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Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts

Georg Christoph Lichtenberg: Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleAufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Geologische Phantasien (Franklins Geogenie)

Wir haben im Taschenbuch vom vorigen Jahre versprochen, einiges von den Vorstellungen zu sagen, die sich die Menschen von der Entstehung unserer Erde und von den Ursachen gemacht haben, durch welche die großen Revolutionen bewirkt worden sind, die wir auf der Oberfläche derselben dokumentiert finden. Der Gegenstand ist einer von den wichtigsten, der sich denken läßt, wo nicht in allen seinen Teilen für den Geologen, doch für den Psychologen; wo nicht für die Geschichte der Erde, doch für die Geschichte des menschlichen Geistes. Wirklich gehören auch unter den fünfzig Versuchen (voriges Jahr zählten wir 48) die Sache zu erklären, die uns bekannt geworden sind, gewiß 9/10 eigentlich in die Geschichte des letztern. Es ist unglaublich was die Revolutionen auf der Erde für Revolutionen in den Köpfen nach sich gezogen haben. So wie man in der ersten Seetiere auf den Spitzen der Berge findet, ohne eine Spur von See weit und breit, so findet man in letztern mit Erstaunen Konklusionen, ohne nur eine Spur von festen Prämissen so weit nur das Auge reicht. Man hat über Woodward gelächelt, der, um die Revolutionen auf der Erde zu erklären, annahm, einige ewige Gesetze der Natur wären ad interim ein wenig aufgehoben worden; aber fürwahr ich würde über keinen Menschen lächeln, der, um jene Revolutionen in den Köpfen zu erklären, annähme, die Gesetze des Denkens wären in derselben aufgehoben worden; ad interim wenigstens. Kaum werden es unsere Leser glauben, daß man die großen Zähne, die man im nördlichen Amerika am Ohio findet, für Backenzähne der gefallenen Engel halten könnte, wenigstens bei den gottlob! bestehenden Gesetzen des Denkens nicht. Und doch hat es ein Franzos behauptet Der Verfasser des Essai sur la Population de l'Amerique T.  II. p.  298., lange vorher, ehe es in Frankreich Mode wurde, Gesetze der Natur ad interim aufzuheben. Es ist eine traurige Betrachtung so die Gesetze des Denkens mit den Gesetzen der Bewegung, der Schwere und der Kohäsion zu vergleichen. Wenn der Mensch rasen und erkranken kann, was in aller Welt kann nicht rasen und erkranken? Erbarmen, Erbarmen daher über jene Schriftsteller! Was sie in der Außenwelt zu finden glaubten, hatten sie vielleicht zuerst typisch in ihrem Kopf gefunden, und durch Konklusionen, die fürwahr nicht so ganz ohne alle Prämissen da hängen, in die Welt hinüber getragen. Ohne die größte Unbilligkeit zu begehen, kann man diese Menschen sicherlich nicht verächtlich finden. Wir, die wir die Monarchie der sogenannten gesunden Vernunft anerkennen, können nicht wissen, wie selig und wie wichtig der Mann ist, der ohne allen Zwang derselben frei für sich denkt. Wir nennen ihn einen Narren, aber das ist ein bloßer Titel; er antwortet uns mit einem Lächeln, und das ist sehr viel mehr.

