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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 17
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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14. Der Feind wird aufgestachelt

Schiffe dampften den Golf von Akaba hinauf. Faisal landete und mit ihm Djaafar, sein Stabschef, und Joyce, der stets Bereite. Die Panzerwagen trafen ein, ferner Goslett, ägyptische Arbeiterbataillone und zahllose Truppen. Auch die Türken hatten die sechs Monate Ruhe nicht ungenützt verstreichen lassen. Falkenhayn war hinuntergekommen, um sie zu beraten, und seine feine Intelligenz machte sie jetzt zu sehr beachtenswerten Gegnern. Maan hatte einen besonders tüchtigen Kommandanten bekommen: Behdjet Pascha, den alten Führer im Sinai. Er verfügte über sechstausend Mann Infanterie und je ein Regiment Kavallerie und berittene Infanterie; er hatte Maan so stark ausgebaut, daß es auch mit modernen Hilfsmitteln für uneinnehmbar gelten konnte. Ein Geschwader von Flugzeugen manövrierte täglich über Maan. Große Vorräte an Feldbahnmaterial waren angesammelt worden.

Die Vorbereitungen der Türken waren nun beendet; sie begannen sich zu rühren und ließen bald erkennen, daß sie auf Guweira zielten, die günstigste Zugangsstraße nach Akaba. Zweitausend Mann Infanterie besetzten eilig den Aba el Lissan, der dann befestigt wurde. Kavallerie bezog vorgeschobene Stellungen am Rand des Plateaus, um einen möglichen arabischen Gegenstoß aus der Richtung vom Wadi Musa abzufangen.

Diese rührige Regsamkeit der Türken kam unsern Wünschen entgegen. Wir gedachten sie zunächst nur anzustacheln und sie zu verlocken, statt unser in den Wadi Musa einzudringen, dessen natürliche Hindernisse so gewaltig waren, daß der Ort auch bei denkbar schlechtester Besatzung jedem Angriff standhalten konnte.

Als Köder, um den Feind anzulocken, wurden die Nachbarn der Delagha in Tätigkeit gebracht. Die Türken, voll neugestärktem Eifer, ließen sich zu einem Gegenstoß verleiten und erlitten schwere Verluste. Mit der reichen Beute wurden die Bauern im Wadi Musa geschmiert, die sich nun mit ihren feindlichen Nachbarn, den Delagha, vertrugen. Maulud, der alte Kampfhahn, rückte mit seinem Maultier-Regiment vor und setzte sich bei den berühmten Ruinen von Petra fest. Die dadurch ermutigten Liathena begannen unter ihrem einäugigen Scheikh Khalil über das Plateau von Aba el Lissan zu schwärmen und türkische Posten aufzuheben oder kleinere Transporte abzufangen. Das ging so Wochen hindurch, während die gereizten Türken immer hitziger und hitziger wurden.

Um den Feind auch noch auf andere Art zu beunruhigen, ersuchten wir den General Salmond, den versprochenen Luftangriff auf Maan vorzunehmen. Zur Ausführung des ziemlich schwierigen Beginnens bestimmte er Stent nebst andern erprobten Piloten von Rabegh und Wedjh und befahl ihnen, ihr Möglichstes zu tun. Sie hatten bereits Erfahrungen in Notlandungen auf öder Wüste und waren auch darin geübt, unbekannte Bestimmungsziele in unübersichtlichem und auf Karten nicht verzeichnetem Gebirgsgelände herauszufinden. Stent sprach zudem fließend Arabisch. Der Angriff hätte sicherheitshalber aus großer Flughöhe ausgeführt werden können; aber Stent, der Führer, ein Nervenbündel voll Ehrgeiz und Tatendrang, liebte es, sich die Dinge so schwer wie möglich zu machen. In diesem Falle befahl er, um das Ziel nicht zu verfehlen, niedrig zu fliegen. Und es gelang ihnen auch, Maan zu erreichen und den überraschten Platz mit zweiunddreißig Bomben zu belegen. Zwei davon fielen in die vollbesetzten Baracken, wodurch fünfunddreißig Mann getötet und fünfzig verwundet wurden. Acht schlugen in den Lokomotivschuppen und beschädigten Maschinen und Material. Eine Bombe traf die Küche des Generals und erledigte seinen Koch mitsamt dem Frühstück. Vier fielen auf den Flugplatz. Trotz des Schrapnellabwehrfeuers kehrten Flieger und Flugzeuge unversehrt nach ihrem Hilfslandungsplatz bei Kuntilla oberhalb Akaba zurück.

