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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 25
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
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22. Rückkehr zur Welt

Das Wetter war nachgerade fürchterlich – Hagelschauer, Schnee und Stürme ohne Ende; es lag auf der Hand, daß man auf Monate hinaus in Azrak nichts weiter würde tun können, als reden und predigen. Danach verlangte mich wenig. Wenn nötig, hatte ich jederzeit mein möglichstes getan mit Proselytenmacherei und Bekehrung; freilich immer meines Ausländertums bewußt und des Widersinns, der darin lag, daß ein Fremder einem Volk die nationale Freiheit predigt. Dieser Krieg bedeutete für mich eine beständige Anspannung, vor meinem eigenen besseren Wissen Verstecken zu spielen und mich zu der volkstümlichen Haltung natürlichen Vertrauens auf den Aufstand zu zwingen. Ich war genötigt, mir selber einzureden, daß die britische Regierung wirklich imstande sei, dem Geist ihrer Versprechungen treu zu bleiben. Das war besonders schwer, wenn ich müde und krank war, wenn die fieberhafte Tätigkeit meines Hirns meine Geduld in Fetzen riß. Dazu kam, daß mich – der ich an meine derben Beduinen gewöhnt war, die immer nur kurzerhand zu mir hereinstürmten, zum Gruß »Ya Auruns« riefen und ohne feierliche Umschweife ihr Begehren vorbrachten – dieses glatte Stadtvolk rasend machte mit seinem Geschwänzel um die Gnade einer Audienz bei ihrem »Fürsten« und »Bey« und »Herrn und Befreier«.

So entfloh ich ihnen denn schließlich wutentbrannt, entschlossen, nach Süden zu gehen und zu sehen, ob es vielleicht während der kalten Jahreszeit am Toten Meer etwas für mich zu tun gäbe, wo der Feind in starker Stellung uns den Weg nach Palästina sperrte.

Was ich noch an Geld übrig hatte, wurde Scherif Ali ausgehändigt und die Inder seiner Obhut anvertraut. Wir nahmen auf das herzlichste Abschied voneinander. Ali schenkte mir die Hälfte seiner Garderobe: Hemden, Kopftücher, Gewänder, und ich vergalt es ihm mit der Hälfte der meinigen. Wir küßten uns wie David und Jonathan, jeder mit des andern Kleidern angetan. Und dann, nur von Rahail begleitet, auf meinen zwei besten Kamelen, schlug ich den Weg nach Süden ein.

Am Abend verließen wir Azrak und ritten dem rotglühenden Westen zu, indes uns zu Häupten Schwärme von Kranichen, wie breite Pfeilspitzen am Himmel, dem Sonnenuntergang zustrebten. Gleich von Anfang an war die Reise beschwerlich. Vom Wadi Butum an, über dem schon schwarze Nacht hing, wurde es noch ärger. Der Boden war aufgeweicht, die Kamele rutschten und stürzten oft. Wir fielen mit, aber schließlich waren wir, die wir zwischen den Stürzen wenigstens ruhig im Sattel saßen, immer noch besser dran als die ständig in Bewegung bleibenden Tiere. Gegen Mitternacht kreuzten wir den Ghadaf, aber nun wurde es mit dem Matsch doch zu arg, um weiterzukommen.

Wir schliefen, wo wir gerade waren, mitten im Lehmbrei; und über und über damit bedeckt, erhoben wir uns bei Morgengrauen. Der Wind blies, und der Boden begann zu trocknen. Bis Mittag war es ein mühseliges Vorwärtskommen, da die Kamele noch durch die dünne kiesige Kruste durchbrachen und in der roten Lehmschicht darunter versanken. Am Nachmittag, dem Hügelland zu, ging es besser; und rasch näherten wir uns den Gipfeln des Thlaithakhwat, die wie gewaltige weiße Zelte gen Himmel ragten.

