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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 19
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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16. Sieg und Plünderung

Der Tag brach ruhig an; und während der ersten Stunden beobachteten wir die Eisenbahn und ihre friedliche Umgebung. Dank der ständigen Bemühung Zaals und seines lahmen Vetters Howeimil hielten sich die Truppen einigermaßen versteckt. Doch machte das einige Schwierigkeit, denn die Beduinen in ihrer rastlosen Unruhe können keine zehn Minuten stillsitzen, ohne herumzurutschen, irgendwas zu tun oder zu schwatzen. Daher kommt es auch, daß sie in der Verteidigung so wenig Ausdauer besitzen und ihr Eifer sehr rasch erlahmt. Heute machten sie uns wirklich ärgerlich.

Trotz allem hatten uns die Türken vielleicht doch bemerkt. Um neun Uhr kamen nämlich vierzig Mann aus den Zelten ihres vorgeschobenen Postens bei Hallat Ammar und gingen südwärts in aufgelöster Ordnung vor. Ließen wir sie laufen, so mußten sie uns innerhalb einer Stunde von unserer Minenstelle abgeschnitten haben; griffen wir sie mit unsern überlegenen Kräften an und warfen sie zurück, so würde die Eisenbahn alarmiert sein und stellte den Betrieb ein. Es war eine üble Zwickmühle, die wir schließlich dadurch zu lösen suchten, daß wir dreißig Mann entsandten mit der Aufgabe, die feindliche Erkundungsabteilung im hinhaltenden Gefecht zu beschäftigen und, wenn möglich, sie mehr seitwärts in das unübersichtliche Berggelände zu locken. Dadurch wurden sie von unserer Hauptstellung abgelenkt und blieben im unklaren über unsere geringe Stärke und unsere Absichten.

Das ging auch einige Stunden so, wie wir gehofft hatten; das Feuer wurde schwächer und entfernte sich mehr und mehr. Eine ständige Patrouille des Feindes kam ahnungslos von Süden heran, spazierte dicht unter unserm Berghang und über die Mine hinweg in Richtung auf Mudowwara, ohne uns zu bemerken. Es waren acht Mann und ein stämmiger Korporal, der vor der Sonnenglut die Augen verdrießlich zusammenkniff, denn es war jetzt elf Uhr vorbei und in der Tat sehr heiß. Als er ein bis zwei Meilen an uns vorüber war, wurde ihm die Anstrengung des Marschierens zuviel. Er führte seine Leute in den Schatten unter eine lange Überführung, durch deren Bogen ein sanftes, kühles Lüftchen von Osten wehte; und hier streckten sie sich behaglich in den weichen Sand, tranken Wasser aus ihren Feldflaschen, rauchten und schliefen zuletzt ein. Wir nahmen an, daß dies die übliche Mittagsrast war, die jeder ehrbare Türke in den heißen Sommern Arabiens als sein unveräußerliches Recht betrachtet. Und daß sie sich diese Ruhepause erlaubten, bewies uns, daß man uns als unwesentlich ansah oder gar nichts von uns wußte. Indessen war das ein Irrtum.

Denn der Mittag brachte eine neue Sorge. Durch mein gutes Fernglas sah ich, daß eine feindliche Abteilung, etwa hundert Mann stark, die Station Mudowwara verließ und über die Sandfläche hinweg direkt gegen unsern Standort vorging. Sie marschierten sehr langsam und zweifellos recht mißvergnügt, da sie auf diese Weise um ihren geliebten Mittagsschlaf gekommen waren; aber auch bei äußerst zögernder Vorwärtsbewegung konnten sie kaum länger als zwei Stunden brauchen, um uns zu erreichen.

Wir begannen aufzupacken, um nötigenfalls für den Abzug gerüstet zu sein. Mine und Leitung wollten wir ruhig liegenlassen in der Hoffnung, daß die Türken sie nicht finden würden, und daß wir vielleicht später zurückkehren könnten, um die Früchte des mühseligen Werks doch noch zu ernten. Zu unserer Deckungsabteilung im Süden wurde ein Bote abgesandt mit der Weisung, sie sollten tiefer in den Bergen zu uns stoßen, möglichst an schwer zugänglichen Stellen, die unseren Kamelen Schutz boten.

