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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 27
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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24. Der Winter schließt uns ein

Am nächsten und übernächsten Tage schneite es noch stärker. Das Wetter lähmte uns, und als Tag um Tag in ewig gleichem Aussehen verging, entschwand uns die Hoffnung, noch etwas unternehmen zu können. Wir hätten, beflügelt vom Sieg, über Kerak hinaus vorstoßen und die Türken bei Amman durch die Kunde unseres Kommens in Schrecken setzen sollen; doch wie die Dinge lagen, blieben Mühen und Verlust umsonst vertan.

Des Winters Gewalt trieb Führer und Mann in den Schutz der Dörfer und lullte sie in eine lähmende Trägheit, gegen die alles Drängen zur Tat wenig vermochte. Ja, auch die Vernunft riet, in den Häusern zu bleiben. Zweimal wagte ich mich zur Probe auf die schneebedeckte Hochfläche hinaus, wo die toten Türken als armselige braune Haufen steifgefrorener Kleider umherlagen; aber da draußen war der Aufenthalt unerträglich. Tagsüber taute es ein wenig, und mit der Nacht kam wieder Frost. Der eisige Wind zerbiß die Haut; die Finger, steif gefroren, verloren jedes Gefühl; die Wangen zitterten wie totes Laub und krampften sich dann zusammen in starrem Schmerz.

Vorzudringen durch diesen Schnee auf Kamelen, die so ganz besonders ungeeignet sind für glatten Boden, hieß sich der Willkür jeder Handvoll Reiter aussetzen, die uns den Weg sperren wollten; und mit fortschreitender Zeit schwand auch diese Möglichkeit hin. Gerste wurde zum raren Artikel in Tafileh, und unsere Kamele, bereits jeder Weidemöglichkeit durch das Wetter beraubt, mußten nun auch das Trockenfutter entbehren. Es blieb nichts übrig, als sie eine Tagereise weit südlich von unserem Hauptstandort nach dem glücklicheren Ghor zu verschicken.

Meine persönliche Gefolgschaft traf es günstiger als die meisten andern, da Zaagi ein leerstehendes, noch unvollendetes Haus für uns gefunden hatte, mit zwei fertigen Räumen und einem Hof. Meine Barschaft ermöglichte es uns, Brennmaterial zu beschaffen und sogar etwas Getreide für unsere Kamele, die wir in einer geschützten Ecke des großen Hofs untergebracht hatten. Dort konnte Abdulla, der Tierfreund, sie striegeln und jedes einzelne bei Namen herbeirufen und es lehren, ein Stückchen Brot mit der Spitze der Lippen aus seinem Mund zu nehmen, vorsichtig und sanft wie in einem Kuß. Aber dennoch waren es unerquickliche Tage; denn machte man Feuer, um es ein wenig warm zu haben, so erstickte man fast von dem beißenden Rauch des grünen Holzes, und die leeren Fensterhöhlen waren nur notdürftig mit roh zusammengeschlagenen Holzklappen verschlossen, die wir uns selbst gemacht hatten. Durch das Lehmdach tropfte es unablässig den ganzen Tag; und des Nachts hopsten die Scharen der Flöhe auf dem Steinboden vergnügt durcheinander, aus Freude über die ihnen so reichlich zuteil werdenden Mahlzeiten. Wir hockten zu achtundzwanzig in den beiden winzigen Räumen, die von der säuerlichen Ausdünstung der Dichtgedrängten nur so dampften.

Ich hatte in meiner Satteltasche ein Exemplar des »Morte d'Arthur«; und das Lesen erleichterte ein wenig mein Unbehagen. Meinen Leuten gebrach es natürlich an geistiger Ablenkung, und in dieser erzwungenen Untätigkeit und kläglichen Enge verrohten ihre Gemüter. Ihre Wunderlichkeiten, sonst wohl erträglich, gleichsam wie ein aus der Entfernung gesehener Film, widerten mich jetzt an; dazu kam, daß eine Streifwunde an meiner Hüfte sich durch Frost entzündet hatte, und das ewige schmerzhafte Puckern peinigte mich und machte mich gereizt. Die Spannung wuchs zwischen uns von Tag zu Tag, je schmutziger und tierischer unser Zustand wurde.

Der Januar 1918 schleppte sich in den Februar; und diese nervöse Empfindlichkeit gegeneinander wurde zuletzt so unerträglich, daß ich beschloß, die Gesellschaft auseinanderzubringen und wenigstens mit einem Teil meiner Leute aufzubrechen, um das nötige Geld herbeizuschaffen, das wir später bei Eintritt besserer Witterung dringend brauchen würden. Zeid hatte die Hälfte der für Tafileh und das Tote Meer ausgesetzten Summe ausgegeben, teils für Besoldung, teils für Ankauf von Lebensmitteln und Belohnungen an die Sieger von Seil Hesa. Wohin immer wir später unsere Front verlegten, wir mußten in jedem Fall dort neue Mannschaft anwerben und bezahlen; denn nur die ortsansässige Bevölkerung hatte die genaue und sichere Kenntnis ihres heimatlichen Bodens und kämpfte zugleich für die Verteidigung von Haus und Hof.

