brücken nur mit je zehnpfündiger Ladung herunter.

Als wir bei Brücke D waren, konzentrierten die Tanks ihr Maschinengewehrfeuer auf den »Bergstützpunkt«, einen Halbkreis hoher steinerner Brustwehren (deutlich sichtbar mit ihren langen Morgenschatten) auf einer Höhe, die zu steil war, um hinaufzufahren. Hazaa stand schon bereit, unruhig vor Eifer; und die Türken waren so verdonnert durch das Geknatter und Gespritze aus vier Maschinengewehren, daß die Araber fast im Marschieren die Stellung nahmen. Kirschenpflücken Nummer zwei.

Danach gab es für die Truppen die vorgesehene Pause, für Hornby aber und mich (nun als Hilfssprenger) reichliche Tätigkeit. In den beiden Rolls-Royces, beladen mit zwei Tonnen Schießbaumwolle, fuhren wir die Bahnlinie entlang, und wo es uns gerade gut schien, flogen Brücken und Geleise in die Luft. Die Besatzung der Tanks deckte uns und mußte sich manchmal selbst unter ihre Wagen decken, wenn Sprengstücke mit tönendem Gesang durch die raucherfüllte Luft gesegelt kamen. Ein zwanzig Pfund schwerer Feldstein fiel krachend auf das Panzerdeck eines der Wagen, machte aber nur eine harmlose Beule. In den Pausen wurden die gelungenen Zerstörungen photographiert. Das Ganze war schon mehr ein Jux, eine »bataille de luxe«. Nach dem im Stehen eingenommenen »Lunch« machten wir uns auf, um bei der Einnahme des »Südstützpunktes« zuzuschauen. Er fiel genau auf die festgesetzte Minute, nur nicht ganz programmäßig. Hazaa und seine Amran sollten sich sprungweise fein säuberlich heranarbeiten, wie es Peake und die Ägypter machten. Statt dessen dachten sie, es handle sich hier um ein Hindernisrennen, und der ganze Haufe jagte im Galopp den Hang hinauf, über Brustwehren und Gräben hinweg. Die kriegsmüden Türken gaben die Sache als zwecklos auf.

Nun kam der Hauptpunkt des Programms: der Sturm auf die Station. Peake ging von Norden dagegen vor und setzte sich dabei oft dem Feuer aus, um seine Leute, die nicht eben allzu wild waren auf Schlachtenruhm, vorwärts zu treiben. Brodie eröffnete in seiner üblichen Bedachtsamkeit das Artilleriefeuer, und die Flugzeuge kreisten dicht über den feindlichen Gräben, um pfeifende Bomben abzuwerfen. Die Tanks rollten rauchspeiend vor, und in dem Pulvernebel säumte sich der obere Rand des Hauptgrabens mit Türken in bejammernswertem Zustand, weiße Fetzen in den Händen schwenkend.

Wir kurbelten unsern Rolls-Royce an; die Araber sprangen auf die Kamele; Peakes nun kühn gewordene Leute setzten sich in Lauf, und alles eilte aus Leibeskräften konzentrisch auf die Station los. Unser Rolls machte das Rennen; und ich gewann die Stationsglocke, ein schönes Stück damaszenischer Kupferarbeit. Der nächste bekam den Fahrkartenlocher und der dritte den Amtstempel. Die verdutzten Türken blickten mit steigender Entrüstung auf uns, weil wir sie so offensichtlich als Nebensache behandelten. Eine Minute später kamen die Beduinen mit Geheul herangestürzt, und nun ging die wildeste Plünderung los. In der Station befanden sich zweihundert Gewehre, achtzigtausend gefüllte Patronenrahmen, eine Anzahl Bomben, große Vorräte an Kleidern und Lebensmitteln; und jeder raffte und grapste, was er gerade kriegen konnte. In der allgemeinen Verwirrung trat ein unglückseliges Kamel nahe beim Eingang auf eine der vielen türkischen Flatterminen und brachte sie zur Auslösung. Die Explosion riß dem Tier den Hintern weg und verursachte eine Panik. Man dachte, Brodie habe das Feuer wieder eröffnet.

Während dieser kurzen Unterbrechung der Plünderung fand der ägyptische Offizier einen noch unerbrochenen Schuppen mit Lebensmitteln und stellte eine Wache aus seinen Leuten davor, da sie mit der Verpflegung knapp dran waren. Hazaas Wölfe, noch nicht gesättigt, wollten das Recht der Ägypter auf Teilung gleich und gleich nicht anerkennen. Eine Schießerei begann; aber schließlich erreichten wir durch Verhandlungen, daß sich die Ägypter zuerst von den Vorräten nehmen durften, was sie notwendig brauchten; dann erfolgte eine allgemeine Balgerei um den Rest, daß die Wände barsten.