Gerade als der Bote abgeritten war, rief der Posten auf der Höhe, daß er in Richtung auf Hallat Ammar dicke Rauchwolken aufsteigen sehe. Zaal und ich eilten hinauf und erkannten an Art und Dichtigkeit des Rauches, daß in der Tat ein Zug in der dortigen Station halten mußte. Während wir noch von der Bergkuppe aus beobachteten, setzte sich der Zug plötzlich auf uns zu in Bewegung. Wir riefen den Arabern zu, so rasch als möglich ihre Stellungen einzunehmen, und es begann eine wilde Hatz die Hänge hinauf. Stokes und Lewis konnten in ihren schweren Stiefeln das Rennen natürlich nicht gewinnen, aber sie kamen doch rasch genug hinauf und hatten plötzlich ihre Ruhr und alle sonstigen Beschwerden vergessen.

Die Schützen postierten sich längs des Höhenrandes, der sich – die Zündungsstelle verdeckend – von der Artilleriestellung bis zu dem Talausgang hinzog. Sie konnten von da aus die entgleisten Wagen auf eine Entfernung von kaum hundertfünfzig Yard beschießen, während die Schußweite für den Mörser und die Maschinengewehre etwa dreihundert Yard betrug. Auf der Höhe hinter der Artillerie stand ein Posten und rief uns zu, was der Zug machte – eine durchaus notwendige Vorsichtsmaßnahme, denn wenn er Truppen heranbrachte und diese hinter unsern Höhen auslud, mußten wir mit blitzartiger Geschwindigkeit eine Drehung machen und uns – nur auf Erhaltung des Lebens bedacht – fechtend das Tal hinauf zurückziehen. Zum Glück fuhr er, von zwei mit Holz geheizten Lokomotiven gezogen, immer in der gleichen Geschwindigkeit weiter.

Er kam an die Stelle, wo man uns gestern gesehen hatte, und begann aufs Geratewohl in die Wüste hineinzufeuern. Ich hörte den Spektakel näher und näher kommen, während ich auf meinem Auslug oberhalb der Brücke hockte, um im geeigneten Moment das Zeichen an Salem zu geben, der in wilder Erregung auf den Knien um den Zündapparat herumrutschte und mit lauter Stimme Gott anflehte, ihm Gelingen zu gewähren. Das türkische Feuer klang stark; und ich überlegte besorgt, mit wieviel feindlichen Kräften wir's zu tun bekommen würden, und ob uns die Sprengung genügenden Schaden anrichten würde, um die zahlenmäßige Unterlegenheit unserer achtzig Mann wettzumachen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn mein erster Versuch mit elektrischer Zündung unter weniger schwierigen Umständen erfolgt wäre.

In diesem Augenblick bogen die beiden, anscheinend sehr schweren Maschinen unter schrillem Pfeifen in die Kurve ein, und der Zug kam uns in Sicht. Er bestand aus zehn gedeckten Wagen; Fenster und Türen starrend von Gewehrmündungen, während auf den Dächern in kleinen Sandsacknestern türkische Schützen gespannt im Anschlag lagen, um auf uns zu feuern. Ich hatte nicht mit zwei Maschinen gerechnet, entschloß mich aber sofort, die Ladung unter der zweiten zur Explosion zu bringen, damit nicht, im Falle nur geringer Wirkung der Mine, die unbeschädigte Maschine abkuppeln und mit den Waggons zurückfahren könnte.

Demgemäß hob ich, als das vordere Triebrad der zweiten Maschine auf der Brücke war, die Hand zu Salem hin. Es erfolgte ein furchtbarer Knall, und die Bahn entschwand den Blicken hinter einer aufschießenden Säule schwarzen Staubs und Rauchs, hundert Fuß hoch und ebenso breit. Man hörte Krachen und Splittern und den schrillen Metallklang zerberstenden Stahls. Eisen- und Holzteile flogen hoch, und plötzlich wirbelte schwarz aus der Rauchwolke ein ganzes Lokomotivrad hoch in die Luft und segelte rauschend über unsere Köpfe hinweg, bis es mählich niedersank und schwer auf den Wüstenboden hinter uns aufschlug. Außer diesem singenden Flug herrschte Totenstille, kein Schreien oder Schießen, während der nun graue Dampf der Explosion von der Bahn zu uns herüberzog und sich über den Höhenrücken hinweg langsam in den Bergen verlor.