Wir haben diesen Aufsatz überschrieben: Geologische Phantasien. Phantasien, weil vieles hier vorkommen wird, was eigentlich das angenehme Werk dieser Zauberin ist. Denn ich sehe nicht warum man ihr wehren will auch hier ihr unterhaltendes Spiel zu treiben, solange sie sich aller Ansprüche auf unsern Glauben begibt. Wer in der Welt wird ihr nicht gern in ihre Schöpfung folgen, wenn sie, was sie erschafft, durchaus nach Vorschriften der Vernunft lenkt und regiert, ja wenn sie sogar den ersten Hauch, der ihr Werk beseelt, der Natur abborgt und dadurch die Vernunft selbst zu dem Geständnis zwingt: Es könnte wohl so sein; ja es ist vielleicht so. Doch das ist bei weitem noch nicht alles. Wie oft hat sie nicht mit ihrem wilden und rauschenden Fluge Ideen aufgejagt, die sich vor dem Falkenauge der Vernunft versteckt hielten, und die diese nachher mit Begierde ergriff. So sah Milton die allgemeine Schwere, und England hat seine viele wieder gefundenen Paradiese größtenteils des großen Dichters verlornem zu danken. Es ist mit dem Erfinden eine ganz eigne Sache; die Wünschelruten, die man dazu vorgeschlagen hat, schlagen nur dem auf Gold, der es ohne sie wohl auch gefunden hätte. So ist Bacons Organon freilich ein vortreffliches heuristisches Hebzeug, aber es will gehoben sein. Ich habe Leute gekannt von schwerer Gelehrsamkeit, in deren Kopf die wichtigsten Sätze zu Tausenden selbst in guter Ordnung beisammen lagen, aber ich weiß nicht wie es zuging, ob die Begriffe lauter Männchen oder lauter Weibchen waren, es kam nichts heraus. In einem Winkel ihres Kopfs lag Schwefel, im andern Kohlenstaub, im dritten Salpeter genug, aber das Pulver hatten sie nicht erfunden. Was ist das? Hingegen gibt es wiederum Menschen, in deren Kopf sich alles sucht und findet und paart, und läge es auch anfangs eine ganze Kopfsbreite aus einander. Es läßt als wären die Stamina großer Gedanken in einem reineren Menstruum feiner aufgelöst und leichter aufgehängt, um sich sogleich nach Gesetzen der natürlichsten Verwandtschaft zu ziehen und zu den schönsten Formen zu sammeln. Ein solcher Kopf war der, der auf Keplers Schultern saß, und dieses, wie ich glaube, in einem so eminent hohen Grade, daß man billig das ganze Geschlecht, den wahren Geistesadel, darnach benennen sollte. Nun bedenke man aber des Mannes schaffende Phantasie (hier steht das Wort). Wie nah ist er nicht oft der Schwärmerei? Und wer will ausmachen, wo er gewesen ist, wenn er der Vernunft bloß übergibt, Was er gefunden hat, ohne sich auf das Wie einzulassen. Hier muß man nichts wegwünschen. Hätte man diesem Adler nur eine einzige Schwungfeder ausgezogen, er hätte sich der Sonne nicht so entgegen geschwungen. Phantasie und Witz sind das leichte Corps, das die Gegenden rekognoszieren muß, die der nicht so mobile Verstand bedächtlich beziehen will. Ein kleiner Fehltritt schadet jenen nicht, aber freilich, wehe ihnen, wenn sie sich zu weit entfernen, oder gar ohne Verstand und Urteilskraft für sich allein agieren. Sie werden alsdann gemeiniglich von jedem geschlagen, der sich diese geringe Mühe nehmen will. Dieses ist alles sehr bekannt. Ich habe sehr früh gehört: jeder gute Kopf müsse wenigstens einmal in seinem Leben Verse gemacht haben. Alles dieses hängt zusammen.

So sehr wir uns aber auch wegen dieser Spiele der Phantasie gerechtfertigt zu haben glauben, für ein Büchelchen, das nicht bloß zur Belehrung, sondern auch zum Vergnügen dienen soll, und das seine Absicht nie vollkommner erreicht, als wenn es beide verbindet; so wenig wollen wir dadurch jene Träume in Schriften rechtfertigen, die der Belehrung allein gewidmet sind. Am allerwenigsten Träume über Gegenstände, wobei die Beobachtung bei weitem noch nicht alles geleistet hat, was sie leisten kann, und, wenn man nur nicht verzweifelt, oder, welches sehr viel schlimmer wäre, lieber angenehm träumt, als bei Anstrengung wacht, auch leisten wird. Man ist in unsern Tagen, wie mich dünkt, hauptsächlich in unserm Vaterland hierin traurig weit gegangen. Doch dieses ist nicht für diesen Ort. Nur zum Beschluß dieser Einleitung eine kleine Regel: Ehemals glaubte man, die Bibel lehre Physik, und man pries die Leute heilig, die es glaubten. Von diesem Glauben bin ich nicht. Aber daß die Anordner ihrer Bücher Methode haben lehren wollen, glaube ich fast, und eine Methode die man jenen Physikern nicht genug empfehlen kann: sie haben die Offenbarung Johannis ans ENDE gestellt.

