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Aufsätze und Reden 1899-1933

Harry Graf Kessler: Aufsätze und Reden 1899-1933 - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
authorHarry Graf Kessler
titleAufsätze und Reden 1899-1933
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1988
isbnISBN 3596256755
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081124
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Pax Britannica

(1922)

Die Konferenz von Genua ist zu Ende: und damit die Illusion, daß auf einem internationalen Kongreß Politik etwas anderes als Politik gebären könnte. Alle dort aus über dreißig Staaten zusammengekommenen Politiker haben den Interessen ihrer inneren Politik den unbedingten Vortritt vor den Interessen Europas und vor wirtschaftlichen und sozialen Interessen gegeben. Und haben deshalb wirtschaftlich nichts als Zukunftsmusik produziert; nämlich zwei Vertagungen: die Fortsetzung der Wirtschaftsverhandlungen mit Rußland im Haag und die, im Vergleich zum Haufen wirtschaftlicher Weisheit, der in Genua zusammengefahren war, fast lächerliche Maus der sogenannten »Konferenz der Zentralbanken« im Juni. Der wirtschaftliche Ertrag der Genuakonferenz wird sich daher, wenn überhaupt, erst später herausstellen; während politisch allerdings Veränderungen in und durch Genua eingetreten sind, die sofort wirken werden.

Den Wiedereintritt Rußlands und Deutschlands in den Kreis der aktiven politischen Faktoren habe ich bereits in einem früheren Artikel angeführt. Aber das politische Hauptereignis der Konferenz ist erst allmählich gegen Schluß vollkommen deutlich hervorgetreten: die Aufnahme einer rücksichtslos pazifistischen Politik durch England. Die Reden von Lloyd George und von anderen führenden englischen Politikern, die teils in der Regierung, teils in der Opposition sind, wie Lord Birkenhead, Austen Chamberlain, Bonar Law, Asquith, die inspirierten Artikel der englischen Regierungspresse, vor allem aber die überaus wichtigen und bezeichnenden Kundgebungen von Bischöfen und Geistlichen der verschiedenen religiösen Gemeinschaften in England lassen an dieser neuen Einstellung fast des ganzen englischen Volkes keinen Zweifel. England will heute, aus welchen Gründen auch immer, einen Dauerfrieden auf dem europäischen Kontinent und ordnet seine ganze Politik diesem Hauptziele unter.

Die Konferenz von Genua scheint von Lloyd George überhaupt von Anfang an zu diesem Zwecke inszeniert, um eine möglichst sichtbare Bühne für diese weltgeschichtliche Wendung der englischen Politik zu gewinnen.

Durch diesen beherrschenden Gedanken bekommen erst die einzelnen Gesten und Entschlüsse Englands in den letzten Monaten Sinn und Zusammenhang als taktische Einzelheiten dieser gewaltigen Umgruppierung der ganzen politischen Macht Englands. Also Teilmanöver dieser Schwenkung sind die enge wirtschaftliche und politische Verbindung mit Italien, die Lloyd George am letzten Tage der Konferenz den versammelten italienischen, amerikanischen und englischen Journalisten proklamierte, die Anfänge einer Annäherung an Deutschland, die ebenfalls in den letzten Genueser Wochen trotz des Rapallo-Vertrages hervortraten, das unermüdliche Verhandeln mit Rußland, um es wieder zu einem friedlichen und produktiven Bestandteil Europas zu machen, schließlich das deutliche Abrücken von der französischen ›Bloc National‹-Regierung, der ein völlig anderes Bild des zukünftigen Europa vorschwebt, und deren Ziele und Maßnahmen daher in immer schärferen Gegensatz zu denen Englands geraten.

Das erklärt, begrenzt aber auch die »Isolierung Frankreichs «, denn das Hauptziel Englands ergibt, daß es gar nicht daran denkt, die Entente mit dem französischen Volk, soweit es friedlich und »europäisch« gesinnt ist, zu zerreißen; andererseits aber allerdings nichts mehr von einer Entente mit den heute in Frankreich regierenden Kreisen wissen will. Lloyd George hat dieses nach Schluß der Konferenz ganz deutlich gemacht, indem er ablehnte, bei der Rückfahrt nach England Poincaré in Paris zu sprechen. Die Entente Englands mit Frankreich ist nach Ansicht und Absicht der englischen Regierung und offenbar auch der großen Mehrheit des englischen Volkes nicht zerrissen; aber allerdings für den Augenblick und so lange die ›Bloc‹-Tendenz in Frankreich herrschend ist, suspendiert. Und so ist es auch am besten; denn ein endgültiger und unheilbarer Bruch zwischen England und Frankreich würde dieses in Verzweiflung und vielleicht in Abenteuer stürzen, die auch für Deutschland tödlich werden könnten.

