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Aufstand in der Wüste

Thomas Edward Lawrence: Aufstand in der Wüste - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorThomas Edward Lawrence
titleAufstand in der Wüste
publisherPaul List Verlag
printrun85.-88. Auflage der Gesamtausgabe
translatorDagobert von Mikusch
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071107
modified20150330
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11. In weiteren Kämpfen bis zur Küste

Solche Nachrichten brachten uns geschwind auf die Beine. Im Nu waren die Kamele beladen, und schon marschierten wir über die weitgewellten Höhenzüge, die zum Tafelland von Syrien aufsteigen. Wir hatten das noch heiße Brot in den Händen, und indes wir aßen, mischte sich in seinen Geschmack der Staub unserer talwärts ziehenden Heerschar und ein Hauch des eigentümlich strengen Geruchs der Wacholdersträucher, die die Hänge überwucherten. In der regungslosen Luft dieser Hochlandsabende, nach langem Sommertag, erregte jeder Eindruck die Sinne besonders stark; und wenn wir, wie es meist der Fall war, in tiefer Kolonne marschierten, so stiegen ganze Duftwolken aus den blütenbeladenen Zweigen, die die vordersten Kamele im Gehen streiften, empor und lagerten sich wie ein langer Schleier des Wohlgeruchs bis über die letzten Reihen hin.

Über den offenen Hängen herrschte der klare, herbe Hauch des Wacholders, in den Talgründen die beklemmende Schwüle üppigeren Wachstums. Wie durch einen einzigen großen Garten führte uns unser Nachtmarsch, Blumenbeet an Blumenbeet in unendlicher, unsichtbarer Mannigfaltigkeit. Auch alle Geräusche klangen sehr rein. Auda, weit voraus, hob an zu singen, und die Reihen stimmten von Zeit zu Zeit ein mit der herzergreifenden Inbrunst eines Heeres, das in die Schlacht zieht.

Wir ritten die ganze Nacht durch, und bei Morgengrauen hielten wir auf dem Höhenkamm zwischen Batra und Aba el Lissan, von dem aus man einen wundervollen Blick hatte über die grüngoldene Ebene von Guweira bis zu den rötlichen Bergketten, die Akaba und das Meer dem Auge verbargen. Gasim abu Dumeik, der Scheikh der Dumaniyeh, erwartete uns hier voller Unruhe, um ihn her seine hart mitgenommenen Stammesgenossen, die grauen abgehetzten Gesichter blutbefleckt vom gestrigen Kampf. Tiefe und ehrfurchtsvolle Verbeugungen vor Auda und Nasir; dann wurde schleunigst das Nötige besprochen, und wir schritten zur Tat. Solange das Bataillon den Paß besetzt hielt, war uns der Weg nach Akaba gesperrt; es mußte aus seiner Stellung vertrieben werden, oder Wagnis und Mühen zweier langer Monate waren gänzlich nutzlos vergeudet.

Zum Glück brachte uns die klägliche Führung des Feindes unverdienten Vorteil. Das Bataillon lagerte sorglos im Tal, indes wir unbemerkt die Höhen ringsum in weitem Umkreis besetzten. Wir begannen, sie in ihren Stellungen unter Hängen und Felsvorsprüngen bei der Wasserstelle beharrlich durch Schüsse zu beunruhigen, in der Hoffnung, sie aufzuscheuchen und zu einem Angriff gegen uns bergaufwärts zu verlocken. Mittlerweile hatte sich Zaal mit einer Abteilung Berittener nordwärts gewandt, um die Telegraphen- und Telephonleitung nach Maan zu durchschneiden.

