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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 26
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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23. Kampf um Tafileh

In Guweira warteten wir auf Nachrichten über die Eröffnung unserer Operation gegen Tafileh, eine Gruppe von Dörfern, mit deren Besitz man den Südrand des Toten Meeres beherrschte. Der Platz sollte von Westen, Süden und Osten zugleich angepackt werden; die Ostgruppe sollte den Tanz eröffnen durch den Angriff auf Djurf, die nächstgelegene Station der Hedjasbahn. Die Führung dieses Angriffes war Scherif Nasir, dem Glücklichen, anvertraut. Zu seiner Unterstützung hatte er Nuri Said, den Stabschef Djaafars; er befehligte eine kleine Abteilung regulärer Truppen mit einem Geschütz und einigen Maschinengewehren und sollte von Djefer aus vorgehen. Nach drei Tagen kam der erwartete Bericht. Wie stets hatte Nasir den Vorstoß mit Geschick und Umsicht geleitet. Djurf, das Angriffsziel, eine Station von drei Steingebäuden, war durch Schützengräben und Außenwerke gut befestigt. Jenseits der Station lag ein niedriger Erdwall, vom Feinde gut ausgebaut und mit zwei Maschinengewehren und einem Gebirgsgeschütz bestückt. Auf einige Entfernung vor dem Erdwall lag ein hoher steiler Bergrücken, letzter Ausläufer der Berge, die Djefer von Bair trennen.

In diesem Bergrücken lag die Schwäche der Verteidigung, denn die Türken waren nicht stark genug an Zahl, um ihn und die Station samt Erdwall zugleich zu besetzen, und sein Kamm überhöhte die Bahnlinie. Es gelang Nasir während der Nacht, vom Feinde unbemerkt die Höhe des Rückens zu besetzen, worauf er oberhalb und unterhalb der Station die Bahn unterbrach. Als es eben hell wurde, brachte Nuri Said sein Gebirgsgeschütz auf dem Kamm des Bergrückens in Stellung und mit dem dritten Schuß, einem Volltreffer, das feindliche Geschütz zum Schweigen.

Dieser erste Erfolg machte Nasir etwas allzu kühn: die Beni Sakhr saßen auf und schworen, sie würden unmittelbar die Stellung attackieren. Nuri erklärte das für eine Torheit, denn die türkischen Maschinengewehre waren noch in voller Tätigkeit; aber die Beduinen hörten nicht auf seine Mahnung. Verzweifelt eröffnete er mit allem, was er hatte, ein rasendes Schnellfeuer gegen die türkische Stellung, indes die Beduinen um den Fuß des Hauptrückens herumschwenkten und gegen den Erdwall vorstürmten. Als die Türken die wilde Kamelreiterhorde heranbrausen sahen, warfen sie die Gewehre fort und flüchteten in die Station. Nur zwei der Araber wurden schwer verwundet.

Nuri eilte vor zum Erdwall. Das türkische Geschütz war unbeschädigt. Er warf die Lafette herum und feuerte den noch im Rohr befindlichen Schuß mitten in den Fahrkartenraum hinein. Die Beni Sakhr jauchzten vor Freude, als sie Holz und Steine in die Luft fliegen sahen, sprangen wieder in die Sättel und jagten gegen die Station vor. In diesem Augenblick ergab sich die Besatzung. Fast zweihundert Türken, darunter sieben Offiziere, gerieten lebend in Gefangenschaft.

Nach der üblichen Plünderung zerstörten die Pioniere durch Sprengladungen die beiden Lokomotiven der Station, ferner Wasserturm, Pumpstation und Weichen. Die vorhandenen Waggons wurden in Brand gesteckt und eine Brücke gesprengt; freilich nur oberflächlich, denn nach solchem Siege ist jeder viel zu sehr mit sich selbst und mit Beutemachen beschäftigt, um an etwas zu denken, was andern zugute kommt.

Dann kam wieder schlechtes Wetter. Drei Tage lang schneite es fast ununterbrochen. Nasirs Streitkräfte konnten nur unter großen Schwierigkeiten wieder ihr Zeltlager bei Djefer erreichen. Die Hochfläche von Maan lag zwischen drei- und fünftausend Fuß über Seehöhe, nach Norden und Osten allen Stürmen offen. Von Innerasien und dem Kaukasus kamen sie über die große freie Wüste herangefegt. Hier an dem niedrigen Bergland der alten Edomiter brach sich ihre erste Gewalt; dann leckten sie über die Kammhöhe und brachten über die Ebenen von Judäa und Sinai einen für dortige Verhältnisse strengen Winter.

