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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 23
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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20. Vorstoß zur Brücke

Erschöpft legten wir uns einen Augenblick zum Schlafen nieder, waren aber sehr früh wieder auf den Beinen, um die Kamelreiter der Serahin zu besichtigen. Sie jagten mit viel Geschrei an uns vorbei und zeigten ihre Künste; doch hielten wir nicht viel von ihrer Reiterei, und sie machten allzuviel Wesens davon, um uns vom Gegenteil zu überzeugen. Aber es war nun mal die einzige Hilfstruppe, die wir hatten; so wurden denn die letzten Vorbereitungen getroffen, und um drei Uhr nachmittags brachen wir nach Azrak auf. Abd el Kader und seine Begleiter bestiegen ihre Stuten, ein Zeichen, daß wir uns der Kampfzone näherten. Sie ritten unmittelbar hinter uns.

Ali sollte zum erstenmal Azrak sehen, und während wir in hoher Erwartung den steinigen Hang hinaufeilten, sprachen wir von den Kriegszügen und Gesängen und den ungezügelten Leidenschaften der einstigen Hirtenkönige, deren Namen wie Musik klangen und die diesen Ort so geliebt hatten; und sprachen auch von den römischen Legionen, die in noch früheren Zeiten hier in Garnison geschmachtet hatten. Und dann tauchte jäh vor uns in schimmerndem Blau die Burg auf ihrem Felsgipfel auf, umrauscht von Palmen, mit frischgrünen Matten und weißschäumenden Quellen zu ihren Füßen; und wir standen festgebannt.

Nach einer Weile gab Ali die Zügel frei, und sein Kamel suchte sich behutsam seinen Weg das alte Lavabett entlang bis zu dem saftigen Grün hinter den Quellen. Unsere gequälten Augen öffneten sich weit in dieser Wohltat nach den vielen Wochen grausam harten Lichts. »Gras!« schrie Ali, sprang aus dem Sattel, warf sich auf den Boden und vergrub sein Gesicht in die harschen Halme, die uns Wüstengewohnten so weich erschienen.

Als wir uns wieder unseren Pflichten zuwandten, war kein Abd el Kader mehr zu finden. Vergebens suchten wir ihn in der Burg, im Palmgarten und oben bei der Quelle. Wir sandten Boten zur Kolonne, um nach ihm zu forschen, und sie kamen mit Arabern zurück, die sagten, er wäre gleich nach dem Aufbruch durch das buschbedeckte Hügelland nordwärts auf Djebel Druse zu davongeritten. Die Truppe kannte unsere Pläne nicht, alles haßte ihn und war froh, daß er weg war; für uns aber war es eine schlimme Nachricht.

Von den drei Möglichkeiten, die wir hatten, war Um Keis bereits aufgegeben; ohne Abd el Kader kam auch Wadi Khalid nicht in Frage. Folglich blieb uns nichts weiter übrig als ein Versuch gegen die Brücke bei Tell el Schehab. Um dahin zu gelangen, mußten wir das offene Land zwischen Remthe und Deráa überqueren. Abd el Kader war zum Feinde übergegangen mit genauer Kenntnis unserer Pläne und unserer Stärke. Wenn die Türken die geeigneten Vorsichtsmaßregeln trafen, mußten sie uns bei der Brücke abfangen. Wir berieten uns mit Fahad und kamen zu dem Entschluß, auch angesichts solcher Möglichkeit den Versuch zu wagen, und rechneten dabei mit der üblichen Unfähigkeit des Feindes. Aber ganz wohl war uns bei dieser Entscheidung nicht, und die stolze Trutzstimmung angesichts der sonnumzüngelten Burg Azraks verging uns ein wenig.