Am Nachmittag überholten sie ihre Maschinen, und abends legten sie sich unter den Tragdecks schlafen. In der Morgendämmerung des nächsten Tages stiegen drei von neuem auf, diesmal in der Richtung auf Aba el Lissan, dessen ausgedehntes Lager Stent den Mund wäßrig gemacht hatte. Sie bombardierten die Reihen der angepflockten Pferde, von denen viele getötet wurden; dann statteten sie den Zelten einen Besuch ab und jagten die Türken auseinander. Wie am Vortage wurde tief und sehr gewagt geflogen; aber alles ging gut. Lange vor Mittag waren sie wieder in Kuntilla.

Stent musterte die Restbestände an Benzin und Bomben und stellte fest, daß es auch noch zu einem dritten Angriff reichte. Er gab daher Befehl, daß jedes Flugzeug für sich nach der feindlichen Batterie suchen sollte, die sie am Morgen so stark belästigt hatte. In der Mittagshitze stiegen sie auf. Da sie wegen der schweren Belastung nicht übermäßig hoch gehen konnten, kamen sie in nur dreihundert Fuß Höhe über den Kamm jenseits Aba el Lissan und dann über das Tal hinabgebraust. Die Türken, zur Mittagszeit stets sanft entschlafen, wurden völlig überrascht. Dreißig Bomben gingen nieder; eine brachte die Batterie zum Schweigen, die anderen töteten Dutzende von Menschen und Tieren. Dann stiegen die erleichterten Maschinen hoch in die Luft und kehrten heim nach El Arisch. Den Arabern wurde so der Rücken gesteift, die Türken waren schwer beunruhigt. Behdjet Pascha ließ überall Schutzdächer und Verblendungen aufführen; und als dann seine Flugzeuge instandgesetzt waren, verteilte er sie an geeigneten Stellen rings auf dem Plateau von Aba el Lissan zum Schutz des Lagers.

Durch Luftangriffe hatten wir die türkischen Vorbereitungen gestört; durch aufreizende Überfälle der Stämme sollten sie von ihrem eigentlichen Ziel abgelenkt und zu einem Vorstoß in ungünstiges Gelände verleitet werden. Ein drittes Mittel, um ihre beabsichtigte Offensive zu lähmen, bestand in der Störung ihres Bahnverkehrs, was sie veranlassen mußte, ihre Angriffstruppen zum Schutz der Eisenbahn längs der Linie zu zersplittern. Demgemäß wurden für Mitte September umfangreiche Zerstörungen der Bahnlinie angesetzt.

Ich kam auf meine alte Idee zurück, einen fahrenden Zug in die Luft zu sprengen. Es gab jetzt angeblich etwas, das zuverlässiger und wirksamer war als automatische Minen, und zwar, wie ich hörte, eine elektrische Zündung, mit der man die Ladung im gegebenen Augenblick unmittelbar zur Explosion bringen konnte. Die englischen Pioniere ermutigten mich zu dem Versuch, insbesondere General Weight, der Chef des Ingenieurkorps in Ägypten, der als Fachmann ein gewissermaßen sportliches Interesse an meinem etwas ausgefallenen Unternehmen hatte. Er sandte mir den empfohlenen Apparat: einen Zündkasten nebst isoliertem Kabel, mit dem bewaffnet ich mich dann an Bord von S.M.S. »Humber«, unseres neuen Wachtschiffs, begab und mich dem Kommandanten, Kapitän Snagge, vorstellte.