Während dieses lähmenden Schweigens eilte ich zur Artilleriestellung zurück. Salem hatte sein Gewehr ergriffen und schoß blindlings in den Rauch. Ehe ich noch unsere Geschütze erreicht hatte, war der ganze Hang nach der Eisenbahn zu lebendig geworden von Schüssen und den braunen Gestalten der Beduinen, die sich in großen Sätzen auf den Feind stürzten. Ich wandte mich um, um festzustellen, was sich inzwischen ereignet hatte, und sah jetzt auf dem Geleise den auseinandergerissenen Zug stehen. Die Waggonwände zitterten unter dem Geprassel der einschlagenden Geschosse, während aus den offenen Türen Türken herausstolperten, um in den Schutz des Bahndamms zu gelangen.

Indes ich noch schaute, knatterten über meinem Kopf die Maschinengewehre los, und die langen Reihen der Türken oben auf den Waggons kugelten durcheinander und wurden gleich Wollflocken von den Dächern heruntergefegt durch den Geschoßhagel, der prasselnd die Waggons entlangstrich und ganze Wolken gelber Holzsplitter aufstieben ließ. Unsere überhöhende Geschützstellung war ein großer Vorteil für uns.

Als ich dann Stokes und Lewis erreichte, hatte der Kampf eine neue Wendung genommen. Der Rest der türkischen Truppen hatte sich hinter dem Bahndamm, der hier elf Fuß hoch war, gesammelt und eröffnete, gedeckt durch die Räder, ein wohlgezieltes Feuer auf die Beduinen, zwanzig Yard jenseits der sandgefüllten Senke. Der Feind lag hier an der erhöhten Kurve im toten Winkel für unsere Maschinengewehre. Doch nun feuerte Stokes seine erste Granate, die wenige Sekunden später jenseits des Zuges in der Wüste explodierte.

Stokes stellte die Richtschraube, und die zweite Granate schlug unmittelbar hinter den Geleisen in den toten Winkel unterhalb der Brücke ein, wo die Türken Schutz gesucht hatten. Sie machte die Stellung zur Schlachtbank. Die Überlebenden der Gruppe stürzten panikartig in die offene Wüste hinaus, im Laufen Gewehre und Ausrüstung von sich werfend. Jetzt kam die Gelegenheit für die Maschinengewehre; und Sergeant Lewis streute Garbe auf Garbe über die offene Fläche, bis der Boden mit Leibern besät war. Mushagraf, der junge Scherari, der das zweite Maschinengewehr bediente, sah, daß der Kampf vorbei war, warf mit einem Freudenschrei seinen Abzugshaken fort und eilte, sein Gewehr aufraffend, den andern nach, die gleich wilden Bestien über die Waggons herstürzten und zu plündern begannen. Das Ganze hatte nur etwa zehn Minuten gedauert.

Ich ging hinunter an die Sprengstelle, um die Wirkung der Mine zu sehen. Ein Brückenbogen war in die Luft geflogen, und der erste mit Kranken vollbesetzte Wagen war in den Abgrund gestürzt. Der Aufprall hatte alle, bis auf drei oder vier, getötet und Sterbende und Tote an das zersplitterte Ende des Waggons zu einem blutenden Haufen zusammengeschüttelt. Einer der noch Lebenden schrie im Delirium immer nur das eine Wort »Typhus«. Ich verschloß die noch offenstehende Tür und überließ sie dort ihrem Schicksal.

Die nachfolgenden Wagen waren entgleist und ineinander gefahren; einige der Untergestelle waren hoffnungslos verbogen. Die zweite Maschine war nur noch ein Trümmerhaufen rauchenden Eisens. Die Triebräder waren in die Luft geflogen und hatten die Seiten des Feuerungskessels aufgespalten; Führerstand und Tender lagen in Stücke gerissen zwischen dem Schuttgeröll der Brücke. Diese Maschine war für immer dahin. Die vordere Lokomotive war besser weggekommen; zwar lag sie, vollständig entgleist, halb auf der Seite, und der Führerstand war geborsten, aber der Dampf stand noch unter Druck, und das Gestänge war intakt. Das Tal war der reinste Hexenkessel. Die Araber, wie von Sinnen gekommen, rasten umher, barhäuptig, halbnackt, brüllend, blindlings schießend und sich gegenseitig mit Nägeln und Fäusten bearbeitend, während sie Waggons aufbrachen und mit riesigen Ballen hin und her stolperten, die sie dann dicht bei den Geleisen aufschnitten und durchwühlten, alles kaputt schlagend, was sie nicht brauchen konnten.

