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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 16
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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13. Umgruppierung

Clayton gegenüber sprach ich mich ganz rückhaltlos aus. Akaba war nach meinen Plänen und auf meine Initiative hin erobert worden, und die ganze Verantwortung hatte allein auf meinen Schultern gelastet. Ich fühlte mich befähigt, weit mehr noch zu tun, und wollte noch mehr tun: – ob er nicht auch der Meinung wäre, daß ich mir nun ein Recht erworben hätte, mein eigner Herr zu sein? Bei den Arabern hieße es, jeder hält seine Läuse für Gazellen. Und das täte ich, weiß Gott.

Clayton gab zu, daß da recht beträchtliche und brauchbare Läuse vorhanden wären, wandte aber ein, daß man das Kommando nicht gut einem an Rang jüngeren Offizier geben könnte. Er schlug Joyce als Kommandant von Akaba vor, eine Lösung, die mir durchaus behagte. Auf Joyce konnte man Häuser bauen, ein heiterer, umgänglicher, zuverlässiger Charakter.

Das übrige machte keine Schwierigkeit. Als Nachschuboffizier sollten wir Goslett bekommen, einen Londoner Geschäftsmann, der bereits in dem Durcheinander in Wedjh gründliche Ordnung geschaffen hatte. Die Flugzeuge waren zur Zeit noch nicht verwendungsfähig, aber die Panzerwagen konnten sofort nach Akaba geschickt werden, und – falls der Admiral freigebig war – würden wir auch ein Wachtschiff bekommen. Wir riefen Sir Rosslyn Wemyss an, und seine Gefälligkeit übertraf unsere Erwartungen: sein eigenes Flaggschiff, der »Euryalus«, sollte für die ersten paar Wochen in Akaba stationiert werden.

Das war großartig, denn in Arabien bewertet man die Schiffe nach der Zahl der Schornsteine, und der »Euryalus« besaß ganz ausnahmsweise deren vier. Ein so ansehnliches Schiff würde die Bergvölker unmittelbar davon überzeugen, daß wir wirklich die siegreiche Seite wären; und außerdem würde uns seine sehr starke Besatzung, dank des stets bereitwilligen Kommandanten, Everard Fielding, noch so ganz nebenbei einen nützlichen Landungskai bauen.

Bezüglich der arabischen Streitkräfte schlug ich vor, das ausgedehnte und wenig günstige Wedjh ganz aufzulassen und Faisal mit seiner Armee nach Akaba heranzuziehen. Dann wies ich darauf hin, daß Akaba die rechte Flanke Allenbys war, von seinem Zentrum nur hundert, von Mekka dagegen achthundert Meilen entfernt. Mit dem Fortschreiten des arabischen Aufstandes würde sein Schwergewicht sich mehr und mehr nach Palästina hin verschieben. Es war daher nur folgerichtig, Faisal aus dem Machtbereich König Husseins zu lösen und ihn als einen der Armeeführer Allenby, dem Oberkommandierenden des Vormarsches der Verbündeten von Ägypten, zu unterstellen.

Dieser Gedanke barg Schwierigkeiten. Würde Faisal dazu bereit sein? Ich hatte schon vor Monaten in Wedjh mit ihm darüber gesprochen. Und wie stellte sich der Generalresident von Ägypten zu dieser Frage? Faisals Armee war die stärkste und am besten geschulte im Hedjas und versprach auch in Zukunft noch eine bedeutende Rolle zu spielen. General Wingate hatte die volle Verantwortung für den arabischen Aufstand gerade in den kritischsten und trübsten Stunden auf sich genommen und dabei Ruf und Stellung riskiert: konnte man ihm zumuten, gerade jetzt an der Schwelle des Erfolges den Ruhm des Gelingens andern zu überlassen?

Clayton, der Wingate gut kannte, trug keine Scheu, ihm den Vorschlag zu unterbreiten. Wingate war sofort einverstanden und erwiderte, daß es ihm, wenn diese direkte Unterstellung dem guten Ausgang der Sache diente, nicht nur eine Pflicht, sondern auch eine Freude wäre, Faisal dem General Allenby zu überlassen.

Eine letzte Schwierigkeit für die Umgruppierung bildete König Hussein, ein eigensinniger, mißtrauischer Charakter und voraussichtlich kaum geneigt, seine sorglich gehätschelte Eitelkeit im Interesse einheitlicher Führung aufzugeben. Sein Widerstand konnte den ganzen Plan gefährden; daher bot ich mich an, selbst hinunterzugehen und auf ihn einzuwirken. Unterwegs wollte ich bei Faisal vorsprechen und von ihm die wärmsten Empfehlungen für die Umwandlung mitnehmen, um dadurch dem eindringlichen Brief Wingates an König Hussein den nötigen Nachdruck zu geben. Damit war man einverstanden, und die »Dufferin«, die eben von Akaba zurückkam, erhielt Befehl, mich nach Djidda zu bringen.