Joyce mochte wohl Geldsendungen für mich in die Wege geleitet haben, aber das Schicken hatte seine Schwierigkeiten zu dieser Jahreszeit. Sicherer war es schon, selbst hinunterzugehen, und jedenfalls verlockender als dieser ewige Gestank und das untätige Umeinanderhocken in Tafileh. So brachen wir denn unserer fünf in der Frühe eines Tages auf, der etwas heller zu werden versprach als sonst. Wir kamen ziemlich rasch vorwärts bis Reschidiya, und als wir auf den Sattel jenseits hinaufstiegen, sahen wir uns plötzlich über den Wolken im matten Schein der Wintersonne.

Am Nachmittag wurde das Wetter wieder schlecht, und ein rauher Wind fegte von Nord und Ost über die kahle Ebene hin, die wir eben durchritten. Als wir die Furt des Schobeck durchwatet hatten, begann es zu regnen, erst mit heftigen Güssen, dann in gleichmäßigen schrägen Strömen, die sich wie ein rauschender Mantel um unsere linke Schulter legten, als wollten sie uns schützen gegen die erste Gewalt des anstürmenden Windes. Auf dem Boden zu unsern Füßen spritzte es weißlich wie in kleinen Springbrunnen auf vom niederprasselnden Regen. Ohne Aufenthalt ging es weiter, und noch lange nach Sonnenuntergang trieben wir unsere zitternden Kamele, die oft ausglitten und stürzten, durch die grasbewachsenen Täler. Wir schafften, trotz aller Schwierigkeiten, fast zwei Meilen die Stunde; und dieses unerwartet rasche Vorwärtskommen erfrischte uns den Geist und wärmte uns die Glieder.

Ich hatte eigentlich vor, die ganze Nacht durch weiter zu reiten. Aber nahe von Odroh lagerte sich Nebel wie ein dichter Vorhang rund um uns her, während über uns am stillen Nachthimmel Wolkenfetzen, dünn wie Schleier, durcheinanderwirbelten und tanzten. Die Gegenstände veränderten ihr Aussehen: ferne Berge schrumpften ein, und nahe Hügel erschienen gewaltig groß. Wir merkten, daß wir zu weit rechts abgekommen waren.

Der Boden, obgleich anscheinend hart, brach morsch unter dem Gewicht der Kamele durch, so daß sie bei jedem Schritt vier bis fünf Zoll tief einsanken. Die armen Tiere, durchfroren von dem kalten Tag, waren so oft gestolpert und gestürzt, daß ihre zerschundenen Knochen ganz steif waren. Diese neue Schwierigkeit nun machte sie widerspenstig. Sie rannten ein Stück vor, standen plötzlich, schauten rundum und suchten seitlich auszubrechen.

Wir mußten ihnen ihre Wünsche leider versagen und trieben sie vorwärts, bis wir, unkundig des Wegs, in Felstäler gerieten mit zackiger Kammlinie; rechts und links Finsternis und vor uns Berge, wo eigentlich keine Berge sein sollten. Es fror von neuem, und der Steinboden im Tal überzog sich mit Glatteis. In dieser Nacht des Irrens noch weiter vorzudringen, wäre Wahnsinn gewesen. Wir fanden einen breiten Felsvorsprung. Hier mochte etwas Schutz sein, und dahinter lagerten wir unsere Kamele enggedrängt nebeneinander, Schwänze nach dem Wind, denn mit dem Kopf dem Wind entgegen konnten sie über Nacht vor Kälte eingehen. Wir verkrochen uns zwischen sie, in der Hoffnung auf etwas Wärme und Schlaf.

Warm wurde uns überhaupt nicht, und Schlaf bekam ich kaum. Einmal war ich eingeschlummert, um gleich wieder aufzufahren von dem Gefühl, als strichen sanfte Finger über mein Gesicht. Ich starrte in eine Nacht, fahl von großen, weichen Schneeflocken. Nach wenigen Minuten ging der Schnee in Regen über, und dann fror es wieder; ich rollte mich zu einer Kugel zusammen, von Schmerzen gepeinigt, aber zu elend, um mich noch zu rühren bis zum Morgengrauen. Nur zögernd kam die Dämmerung, doch man konnte nun wenigstens sehen. Ich drehte mich im nassen Schmutz herum zu meinen Leuten: in ihre Mäntel gewickelt, kauerten sie verloren an die Flanken ihrer Tiere geschmiegt. In ihren Gesichtern lag ein qualvoller Ausdruck stumpfer Hoffnungslosigkeit.

Mit Tageslicht öffnete sich ein wenig der Horizont, und wir stellten fest, daß unser richtiger Weg eine Viertelmeile links von uns lag. Auf diesem arbeiteten wir uns nun zu Fuß weiter. Die Kamele waren zu herunter, um noch unser Gewicht zu tragen (außer dem meinigen gingen fast alle auf dem Marsch ein); doch war der lehmige Boden so glitschrig, daß wir gleich den Tieren fortwährend rutschten und hinfielen.

Trotzdem es kalt genug schien, fror es nicht; denn der Wind hatte sich über Nacht gedreht und fegte uns nun von Westen in orkanartigen Stößen entgegen. Unsere Mäntel bauschten sich auf und drückten wie gestraffte Segel hindernd gegen uns. Schließlich zogen wir sie aus, und in dem losen, hemdartigen Kleid der Araber, das wir fest zusammenknüpften, damit die langen nassen Enden uns nicht um die Beine klatschten, ging es sich leichter. Die Richtung der Sturmwirbel erkannte man schon von weitem an den weißen Nebelfetzen, die sie über Berg und Tal fegten. Unsere Hände waren klamm bis zur völligen Gefühllosigkeit, und die Wunden und Risse darauf merkten wir nur an den roten Furchen in der Lehmkruste, mit der sie überzogen waren. Doch waren unsere Körper nicht so erstarrt, um nicht zusammenzuschauern unter dem Hagelgeprassel einer jeden Sturmbö. So gut es ging, drehten wir dann jedesmal dem Unwetter unsere weniger mitgenommene Seite zu und hielten das Kleid weit vom Leibe ab, wie einen Schild.