Am nächsten Morgen ritten wir über gut gangbaren Boden mit reichlichem Weidegrund für die Kamele, bis wir bei Abu Sawana auf eine prächtige Wasserstelle stießen, einen schmalen Kanal, zwei Fuß tief, etwa zehn Fuß breit, aber eine halbe Meile lang und bis zum Rand mit köstlichem, klarem Regenwasser gefüllt. Es war ein geeigneter Ausgangspunkt für unsern Vorstoß gegen die Brücke. Um ganz sicher zu sein, ritten wir einige Yard weiter bis auf eine steinige Höhe und gewahrten von da aus einen abziehenden Trupp zirkassischer Reiter, von den Türken ausgesandt, um festzustellen, ob diese Wasserstelle besetzt sei. Nur um fünf Minuten hatten sie uns verfehlt – zum Glück für beide Teile.

Bei Morgengrauen marschierten wir unbehelligt weiter, bis die Wüste ein Ende hatte, und hielten in einer flachen Mulde am Rande einer Ebene, die sich frei und deckungslos bis an den Eisenbahndamm einige Meilen vor uns erstreckte. Hier mußten wir bleiben und die Dunkelheit abwarten, um den Übergang zu ermöglichen. Unsere Absicht war, ungesehen die Bahn zu überschreiten und uns dann jenseits in den Bergrändern unterhalb Deráa zu verstecken.

Den langen Halt benutzten wir neuerdings zu einer ausgiebigen Mahlzeit, denn wir aßen bei jeder Gelegenheit drauflos, soviel wir nur konnten. Das erleichterte unsere Proviantlast und bewahrte uns vor unnützen Gedanken; aber auch so wurde der Tag endlos lang. Schließlich aber ging die Sonne unter. Ein einziger Schauer durchlief die Ebene, als die Dunkelheit, die sich schon eine Weile drüben in den Bergen gesammelt hatte, langsam herausfloß und sie zudeckte. Wir stiegen in den Sattel. Nach einem beschleunigten Marsch über Kiesboden erreichten wir zwei Stunden später die Eisenbahn und fanden bald eine zum Übergang geeignete steinige Stelle, auf der unsere Karawane keine Spuren hinterließ. Die türkischen Bahnwärter hockten offenbar ruhig in ihren Buden, für uns ein Zeichen, daß Abd el Kader den Feind noch nicht alarmiert hatte.

Wir ritten noch eine halbe Stunde auf der andern Seite der Bahn entlang, um dann in einer felsigen, aber ziemlich flachen Einbettung, bedeckt mit saftigem Pflanzenwuchs, haltzumachen. Es war Ghadir el Abyadh und als geeigneter Unterschlupf von Mifleh empfohlen. Im Vertrauen auf sein Wort, daß wir hier völlig in Deckung seien, legten wir uns zu kurzem Schlaf zwischen die beladenen Tiere. Der Morgen würde ja schon zeigen, wieweit wir hier gesichert und geborgen waren.

Als der Tag anbrach, führte mich Fahad auf den Rand unseres Schlupfwinkels, etwa fünfzehn Fuß hoch, und von da aus sahen wir gerade vor uns über einen sanften Wiesenhang hinweg die Eisenbahn auf ziemlich kurze Schußweite. Diese große Nähe war höchst bedenklich, aber die Sakhr wußten keinen besseren Platz. Hier mußten wir den ganzen Tag über bleiben. Alle Augenblicke wurde etwas gemeldet, und dann liefen die Leute auf die Höhe, um nachzuschauen, und der ganze Rand war mit einer langen Reihe von Köpfen garniert. Auch machte es große Mühe, die Kamele zusammenzuhalten, damit sie nicht etwa beim Herumweiden in Sicht kämen. Ging eine feindliche Patrouille unten an der Bahn vorüber, so mußten wir die Tiere beruhigen und festhalten, denn das geringste Geschrei oder Geräusch hätte uns verraten. Der gestrige Tag war schon lang, der heutige wurde uns aber noch weit länger. Nicht einmal essen konnten wir, da wir unser bißchen Wasser auf morgen aufsparen mußten. Dieses Bewußtsein machte uns erst recht durstig.