Das Scharmützel ging so den ganzen Tag über weiter. Es war entsetzlich heiß – heißer, als ich es je in Arabien erlebt hatte –, und die gespannte Erregung und das ständige Hin und Her nahm uns arg mit. Selbst einzelne der zähen Eingeborenen brachen unter den grausamen Strahlen der Sonne zusammen und schleppten sich (oder man trug sie) unter den Schutz von Felsen, um sich in ihrem Schatten zu erholen. Fortwährend liefen wir hügelauf und hügelab, um unsere Minderzahl durch raschen Stellungswechsel auszugleichen, und kaum angekommen, spähten wir schon wieder über die langen Bergketten hin nach einem neuen geeigneten Punkt, um dem oder jenem Manöver des Feindes zu begegnen. Die Berghänge waren steil und pumpten uns den Atem aus; das zähe Gras wickelte sich beim Laufen hemmend um unsere Knöchel, wie wenn Hände nach uns griffen und uns zurückzerrten. Die harten Kalksteinriffe, die über die Bergrücken hinausragten, rissen die Haut an unseren Füßen auf, und bereits lange vor Abendwerden hinterließen die Eifrigen unter uns bei jedem Schritt eine rötliche Spur auf dem Boden.

Die Gewehrläufe wurden von Sonne und Schießen so heiß, daß sie uns die Hände versengten; und dabei mußten wir, bei der Notwendigkeit, Munition zu sparen, jeden Schuß reiflich überlegen und, um des Treffens sicher zu sein, lange und sorgsam zielen. Das glühende Felsgestein, auf dem wir ausgestreckt im Anschlag lagen, verbrannte uns Brust und Arme, so daß später die Haut in Fetzen herabhing. Anstrengung und Schmerzen machten uns heftigen Durst. Aber auch das Wasser war äußerst knapp, und wir konnten nicht viel Leute entbehren, um genügend von Batra heranzuholen; wenn aber nicht alle trinken konnten, war es besser, wenn keiner trank.

Wir trösteten uns mit dem Bewußtsein, daß der Feind da unten im eingeschlossenen Tal es ja noch heißer hatte als wir auf unsern freien Höhen, und daß wir es mit Türken zu tun hatten, Männern von heller Hautfarbe, nicht geschaffen zum Ertragen tropischer Hitze. So ließen wir nicht locker und sorgten dafür, daß der Gegner sich nicht rühren oder formieren oder leichterhand etwa ausbrechen konnte. Er selbst konnte nichts Ernsthaftes gegen uns unternehmen. Seiner Infanterie boten wir keine wirksamen Ziele, da wir stets nach außen hin wieder entwichen. Und seine kleinen Gebirgsgeschütze, die zu uns herauffeuerten, konnten uns höchstens zum Lachen reizen. Die Schrapnells flogen über unsere Köpfe hinweg und krepierten hinter uns in der Luft; aber in Anbetracht der schlechten Sicht, die sie aus dem tiefen Talgrund heraus hatten, waren ihre Schüsse ganz anständig gezielt und landeten immerhin ziemlich genau über den Berggipfeln, wo wir – der Feind – stehen mußten.

Kurz nach Mittag bekam ich eine Art Hitzschlag oder so etwas, denn ich fühlte mich hundeelend, und alles wurde mir gleichgültig. Ich schleppte mich zu einer überhängenden Felswand, wo das aus dem Gestein sickernde Wasser sich in einer kleinen Pfütze gesammelt hatte, um darüber ausgestreckt ein wenig Feuchtigkeit aus dem Schlamm durch den Filter meines Ärmels zu saugen. Nasir kam hinzu, keuchend wie ein gehetztes Wild, die geplatzten blutenden Lippen verzerrt vor Schmerz und Erschöpfung; und dann erschien auch der alte Auda, mächtig daherschreitend, mit blutunterlaufenen, wild starrenden Augen und das knorrige Gesicht zuckend vor Erregung.

Er grinste höhnisch, als er uns ausgestreckt und Kühlung suchend unter der Felswand liegen sah, und krächzte mich an: »Nun, wie ist das mit den Howeitat? Immer nur schwätzen und nichts tun?« »Wahrhaftigen Gott, ja«, spie ich zurück, denn ich war erbost auf ihn und mich und alle, »sie schießen viel und treffen wenig.« Auda, zitternd und bleich vor Wut, riß sein Kopftuch herunter und schleuderte es vor mir zu Boden. Dann lief er wie ein Besessener zurück den Berg hinan und rief mit seiner gewaltig tönenden und rasselnden Stimme seine Leute zusammen.

Sie sammelten sich um ihn, und wenige Sekunden später stoben sie bergabwärts auseinander. Ich fürchtete Unheil, raffte mich auf und erklomm den Gipfel, auf dem Auda, unverwandt nach dem Feind starrend, allein zurückgeblieben war; doch er rief mir nur zu: »Nimm dein Kamel, wenn du sehen willst, was der alte Mann tut.« Nasir hieß die Kamele heranbringen, und wir saßen auf.