Am späten Nachmittag hatten wir die zehn Meilen nach Aba el Lissan hinter uns. Maulud war mit seinen Leuten talwärts gezogen, und niemand zeigte sich, uns zu begrüßen. Das war uns ganz lieb, denn wir waren verschmutzt und elend, hager wie geschorene Katzen. Die letzten zwei Meilen bis auf die Höhe von Shtar ging es besser, da der Boden steinhart gefroren war. Wir stiegen wieder auf die Kamele, die unwillig den Atem in weißen Dampfwolken aus den Nüstern stießen, und galoppierten zur Höhe hinauf, wo wir, durch Wolkenklüfte hindurch, das erste wunderbare Leuchten der Ebene von Guweira erspähten: warm, rot, verlockend. Die Wolken hatten die Tiefe seltsam überdacht, gleichsam wie mit einer flachen Schicht geronnener Milch, die quer durch den Himmel hin in Höhe unseres Gipfels lagerte. Minutenlang standen wir in den Anblick versunken. Zuweilen riß sich eine Flocke von diesem meerschaumartigen Wolkenvlies los und trieb auf uns zu. Wir auf der steilen Höhe fühlten sie an unsern Gesichtern vorbeistreifen; und uns umwendend sahen wir, wie sie sich über den rauhen Kamm zog als ein weißer Saum, der dann in Fetzen zerriß, um als ein Schauer von Hagelkörnern oder Regengeriesel in dem moorigen Grund zu verschwinden.

Nachdem wir dieses Himmelsschauspiel genügend bewundert hatten, glitten und rutschten wir munter den Paßweg hinab zu trockenem Sand und milder, stiller Luft. Doch war die Freude nicht so ungetrübt wie wir gehofft hatten. Der Schmerz des in unsere abgestorbenen Glieder und Gesichter zurückströmenden Blutes war weit heftiger als der Schmerz des allmählichen Erstarrens; und wir wurden jetzt erst gewahr, daß unsere Füße zum Teil bis auf die Knochen zerfetzt und zerschunden waren. In dem eisigen Schlamm hatten wir nichts gespürt; jetzt aber biß der warme, salzige Sand wie Pfeffer in den Wunden. In unserer Verzweiflung stiegen wir wieder auf die kranken Kamele und trieben sie mit Stockschlägen Guweira zu. Immerhin hatte die Wärme sie etwas aufgemuntert, und, wenn auch langsam, brachten sie uns schließlich an unser Ziel.

Aus Akaba trafen für mich dreißigtausend Pfund in Gold ein, und außerdem meine Wodheiha, eine Kamelstute gelblicher Färbung und das beste Tier, das noch in meinem Stall vorhanden war: reines Ateibablut, das ihrem früheren Besitzer manches Rennen gewonnen hatte. Zudem war es in vorzüglicher Verfassung, gut genährt, aber nicht zu fett, die Hufe gehärtet durch viele Ritte über den kiesigen Boden des Nordens, das Fell dicht und mattglänzend. Sie war nicht sehr groß und sah etwas schwerfällig aus, hatte aber einen weichen Gang und war bequem zu reiten: ein leichter Druck auf die vordere Sattelbausche genügte, um sie nach rechts oder links zu wenden; ich ritt sie ohne Stock und las ruhig ein Buch im Sattel, wenn es der Marsch gestattete.

Da meine eigene Gefolgschaft in Azrak und Tafileh oder auch unterwegs war, bat ich Faisal um Begleitung für meine Rückkehr. Er stellte mir zwei Ateiba-Kamelreiter, Serdj und Rameid, zur Verfügung und außerdem zur Hilfe bei dem Goldtransport noch den Scheikh Motlog, dessen Qualitäten wir entdeckt hatten, als unsere Panzerwagen seinerzeit die Ebenen zwischen Mudowwara und Tebuk erkundet hatten.

Motlog war damals als Landeskundiger mitgefahren und hatte, hoch auf dem getürmten Gepäckstapel eines Fordwagens thronend, uns den Weg gewiesen. Die Wagen waren aus und ein zwischen den Sandhügeln hindurchgerast, schwankend wie Boote auf hoher See. An einer scharfen Kurve waren sie wie toll auf zwei Rädern herumgeschliddert, und Motlog war kopfüber herausgeschleudert worden. Marshall hatte sofort angehalten, war besorgt zurückgelaufen und wollte sich eben für diese Fahrerei entschuldigen. Aber der Scheikh, sich betrübt den schmerzenden Kopf reibend, sagte nur höflich: »Seien Sie mir, bitte, nicht böse; ich habe es nicht gelernt, auf diesen Dingern zu reiten.«

Das Gold war in Säcken zu je tausend Pfund verstaut. Ich verteilte je zwei Säcke an vierzehn von Motlogs zwanzig Leuten, die beiden übrigbleibenden nahm ich selbst. Ein Sack wog zweiundzwanzig Pfund, und bei den schauderhaften Wegeverhältnissen waren zwei, rechts und links an den Satteltaschen baumelnd, für ein Kamel ein anständiges Gewicht. Wir brachen gegen Mittag auf und hofften einen langen ersten Marsch zu machen, bevor wir in die Ungunst der Berge kamen. Leider aber fing es schon nach einer halben Stunde zu gießen an, und ein veritabler Dauerregen durchnäßte uns gründlich; das Fell der Kamele kräuselte sich zusammen, daß sie aussahen wie nasse Hunde.