Auf einem Höhenrücken, bei Sonnenuntergang, blickten wir noch einmal zurück auf die weite Ebene im Norden, die in gleichförmigem grauen Dunst hinter uns versank, unterbrochen nur hie und da von großen glühenden Flecken und Lachen rotlohenden Feuers: dem Widerschein der sterbenden Sonne auf den Flächen der kleinen Regenwassertümpel. Diese Augen gleichsam, rot wie von Blut tropfend, glühten so stark aus der Ebene heraus, daß sie noch meilenweit durch den Dunst her in Sicht blieben und gleichsam losgelöst, freischwebend wie eine Luftspiegelung, im fernen Himmel zu hängen schienen.

Lange nach Dunkelwerden kamen wir an Bair vorüber, nur wenige letzte Zeltfeuer leuchteten noch. Als wir weiterzogen, sahen wir in einem Talgrund den Widerschein der Sterne und konnten nun unsere ausgepumpten Kamele in einer Pfütze gestrigen Regenwassers tränken. Dieser Nachtmarsch war ein hartes Stück Arbeit für Mann und Tier. Bei Tage sahen die Kamele die Unebenheiten des Bodens und schritten darüber hinweg; und der Reiter konnte die Rucke bei längerem oder kürzerem Schritt durch Nachgeben ausgleichen. Bei Nacht aber war alles blind, und man war der Folter der ewigen Stöße hilflos ausgeliefert. Ich litt an einem schweren Fieberanfall, was mich mißlaunig machte, und überhörte Rahails dringende Bitte nach einer Rast. Dieser junge Bursche hatte uns monatelang mit seiner überschüssigen Kraft und seinem Spott über unsere Schwäche geärgert. Nun wollte ich ihn endlich einmal mürbe reiten, ohne Erbarmen. Gegen Morgen flennte er vor Mitleid mit sich selbst, wenn auch nur leise, damit ich es nicht hören sollte.

In Djefer stieg der Morgen durch den Dunst auf, blaß, als wäre er nur sein eigener Geist, nur ein ferner flimmriger Schein von Sonne, der nicht bis zur Erde durchdrang. Unsere Schatten nahmen keine festen Umrisse an, waren nur wie ein schwacher Hauch am Boden unter uns, gar nicht wie von unsern Gestalten herrührend. Am Vormittag erreichten wir Audas Lager bei Djefer und hielten an, um ihn zu begrüßen und einige Djaufdatteln zu verzehren. Er konnte uns keine Ersatzkamele geben. Wir zogen weiter und kreuzten am späten Abend die Eisenbahn. Rahail war jetzt der verkörperte Protest. Er ritt neben mir, bleich, frostig und schweigend, aufrecht gehalten nur durch den Eifer, mich auszustechen, und nachgerade fast stolz auf seine Schmerzen.

Schließlich zeigte es sich doch, daß er mir an Kraft und Ausdauer überlegen war, und ich war nun so ziemlich am Ende. Schritt um Schritt gab ich immer mehr einem dumpfen Schmerz nach, der im Verein mit dem entkräftenden Fieber und der starr machenden Eintönigkeit des Rittes allgemach das Tor meiner Sinne schloß. Ich schien mich endlich jener Sinnenentrücktheit zu nähern, die mir bisher immer versagt geblieben war, die aber ein seltsam wohliges Zwischenreich darstellte für einen Menschen von so zähblütiger Natur, daß nichts, es sei denn gleich eine Ohnmacht, seinen Geist vom Körper freizumachen vermag. Ich fühlte mich jetzt wie in Teile zerspalten. Da war einer, der bedachtsam weiterritt und dem erschöpften Kamel bei jedem Schritte half. Ein anderer, rechts darüber schwebend, beugte sich neugierig herab und fragte, was denn der Körper da tue. Der Körper gab keine Antwort, denn er war sich in der Tat nur des einen, ihn ganz beherrschenden Triebes bewußt: nur immer weiter und weiter zu reiten. Aber ein Dritter, Geschwätziger, redete immerzu, konnte sich gar nicht darüber beruhigen, daß der Körper sich selber solche Mühsal auferlegte, und meinte geringschätzig, es sei doch gar kein vernünftiger Grund dazu vorhanden.

