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Aufsätze und Reden 1899-1933

Harry Graf Kessler: Aufsätze und Reden 1899-1933 - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
authorHarry Graf Kessler
titleAufsätze und Reden 1899-1933
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1988
isbnISBN 3596256755
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081124
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Der neue deutsche Menschentyp

(1933)

Wenn man unser geistiges Leben heute betrachtet, so drängt sich einem der Eindruck auf, daß es durch einen fast gewaltsamen Einbruch der Politik in seinen Bereich seinen eigenen Gesetzen entfremdet und Parteizwecken dienstbar gemacht wird. Das gilt nicht bloß von den studentischen Unruhen an den Universitäten, die den ruhigen Ablauf des Bildungsganges und der Forschungstätigkeit in den Laboratorien und Seminaren immer wieder jäh zu stören drohen; sondern auch von der Haltung der Geisteswissenschaften selbst und ihrer berufenen Vertreter, die oft nur zu sehr in ihren fachwissenschaftlich sich gebenden Äußerungen den Anschein erwecken, daß sie der Tagespolitik Rechnung tragen. Ja, es ist so weit gekommen, daß eine gewisse Skepsis gegenüber Äußerungen geisteswissenschaftlicher Größen, wenn sie sich irgendwie für politische Zwecke verwerten lassen, fast selbstverständlich geworden ist. Eine Situation, die geeignet ist, die Autorität der Wissenschaft und des Geistes selbst im öffentlichen Leben auf das Schwerste zu erschüttern! Und doch ist es kein Paradox, sondern die bloße Feststellung einer nicht zu leugnenden Tatsache, daß das eigentliche Phänomen unserer deutschen Gegenwart nicht der Einbruch der Politik in das geistige Leben, sondern umgekehrt der geistiger, an die letzten Dinge rührender Probleme in die Politik ist. In normalen Zeiten bearbeitet die Politik nur die Oberfläche festfundierter sozialer, wirtschaftlicher, ethischer und religiöser Gegebenheiten; sie ist weiter nichts als die Kunst, diese feststehenden Gegebenheiten wechselnden Bedürfnissen und Situationen anzupassen. Selbst politische Ereignisse von so umwälzender Tragweite wie die Kriege und Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts, mit Einschluß der napoleonischen, sind nicht so sehr tief unter die Oberfläche eingedrungen. Es waren Platzregen oder, wenn man will, Sturmfluten, die große und oft befruchtende Veränderungen der Erdoberfläche herbeiführten; nicht aber Erdbeben, die die Tiefe selbst erschütterten. Ganz anders stellt sich das dar, was unter den Namen »Politik« und »politische Machtkämpfe« heute in Deutschland und der Welt vor sich geht. Die Politik ist nur noch ein Ausläufer, eine Ausstrahlung des Tiefenbebens, das die Struktur selbst der Welt verändert. Die großen Entscheidungen fallen außerhalb und jenseits der Politik. Daher die viel beklagte Unfruchtbarkeit der Parlamente, der diplomatischen Verhandlungen, des Völkerbundes, weil sie in der Tat mit ihren Mitteln an die heute entscheidenden Dinge nicht heranreichen und daher hilflos und oft nur zum Schein an ihnen herumbasteln.

