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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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17. Neue Pläne

Der Oktober 1917 war für uns ein Monat des Abwartens, da wir wußten, daß Allenby, mit den Generalen Bols und Dawnay, einen Angriff gegen die Ghaza-Beerseba-Front plante.

Ghaza war nach europäischem Muster mit mehreren hintereinanderliegenden Verteidigungslinien und Reservestellungen ausgebaut worden. Es war so offensichtlich der stärkste Punkt des Feindes, daß die Engländer schon zweimal einen frontalen Angriff dagegen versucht hatten. Allenby, frisch aus Frankreich gekommen, bestand darauf, daß jeder fernere Angriff mit einer gewaltigen Übermacht an Mann und Geschützen durchgeführt und ihre Kampfkraft durch ungeheure Mengen von Nachschub aller Art sichergestellt werden mußte.

Wir auf der arabischen Front waren stets auf das genaueste über den Feind orientiert. Die arabischen Offiziere hatten zum größten Teil in türkischen Diensten gestanden und kannten jeden gegnerischen Führer persönlich. Wir standen in ständiger Beziehung mit der Gegenseite, denn die Zivilbevölkerung in den feindlichen Bezirken war uns, auch ohne Geld und Überredungskünste, ganz ergeben. Unser Nachrichtendienst war daher der denkbar vollständigste und zuverlässigste.

Wir kannten somit besser als Allenby die innere Unsicherheit des Feindes und den ganzen Umfang der englischen Möglichkeiten. Aber wir unterschätzten dabei, daß Allenby in seinen Bewegungen stark gehemmt war durch seine allzu zahlreiche Artillerie und die Schwerfälligkeit seiner Infanterie- und Kavalleriemassen, die nur mit gleichsam rheumatischer Langsamkeit vorwärts kamen. Wir hofften, daß Allenby ein Monat trockenen Wetters beschieden sein würde, und erwarteten in diesem Fall von ihm, daß er nicht nur Jerusalem, sondern auch Haifa nehmen und die Reste der türkischen Streitkräfte in die Berge hineintreiben würde.

Das würde für uns der Augenblick zum Handeln sein, und wir mußten dann an der Stelle bereitstehen, wo unser Eingreifen am wenigsten erwartet und am nachhaltigsten zur Geltung kam. Auf mich übte Deráa die stärkste Anziehungskraft aus, der Schnittpunkt der Eisenbahnen Jerusalem–Haifa–Damaskus– Medina, der Nabel der türkischen Armee in Syrien, der gemeinsame Versorgungspunkt aller ihrer Fronten. Und zufällig auch ein Gebiet, wo beträchtliche und noch ungenutzte Reserven arabischer Kämpfer lagen, durch Faisal von Akaba aus bewaffnet und ausgebildet.

So erwog ich denn eine Weile, ob wir alle diese Anhänger aufrufen und die türkischen Verbindungen mit Gewalt anpacken sollten. Wir konnten, bei einiger Geschicklichkeit, auf zwölftausend Mann rechnen: genügend, um Deráa zu überrennen, alle Eisenbahnlinien zu zerstören und vielleicht sogar Damaskus durch Handstreich zu nehmen. Schon jede einzelne dieser Unternehmungen würde die Beerseba-Armee in eine höchst kritische Lage gebracht haben: groß war daher die Versuchung für mich, unser ganzes Kapital auf diese eine Karte zu setzen.

Die eingesessene Bevölkerung beschwor uns zu kommen. Scheikh Talal el Hareidhin, der Führer in den Bezirken rings um Deráa, sandte wiederholt Botschaft, daß, wenn wir ihm einige wenige Reiter als Garantie der arabischen Unterstützung schickten, er uns Deráa überliefern könnte. Ein Vorhaben, das gewiß Allenby auf das wirksamste unterstützt hätte, dem aber Faisal nur dann zustimmen konnte, wenn er die sichere Hoffnung hatte, sich mit seiner ganzen Armee dort dauernd festzusetzen. Eine überraschende Einnahme von Deráa, der dann nachher ein Rückzug gefolgt wäre, würde die Niedermetzelung oder wenigstens den Ruin der prächtigen Landbevölkerung jener Gebiete bedeutet haben.

Einmal nur konnten sie den Aufstand wagen, und der Erfolg mußte dann schlechthin entscheidend sein. Sie jetzt aufzurufen, hieße den stärksten Trumpf Faisals für den Enderfolg aus der Hand spielen, auf die bloße Voraussetzung hin, daß Allenbys erster Angriff den Feind werfen und daß der November regenlos sein und einen raschen Vormarsch ermöglichen würde.