Den Anfang unserer geologischen Phantasien wollen wir mit der eines Mannes von Keplerischem Adel machen, mit Doktor Franklins. Sie ist, soviel ich weiß, eben nicht sehr bekannt geworden, weil sie in keiner der bisherigen Sammlungen seiner Schriften steht, wie ausdrücklich in der Überschrift des Abdrucks derselben bemerkt wird, den ich gesehen habe Er befindet sich im European Magazine August 1793. S.137f. Was ich hier unsern Lesern davon vorlege, ist keine Übersetzung, (denn ich habe das Original jetzt nicht bei der Hand) sondern nur eine Darstellung der Hauptmomente, die ich mir beim Lesen ausgezeichnet hatte, gehörig verbunden. Erläuternde Einschaltungen und Zusätze von mir habe ich des Gebrauchs wegen in Parenthesen eingeschlossen, denn mit Franklins Ideen verwechseln wird sie nicht leicht jemand. Sie waren mancher Leser wegen nötig. Er hat sie in Form eines Briefs an den Abbé Soulavie vorgetragen, wozu die Veranlassung diese war: Bei seinem Aufenthalt in Frankreich besprach er sich eines Tages mit dem Abbé über diesen Gegenstand, und dieser, dem der Gedanke gefiel, schrieb sich einige Sätze auf und schickte sie dem Doktor zu, um zu erfahren, ob er die Sache richtig gefaßt habe. Franklin, der darin verschiedenes fand was mit seinen Ideen nicht übereinstimmte, schrieb hierauf dem Abbé den erwähnten Brief.

Franklin geht darin von dem Gedanken aus, die Zerstörungen, die wir auf der Erde bemerkten, seien zu groß, als daß sie hätten entstehen können, wenn die Erde eine so solide Masse wäre, als man gewöhnlich glaubt. Er dachte also, sollte sie nicht inwendig aus einem Fluido bestehen können, das dichter wäre als alle bekannten festen Körper, die also auf diesem innern Meere schwimmen würden, (wie etwa das ewige Eis an den Polen unserer Erde auf der See schwimmt, und welches, zumal gegen den Südpol zu, gleichsam ein ungeheures festes Land ausmacht)? Auf diese Weise würde also der solide Teil der Erde eine Art von Schale oder Rinde um jenes Fluidum formieren, die bei einer Bewegung desselben leicht zerbrechen könnte. Nun hat man aber, fährt Franklin fort, die Luft schon bis zur doppelten Dichtigkeit des Wassers zusammen gepreßt, und folglich ein Fluidum daraus gemacht, das mit Wasser zugleich in dasselbe Gefäß gegossen, sich unten hinstellen, und auf welchem das Wasser schwimmen würde. Also könnte jenes Fluidum wohl gar die Luft selbst sein. (Mariotte hat gefunden, daß, wenn man die Luft zusammendrückt, die Dichtigkeit derselben gerade so zunimmt wie die Gewichte, durch welche der Druck bewirkt wird. Daß also ein noch einmal so starker Druck sie noch einmal so dicht und ein vierfacher sie noch viermal so dicht macht. In Deutschland hat man Mariottens Versuche noch weiter ausgedehnt, so daß man wenigstens nichts Ungereimtes sagt, wenn man annimmt, die Luft werde sich am Ende so sehr verdichten lassen, daß z.B. das Gold in ihr schwimmen würde, gesetzt auch, daß das Verhältnis zwischen Druck und Dichtigkeit nicht immer so einfach bliebe. Fände sich also Luft im Innern der Erde, bis auf eine große Strecke hinunter in Höhlen verbreitet, die unter sich auf irgend eine Weise und mit der Atmosphäre zusammenhingen; hätte diese Luft ferner etwa die Temperatur der an der Oberfläche der Erde befindlichen, und gölte endlich das Mariottische Gesetz durchaus: so würde sie immer dichter und dichter werden, je tiefer sie läge, und zwar so, daß nachstehende Körper in folgenden Tiefen unter der Oberfläche der Erde in derselben schwimmen würden.

Das Wasser bei 28929 Toisen unter der Oberfläche der Erde.