Die Araber vor uns zogen sich in eine flache Mulde, die zu einem niedrigen Höhenkamm anstieg; wir wußten, daß jenseits der Höhe ein flacher Hang zum Haupttal von Aba el Lissan, etwas unterhalb der Quelle, hinabführte. Unsre gesamten vierhundert Kameltreiber waren hier in der Mulde eng versammelt, gerade noch außer Sicht des Feindes. Wir ritten zu ihnen hin und fragten den Shimt, was das zu bedeuten hätte, und wo die zu Pferde Berittenen geblieben wären.

Er wies über den Höhenrücken hinweg nach dem nächsten Tal über uns und sagte: »Dort! Mit Auda!« Und während er noch sprach, erscholl plötzlich von jenseits des Kammes ein wilder Ausbruch von Geschrei und Schießen. Heftig trieben wir unsere Kamele auf den Höhenkamm hinauf, und nun sahen wir unsere fünfzig Reiter in vollem Galopp und vom Sattel aus feuernd den letzten Hang nach dem großen Tal zu gleich einem Sturmwind hinunterbrausen. Zwei oder drei gingen kopfüber, aber der Rest donnerte in bewunderungswürdiger Pace vorwärts, dem Feind in den Rücken. Die türkische Infanterie, schon nach dem felsigen Ausgang hin massiert, um bei Einbruch der Dunkelheit einen verzweifelten Durchbruch auf Maan hin zu wagen, schwenkte ein, schwankte und brach unter dem Anprall zusammen; und der Angriff Audas riß die Weichenden mit fort.

»Vorwärts jetzt!« schrie mir Nasir mit seinen blutigen Lippen zu. Und wie besessen jagten wir unsere Kamele über die Höhe und den Hang hinunter dem fliehenden Feind entgegen. Der Hang war nicht allzu steil für einen Kamelgalopp, aber doch steil genug, um bei dieser tollen Jagd jede Herrschaft über das Tier zu verlieren; und dennoch brachten es die Araber fertig, rechts und links herauszuschwenken und in die türkischen Massen zu feuern. Der Feind war noch wie gelähmt vor Schrecken von dem wilden Angriff Audas gegen seine Nachhut, und daher entging ihm unser Vorsturm über den östlichen Hang: so brachen wir überraschend und von der Flanke her in seine Reihen ein; und ein Angriff einer Kameltruppe, die mit einem Tempo von fast dreißig Meilen die Stunde heranbraust, ist unwiderstehlich.

Die Howeitat waren in rasender Wut, denn das Niedermetzeln ihrer Frauen am Tage vorher hatte ihnen plötzlich eine ganz neue und schreckliche Seite der Kriegführung enthüllt. Daher blieben nur etwa hundertsechzig Gefangene, viele darunter verwundet; an die dreihundert aber lagen tot oder sterbend über das offene Tal hin verstreut.

Nur wenige entkamen: die Geschützmannschaft auf den Gespannen, einige Berittene und Offiziere samt ihren Djaziführern. Mohammed el Dheilan jagte den Djazi drei Meilen weit bis Mreigha nach und schimpfte laut hinter ihnen drein, damit sie jetzt wüßten, wie sie mit ihm dran wären und sich in Zukunft vor ihm hüteten. Mohammed, ein kluger politischer Kopf, hatte sich, soweit es irgend anging, der Stammesfehde Audas mit seinen Vettern ferngehalten und lebte tunlichst in Freundschaft mit allen seines Stammes. Unter den Flüchtigen befand sich auch Dhaif-Allah, der uns damals den guten Wink über den Königsbrunnen von Djefer gegeben hatte.

Auda kam zu Fuß herbeigeeilt, seine Augen glühten vor Kampflust, und die Worte sprudelten überhastet und zusammenhanglos aus seinem Mund hervor: »Tun! . . . Tat! Wo sind Worte . . . Tat . . . Kugeln . . . Abu Tayi . . .«, und er zeigte uns sein zertrümmertes Fernglas, seinen durchlöcherten Pistolenhalfter und seine Säbelscheide, deren Leder in Fetzen herunterhing. Beim Angriff war auf ihn eine Salve abgefeuert worden, die seine Stute unter ihm getötet hatte, aber die sechs Kugeln durch seine Kleider hatten ihn selbst verschont.