Ich überprüfte in Gedanken die englische Armee und konnte nicht zur ehrlichen Überzeugung von ihrer unbedingten Zuverlässigkeit kommen. Die Mannschaften waren meist tapfer und ausdauernd; aber ihre Generale gaben in ihrer Unfähigkeit oft das wieder preis, was die Soldaten in ihrer Einfalt gewonnen hatten. Allenby war noch gänzlich unerfahren auf diesem Kriegsschauplatz, und seine Truppen hatten durch die Murray-Periode schwer gelitten. Gewiß, wir kämpften für den Sieg der Alliierten, und da England der führende Partner war, mußten, wenn es not tat, die Araber für sie geopfert werden. Aber tat es denn wirklich schon not? Mit dem Krieg ging es im allgemeinen weder gut noch allzu schlecht vorwärts, und allem Anschein nach war auch im nächsten Jahr noch Zeit für einen derartigen Versuch. Ich beschloß daher, das Wagestück im Interesse der Araber aufzuschieben.

Jedoch die arabische Bewegung lebte nur von Allenbys Gnaden, und daher mußte auf alle Fälle irgendein Unternehmen ins Werk gesetzt werden, wenn auch nicht gleich im Umfang eines allgemeinen Aufstandes im Feindesbereich; ein Unternehmen, das nur von einem Streifkorps ohne Einbeziehung der ansässigen Bevölkerung durchgeführt werden konnte, und das zugleich als wesentliche Unterstützung seiner Pläne Allenby willkommen sein würde. Alles dies in Betracht gezogen, erschien der Versuch, eine der Brücken im Tal von Yarmuk zu sprengen, am aussichtsreichsten.

Das Tal des Yarmukflusses war eine enge, steilwandige Schlucht, durch die die von Palästina kommende Eisenbahn auf ihrem Weg nach Damaskus zum Hauran hinanstieg. Der jähe Übergang aus der Tiefe des Jordantals zur Höhe des Plateaus von Hauran hatte bei dem Bau dieser Strecke große Schwierigkeiten bereitet. Die Ingenieure mußten die Spur hart an den zahlreichen Windungen des Flußtals entlang führen, und um die nötige Steigweite zu erhalten, mußte die Bahn in ständigem Hin und Her den Fluß auf zahllosen Brücken überkreuzen, von denen die beiden am West- und am Ostausgang gelegenen am schwierigsten wiederherzustellen waren.

Durch Zerstörung einer dieser Brücken wurde die türkische Armee in Palästina von ihrer Basis in Damaskus abgeschnitten und ihr die Möglichkeit genommen, dem Vordringen Allenbys nach rückwärts auszuweichen. Der Yarmuk war von Akaba aus auf dem Wege über Azrak in hundertzwanzig Meilen langem Ritt zu erreichen. Die Türken hielten eine Gefährdung dieser Brücken für so ausgeschlossen, daß ihre Bewachung nur ungenügend war.

Der Plan wurde also Allenby vorgeschlagen, der uns ersuchte, die Ausführung auf den 5. November oder einen der drei folgenden Tage zu verlegen.

Nasir, unser bewährter Wegbereiter, war abwesend, doch bei den Beni Sakhr befand sich ja Ali ibn el Hussein, der jugendliche und sympathische Harith Scherif, der sich einst während der Unglückstage Faisals bei Medina besonders hervorgetan und später bei El Ula selbst Newcombe noch übertroffen hatte.

Ali hatte sich als Gast Djemal Paschas in Damaskus aufgehalten und dabei einige Kenntnisse über Syrien erlangt; so bat ich Faisal, ihn mir zur Verfügung zu stellen. Alis Mut, Energie und Fähigkeiten waren erprobt: kein Abenteuer seit Beginn unseres Aufstandes, vor dem er zurückgeschreckt wäre; kein Fehlschlag, dem er nicht mit seinem hellauten Lachen die Stirn geboten hätte.

Körperlich war er von außerordentlicher Leistungsfähigkeit, nicht eben hochgewachsen oder schwer, aber ungemein stark. So konnte er beispielsweise niederknien, die Unterarme auf den Boden gelegt, Handflächen nach oben, und dann mit einem Mann auf jeder Hand sich wieder aufrichten. Mehr noch: er konnte barfüßig ein trabendes Kamel im Lauf einholen, eine halbe Meile neben ihm Schritt halten und dann in den Sattel springen. In seinem Wesen war er anmaßend, eitel und eigensinnig, gleich rücksichtslos in Worten wie in Taten; sehr gewinnend (wenn er wollte) bei öffentlichem Auftreten und leidlich wohlerzogen für einen Mann, der seinen ganzen Ehrgeiz dareinsetzte, es den Nomaden der Wüste im Krieg und Sport zuvorzutun.