Das Zinn – 39910 –  –  –
Das Silber – 41202 –  –  –
Das Quecksilber – 42181 –  –  –
Das Gold – 43528 –  –  –

Setzt man also die Deutsche Meile etwa gleich 4000 Franz. Toisen, welche hier verstanden werden, so schwämme das Gold schon in einer Tiefe von nicht völlig eilf Deutschen Meilen! Würde es durch irgend eine Kraft tiefer hinunter gebracht und sich selbst überlassen, so würde es mit beschleunigter Geschwindigkeit über jene Tiefe aufsteigen und wieder sinken, bis es endlich nach vielen Oszillationen in jener Luftschicht zur Ruhe käme. Um das folgende in Franklins Vorstellung besser zu verstehen und anschaulicher zu machen, wird es nicht unnütz sein, sich die Sache noch einmal so vorzustellen: Gesetzt, unsere ganze Erde oder eine ihr gleiche, oder größere oder nicht viel kleinere Kugel bestünde bloß aus Luft, die etwa nach dem Mariottischen Gesetz sich gegen den Mittelpunkt zu verdichtete: so würden alle Arten von Mineralien und Flüssigkeiten die man hineinwürfe oder gösse, wenn sie sich nicht in der Luft auflösten, sich jedes in einer bestimmten Entfernung vom Mittelpunkte setzen, den Fall ausgenommen, da etwa der leichtere Körper schon eine Kruste formiert hätte, die der schwerere, nachher hineingebrachte, nicht mehr zu durchbrechen im Stande wäre.) Nun nimmt Franklin, ungefähr so wie Kant an, daß alle Materie mit ihren Kräften wie ein Dunst durch den Raum verbreitet gewesen sei. Als nun hierauf die Schwere zu wirken anfing, so näherten sich die Luftteilchen zwar dem Mittelpunkt, da sie sich aber unter einander selbst abstoßen (Elastizität besitzen), so mußten sie immer dichter und dichter werden je mehr sie sich anhäuften, und so entstund eine solche Luftkugel, wie wir sie uns soeben gedacht haben. In dieser setzten sich nun die übrigen entstandenen Körper auf die oben angegebene Weise. Manche, die zu tief in die Luft durch den Fall eingesunken waren, stiegen nachher wieder auf und schlössen sich an die übrigen an. So entstand die Kruste, die jetzt so tief in der Luftkugel eingesenkt ist, daß bloß unsere gegenwärtige Atmosphäre noch darüber hervorsteht. Die erste Bewegung nach dem Mittelpunkte hin, meint Franklin, habe (gleich anfangs, als alles noch klein war) einen Wirbel verursachen können (weil nämlich manche Teile durch zusammengesetzte Bewegung getrieben in schräger Richtung eingetroffen wären) und so wäre Umdrehung um die Axe entstanden. Sollte aber, fährt er fort, nun einmal, durch irgend eine Ursache die Umdrehung um die Axe verändert worden sein, so habe das Fluidum seine Figur ändern müssen, und so die Schale zerbrechen können. (Hieraus lassen sich nun Veränderungen genug erklären, welches ich bis ans Ende versparen will.) Nun geht er in dem Briefe zu einem andern Gedanken über, der obgleich höchst gewagt, doch sehr viel Großes hat und, hätte er auch selbst dieses nicht, schon bloß als ein Gedanke Franklins Meldung mit Respekt verdient. Die Menge von Eisen, welches durch die ganze Erde verbreitet sei, habe dieselbe fähig gemacht magnetisch zu werden. Die magnetische Materie, glaubt er, existiere durch den ganzen Himmelsraum, und das Universum habe so gut sein Süden und sein Norden, als unsere Erdkugel; er glaube daher, daß wenn jemand von Sonne zu Sonne durch die Himmel reisen könnte: so würde ihm die Boussole ebenso nützlich sein können, seinen Lauf darnach zu steuern, als auf dem Weltmeere. Auch äußert er die Mutmaßung, daß es vielleicht dieses Fluidum sein könne, was die Erdaxe sich selbst parallel erhält. Hierauf zeigt er noch auf die gewöhnliche Art, was eine Veränderung der Erdaxe für Revolutionen in den Gewässern machen würde, wovon der äußerste Fall der wäre, da der jetzige Äquator ein Meridian würde und die Pole in den neuen Äquator zu liegen kämen. – Geschähen große Explosionen von Dämpfen, so könnten sie nicht bloß an sich die Kruste hier und da auslüften, sondern auch durch einen gleichen Druck auf das Fluidum unter ihr, eine Welle verursachen, die