Später erzählte er mir unter strengster Verschwiegenheit, daß er sich vor dreizehn Jahren einen kleinen gedruckten Amulett-Koran für hundertzwanzig Pfund gekauft hatte und seitdem nie wieder verwundet worden war. Und wirklich hatte der Tod sein Angesicht gemieden und dafür rings um ihn her unter seinen Brüdern, Söhnen und Gefolgsmännern gewütet. Das Buch war eine billige Glasgower Ausgabe, achtzehn Pence wert; aber keiner hätte je einem Auda gegenüber gewagt, solchen Aberglauben zu belächeln.

Er war gewaltig stolz auf den Sieg, vor allem, weil er mich beschämt und mir gezeigt hatte, was sein Stamm zu tun imstande war. Mohammed war wütend und schalt uns ein Paar von Narren, mich in erster Linie, weil ich Auda durch Worte gleich Steinwürfen beleidigt und ihn dadurch zu diesem Wahnsinn aufgestachelt hatte, der uns allen das Leben hätte kosten können. Indessen waren nur zwei der Unsrigen gefallen, ein Rualla und ein Scherari.

Es war gewiß höchst schmerzlich, auch nur einen unserer Leute verlieren zu müssen. Aber die Zeit drängte aufs äußerste, und für unsern Vormarsch auf Akaba war es von so ausschlaggebender Bedeutung, die Straße von Maan in Besitz zu bekommen und die kleinen türkischen Besatzungen zwischen uns und der Küste zu überrennen, daß ich um dessentwillen bereitwillig auch noch mehr als zwei darangegeben hätte. Unser Vorteil war dadurch nicht zu teuer erkauft.

Die Araber hatten mittlerweile die Türken, ihre Gepäckkolonnen und ihr Lager ausgeplündert; und bald nach Mondaufgang kam Auda und erklärte, daß wir aufbrechen müßten. Nasir und mir paßte das wenig. An diesem Abend wehte ein kühler West; und auf dem Aba el Lissan, viertausend Fuß hoch, nach der Hitze und Kampfglut des Tages, biß die feuchte Kälte höchst unangenehm in unsere Wunden und Brandblasen. Die Quelle aber, ein silberner Streifen über schmalem Kieselbett, war rings umgeben von herrlichem Rasen, grün und weich, auf dem wir in unsere Mäntel gehüllt lagerten.

Auda bestand auf sofortigem Aufbruch. Teils aus Aberglauben – er scheute die Nähe der Toten ringsumher – teils aus Besorgnis, die Türken könnten mit starken Kräften zurückkehren oder andere Klans der Howeitat möchten uns vielleicht im Schlaf überfallen. Einige von diesen waren seine Blutfeinde; sie konnten sich nachher darauf hinausreden, sie hätten uns zu Hilfe kommen wollen und uns in der Dunkelheit für Türken gehalten und blindlings auf uns gefeuert. Also erhob sich alles, und die bekümmerten Gefangenen wurden in Reihe und Glied gestoßen.

Die meisten mußten zu Fuß gehen. Wir hatten bei dem Gefecht einige zwanzig Kamele verloren, und von den übrigen waren viele zu schwach, um doppelte Last zu tragen. Was blieb, wurde mit je einem Araber und einem Türken beladen, doch einige der Schwerverwundeten konnten sich nicht im Sattel halten. Schließlich mußten wir doch noch etwa zwanzig Verwundete auf dem weichen Rasen zur Seite des Bachs zurücklassen, wo sie wenigstens nicht vor Durst umkommen konnten, wenngleich für ihr Leben oder ihre Errettung wenig Hoffnung bestand.

Nasir erbat Decken für die Zurückgelassenen, denn sie waren halbnackt. Während die Araber aufpackten, ging ich hinunter nach dem Kampfplatz, um nachzusehen, ob die Toten irgendwelche Kleider hatten, die sie entbehren konnten. Doch die Beduinen waren mir zuvorgekommen und hatten sie bis auf die Haut ausgezogen. Das galt bei ihnen als Ehrensache.