Mit solchen Wechselreden verging die Nacht. Meine Augen sahen, ohne zu sehen, das Tor des Morgens vor sich aufgetan: die Paßhöhe, hinter der jene Welt der Rumm sich dehnte als ein freundlich sonnenhelles Bild; und meine verschiedenen Ichs besprachen sich weiter darüber, daß die Mühsal wohl aller Ehren wert sei, aber das Ende doch wieder nur Narrheit und neue Plage. Der entkräftete Körper mühte sich verbissen weiter ab und kümmerte sich nicht darum; und mit Recht, denn die beiden andern sagten nichts, was ich nicht selber bei kaltem Blut zu denken fähig gewesen wäre; sie waren eben doch meines Geistes Kinder.

Aus diesem Dämmerschlaf wurde ich durch Rahail geweckt, der mein Kamel mit plötzlichem Zügelgriff anhielt und rief, wir wären aus der Richtung gekommen und näherten uns geradeswegs den türkischen Stellungen von Aba el Lissan. Er hatte recht, und wir mußten ein Stück zurück und weit ausbiegen, um ungefährdet Batra zu erreichen. Dieser kleine Zwischenfall löste die Spannung zwischen uns, und plaudernd ritten wir nach Gaa. Dort, unter Tamariskengebüsch, verschliefen wir die Mittagsstunden, da wir infolge unseres Abirrens bei Batra doch nicht mehr die Möglichkeit hatten, innerhalb drei Tagen von Azrak nach Akaba zu kommen.

Früh am Nachmittag zogen wir weiter, nun etwas gekräftigt und zum Scherzen aufgelegt, während der frühe Winterabend mählich herabsank. Als wir dem Khuzali aufwärts folgten, lag die späte Sonne im Westen hinter niedrigen Wolkenbänken verschleiert, und ich erfreute mich dieses fahlen Zwielichts zwischen Tag und Nacht, das mich an England erinnerte. In Item stiegen Nebelschwaden sanft vom Boden auf und sammelten sich zu wollig weißen Massen in jeder Senkung. Um Mitternacht erreichten wir Akaba; wir schliefen außerhalb des Lagers, und am Morgen, nach dem Frühstück, rief ich Joyce an.

Danach erhielt ich dringenden Befehl, sofort auf dem Luftweg nach Palästina zu kommen. Croil brachte mich nach Suez. Von da ging's zum Hauptquartier Allenbys jenseits Ghaza. Er war so voll Siegerlaune, daß meine kurze Meldung über den Fehlschlag der Yarmukbrückensprengung genügte und die kläglichen Einzelheiten verschwiegen bleiben konnten.

Während ich noch bei ihm war, kam von Chetwode Nachricht, daß Jerusalem gefallen war. Allenby traf Vorbereitungen, um seinen feierlichen Einzug in die Stadt zu halten. Er war so freundlich, anzuordnen, daß ich an diesem Tage im Stabe Claytons reiten sollte. Die Offiziere seines Stabes gaben aus ihren entbehrlichen Vorräten, was nötig war, um mich als Major der englischen Armee auszustatten. Dalmeny lieh mir rote Schnüre, Evans seinen Stahlhelm; und so, in den Abzeichen meines Ranges, nahm ich an der Einzugszeremonie am Jaffator teil, dem schönsten Augenblick des Krieges für mich.

Beschämt von der Fülle des Triumphs – im Grunde war es eigentlich mehr eine Huldigung Allenbys vor dem erhabenen Geist dieser Stadt – kehrten wir zum Hauptquartier von Schea zurück. Das war der gegebene Augenblick, Allenby nach seinen ferneren Plänen zu fragen. Er glaubte, daß er bis Mitte Februar stilleliegen müßte, um dann gegen Jericho vorzustoßen. Er hatte Nachricht, daß starke Verpflegungstransporte des Feindes auf dem Toten Meer im Gange waren, und bat mich, diesen Verkehr als ein zweites Ziel ins Auge zu fassen, wenn der Druck auf Tafileh Erfolg hätte.