sich auf Tausende von Meilen erstrecken und alles Land über ihr erschüttern könnte. Er lobt den Abbé Soulavie wegen seines Verfahrens, bloß Facta zu sammeln, und aus Factis zu räsonieren, und nicht weiter, als diese es erlauben. Seine eigenen Umstände, sagt er, verstatten es ihm jetzt nicht mehr, die Natur der Erdkugel zu studieren, darum habe er seiner Phantasie nachgehängt. So weit Franklin. Nun erlauben uns unsere Leser einige Bemerkungen über das Ganze, und zuerst ein paar Worte über den Schluß. Der große Mann sagt, er habe jetzt keine Zeit mehr selbst Untersuchungen anzustellen, und daher seiner Phantasie nachgehängt, und niemand wird leicht dem Produkt derselben Schönheit und Simplizität absprechen. Wie sehr wäre es zu wünschen, daß Männer von Geist, die den schönsten Teil ihres tätigen Lebens der Untersuchung der Natur geheiligt haben, aber nicht gerade immer Gelegenheit hatten, Gebirge aller Art zu erklettern wie Deluc und v.  Saussure, oder im Innern derselben einher zu wandeln, wie v.  Trebra, v.  Veitheim, Werner und Charpentier; wenn uns diese, sage ich, am Ende ihrer Laufbahn das Resultat ihrer Erfahrung und Gedanken in solchen angenehmen Bildern gezeichnet darlegen wollten. Vielleicht trifft es sich am Ende, daß die Beobachtung hier oder da das Wirkliche an ein solches Bild der Phantasie anhängt. Welcher Vorteil alsdann schon so vieles vorbereitet und fertig zu finden! Der Beobachtungsgeist steht nicht immer bei der Fähigkeit zu verbinden und alles zu einem Ganzen zusammen zu hängen. Aus allen Erfahrungen und Beobachtungen dereinst eine vollständige Theorie der Erde herzuleiten, möchte Kenntnisse voraussetzen, die schwerlich je einem einzigen Menschen zu Teil werden möchten. Die Astronomie, die überhaupt jedem Teil der Naturlehre zum Vorbild und Muster dienen könnte und sollte, liefert die herrlichsten Beispiele, zu welcher Höhe ein wissenschaftliches Gebäude aufgeführt werden kann, wenn die Arbeiten verteilt werden. Jedes Kapitel der Naturlehre zerfällt in seinen sphärischen, seinen theorischen und seinen eigentlich physischen Teil, so gut wie die Astronomie. Man wird sich hier über die Worte leicht vergleichen, wenn man einmal über die Begriffe eins ist. Diese Teile aber zu bearbeiten, erfordert oft so ganz verschiedene Fähigkeiten, daß es gar wohl möglich wäre, daß zwei Menschen zum Vorteil einer und eben derselben Wissenschaft arbeiten könnten, wovon, wie bei einer Porzellan-Fabrik, kaum einer des andern Arbeit verstünde. – Es war sehr gut, die Erde einmal als eine solche Luftkugel zu betrachten, und dieser Betrachtung die Phänomene anzuprobieren, die Zeit wird lehren, ob man nicht genötigt sein wird, dereinst hier zu fußen. Nun noch einige Betrachtungen zur Erläuterung von Franklins Hypothese. Was Franklin hier Luft nennt, hat man sich, meiner Meinung nach, nicht, wenigstens anfangs nicht, als atmosphärische zu denken, sondern als die Sammlung und die Summe der elastischen Flüssigkeiten, in die vermutlich alle Körper der Welt aufgelöst werden können. Schon Newton hatte sich die Sache so gedacht und sich darüber sehr bestimmt erklärt. Die schöne Stelle befindet sich in Birchs Hist. of the Royal Society. T. III. S. 230. Er glaubt, die ganze Welt könne sich aus einem flüchtigen Wesen niedergeschlagen haben, wie sich Wasser aus Dampf niederschlägt, und dieser Niederschlag nachher zu den mannichfaltigen Formen zusammengeronnen sein, die wir jetzt bemerken. Etwas Aufmerksamkeit auf die Erscheinungen der Natur, die täglich unter unsern Augen vorgehen, rechtfertigt eine solche Annahme sehr. Inflammable Luft mit dephlogistisierter verbrannt, gibt Wasser, es komme nun her wo es wolle; dieses Wasser kann nun schon Eis werden, zu welchem sich jene gemischte Luft nicht verdichten ließ. Wird dieses Wasser auf gebrannten Gips gegossen, so verhärtet es mit ihm und läßt sich mit ihm zerbrechen, zerreiben und in Staub verwandeln. Auf die Weise bestehen unsere