Da lagen weit umhergestreut Stapel von Teppichen; Dutzende von Matratzen und geblümten Polstern; Männer- und Frauenkleider in buntestem Durcheinander; Uhren, Kochtöpfe, Nahrungsmittel, Schmuckstücke, Waffen. Dort stand eine Gruppe von dreißig bis vierzig Frauen, unverschleiert, mit zerrissenen Kleidern, wie wahnsinnig schreiend und sich die Haare raufend. Die Araber, ohne einen Blick für sie, fuhren fort zu rauben und zu zerstören und sich nach Herzenslust satt zu plündern. Kamele waren Gemeingut geworden. Jeder packte in wahnsinniger Hast auf das nächste beste auf, was das Tier tragen konnte, und jagte es dann westwärts in die Weite, sofort wieder auf neuen Raub bedacht.

Lewis und Stokes waren heruntergeeilt, um mir behilflich zu sein. Ich war etwas besorgt um sie; denn die Araber, völlig von Sinnen, waren drauf und dran, Freund und Feind in gleicher Weise anzugreifen. Ich selbst hatte mich dreimal gegen sie wehren müssen, da sie taten, als kennten sie mich nicht, und nach meinen Sachen griffen. Immerhin mochten die abgenutzten Khakiuniformen meiner Sergeanten ihnen wenig begehrenswert erscheinen. Lewis ging nach der offenen Ebene jenseits der Eisenbahn, um die dreißig Toten zu zählen, die seine Maschinengewehre niedergemäht hatten und so beiläufig nach Gold und sonstigen Kriegstrophäen in den türkischen Tornistern zu suchen. Stokes schlenderte unter der zerstörten Brücke hindurch, traf dort auf die Leichen der zwanzig Türken, die sein zweiter Granatschuß in Stücke gerissen hatte, und machte schleunigst wieder kehrt.

Ahmed kam herbeigestürzt, die Arme voller Beute, und schrie (kein Araber kann im Siegestaumel normal sprechen), eine alte Frau im vorletzten Wagen möchte mich sprechen. Ich sandte ihn umgehend, natürlich mit leeren Händen, nach meinem Kamel und einigen Lasttieren, um die Geschütze fortzuschaffen. Denn das feindliche Feuer war jetzt deutlich hörbar, und die Araber, gesättigt von Raub, verschwanden einer nach dem andern, hochbeladene Kamele vor sich hertreibend, in die Sicherheit der Berge.

Ahmed kam nicht wieder zurück. Meine Leute, von der Beutegier angesteckt, hatten sich zusammen mit den Beduinen über das Land zerstreut. Schließlich blieben nur noch die Sergeanten und ich bei den Trümmern zurück, über die sich jetzt eine seltsame Stille lagerte. Ich begann schon zu fürchten, daß wir die Geschütze zurücklassen und uns selbst aus dem Staub machen müßten, als ich plötzlich zwei Kamele den Hang herabsteigen sah. Zaal und Howeimil hatten mich vermißt und waren zurückgekehrt, um mich zu suchen. Wir rollten gerade das Kabel auf, es war unser einziges. Zaal stieg von seinem Kamel und wollte, daß ich an seiner Stelle aufsäße; statt dessen wurden Kabel und Zündapparat auf das Tier geladen. Zaal fand noch Zeit, über meine sonderbare Beute zu lachen, angesichts all des Goldes und Silbers im Zuge. Howeimil war stocklahm von einer alten Wunde im Knie und konnte nicht gehen; aber wir ließen sein Kamel niedergehen und verstauten die Maschinengewehre, die Läufe kreuzweis zusammengebunden wie eine Schere, hinten auf seinem Sattel. Blieb nur noch der Grabenmörser; doch Stokes erschien wieder und brachte ein Lastkamel, es ungeschickt an der Nase führend, heran, das er irgendwo aufgegriffen hatte. Wir beluden es eiligst mit dem Mörser, setzten Stokes (der noch schwach war von seiner Ruhr) in Zaals Sattel und sandten die drei Kamele unter der Obhut Howeimils fort, was sie laufen konnten.