Dem verabredeten Plan gemäß wurden jetzt, nach dem glücklichen Erfolg bei Djurf, die Araber von Petra, unter ihrem Scherif Abd el Mayin, aus ihren Bergen in die Wälder bei Schobeck vorgeschickt. Es wurde ein beschwerlicher Marsch für dieses barfüßige und in Schaffelle gekleidete Bergvolk, durch steile Täler, zerrissene Schluchten und über gefährliche, schneeverwehte Hänge in eisigem Nebel. Mancher Mann und viele Tiere fielen dem Schnee und Frost zum Opfer. Aber die zähen Hochländer, gewöhnt an Kälte von ihren strengen Wintern her, kämpften sich beharrlich weiter.

Als die türkischen Wachen und Posten sie langsam immer näherkommen sahen, entflohen sie aus ihren Höhlen und Schutzhütten zwischen den Bäumen nach der Eisenbahn zu; die Wege ihrer Flucht waren mit weggeworfenem Gepäck und Ausrüstungsstücken besät.

Nasir blieb nicht untätig. Er brach mit seiner Schar von Djefer plötzlich auf, und im Morgengrauen, nach einer wilden Sturmnacht, erschien er auf dem Kamm der felsigen Schlucht, in deren Schutz Tafileh lag. Er forderte es zur sofortigen Übergabe auf, widrigenfalls der Ort zusammengeschossen würde; eine leere Drohung, da Nuri Said mit den Geschützen nach Guweira zurückgekehrt war. Im Dorf befanden sich nur fünfundachtzig Türken, doch hatten sich die Muhaisin, ein Klan ansässiger Beduinen, ihnen angeschlossen, nicht so sehr aus Freundschaft für die Türken, als weil Dhiab, der Häuptling eines andern Klans ihres Stammes, sich für Faisal erklärt hatte. Als Antwort erhielt daher Nasir einen Hagel schlechtgezielter Schüsse.

Die Howeitat schwärmten zwischen den Klippen aus, um das Feuer zu erwidern. Aber ein solches Verfahren mißfiel Auda, dem alten Löwen; er schäumte vor Wut, daß dieses schäbige Händlervolk es wagen konnte, ihren langjährigen Meistern und Herren der Wüste, den Abu Tayi, Widerstand zu leisten. Er griff in die Zügel, galoppierte mit seiner Stute den Pfad hinab und ritt allen sichtbar in die Ebene hinaus bis dicht unter die ersten Häuser des Dorfes. Dort hielt er, hob drohend die Faust gegen sie und rief mit seiner prachtvoll dröhnenden Stimme: »Ihr Hunde! Kennt ihr den Auda nicht?« Als die Dörfler erkannten, daß sie den unerbittlichen Sohn des Krieges vor sich hatten, entsank ihnen der Mut; eine Stunde später saß Nasir mit dem türkischen Kommandeur als sein Gast im Gemeindehaus und suchte ihn bei einem Glase Tee über den jähen Glückswechsel zu trösten.

Als es dunkel wurde, zog Mastur in Tafileh ein. Seine Motalga blickten finster auf ihre Blutsfeinde, die Abu Tayi, die es sich in den schönsten Häusern bequem gemacht hatten. Die beiden Scherifs mußten den Ort aufteilen, um ihre ungebärdige Gefolgschaft getrennt zu halten.

Faisal hatte die Oberleitung des Vorstoßes gegen das Tote Meer seinem jungen Halbbruder Zeid übertragen. Es war Zeids erstes selbständiges Kommando im Norden, und er ging mit Feuereifer an die Sache heran. Als Ratgeber war ihm Djaafar Pascha, der frühere türkische General, beigegeben. Seine Infanterie, Artillerie und Maschinengewehre mußten, wegen Verpflegungsmangels, bei Petra halten bleiben. Zeid selbst aber kam mit Djaafar nach Tafileh geritten.

Dort standen die Dinge auf Biegen oder Brechen. Auda trug eine geringschätzige Großmut zur Schau gegenüber den beiden jungen Motalgas, Metaab und Annad, den Söhnen Abtans, der von Audas Sohn getötet worden war. Die Beiden, geschmeidige, entschlossene und selbstbewußte Burschen, begannen von Rache zu sprechen – Tauben, die einem Falken drohten. Auda erklärte, er werde sie öffentlich auf dem Marktplatz auspeitschen lassen, wenn sie sich ungehörig aufführten. Gut und schön; aber ihre Anhängerschaft war der Audas an Zahl doppelt überlegen, und es bestand Gefahr, daß das ganze Dorf in Aufruhr geraten würde. Die beiden jungen Motalgas stolzierten bereits zusammen mit Rahail, meinem Raufbold, gespreizt durch alle Straßen.