Gipsfiguren, und unsere prachtvolle Stukkatur-Arbeiten zum Teil aus inflammabler und dephlogistisierter Luft, denen man ihr Feuer entzogen hat, das selbst ein elastisches Wesen ist, und nach einigen ebenfalls vermauert werden kann. Ebenso verhält es sich mit den metallischen Kalchen, mit denen sich dephlogistisierte Luft verbindet, sich mit ihnen pulverisieren und gebrauchen läßt, Häuser und Gesichter damit anzustreichen, und Töpfe zu allerlei Gebrauch. Ja! da man sogar die widerspenstige Kieselerde als Dunst dargestellt hat, wer will nun die Möglichkeit, alles so darzustellen, leugnen? Im Pflanzenreich wird dieses noch auffallender. Viele wachsen ohne etwas weiter nötig zu haben, als reines Wasser und Luft, und bei ihrer Zerstörung findet man wieder luftigen Stoff, und etwas was jetzt wenigstens weder Wasser noch Luft oder Dunst mehr ist, aber doch aus Dunst oder Luft entstanden sein muß. Man betrachte den prachtvollen Bau einer Hyazinthe, wie sie dort aus dem Wasser in der Luft hervorgeht, das Wohnzimmer mit Duft erfüllt, der sich bloß dem Geruch offenbart, und der vorher im Wasser, in der Luft, und selbst in der Zwiebel auch diesem verborgen blieb. Man berufe sich hier nicht auf das Samenkorn, denn dieses ist ja auf eben dem Wege geworden, auf dem die Pflanze ward. Wann Erde nötig ist, Früchte (das ist Samen) zur Reife zu bringen, so kann man immer fragen: sollten nicht Pflanzen, die man aus bloßem Wasser und Luft, also aus Dunst, in Menge erzöge, nachher faulen ließe, eben jene Erde geben, die nun mit unwirtbarem Sand der Festigkeit wegen gemischt, den Prozeß vollendete, und dazu dienen könnte, der Tanne ihr Harz, der Olive ihr Öl, und der Traube ihren erquickenden Geist mitzuteilen? Nun noch ein kleiner Schritt weiter. Unzählige Tiere leben allein von Wasser, Luft und Pflanzen, also von Luft und von festen Körpern, die Luft gewesen sind. Was sind also diese Tiere selbst gewesen? Die Antwort ist leicht. So steht also auf einmal der Elefant mit aller seiner Majestät und seinem Elfenbein da aus Dunst zusammen geronnen, wie Franklins Welt. Tiere aber, die keine Pflanzen fressen, fressen Tiere, die endlich Pflanzen fressen, und hier sind wir am Ende. Alles was lebt, ist aus Dunst zusammen geronnen, also gerade der Teil unsers Erdballs, ohne den der übrige nicht wert wäre (und das ist viel gesagt) – in einem Taschenkalender über ihn zu phantasieren. So leicht auch alles das hier Gesagte hingeworfen ist, so muß ich doch denen unter unsern Lesern, die es noch nicht wissen, sagen, daß es einer sehr ernstlichen Darstellung fähig, und weiter nichts ist, als eine leichte Folgerung aus dem schönsten Teil des so beliebten Systems der Gasisten ist, wie Herr Westrumb ebenso nachdrücklich als wahr das so genannte antiphlogistische System nennt. Es ist nämlich gerade der Teil desselben, der sich noch erhalten wird, wenn auch der angefochtene fallen sollte, und eigentlich schon gestanden hat, ehe er mit jenem System verbunden wurde. Die Sache folgt auch in der Tat schon aus bloßen Begriffen (a priori). Da die Natur die Pflanzen und Tiere nicht baut, wie wir Häuser und Paläste, oder zusammenflickt wie wir ein Kleid, sondern sich der Kräfte dabei bedient, die sie in die kleinsten Teilchen der Materie gelegt hat, die sich unserm Auge entziehn; da ferner diese Kräfte oft nur in kleine Distanzen wirksam sind, so ist immer Flüssigkeit nötig, damit sich alles findet was sich finden, und alles zieht was sich ziehen soll: so ist immer Flüssigkeit nötig, wenigstens tropfbare. Da aber auch diese sich bald verlieren oder wenigstens nach den tiefsten Stellen unwiederbringlich ziehen würde: so erfordert die Erleichterung des Transports von diesen, daß sie in elastische übergehen, sich heben, um neue Verbindungen bald zu befördern und bald selbst einzugehen. So führt alles auf Luft und Dunst. Solve et coagula sagten die alten Chemiker und Lukrez schon sehr treffend:

Corporibus caecis igitur natura gerit res.