König Hussein traf von Mekka her ein, und es wurde über dies und jenes hin- und hergeredet. Wilson war gewissermaßen das königliche Versuchskarnickel, an dem er zweifelhafte Entschlüsse zunächst auf ihre Wirkung hin ausprobieren konnte. Dank Wilson wurde die Unterstellung Faisals unter Allenby angenommen; und König Hussein nahm die Gelegenheit wahr, seine ehrliche Anhängerschaft an unser Bündnis zu betonen. Dann wechselte er das Thema und kam – wie stets ohne jeden sichtlichen Zusammenhang – auf seine religiöse Stellung zu sprechen. Er war weder strenger Schiit noch strenger Sunnit und hielt es mehr mit einer schlichten, über dem Schisma stehenden Auslegung des Glaubens. So großzügig seine Stellung zu den überweltlichen Dingen war, ebenso beschränkt und engstirnig dachte er in Sachen der Politik und verriet dabei jene niedrige Einstellung des kleinen Mannes, die dem Gegner jede Ehrlichkeit der Gesinnung von vornherein abspricht. Ich spürte etwas von der unausrottbaren Eifersucht, die den modern denkenden Faisal am Hof seines Vaters verdächtig machte, und begriff, wie leicht es jedem Unheilstifter fallen mußte, das Mißtrauen des Königs aufzustacheln.

Während wir über derlei interessante Dinge in Djidda sprachen, wurde unser Friede jäh aufgestört durch zwei aus Ägypten eintreffende Telegramme. In dem ersten hieß es, daß die Howeitat in verräterischer Verbindung mit Maan ständen; das zweite brachte Auda mit dem Anschlag in Verbindung. Wir waren völlig bestürzt. Wilson war lange mit Auda gereist und konnte sich für seine absolute Ehrlichkeit verbürgen. Mohammed el Dheilan hingegen war wohl eines Doppelspiels fähig, und auch Ibn Djad mit seinen Freunden waren unsichere Kantonisten. Wir beschlossen, sofort nach Akaba zu gehen. Verrat war bei dem Plan, den ich mit Nasir zur Verteidigung des Platzes aufgestellt hatte, ganz und gar nicht in Rechnung gesetzt.

Zum Glück lag die »Hardinge« im Hafen für uns bereit. Am dritten Tage nachmittags kamen wir in Akaba an, wo Nasir von nichts Verdächtigem wußte. Ich sagte ihm nur, daß ich Auda begrüßen möchte. Er gab mir ein flinkes Kamel nebst Führer, und bei Morgengrauen war ich in Guweira und fand Auda, Mohammed und Zaal alle in einem Zelt versammelt. Sie waren etwas verwirrt, als ich so plötzlich und unangemeldet unter ihnen erschien, versicherten aber, daß alles in Ordnung wäre. Als gute Freunde setzten wir uns zum Essen zusammen.

Noch andere Howeitat kamen hinzu, und es gab ein allgemeines Geschwätz über den Krieg. Ich verteilte die Geschenke des Königs und erzählte zu aller Belustigung, daß Nasir nun doch seine vier Wochen Urlaub nach Mekka bekommen hätte. Der König war so begeistert von seinem Aufstand, daß er meinte, auch seine Untergebenen müßten ebenso standhaft bei der Sache aushalten. Daher wollte er Beurlaubungen nach Mekka nicht gestatten; aber die Männer empfanden den ununterbrochenen Dienst bei der Fahne denn doch als eine etwas schwer zu ertragende Verbannung von ihren Frauen. Wir hatten oft genug mit Nasir darüber gescherzt, daß er sich nach der Einnahme von Akaba ausgiebige Festtage verdient habe; aber er glaubte im Ernst nicht an den Urlaub, bis ich ihm gestern abend den Brief des Königs überreichte. Zum Dank dafür verkaufte er mir die Ghasala, die herrliche Kamelstute, die er von den Howeitat erhalten hatte. Ihr Besitz verknüpfte mich noch enger mit den Abu Tayi.