Im einzelnen ging mein Plan dahin, von Azrak aus in ein bis zwei Gewaltmärschen mit nur etwa fünfzig Mann gegen Um Keis vorzustoßen. Um Keis ist das alte Gadara, die berühmte Geburtsstätte des Menippos und des Meleager, des unsterblichen griechischen Syriers, dessen Schriften den Höhepunkt der syrischen Philosophenschule bedeuten. Der Ort lag genau oberhalb der westlichsten der Yarmukbrücken, eines stählernen Meisterwerks, dessen Zerstörung meinen Namen rühmlichst in die der Schule von Gadara einreihen würde. Nur etwa ein halbes Dutzend Posten waren an den Bogen und Pfeilern stationiert; ihre Ablösung erfolgte aus einer etwa sechzig Mann starken Abteilung in der Station Hemme, wo noch heute die heißen Quellen von Gadara zum Heil der Kranken hervorsprudeln. Ich hoffte einige der Abu Tayi unter Zaals Führung zum Mitkommen zu bewegen. Mit diesen Werwölfen konnte ich schon einen Überfall auf die Brücke wagen. Um das Herankommen feindlicher Verstärkungen zu verhindern, sollten die Zugangswege mit Maschinengewehrfeuer bestrichen werden, bedient von Hauptmann Brays indischen Freiwilligen von der Kavalleriedivision in Frankreich, unter Führung von Djemadar Hassan Schah.

Die Zerstörung stark versteifter eiserner Bogenspannungen mit nur beschränkten Mengen Sprengmaterials war eine technisch schwierige Operation, namentlich wenn sie unter feindlichem Feuer erfolgen mußte. Als sachkundiger Berater wurde daher Wood, der Ingenieur vom Platz in Akaba, aufgefordert mitzukommen; er war auch sofort bereit, trotzdem ihm die Ärzte jede aktive Diensttätigkeit wegen eines in Frankreich erhaltenen Kopfschusses untersagt hatten. George Lloyd, der sich noch einige Tage in Akaba aufhielt vor seiner Abreise nach Versailles zu einer leidigen Interalliiertenkonferenz, erklärte, daß er uns bis Djefer begleiten wollte.

Wir waren bei unseren letzten Vorbereitungen, als noch ein unerwarteter Verbündeter eintraf in der Person des Emirs Abd el Kader el Djezeiri, Enkel des tapferen Verteidigers von Algier gegen die Franzosen.

Er stellte Faisal Leib und Leben seiner Dörfler zur Verfügung, ausgewiesener Algerier, kühner handfester Kerle, die in geschlossenen Siedelungen längs des Nordufers des Yarmuk lebten. Das war uns sehr willkommen, denn wir erlangten dadurch, wenigstens für eine Weile, die Herrschaft über den mittleren Teil der Yarmuk-Bahnlinie einschließlich mehrerer Hauptbrücken, ohne daß wir die eingesessene Bevölkerung in das Vorhaben hineinzuziehen brauchten. Denn die Algerier waren verhaßte Fremdlinge, und die arabische Bauernschaft hätte niemals mit ihnen gemeinsame Sache gemacht.

Kaum hatten wir uns das alles schön zurechtgelegt, da traf ein Telegramm ein von Oberst Brémond, in dem er uns vor Abd el Kader als einem Spion im türkischen Solde warnte. Das warf wieder alles über den Haufen.

Faisal sagte zu mir: »Ich weiß, er ist etwas verrückt. Ich glaube, er ist ehrlich. Hütet eure Köpfe und benutzt ihn.« Wir zeigten ihm weiter unser rückhaltloses Vertrauen, indem wir uns sagten: ein Gauner traut unserer Ehrlichkeit sowieso nicht, und ein ehrlicher Mann wird durch Verdacht am schnellsten zum Gauner. In Wahrheit war er ein fanatischer Moslem, halb verrückt vor religiösem Wahn und unbändiger Selbstüberzeugtheit. Sein übersteigerter Mohammedanismus empörte sich gegen mein offen zur Schau getragenes Christentum. Seine Eitelkeit war tief verletzt durch unsere Gemeinschaft; denn die Stämme betrachteten Ali als größer und behandelten mich mit mehr Achtung als ihn. Seine dickköpfige Borniertheit brachte sogar Alis Selbstbeherrschung aus der Fassung, was zu mehreren höchst peinlichen Szenen führte. Und zum Schluß ließ er uns in einem verzweifelten Augenblick im Stich, nachdem er unsern Marsch unausgesetzt behindert und uns und unsere Pläne auf alle erdenkliche Weise durcheinandergebracht hatte.

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