Durch unsichtbaren Stoff führt die Natur ihr Werk.

Nimmt man alles dieses zusammen, so wird man keine Mühe haben zu glauben, daß, so wie der schönste Teil der Erde aus Dunst gerinnt, und aus geronnenem Dunst anschießt, auch der gröbere aus Dunst geronnen und angeschossen sein könne. Sehen wir nicht alle Jahre den Schnee aus Dunst zusammengehen und Flöze formieren, in denen man an manchen Orten sogar Jahrgänge unterscheiden kann? Ist das etwa leichter zu erklären oder begreiflicher, als daß es einmal Granit oder körnigen Kalkstein oder Oplithen gehagelt oder geschneit haben könne aus Dunst? Oder daß, wie aus Franklins Vorstellungen folgt, die Milchstraße einst wie in einem Wurf gegossen worden sei, wie Patent-Schrot Patent shot. Obgleich das Verfahren bei dieser Hagelgießerei nicht ganz bekannt ist: so weiß man doch so viel, daß das geschmolzene Blei in einem hohen Gebäude durch Luft herabgegossen wird, da es sich dann wie Quecksilber zu Kügelchen bildet, die unten von Wasser aufgefangen werden. Er soll von ungemeiner Schönheit sein.? Daß der Schnee so vergänglich ist, ist kein Einwurf. Er würde bleiben, wenn die Wärme so gebunden würde, wie es jetzt die Flüssigkeiten sind, die jene Körper in Dunstgestalt hielten. Ich sehe fürwahr nicht ein, warum sich alle Gebirgsarten gerade aus dem Wasser sollen niedergeschlagen haben, das vermutlich selbst ein späterer Niederschlag ist, wovon der Prozeß so nahe an den Grenzen zwischen den Begebenheiten jener Zeiten und der unsrigen liegt, daß er sich tagtäglich noch bis auf diese Stunde wiederholt. Wir leben jetzt in der Zeit einer Flözbildung, und Jahrtausende werden vergehen ehe sie vollendet sein wird. Könnten nicht Zeiten gewesen sein, wo Gang-Gebirge so aufstiegen und fielen, wie jetzt Wasser, Schnee und Eis? oder wie Tier- und Pflanzenmasse, die jetzt ebenfalls aufsteigt und fällt, und wenn dieses aufhört, ein Flöz wird. So möchte am Ende Eis den Beschluß machen, oder die Bestandteile der Atmosphäre, die wir nicht kennen. Ich sage den Beschluß; vielleicht nichts als einen Winter, mit dem die Sänger der Jahrszeiten ihre Gesänge ebensogut hätten anfangen können, als sie sie damit gewöhnlich schließen. Der Winter ist sicherlich nur zur Hälfte Ende, das übrige ist schon wieder Anfang. Hätte ich die Jahrszeiten zu besingen, ich würde wenigstens mit Heil. drei König anfangen.

Franklins Luftkugel erklärt eine Menge von Erscheinungen sehr leicht. Denn, da Verbindungen im Innern der Erde, in der noch bestehenden Luft- und Dunstkugel, durch chemische Verwandtschaft, noch nachher Statt finden konnten, als sich schon eine Kruste formiert hatte: so mußte diese aus Mangel an Unterstützung einbrechen und sinken, bis zum Gleichgewicht in den noch übrigen Dunst. Was mußte dieses nicht für Revolutionen auf der Oberfläche verursachen, wo sich schon Fluida gesetzt hatten? Wie leicht erklären sich nicht die Erdbeben aus den Wellen in jenem Fluidum, sobald ein neuer Nachsturz von fester Masse der Rinde sie in Bewegung setzt? Wie leicht werden nicht dadurch die trocknen Nebel erklärt, die bei solchen Vorfällen durch Gegendruck aufsteigen? Und nun gar das Steigen und Fallen des Barometers, das fest an der Wand hängt? Wer hat es noch erklärt? Niemand. Hier sieht man doch einen Schatten von einer Auskunft. Luft aus dem Innern der Erde steigt durch innere Bewegung auf und fällt, und wechselt wie die Luft unter einem hölzernen Rezipienten, in dem man bald verdichtete bald verdünnte, und dieses durch chemische Verbindung. Warum steigen aber und fallen die Barometer nicht unter dem Äquator oder nahe dabei? Dieses ist freilich ein Umstand, der alle Hypothesen jenes Steigen und Fallen zu erklären gleich stark drückt. Nach Franklins Vorstellung könnte man sagen, bei der Formierung der Kruste haben sich durch Schwungkraft die spezifisch schwereren Massen gegen den Äquator gezogen, und diese daselbst dichter gemacht, so daß die Luft im heißen Erdgürtel nicht unmittelbar aus dem Innern unter demselben aufsteigt, oder sich in dasselbe hinunter zieht, sondern nur aus den temperierten Zonen langsam zu oder dahin abfließt, wodurch immer Zeit zu Kompensationen gewonnen wird. Doch dieses sei zur Probe genug. Schade daß Franklin diese Ausdehnung seiner Hypothese nicht mehr lesen kann. Vermutlich erzeigte er mir alsdann die Ehre, wie dem Abbé Soulavie, zu sagen daß er gar vieles gefunden habe, das mit seinen Ideen nicht übereinstimmte, und schenkte der Welt etwas Besseres. Jedoch diese Ehre erzeigen mir statt seiner vielleicht meine Herren Landsleute, und ich danke einstweilen zum voraus. Nur muß ich sie bitten, wenn sie Franklins Stelle hier vertreten wollen, über der Beehrung und Belehrung meiner das Geschenk an die Welt nicht zu vergessen.