Zeid machte dem ein Ende. Er sprach Auda seinen Dank aus, bezahlte ihn und schickte ihn heim in seine Wüste. Die hitzigsten Köpfe der Muhaisin wurden als Zwangsgäste in Faisals Lager gesandt. Dhiab, ihr Feind, war unser Freund; das brachte uns mit Bedauern den Satz in Erinnerung, daß die besten Bundesgenossen einer durch Gewalt zur Herrschaft kommenden Macht nicht ihre Anhänger, sondern stets ihre Gegner sind. Zeid brachte viel Geld mit, was unsere wirtschaftliche Lage verbesserte. Wir ernannten einen Offizier zum Gouverneur des Distrikts und bereiteten uns in den fünf eroberten Dörfern zu weiterem Angriff vor.

Aber alle diese Pläne wurden zu Wasser. Ehe wir uns noch über die Einzelheiten recht im klaren waren, überraschten uns die Türken durch einen Versuch, uns aus dem Gebiet von Tafileh wieder herauszuwerfen. Das hätten wir uns nie träumen lassen, denn es schien uns ganz außer aller Möglichkeit zu liegen, daß die Türken Tafileh zu halten hofften oder überhaupt nur die Absicht hätten, es zu halten. Allenby stand bereits in Jerusalem, und für die Türken hing doch der Ausgang des Krieges allein davon ab, den Jordanabschnitt gegen Allenby zu halten. Auch für uns war Tafileh als Besitz von keiner Bedeutung, sondern diente nur als Durchgangsstation für unseren weiteren Vormarsch gegen den Feind. In einer so kritischen Lage, wie die der Türken es war, auch nur einen Mann zur Rückeroberung von Tafileh einzusetzen, schien der nackte Wahnsinn.

Hamid Fakhri Pascha, Kommandeur der 48. türkischen Division, dachte anders oder hatte seine Befehle. Er sammelte etwa neunhundert Mann Infanterie, eingeteilt in drei Bataillone (Januar 1918 war ein türkisches Bataillon eine armselige Sache), hundert Mann Kavallerie, zwei Gebirgshaubitzen und siebenundzwanzig Maschinengewehre und sandte sie mit der Bahn und zu Fuß nach Kerak. Hier legte er auf alle verfügbaren Transportmittel Beschlag, versah sich mit den nötigen Beamten zur Einrichtung seiner neuen Verwaltung in Tafileh und rückte rasch südwärts vor, um uns zu überraschen.

Und das gelang ihm auch. Wir merkten überhaupt erst etwas von seinem Vormarsch, als seine Kavallerieführer auf unsere Feldwachen im Wadi Hesa stießen, jener breiten, tiefen und schwer passierbaren Schlucht, die Kerak von Tafileh, das alte Moab von Edom, trennt. Unsere Posten wurden in der Dunkelheit zurückgetrieben, und Fakhri stand vor uns.

Djaafar Pascha hatte oben auf dem südlichen Rand der großen Schlucht von Tafileh eine Verteidigungsstellung vorgesehen in der Absicht, bei einem türkischen Angriff das Dorf preiszugeben und dafür die den Ort beherrschenden Höhen zu halten. Das schien mir im doppelten Sinne unzweckmäßig. Die Hänge nach dem Feind zu lagen im toten Winkel, und die Stellung war daher ebenso schwierig zu verteidigen wie anzugreifen; außerdem konnte sie von Osten her umgangen werden. Verließen wir das Dorf, so gaben wir auch die Bevölkerung preis, die doch natürlich mit Hand und Herz auf seiten derer stehen mußte, die ihre Häuser in Besitz hielten und verteidigten.

Indessen, so war es nun einmal geplant – Zeid fiel auch nichts Besseres ein –, und er gab daher gegen Mitternacht den Befehl zum Besetzen der Stellung. Diener und Gefolge luden eiligst das Gepäck auf. Die Bewaffneten rückten zum südlichen Höhenrand, während die Bagagekolonnen auf der unteren gedeckten Straße das Dorf verließen. Diese Bewegungen verursachten eine Panik in der Ortschaft. Die Bauern glaubten, wir liefen davon (ich meine, wir taten's auch), und beeilten sich, ihre Habe und ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Es herrschte starker Frost, und der Boden war mit einer harten Eiskruste überzogen. Lärm, Geschrei und ein unbeschreiblicher Wirrwarr erfüllten die engen, nächtlich dunklen Gassen.

