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Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts

Georg Christoph Lichtenberg: Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleAufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Nachricht von einer Walrat-Fabrik

Der Walrat (Sperma Ceti. Blanc de Baieine) ist bekanntlich eine weiße, fettige, brüchige Masse von talgartigem Geruch, die in dem Kopfe des Pottfisches (Physeter macrocephalus) gefunden wird. Sie liegt zwischen der weichen und harten Haut des Gehirns sowohl als des Rückenmarks dieses Fisches in solcher Menge, daß man mit dem von einem einzigen Tiere gesammelten oft mehrere Tonnen anfüllen kann. Er wird in der Heilkunst verschiedentlich sowohl innerlich in verschiedener Form, als auch äußerlich in Pflastern gebraucht. Vorzüglich aber dient er als Zusatz zum Wachs bei den Lichtern, die dadurch eine sehr schöne Weiße erhalten, nicht so brüchig sind als die Wachslichter, und dabei nicht allein heller, sondern auch ratsamer brennen. Freilich ist sehr begreiflich, daß, solange man diese Materie nur allein aus den Köpfen der Pottfische nehmen kann, sie nie sehr gemein, und dergleichen Lichter nie sehr wohlfeil werden können. Desto angenehmer wird also unsern Lesern die Nachricht sein, die uns von einem Freunde mitgeteilt worden ist, daß man diese Materie in England nunmehr aus dem Fleische der Tiere durch Kunst zu verfertigen wisse, und daß ein gewisser Doktor, dessen Name nicht genau angegeben werden konnte, bereits ein Patent über diese Erfindung genommen habe, und Walratlichter wohlfeiler als Wachslichter liefern werde. Da die Sache ihre Richtigkeit hat, das Verfahren aber wenigstens eine Zeit lang ein Geheimnis bleiben wird, so wollen wir unsern Lesern ein paar Geschichten mitteilen, die vermutlich die Veranlassung zu der Entdeckung gewesen sind, und also auch manchen tätigen Landsmann von uns ebenfalls darauf leiten können. Überdas gibt die erstere einen kleinen Beitrag zur Geschichte unsers Leibes nach dem Tode ab, und hat sonst noch so viel Lehrreiches für den Physiker, daß sie schon allein deswegen eine Stelle hier verdient. Wir entlehnen die Erzählung auszugsweise aus Herrn v. Crells chemischen Annalen, von 1792. 12ten St. S. 522 usw., wo sie sich aus den Annales de Chimie T.V. p. 154 übersetzt befindet. Der Aufsatz selbst ist von Herrn Fourcroy:

Bei der Gelegenheit, daß die Ärzte für die Gesundheit der Gräber auf dem Kirchhofe der unschuldigen Kinder (des innocens) zu Paris wachen sollten, entdeckten sie eine ganze Reihe neuer Tatsachen, die den Beobachter der tierischen Natur in Erstaunen setzen mußten, weil sie seit so vielen verflossenen Jahrhunderten noch nicht wahrgenommen sind. Man glaubte nämlich, daß binnen sechs Jahren alle Leichname gänzlich in Verwesung gingen, und man hatte nicht den mindesten Grund zu vermuten, daß in einer Zeit von vierzig Jahren dieser gänzlichen Zerstörung irgend etwas entgangen sein könnte. Noch weniger ahndete man die Art der Veränderung, welche ein Boden, der seit sehr langer Zeit gleichsam mit tierischen Ausdünstungen gesättigt war, auf frische Leichen hervorbringen könne. Man fand die Leichen in dreierlei Form. Von einigen die bloßen Gerippe, und Knochen, wie dieses gewöhnlich der Fall ist, wenn Körper einzeln in eine feuchte Erde gescharrt werden, die öfters wieder umgegraben wird. Bei der zweiten Gattung der einzeln Begrabenen fand man die weichen Teile zwischen der Haut und den Knochen vertrocknet und hart wie bei Mumien. Die dritte und merkwürdigste, von welcher hier eigentlich die Rede sein wird, hatte eine Art von Verwandlung erlitten. Sie fand sich in den Gräbern von dreißig Fuß Tiefe und zwanzig ins Gevierte, worin man so dicht als möglich neben einander der armen Leute Särge (aus Brettern von ungefähr einen halb Zoll Dicke) setzte und wo in jede solche Gruft 1500 Leichen kamen. Hierauf bedeckte man die letzte Schicht mit etwa einem Fuß Erde und grub in einiger Entfernung gleich wieder eine neue Gruft: eine solche Gruft blieb ungefähr drei Jahre offen ehe sie angefüllt wurde Im Vorbeigehen eine ganz artige Probe von den so oft gerühmten Polizei-Anstalten in dem damals noch behosten Frankreich (Gallia braccata).. Gemeiniglich geschah es nicht unter funfzehn, und nicht über dreißig Jahre, daß an demselben Ort wieder eine neue Gruft gemacht wurde. – In einer dergleichen seit funfzehn Jahr verschlossenen, fanden die Herren Fourcroy und Thouret die Särge noch ganz gut erhalten, nur wo sie über einander stehen (vermutlich wo sie oben und unten einander berührten, nicht an den Seiten) etwas angegangen: das Holz war fast überall noch gesund, nur gelb gefärbt. Nach aufgehobenen Deckeln von mehreren Särgen fanden sie die Leichen auf dem Rücken liegend, und so platt und zusammengedrückt, als wenn sie einen starken Druck ausgestanden hätten. Das leinene Zeug, was sie umgab, war an den Leichen gleichsam anklebend, und ungeachtet der scheinbar erhaltenen Form der Teile fand man darunter nur unförmliche Massen von einer weichen, biegsamen, weißgrauen Materie, welche die Knochen von allen Seiten umgab, sie hatte keine Festigkeit und zerbrach bei einer etwas harten Berührung und hatte selbst die Eindrücke der Leinwand angenommen. Sie gab dem Druck der Finger nach und erweichte sich, wenn man sie etwas rieb. Die Leichen rochen nicht sehr widrig, und die Totengräber kannten diese Materie, die sie ganz treffend Fett nannten, recht wohl, und berührten sie ohne Widerwillen. Sie sagten, bei einzelnen Körpern fänden sie dieses Fett nie, sondern nur in den gemeinschaftlichen Gruben. Nicht bei allen Leichen war der Übergang in dieses fette Wesen gleich weit gediehen, in einigen fand man noch kenntliche Stücke von Muskeln. Bei denen, wo diese Umwandlung vollkommen war, waren die Massen, welche die Knochen bedeckten, durchaus von derselben Art fettiger Materie. Die Bänder und Flechsen waren nicht mehr vorhanden; die Knochen-Gelenke waren ohne Verbindung, und jene ihrer eigenen Schwere überlassen; die geringste Gewalt trennte sie; deshalb pflegten auch die Totengräber die Leichen, welche die Herren nach Hause geschafft haben wollten, über einander mit Leichtigkeit vom Kopf bis zum Fuße zusammen zu rollen. In solchen Leichen findet sich die Höhle des Unterleibes nicht mehr. Seine Decken und Muskeln sind in Fett verwandelt und liegen auf dem Rückgrat. Der Bauch ist ganz platt und mehrenteils ohne Spur von Eingeweiden. Man fand weder Lunge noch Herz, statt dessen einige Klumpen von der weißen Materie, sowie zuweilen auch dergleichen in der Gegend der Milz und der Leber. Die Brüste waren in eine sehr weiße und gleichförmige Fettmasse verwandelt, eben diese Masse umgab auch die Köpfe, die Ohren waren verwandelt, ja selbst das Haupthaar, doch fand sich auch immer welches noch unverändert. Merkwürdig ist, daß beim Gehirn die Verwandlung nie fehlte. Die Masse hatte, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht bei allen einerlei Konsistenz, welches wohl von der Zeit abhängt. Bei den älteren hatte sie, zumal in trocknem Erdreich, das Ansehn von Wachs und war halb durchsichtig. Doch dieses mag für uns genug sein, weiteren Unterricht wird man in dem Aufsatze selbst, am angeführten Ort finden, der überhaupt noch herrliche Beiträge zu einer Geschichte des Leibes nach dem Tode enthält, nämlich derer, die der mütterlichen Erde auf die gewöhnliche Weise wieder zugezählt werden. Denn von solchen, die in kostbaren Gefäßen in Kellern, und denen, die an hänfenen Schnüren an der Luft getrocknet werden, ist die Rede nicht.