Snagge war sehr beglückt über sein Schiff, das für Brasilien gebaut und daher weit bequemer und reichlicher ausgestattet war als die englischen Kreuzer; ich aber war zwiefach beglückt, von seinem Schiff und von ihm, denn er war die Gastfreundschaft in Person. Lebhaften und regen Geistes, war er auch voller Interesse für alles, was an Land vorging; und namentlich hatte er viel Sinn für die komische Seite unserer kleinen Mißgeschicke. Er amüsierte sich köstlich, wenn ich ihm von einem unserer Fehlschläge erzählte; und für eine gute Geschichte spendete er mir ein heißes Bad und Tee mit allem zivilisierten Zubehör, ohne den ewigen Zusatz von Wüstensand. Seine Freundlichkeit und stete Hilfsbereitschaft ersparte uns manche Fahrt nach Ägypten zu notwendigen Reparaturen und setzte uns in den Stand, Monat auf Monat hindurch die Türken durch stete Hammerschläge zu zermürben.

Der Zündapparat war in einem festverschlossenen, weißen und sehr schweren Kasten eingebaut. Wir brachen ihn auf, fanden einen Auslösungshebel und drückten ihn nieder, ohne dem Schiff Schaden zuzufügen. Der Leitungsdraht bestand aus schwerem, gummiisoliertem Kabel. Wir schnitten ihn durch, befestigten die Enden an Schraubenköpfen am Kasten und schickten uns dann gegenseitig recht überzeugende Schläge durch die Glieder: die Sache funktionierte.

Als Ort der Tat erschien mir Mudowwara am geeignetsten, eine leicht erreichbare Wasserstation acht Meilen südlich Maan. Ein zerstörter Zug gerade an dieser Stelle konnte den Bahnverkehr schwer schädigen. Als Begleitmannschaft hatte ich meine bewährten Howeitat; und außerdem sollten auf der Expedition drei Bauern aus dem Hauran erprobt werden, die ich meinem persönlichen Gefolge einverleibt hatte. In Hinsicht auf die künftige Bedeutung des Hauran war es für uns notwendig, ihren Dialekt zu erlernen und uns über ihre Stammeseinrichtungen und Feindschaften zu orientieren. In harmlosem Gespräch auf langen Märschen sollten mich die drei Burschen Rahail, Assaf und Hemeid in alle ihre Stammes- und Familienangelegenheiten einweihen.

Um einen zum Stehen gebrachten Zug auch zu erobern, brauchte man Geschütze und Maschinengewehre. Am geeignetsten erschienen mir Grabenmörser und Maschinengewehre vom leichten Lewis-Typ. Demgemäß sandte uns Ägypten zwei tüchtige Instruktionsunteroffiziere von der Heeresschule in Zeitun, die in Akaba den Araberhaufen beibringen sollten, wie man mit solchen Dingern umzugehen hatte. Snagge gab ihnen auf seinem Schiff Quartier, solange wir noch kein geeignetes englisches Lager an der Küste hatten.

Sie hießen, glaube ich, Yells und Brooke, wurden aber nur Lewis und Stokes genannt, nach dem eifersüchtig gehüteten Geschützmaterial eines jeden. Lewis war Australier, lang, dürr, krumm, seine schlaksige Figur stets in schlapper und wenig militärischer Haltung. Das knochige Gesicht mit geschwungenen Brauen und Adlernase zeigte so recht den den Australiern eigentümlichen Ausdruck unbedenklicher Bereitwilligkeit und rasch zugreifender Tatkraft. Stokes dagegen war ein stocksteifer englischer Freiwilliger, geschickt und schweigsam, aber immer erst eines Befehles gewärtig.

Lewis steckte voll selbständiger Anregungen und sprudelte jedesmal über vor Begeisterung, wenn etwas geglückt war. Stokes äußerte nie eine Meinung, außer nach vollbrachter Tat, wo er dann gedankenvoll seine Mütze in den Nacken schob und Punkt für Punkt alle Fehler aufzählte, die er beim nächsten Mal vermeiden müßte. Beide waren prächtige Kerle. Schon nach vier Wochen hatten sie sich – ohne Kenntnis der Sprache und ohne Dolmetscher – mit ihren Schülern verständigt und ihnen mit der erforderlichen Exaktheit beigebracht, wie sie mit ihren Waffen umzugehen hätten. Mehr brauchte es nicht, denn praktische Übung erschien für unsere Zufallskriegführung besser angebracht als alles noch so lückenlose theoretische Wissen.