Dhiab, der Scheikh, hatte große Töne geredet von feindlicher Gesinnung der Einwohner, um so den Glanz seiner Treue um so heller erstrahlen zu lassen; doch ich hatte den Eindruck, daß es handfeste Kerle waren, die man unter Umständen brauchen konnte. Um die Probe darauf zu machen, setzte ich mich auf das Dach meines Hauses oder ging, unkenntlich in meinen Mantel gehüllt, in den dunklen Straßen auf und ab, meine Wache unauffällig in Rufweite hinter mir. So konnte ich hören, was vorging. Die Bevölkerung war in einer nahezu bedrohlichen Panik, beschimpfte alles und jeden, aber weit und breit hörte ich keine Stimme, die für die Türken gewesen wäre. Ja, sie verrieten geradezu ein Grauen vor der Rückkehr der Türken und waren bereit, alles, was in ihren Kräften stand, zu tun, um einen kampfentschlossenen Führer gegen die Türken zu unterstützen. Sehr erfreulich; das harmonierte mit meinem Wunsch, den Platz bis zum äußersten zu verteidigen.

Dann traf ich auf die beiden jungen Djazi Scheikhs, Metaab und Annad, mit prächtiger Seide angetan und silberglitzernden Waffen, und sandte sie aus nach ihrem Onkel, Hamd el Arar. Diesen bat ich, durch den nördlichen Ausgang der Schlucht zur Landbevölkerung zu reiten, die, nach dem Lärm zu urteilen, mit den Türken schon in Kampf geraten war, und ihnen zu vermelden, daß wir schon auf dem Wege seien, um ihnen zu Hilfe zu kommen. Hamd, ein tapferer melancholischer Ritter, war sofort bereit und galoppierte mit zwanzig seiner Motalga – das war alles, was er in der Eile zusammenraffen konnte – davon.

Ihr hastiger Ritt durch die Straßen trieben Wirrnis und Schrecken vollends auf den Höhepunkt. Frauen warfen ihre Habe in eilig zusammengehäuften Bündeln aus Türen und Fenstern, obwohl keine Männer da waren, um die Sachen in Empfang zu nehmen. Kinder wurden überrannt und brüllten, während ihre Mütter ganz woanders nach ihnen jammerten. Im Davonstürmen feuerten die Motalga, zur eigenen Ermutigung, ihre Flinten in die Luft; und, gleichsam als Antwort, sah man jetzt, den nördlichen Klippenrand säumend, das Aufleuchten der feindlichen Schüsse in jener tiefen Schwärze des Himmels, die dem ersten Morgengrauen vorausgeht. Ich stieg zur Höhe außerhalb des Dorfes hinauf, um mich mit Scherif Zeid zu beratschlagen.

Zeid saß würdevoll auf einem Felsen und suchte durch sein Fernglas die Gegend nach dem Feinde ab. Je mehr die Krise sich verschärfte, desto gelassener und gleichgültiger wurde Zeid. Mich dagegen hatte eine wahre Wut gepackt. Nach den einfachsten Grundregeln vernünftiger Kriegführung hätten sich die Türken nie und nimmer auf diesen Vorstoß gegen das gänzlich belanglose Tafileh einlassen dürfen. Es war nichts als reine Gier, das Benehmen eines Hundes, der nach jedem mageren Knochen schnappt, und unwürdig eines ernst zu nehmenden Gegners, der ernst genommen sein wollte, aber just so die Art der Türken, gänzlich aussichtslose Dinge zu unternehmen. Wie konnten sie einen anständig geführten Krieg erwarten, wenn sie uns nie Gelegenheit gaben, uns in Ehren mit ihnen zu messen? Unsere Moral wurde fortgesetzt untergraben durch ihre törichte und klägliche Kriegführung; denn weder konnten unsere Soldaten ihren Mut achten, noch unsere Offiziere ihren Verstand. Zudem war es ein eisig kalter Morgen, und ich war die ganze Nacht auf den Beinen gewesen; und ich war denn doch Teutone genug, um mir vorzunehmen, daß sie mir für diese sinnlose Durchkreuzung meiner Pläne gründlich büßen sollten.

Als erstes schlug ich vor, daß Abdulla mit drei Hotchkissmaschinengewehren einen Vorstoß machen sollte zur gewaltsamen Erkundung von Stärke und Stellung des Feindes. Dann wurde besprochen, was weiterhin zu tun sei; mit gutem Ergebnis, da der kleine Zeid eine kaltblütige und beherzte Kampfnatur war, vom Geist eines Berufsoffiziers beseelt. Wir sahen, wie Abdulla mit seiner Abteilung die vor uns liegende Bodenwelle überschritt. Das Feuer wurde eine Weile lebhafter, um dann nach der Ferne hin zu verebben. Abdullas Vorgehen hatte den Motalga und den berittenen Landbewohnern Mut gemacht. Sie fielen die türkische Kavallerie an, trieben sie über einen ersten Rücken, dann über eine zwei Meilen breite Fläche und über einen weiteren Rücken bis an den Rand der großen Niederung bei Hesa.

