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Aufsätze und Reden 1899-1933

Harry Graf Kessler: Aufsätze und Reden 1899-1933 - Kapitel 23
Quellenangabe
typetractate
authorHarry Graf Kessler
titleAufsätze und Reden 1899-1933
publisherFischer Taschenbuch Verlag
year1988
isbnISBN 3596256755
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Genua oder Bar-le-Duc?

(1922)

Die erste Phase der Genueser Konferenz ist vorüber: ein Abschnitt ist erreicht, der Zwischenfall, den der Abschluß des deutsch-russischen Vertrags hervorgerufen hat, ist offiziell geregelt; der Augenblick ist günstig zur ruhigen Überlegung, was nach den bisherigen Erfahrungen von Genua zu erwarten ist?

Ich gehe davon aus, daß der Erfolg der Konferenz zu bewerten ist nach dem Maße, in dem sie eine neue, wirklich »europäische« Gesinnung in der Behandlung internationaler Angelegenheiten fördert. Was kann sie, was wird sie in dieser Richtung erreichen?

Dazu ist allerdings zunächst festzustellen, daß die Konferenz von Genua, trotzdem sie »Wirtschaftskonferenz« heißt und ein Heer von wirtschaftlichen Sachverständigen aus aller Welt mobilisiert hat, eine rein politische, d. h. ganz und gar von Politikern und von der Politik beherrschte Versammlung ist; also nicht das von uns geforderte, von den international organisierten Produzenten, Konsumenten und Kreditgebern entscheidend mitbestimmte wirtschaftliche Wiederaufbauorgan ist.

Auch ihre Vollmachten sind für ihren Zweck von vornherein absichtlich zu eng begrenzt. Alle Welt weiß, daß einer wahrhaft europäischen Gesinnung bestimmte Hindernisse entgegenstehen. Alle Welt kennt diese Hindernisse: die Reparationsfrage, die militärische Besetzung der Rheinlande, die Rüstungen gewisser europäischer Staaten. Aber in Genua dürfen diese Hindernisse nicht erwähnt werden. Der französische ›Bloc National‹ steht davor mit seinem Schwert (800 000 Mann marschbereite Truppen) wie der Erzengel vor dem Paradies und verbietet, an diesen Hindernissen europäischer Solidarität zu rühren. Und infolgedessen haben alle Beratungen in Genua etwas Gespenstisches, nur Bedingtes, wie die zwischen liebenden Verwandten, denen irgendein unaussprechbares Familiengeheimnis auf der Zunge schwebt.

Trotzdem kann schon heute gesagt werden, daß Genua innerhalb gewisser enger Grenzen für die Anbahnung einer »europäischen« Gesinnung nicht ganz ergebnislos sein wird. Denn dieser Gesinnung dient es schon, daß deren Gegner hier gezwungen werden, offen sich zu bekennen. Da es sich um den Abschluß bestimmter Verträge und die Zusage zu bestimmten Maßnahmen handelt, kann keiner hier hinter schönen Worten seine Zuflucht finden; und so trat der Gegensatz zwischen europäischer und partikularistischer Gesinnung gleich am ersten Tage klar hervor, als Herr Barthou, der Vertreter des französischen ›Nationalen Blockes‹, zuerst allerdings eine wohlgesetzte, aus schönen, humanen Gedanken reich gewirkte akademische Rede hielt; dann aber mit der harten Wirklichkeit in Gestalt von Tschitscherin und seinem Abrüstungsvorschlag zusammenstieß und seinen Schmerz über die hierbei empfangene Beule nicht meistern konnte. Ein besserer Diplomat hätte weniger heftig geschrien; aber der Gegensatz zwischen provinzialem, nationalen Egoismus und europäischer Solidarität hätte auch ein geschickterer Vertreter nicht verhüllen können: er ist nun einmal da! Und ohne eine klare Erkenntnis dieses Gegensatzes, aus der die Beseitigung seiner Ursachen und Träger erfolgen muß, kann das Werk des europäischen Wiederaufbaus nicht glücken. Genua wird durch die ungeheure Publizität, die die Konferenz umgibt, und durch die kinoartige Konzentration und Bildlichkeit, mit der der Gegensatz bei ihren Verhandlungen hervortritt, bei den breitesten Massen in allen Ländern diese Erkenntnis fördern; auch in Frankreich: weil ihr praktisches Resultat schon hier eine dauernd an der Grenze von offenen Konflikten sich bewegende Isolierung Frankreichs ist.