Wenn man fragt, wodurch diese Situation entstanden ist, so lautet die Antwort zusammenfassend: durch das Eindringen der ungeheuren und in rasendem Tempo fortschreitenden technischen Neuerungen und ihrer Auswirkungen in den Unterbau und bis in die tiefsten Fundamente der Gesellschaft und des Geistes. Nietzsche hat als erster diesen Prozeß der Auflösung aller bis dahin feststehenden geistigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der modernen Welt erkannt und unter dem Namen »Nihilismus« zusammengefaßt. »Nihilismus«, fragt er, »was ist Nihilismus?«, und antwortet: »Es fehlt das Ziel, es fehlt die Antwort auf das Warum.« Nietzsche hat, wie gesagt, den Prozeß als solchen erkannt, aber nur seinen geistigen Verlauf und Erfolg gesehen, nicht aber die unwiderstehlich ihn vorwärtstreibende Kraft. Diese hat zuerst Walther Rathenau in ihrer furchtbaren, unerbittlichen Zwangsläufigkeit bloßgelegt als die von der modernen Technik heraufgeführte, alle Gebiete des Lebens, der Gesellschaft, des Geistes erfassende, von Jahr zu Jahr mächtiger vordringende Mechanisierung. Ich brauche diese allbekannten Darlegungen Walther Rathenaus über die Mechanisierung und ihre grundstürzenden Wirkungen nicht zu wiederholen. Nur ihr Resultat muß ich unterstreichen: die fast restlose Vernichtung alles dessen, was bis vor kurzem der Urboden aller menschlichen Kultur und Gesellschaft gewesen ist: der Religion, der Sitte, der überkommenen gesellschaftlichen Schichtungen und Bindungen. Man muß dieses Resultat fest ins Auge fassen, um das Problem, das unserer Zeit zur Lösung aufgegeben ist, in seiner ungeheuren Größe zu begreifen. Es handelt sich um nichts Geringeres als die Neuschöpfung des Weltgefüges; ja, darüberhinaus um die Neuschöpfung des Menschen. Denn es hat sich gezeigt, daß der Umbau der Wirtschaft und Gesellschaft nicht genügt, um die durch die Mechanisierung angerichteten Zerstörungen wieder gutzumachen; sondern daß dazu noch die Umwandlung des Menschen gehört, die Schaffung eines in der heutigen beispiellosen Situation brauchbaren und widerstandsfähigen Menschentyps.

Es tut der epochemachenden Bedeutung des Marxismus keinen Abbruch, wenn man sein teilweises Versagen in der praktischen Politik auf die Einseitigkeit der marxistischen Geschichtsauffassung und die durch sie bedingte Verkennung und Bagatellisierung des Menschen sowohl als Subjekt wie auch als Ziel der Entwicklung zurückführt. Am sichtbarsten in Rußland, wo die Maschine dem Menschen so weit vorausgeeilt ist, daß der Aufbau daran zu scheitern droht, und so in einem ungeheuren Experiment gewiß unabsichtlich, aber überzeugend aufgezeigt wird, wie die großartigste, mit den ungeheuersten technischen Mitteln ausgestattete Wirtschaft nur unzulänglich arbeiten kann, wenn sie nicht den Menschen vorfindet oder schafft, den sie für ihre Zwecke als Triebkraft braucht. Und weiterhin zeigt sich auch gerade in Rußland, daß der Mensch ebensowenig wie als Subjekt als Ziel und Sinngebung alles menschlichen Tuns vergessen werden darf. Denn die russische Wirtschaft stockt nicht nur, weil der Russe noch nicht zum Industriearbeiter und -meister erzogen ist, sondern auch, weil der »Plan« für ihn bisher materiell und seelisch zu wenig abwirft. Es zeigt sich eben, daß in der Geschichte keineswegs bloß das Materielle primär, der Mensch aber zwangsläufig sekundär ist, sondern daß beide – das Materielle und das Menschlich-geistige – einander gleichgeordnet und in ihrer Entwicklung voneinander unlösbar abhängig sind. Schon Max Weber hat in seinen glänzenden Untersuchungen zur Religionsgeschichte und insbesondere zum Verhältnis zwischen Calvinismus und Kapitalismus diese unlösbare gegenseitige Abhängigkeit der zwei Entwicklungslinien, der materiellen und der geistigen, klargestellt. Weder die eine noch die andere ist sekundär, beide sind im Gegenteil miteinander untrennbar wie positive und negative Elektrizität, wie Pfeiler und Gegenpfeiler in einem gotischen Dom verbunden. Was Rathenau als esoterische, fast mystische Weisheit verkündete, daß nämlich der Mensch oder, wie er sich ausdrückte, die Seele aller Dinge Anfang und Ende, Ursprung und Ziel sei, ist heute zu einem Gemeinplatz und ausgesprochen oder unausgesprochen zum Ausgangspunkt aller die deutsche Gegenwart zerreißenden Auseinandersetzungen geworden. Das Ziel jedenfalls ist bewußt oder unbewußt allen Richtungen und Parteien gemeinsam. Die Uneinigkeit und Erbitterung beginnen, wo es darum geht, wie der neue Typ äußerlich und innerlich aussehen soll. Ob der mittelalterliche, gottverbundene, gläubige Mensch neu aus der Zeit geboren werden soll oder der militärisch disziplinierte, königstreue, »gottgewollten Abhängigkeiten« sich widerstandslos beugende Untertan oder der zu einer bloßen Nummer im Getriebe einer Partei entpersönlichte Kommunist oder Nationalsozialist. Im letzten Grunde ist das ein Streit um Gespenster, über den die Wirklichkeit unerbittlich und nichtachtend hinwegschreitet. Denn hinter dem die Entwicklung vernebelnden Bruderkrieg sind bereits heute die unverrückbar vorgezeichneten Umrisse des neuen, zwangsläufig sich gestaltenden deutschen Menschentyps erkennbar.