Mit der fortschreitenden Organisation unseres Unternehmens wuchs auch unser Tatendrang. Die Station Mudowwara schien von geringer Verteidigungsfähigkeit. Mit dreihundert Mann konnte man sie vielleicht in überraschendem Vorstoß nehmen. Damit wäre viel gewonnen gewesen, denn auf dem ganzen Abschnitt jenseits Maan gab es nur den einen tiefen Brunnen von Mudowwara. Geriet er in unsere Hand, so war der Bahnbetrieb über die lange, wasserlose Strecke kaum noch aufrechtzuerhalten.

Lewis, der Australier, immer begierig, sich auszuzeichnen, kam zu mir und erklärte, daß er und Stokes sich mir gern anschließen möchten bei dem Unternehmen; ein mir nicht unwillkommener Vorschlag. Waren sie dabei, so konnte ich mich auf meine technische Abteilung, namentlich beim Angriff auf geschulte Truppen, unbedingt verlassen. Außerdem wünschten sie sehr dringend mitzugehen, und ihre bisherige Leistung verdiente Belohnung. Immerhin wurden sie darauf aufmerksam gemacht, daß ihre Erfahrungen dabei nicht immer erfreulicher Natur sein würden. Bei den Märschen und Kämpfen im Innern der Wüste ginge es, auch in puncto Verpflegung, nicht nach Vorschrift und Regel, und irgendwelche Erleichterungen könnten ihnen nicht gewährt werden. Sie müßten sich darauf gefaßt machen, alle gewohnte Bequemlichkeit und die bevorzugte Stellung des englischen Heeresangehörigen dranzugeben und alles, aber auch alles (ausgenommen die Beute!) mit den Arabern zu teilen und sich hinsichtlich Verpflegung und Disziplin völlig auf gleich und gleich mit ihnen zu stellen. Ginge überdies mit mir selbst etwas schief, so würden sie, die nicht Arabisch sprachen, in eine sehr bedenkliche Lage kommen.

Lewis entgegnete, daß gerade etwas so Ungewohntes ganz nach seinem Geschmack wäre. Stokes äußerte nur, wenn wir es könnten, so könnte er es auch. Also wurden ihnen zwei meiner besten Kamele zugewiesen (die Satteltaschen mit kaltem Fleisch und Zwieback gefüllt), und am 7. September 1917 brachen wir auf, den Wadi Item aufwärts, um uns unsere Howeitat von Auda in Guweira zu holen.

Im Interesse der beiden Sergeanten und um sie erst allmählich an das Neue zu gewöhnen, wurde die Sache anfangs nicht so gefährlich gemacht, wie ich gesagt hatte. Am ersten Tage, solange wir noch Herren unserer Entschlüsse waren, wurde nur langsam vorgerückt. Keiner von ihnen hatte vorher auf einem Kamel gesessen, und es stand zu befürchten, daß die fürchterliche Glut der nackten Felsen von Item sie zur Strecke bringen würde, ehe der Marsch noch richtig begonnen hatte. September war für diese Gegend ein sehr ungünstiger Monat. Einige Tage zuvor war das Thermometer im Schatten eines Palmenhaines am Strand von Akaba auf einhundertzwanzig Grad gestiegen. Zu Mittag wurde daher unter einem Felsvorsprung haltgemacht, gegen Abend nur noch zehn Meilen weitermarschiert und dann zur Nacht gelagert.