Ali und ich trafen die letzten Vorbereitungen für unsern Ritt nach der Brücke. Wir waren bis Sonnenuntergang hier festgehalten; dann mußten wir Tell el Schehab erreichen, die Brücke in die Luft sprengen und schon weit östlich der Bahn sein, ehe der Morgen dämmerte. Das bedeutete einen Ritt von mindestens achtzig Meilen innerhalb dreizehn Nachtstunden. Dazu waren die meisten unserer Inder nicht imstande. Sie waren keine guten Reiter und hatten auf dem Marsch von Akaba ihre Kamele ruiniert. Die Araber wissen ihre Tiere zu schonen und bringen sie, auch nach schwerer Leistung, in guter Verfassung nach Hause.

So wurden denn die sechs besten Reiter ausgewählt und auf die sechs besten Kamele gesetzt, unter Hassan Schah, ihrem Offizier und dem Beherztesten unter ihnen. Er erklärte, eine so kleine Schar könnte nicht mehr als höchstens ein Maschinengewehr mitnehmen. Das war eine bedenkliche Verminderung unserer Offensivkraft. Je mehr ich es bedachte, um so bedenklicher erschien mir dieses Yarmukunternehmen.

Die Beni Sakhr waren wackere Kämpfer, aber den Serahin trauten wir nicht recht. So beschlossen Ali und ich, die Beni Sakhr, unter Fahads Führung, als unsern Sturmtrupp zu verwenden. Von den Serahin sollte ein Teil die Kamele bewachen, ein anderer die Sprengmunition herantragen, wenn wir zu Fuß gegen die Brücke vorgingen.

Ali ibn el Hussein nahm sechs von seinen Dienern mit, und zwanzig Beni Sakhr nebst vierzig Serahin vervollständigten unsern Trupp. Der Rest wurde in Abyadh bei den lahmen und schwachen Kamelen zurückgelassen, mit der Weisung, noch vor Morgengrauen nach Abu Sawana zurückzugehen und dort weitere Befehle abzuwarten.

Gerade mit Sonnenuntergang sagten wir den Zurückbleibenden Lebewohl und stiegen aus unserm Tal heraus, herzlich wenig aufgelegt zu dieser ganzen Sache. Dunkelheit sank herab, während wir den ersten Höhenrücken überschritten und uns dann westwärts wandten, der alten Pilgerstraße zu, deren Spur unser bester Führer sein mußte. Eben ritten wir stolpernd einen steinigen Berghang hinab, als die Leute an der Spitze plötzlich vorstürzten. Wir folgten ihnen und fanden einen verängstigten Händler mit zwei Frauen und zwei Eseln, beladen mit Trauben, Mehl und Mänteln. Sie waren auf dem Wege nach Mafrah, der Station gerade hinter uns. Das konnte gefährlich für uns werden, und wir befahlen ihnen daher, die Nacht an Ort und Stelle zu bleiben und sich nicht zu rühren. Zur Bewachung wurde ein Serahin zurückgelassen, er sollte sie am Morgen freigeben und dann über die Bahn hinweg Abu Sawana erreichen.

In der nun völligen Finsternis trotteten wir über die Hänge hinweg, bis wir die weiße Spur der breiten Pilgerstraße vor uns auftauchen sahen. Es war die gleiche, später längs der Südküste sich hinziehende Straße, auf der ich in meiner ersten Nacht in Arabien zusammen mit Arabern von Rabegh aus geritten war. Und seitdem hatten wir uns zwölf Monate lang einige zwölfhundert Kilometer weit durch das Land geschlagen, vorbei an Medina und dem Hedjas, Dizad, Mudowwara und Maan.

Ein Schafhirt oder dergleichen riß mich aus meinen Betrachtungen; er hatte unsere lautlose Karawane undeutlich im Dunkeln herankommen sehen und auf sie gefeuert. Er hatte nicht getroffen, aber begann nun fürchterlich zu schreien und lief davon, dabei Schuß auf Schuß in den Dunst über uns hineinknallend.