Die zweite Geschichte, die wahrscheinlich die nächste Veranlassung zu der Entdeckung war, nehmen wir aus dem neuesten Bande der philosophical Transactions, für das Jahr 1792. P. II. S. 197. Ein gewisser Herr Sneyd übersandte der Londonschen Königl. Sozietät ein Stück von einem Vogel, wahrscheinlich einer Ente oder jungen Gans, die man in einem Fisch-Teich, da wo ein kleiner Bach in denselben fällt, unten auf dem Schlamme liegend gefunden hatte. Sie war ebenfalls in eine fettige Materie verwandelt, die dem Walrat sehr glich, nach der Schmelzung eine noch stärkere Konsistenz bekam und dem Wachse ähnlich wurde. Da Herr S. nie etwas von einer besondern Eigenschaft jenes Wassers gehört hat, so hält er für wahrscheinlich, daß die Veränderung des Körpers unten im Morast vorgegangen sei und der Bach ihn nach der Hand heraus gespült und nach dem Teiche geführt habe. Dieses wären nun diese merkwürdigen Erscheinungen und das Resultat eines chemischen Naturprozesses, Muskeln, Gehirn usw. von Tieren in Fett zu verwandeln, dem es, sollte man denken, nicht gar schwer sein könnte, auf die Spur zu kommen. In einer Note, die dem Aufsatz des Herrn Fourcroy beigefügt ist, wird gesagt, Herr Thouret habe zwei Jahre hindurch mit unermüdetem Eifer seine Aufmerksamkeit auf alle Umstände bei diesem Ausgraben gewandt und werde ein besonderes Werk darüber schreiben. Ob dieses Werk wirklich erschienen sei, ist uns nicht bekannt; genug daß es dem Engländer geglückt ist, durch Kunst diese Operation der Natur nachzumachen.

Einige Betrachtungen über vorstehenden Aufsatz, nebst einem Traum

Welcher Naturforscher hätte ehemals nur mutmaßen können, daß ein Haufen von 1500 vergrabenen menschlichen Körpern sich in dreißig Jahren in Fett verwandeln würde? Gesetzt es wären dieser Körper, wie etwa der Bäume in einem Wald, eine oder mehrere Millionen gewesen, und die Knochen wären mit der Zeit ebenfalls verschwunden, was würde nicht über ein solches Walrat-Flöz geschrieben und gezankt worden sein. Wir sehen also auch aus diesem uns so nahe liegenden Beispiele wieder, daß die unorganische Natur ihre chemischen Prozesse hat, die wir nicht kennen, und wie viele mag es dieser nicht in der Tiefe gegeben haben, wo nicht allein die Ingredienzen in ungeheuren Massen, langsam, und welches wohl ein Hauptumstand ist, entfernt von atmosphärischer Luft in ganz andern Mediis behandelt werden? Unsere Chymie hängt ab von der Schicht der Dunstkugel, worin wir leben, ihrem Druck und ihrer Qualität. Ihre Bestandteile sowohl, als die der Materien, die sie aufnimmt, vorzüglich des Wassers, mischen sich in alles. Wir können, ohne die uns umgebende Luft zu zersetzen, keine große Hitze hervorbringen, dieses gibt unsern Prozessen von der Seite eine sehr große Einförmigkeit und Beschränktheit. Da aber Hitze ganz independent von reiner Luft, ja von aller Luft ist: so läßt sich leicht ermessen, daß da, wo sie einen sehr hohen Grad, ohne diese Zersetzung der Körper durch Luft, erreicht, die Produkte derselben ganz verschieden sein müssen, von denen in unserer Schicht, wo sogleich Brand entsteht. Was die Vulkane auswerfen, braucht in der Tiefe nicht zu brennen, und brennt auch da vermutlich nicht. Man bedenke ferner die Gewalt der Dämpfe, nicht bloß des Wassers, sondern anderer Flüssigkeiten usw. in jenen tiefern Schichten, was für Veränderungen können diese nicht in den Körpern in ihrer Nachbarschaft hervorbringen! Vermutlich war es auch bloß ein Dunst was die Muskeln in Fett verwandelte! Hierbei erinnere man sich an die Steinkohlen-Flöze, an die Steinsalz-Flöze, an die Gänge, und frage sich, ob es nicht Verwegenheit ist, über jene Prozesse, aus der unserer Luft- und Dunstschicht allein angemessenen Chemie zu entscheiden. Und doch ist hier noch bei weitem nicht die Rede von der Hyperchemie in organischen Körpern; ich meine von der Erzeugung des Elfenbeins, des Horns, des Talgs, der Butter und der Seide aus Vegetabilien, und des Harzes, des Laugensalzes, der Weine und Säuren durch Vegetabilien aus Luft und Wasser usw. Dieses liegt freilich jenseit unsrer Laboratorien, aber wer will die Grenze angeben, wo sich unsere Chemie in jene verliert? Zu welcher gehört die Gärung? Die Bestandteile des Turmalins hat man auf ein Haar angegeben, wenigstens glaubt man's; aber hat man Turmaline gemacht? Ich muß gestehen, wenn ich alles dieses zusammen nehme, und noch überdas bedenke, daß nun doch manches in unserer Kruste gewiß uns ebenso organisch aussieht, als einer Bücher-Milbe die Schweinsleder-Papier- und Kleisterflöze, in denen sie wühlt, so überfällt mich immer eine gewisse Schüchternheit bei unsrer sogenannten Theorie der Erde und chemischen Zerlegung der Körper, von der ich mich kaum los zu machen im Stande bin. Alles das ist aber nun seit einiger Zeit sehr viel, durch einen ganz ärgerlichen Traum, verschlimmert worden, den ich hatte, und den ich nun in möglichster Kürze ohne allen morgenländischen Prunk in bloßer Werktags-Prose erzählen will:

Ein Traum

Mir war als schwebte ich, weit über der Erde, einem verklärten Alten gegenüber, dessen Ansehen mich mit etwas viel Höherem als bloßem Respekt erfüllte. So oft ich meine Augen gegen ihn aufschlug, durchdrang mich ein unwiderstehliches Gefühl von Andacht und Vertrauen, und ich war eben im Begriff mich vor ihm nieder zu werfen, als er mich mit einer Stimme von unbeschreiblicher Sanftheit anredete. Du liebst die Untersuchung der Natur, sagte er, hier sollst du etwas sehen, daß dir nützlich sein kann. Indem er dieses sagte, überreichte er mir eine bläulich grüne und hier und da ins Graue spielende Kugel, die er zwischen dem Zeigefinger und Daumen hielt. Sie schien mir etwa einen Zoll im Durchmesser zu haben. Nimm dieses Mineral, fuhr er fort, prüfe es, und sage mir, was du gefunden hast. Du findest da hinter dir alles, was zu solchen Untersuchungen nötig ist, in höchster Vollkommenheit; ich will mich nun entfernen, bin aber zu rechter Zeit wieder bei dir. Als ich mich umsah, erblickte ich einen schönen Saal mit Werkzeugen aller Art, der mir im Traum nicht so fremd schien, als nachher beim Erwachen. Es war mir als wäre ich öfter da gewesen, und ich fand, was ich nötig hatte, so leicht als hätte ich alles selbst vorher hingelegt. Ich besah, befühlte und beroch nunmehr die Kugel, ich schüttelte und behorchte sie, wie einen Adlerstein; ich brachte sie an die Zunge; ich wischte den Staub und eine Art von kaum merklichem Beschlag mit einem reinen Tuche ab, erwärmte sie und rieb sie auf Elektrizität am Rockärmel; ich probierte sie gegen den Stahl, das Glas, und den Magneten, und bestimmte ihr spezif. Gewicht, das ich, wo ich mich recht erinnere, zwischen vier und fünf fand. Alle diese Proben fielen so aus, daß ich wohl sah, daß das Mineral nicht sonderlich viel wert war, auch erinnerte ich mich, daß ich in meiner Kindheit von dergleichen Kugeln, oder doch nicht sehr verschiedenen, drei für einen Kreuzer auf der Frankfurter Messe gekauft hatte. Indes schritt ich doch nun zu der chemischen Prüfung, und bestimmte die Bestandteile in Hundertteilen des Ganzen. Auch hier ergab sich nichts Sonderliches. Ich fand etwas Tonerde, ungefähr ebensoviel Kalkerde, aber ungleich mehr Kieselerde, endlich zeigte sich noch Eisen und etwas Kochsalz und ein unbekannter Stoff, wenigstens einer der zwar manche Eigenschaften der bekannten hatte, dafür aber wieder eigene. Es tat mir leid, daß ich den Namen meines Alten nicht wußte, ich hätte ihn sonst gern dieser Erde beigelegt, um ihm auf meinem Zettelchen ein Kompliment zu machen. Übrigens muß ich sehr genau bei meinen Untersuchungen verfahren sein, denn als ich alles zusammen addierte was ich gefunden hatte, so machte es genau hundert. Soeben hatte ich den letzten Strich in meiner Rechnung gemacht, als der Alte vor mich hintrat. Er nahm das Papier und las es mit einem sanften Lächeln, das kaum zu bemerken war; hierauf wandte er sich mit einem Blick voll himmlischer Güte mit Ernst gemischt gegen mich, und fragte, weißt du wohl, Sterblicher, was das war, was du da geprüft hast? Der ganze Ton und Anstand, womit er dieses sprach, verkündigte nunmehr deutlich den Überirdischen. Nein! Unsterblicher, rief ich, indem ich mich vor ihm niederwarf, ich weiß es nicht. Denn auf mein Zettelchen wollte ich mich nun nicht mehr berufen.