Nach dem Essen wurde ich unter dem Vorwand, schlafen zu wollen, die Besucher los. Und dann forderte ich Auda und Mohammed unvermittelt auf, mit mir einen Spaziergang zu machen und das zerstörte Fort zu besichtigen. Sobald wir allein waren, kam ich auf ihren neuesten Briefwechsel mit den Türken zu sprechen. Auda lachte los, und Mohammed blickte mißmutig drein. Schließlich erzählten sie mir umständlich, daß Mohammed das Siegel Audas entwendet und an den Gouverneur von Maan einen Brief geschrieben hätte, worin sich beide erboten, von der Sache des Königs abzufallen. Die Türken hatten sehr erfreut geantwortet und große Belohnungen versprochen, worauf Mohammed um eine kleine Abschlagszahlung bat. Nun bekam Auda Wind davon, wartete ruhig, bis der Bote mit den Geschenken unterwegs war, fing ihn ab, raubte ihn bis aufs Hemd aus und verweigerte Mohammed seinen Anteil an der Beute. Soweit war das Ganze nur eine Farce, und wir lachten weidlich darüber; es steckte jedoch mehr dahinter.

Sie waren verstimmt, daß man bisher noch keine Truppen und Geschütze zu ihrer Verstärkung geschickt hatte und daß die erhofften Belohnungen für die Einnahme von Akaba ausgeblieben waren. Beide mühten sich, herauszubekommen, wer mich über ihre geheimen Verhandlungen unterrichtet hatte und wieviel ich davon wußte. Damit gerieten wir auf schlüpfrigen Boden. Ich ließ sie zappeln, als bemerkte ich nicht ihre sichtliche Furcht, und erwähnte ganz unbekümmert und so, als wären es meine Worte, einzelne von ihren eignen Sätzen, die in den Briefen gestanden hatten. Das hatte die gewünschte Wirkung.

Dann erwähnte ich so nebenbei, daß Faisal mit seiner ganzen Armee nach Akaba käme und was für Mengen an Gewehren, Geschütz, Sprengmaterial, Lebensmitteln und Geld Allenby herunterschicken würde. Zuletzt kam ich darauf zu sprechen, daß Auda durch seine Repräsentationspflichten in letzter Zeit sicher große Ausgaben gehabt hätte: ob ich ihm nicht aushelfen könnte mit einem kleinen Vorschuß auf die große Gabe, die ihm Faisal nach seiner Ankunft in Akaba persönlich überreichen werde? Auda mochte wohl erkennen, daß der gegenwärtige Augenblick nicht unergiebig, Faisal sogar sehr gewinnbringend war und daß ihm zuletzt immer noch die Türken blieben, wenn die andern Hilfsquellen versagten. So erklärte er sich denn, sichtlich hochbefriedigt, bereit, den Vorschuß anzunehmen und damit auch die Verpflichtung, seine Howeitat ausreichend zu ernähren und in guter Stimmung zu erhalten.

Gegen Sonnenuntergang waren wir wieder beim Zelt. Zaal hatte ein Schaf geschlachtet, und es wurde in aller Freundschaft gefestmahlt. Danach ritt ich zurück, begleitet von Mufaddhi (um den Vorschuß für Auda mitzunehmen) und von Abd el Rahman, einem Diener Mohammeds, der – wie er mir zuflüsterte – eine kleine Gabe mitnehmen sollte, die ich etwa Mohammed extra zu übersenden wünschte. Wir ritten die Nacht hindurch, und dann weckte ich Nasir aus dem Schlaf, um mit ihm die letzten Geschäfte zu erledigen. Darauf paddelte ich in einem herrenlosen Kanu von der »Euryalus-Landungsbrücke« zur »Hardinge«, die ich beim ersten Morgengrauen erreichte.

Ich ging in meine Koje, badete und schlief bis gegen Mittag. Als ich auf Deck kam, dampfte das Schiff bereits in voller Fahrt durch den schmalen Golf Ägypten zu. Mein Erscheinen verursachte allgemeines Erstaunen, denn man hatte erwartet, daß ich gut sechs bis sieben Tage brauchen würde, um nach Guweira zu reiten, mich über den dortigen Stand der Dinge zu unterrichten und wieder zurückzukehren, und daß ich daher mit einem späteren Dampfer nachkommen würde.

Wir stellten die Verbindung mit Kairo her und meldeten, daß die Lage in Guweira durchaus zufriedenstellend wäre und keinerlei Verrat bestünde. Das entsprach kaum der Wahrheit; aber da uns Ägypten nur auf Kosten seiner eigenen Sicherheit am Dasein erhielt, mußten wir politisch gefährliche Wahrheiten unterdrücken, um sein Vertrauen und die Legende über uns aufrechtzuerhalten.

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