Aus dieser resolut pazifistischen Richtung ergeben sich als nächste praktische Ziele der von England geführten Genuapolitik zwei gewaltige Operationen, die nötig sind für den Frieden und eng miteinander zusammenhängen, obwohl sie auf weit verschiedenen Gebieten liegen: eine große Finanztransaktion und eine weitgehende Beschneidung der europäischen Rüstungen.

Die Finanztransaktion muß bestehen in der Aufbringung zweier Milliardensummen, von denen die eine für Frankreich, die andere für Rußland nötig ist. Frankreich muß, wenn es Ruhe geben soll, bezahlt werden, soweit seine Reparationsforderungen zahlbar sind, und Rußland muß das für den Wiederaufbau seiner Wirtschaft nötige Geld von auswärts geliehen bekommen. Die Summen, die nötig sind, wären für eine zunächst provisorische Begleichung der Reparationsrechnung auf vier Jahre vier Milliarden Goldmark; und für das erste In-Gang-Bringen der russischen Wirtschaft etwa fünfhundert Millionen bis eine Milliarde Goldmark. Also alles in allem rund fünf Milliarden Goldmark. Das ist der Preis des Friedens; fünf Milliarden Goldmark, die sofort aufgebracht werden müssen wie eine Art von Lösegeld, wenn wenigstens die nächsten Jahre Ruhe herrschen soll in Europa.

Aber das Besondere der Situation ist, daß keine Regierung diese Summe zur Verfügung hat oder für diesen Zweck durch Steuern oder zwangsmäßig aufbringen kann; daß sie aufgebracht werden muß von den Kreditgebern der Welt. Europa muß den Frieden beim Bankier kaufen. Die Macht, ihn wenigstens auf einige Zeit sicher zu stellen, steht bei den Millionen von namenlosen Kapitalisten ohne Unterschied der Nation, die das internationale Kapital darstellen und die beraten und vertreten werden durch die international zusammenhängende Bankwelt. In dieser aber hat nicht mehr England, sondern Amerika die Führung. Und so ergibt sich, daß England bei seiner Genuapolitik notwendig die Unterstützung zweier Mächte, einer nationalen und einer sozusagen berufsmäßigen braucht: Amerikas und der internationalen Kapitalbesitzer. Die Beratungen der Weltbankiers in den letzten Maitagen in Paris sind der Versuch, diese Unterstützung wenigstens für die Zahlungen an Frankreich zu gewinnen.

Erst wenn dieser Versuch geglückt ist, kann die zweite große Operation vor sich gehen; der radikale Abbau der europäischen Rüstungen. Aber diese hat allerdings auch noch eine zweite Voraussetzung: die Beseitigung gewisser Stimmungen in Frankreich. Denn auch hier steht wieder im Mittelpunkt Frankreich, das allein in Europa heute noch eine große, für einen modernen Angriffskrieg brauchbare Armee unterhält. Solange Frankreich diese große sprungbereite Armee hat, ist kein wirklicher Friede in Europa! Denn für alle andern halb oder ganz wehrlosen Länder ist diese waffenstarrende gewaltige Armee, der nichts ähnliches irgendwo das Gegengewicht hält, eine ständige Drohung; und Frankreich selbst wird durch das Gewicht des Schwertes immer wieder, auch wenn einmal der ›Bloc National‹ bei den Wahlen unterliegt, nach der Seite der Gewalt gedrängt werden.

Die Abrüstung Frankreichs ist seine Sache und könnte auch nur unter erbitterten und für ganz Europa schädlichen Kämpfen von auswärts erzwungen werden. Deshalb ist es ein notwendiger Bestandteil der Genuapolitik, die Motive, die dem französischen Volk diese schwere Rüstungslast annehmbar machen, zu beseitigen; vor allem also seine große Angst, die es noch gepackt hält. Es müssen Maßnahmen gefunden werden, die Frankreich von dieser Angst befreien und dadurch die Armeelast als überflüssig und schädlich erscheinen lassen. Der »Pact of non aggression«, den Lloyd George zu diesem Zweck erdacht hatte, die feierliche Festlegung aller europäischen Nationen auf die gegenwärtige Gebietsverteilung für zehn Jahre und das Versprechen, während dieser Zeit nicht anzugreifen, ist in Genua nicht zustande gekommen; würde auch, soweit darin eine Bekräftigung des Versailler Friedens gesehen werden könnte, für die Neutralen unannehmbar sein. Aber wie dem auch sei; jedenfalls müssen Garantien gefunden werden, denen Frankreich genug vertraut, um freiwillig abzurüsten. Denn erst die Abrüstung Frankreichs bedeutet den Frieden.

Genua hat, wie gesagt, wirtschaftlich nichts geleistet. Aber politisch hat es so scharf die Wege aufgezeigt, die zu einem wahren Frieden fuhren, daß dem bösen Willen Irreführung sehr erschwert ist. Es ist ein kleiner Fortschritt, aber immerhin ein Fortschritt, daß die Staatsmänner und Völker jetzt wissen, wie sie zu gehen haben, um zum Ziele des Wiederaufbaues zu gelangen.

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