In der Hoffnung, sogleich noch größeren Vorteil aus der Gelegenheit zu ziehen, erwiderte ich, daß, wenn man den Türken keine Ruhe ließ, es wohl möglich sein könnte, daß sich Faisals Kräfte mit den seinen am Nordufer des Toten Meeres vereinigten. Wenn er den täglichen Bedarf Faisals von fünfzig Tonnen Lebensmitteln, Material und Munition nach Jericho sicherstellen könnte, so würden wir Akaba verlassen und unser Hauptquartier ins Jordantal verlegen.

Diese Idee leuchtete Allenby und Dawnay unmittelbar ein. Und demgemäß wurde es vereinbart. Die arabischen Streitkräfte sollten so rasch wie möglich das Tote Meer zu erreichen suchen, noch vor Mitte Februar jeden feindlichen Nachschub vom Toten Meer nach Jericho unterbinden und dann vor Ende März am Jordan sein.

Nach meiner Rückkehr nach Akaba mußten die erübrigten freien Tage persönlichen Angelegenheiten gewidmet werden. Hauptsächlich wurde die Anwerbung einer Art Leibgarde zu persönlichem Schutz notwendig, denn Gerüchte hatten die Bedeutung meiner Person allmählich stark vergrößert. Anfangs, bei unsern ersten Taten um Rabegh und Janbo, hatten die Türken neugierig aufgemerkt, dann war es ihnen ungemütlich geworden, und sie konnten sich unsere Erfolge nur dadurch erklären, daß sie den Engländern die Leitung und treibende Kraft des arabischen Aufstandes zuschrieben, ganz ähnlich wie wir uns zu schmeicheln pflegten, die türkische Wirksamkeit sei auf deutschen Einfluß zurückzuführen.

Wie dem auch sei, die Türken wiederholten es so oft, bis es geglaubt wurde, und setzten eine Belohnung von vierhundert Pfund aus auf jeden britischen Offizier, lebendig oder tot. Mit dem Fortschreiten des Feldzuges erhöhten sie nicht nur die Prämie im allgemeinen, sondern machten sogar ein spezielles Angebot auf mich. Nach der Einnahme von Akaba wurde der Preis schon recht ansehnlich; nach dem Anschlag auf Mehmed Djemal Paschas Zug setzten sie Ali und mich an die Spitze ihrer Liste: Wert zwanzigtausend Pfund lebendig oder zehntausend Pfund tot.

Das Angebot stand natürlich nur auf dem Papier, und es blieb stark zweifelhaft, ob es überhaupt je ausbezahlt worden wäre. Immerhin war doch einige Vorsicht am Platz. So begann ich denn, meine Dienerschaft zu einer kleinen Truppe auszugestalten, und suchte möglichst verwegene Kerle anzuwerben, Geächtete, die durch irgendeine Gewalttat mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren. Ich brauchte zähe Reiter und anspruchslose Menschen, ohne Anhang und ganz auf sich selbst gestellt. Drei oder vier von dieser Sorte fanden sich denn auch glücklich bald, als Grundstock, zu mir.

Eines Nachmittags saß ich ruhig lesend in Marshalls Zelt in Akaba (ich wohnte im Lager stets mit Marshall, unserm schottischen Arzt, zusammen), als lautlos über den Sand plötzlich ein Ageyli eintrat, klein, schwarz, hager, aber prächtig gekleidet. Auf seiner Schulter trug er die schönsten Hasa-Satteltaschen, die ich je gesehen hatte. Das wollene Knüpfgewebe, grün und scharlachrot, weiß, orange und blau, war auf beiden Seiten mit fünf Reihen gewirkter Quasten besetzt, und von seiner Mitte und seinem unteren Rand hingen fünf Fuß lange Schnüre herab, geflochten in feinstem Arabeskenmuster und wiederum mit Quasten und Fransen besetzt.