 

Zwei Erfordernissen, die sich nicht durch Gefühl, sentimentale Erinnerungen oder utopische Hoffnungen beiseiteschieben lassen, muß die Neuschöpfung genügen: der neue Mensch muß in seiner Struktur den technischen und geistigen Ansprüchen der von Grund aus verwandelten Welt gewachsen sein; und zweitens: er muß sich innere und äußere Werte sichern, die ihn davor bewahren, daß er und seine Seele durch den fortgesetzt steigenden Druck der Mechanisierung zermalmt werden. Zur Verdeutlichung des ersten Erfordernisses, der technischen Anpassung des Menschen an die fortgesetzt steigenden Ansprüche seines Berufs und seiner Klasse, darf auf die Selbstverständlichkeit hingewiesen werden, daß zum Beispiel der primitive Jäger oder Ackerbauer ganz andere Eigenschaften braucht als ein Flugzeugführer oder wissenschaftlicher Spezialist. Wie für den einen Naturnähe, Geduld, Genügsamkeit, eine jedem Wetter trotzende Gesundheit grundlegende Erfordernisse sind, so für den andern feine Nerven, technische Geschicklichkeit, Kombinationsgabe, wissenschaftliches Denken; es sind zwei in allem, was für ihren Beruf wesentlich ist, ganz verschiedene, fast entgegengesetzte Menschentypen, die verlangt werden. Jahrhunderte waren nötig, um aus dem einfachen Bauern der germanischen Vorzeit den modernen deutschen Gelehrten oder großen Betriebsleiter zu machen. Und doch ist die Verwandlung, die die Welt seit Hermann dem Cherusker bis zu Napoleon erfahren hat, kaum größer als die, welche die Technik in den letzten hundert Jahren vollbracht hat. Fast erscheint es wie ein Wunder, daß der moderne westliche Mensch, der Deutsche, der Franzose, Engländer, Amerikaner, einigermaßen der Verwandlung der Welt durch eine entsprechende Anpassung hat folgen können. Wie der Mechanismus dieser Anpassung gearbeitet hat, liegt noch ganz im Dunkeln. Es wäre wichtig, Max Webers Untersuchungen fortzusetzen und den Versuch zu machen, festzustellen, warum sie gerade bei den germanischen und westlichen Völkern geglückt ist, welche Rolle dabei alte handwerkliche und weltanschauliche Dispositionen gespielt haben. Fest steht, daß diese Anpassung bei andern Völkern nicht so schnell gegangen und heute noch nicht vollendet ist. Rußland ist ein Beispiel. Aber auch in den Mittelmeerländern und im Orient ist die Anpassung bisher nur zum Teil gelungen. Der italienische Faszismus ist unter anderm auch ein Versuch, sie mit gewaltsamen Mitteln zu beschleunigen und nachzuholen. Daher die fast karikaturhafte Überbewertung der sogenannten modernen Eigenschaften, dessen, was man als Preußentum und Amerikanismus bezeichnen kann, durch Mussolini. Aber auch die westlichen Völker, und unter diesen das deutsche, haben die Anpassung noch keineswegs restlos durchgeführt. Ja, die Technik schreitet in so rasendem Tempo vorwärts, daß auch hier der Mensch immer weiter hinter ihren Erfordernissen zurückbleibt. Heute fliegen junge Leute und junge Mädchen, die kaum die Schule absolviert haben, um die halbe Welt; vor dreißig Jahren waren es nur ganz wenige ausgesuchte Talente, die überhaupt zu fliegen befähigt waren. Aber bei den reißenden Fortschritten der Technik und der totalen Umwälzung aller Verhältnisse, die sie zur Folge haben, ist das Problem nicht mehr das der Anerziehung einzelner technischer Fähigkeiten, sondern das viel gewaltigere einer fast totalen Erneuerung, das heißt der Erzeugung eines nicht nur in technischer, sondern