Dort lagen die türkischen Hauptkräfte, die, durch eine eiskalte Nacht an ihrem Platz festgehalten, eben zu weiterem Vormarsch angetreten waren. Sehr bald griffen sie in den Kampf ein, und der Vorstoß Abdullas kam sofort zum Stehen. Man hörte in der Ferne das Knattern der Maschinengewehre, das zu einem gewaltigen ununterbrochenen Rollen anwuchs, begleitet vom berstenden Gekrach der Granaten. Man hörte genau, was vorging, so gut, als wenn man es hätte sehen können, und es klang sehr erfreulich. Ich drängte Zeid, auf diese guten Anzeichen hin sofort vorzugehen; aber seine Vorsicht hielt ihn zurück, und er bestand darauf, erst genaue Nachrichten von Abdulla, seinem Vortrupp, abzuwarten.

Das war, der Lehre der Taktik nach, durchaus nicht notwendig; aber man wußte, ich war nicht Berufssoldat, und nahm sich die Freiheit, nur sehr zögernd an meine Ratschläge heranzugehen, so dringlich ich sie auch vorbrachte. Aber ich hielt ja etwas in der Hand, was mehr wert war als Worte, und machte mich selber an die Front auf, um ihrer Entscheidung zuvorzukommen. Unterwegs traf ich auf meine Leibgarde, höchst eifrig bei den auf der Straße herumliegenden Habseligkeiten beschäftigt, aus denen sie sich schon allerhand Kram herausgesucht hatten. Ich befahl ihnen, ihre Kamele von dem Zeug wieder freizumachen und so schnell wie möglich unser Hotchkissmaschinengewehr nach dem Nordrand der Schlucht zu bringen.

Die Straße lief durch einen Hain kahler Feigenbäume und bog dann nach Osten, um in langen Windungen durch das Tal hindurch zum Rand aufzusteigen. Ich verließ die Straße und kletterte geradeswegs die steinernen Hänge hinauf. Barfuß geht man mit unglaublicher Sicherheit über zackiges Felsgestein, wenigstens wenn die Sohlen durch lange schmerzhafte Gewöhnung hart geworden sind oder die Füße so steif gefroren, daß man Zacken und Spitzen überhaupt nicht mehr spürt. Das Heraufklimmen hatte mich durchwärmt und zugleich meinen Weg beträchtlich abgekürzt.

Oben angekommen, fand ich einen breiten Höhenrücken – mit Resten byzantinischer Bauten –, der das vorliegende Plateau beherrschte und mir sehr geeignet schien zur Bereitstellung einer Reserve und zugleich als äußerste Verteidigungslinie. Die Wahrheit zu sagen, hatten wir gar keine Reserve – keiner hatte überhaupt eine Ahnung, was und wo wir etwas hatten –, aber falls sich herausstellen sollte, daß irgend etwas Verfügbares da war, so war entschieden hier der Platz dafür. Eben jetzt erblickte ich die Ageyli aus Zeids persönlichem Gefolge, höchst zimperlich in einen Hohlweg geduckt. Es bedurfte schon Worte von einer Deutlichkeit, daß ihre Zöpfe vor Schreck aufgingen, ehe ich sie bewegen konnte, zu mir heraufzukommen. Aber schließlich hatte ich sie ganz hübsch auf der Kammlinie des »Reserverückens« aufgebaut. Es waren ihrer etwa zwanzig, und von weitem nahmen sie sich wirklich aus wie vorgeschobene Spitzen einer dahinter befindlichen starken Armee. Ich gab ihnen meinen Siegelring als Ausweis und befahl ihnen, alle des Wegs Kommenden hier festzuhalten, namentlich meine Leibburschen mit dem Maschinengewehr.

Als ich dann weiter auf das Gefechtsfeld zuging, traf ich auf Abdulla, auf dem Wege zu Zeid mit Nachrichten. Er hatte alle Munition verschossen, fünf Mann durch Schrapnellfeuer verloren, und eins seiner Maschinengewehre war zerstört. Zwei weitere, meinte er, hätten wohl die Türken. Er wollte Zeid veranlassen, mit allen verfügbaren Kräften den Kampf aufzunehmen; ich hatte dieser Botschaft nichts weiter zuzufügen.

Inzwischen blieb mir Zeit, das voraussichtliche Kampfgelände näher in Augenschein zu nehmen. Es war eine kleine Ebene, etwa zwei Meilen breit, von niedrigen grünen Höhenzügen umgrenzt, und hatte die Form eines unregelmäßigen Dreiecks, dessen Basis mein Reserverücken bildete. Die Straße nach Kerak lief darüber hinweg und verschwand drüben im Tal von Hesa. Die Türken kämpften sich längs dieser Straße vorwärts. Abdullas Vorstoß hatte den westlichen, zur Linken liegenden Höhenrücken in Besitz genommen, wo jetzt unsere Feuerlinie lag.