In der frühen Hitze des nächsten Tages näherten wir uns Guweira. Wir ritten eben gemächlich über eine sandige Ebene, deren graugrüner Grund vom letzten Schimmer der Morgenröte überleuchtet wurde, als sich plötzlich ein Brummen hoch in der Luft vernehmen ließ. Wir bogen rasch von der offenen Straße seitlich ab auf die buschbesetzten Flächen, wo die Kamele mit ihrer unregelmäßigen Färbung von dem feindlichen Flieger nicht bemerkt werden konnten; denn die Lasten hochexplosiver Schießbaumwolle sowie der Vorrat an schweren Granaten für Stokes' Geschütze bedeuteten eine wenig angenehme Nachbarschaft bei Fliegerangriffen. Dort warteten wir ruhig, im Sattel bleibend, während die Kamele das bißchen Fressenswerte von den Büschen abknabberten, bis das Flugzeug zweimal über den Bergen von Guweira gekreist war und drei Bomben heruntergeknallt hatte.

Im Lager von Guweira war das Flugzeug nachgerade eine Art Regulator des täglichen Lebens geworden. Die Araber, wie stets schon vor dem ersten Morgengrauen auf den Beinen, hatten sich auf diesen regelmäßigen Gast schon genau eingerichtet. Mastur pflegte einen Sklaven auf einen Felsgipfel zu setzen, um sein Erscheinen anzumelden. Nahte dann die gewohnte Stunde seines Kommens, so schlenderten die Araber, schwatzend in absichtlich zur Schau getragener Sorglosigkeit, den Felsen zu. Dort angekommen, kletterte jeder auf seinen Lieblingsplatz in den Klippen. Hinter Mastur klomm der Schwarm seiner Sklaven hinauf, mit dem Teppich und dem Kaffee auf offenem Kohlenbecken. In einer schattigen Ecke saß er dann mit Auda zusammen und schwatzte, bis der kleine Schauer der Erregung über die dichtbesetzten Klippennester lief, wenn das erste leise Surren der Maschine vom Paß von Shtar herübertönte.

Alles drückte sich gegen die Wände und verhielt sich still, während der Feind, ohne ein sicheres Ziel zu finden, über dem seltsamen Schauspiel dieses roten Felsgeländes kreiste, das mit Tausenden von buntgekleideten Arabern gesäumt war, gleich Ibissen in jede Ritze des Gesteins eingenistet. Das Flugzeug warf je nach dem Wochentag drei, vier oder fünf Bomben ab. Der aufquellende Rauch lag eine Weile dicht wie Watteballen auf der blaßgrünen Ebene und wand und drehte sich dann in der windstillen Luft einige Minuten lang um sich selbst, ehe er sich langsam zerteilte und zerfloß. Wußten wir auch, daß keine Gefahr dabei war, so hielten wir doch den Atem an, wenn das Krachen der krepierenden Bomben das Geknatter der über uns kreisenden Maschine unterbrach.

Wir waren froh, das lärmende und glühende Lager von Guweira hinter uns zu lassen. Sobald wir die freundliche Begleitung dichter Fliegenschwärme los waren, machten wir halt; denn wir hatten in der Tat keine Eile, und meine beiden armen Sergeanten bekamen eine Hitze zu schmecken, wie sie sie nie zuvor gekannt hatten. Die stickige Luft legte sich wie eine Bleimaske über das Gesicht. Es war bewundernswert zu sehen, wie sie sich zusammennahmen, um kein Wort darüber zu verlieren und so, im Geist unserer Abmachung in Akaba, zu beweisen, daß sie es an Ausdauer mit den Arabern aufnehmen könnten. Dabei hätten sie sich den überflüssigen Heroismus solchen Stillschweigens mit Fug ersparen können; lediglich infolge ihrer Unkenntnis arabischer Sitte fühlten sie sich dazu verpflichtet. Denn die Araber selber machen sich in lauten Klagen Luft über die tyrannische Sonne und die Atemnot. Immerhin war diese Kraftprobe ganz lehrreich für sie, und aus erziehlichen Gründen spielte ich selber den Vergnügten und trieb meinen Spaß mit ihnen.