Mifleh el Gomaan, der uns führte, bog scharf zur Seite ab, und alles stürzte hinter ihm drein, den Abhang hinab, über einen halsbrecherischen Grund hinweg und dann um einen vorspringenden Bergrücken herum. Hier waren wir wieder in ungestörter Stille der Nacht und trabten in wiederhergestellter Ordnung weiter unter dem Sternhimmel dahin. Der nächste Alarm kam von einem bellenden Hund, und dann stießen wir unverhofft auf ein Kamel. Doch war es reiterlos und anscheinend verirrt, und wir setzten unsern Weg fort.

Mifleh ließ mich neben sich reiten und nannte mich »Arab«, damit mein bekannter Name mich nicht verriete, wenn uns ein Unberufener im Finstern hören sollte. Wir stiegen in eine Schlucht und spürten Brandgeruch; aus einem Busch zur Seite des Weges sprang die dunkle Gestalt einer Frau heraus und stürzte kreischend davon. Es mochte wohl eine Zigeunerin gewesen sein, da sich sonst niemand mehr zeigte. Wir kamen an einen Hügel; oben lag ein Dorf, dessen Lichtschimmer wir schon von weitem gesehen hatten. Mifleh bog nach rechts ab, auf einen breiten Streifen Ackerland, der sich einen Hang hinaufzog; wir stiegen mühsam hinan, unsere Sättel krachten. Oben auf der Höhe hielten wir an.

Unter uns, nach Norden zu, sahen wir helle Lichtgruppen. Es war die Station Deráa, alle ihre Lampen brannten, da Truppentransporte im Gange waren. Das beruhigte uns einigermaßen, doch gab es uns zugleich einen Stich, weil uns die Türken so gänzlich mißachteten. (Wir hatten wenigstens die Genugtuung, daß es die letzte Illumination von Deráa sein sollte; am Morgen schnitten wir die Drähte durch, und die Station lag ein Jahr lang – bis zu ihrer Einnahme – im Dunkeln.) Wir folgten – dicht geschlossen – nach links hin dem Höhenrücken, stiegen ein langes Tal hinab und erreichten die Ebene von Remthe; von einem Dorf in der Ferne leuchtete von Zeit zu Zeit ein rötliches Licht auf. Der Weg wurde eben, aber das Land war teilweise bebaut und der weiche Boden von einem Labyrinth von Kaninchenbauen unterhöhlt. Die Kamele versanken oft bis über die Fesseln und kamen nur mühsam voran. Trotzdem mußten wir uns sputen, denn der schlechte Weg und die verschiedenen Zwischenfälle hatten uns stark aufgehalten. Mifleh setzte sein Kamel mühsam in Trab.

Ich war besser beritten als die meisten, auf einer rotbraunen Kamelstute, die ich den Adham abgekauft hatte. Es war ein hohes, langbeiniges Tier mit gewaltig ausgreifendem, aber hartstoßendem Gang, besonders dann fühlbar, wenn es – wie stets – unruhig nach vorwärts drängte, um an die Spitze der Kolonne zu gelangen. Hatte es das erreicht, so war sein Ehrgeiz befriedigt, und es fiel in einen ruhigen stetigen Schritt, der einem das Gefühl von einer außerordentlichen Reserve an Kraft und Ausdauer gab. Ich ritt die Reihen zurück und spornte zur Eile an. Die meisten taten auch ihr Bestes, um rasch vorwärts zu kommen; aber der Boden war so schlecht, daß alle Mühe wenig fruchtete, und mit der Zeit blieb einer nach dem andern zurück. Ich setzte mich daher an das Ende der Kolonne, zusammen mit Ali ibn el Hussein, der ein sehr altes Vollblutkamel ritt. Es mochte seine vierzehn Jahre haben, strauchelte aber nie und zeigte während des ganzen Nachtrittes nicht die geringste Ermüdung. Den Kopf weit vorgestreckt, schob es sich in dem weiten, lockeren Nedjd-Schritt dahin, der so angenehm ist für den Reiter. Unser Tempo und unsere Reitstöcke machten den Nachzüglern, Reitern wie Kamelen, das Leben sauer.