Als ich weiter über die Ebene ging, meine wunden Füße zerstochen von den harschen Stengeln des Wermuts, kamen Schrapnells geflogen. Der Feind hatte die Entfernung zu weit geschätzt, und die Geschosse strichen über den Rücken hinweg und krepierten weit dahinter. Ein Schrapnell fiel in meiner Nähe nieder, und ich konnte an dem noch heißen Zünder das Kaliber feststellen. Allmählich verkürzte der Feind die Schußweiten, und als ich dann zu dem Höhenrücken zurückkam, war er mit Schrapnellkugeln gesprenkelt. Anscheinend hatten die Türken irgendwo einen guten Beobachtungsstand. Während ich danach suchend um mich blickte, bemerkte ich, wie der Feind, gedeckt durch einen Einschnitt, über die Straße herüber sich nach Westen zog. Binnen kurzem mußte er uns dort auf dem westlichen Höhenrücken von der Flanke her umgangen haben.

»Uns«, das waren etwa sechzig Mann, zu zwei Haufen geballt hinter dem Rücken, der eine unten im Grunde, der andere nahe dem Kamm. Der untere Haufen waren die Bauern, zu Fuß, atemlos, völlig erschöpft, aber trotzdem die einzigen Draufgänger, denen ich an diesem Tage begegnet war. Sie riefen mir zu, sie hätten ihre ganze Munition verschossen, und alles wäre zu Ende. Ich erklärte, im Gegenteil, es finge gerade erst an, und wies nach meinem besetzten Reserverücken. Dort, sagte ich, ständen Truppen aller Waffen, und sie sollten nur schnell zurücklaufen, ihre Patronengürtel wieder füllen und nur weiter so durchhalten. Wir würden inzwischen ihren Rückzug decken und die Stellung hier oben halten, für die wenigen Minuten, die es noch möglich war.

Sie machten sich mit Freudenrufen davon, indes ich zu der oberen Gruppe hinaufstieg. Hier befehligte der junge Metaab seine Motalga, nackt bis auf die engen Reithosen, um besser schaffen zu können, seine schwarzen Liebeslocken zerzaust, das Gesicht beschmutzt und eingefallen. Er schlug in wilder Ratlosigkeit die Hände zusammen und schrie heiser, denn er hatte doch wer weiß was für uns zu leisten gemeint in diesem seinem ersten Kampf. Meine Anwesenheit im letzten Augenblick, gerade als uns die Türken fast schon abgeschnitten hatten, kam ihm bitter an, und er wurde noch ärgerlicher, als ich erklärte, ich wäre nur gekommen, um mir die Landschaft zu betrachten. Er glaubte, ich wollte ihn auch noch höhnen, und schrie etwas von einem Christen, der unbewaffnet in die Schlacht zöge. Ich erwiderte mit einem Zitat aus Clausewitz: daß eine Nachhut ihren Zweck erfülle mehr durch ihr bloßes Dasein als durch ihre Tätigkeit. Aber ihm war jetzt nicht mehr zum Lachen zumute, denn der schmale Kamm, hinter dem wir lagen, war von Feuer umknattert. Die Türken hatten zwanzig Maschinengewehre auf uns vereinigt, die Kugeln summten wie Bienenschwärme und pfiffen und klatschten um uns herum, daß es sicheren Tod bedeutet hätte, auch nur die Nasenspitze über den Kamm zu stecken. Wir mußten schleunigst zurück, das war klar, und da ich kein Pferd hatte, ging ich als erster. Metaab versprach, wenn es irgend ginge, mit seinen Leuten noch weitere zehn Minuten auszuhalten.

Der Lauf erwärmte mich. Ich zählte meine Schritte, um für später möglichst genaue Entfernungen zu haben; denn den Türken blieb nur noch diese eine Stellung, aus der sie uns jetzt vertrieben, und nach Süden zu war sie schlecht geschützt. Der Verlust des Motalgarückens konnte uns möglicherweise den Sieg bringen. Die Reiter hielten noch ihre zehn Minuten stand und galoppierten dann ohne Überstürzung davon. Ich faßte Metaabs Steigbügelriemen, um mich mitziehen zu lassen, und bald waren wir – etwas atemlos – auf dem Reserverücken bei den Ageyl angelangt. Es war inzwischen Mittag geworden, und wir hatten Muße und Ruhe, das Weitere zu bedenken.