Für den Araber besteht der Hauptteil des Siegestriumphes darin, die Kleider des Feindes zu tragen; und am nächsten Tage zeigte sich unsere Truppe (wenigstens was die obere Hälfte betrifft) in eine türkische umgewandelt: jeder Mann trug einen braunen Waffenrock. Das feindliche Bataillon war direkt aus der Heimat gekommen und daher ganz mit neuen Uniformen ausgestattet gewesen.

Schließlich war denn unsere kleine Heerschar marschbereit und wand sich langsam die Höhe hinauf und jenseits bis zu einer windgeschützten Stelle, wo gerastet wurde. Während die ermüdete Mannschaft schlief, diktierten wir Briefe an die Küsten-Howeitat, schilderten ihnen unsern Sieg und trugen ihnen auf, alle Türken bei ihnen aufzugreifen und sie bis zu unserm Eintreffen festzusetzen. Einen der gefangenen Offiziere, von Beruf Polizist und von seinen aktiven Kameraden mißachtet, hatten wir freundlich behandelt und brachten ihn dazu, für uns die türkischen Schreiben an die Kommandanten von Guweira, Kethera und Hadra abzufassen, die drei noch vor uns auf dem Wege nach Akaba liegenden Posten. Wir eröffneten ihnen darin, daß wir, wenn wir kühlen Bluts waren, auch Gefangene machten und bei sofortiger Übergabe gute Behandlung und sichere Auslieferung nach Ägypten gewährleisten könnten.

Das dauerte bis zum Morgengrauen, und dann ordnete Auda uns zum Marsch und führte uns die letzte Meile durch sanftes, heidebewachsenes Tal zwischen weich gerundeten Bergen hinan. Und indes wir noch so in freundlich grüner Geborgenheit eine neue Schwellung erstiegen, sahen wir mit einemmal, daß es die letzte war und daß wir plötzlich am Rande der freien Tiefe standen. Der jähe herrliche Ausblick riß mich zu Entzücken hin; und auch später noch, sooft wir an diese Stelle kamen, befiel mich jedesmal ein gewisses Ungestüm und der Drang, das Kamel anzustacheln und mich im Sattel aufzurichten, um wieder über den Kamm hinweg in diese offene Weite zu schauen.

Nach Shtar hin stürzten die Hänge unter uns ab, Hunderte und aber Hunderte von Fuß, in gestuften Rundungen gleich Bastionen, an denen die Sommermorgenwolken sich stauten: und unten in der Tiefe dehnte sich weithin neues Land, die Ebene von Guweira. Aba el Lissans schwellende Kalksteinbrüste waren bedeckt mit Erdreich und Heidegestrüpp, grün und wassergetränkt. Guweira lag da wie eine Landkarte, rötlicher Sand, mit Wasserläufen gestreift, von Buschwerk bezogen; und daraus empor und es umsäumend ragten Inseln und Kliffs aus leuchtendem Sandstein, windzerschürft und regenzernarbt, morgenklar gefärbt von der frühen Sonne.

Nach tagelanger Heerfahrt durch rauhes Bergland im Kerker der Täler hier plötzlich am Gestade der Freiheit zu stehen, war eine wahre Augenweide der Seele, gleichsam ein Blick durch ein Fenster in der Festungsmauer des Lebens.

Den Serpentinenpfad nach Shtar zu gingen wir zu Fuß hinunter, um seine Schönheit voll zu genießen, denn auf dem wiegenden Rücken der Kamele wurde man zu leicht schläfrig. Unten im Grunde fanden die Tiere wirres Dorngesträuch, das ihren Mäulern sehr behagte; wir, weit vorn an der Spitze der Kolonne, machten halt, streckten uns auf das weiche Lager des Sandes und schliefen augenblicklich ein.