Kurz nach neun Uhr verließen wir das Ackerland. Der Weg war jetzt an sich besser, aber es begann zu regnen, und der schwere, fette Boden wurde schlüpfrig. Ein Serahinkamel stürzte; sein Reiter hatte es im Augenblick wieder hoch und trabte weiter. Einer der Beni Sakhr kam zu Fall; er blieb ebenfalls unverletzt und war rasch wieder im Sattel. Dann trafen wir auf einen der Diener Alis, er stand neben seinem Kamel und kam nicht hinauf. Ali pfiff ihn an, und als der Bursche eine Entschuldigung murmelte, hieb er ihm wütend mit dem Reitstock über den Kopf. Das erschreckte Kamel sank in die Knie, und der Sklave, rasch die hinteren Gurte fassend, konnte sich so wieder allein in den Sattel schwingen. Ali verfolgte ihn noch mit einem Hagel von Schlägen. Mustapha, einer meiner Diener, war ein ungeübter Reiter und stürzte zweimal. Aber Awad, sein Nebenmann, schnappte jedesmal seinen Halfter und half ihm wieder hoch, ehe wir heran waren.

Der Regen hörte auf, und wir kamen rascher voran. Es ging jetzt dauernd bergab. Plötzlich richtete sich Mifleh im Sattel hoch und schlug in die Luft über sich. Es gab einen scharfen metallischen Klang, der uns anzeigte, daß wir jetzt unter der nach Mezerib führenden Telegraphenleitung waren. Der graue Horizont vor uns wich zurück. Es schien, als ritten wir hoch oben auf der Wölbung eines Grats, vor uns und zur Seite unter uns nur schwarze Tiefe. Ein ganz schwaches Sausen drang an unser Ohr, wie wenn in der Ferne der Wind durch Bäume streicht, doch hielt es an und wurde stärker. Es mußte von dem großen Wasserfall unterhalb Tell el Schehab kommen, und voller Zuversicht eilten wir weiter.

Wenige Minuten später zügelte Mifleh sein Kamel und schlug es sanft auf den Nacken, bis es lautlos niederging. Er saß ab, und wir hielten ihm zur Seite an auf einer grasbewachsenen Fläche neben einem steingehäuften Grabhügel. Hart vor uns drang aus schwarzer Tiefe das laute Rauschen des Flusses herauf, das uns schon so lange in den Ohren gelegen hatte. Wir waren am Rand der Yarmukschlucht angelangt, und die Brücke lag hart rechts unter uns.

Wir halfen den Indern von den beladenen Kamelen, damit kein Laut uns etwa einem nahen Posten verriete; dann standen wir flüsternd auf dem feuchten Grasboden beisammen. Der Mond war noch nicht über Hermon aufgestiegen, aber die Nacht war nur halbdunkel, wie in Erwartung der nahenden Dämmerung, und Wolkenfetzen trieben über den fahlen Himmel. Ich verteilte das Sprengmaterial unter die fünfzehn Träger, und wir gingen los. Die Beni Sakhr, unter Führung Adhubs, verschwanden in den dunklen Abhängen vor uns, um den Weg zu sichern. Durch den Regen war der steile Abfall glatt und bröcklig, und nur, wenn wir die nackten Füße fest in den Boden stemmten, konnten wir Halt gewinnen. Zwei oder drei rutschten aus und stürzten schwer.

Weiter ging's, und schließlich sahen wir unter uns in der schwarzen Talschlucht etwas noch Schwärzeres, Längliches auftauchen, an dessen jenseitigem Ende ein kleines Licht flackerte. Es war die Brücke, die wir von oben her in ihrer ganzen Länge übersehen konnten. Auf dem andern Ufer, im Schatten des dorfgekrönten Hangs, stand das Zelt einer Wache. Alles war still, außer dem Rauschen des Flusses, alles regungslos, außer der zuckenden Flamme vor dem Zelt.