Der Rücken lief in einen etwa vierzig Fuß hohen Kamm aus und war seiner ganzen Gestaltung nach vorzüglich zur Verteidigung geeignet. Achtzig Mann waren schon da, und immer neue trafen ein. Meine Garde war auch zur Stelle mit ihrem Maschinengewehr, und Lutfi schleppte noch zwei weitere herbei; dann kamen noch hundert Ageyl. Die Sache sah sich nachgerade wie eine Landpartie an. Wir gingen umher, machten hocherfreute Mienen und riefen ein ums andere Mal »Großartig! Ausgezeichnet!«; das kräftigte den Mut der Leute und ließ sie ihre Lage mit Ruhe betrachten. Die Maschinengewehre wurden auf die Kammlinie vorgeschoben und bekamen Befehl, von Zeit zu Zeit kurze Feuergarben abzugeben, um die Türken ständig zu beunruhigen, mehr aber nicht. Ansonsten trat Ruhe ein. Ich legte mich auf einer gedeckten windgeschützten Stelle in ein Fleckchen Sonne und schlief eine geschlagene Stunde. Die Türken besetzten inzwischen den von uns verlassenen Rücken.

Früh am Nachmittag trafen Zeid mit Mastur, Rasim und Abdulla ein. Sie brachten den Hauptteil unserer Kräfte mit: zwanzig Mann Infanterie, auf Maultieren beritten, dreißig Motalgareiter, zweihundert Mann Landbevölkerung, fünf leichte und vier schwere Maschinengewehre und das Gebirgsgeschütz der ägyptischen Armee, das schon bei Medina, Petra und Djurf mitgefochten hatte. Das war großartig, und ich stand auf, um sie zu begrüßen.

Die Türken sichteten unser Gewimmel und eröffneten Schrapnellfeuer auf uns, aber sie hatten nicht die richtigen Schußweiten und verschwendeten nur ihre Munition. Wir erinnerten uns an den alten strategischen Grundsatz: Angriff ist die Seele der Verteidigung; und danach wurde verfahren. Der Artillerist Rasim wurde zum Kavallerieführer gemacht und bekam unsere achtzig Kamelreiter. Damit sollte er östlich ausholend den linken Flügel des Feindes umgehen; und da man ja nach den Regeln der Taktik nicht eine Linie angreifen soll, sondern einen Punkt, so konnte bei genügend weitem Ausholen dieser Punkt gerade der äußerste linke Flügelmann des Feindes sein. Rasim gefiel diese meine Auffassung der ihm zufallenden Aufgabe.

Er versprach freundlich grinsend, mir diesen Flügelmann zu bringen. Hamd el Arar aber ging weiter. Bevor er abritt, weihte er sich selbst dem Tod für die arabische Sache; er zog feierlich seinen Säbel, und, ihn bei Namen anredend, hielt er ihm eine heldische Ansprache. Rasim nahm fünf Maschinengewehre mit, was entschieden noch besser war.

Wir im Zentrum eröffneten ein lebhaftes Feuer, damit der Feind, abgelenkt, den Abmarsch der Abteilung Rasims nicht bemerkte. Der Türke brachte in endloser Prozession seine Geschütze heran und baute sie deutlich sichtbar links auf einem Höhenrücken schön nebeneinander auf, ganz wie in einem Museum. Das war die Taktik von Mondsüchtigen. Der Rücken war aus hartem Gestein und so blank, daß keine Eidechse Deckung finden konnte. Wir hatten sehen können, wie bei dem Aufschlag unserer Geschosse auf den Boden ein ganzer Schauer tödlicher Splitter hochspritzte. Auch kannten wir die Schußweite. Wir gaben also unsern Vickersmaschinengewehren die genaue Erhöhung und segneten die altmodischen, nur auf direkten Schuß eingerichteten Visiere des Gegners. Unser Gebirgsgeschütz wurde schußfertig gemacht, um dann in dem Augenblick, wo Rasim in der Flanke zupackte, den Feind mit Schrapnellfeuer zu überschütten.

Während wir das Weitere abwarteten, kam unverhoffte Verstärkung durch hundert Mann von Aima. Sie hatten sich tags zuvor mit Zeid wegen der Kriegslöhnung entzweit, hatten sich aber nun, wo Not am Mann war, großmütig entschlossen, die alte Zeche zu streichen. Ihre Ankunft bewog uns, von Marschall Fochs Kriegskunst abzuweichen und, koste es, was es wolle, den Feind von drei Seiten gleichzeitig anzugreifen. Die Aimaleute, mit drei Maschinengewehren, wurden daher nach links ausgeschickt, um des Feindes rechten Flügel zu umgehen. Dann faßten wir im Zentrum fest zu und belegten seine exponierten Linien mit wohlgezieltem Feuer.