Die Beute war so reichlich, daß von zehn Arabern immerhin acht sich als befriedigt erklärten. Am nächsten Morgen war von Hazaas Leuten nur noch eine kleine Schar übriggeblieben. Auf Dawnays Programm stand als nächstes die Station Ramleh; doch war sein Eroberungsplan dafür erst in den Anfängen, da die Stellung noch nicht erkundet war. Daher entsandte er Wade in einem Panzerwagen nach Ramleh, ein zweiter wurde ihm als Unterstützung beigegeben. Er fuhr bedachtsam los, näherte sich von Deckung zu Deckung, nichts regte sich. Zuletzt, ohne daß ein Schuß gefallen war, fuhr er – sehr vorsichtig, da überall Tretzündungen und Flatterminen lagen – in den Stationshof hinein.

Das Stationsgebäude war verschlossen. Er steckte sein Seitengewehr durch die Läden, und da sich nichts rührte, brach er das Gebäude auf und durchsuchte es. Er fand nicht eine Seele, dafür aber so viele und brauchbare Dinge, daß Hazaa und die, die bei ihm ausgeharrt hatten, für ihre Tugend reichlich belohnt werden konnten. Der Rest des Tages wurde mit Zerstörungen an der Bahn verbracht, bis wir so viel Schaden angerichtet hatten, daß die Wiederherstellung bei Anspannung aller Kräfte mindestens vierzehn Tage in Anspruch nehmen mußte.

Der dritte Tag war für Mudowwara bestimmt, aber wir setzten wenig Hoffnung darauf und hatten kaum genügend Kräfte. Die Araber waren fort, und auf Peakes Leute war kein rechter Verlaß. Immerhin konnte ja auch in Mudowwara eine Panik ausgebrochen sein wie in Ramleh, und so lagerten wir zur Nacht bei unserer letzten Eroberung. Der unermüdliche Dawnay stellte Posten aus, die ihrem so vortrefflichen Führer nacheifern wollten und einen wahren Buckingham-Paradeschritt auf und ab neben unsern schlafmüden Köpfen aufführten, bis ich dann aufstand und ihnen beibrachte, wie man in der Wüste Wache stünde.

Am Morgen brachen wir auf, um uns Mudowwara näher anzusehen, und fuhren prächtig wie Fürsten in unsern knatternden Wagen über den weichen kiesigen Sandboden, im Rücken den fahlen Schein der frühen Sonne. Dieses Licht hinter uns schützte uns vor Sicht, bis wir dicht heran waren und sahen, daß ein langer Zug in der Station stand. Verstärkung oder Räumung? Einen Augenblick später funkten sie mit vier Geschützen nach uns, von denen zwei vorzügliche kleine österreichische Gebirgshaubitzen waren. Sie schossen haarscharf auf siebentausend Yard, und wir verzogen uns schleunigst in wenig fürstlicher Hast in die nächste Deckung. Von da fuhren wir in weitem Bogen zu der Stelle, wo ich mit Zaal unsern ersten fahrenden Zug erledigt hatte. Die lange Brücke, unter der damals die türkische Patrouille in der brennenden Hitze ihren Mittagsschlaf gehalten hatte, wurde in die Luft gesprengt. Dann kehrten wir nach Ramleh zurück und vollendeten die Zerstörungen so gründlich, daß Fakhri an eine Wiederherstellung nicht mehr denken konnte.

Inzwischen hatte Faisal Mohammed el Dheilan gegen die noch im Betrieb befindlichen Stationen zwischen uns und Maan entsandt. Einen Tag später langte Dawnay mit seinen Zerstörungen bei denen Dheilans an: so fiel die ganze achtzig Meilen lange Strecke von Maan bis Mudowwara uns in die Hände. Durch diese Operationen war es mit einer aktiven Verteidigung von Medina endgültig vorbei.Indessen hielt der tapfere Verteidiger von Medina, der türkische General Fakhri Pascha, die Stadt sogar noch über den Waffenstillstand hinaus. Bis er dann durch eine Meuterei seiner Truppen am 10. Januar 1919 zur Übergabe gezwungen wurde (A. d. Ü.).

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