auch in moralischer, geistiger und in gewissem Sinne auch physischer Beziehung völlig neuen Menschen. Walther Rathenau hat den Übergangstyp, den das mechanistische Zeitalter gegen Ende des vorigen Jahrhunderts herausgebildet hatte, auf das Schärfste und Grausamste kritisiert. Er wirft ihm einseitigen öden Rationalismus, Skeptizismus, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, Überheblichkeit und hemmungslose Gewinnsucht vor. Vor allem aber Seelenlosigkeit, Mangel an innerer Tiefe, an Ehrfurcht und echter Religiosität. Er weist nach, daß schon damals, das heißt vor dem Kriege, dieser Typ als Träger der modernen Welt überholt war, weil er weder als einfacher Arbeiter noch als Unternehmer oder Gelehrter oder Künstler ihren Anforderungen gerecht werden konnte. Ihm stellt er einen fortgeschritteneren, den neuen Formen der Weltwirtschaft, der Gesellschaft, des Geisteslebens und der Moralanschauungen besser angepaßten Menschen gegenüber, in dem als Ergänzung und teilweise an die Stelle des Verstandes die Intuition tritt, das heißt an die Stelle der trockenen, rein verstandesmäßigen Zergliederung in Einzelheiten die künstlerische Erfassung einer Totalität; an die Stelle der egoistischen Gewinnsucht das Gefühl der Solidarität, an die Stelle des Materialismus ein die tieferen Bedürfnisse der Seele befriedigendes transzendentes Verantwortungsgefühl, das man auch Religiosität nennen kann. Daß die sich rasch verwandelnde Struktur der Welt den Menschen in die von Rathenau vorgeschaute Richtung treibt, dürfte heute keinem Zweifel mehr unterliegen. Intuition, Solidarität und Transzendenz, das heißt, um diese drei Begriffe zu umschreiben: Eindringen in die Wesenheit der Dinge durch die Phantasie, eine innerlich erfühlte, nicht bloß äußerlich erzwungene gesellschaftliche Verbundenheit, und das Bewußtsein der Verantwortung vor einer nur mit transzendenten Vorstellungen zu erfassenden größeren Einheit, sei diese die Nation, die Klasse oder die Menschheit, sind Eigenschaften, die den modernen, das heißt den Nachkriegsmenschen, in tausendfach verwandelten und oft einander bitter befehdenden Formen kennzeichnen; oder, wo sie fehlen, schmerzlich vermißt werden. Sie stehen als Positives hinter dem, was zahllose junge Männer als »Fronterlebnis« aus dem Kriege heimbrachten und in Bünden und sonstigen Vereinigungen zu hüten suchen, ebenso wie hinter den neuesten Richtungen der Geisteswissenschaften und hinter dem radikalen Fanatismus jeder Art, der in sehr wesentlichen Teilen nichts ist als ein verzweifeltes Ringen um Raum zu ihrer Entwicklung und Betätigung. Aber was vielleicht noch wichtiger ist, denn es beweist, daß es sich um einen wirklichen Anpassungsprozeß handelt, ist, daß bei der ungeheuren Kompliziertheit, Undurchsichtigkeit und Verbundenheit der heutigen gesellschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Probleme auch der moderne Techniker, Gelehrte, Unternehmer, Arbeiter, Politiker ohne künstlerische Intuition, Solidaritätsgefühl und Verantwortung vor einem nicht mehr sinnlich überschaubaren Ganzen den ihm gestellten Aufgaben gegenüber versagen muß. Wenn wir also jetzt wieder die Frage stellen, wie der Mensch sein oder werden muß, um den technischen Ansprüchen zu genügen, die die Welt heute an ihn stellt, so erkennen wir, glaube ich, wenigstens die Richtung, nach der sich seine Verwandlung tatsächlich vollzieht und vollziehen muß.