Noch muß ich erinnern, daß er auch, wiewohl nur kurz, von einem Zentralfeuer redet, dessen Entstehung innerhalb der Erde man leicht verstehen wird, wenn man das Bisherige verstanden hat. Denn gerade so wie sich Luft am Mittelpunkt anhäuft, so kann sich auch Feuerwesen anhäufen, das sich an alles hängt und über das ebenfalls seine Schwere und Kompressibilität besitzt. Anwendungen wollen wir von dieser Voraussetzung weiter nicht machen, da es uns nur um die Darstellung der Hauptidee zu tun war, dafür aber zum Beschluß ein paar kurze Erinnerungen über jene Hauptidee. Franklin nimmt an, die Luft sei schwer, und ihre Teile stoßen sich untereinander ab. Daß die Luft schwer sei, glaubt wohl jetzt jedermann, der überhaupt an Luft glaubt, einen gewissen Herrn ....n ausgenommen, dem man einen Platz in Bedlam S. Bedlam für Meinungen und Erfindungen, im Taschenkalender für 1792. S.128. verweigern mußte, weil bloß Ausländer aufgenommen werden, der zwar an Luft glaubt, sie aber für die Ursache der Schwere selbst hält. Auch wird niemand leugnen, daß sich ihre Teile untereinander abstoßen, die Ursache der Erscheinung liege auch worin sie wolle. Allein, da wir die erste Ursache jenes wechselseitigen Fliehens der Luftteilchen vor einander nicht kennen, so läßt sich auch nicht, wenigstens nicht schlechtweg, annehmen, daß die Luft gegen sich selbst schwer sei, und ob nicht vielmehr ein Kubikfuß Luft außer aller Verbindung mit Körpern gebracht, die ihn ziehen, den ganzen Himmels-Raum erfüllen könnte. Wäre sie aber auch, welches wohl der Fall sein möchte, gegen sich selbst schwer, so dürfte wohl die Dichtigkeit der Schichten in einer solchen Kugel nicht nach dem Mariottischen Gesetze allein schlechtweg bestimmt werden, gesetzt auch, dieses Gesetz wäre, wo Luft durch äußere Kräfte zusammengedrückt wird, durchaus wahr. Indessen schadet dieser Umstand der Franklinschen Hypothese so wenig, daß er ihr vielmehr, zumal noch verbunden mit dem, was er von einem Zentralfeuer sagt, zur Unterstützung gereicht. Denn wüchsen die Dichtigkeiten der Luft nach dem Mariottischen Gesetze schlechtweg fort bis an den Mittelpunkt der Erde, so würde sich eine solche Dichtigkeit des Innern der Erde nicht mit den Beobachtungen vertragen, die man über die Verrückung des Pendels in der Nachbarschaft von Gebirgen angestellt hat. Künftig wird dieser Artikel fortgesetzt werden, ob wir gleich nicht versprechen wollen, daß es gleich im nächsten Jahrgange geschehen werde. Es soll alsdann auch ferner Rücksicht auf Franklins Hypothese genommen werden, wo die Beobachtungen im Innern der Gebirge sie besonders begünstigen.

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