Motlog entdeckte ein Zelt im Schutz eines Sandsteinhügels, es war das des Scherif Fahad. Trotz meines Vorwärtsdrängens bestand er darauf, hier die Nacht zu bleiben, um abzuwarten, wie es morgen in den Bergen aussähe. Ich wußte im voraus, daß das ein bedenklicher Entschluß sei, und daß es dabei auf ein tagelanges, unentschlossenes Abwarten hinauskommen würde. Daher sagte ich ihm kurzentschlossen Lebewohl und ritt weiter, begleitet von meinen beiden Ateiba, Serdj und Rameid, und von sechs Howeitat aus der Gegend von Schobeck, die sich meiner Karawane angeschlossen hatten.

Die Auseinandersetzung hatte uns aufgehalten, und so erreichten wir erst bei Dunkelheit den Fuß der Paßhöhe. In dem beharrlichen trostlosen Regen bereuten wir fast schon unsere Tatkraft und beneideten Motlog, der jetzt wohlgeborgen im Zelt bei Fahad saß, als wir plötzlich links von uns rötlichen Feuerschein entdeckten. Wir ritten darauf zu und fanden Saleh ibn Schefia, der dort mit seinem Aufgebot von dreihundert Freiwilligen aus Janbo in einem Zelt und drei Höhlen lagerte.

Trotz meines völlig durchnäßten Zustandes führte er mich auf seinen Teppich im Zelt und versah mich mit einem neuen, eigens von seiner Mutter genähten Gewand, indes wir auf das Mahl warteten: heißdampfendes Fleisch mit Reis. Dann legten wir uns nieder und schliefen sehr zufrieden die ganze Nacht durch, während der Regen auf das doppelte Leinendach seines Mekkazeltes trommelte.

Früh am Morgen waren wir wieder auf und verzehrten rasch einige Handvoll von Salehs Brot. Als wir dann den Aufstieg begannen, blickte Serdj empor und sagte: »Der Berg trägt sein Hauskäppchen.« Auf jedem Gipfel lag ein weißes Schneedach, und die Ateiba eilten rasch die Höhe zum Paß hinauf, um dieses neue Wunder mit Händen zu fühlen. Auch die Kamele kannten noch keinen Schnee und beugten zwei- oder dreimal ihre langen Hälse nieder, um diese blendende Weiße prüfend zu beschnuppern; dann aber streckten sie ihre Köpfe vor und blickten geradeaus, ohne des weiteren noch Interesse dafür zu zeigen.

Als wir dann später die Köpfe über den letzten Höhenrand steckten, fuhr uns ein Sturmwind aus Nordost in die Zähne, so schneidend und eisig, daß wir, nach Atem ringend, schleunigst wieder in sicheren Schutz zurückwichen. Es schien uns einfach unmöglich, diesem Sturm zu trotzen; aber wir wußten, das war Torheit, und so drängten wir uns dicht aneinander und arbeiteten uns vor, bis wir wenigstens vor der ersten Gewalt des Sturmes in einem Tal ein wenig Schutz fanden. Serdj und Rameid, erschrocken über den ihnen ungewohnten schneidenden Schmerz in den Lungen, glaubten, sie müßten ersticken. Um ihnen den inneren Kampf mit der Verlockung gastlich winkender Zelte zu ersparen, führte ich meine kleine Schar in weitem Bogen um den Hügel herum, hinter dem verborgen Maulud mit seiner vom Wetter hart mitgenommenen Truppe lagerte.

Maulud mit seinen Leuten hatte es hier, viertausend Fuß über Meereshöhe, schon zwei Monate ohne Ablösung ausgehalten. Sie hausten in niedrigen, in den Berghang gegrabenen Löchern. Sie hatten kein Brennholz außer dem spärlichen, feuchten Gestrüpp des Wermuts, das knapp dazu reichte, um sich jeden zweiten Tag das allernotwendigste Brot zu backen. Bekleidet waren sie nur mit dem Khakileinen der englischen Sommeruniform. Sie schliefen in den vom Regen durchweichten, von Würmern wimmelnden Löchern auf leeren oder halbleeren Mehlsäcken, zu sechs oder sieben eng zusammengeknäult, damit die wenigen zerschlissenen Lagerdecken allen wenigstens etwas Wärme spendeten.

Weit mehr als die Hälfte von ihnen starben oder trugen für ihr ganzes Leben einen Schaden davon durch die Kälte und Nässe. Und dennoch hielten sie die Wacht, wechselten täglich Schüsse mit den türkischen Außenposten, und nur die Ungunst des Wetters bewahrte sie vor einem vernichtenden feindlichen Angriff. Wir hatten ihnen viel zu verdanken, mehr noch Maulud, dessen mutiges Ausharren ihnen den Rücken stärkte.