Wood, der nur herunterkommen sollte, wenn ich verwundet wurde, brachte oben mit den Indern das Maschinengewehr in Stellung, um im Notfall das Wachtzelt unter Feuer zu nehmen, während ich nebst Ali, Fahad, Mifleh, den Beni Sakhr und den Sprengstoffträgern weiter hinabstieg, bis wir den alten Baupfad zum Brückenanfang gefunden hatten. In langer Reihe stahlen wir uns auf ihm entlang; unsere braunen Mäntel und erdbeschmutzten Kleider verschmolzen mit dem Kalkstein über uns und der schwarzen Tiefe unten. Wir gelangten an die Schienen, genau da, wo sie zur Brücke einbogen. Hier blieben die übrigen, während ich mit Fahad weiterkroch.

Flach auf dem Boden und dicht an die Schienen geschmiegt, schlängelten wir uns auf die Brücke bis zur Mitte der ersten Bogenspannung, wo wir die eisernen Verstrebungen darunter fast mit der Hand erreichen konnten. Drüben der einzelne Posten, der bisher an dem Geländer am Brückenende – sechzig Yard über dem Abgrund – gestanden hatte, begann langsam vor dem Feuer auf und ab zu gehen, ohne einen Fuß auf die schwindelnd hohe Brücke zu setzen.

Ich kroch zurück, um die Sprengstoffträger heranzuholen. Doch ehe ich sie noch erreicht hatte, hörte man das laute Rasseln eines hinfallenden Gewehrs und ein Geklapper den Hang hinunter. Der Posten hielt an und starrte in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Der aufgehende Mond hatte eben die ganze Schlucht mit weichem Licht übergössen, und nun sah der Posten hoch oben unsere Maschinengewehrschützen, wie sie eben tiefer hinabkletterten, um im schützenden Schatten eine neue Stellung zu suchen. Ein lauter Anruf, dann hob er sein Gewehr und feuerte, zugleich die Wache herausrufend. Im Augenblick war alles ein wildes Durcheinander. Die Beni Sakhr, vom Feinde nicht gesehen, kletterten rasch den schmalen Pfad hinauf und schossen ins Blaue. Die türkische Wache eilte in den Graben und eröffnete Schnellfeuer in Richtung unserer aufblitzenden Schüsse. Die Inder, gerade im Aufbruch überrascht, konnten ihre Maschinengewehre nicht rasch genug in Stellung bringen, um das Zelt unter Feuer zu nehmen, ehe es geräumt war. Das Schießen wurde allgemein. Der Lärm des türkischen Schnellfeuers, weit im Tal widerhallend, wurde noch verdoppelt durch das Aufklatschen der Kugeln gegen die Felsen über uns. Die Serahin waren von meinen Leuten unterrichtet worden, daß der Sprengstoff bei heftigem Stoß explodierte. Als daher die Kugeln um sie herumprasselten, warfen sie die Lasten über den Rand in den Abgrund und entflohen. Ali kam zu Fahad und mir heruntergesprungen; wir standen noch gedeckt unten am Brückenende, aber mit leeren Händen. Er rief uns zu, das Sprengmaterial läge irgendwo tief unten auf dem Grunde der Schlucht.

Es wieder heraufzuholen, daran war überhaupt nicht zu denken in dieser losgelassenen Hölle. So klommen wir im türkischen Feuer den schmalen Pfad bergauf und kamen unverletzt oben an. Dort trafen wir Wood mit den Indern und sagten ihm, daß alles aus wäre. Wir eilten zurück nach dem Grabhügel, wo die Serahin eben auf ihre Kamele kletterten. Wir konnten nichts anderes tun, als so rasch wie möglich ihrem Beispiel zu folgen, und trabten schleunigst davon, während die Türken immer weiter in den Talgrund hineinballerten. Turra, das nächstgelegene Dorf, hörte den Lärm und wurde lebendig. Auch die andern Dörfer erwachten, und bald blinkten ringsum in der Ebene Lichter auf.