Am späten Nachmittag zogen wir weiter und rasteten zur Nacht unter dem dichten Blätterdach von Tamariskenbäumen. Die Lagerstelle war herrlich: hinter uns stieg, bis zu fast vierhundert Fuß Höhe, eine steile Felswand empor, tiefrot im Sonnenuntergang; zu unsern Füßen breitete sich, auf eine halbe Meile im Umkreis, bräunlich-gelber Lehmboden, harttönend wie Holzpflaster und glatt wie ein See; und zur Seite auf einem flachen Rücken stand der dichte Hain brauner Tamariskenstämme, umsäumt von spärlichem, bestaubtem Grün, so verblaßt von Licht und Hitze, daß ich an das Silbergrau denken mußte, das sich über die Olivenhaine von Les Baux legt, wenn der Wind von der Flußmündung her talauf rauscht und die bleiche Unterseite des Laubes nach oben kehrt.

Unser nächstes Ziel war die Rumm, wo der nördliche Brunnen der Beni Atiyeh lag, ein Tal, das schon jetzt meine Gedanken in Erregung versetzte, da selbst die nüchternen Howeitat mir seine phantastischen Wunder gerühmt hatten. Der kommende Morgen sollte uns durch seinen Anblick erfreuen. Doch schon sehr früh, als die Sterne noch glitzerten, weckte mich Aid, der ergebene Scherif der Harithi, der uns begleitete. Er kam zu mir herangekrochen und sagte mit trostloser Stimme: »Herr, ich bin erblindet.« Ich hieß ihn sich niederlegen und fühlte, daß Frostschauer ihn durchschüttelten; doch konnte er mir nichts weiter sagen, als daß er in der Nacht aufgewacht und kein Licht mehr in seinen Augen gewesen sei, sondern nur noch Schmerzen. Der Sonnenglanz hatte sie ausgebrannt.

Der Tag war noch jung, als wir, zwischen zwei ragenden Sandsteinnadeln, an den Fuß eines weiten flachen Hangs kamen, der von den hochgewölbten Bergen vor uns sanft hinablief. Er war mit Tamariskengebüsch bestanden und – wie man mir sagte – der Anfang des Tals von Rumm. Zu unserer Linken erhob sich eine langgezogene Felswand, die sich gleich einer tausend Fuß hohen Woge gegen die Mitte des Tals vorwarf; längs der rechten Talwand lief eine gleich hohe Kette steiler, rotzerklüfteter Felsen. Wir ritten, uns den Weg durch das spröde Unterholz brechend, den Hang hinan.

Im Aufstieg schloß sich das lose Buschholz zu Dickichten zusammen mit massigem Laubwerk, dessen tieferes Grün sich doppelt leuchtend abhob gegen die offenen Sandflecken von entzückend zartem Rosa. Die Böschung verflachte allmählich, bis das Tal zu einer engumgrenzten, leicht geneigten Fläche wurde. Die Berge zur Rechten wuchsen höher und schroffer, ein würdiges Gegenstück zur Umgrenzung links, die sich zu einem massiven Wall roten Gesteins aufsteilte. Beide Seiten rückten bis auf nur zwei Meilen Zwischenraum zusammen; und dann, allmählich sich auftürmend bis zu tausend Fuß über uns, liefen diese beiden parallelen Felsmauern in meilenlanger Avenue dahin.

Sie waren keine geschlossenen Felswände, sondern in gewaltige Blöcke aufgeteilt, die gleich riesigen Bauwerken zu beiden Seiten der Straße standen. Tiefe, fünfzig Fuß breite Querschlünde trennten diese einzelnen Massive, in deren Wände die Verwitterung gewaltige Buchten und Apsiden ausgerundet hatte, überdeckt von feinen Rissen und Furchen wie mit Ornamenten. Manche Höhlungen hoch oben am Steilhang waren rundbogig wie Fenster; andere, näher dem Boden, gähnten wie offene Tore. Dunkle Flecken liefen über Hunderte von Fuß an der beschatteten Front hinab, gleichsam als wäre sie geschwärzt von vielem Gebrauch. Diese klippenartigen Blöcke, vertikal gefurcht nach ihrer körnigen Struktur, ruhten auf einem zweihundert Fuß hohen Sockel von einer härteren und dunkler gefärbten Gesteinsart, der nicht wie der obere Teil in Längsfalten herabhing, sondern tiefe, gleichsam wie eingehauene Horizontalfurchen zeigte, ähnlich einer Quader-Grundmauer.