Uns brachte freilich auch dieser eine Tag schon Mühsal genug. Zunächst, auf dem breiten Rücken oberhalb Aba el Lissan, war der Boden hart gefroren, und nur der scharfe Gegenwind hinderte unser rasches Vorwärtskommen. Aber dann begannen erst die eigentlichen Schwierigkeiten. Mitten im Schlamm am Fuß einer zwanzig Fuß hohen, steilen, und mit glitschrigem Lehm überzogenen Erhebung standen die Kamele still und äugten daraufhin, als wollten sie sagen, wir können euch unmöglich dahinauf tragen. Wir saßen ab, um sie zu führen, rutschten aber mit ihnen schon nach wenigen Schritten wieder hinunter. Schließlich zogen wir unsere neuen kostbaren Stiefel aus, die man uns zum Winter gegeben hatte, und barfuß vorauskletternd, hißten wir die Kamele den steilen Hang hinauf, so, wie wir es schon auf dem Hinmarsch getan hatten.

Damit war es mit der Annehmlichkeit des Reitens so ziemlich vorbei, und wir mußten bis Sonnenuntergang wohl an die zwanzig Mal absteigen. Manchmal war dieses Absitzen unfreiwillig, wenn nämlich die Kamele ausrutschten und hinstürzten, wobei dann zum Rumpeln ihrer Bäuche, die wie hohle Fässer klangen, die Goldstücke in den Säcken lustig klapperten. Solange sie noch bei Kräften waren, machte sie das ewige Hinstürzen so böse, wie nur Kamelstuten sein können; später begannen sie laut zu klagen und wurden scheu. Auch wir waren ziemlich kurz angebunden miteinander, denn der widerwärtige Wind ließ uns keine Ruhe. Nichts ist schlimmer in Arabien als ein Nordwind auf der Hochfläche von Maan, und gerade heute stürmte er in ungewohnter Heftigkeit und mit schneidender Kälte daher. Es blies durch unsere Kleider hindurch, daß man das Gefühl hatte, nackt zu sein, machte die Finger zu steifen Klumpen, daß man weder Reitstock noch Zügel halten konnte, und verkrampfte unsere Schenkel, daß wir keinen Halt mehr hatten im Sattel. Wenn wir daher von unsern stürzenden Tieren abgeworfen wurden, so flogen wir jedesmal im Reitsitz, steifgefroren mit gekreuzten Beinen, auf den Boden.

Immerhin aber regnete es nicht, der Wind trocknete den Boden, und standhaft setzten wir unsern Weg gen Norden fort. Am Abend hatten wir bereits das Flüßchen Basta erreicht. Demnach also waren wir mehr als eine Meile in der Stunde vorwärts gekommen; und da ich fürchten mußte, daß Mann und Kamele am nächsten Morgen zu erschöpft sein würden, um Ähnliches zu leisten, wollte ich den heutigen Tag ausnutzen und trieb meine Schar in der Dunkelheit weiter über den kleinen Fluß. Er war angeschwollen, und die Tiere scheuten; so mußten wir sie führen und zu Fuß durch drei Fuß tiefes, eisiges Wasser waten.

Als wir jenseits auf die Höhe kamen, stürzte sich der Wind wie ein wütender Feind auf uns. Gegen neun Uhr abends warfen sich meine Begleiter schreiend zu Boden und weigerten sich, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Ich war selbst nahe am Heulen; nur aus Ärger über ihr lautes Gejammer hielt ich an mich und war daher schließlich wider Willen froh, ihrem Beispiel zu folgen. Die neun Kamele wurden rings in eine Phalanx gelagert, und wir legten uns in den engen Kreis leidlich geschützt zwischen sie, umbrandet vom heulenden Sturm wie ein Schiff auf hoher See. Die wenigen Sterne am nächtlichen Himmel leuchteten hell, und es schien, als wechselten sie launenhaft ihre Plätze und Gruppierungen zwischen den Wolken, die über unsere Köpfe dahinjagten. Jeder von uns war mit zwei Armeedecken versehen, und wir hatten auch noch einen kleinen Brotvorrat; so waren wir gegen das Schlimmste gefeit und konnten in Dreck und Kälte wohlbehütet schlafen.

Am nächsten Morgen marschierten wir erfrischt weiter: aber das Wetter war feucht und naß, und aus dem grauen Dunst ragten die mit vergilbtem Wermutkraut bewachsenen Höhen. An ihren Hängen standen die verwitterten Kalksteinrippen dieses uralten Bodens heraus. In den aufgeweichten Talgründen begannen unsere Schwierigkeiten von neuem. Jedes dieser nebelerfüllten Täler war ein einziger träger Strom schmelzenden Schnees; und schließlich begannen wieder neue dichte Schauer nasser Flocken zu fallen. Zu Mittag, es herrschte ein Zwielicht wie bei Anbruch des Abends, erreichten wir die trostlosen Ruinen von Odroh. Ein ab und zu Atem holender Wind blies, und träge dahinziehende Wolkenmassen und ein nebliger Sprühregen schlossen uns ringsum ein.

Ich wollte rechts abbiegen, um die Beduinen zwischen uns und Schobeck zu vermeiden, denn die uns begleitenden Howeitat führten uns geradeswegs auf ihr Lager zu. Wir waren sechs Meilen in sieben Stunden geritten, und sie waren erschöpft. Die beiden Ateiba waren nicht allein erschöpft, sondern demoralisiert und schwuren, sie würden sich um keinen Preis der Welt davon abhalten lassen, nach den Zelten zu reiten.

