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Aufsätze und Reden 1899-1933

Harry Graf Kessler: Aufsätze und Reden 1899-1933 - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
authorHarry Graf Kessler
titleAufsätze und Reden 1899-1933
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1988
isbnISBN 3596256755
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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In memoriam Paul Cassirer

(1928)

Wenn auch ich hier unserem so tragisch ums Leben gekommenen Freunde ein paar Worte nachrufe, so möchte ich anknüpfen an den soeben vom Altmeister der Berliner Malerei, Professor Max Liebermann, gesprochenen Satz: »Der Zweifel an allem führte ihn in den Tod.« Alle, die Paul Cassirer nahe gestanden haben, werden diesem Satze als tief und wahr beistimmen. Aber das individuell Tragische im Charakter unseres Freundes lag noch darüber hinaus in der Spannung zwischen diesem ewig an ihm nagenden Zweifel und seiner ebenso unbezwingbaren Sehnsucht und Fähigkeit zu positivem Schaffen. Erst diese Spannung, die immer wieder eine Überspannung wurde und ihn dauernd in die Gefahr eines Bruches stellte, war sein Schicksal.

Denn es ist eine Tatsache, daß die positive Leistung Paul Cassirers gewaltig gewesen ist. Er schuf die Stoßkraft der modernen Kunst, indem er ihr eine geschäftliche Organisation gab. Er war der Generalstabschef, der für sie durch die planmäßige Arbeit seines kaufmännischen Betriebes und das Trommelfeuer ununterbrochener Vorführungen wertvoller moderner Werke die Durchbruchsschlacht in Berlin gewann, die nur ein Teil des gewaltigen Ringens auf breitester Front in der ganzen Welt zwischen lebendiger Qualitätskunst und totem Epigonentum war. Denn das war das, was alle einigte, die unter dem Namen ›Impressionisten‹ in den 90er Jahren zusammengefaßt wurden, das, was sie von der akademischen offiziellen Kunst schied: die hohe künstlerische Qualität und das Leben. Daher hatte der Kampf zwischen beiden Richtungen eine weit über das Gebiet der Kunst hinausgehende Bedeutung; er war eine Auflehnung des Menschen, des jungen und lebensdurstigen Menschen gegen das Überlebte und Tote überhaupt. Und erst Cassirer hat in Berlin für diese Armee des Lebens die Stellungen und die Rüstung geschaffen, die den Sieg ermöglichten.

Denn als er im Jahre 1898 seine Kunsthandlung begründete und den Ausstellungssalon eröffnete, gab es in Berlin wohl schon Kräfte, die für Qualitätskunst und Jugend eintraten: die Zeitschrift ›Pan‹ hatte sie gesammelt und schuf ihnen ein Organ; Muthers Kunstgeschichte machte für sie eine ziemlich wahllose, aber nicht unwirksame Propaganda, und gelegentliche Ausstellungen in den Kunstsalons von Gurlitt und von Wagner zeigten, worum gekämpft wurde; aber die Bewegung vollzog sich noch unter Ausschluß der breiteren Öffentlichkeit. Im sogenannten »Publikum« kannte man von zeitgenössischer Kunst nur die öden Schlachtenbilder Anton von Werners und die hohle Hofkunst Wilhelms II. Erst die kaufmännische Tätigkeit und Tüchtigkeit Paul Cassirers gab der modernen Kunst in Berlin die Stoßkraft in die Weite; und so kam es, daß gerade in Berlin zuerst die großen Impressionisten, auch die französischen, noch früher als in Paris in weiten Kreisen populär wurden. Jeder gebildete Berliner kannte aus den Ausstellungen im Kunstsalon Cassirer Max Liebermann, Manet, Monet, Degas, Renoir, Cezanne, van Gogh zu einer Zeit, wo der Wert und der Ruhm dieser großen Künstler in Paris und erst recht in England und Amerika noch ein Geheimnis weniger Sammler und Kunstkritiker waren. Und ähnlich fördernd und popularisierend für die jüngere Generation von Qualitätskünstlern, die auf dem von diesen älteren Impressionisten gewonnenen Boden aufwuchsen, wirkte die ebenfalls nur durch das kaufmännische und organisatorische Talent von Cassirer ermöglichte Begründung und Erhaltung der Berliner Sezession. Während der Ruhm der »Meister«, die die sogenannte »große« Lehrter Bahnhofs-Ausstellung beherrschten, der Anton von Werner, Begas, Meyerheim, Achenbach, verblaßte, wurden in der Berliner Sezession junge Künstler wie Corinth, Slevogt, Gaul, Trübner, Barlach zu den anerkannten Vertretern der jungen deutschen Kunst. Nur so, gestützt auf den immer fester in diese Richtung drängenden öffentlichen Geschmack konnten Lichtwark, Tschudi und die Leiter vieler anderer großer deutscher Museen ihren Kampf gegen die Geheimräte in den Kulturministerien und den mächtigen und rücksichtslos eingesetzten Einfluß Wilhelms II. aufnehmen und durchführen, moderne Werke von bleibendem Wert ankaufen, den deutschen Sammlungen zu einer Zeit, wo das noch mit geringen Mitteln möglich war, eine Reihe der bedeutendsten Werke zeitgenössischer Kunst einreihen.