Geradezu grausam beleuchtete diese Isolierung die erste große Frage, die die Konferenz entscheiden mußte: nämlich die, ob Deutschland und Rußland wirklich gleichberechtigt, d. h. ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entsprechend als Großmächte an den Arbeiten der Konferenz teilnehmen sollten? Diese Arbeiten gehen naturgemäß nicht in den großen offiziellen Sitzungen, sondern in den Unterkommissionen vor sich. England und Italien schlugen vor, daß Deutschland und Rußland genau wie die anderen Groß-Staaten in allen diesen Unterkommissionen von Rechts wegen sitzen sollten; Frankreich wollte sie bloß den Kleinstaaten gleichstellen, so daß sie um die Wahl in die Unterkommissionen hätten werben müssen und eventuell durchfallen konnten. Bei der Abstimmung über diese Frage blieb Frankreich ganz allein; selbst Polen stimmte für den von Frankreich bekämpften Antrag: eine diplomatische Niederlage des französischen ›Bloc National‹, die den ehrlichen Aufbauwillen in Genua stark bekräftigt. Gleichzeitig ein historisches Ereignis ersten Ranges; denn durch diese Abstimmung wurden Deutschland und Rußland de facto wieder als Großmächte in das europäische Konzert aufgenommen.

Der fast einstimmige Wille der in Genua versammelten Vertreter, ein neues und arbeitsfähiges Europa aufzubauen, kann nach diesem ersten Ergebnis nicht bezweifelt werden. Darauf beruht es, daß der glänzendste und mächtigste Wortführer eines solchen Willens hier, Lloyd George, vom ersten Tage an als Führer und Leiter der Konferenz spontan allerseits anerkannt wurde.

Eine andere Frage ist es, ob die durch den Krieg erzeugten psychologischen Gewohnheiten heute schon so verblaßt sind, daß sie nicht noch unbewußt selbst die hervorragendsten Wortführer des neuen Solidaritätswillens manchmal in ihren Bann schlagen.

Zum mindesten wirkten diese unheimlichen Gespenster mit auf den Zwischenfall, in dessen Mittelpunkt der deutsch-russische Vertrag steht. Dieses ergibt sich aus der Aufeinanderfolge und der kaum noch zweifelhaften Motivierung der Ereignisse. Am 12. April nimmt Herr Barthou nach seiner Niederlage bei der Zulassung Deutschlands zu den Unterkommissionen die am 10. April überreichte Antwort Deutschlands auf die Reparationsnote zum Anlaß, um im Auftrage des Herrn Poincaré erneut und trotz allem noch den Ausschluß Deutschlands aus den Unterkommissionen zu verlangen. Lloyd George weist, wie die Zeitungen melden, dieses Ansinnen zurück. Aber am 13. beruft er statt der Unterkommission, in der Deutschland sitzt, den Obersten Rat der Alliierten, in dem Deutschland nicht sitzt, zu »Privatbesprechungen« ein. Aber diese Privatgespräche werden am 13., 14. und 15. April drei volle Tage von morgens bis abends fortgeführt mit Protokollen und Presse-Communiqués, ohne daß Deutschland oder die übrigen in die Unterkommission gewählten neutralen Mächte dabei sind.

Daß Sitzungen in dieser Form und von solcher Dauer keine privaten unverbindlichen Besprechungen sind, kann nur von sehr parteiischer Seite geleugnet werden. Nein, der tagelange Meinungsaustausch in der Villa de Albertis war ein Rat der Kriegsverbündeten mitten in der Konferenz für friedliche Wiederannäherung der Völker. Als Tagung des Obersten Rates der Alliierten haben ihn die heftig verschnupften Neutralen, hat ihn die Daily Mail in ihrer Osternummer aufgefaßt. Und nicht bloß formell waren sie ein Verstoß gegen den Zweck der Konferenz; sie mußten mit großer Wahrscheinlichkeit auch materiell einem wirklichen und dauernden Frieden schädlich werden. Denn wenn die fünf in der Villa de Albertis versammelten großen Ententemächte sich über bestimmte Vorschläge mit Rußland geeinigt hätten, so hätten Deutschland und die vier in der Unterkommission sonst noch stimmberechtigten Mächte nichts wesentliches an diesen Vorschlägen ändern können: sie wären einfach überstimmt worden. Die Unterkommission und mit ihr die ganze Konferenz in Genua wurden durch diese Geheimbesprechungen in der Villa de Albertis aus den Entscheidungen über Rußland tatsächlich ausgeschaltet. Tatsächlich bemächtigten sich der wichtigsten von der Konferenz zu erledigenden Frage die Siegerstaaten, ohne das nach Genua eingeladene übrige Europa hinzuzuziehen. Aber weil Machtsprüche keine gute Grundlage für den Frieden sind, gerade deshalb, schien es, hatte Lloyd George die Genua-Konferenz berufen!