In der Hast der Flucht überrannten wir eine Schar Bauern, die von Deráa zurückkehrten. Die Serahin, erbost über die Rolle, die sie gespielt hatten (und vielleicht auch über das, was sie von mir in der Hitze der Flucht zu hören bekommen hatten), mußten ihrer Wut irgendwie Luft machen und raubten die Bauern radikal aus. Die Opfer stürzten mit ihren Frauen, den ohrenzerreißenden arabischen Hilferuf ausstoßend, durch das Mondlicht davon. Remthe hörte sie. Ihre gellenden Schreie weckten jedes Dorf in der Nachbarschaft. Berittene wurden ausgesandt, um uns den Weg abzuschneiden, während überall in den Niederlassungen die Dächer besetzt und Salven abgefeuert wurden.

Wir verließen die Serahinsünder mit ihrer die Flucht hindernden Beute und eilten in grimmem Schweigen weiter; eng zusammengeschlossen, wie es gerade ging, und meine geübten Leute griffen großartig zu, wo es galt, einem Gestürzten aufzuhelfen oder ein durchgehendes Kamel einzuholen. Der Boden war feucht und schlüpfrig und das Überqueren der fettigen Ackerstreifen noch mühsamer als vorher. Aber hinter uns war der Aufruhr und jagte uns und unsere Kamele in wilder Hast vorwärts wie ein Rudel dem Schutz der Berge zu. Endlich erreichten wir sie, und ihre Geborgenheit gab uns etwas Ruhe; aber immer noch spornten wir unsere ermatteten Tiere zu schärfster Gangart an, denn die Morgendämmerung war nahe. Nach und nach verklang der Lärm hinter uns, die letzten Nachzügler schlossen sich in die Reihen, und wieder, wie beim Vormarsch, blieben Ali ibn Hussein und ich am Ende, um den Trupp zusammenzuhalten.

Eben graute der Tag, als wir zur Bahnlinie herabstiegen. Wood, Ali und die Führer, nun vorn an der Spitze, um den Weg zu erkunden, vergnügten sich damit, die Telegraphendrähte an vielen Stellen zu durchschneiden, während wir in langer Prozession vorübergingen. Die Nacht zuvor hatten wir die Bahn gekreuzt, in der Absicht, die Brücke von Tell el Schehab in die Luft zu sprengen und Palästina von seiner Verbindung mit Damaskus abzuschneiden; und nach all der Mühe und Gefahr schnitten wir jetzt die Leitung nach Medina durch! Allenbys Kanonen, die in weiter Entfernung rechts von uns donnerten, brachten uns unsern Mißerfolg doppelt bitter zu Gemüte.

Die Dämmerung stieg herauf mit weichem grauen Licht, Vorbote des feinen grauen Regens, der bald einsetzte, ein sanftes, hoffnungsloses Rieseln, wie zum Hohn auf unser klägliches Dahinkrauchen auf Abu Sawana zu. Erst bei Sonnenuntergang erreichten wir die Wasserstelle, und die Zurückgebliebenen erkundigten sich neugierig nach den Einzelheiten unseres Mißgeschicks.

Wir hatten uns zu Narren gemacht, allesamt, einer wie der andere, und wußten nicht, an wem unsere Wut auslassen. Ahmed und Awad kriegten sich wie üblich an den Haaren; der junge Mustafa weigerte sich, Reis zu kochen. Farradj und Daud hieben auf ihn ein, daß er laut schrie. Ali verprügelte zwei seiner Diener; aber das ließ sie und uns gänzlich kalt. Unsere Gemüter waren krank von Mißerfolg und unsere Körper ausgemergelt von dem fast hundert Meilen langen Dauerritt über schwierigen Boden und unter schwierigsten Verhältnissen, von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang, ohne Rast und Verpflegung.

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