Auda kam. Wir rechtfertigten uns damit, daß wir aus Mitleid mit den Gefangenen gerastet hätten, die nahe am Zusammenbrechen waren. Er entgegnete, daß, wenn wir in Marsch blieben, sie allein an Erschöpfung sterben, doch wenn wir trödelten, beide Teile zugrunde gehen würden; denn wir hatten in der Tat nur wenig Wasser und nichts mehr zu essen. Daran war nun nichts zu ändern; und nach einem weiteren Marsch von fünfzehn Meilen standen wir am späten Abend vor den Toren Guweiras. In Guweira lag der Scheikh ibn Djad, der eine vorsichtige Pendelpolitik getrieben hatte, um sich im geeigneten Moment dem Stärkeren anzuschließen. Jetzt waren wir die Stärkeren, und der alte Fuchs war unser. Er empfing uns mit honigsüßen Reden. Die hundertzwanzig Türken der Besatzung waren seine Gefangenen; wir kamen überein, sie zu seiner Erleichterung und ihrer Sicherheit mit nach Akaba zu nehmen.

Der nächste Tag war der 4. Juli. Die Zeit drängte, denn wir waren hungrig, und Akaba lag noch weit vor uns, jenseits zweier feindlicher Stützpunkte. Der nächste Posten, Kuthera, weigerte sich hartnäckig, unseren Parlamentärflaggen Antwort zu geben. Es war ein stark befestigter Platz, auf steiler, das ganze Tal beherrschender Höhe gelegen, und seine Einnahme mußte einigermaßen kostspielig werden. Wir wiesen die Ehre der Eroberung nicht ohne Ironie dem Scheikh ibn Djad mit seiner noch frischen Mannschaft zu und rieten ihm, den Versuch bei Nacht zu unternehmen. Er suchte auszuweichen, machte Einwendungen und führte als Haupthinderungsgrund den Vollmond an; doch wurde ihm die Ausrede kurz abgeschnitten durch die Versicherung, daß heute nacht der Mond eine Weile nicht scheinen werde. In meinem Kalender stand für diese Nacht eine Mondfinsternis verzeichnet. Richtig traf sie auch ein; und die Araber bezwangen den Platz ohne Verlust, während drinnen die abergläubischen Soldaten die Gewehre in die Luft abfeuerten und mit Kupferkesseln einen Höllenlärm machten, um von dem bedrohten Nachtgestirn die Gefahr abzuwenden. Danach setzten wir den Marsch fort.

Die Schluchten des Wadi Itm wurden immer verworrener und wilder, indes wir tiefer vordrangen. Jenseits Kethera fanden wir einen türkischen Posten nach dem andern verlassen. Sie waren nach Khadra eingezogen worden, dem befestigten Platz (an der Mündung des Itm), der Akaba gegen eine Landung von See gut deckte. Doch hatte – zum Glück für uns – der Feind nie einen Angriff aus dem Innern vermutet und daher, bei all seinem sonstigen starken Ausbau, nach der Landseite zu keinerlei Stützpunkte oder Gräben angelegt. Unser Erscheinen aus dieser Richtung überraschte ihn völlig und verursachte eine Panik.

Am Nachmittag waren wir in Fühlung mit der Hauptstellung von Khadra und hörten von einheimischen Arabern, daß alle Außenposten um Akaba herum eingezogen oder verringert waren, so daß in Khadra nur dreihundert Mann lagen. Wir saßen ab, um zu beratschlagen, und erfuhren, daß der Feind zum Widerstand entschlossen sei und bombensichere Unterstände habe nebst einem neu angelegten artesischen Brunnen; nur, hieß es, fehle es sehr an Lebensmitteln.

Uns ging das genau so. Wir waren unschlüssig. Im Kriegsrat schwankte man hin und her. Gründe und Gegengründe prasselten zwischen den Vorsichtigen und den Wagemutigen. Die Gemüter waren erhitzt, und man fühlte sich auch körperlich ruhelos in dieser weißglühenden Schlucht, deren Granitwände die Sonne in Myriaden schimmernder Lichtpunkte zurückstrahlten und in deren enggewundene Tiefe kein Lüftchen dringen konnte, um ein wenig Kühlung in die steigende Hitze zu bringen.

Unsre Zahl hatte sich verdoppelt. Die Leute standen auf dem schmalen Raum so dichtgedrängt um uns her, daß wir die Versammlung zwei- oder dreimal abbrachen, teils damit man nicht hören sollte, wie wir uns zankten, teils weil in der glühenden Enge der Geruch der ungewaschenen Körper unerträglich war. In unseren Schläfen klopfte der schwere Puls wie Hammerschläge.