Der junge Mann grüßte mich ehrerbietig, legte mit dem Wort: »Dein« die Satteltaschen auf meinen Teppich nieder und verschwand ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Am nächsten Tage kam er wieder mit ein Paar Kameltaschen von gleicher Schönheit, die messingnen Kanten an den Ecken geziert mit der auserlesensten Alt-Yemeni-Gravierarbeit. Am dritten Tage erschien er mit leeren Händen, in einem ärmlichen Baumwollhemd, kniete zusammengekrümmt vor mir nieder und sagte, er möchte gern in meine Dienste treten. Ohne seine seidenen Kleider machte er einen etwas befremdenden Eindruck: sein Gesicht, runzlig, von Pocken zerfressen und dazu bartlos, konnte jedes Alter haben, während sein schmiegsamer Körper der eines Jünglings war und auch in seiner Haltung etwas von der Unbefangenheit eines jungen Burschen lag.

Sein langes Haar hing in je drei dünne Zöpfe geflochten zu beiden Seiten des Gesichts herab. Seine Augen waren unsicher und zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. Der Mund war sinnlich, leicht geöffnet, feucht und gab ihm ein gutmütiges, aber zugleich etwas zynisches Aussehen. Ich fragte ihn nach seinem Namen; er antwortete Abdulla, genannt el Nahabi, der Räuber; den Beinamen, sagte er, habe er von seinem angesehenen Vater ererbt. Sein eigenes Leben war wenig glücklich gewesen. Er war in Boreida geboren und schon in seiner Jugend wegen Gottlosigkeit von der Behörde gestraft worden. Kaum erwachsen, trieb ihn ein Mißgeschick im Hause einer verheirateten Frau zu schleuniger Flucht aus seiner Heimat, worauf er bei Ibn Saud, Emir von Nedjd, Dienste nahm.

In diesem Dienst brachte ihm sein gottloses Fluchen Prügelstrafen und Gefängnis ein. Er entwich daher nach Kuweit, wo ihn sein Liebesbedürfnis wiederum in Ungelegenheiten brachte. Nach seiner Freilassung ging er nach Hail und ließ sich unter das Gefolge Ibn Raschids, des Emirs, anwerben. Unglücklicherweise erregte er das Mißfallen seines Offiziers, so daß dieser ihn öffentlich mit dem Kamelstock verprügelte. Er zahlte es ihm in gleicher Münze heim; und nach langsamer Genesung im Gefängnis fand er sich wiederum einsam in der Welt.

Die Hedjasbahn war gerade im Bau, und er meldete sich in der Hoffnung auf reichen Gelderwerb. Aber der Aufseher kürzte ihm seinen Lohn, weil er am hellen Mittag geschlafen hatte. Aus Rache dafür kürzte er den Aufseher um seinen Kopf. Die türkische Regierung schritt ein, und er fand es wenig erfreulich, sein Dasein im Gefängnis von Medina zu verbringen. Er entwischte durch ein Fenster, gelangte nach Mekka und wurde dort, auf Grund seiner erwiesenen Rechtschaffenheit und da er ein tüchtiger Kamelreiter war, als Postbeförderer zwischen Mekka und Djidda angestellt. Bei diesem Amt blieb er, entsagte seinen jugendlichen Streichen und ließ Vater und Mutter nach Mekka kommen; von dem Kapital, das er sich aus Kommissionsgeldern von Kaufleuten und Räubern zusammengebracht hatte, kaufte er ihnen einen Laden und ließ sie für sich arbeiten.

Nach einem Jahr des Wohlstandes wurde er unterwegs überfallen und verlor dabei sein Kamel und die ganze Dienstpost. Als Schadenersatz wurde sein Laden beschlagnahmt. Er rettete so viel aus dem Zusammenbruch, um sich als Soldat auszustatten und in die Kamelpolizei des Scherifs einzutreten. Dank seiner Tüchtigkeit brachte er es zum Unteroffizier; aber seine Abteilung machte allzuoft von sich reden durch die Gepflogenheit, bei jeder Gelegenheit mit Dolchen um sich zu stechen, und durch sein ruchloses Mundwerk – ein Maul, das den Unflat der Bordelle sämtlicher arabischer Städte ausspie. Allzuoft verzerrten sich seine Lippen in Hohn, bissigem Spott, Geilheit und Lüge; und als er degradiert wurde, schrieb er seinen Sturz dem Racheakt eines eifersüchtigen Ateibi zu, den er im Hof vor den Augen des empörten Scherifs Scharraf erstach.