Aber, und hier setzt die Tragik des modernen und insbesondere des deutschen Menschen ein: was nutzt ihm seine Anpassung an die technischen Erfordernisse der modernen Welt, wenn diese ihn trotzdem durch ihren Druck zermalmt? Wenn er in ihr verhungert oder, falls er zu essen hat, physisch und geistig verbraucht wird? Dann kann die Technik noch eine Zeitlang fortschreiten, er aber geht zugrunde. So meldet er, von der Not bedrängt, seine Bedürfnisse zusätzlich zu denen der Mechanisierung an. Wenn diese auf ihrer heutigen Entwicklungsstufe von ihm Intuition, Solidarität und Verantwortung fordert, so verlangt er seinerseits noch dazu die Verwirklichung bestimmter Forderungen, ohne deren Befriedigung er dem Ansturm der fortschreitenden Technik und dem Druck der von ihr bedingten Volksanhäufungen nicht standhalten kann.

Hier also zeigt sich eine zweite Gruppe von Erfordernissen, die jenseits aller politischen und weltanschaulichen Diskussionen zwangsläufig den neuen Menschentyp gestaltet. Sie überschneiden sich zum Teil mit denen der ersten Gruppe. Wenn die moderne Technik und Gesellschaft für ihre Zwecke vom neuen Menschen Solidarität und Verantwortung verlangt, so sind beide dem heutigen Menschen auch für seine Zwecke und zu seiner eigenen Sicherung unentbehrlich. Dem ungeheuren Druck der modernen Welt gegenüber braucht er die äußere Sicherheit, die ihm das Gefühl der kameradschaftlichen Verbundenheit mit einer Gruppe Gleichgesinnter gibt. Sonst überwältigt ihn die Erkenntnis seines Nichts gegenüber der unermeßlichen Größe der modernen Wirtschaft und Gesellschaft. Und ebenso dringlich braucht er das Bewußtsein seiner Verantwortung gegenüber einer größeren Einheit, das ihm die innere Sicherheit gibt; denn der Mensch, der nicht durch ein Gefühl der Verantwortung innerlich versteift wird, läuft Gefahr, von dem fortgesetzt steigenden Druck der Umwelt zermalmt zu werden. Daher die Flucht teils in den Nationalismus, teils in die Ideologie der Revolution. Was der einzelne in solchen Mythen sucht, ist Verantwortung. Solidarität und Verantwortung sind die beiden Stützen, die von außen und von innen den heutigen Menschen vor der Überwältigung durch die Flut der Mechanisierung retten. Ohne sie wird er, sofern er nicht künstliche Dämme wie den des Geldes um sich aufrichten kann, rettungslos atomisiert. Sie erweisen sich daher als der eigentliche Kern des neuen Menschentyps. Zu ihnen gesellt sich noch ein Drittes. Den nervenzersetzenden Wirkungen des heutigen technischen, geschäftlichen und sozialen Betriebes setzt der neue Mensch ein erhöhtes Bedürfnis nach Hygiene, nach körperlicher Sauberkeit, nach Licht, Luft und Sonne entgegen, also einen neuen Lebensstil. Weder der ausgemergelte Proletarier noch der überernährte Unternehmer noch der Stubengelehrte früherer Epochen ist dem amerikanisierten Zeittempo gewachsen. Ein jeder braucht heute mehr wie in irgendeiner früheren Zeit Gesundheit. Und deshalb hat sich auch gerade in den Ländern, wo die Mechanisierung am weitesten fortgeschritten ist, am unwiderstehlichsten dieses Bedürfnis gemeldet und Befriedigung gesucht; nicht nur in dem reichen Amerika, wo allenfalls die Prosperität seine Erfüllung erklären könnte, sondern fast noch sichtbarer in dem verarmten Deutschland, wo man eher das Gegenteil, eine Verkümmerung des Volkskörpers und des allgemeinen Lebensstils, hätte erwarten müssen. Ganz im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Meinung dürfte die Ansicht richtig sein, daß die nicht zu leugnende Hebung des Lebensstils und der Gesundheit der breiten Massen in Deutschland seit dem Kriege kein unverantwortlicher Luxus, sondern eine Notwendigkeit war. Zwei Wirkungen dieser, wie mir scheint, zwangsläufigen Entwicklung stechen ganz besonders in die Augen: die eine ist die überraschende Verwandlung der deutschen Jugend, ihre Verschönerung, sowohl der männlichen wie der weiblichen, die fast so anmutet, als ob durch eine Art von Mutation eine neue Rasse im Entstehen sei. Sie fällt nicht nur inländischen, sondern auch ausländischen Beobachtern auf. Als Aristide Maillol vor zwei Jahren in Deutschland war, konnte er nicht genug seine Bewunderung für die ebenmäßig schönen und kräftigen jungen Menschen aussprechen, die er in den Freibädern und Stadien zu sehen bekam; er meinte, er sei nicht nach Deutschland, wie er sich dieses früher vorgestellt habe, sondern nach Griechenland versetzt. Dieser Verwandlung des Körpers entspricht eine parallelgehende des Lebensstils nicht nur der oberen Schicht, sondern fast noch mehr der breiten Massen, eine Verzauberung ins Helle und Heitere, wie wenn eine Kontrastwirkung zum Elenden und Düsteren des deutschen Alltags sich zwangsläufig eingestellt hätte. Am sichtbarsten wird diese Wandlung in den Siedlungen, die überall am Rand der deutschen Städte aufschießen und bei denen nicht die Architektur das Wesentliche ist, sondern die Bedürfnisse, die sie aufzeigen, die Forderungen, die sie erfüllen. Man mißversteht ihre Bedeutung, wenn man sie nur ästhetisch betrachtet. Sie sind die sichtbare Lebensäußerung des neuen Menschen, seines ihm notwendig erscheinenden Lebensstils. Die Polarität, die sich in Griechenland zwischen der tiefen inneren Tragik des griechischen Lebens und der Heiterkeit seiner äußeren Formen ergab, scheint sich im heutigen Deutschland zu wiederholen. Und wie der griechische Mensch diese Polarität des Düsteren und Hellen in sich trug und auf sie seine gleichzeitig dionysische und apollinische Kultur aufbaute, so mag der neue Menschentyp, der heute in Deutschland im Entstehen begriffen ist, die uralte deutsche Sehnsucht nach Griechenland, allerdings unbewußt, aber dem Zwang einer geschichtlichen Situation gehorchend, in dieser Form erfüllen.