Ich meinerseits fühlte mich noch ziemlich frisch und nicht geneigt, durch die Gastfreundschaft der Stämme unnütz Zeit zu vergeuden. Die Geldnot Zeids gab vortrefflichen Vorwand, um es auf eine Kraftprobe mit dem edomitischen Winter ankommen zu lassen. Schobeck war nur noch zehn Meilen entfernt, und ich hatte noch fünf Stunden Tageslicht. Daher beschloß ich, allein meinen Weg fortzusetzen. Gefahr war dabei nicht, denn in solchem Wetter war kein Türke oder Araber draußen, und ich war freier Herr aller Wege. Also nahm ich Serdj und Rameid ihre vier Beutel Gold ab, und während sie durch das Tal hindurch noch an meiner Seite ritten, fluchte ich sie zur Hölle als erbärmliche Feiglinge, die sie wirklich nicht waren. Rameid rang in tiefen Schluchzern nach Atem, und Serdj, überreizt von Schmerz, brach bei jedem Stoß seines Kamels in ein langgezogenes Stöhnen aus. Sie tobten vor kläglicher Wut, als ich sie entließ und fortritt.

Die Wahrheit zu sagen: ich hatte das beste Kamel. Die treffliche Wodheiha kämpfte sich tapfer weiter, nun unter dem dreifachen Gewicht des Goldes. Auf ebenen Stellen blieb ich im Sattel; bei Steigungen und Hängen krochen oder rutschten wir beide Seite an Seite, oft unter komischen Zwischenfällen, an denen auch sie offenbar ihren Spaß hatte.

Bei Sonnenuntergang hörte der Schneefall auf. Ich stieg zum Schobeckfluß hinunter; drüben entdeckte ich eine bräunliche Spur, die, sich über die Hügel hinwegwindend, nach dem Dorfe hinführte. Ich gedachte den Weg abzukürzen; doch die hartgefrorene Kruste über dem schlammigen Ufer täuschte mich: ich brach durch die Eisdecke durch (sie war scharf wie Messer) und saß so fest im zähen Moder, daß ich schon fürchtete, ich müßte hier die ganze Nacht verbringen, halb im Schlamme steckend oder ganz darin versinkend, was den Tod wenigstens beschleunigt hätte.

Wodheiha, ein kluges Tier, hatte sich geweigert, in den Morast hineinzugehen; jetzt stand sie verlegen am festen Uferrand und blickte ernsthaft auf meine Scherze da im Schlamm. Doch mit Hilfe des langen Kopfhalfters, den ich noch in der Hand hatte, gelang es mir, sie zu einigem Näherkommen zu bewegen. Dann warf ich mich plötzlich mit meinem ganzen Körper rückwärts in den aufplatschenden Schlamm, und, mit der Hand rasch über den Kopf greifend, bekam ich ihr Fesselgelenk zu fassen. Sie scheute und drängte zurück und zog mich so heraus. Dann krochen wir flußabwärts bis zur sicheren Furt und gingen über; nachdem ich mich, freilich etwas zögernd, mitten in den Fluß gesetzt hatte, um den stinkenden Schlamm abzuspülen.

Am ganzen Körper vor Kälte zitternd, saß ich wieder auf. Über einen Bergrücken hinweg gelangten wir an den Fuß des symmetrischen Bergkegels, dessen Höhe gekrönt war von der Ringmauer des alten Kastells von Monreale, die sich in edlen Formen vom Nachthimmel abhob. Der Kreideboden war hart, und es fror; fußtiefe Schneewehen lagen zu beiden Seiten des gewundenen Pfades, der zur Höhe hinaufführte. Das weißschimmernde Eis krachte laut unter meinen nackten Füßen, als ich mich dem Tor näherte. Um würdigen Einzug zu halten, stieg ich über die geduldige Schulter Wodheihas in den Sattel. Doch bereute ich das bald: das Tier scheute, beängstigt von diesem seltsamen Ort, und hastete eilig unter den Kragsteinen der breiten niedrigen Toreinfahrt hindurch, so daß ich ihnen nur mit knapper Not ausweichen konnte, indem ich mich seitwärts am Nacken Wodheihas niederbeugte.

Ich wußte, daß Abd el Mayin noch in Schobeck war, und ritt unbesorgt die nachtstille Straße hinauf. Wodheiha stolperte unsicher über steinerne Stufen, die unter der dicken Schneedecke verborgen lagen; doch ich achtete nicht darauf, denn ich hatte mein Ziel für diese Nacht erreicht und brauchte überdies einen Sturz auf der pulvrigen Schneedecke nicht zu fürchten. An einer Straßenkreuzung rief ich laut den nächtlichen Segensgruß; eine Minute darauf hörte ich eine heisere Stimme im Namen Gottes erwidern; sie kam hinter der dicken Sackleinwand hervor, mit der das viereckige Guckloch an dem schäbigen Hause rechts von mir verstopft war. Ich fragte nach Abd el Mayin und bekam die Antwort: »im Regierungshaus«; es lag am andern Ende nahe der alten Ringmauer.