Der Geist. So wisse, es war, nach einem verjüngten Maßstabe, nichts Geringeres als – die ganze Erde. Ich. Die Erde? – Ewiger, großer Gott! und das Weltmeer mit allen seinen Bewohnern, wo sind denn die?

Er. Dort hängen sie in deiner Serviette, die hast du weggewischt.

Ich. Ach! und das Luftmeer und alle die Herrlichkeit des festen Landes!

Er. Das Luftmeer? Das wird dort in der Tasse mit destilliertem Wasser sitzen geblieben sein, und mit deiner Herrlichkeit des festen Landes? Wie kannst du so fragen? Das ist unfühlbarer Staub; da an deinem Rockärmel hängt welcher.

Ich. Aber ich fand ja nicht eine Spur von dem Silber und Gold, das den Erdkreis lenkt!

Er. Schlimm genug. Ich sehe ich muß dir helfen. Wisse: mit deinem Feuerstahl hast du die ganze Schweiz und Savoyen, und den schönsten Teil von Sizilien herunter gehauen, und von Afrika einen ganzen Strich von mehr als 1000 Quadratmeilen vom Mittelländischen Meer bis an den Tafelberg völlig ruiniert und umgewendet. Und dort auf jener Glasscheibe – o! soeben sind sie herunter geflogen – lagen die Kordilleren, und was dir vorhin beim Glasschneiden ins Auge sprang, war der Chimborasso.

Ich verstund und schwieg. Aber neun Zehnteile meines noch übrigen Lebens hätte ich darum gegeben, wenn ich meine chemisch zerstörte Erde wieder gehabt hätte. Allein um eine andere bitten, einer solchen Stirne gegenüber, das konnte ich nicht. Je weiser und gütiger der Geber war, desto schwerer wird es dem Armen von Gefühl ihn zum zweitenmal um eine Gabe anzusprechen, sobald sich der Gedanke in ihm regt, er habe von der ersten vielleicht nicht den besten Gebrauch gemacht. Aber eine neue Bitte dachte ich, vergibt dir wohl dieses verklärte Vater-Gesicht: O! rief ich aus, großes, unsterbliches Wesen, was du auch bist, ich weiß du kannst es, vergrößere mir ein Senfkorn bis zur Dicke der ganzen Erde, und erlaube mir die Berge und Flöze darauf zu untersuchen bis zur Entwickelung des Keims, bloß der Revolutionen wegen. Was würde dir das helfen? war die Antwort. An deinem Planeten hast du ja schon ein Körnchen für dich zur Dicke der Erde vergrößert. Da prüfe. Vor deiner Umwandlung, kömmst du nicht auf die andere Seite des Vorhangs, die du suchst, weder auf diesem noch einem andern Körnchen der Schöpfung. Hier nimm diesen Beutel, prüfe was darin ist, und sage mir was du gefunden hast. Beim Weggehen setzte er fast scherzend hinzu: verstehe mich recht, chemisch prüfe es, mein Sohn; ich bleibe dieses Mal länger aus. – Wie froh war ich, als ich wieder was zu untersuchen hatte, denn nun, dachte ich, will ich mich besser in acht nehmen. Gibt acht, sprach ich zu mir selbst, es wird glänzen, und wenn es glänzt, so ist es gewiß die Sonne, oder sonst ein Fixstern. Als ich den Beutel aufzog, fand ich ganz wider meine Erwartung, ein Buch in einem nicht glänzenden einfachen Bande. Die Sprache und Schrift desselben waren keine der bekannten, und obgleich die Züge mancher Zeilen flüchtig angesehen, ziemlich so ließen, so waren sie es, näher betrachtet, doch ebensowenig als die verwickeltsten. Alles was ich lesen konnte, waren die Worte auf dem Titelblatt: Dieses prüfe mein Sohn, aber chemisch, und sage mir was du gefunden hast. Ich kann nicht leugnen, ich fand mich etwas betroffen, in meinem weitläuftigen Laboratorio. Wie? sprach ich zu mir selbst, ich soll den Inhalt eines Buchs chemisch untersuchen? Der Inhalt eines Buchs ist ja sein Sinn, und chemische Analyse wäre hier Analyse von Lumpen und Druckerschwärze. Als ich einen Augenblick nachdachte, wurde es auf einmal helle in meinem Kopf, und mit dem Licht stieg unüberwindliche Schamröte auf. O! rief ich lauter und lauter, Ich verstehe, ich verstehe! Unsterbliches Wesen, O vergib, vergib mir; ich fasse deinen gütigen Verweis! Dank dem Ewigen daß ich ihn fassen kann! – Ich war unbeschreiblich bewegt, und darüber erwachte ich.

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