Ehe ich schließe, möchte ich noch kurz die Umrisse dieses neuen deutschen Menschen, wie er aus dem Zwang der Mechanisierung geboren wird, zusammenfassend skizzieren. Er wird, wenn seine Schöpfung glückt und nicht durch das materielle Elend und den politischen Hader gestört wird, ein Mensch sein, in dem Solidarität und Verantwortung die sittlichen Grundkräfte, körperliche Gesundheit und Schönheit, dazu Licht, Luft und Sonne die Grundelemente seines Lebensstils sein werden. Ein Mensch, der in sich die Spannung einer nie nachlassenden Abwehr und Bereitschaft gegenüber den übermächtigen Kräften einer stets bedrohlichen, gigantischen und ihn erbarmungslos bestürmenden Umwelt trägt. Ein Mensch also, der nie das Bewußtsein der Gefahr verlieren und deshalb auch die durch die Gefahr hervorgerufenen ritterlichen Eigenschaften nicht entbehren kann. Wir kommen also durch die nüchterne Untersuchung dessen, was in der Entwicklung als zwangsläufig sich erweist, zu einem Bild des künftigen deutschen Menschen, das dem prophetisch von Nietzsche und Walther Rathenau erschauten ähnlich ist: eines Menschen, der die Tatsache hinnimmt und bejaht, daß er, so wie Nietzsche sagt, gefährlich leben muß, eines Menschen, der, wie Rathenau es fordert, in einer ganz neuen Welt und zu ganz neuen Zwecken die heldischen Eigenschaften in sich wieder aufleben läßt, um es kurz zu sagen: eines Deutschen, der seinem Schicksal gewachsen ist.

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