Wir forderten die Türken auf, sich zu ergeben, zunächst durch Schwenken einer weißen Flagge, dann durch Vorschicken türkischer Gefangener, aber es wurde auf beide geschossen.

Das brachte die Beduinen in Wut; und während wir noch berieten, stürzte eine Schar auf die Felsen hinauf und sandte einen Hagelschauer von Kugeln gegen den Feind. Nasir eilte, barfuß, wie er war, den Hang hinauf, um sie zurückzuholen; doch schon nach zehn Schritten auf dem glühenden Felsgestein schrie er nach Sandalen. Ich indessen verkroch mich in mein Fleckchen Schatten, zu müde dieser Menschen (die doch eigentlich alle meines Geistes Kinder waren), um mich noch weiter darum zu kümmern, wer ihre fiebrigen Impulse lenkte.

Mit Hilfe eines kleinen Rekruten, der erklärte, er wüßte, wie das zu machen wäre, unternahmen wir einen dritten Versuch, uns mit den Türken zu verständigen. Wir gingen mit ihm bis dicht an die Gräben heran und schickten hinein nach einem Offizier, um mit uns zu verhandeln. Nach einigem Zögern erschien auch einer, und wir setzten ihm die Lage auf der Straße hinter uns auseinander, sprachen von unseren immer noch wachsenden Kräften und daß wir leider wenig Macht besäßen über die Stimmung unserer Leute. Der Erfolg war, daß sie erklärten, bei Tagesanbruch kapitulieren zu wollen. So hatten wir, trotz allen Durstes, wieder einmal eine Nacht des Schlafs (ein höchst selten zu verzeichnendes Ereignis).

Bei Anbruch des nächsten Tages ging jedoch der Kampf auf allen Seiten los: während der Nacht waren weitere hundert Bergbewohner (unsere Zahl wiederum verdoppelnd) zu uns gestoßen und hatten, da sie nichts von unserer Abmachung wußten, auf die Türken zu feuern begonnen, die sich ihrerseits verteidigten. Nasir, mit Dgheithir und seinen Ageyl in Kolonne zu vieren, rückten im offenen Talbett vor. Unsre Leute hörten auf zu schießen. Darauf stellten auch die Türken das Feuer ein, denn in ihrer Truppe steckte keine Kampfkraft mehr, und ihre Mägen waren leer; uns dagegen glaubten sie gut versorgt. So ging denn die Übergabe ohne weiteren Zwischenfall vonstatten.

Als sich die Araber plündernd über den Ort ergossen, bemerkte ich einen Ingenieuroffizier in feldgrauer Uniform mit rötlichem Bart und verstörten blauen Augen; ich redete ihn deutsch an. Er war der Brunnenbohrer und verstand kein Türkisch. Die jüngsten Ereignisse waren ihm ein Rätsel, und er bat mich, ihm zu erklären, was das Ganze hier eigentlich bedeutete. Ich sagte, das wäre der Aufstand der Araber gegen die Türken. Es dauerte eine Weile, ehe ihm das einging. Dann wünschte er zu wissen, wer unser Führer sei. Ich sagte, der Scherif von Mekka. Er sprach die Vermutung aus, daß er nach Mekka geschickt werden würde. Eher nach Ägypten, sagte ich. Er erkundigte sich nach dem Preis von Zucker, und als ich erwiderte: »Billig und reichlich«, war er zufrieden.

Den Verlust seines Gepäcks trug er mit philosophischem Gleichmut; aber um seinen Brunnen tat es ihm leid, denn es fehlte nur noch wenig, so hätte er ihn fertiggestellt und sich ein bleibendes Denkmal damit geschaffen. Er führte mich zu der Anlage mit dem erst halbfertigen Pumpwerk. Mittels eines Zieheimers schöpften wir köstliches, klares Wasser, genug, um unser aller Durst zu löschen.

Dann jagten wir vier weitere Meilen durch treibenden Sandsturm nach Akaba hinab und am 6. Juli schnurstracks in die aufspritzende See hinein, genau zwei Monate nach dem Aufbruch von Wedjh.

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