Scharrafs strenger Sinn für öffentliche Moral verurteilte Abdulla zur allerschwersten der Züchtigungen, an der er wirklich fast gestorben wäre. Als er sich erholt hatte, trat er in Scharrafs Dienste. Beim Ausbruch des Krieges wurde er Ibn Dakhil zugeteilt, dem Hauptmann der Ageyli bei Faisal. Aber durch die Meuterei in Wedjh verlor Ibn Dakhil seinen Posten. Abdulla sehnte sich nach Kameradschaft in Reih und Glied, und Ibn Dakhil hatte ihm ein Empfehlungsschreiben für mich mitgegeben.

Der Brief besagte, daß er zwei Jahre lang treu, aber respektlos gewesen sei, bei Söhnen der Schande nicht verwunderlich. Er sei der erfahrenste der Ageyli, habe jedem arabischen Fürsten gedient und sei, nach Peitsche und Gefängnis, aus jedem Dienst wieder entlassen worden wegen Temperamentsäußerungen von allzu ausgesprochener Eigenart. Er sei – schrieb Ibn Dakhil – der beste Reiter nach ihm selbst und ein vorzüglicher Kamelkenner, tapfer wie nur irgendein Sohn Adams, kein Kunststück übrigens, da er wegen seiner schwachen Augen die Gefahr gar nicht sähe. – In der Tat, ein Gefolgsmann, wie ich ihn brauchte! Und ich warb ihn sofort an.

In meinem Dienst bekam er nur einmal das Loch zu schmecken. Es war im Hauptquartier Allenbys, als mich ein verzweifelter Kriegsgerichtsrat anrief und mir mitteilte, man habe einen wilden Mann, bewaffnet, vor der Tür des Oberkommandierenden sitzend gefunden; er sei ohne Aufhebens nach der Wache gebracht worden, wo er Orangen hinunterschlänge, als gelte es eine Wette, und erklärte, er wäre mein Sohn und einer von Faisals Hunden. Die Orangen würden schon knapp am Ort.

So erlebte Abdulla sein erstes Telephongespräch. Er sagte zu dem Armeekriegsgerichtsrat, daß es sehr zu begrüßen wäre, wenn es in jedem Gefängnis eine derartige Verpflegung gäbe, und nahm dann feierlich von ihm Abschied. Die Zumutung, im Bereich des Hauptquartiers von Ramleh unbewaffnet zu gehen, wies er mit Entrüstung zurück und bekam denn auch einen Schein, daß er Säbel, Dolch, Pistole und Gewehr tragen dürfe. Sofort nach seiner Entlassung ging er in die Wachtstube zurück und verteilte Zigaretten unter die Militärpolizei.

Abdulla prüfte alle, die in meinen Dienst treten wollten, und dank ihm und Zaagi, meinem anderen Kommandanten (einem steifen Mann von normalem Offiziertyp) versammelte ich eine prächtige Schar der gewiegtesten Burschen um mich. Die Engländer in Akaba nannten sie nur die Halsabschneider, aber sie schnitten nur auf meinen Befehl Hälse ab. Vielleicht mag es manchem als ein Fehler erschienen sein, daß sie keine andere Autorität anerkannten als die meine. Immerhin, war ich abwesend, so waren sie mit Major Marshall sehr freundlich und hielten ihm von der Früh bis zum Abend unverständliche Vorträge über Kamele, ihre Rassen, ihre Zucht und ihre Krankheit. Marshall war sehr geduldig; und zwei oder drei von ihnen pflegten schon vor Morgengrauen wartend neben seinem Lager zu sitzen, um dann, sobald er erwacht war, den Unterricht fortzusetzen.