Dort angelangt, rief ich wiederum. Eine Tür wurde aufgestoßen, und eine Wolke Lichtes fiel heraus, wirbelnd von Staub und Rauch, durch die ich schwarze Gesichter spähend nach mir auslugen sah. Ich rief sie freundlich bei Namen an und sagte, daß ich gekommen sei, um mit ihrem Herrn ein Schaf zu essen; worauf drei Sklaven lärmend und erstaunt herausgeeilt kamen. Sie nahmen meine Wodheiha in Empfang, die sie in den dunstigen Stall einstellten, wo sie selbst hausten. Einer leuchtete mir mit einem flammenden Span die steinerne Außentreppe zur Haustür hinauf und, an andern Dienern vorbei, durch einen gewundenen Gang hin, dessen schadhaftes Dach von Wasser tropfte, bis zu einem winzigen Raum. Dort lag Abd el Mayin auf einem Teppich, mit dem Gesicht nach unten, um möglichst wenig von dem Rauch in der Luft einzuatmen.

Meine Beine zitterten vor Müdigkeit; ich warf mich neben ihm auf den Teppich in gleicher Stellung wie er, um den erstickenden Dünsten eines offenen Beckens mit flammendem Holzfeuer zu entgehen, das in einer tiefen Fensternische der mächtigen Außenwand stand. Mein Gastfreund brachte trockene Kleidung für mich herbei, während ich mein nasses Zeug auszog und es zum Trocknen neben das Feuer hing, das jetzt, nur noch rotglühend, weniger beißend war für Augen und Kehle. Abd el Mayin klatschte in die Hände, um das Abendessen zu beschleunigen und ließ »Fauzan« (Tee im Harithdialekt, so benannt nach seinem Vetter, dem Gouverneur ihres Dorfes) servieren, heiß, würzig und reichlich; dann wurde der in Fett und Rosinen gedämpfte Hammel hereingebracht.

Nachdem er das Mahl gesegnet hatte, erklärte er, daß sie morgen entweder Hungers sterben oder auf Raub ausgehen müßten, da er hier zweihundert Mann hätte und weder Nahrung noch Geld. Die zu Faisal entsandten Boten wären im Schnee steckengeblieben. Daraufhin klatschte ich nun meinerseits in die Hände, ließ meine Satteltaschen herbeibringen und übergab ihm fünfhundert Pfund als Anzahlung. Das war gute Bezahlung für das Essen, und wir waren recht vergnügt über meinen verrückten Einfall, zur Winterzeit ganz allein durch die Welt zu reiten mit sechs Säcken voll Gold als Gepäck. Ich wiederholte, daß auch Zeid, wie er, in schwieriger Lage wäre, und erzählte von Serdj und Rameid nebst den Howeitat. Des Scherifs Augen verdunkelten sich vor Zorn, und er hieb mit der Reitgerte durch die Luft. Ich erklärte ihm, um ihr Versagen in milderem Licht erscheinen zu lassen, daß mir die Kälte nichts anhaben könne, da das englische Klima fast das ganze Jahr so wäre wie jetzt hier. »Gott behüte!« sagte Abd el Mayin.

Nach einer Stunde entschuldigte er sich: er habe gerade eine Schobeckfrau geheiratet. Ich wickelte mich in die Decken und schlief warm und fest. Der Flöhe gab es zahllose, aber meine Nacktheit, der arabische Schutz gegen ein verseuchtes Lager, linderte die Plage; und von den Bissen und Beulen spürte ich infolge meiner großen Ermüdung nicht viel.

Am Morgen erwachte ich mit schauderhaftem Kopfschmerz und erklärte, daß ich weiterziehen müßte. Zwei Männer fanden sich bereit, mich zu begleiten, obgleich alle erklärten, wir könnten Tafileh nicht in dieser Nacht erreichen. Nun, ich dachte, schlimmer als gestern wird es auch nicht kommen, und so stiegen wir vorsichtig den steilen, glatten Pfad des Bergkegels zur Ebene hinab, durch die noch heute die alte Römerstraße läuft, begleitet von umgestürzten Meilensteinen mit Inschriften ruhmvoller Kaiser.

Hier in dieser Ebene liefen mir die beiden Hasenfüße davon, zurück zu ihren Gefährten im Dorf. Ich arbeitete mich allein weiter, bald auf meinem Kamel, bald danebenlaufend, denn der Weg war überall sehr glatt, ausgenommen auf der antiken Pflasterung, der letzten Spur des kaiserlichen Roms, das vorzeiten mit soviel mehr Erfolg die Rolle des Türken gegenüber dem Wüstenbewohner gespielt hatte. Solange ich auf dieser Straße war, konnte ich reiten; nur die Einbrüche mußte ich zu Fuß durchwaten, wo die Fluten von vierzehn Jahrhunderten den Unterbau fortgewaschen hatten. Regen kam und durchnäßte mich; dann, mit leichtem Wind, kam wieder Frost: ich knackte in meiner Rüstung aus weißer Seide wie ein Theaterritter oder wie ein steif gefrorener Hochzeitskuchen.