Der Feind fand, daß sich der Tag nicht mehr günstig für ihn anlasse. Der Abend war nicht mehr fern, und oft schon hat der Sonnenuntergang dem noch in der Defensive Ausharrenden den Sieg gebracht. Der alte General Hamid Fakhri ließ alle Offiziere und Mannschaften seines Stabes kommen und befahl ihnen, jeder sollte ein Gewehr nehmen. »Ich bin vierzig Jahre Soldat gewesen, aber ich habe noch nie Rebellen so kämpfen sehen wie diese . . . Vorwärts in die Schützenlinie.« Aber es war zu spät. Rasim ging bereits zum Angriff vor mit seinen fünf Maschinengewehren, jedes mit doppelter Bedienung. Sie stürzten vor, erst bemerkt, als sie schon in Stellung waren, und zerkrümelten des Gegners linken Flügel.

Die Aimaleute, die jeden Grashalm hier auf ihren eigenen Weideplätzen kannten, schoben sich ungesehen bis auf dreihundert Yard an die türkische Artilleriestellung heran. Der Feind, beschäftigt durch unsere frontale Bedrohung, merkte überhaupt erst etwas von den Aima, als diese, in plötzlichem Feuerüberfall, die Geschützbedienung zusammenschossen und seinen rechten Flügel in Verwirrung brachten. Wir im Zentrum sahen es und riefen den Kamelreitern und Aufgeboten zu, jetzt vorzugehen.

Mohammed el Ghasib, der Oberste von Zeids Leibwache, führte auf seinem Kamel an, seine prächtigen weiten Kleider vom Winde gebläht, und über seinem Kopf flatternd das hochrote Banner der Ageyli. Alles, was noch im Zentrum war, unsere Diener, Geschütz- und Maschinengewehrmannschaft, stürzte ihm nach in breiter, reichbewegter Linie.

Für mich war der heutige Tag zu lang gewesen, und ich fühlte nur den einen Wunsch, daß er jetzt ein Ende haben möge. Zeid neben mir klatschte vor Freude in die Hände, als er sah, wie prächtig sich jetzt im roten Schein der untergehenden Sonne der letzte Akt des Schauspiels in wohlbedachter Regieführung vor seinen Augen abspielte. Rasims Kavallerie fegte des Gegners aufgelösten linken Flügel in die Tiefe jenseits des Rückens hinab, während drüben auf dem rechten Flügel die Aima die Flüchtenden grausam niederstachen. Das ganze feindliche Zentrum flutete in Unordnung durch die Schlucht zurück, ihnen nach unsere Mannschaft zu Fuß, zu Pferd, zu Kamel. Die Armenier, die sich den ganzen Tag scheu und angstvoll hinter unserer Front herumgedrückt hatten, zogen ihre Messer, riefen sich auf türkisch etwas zu und sprangen vor.

Ich dachte an die tiefen Klüfte zwischen hier und Kerak, die Schlucht von Hesa mit ihren bröckligen steilen Pfaden, dem dichten Unterholz, den Hohlwegen und Engpässen des Weges. Es mußte ein Massaker werden, und ich hätte hinreiten und für Schonung des geschlagenen Feindes sorgen sollen. Doch nach den Ärgernissen und Aufregungen des Tages war ich viel zu erschöpft, um mich noch in diese Hölle aufzumachen und die ganze Nacht dranzugeben zur Rettung der Flüchtigen. Durch meinen Entschluß, zu kämpfen, waren zwanzig bis dreißig der Unsrigen gefallen und vielleicht die dreifache Zahl verwundet. Der sechste Teil unserer Kräfte war vertan für einen Sieg ohne jeden Wert, denn die Hinopferung von tausend armen Türken konnte auf den Ausgang des Krieges nicht den geringsten Einfluß haben.

Erobert hatten wir zwei Gebirgshaubitzen (Konstruktion Skoda, sehr brauchbar für uns), siebenundzwanzig Maschinengewehre, zweihundert Pferde und Maultiere und hatten zweihundertfünfzig Gefangene gemacht. Nur fünfzig völlig erschöpfte Flüchtlinge, so hieß es, erreichten die Eisenbahn. Die Araber in den rückwärtigen Distrikten fielen über sie her und schossen unwürdigerweise viele auf der Flucht nieder. Die Unsern gaben die Verfolgung bald auf, sie waren zu erschöpft und hungrig, und es war bitter kalt.

Bald begann es auch zu schneien, und erst sehr spät und unter Anspannung der letzten Kräfte gelang es, unsere Verletzten zu bergen. Die türkischen Verwundeten blieben draußen liegen und waren am nächsten Tage tot.

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