Vielleicht war es für Paul Cassirer persönlich tragisch, daß er, der des Gegengewichts eines ihn bis zum äußersten anspannenden Kampfes gegen den stets in seinem Innern nagenden Zweifel bedurfte, so vollkommen siegte; seinen Freunden wenigstens schien es, als ob nach dem endgültigen Triumph der modernen Kunst das Problematische in seiner Natur stärker hervortrat, die Spannung zwischen organisatorischen und negativen Kräften immer häufiger einen gefährlichen Grad erreichte. Zwar setzte er sich jetzt ein für neue Bewertungen auch der alten Meister; so hat er zuerst Lucas Cranach für den Kunsthandel entdeckt als einen der bedeutendsten, wenn nicht den bedeutendsten deutschen Maler. Auch hat er mit dazu beigetragen, den Sammlern eine neue Wertschätzung von Greco, Rembrandt, Frans Hals beizubringen; und auch hierbei war es einerseits der Widerstand gegen die überkommene Wertung und andererseits die malerische Qualität, und ganz besonders die revolutionierende malerische Qualität dieser Meister, die ihn für sie und gerade für sie einnahm. Sie bedeuteten in seinen Augen das Leben im Gegensatz zu anderen vielleicht gleich großen Meistern, deren Qualitäten von ihren Nachfolgern sozusagen ausgelaugt und deren revolutionierende Wirkungen dadurch erschöpft waren. Und offenbar trieben ihn ähnliche Ahnungen, wenn er in den letzten Jahren sich leidenschaftlich gerade für Kokoschka einsetzte. Doch war das kein eigentlicher Kampf mehr; und die stärkste Anspannung des Willens im Kampfe war für ihn eine Lebensnotwendigkeit.

Denn nur der Kampf ballte sein heftiges und wild dahinschäumendes Temperament zu einem festen und für ihn selbst ungefährlichen Willen. Sonst wirkte es wie ein ungebändigtes Element verwüstend, wurde zum Verbündeten seines Geistes, der ihn von Nein zu Nein jagte, riß ihn hinein in Abenteuer, denen sein weicher Kern nicht gewachsen war. Denn der Kern seines Wesens war weich, die Haut seiner Seele mimosenhaft empfindlich. Darin glich er Wedekind, mit dem er sich wahlverwandt fühlte und dessen Schutzfarbe, den Zynismus, er daher auch als seine Lebensmaske annahm. Daß ein solcher Mann mit dem weichen Herzen, dem zynischen Mund und den heftigen Temperamentsausbrüchen für alle, die ihn kannten, ein immerwährendes Rätsel war, aber zugleich auch sie immer wieder faszinierte, versteht sich von selbst. Daher machte er sich ebenso viele Freunde wie Feinde. Und auch zu seinen Freunden wurde sein Verhältnis dadurch zu einem ganz besonderen, zu einem ewigen Zerwürfnis und einer durch nichts zu erschütternden Zuneigung, zu einem ewigen Nein und Ja. So wurde diese Haß-Liebe auch zum Kennzeichen der einen großen Freundschaft, die sein Leben beherrschte. Als vor zwanzig Jahren eine große Künstlerin seine Lebensgefährtin wurde, bekam er das edelste Material in die Hand, an dem er sich schöpferisch betätigen konnte: einen Menschen und zugleich ein ewig sich wandelndes Kunstwerk. Und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das Gestalten an diesem Material sein tiefstes Lebensglück gewesen ist; und ebensowenig, daß diese Lebensfreundin ihm das, was er an ihr tat, in aufopfernder Weise vergolten hat. Aber auch über diesem Verhältnis waltete das tragische Geschick, das Cassirers Beziehungen zu Menschen und Dingen überhaupt beherrschte, das ihn zwang, die Ideale, die er sich schuf, immer wieder zu bezweifeln, das, was er liebte, auch fortwährend zu quälen, das, was er eben vollendet hatte, sofort wieder zu zerstören, – das tragische Geschick des ewigen Revolutionärs.

Denn wenn man das Wesen Paul Cassirers in einem Wort zusammenfassen will, so gibt es keines, das ihn treffender kennzeichnet als das Wort »Revolutionär«. Er war Revolutionär schlechthin, Revolutionär aus seinem Innersten heraus, das nicht bloß von Zweifel zu Zweifel jagte, nicht bloß mit unbeirrbarem Instinkt das überlebte und daneben das kommende neue Leben witterte, sondern auch ihn zwang, rücksichtslos gegen sich selbst und gegen andere Hand anzulegen, um die Brandfackel in das Vermoderte zu werfen und Stein auf Stein zu einem neuen Bau heranzuschleppen. Die Auflehnung der 90er Jahre und der ersten Jahre dieses Jahrhunderts gegen die wilhelminische Kunst war in Wirklichkeit der Anfang der Revolution. Das Brüchige des kaiserlichen Systems ist in Kunst und Literatur viel früher gespürt und angegriffen worden als in der Politik. So war es nur natürlich, daß der geborene Revolutionär Paul Cassirer bei dieser Auflehnung eine Führerrolle übernahm. Das war seine historische Aufgabe; sein tragisches Geschick aber: daß die revolutionäre Heftigkeit seines Bejahens und Verneinens auch seine persönlichen Beziehungen nicht schonte. Doch in diesem bis zur Selbstvernichtung gesteigerten Ringen um das Endgültige und Vollendete lag gerade die befruchtende Triebkraft seines Genius, und so können wir auch ihm, wenn wir jetzt erschüttert von ihm Abschied nehmen, die Worte nachrufen der Engel, die Faustens Unsterbliches tragen:

Wer immer strebend sich bemüht
Den können wir erlösen.

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