Herr Lloyd George hat wahrscheinlich nicht bewußt den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Mächte und den der Regelung europäischer Fragen durch den Gesamtwillen Europas verletzen wollen. Es wäre ebenso ungerecht wie wenig »europäisch«, ihm den Vorwurf der Illoyalität, den er der deutschen Delegation gemacht hat, zurückzugeben. Aber die Gespenster der Kriegszeit haben sich offensichtlich mit dem ›Bloc National‹ der Herren Barthou und Poincaré verbündet, um ihn zu einem falschen Schritt zu verleiten.

Trotzdem hätte vielleicht dieser Seitensprung keine so schweren Folgen gehabt, wenn nicht die Kriegsgesinnung in einer anderen, noch gefährlicheren Form die Sonderverhandlungen in der Villa de Albertis beherrscht hätte: nämlich als Gesinnung des Londoner Memorandums, das die Grundlage dieser Besprechungen bildete, und dessen Forderungen, wenn sie erfüllt worden wären, sowohl Rußland wie Deutschland weitere unerträgliche Kriegslasten auferlegt hätten: bis zu einer unabsehbar langen Schuldknechtschaft Rußlands und bis zur Verdoppelung der von Deutschland zu leistenden Reparation. Diese Drohungen, die sie gemeinsam trafen, mußten Rußland und Deutschland gemeinsam abwehren: wenn nicht in der Konferenz, dann außerhalb; das war vorauszusehen, und es zeugt wirklich von mangelhafter Psychologie und von großer Unkenntnis der Vorbedingungen europäischer Gemeinschaft, wenn Herr Lloyd George über die Folgen dieser materiellen Fehler erstaunt war.

Daß auch auf deutscher Seite dann mögliche Vorsichtsmaßregeln außer Acht gelassen wurden, muß zugegeben werden, ob die Abwehr auch das absolut unerläßliche Maß überschritt, ist schwer zu entscheiden. Die Tatsache selbst einer gegenseitigen Versicherung Rußlands und Deutschlands war unter den Umständen unvermeidlich. So lange bloß Politiker, die partikulare Interessen vertreten, die gemeinsamen europäischen Interessen verwalten, werden immer die partikularen Gesichtspunkte stärker sein als die europäischen.

Erwiesen hat dieser Zwischenfall, daß man nicht auf der einen Seite alte Kriegsgewohnheiten beibehalten und Kriegsgesinnung in Forderungen umsetzen kann, ohne eine Gegenwirkung hervorzurufen und dadurch die europäische Einheit, die lebenswichtig für alle Völker geworden ist, von neuem zu spalten. Erwiesen hat dieser Vorfall aber vor allem den verhängnisvollen Einfluß der Innenpolitik jedes Landes auf die Arbeit des europäischen Wiederaufbaus, wenn Politiker, deren Stellung notwendig von der inneren Politik ihres Landes abhängt, diese Wiederaufbauarbeit allein in die Hand nehmen. Die Notwendigkeit, Kräften und Männern, die von diesen innenpolitischen Einflüssen unabhängig sind, einen maßgebenden Einfluß bei der internationalen Wiederaufbauarbeit einzuräumen, wird durch die Erfahrungen von Genua klar ins Licht gestellt.

Daß dieser Zwischenfall keinen günstigen Einfluß auf die Wiederherstellung eines europäischen Solidaritätsgefühls gehabt hat, läßt sich leider nicht leugnen. Der angerichtete Schaden kann nur wieder gutgemacht werden, wenn doch noch ein von Gesamteuropa geschlossener Vertrag mit Rußland zustande kommt, in den der deutsch-russische Vertrag mit hineingearbeitet wird. Das wird und muß möglich sein; denn ein solcher Vertrag, der gerecht und für Rußland annehmbar sein muß, wird von der Gesinnung und den Grundlinien des Vertrages von Rapallo kaum abweichen können.

Dieses sind die positiven Ergebnisse der Konferenz von Genua, die erreicht sind oder auf die noch gehofft werden kann: nämlich die Wiedereinreihung Deutschlands und Rußlands unter die Großmächte und ein von allen europäischen Völkern gemeinsam geschlossener Vertrag mit Rußland. Ob sie genügen werden, um das von Lloyd George geforderte und versprochene gegenseitige Garantieabkommen aller europäischen Staaten zu ermöglichen, bleibt eine Frage. Ein solcher Vertrag ist für Deutschland wertlos, so lange er nicht den Verzicht Frankreichs auf weitere Sanktionen und Besetzungen in Deutschland bedeutet. Diesen Verzicht wird aber Frankreich sicher nicht aussprechen, ehe nicht die Reparationsfrage wenigstens vorläufig geregelt ist.