Mehr als die Hälfte meiner Schar (fast fünfzig von den neunzig) waren Ageyli, die zähen geschmeidigen Dörfler aus dem Nedjd, der Schmuck und die Zierde von Faisals Armee, die mit ihren Reitkamelen wie zusammengewachsen waren. Sie riefen ihre Tiere mit Namen auf hundert Schritt Entfernung und ließen sie als Wache bei ihren Habseligkeiten zurück, wenn sie abstiegen. Die Ageyli waren gewinnsüchtig und leisteten nur Gutes, wenn sie gut bezahlt wurden; deshalb erfreuten sie sich keines guten Rufes. Und doch gebührt die Ehre, die kühnste Einzeltat des arabischen Krieges vollbracht zu haben, einem Ageyli, nämlich jenem, der zweimal durch die unterirdische Wasserleitung nach Medina hineinschwamm und genaue Nachrichten aus der belagerten Stadt brachte.

Ich bezahlte meinen Leuten sechs Pfund im Monat, den üblichen Armeesold für Mann und Kamel, machte sie aber auf meinen eigenen Tieren beritten, so daß der Sold reiner Verdienst war: das machte den Dienst bei mir sehr begehrt und führte mir die Tüchtigsten aus dem Lager zu. Die Art meiner Unternehmungen – und ich war beschäftigter als je – erforderte lange, schnelle und anstrengende Ritte, ohne Rücksicht auf Reiter oder Tier. Der gewöhnliche Araber, dem sein Kamel sein halbes Vermögen bedeutet, konnte nicht riskieren, sein Tier zuschanden zu reiten bei meinen Gewaltritten, und sie waren auch für den Mann selbst höchst anstrengend.

Also brauchte ich die ausgesuchtesten Reiter auf meinen eigenen Tieren. Die zuverlässigsten und kräftigsten Kamele wurden zu hohen Preisen angekauft. Wir wählten sie nach Schnelligkeit und Ausdauer, ohne Rücksicht darauf, ob ihr Gang für den Reiter unbequem und ermüdend war; und gerade die hartgehenden erwiesen sich oft als die besten. Waren die Kamele verbraucht, so wurden sie ausgetauscht oder kamen in unser Kamellazarett. Zaagi machte jeden Mann persönlich verantwortlich für den guten Zustand seines Tieres wie seines Sattelzeugs.

Die Burschen waren stolz darauf, meiner Leibgarde anzugehören, und entwickelten einen fast feurig zu nennenden Korpsgeist. Gekleidet waren sie wie ein Tulpenbeet: in allen erdenklichen Farben, ausgenommen weiß: denn das war mein ständiger Anzug, und sie wollten nicht den Anschein erwecken, als ob sie sich mir gegenüber etwas herausnähmen. In einer halben Stunde waren sie marschbereit für einen Ritt von sechs Wochen, das Höchstmaß, bis zu dem Verpflegung im Sattel mitgenommen werden konnte. Gepäckkamele mitzuführen, hätten sie als Schande betrachtet. Sie ritten Tag und Nacht ununterbrochen ganz nach meinem Gutdünken und setzten eine Ehre darein, nie Ermüdung zu zeigen. Wenn etwa mal ein Neueingestellter murrte, so brachten ihn die andern rasch zum Schweigen oder gaben ihm rücksichtslos anderweitig Ursache zu jammern.

Sie fochten wie die Teufel, wenn ich es befahl, manchmal auch ohne meinen Befehl, aber nur gegen Türken oder nicht zum Korps Gehörige. Sich innerhalb der Leibgarde zu schlagen, galt als größte Beleidigung. Sie verlangten außergewöhnliche Belohnung und außergewöhnliche Züchtigung. Sie prahlten in der ganzen Armee mit ihren Strafen und ihren Gewinsten.

Aber nur mit grausamer Härte konnte man diese besessenen arabischen Kerls in Rand und Band halten. Außerdem waren meine Leute Blutfeinde aus dreißig verschiedenen Stämmen, und wenn ich nicht die Hand über sie gehalten hätte, würden sie täglich gemordet haben. Ihre Fehden verhinderten, daß sie sich gegen mich zusammenschlossen, während die Verschiedenheit ihrer Herkunft mir Bürgen und Spione an die Hand gab, wohin immer ich ging oder sie schickte zwischen Akaba und Damaskus, zwischen Beerseba und Bagdad. Fast sechzig von ihnen fielen in meinem Dienst.

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