Die einzelnen Massive waren gekrönt von hochgewölbten Gipfeln, gleich Gruppen von Domkuppeln, nicht so brennend rot wie das übrige Gestein, sondern nur leicht getönt und mehr ins Graue spielend. Damit vollendete sich der Eindruck einer byzantinischen Architektur um diesen unvergleichlichen Ort, diesen Prozessionsweg, gewaltiger, als ihn Phantasie sich vorzustellen vermöchte. Die ganze arabische Armee hätte sich der Länge und Breite darin verlieren können, und zwischen den Felswänden hätte ein Flugzeuggeschwader in Formation manövrieren können. Unsere kleine Karawane wurde nachdenklich, und keiner sprach mehr ein Wort; man fühlte sich beängstigt und beschämt, sich mit seiner Geringfügigkeit breitzumachen inmitten dieser riesenhaft ragenden Berge.

Das ging so Stunden hin, während die Fernsicht immer gewaltiger und herrlicher wurde in ihren wohlgegliederten Umrissen, bis sich eine Schlucht in der Felsenfront zur Rechten zu einem neuen Wunder öffnete. Die Schlucht, eine vielleicht dreihundert Fuß breite Spalte in einer der Bergwände, führte zu einem Amphitheater von ovaler Gestalt – schmal nach vorn zu und breit ausladend nach beiden Seiten. Die Wände ringsum fielen fast senkrecht ab, wie stets in der Rumm, erschienen aber höher, da der kleine Kessel unmittelbar im Herzen einer beherrschenden Berggruppe lag und seine Winzigkeit die umliegenden Höhen übermächtig erscheinen ließ.

Die Sonne war hinter den westlichen Bergen verschwunden; der kleine Kessel selbst lag bereits im Schatten, aber die Felskulissen zu beiden Seiten des Eingangs, wie auch der stolze Koloß jenseits des Tals, waren vom Abendschein rotglühend überleuchtet. Der Boden rings um den Kessel war sandig und feucht, von dunklen Flecken niedern Buschwerks durchsetzt, während am Fuße all der Steilhänge Geröllblöcke lagen, größer als Häuser, manchmal in der Tat sich ausnehmend wie Bruchstücke von Festungswerken, die von den steilen Höhen ringsum heruntergestürzt wären. Vor uns führte ein viel begangener Pfad über die Randberge hin und wandte sich in gefährlichem Abstieg südwärts, längs eines flachen, mit einzelnen Laubbäumen bestandenen Rückens. Zwischen diesen Bäumen hindurch erklangen aus verborgenen Felsspalten seltsame Rufe: das langgezogene, singende Echo der Stimmen der Araber, die bei den dreihundert Fuß überm Talgrund entspringenden Quellen die Kamele tränkten.

Mohammed wandte sich der linken Ausbuchtung des Amphitheaters zu. An seinem Ende hatten findige Araber einen freien Platz geschaffen unter einem überhängenden Fels; hier saßen wir ab und lagerten. Die Howeitat hatten mit aller Sorgfalt die Sprengstofflasten abgeladen und führten nun ihre Kamele, mit lauten Rufen sich am Echo ergötzend, den Saumpfad aufwärts zu den Quellen. Wir zündeten Feuer an und kochten Reis als Zugabe zu dem Fleisch aus den Satteltaschen der Sergeanten, indes mein Kaffeekoch die nötigen Vorbereitungen traf für die zu erwartenden Besucher.

Die Araber in den Zelten bei den Quellen hatten uns kommen sehen und waren natürlich begierig, Neues von uns zu hören. Innerhalb einer Stunde waren die Scheikhs der Darauscha, Zelebani, Zuweida und Togatga um uns versammelt, und es entspann sich ein eifriges, aber von unserer Seite nicht allzu ergiebiges Gespräch. Aid, der Scherif, war wegen seiner Erblindung zu niedergeschlagen, um mir die Last der Unterhaltung tragen zu helfen; und ich meinerseits konnte eine Besprechung so besonderer Art nicht gut auf eigne Faust führen.

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