Wir stoßen also hier unausweichlich auf die Reparationsfrage. Die Welt mag ihre blutbefleckten Hände noch so sehr waschen, die Reparationen, die auf Deutschland lasten, tauchen immer wieder auf, wie der Fleck auf der Hand von Lady Macbeth, und lassen Europa keine Ruhe, bis dieser Fleck nicht beseitigt ist. So hat sich auch die von der Finanzkommission von Genua eingesetzte besondere Sachverständigen-Kommission, der die besten Finanzköpfe der Welt angehörten – und selbstverständlich auch Franzosen – unzweideutig ausgesprochen in ihrem der Konferenz überreichten Gutachten.

Aber jede Regelung der Reparationsfrage verlangt eine internationale Anleihe, eine Anleihe, die entweder die ganze Reparationssumme aufbringt oder, da eine so gewaltige Anleihe heute wahrscheinlich keinen Erfolg hätte, wenigstens eine solche Anleihe, die die deutschen Geldzahlungen für die nächsten Jahre deckt; dementsprechend die Verminderung der Besetzung im Rheinlande mit sich bringt; und damit die Reparationsfrage vorläufig aus der Politik ausschaltet. Daß Amerika eine Anleihe für diesen Zweck heute nicht gibt, steht fest. Sie muß daher in Europa aufgebracht werden und wird abhängen vom Vertrauen, das Europa selbst in seine Zukunft setzt. Der Erfolg von Genua wird also zum großen Teile auch danach zu bemessen sein, wie weit die Stimmung, die es hinterläßt, einer Anleihe an Deutschland günstig ist. Erst wenn sich die bestenfalls bescheidenen Ergebnisse der Konferenz mit einer, wenn auch nur vorläufigen Regelung der Reparationsfrage und einer entsprechenden Verminderung der Militärlasten im Rheinlande vereinigen, wird eine neue, wirklich europäische Gesinnung sich entwickeln und der Aufbau der europäischen Solidarität beginnen können. Dieser Zusammenhang, in dem Genua steht, erscheint vorläufig als der wichtigste.

Allerdings ist auch eine andere Entwicklung möglich. Herr Poincaré hat sie in seiner Rede von Bar-le-Duc am 24. April mit Befriedigung und kindlicher Eitelkeit bengalisch beleuchtet. Der französische ›Bloc National‹ könnte versuchen, sein schwindendes internationales Prestige und seine stark beeinträchtigte Herrschaft zu Hause durch ein » corriger la fortune« auf lange Zeit sicherzustellen, indem er die Reparationsfrage zum Vorwand nimmt, um in Deutschland einzurücken. Das bedeutet dann den Bruch der Entente, den Bruch Frankreichs mit England, die politische, nach der moralischen Isolierung Frankreichs, den Anfang einer völlig neuen Gruppierung der Mächte; aber auch die Erneuerung des längst verurteilten, längst in seiner blutigen Frivolität und Unfruchtbarkeit erkannten alten Systems des Widerspiels und des Gleichgewichts der großen Staaten. Die Einberufung der Signatarmächte des Versailler Vertrages zur Besprechung des Garantiepaktes und der Sanktionen kann vielleicht noch diese Entwicklung verhindern, wenn England seinen Widerstand gegen eine provisorische Regelung der Reparationen durch eine sofortige Anleihe von drei bis vier Milliarden aufgibt und wenn der Gesamtwille Europas ein Veto der brandstifterischen Gewaltpolitik des ›Bloc National‹ entgegensetzt. Sonst hätte Genua nur als Experiment Wert gehabt, als der letzte entscheidende Beweis, daß solche von der Politik partikularer, unumschränkt souveräner Staaten beherrschte Konferenzen keine wirkliche Neugestaltung der Welt nach produktiven Gesichtspunkten ins Werk setzen können. Dann würde die Entschließung der gleichzeitig in Rom tagenden Amsterdamer Gewerkschafts-Internationale gegen den Krieg, die Verhinderung kriegerischer Unternehmungen durch alle den Hand- und Kopfarbeitern zustehenden Mittel, unerwartet schnell auf die Probe gestellt; und es müßte sich zeigen, ob nach dem Scheitern der Politiker die international organisierten, geistig oder materiell wirklich produktiven Kräfte eine friedliche und solidarische Welt aufzurichten heute schon stark genug und gewillt sind.

Genua, den 27. April 1922.

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