Nach drei Stunden hatten Wodheiha und ich in prachtvollem Ritt die Ebene hinter uns. Nun aber fing die Mühsal wieder an. Der Schnee lag sehr hoch, wie es meine Führer gesagt hatten, und kein Weg war mehr zu erkennen. Es ging jetzt in großen Windungen bergauf, zwischen Hügeln und wirren Steinhaufen hindurch. Es kostete mich schon ein Übermaß von Anstrengung, nur um die beiden ersten Biegungen herumzukommen. Wodheiha, erschöpft durch das ewige knietiefe Waten in diesem sinnlosen weißen Zeugs, begann sichtlich zu erschlaffen. Doch stapste sie weiter, um gleich darauf bei einer abschüssigen Stelle am Rand des Pfades fehlzutreten. Wir kollerten beide zusammen einige achtzehn Fuß tief den Hang hinunter und landeten in einer hohen, verharschten Schneewehe. Nach dem Sturz richtete sie sich wimmernd wieder hoch und stand zitternd still.

Wenn Kamelhengste nicht mehr vom Fleck wollen, gehen sie gewöhnlich auf der gleichen Stelle, nach Tagen, ein; und ich mußte fürchten, daß ich nun auch an der Grenze der Leistungsfähigkeit einer Kamelstute angelangt war. Ich stellte mich vor sie hin, stemmte mich gegen den Schnee und versuchte sie herauszuziehen, vergebens. Dann verbrachte ich viel Zeit mit dem Versuch, sie von hinten vorzuschieben. Dann stieg ich auf, sie ging nieder; ich sprang ab, half ihr wieder hoch und überlegte, daß ihr vielleicht die Schneewehe zu mächtig sein könnte. So höhlte ich ihr einen prächtigen, kleinen Weg aus, einen Fuß breit, drei tief und achtzehn Schritt lang, meine bloßen Füße und Hände als Werkzeuge benutzend. Der Schnee war auf der Oberfläche so hart gefroren, daß ich meine ganze Kraft brauchte, um ihn erst durchzubrechen und dann auszuhöhlen. Die Kruste war scharf und riß mir Handgelenk und Fußknöchel auf, so daß das Blut herunterlief und der Wegrand mit rosa Kristallen gesäumt war, die aussahen wie blasses, sehr blasses Fleisch von Wassermelonen.

Darauf ging ich zu Wodheiha zurück, die geduldig noch auf dem gleichen Fleck stand, und stieg in den Sattel. Sie ging leicht an. Ich setzte sie in Trab, und im Schwung des Anlaufes kamen wir gleich den Hang wieder hinauf bis zum Weg. Jetzt gingen wir sehr vorsichtig weiter; ich, zu Fuß voraus, tastete mit dem Stock vorsichtig den Boden ab oder grub schmale Pfade, wenn die Schneeverwehung zu tief war. In drei Stunden war ich auf dem Gipfel, seine westliche Seite war vom Winde freigefegt. Wir verließen daher den eigentlichen Weg und kletterten den zerklüfteten Grat entlang. Zur Linken sah ich über die schachbrettartigen Häuser des Dorfes Bana hinweg in das sonnige Arabah, grün und frisch, Tausende von Fuß unter mir.

Später mußten wir von dem Grat abbiegen, und schwere Arbeit begann von neuem. Zuletzt blieb Wodheiha aufs neue unbeweglich stehen. Jetzt wurde die Sache ernst, denn der Abend war nahe. Wir waren ganz allein hier oben auf der Höhe, und wenn uns die Nacht hier fand und keine Hilfe kam, so mußte Wodheiha, dieses edle Tier, sterben. Zudem hatten wir noch die schweren Goldsäcke, und ich war mir doch nicht ganz sicher, ob man, selbst in Arabien, sechstausend Sovereigns, nur mit dem Siegel des Eigentümers versehen, so einfach am Wege deponieren und eine Nacht liegenlassen könnte. So blieb mir nichts anderes übrig, als das Tier hundert Yard weit auf unserer eignen Spur wieder zurückzuführen. Ich stieg auf und trieb sie gegen den Hang zu. Sie ging willig an, und wir kamen in einem Zug bis auf den nördlichen Höhenrand, von dem aus man unten im Tal Rascheidiya, das Senussidorf, sehen konnte.

Auf dieser Seite des Berges, windgeschützt und von der Nachmittagssonne beschienen, war der Boden getaut. Unter dünner Schneeschicht war feuchter und schlammiger Grund, und als Wodheiha eilig darüber hintrabte, glitt sie aus und setzte sich auf den Boden, alle vier Füße vorgestreckt.

Auf ihrem Schwanz, mich noch im Sattel, schlidderte sie, sich ein paarmal umdrehend, an die hundert Fuß flott hinunter. Sie mochte sich vielleicht den Schwanz dabei verletzt haben (unter dem Schnee waren Steine), denn unten angekommen, sprang sie hastig auf die Beine, stöhnte und schlug mit dem Schwanz aus wie ein Skorpion. Dann begann sie loszulegen und rannte mit einer Stundengeschwindigkeit von zehn Meilen, gleitend und rutschend, auf dem lehmigen Pfad Rascheidiya zu, während ich, in ständiger Furcht vor Sturz und gebrochenen Knochen, am Sattelknauf festgeklammert hing.

Einige von Zeids Leuten, hier auf ihrem Weg zu Faisal durch das Wetter festgehalten, kamen, als sie das laute Getrampel hörten, herbeigelaufen und schrien vor Vergnügen über einen so feierlichen Einzug in das Dorf. Ich fragte, was es Neues gäbe, und sie sagten, alles stände gut. Dann ritt ich noch die letzten acht Meilen bis nach Tafileh, übergab Zeid seine Briefe und etwas Geld und legte mich erleichtert zu Bett . . . flohgeplagt für eine weitere Nacht.

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