Inzwischen hatten Lewis und Zaal in einer geschützten und versteckten Senke hinter der alten Artilleriestellung einen Scheiterhaufen aus Geschoßkörben, Holztrümmern und Benzin gemacht, ringsherum wurden Patronenstreifen der Maschinengewehre und sonstige Infanteriemunition aufgeschichtet und das Ganze vorsichtig mit zurückgelassenen Mörsergranaten bekrönt. Dann wurde es angesteckt, und wir machten uns schleunigst davon. Sobald das Feuer die Munition erreicht hatte, begann ein gewaltiges und unausgesetztes Gekrache. Die Tausende von Patronen gingen los in Serien wie Maschinengewehrfeuer, und die Granaten explodierten mit hohen Staub- und Rauchsäulen. Auf die vorgehenden Türken machte diese tapfere Verteidigung starken Eindruck, und sie mußten meinen, daß wir sehr stark und in gut befestigter Stellung waren. Sie hielten im Angriff inne, gingen in Deckung und begannen die Stellung weitausholend zu umgehen und sich nach Kunst und Regel langsam heranzupirschen, während wir eiligst davonkeuchten, den Verstecken in den Bergen zu.

Die Sache schien damit einen glücklichen Abschluß gefunden zu haben; und wir waren froh, ohne schlimmeren Verlust davongekommen zu sein als den meiner Kamele und meines Gepäcks, obgleich die geliebten Zwiebäcke der Sergeanten mit dabei waren. Jedoch in der Rumm gab es ja voraussichtlich zu essen genug, und Zaal meinte, wir würden unser Eigentum bei den andern finden, die voraus auf uns warteten. Und so war es auch. Meine Leute waren mit Beute hochbeladen und hatten auch alle unsere Kamele bei sich, deren Sättel sehr rasch von dem geraubten Zeug frei gemacht wurden.

Wir fragten, ob jemand verwundet wäre, und eine Stimme antwortete, daß der junge Schimt – ein sehr verwegener Bursche – beim ersten Ansturm auf den Zug gefallen wäre. Dieser Angriff war ein Fehler gewesen und ohne Befehl unternommen, denn die Maschinengewehre und Mörser hätten die Sache schon allein erledigt, wenn die Mine richtig funktionierte. Also war ich für diesen Verlust nicht verantwortlich.

Drei Mann waren leicht verwundet. Zuletzt geruhte einer von Faisals Sklaven zu melden, daß Salem vermißt würde. Wir riefen alle zusammen und fragten sie aus. Schließlich erklärte ein Araber, daß er ihn verwundet dicht hinter der Maschine hatte liegen sehen. Jetzt erinnerte sich auch Lewis, einen Neger, von dem er nicht wußte, daß er zu uns gehörte, dort schwer getroffen am Boden liegend gesehen zu haben. Man hatte mir nichts davon gemeldet, und ich war sehr ungehalten; denn die Hälfte der Howeitat mußte davon gewußt haben und auch, daß Salem in meinem Dienst stand. Durch ihre Schuld hatte ich nun schon zum zweitenmal einen Genossen im Stich gelassen.

Ich rief Freiwillige auf, mit mir zurückzukehren und ihn zu suchen. Nach einer Weile meldete sich Zaal und dann noch zwölf von den Novasera. In scharfem Trab ging es über die Ebene der Eisenbahn zu. Als wir den vorletzten Höhenrand erreicht hatten, sahen wir das Wrack des Zuges umschwärmt von einer großen Zahl Türken. Es mochten an die hundertfünfzig sein, und unser Versuch war hoffnungslos. Salem war sicherlich schon tot, denn die Türken machten bei den Arabern, die Rebellen waren, keine Gefangenen.

Wir mußten Salem aufgeben und rüsteten uns schweren Herzens zum Weitermarsch. Unter unsern neunzig Gefangenen waren auch zehn arabische Frauen aus Medina, die mit Faisals Vermittlung nach Mekka gehen wollten. Wir hatten noch zweiundzwanzig Kamele zur Verfügung. Auf die Packsättel von fünfen kletterten die Frauen, auf den übrigen wurden die Verwundeten je zu zweit untergebracht. Wir waren völlig erschöpft, und die Gefangenen hatten unser ganzes Wasser ausgetrunken. Um auf dem langen Wege bis zur Rumm durchzuhalten, mußten wir unsere Wasserschläuche an dem alten Brunnen bei Mudowwara füllen.

Da der Brunnen ziemlich nahe der Eisenbahnstation lag, war es höchst wünschenswert, unser Kommen und Gehen so einzurichten, daß uns die Türken nicht gewahr wurden und uns etwa in wehrloser Lage überraschten. Daher brachen wir in einzelnen Abteilungen auf und krebsten nordwärts. Ein Sieg pflegte eine arabische Truppe stets zu lähmen, und wir waren eigentlich kein kriegsmäßig marschierendes Streifkorps mehr, sondern eine humpelnde Lastkarawane, bis zum Umsinken bepackt mit Hausrat, genug, um einen ganzen arabischen Stamm auf Jahre zu versorgen.

Meine Sergeanten baten mich jeder um einen Säbel als Andenken an ihr erstes Gefecht. Als ich die Kolonne entlang ritt, um etwas Geeignetes herauszusuchen, bemerkte ich plötzlich Ferham, einen von Faisals Freigelassenen, und zu meiner größten Überraschung sah ich, hinter ihm auf der Kruppe seines Kamels festgeschnallt, bewußtlos und blutbedeckt, den vermißten Salem.

Ich ritt an Ferham heran und fragte ihn, wo er ihn gefunden hätte. Er erzählte, daß Salem nach dem ersten von Stokes abgefeuerten Granatschuß auf die Lokomotive losgestürzt wäre und ein Türke ihn in den Rücken geschossen hätte. Die Kugel war dicht am Rückgrat steckengeblieben, ohne ihn, nach ihrer Meinung, lebensgefährlich zu verletzen. Nach der Einnahme des Zuges hätten ihm die Howeitat Mantel, Dolch, Gewehr und Kopfputz geraubt. Midjbil, einer der Freigelassenen, hätte ihn dann gefunden, auf sein Kamel verladen und mit zurückgebracht, ohne uns etwas davon zu sagen; danach hatte ihn Ferham übernommen. Salem wurde später vollständig wiederhergestellt, trug mir aber stets einen leisen Groll nach, weil ich ihn, der in meinem Dienst stand, verwundet zurückgelassen hätte.

Wir erreichten in drei Stunden den Brunnen und nahmen ohne weiteren Zwischenfall Wasser. Dann marschierten wir noch etwa zehn Meilen landeinwärts, bis wir außerhalb jeder Verfolgungsmöglichkeit waren, und lagerten für die Nacht.

Am nächsten Tage erreichten wir gegen Abend die Felsallee der Rumm, die noch im Schein der untergehenden Sonne prangte: das Gestein so rot wie die Wolken im Westen, wie diese in Terrassen gestuft und dann in geschlossenem First aufragend zum Himmel. Wiederum fühlten wir, wie die erhabene Schönheit der Rumm alle Lebhaftigkeit lähmte. Solche übergewaltige Größe machte uns zwergenklein und streifte die Hülle von Geschwätz und Gelächter von uns ab, in der wir über die heitere Ebene gezogen waren.

Zwei Tage später zogen wir glorreich in Akaba ein, mit kostbarer Beute beladen und prahlend, die Eisenbahn sei nun auf Gnade und Ungnade in unserer Hand. Die Sergeanten nahmen schleunigst das nächste Schiff nach Ägypten. Kairo hatte sie zurückbeordert und war schon sehr ungehalten über ihr Nichterscheinen. Doch nahmen sie sich das zu erwartende Donnerwetter nicht sehr zu Herzen. Sie hatten eigenhändig eine Schlacht gewonnen, hatten die Ruhr gehabt, von Kamelmilch gelebt und gelernt, fünfzig Meilen am Tag ohne Beschwerden auf einem Kamel zu sitzen. Und so bekamen sie auch jeder von Allenby eine Medaille.

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