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Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts

Georg Christoph Lichtenberg: Aufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts - Kapitel 11
Quellenangabe
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typeessay
authorGeorg Christoph Lichtenberg
booktitleSchriften und Briefe ? Dritter Band
titleAufsätze gelehrten und gemeinnützigen Inhalts
publisherZweitausendeins
editorWolfgang Promics
isbnISBN 3-86150-042-6
correctorjohannschneller
senderwww.gaga.net
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Über Gewitterfurcht und Blitzableitung (Auf Verlangen)

Jetzt, da ich dieses schreibe, (im Anfang des August 1794) zeigen sich bei uns, sowie an mehrern Orten, Spuren der Ruhr. Es sollen, wie man sagt, schon sechs Menschen daran gestorben sein; das wären also schon gerade noch einmal soviel in wenigen Tagen, als der Blitz Menschen in unsrer Stadt in mehr als einem halben Jahrhundert Die ältesten Menschen erinnern sich bloß dieser drei Fälle, die sich alle in den letzten sechsundzwanzig Jahren ereignet haben. Die hiesige Chronik, die sonst sorgfältig von Einschlagen spricht, erwähnt nur eines einzigen Falles, den man nicht einmal hierher rechnen kann, denn der Blitz traf nicht den Verunglückten selbst, sondern er wurde von Steinen getödet, die der durch denselben entzündete Pulvervorrat umher warf. Also hätte statt des halben Jahrhunderts ein weit größerer Zeitraum im Text gesetzt werden können. getödet hat; und wie viele Menschen mag die Ruhr wohl in diesem halben Jahrhundert getödet haben? Und doch ist man dabei sehr ruhig. Ich sehe sogar, daß man nicht einmal für die wohlfeilsten Ruhrableiter sorgt. Man geht noch immer in den dünnsten Westchen einher, obgleich der Wind schon über die Stoppeln weht; ja ich habe bemerkt, daß man noch vor wenigen Tagen hier und da bei offnen Fenstern schlief, die man bei Gewittern sehr sorgfältig verschloß; und doch hat man kein Beispiel, daß der Blitz je zu einem offnen Fenster hineingefahren wäre, da hingegen die Ruhr gar leicht in die Schlafkammern schlägt, wenn sie ein offnes Fenster findet, zumal, wenn sie unversehens, nach einem heißen Tage, mit einem kühlen Regen und einem feuchten Lüftchen ankömmt. – Ist das nicht sonderbar? Wie würden sich wohl die Menschen in diesen Tagen verhalten, wenn die Ruhr, wie ein dickes, schwarzes Gewölke, oder gar wie ein dunkelgrünes, dergleichen Donnerwetter einmal jemand gesehen haben wollte, am Horizont herauf, niedrig und langsam angezogen käme, die Spitzen der Bäume berührte, den Tag in Dämmerung verwandelte, und nun das bestimmte Schlachtopfer jedesmal mit einem Donnerschlag befiele, der die Häuser beben machte? Blitzen sollte es nicht dabei, doch um den Schlag anzukündigen, müßte etwa die Dämmerung einige Sekunden vor demselben noch um einige Tinten-Stufen schwärzer werden. Ich glaube des Singens und Betens würde kein Ende sein. Ja ich fürchte, selbst mancher Weise (sapiens) möchte sich von einem solchen Himmel etwas mehr als bloß decken lassen. Daß dabei die tödlichen Schläge sich noch besonders auszeichnen müßten, versteht sich. Wie da? Und doch schwebt jetzt ein solches Wetter über unsern Häuptern, nur ohne Donnerschläge und schwarzgrüne Wolken, die überhaupt gerade die Nebensache bei dem Handel wären, und wir setzen unsere Geschäfte ruhig fort. Nun bedenke man noch die Fieber-Pocken- und Schlagfluß-Wetter, die immer umherziehen und einschlagen. – – Doch wir überlassen diese Betrachtungen dem Leser, aus Furcht durch weiteres Ausmalen die Gattungen der Donnerwetter für manche Menschen zu vermehren, für die schon eine einzige zu viel ist. Nun zur Anwendung:

Also in Göttingen sind in einem halben Jahrhundert und drüber nur drei Menschen vom Blitze getödet worden, und dieses, welches ein Hauptumstand ist, nicht einmal in drei verschiedenen Schlägen, sondern in zweien Zwei Personen tödete der Strahl am 16. Jul. 1768 auf einmal, und einen Dritten am 24. Jun. dieses Jahrs (1794). Ferner, so weit die Erinnerung alter Menschen und die hiesige Chronik reicht, hat der Blitz hier niemals gezündet, ausgenommen im Jahr 1555, zwischen Weihnachten und Neujahr, unsern damals viel höhern Jakobiturm, und dann einmal in einem Pulverturm. Doch wurde nicht der Turm gezündet, sondern das Pulver; also Wohnhäuser, so weit unsere Erfahrung reichet, eigentlich nie, und dennoch fürchtet man sich, wie ich höre, noch hier und da bei einem Donnerwetter wie bei einer Belagerung. Ich bitte Euch, teuerste Phantasiekranken, wenn es donnert, einmal einen Augenblick nur an das Wort Belagerung zu denken und euch allenfalls an unsere braven Landsleute, zum Beispiel in Menin, zu erinnern, wo es überall donnerte und blitzte, überall einschlug, überall zündete, und überall tödete, und das in einer Viertelstunde mehr, als der Blitz bei uns in 500 Jahren. Und dennoch fürchtet ihr euch, die ihr bei der herrschenden Ruhr gelassen bleibt? Also so viel vermag eine finstere Wolke und ein bißchen Donner über Euch! O! ich fühle, daß es fast kindisch ist, selbst bei dem schweresten Donnerwetter, an die leichteste Belagerung zu erinnern, aber ich weiß auch, daß manche Menschen, die sich vor dem Tode fürchten, es gar wohl vertragen können, daß man sie mit Rettungsmitteln erstickt. Jemand, der sich aus Furcht nicht entschließen konnte sich einen Zahn ausziehen zu lassen, ging mit hohem Mute an das Werk, nachdem man ihn an die Gelassenheit erinnert hatte, womit Sokrates seiner großen Seele den Körper auszog. Wenns nur hilft. Jedermann ist Herr in seiner Geistes-Ökonomie, und wir wollen uns nicht darum bekümmern, warum es gut geht, wenns nur gut geht. Ist doch wohl manche große Heldentat, in der nachher der Geschichtschreiber auf der Stube große Plane witterte, getan worden, auf daß eine Opernsängerin den Namen des Helden in den Zeitungen lesen möge. So wird die Welt regiert, also warum nicht ein Herz, das an der Donnerfurcht (Brontophobie) erkranket. Man schaffe alles herbei, und denke sogar an seine braven Landsleute in Menin. Ich weiß, daß dieser Trost so wirksam gewesen ist, daß, während der Donner rollte, und der Regen wie Hagel an die Fenster schlug, der Patient dabei selbst über seine eigene Furchtsamkeit zu lächeln anfing, des Kontrasts wegen. Er fühlte sich lächerlich und bei diesem Gefühl, sehr wohl. Wirklich ist es auch die einzige Lage in der Welt, worin sich allenfalls ein Mann von Ehre mit Wohlbehagen lächerlich finden läßt, wenn er dem eingebildeten Todes-Streich, den er ängstlich schon über sich schweben sieht, dadurch entgehen kann, daß er sich dem wohlgemeinten Spotte eines gutmütigen Freundes auf ein paar Minuten aussetzt. Besser aber, man spottet über sich selbst. Ich rate also noch einmal, beim Donnerwetter an Belagerung zu denken, das Lächeln über sich selbst wird schwerlich ausbleiben. Soviel gegen unsere armen Phantasiekranken. Nun aber auch ein Wort für sie.

Zum Teil liegt freilich der Grund von jener übermäßigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. Horch! der liebe Gott zürnt, sagt man Kindern, wenn es donnert, aber nicht Siehe! Er zürnt, wenn man ihre kleinen Mitbrüder bei einer Pocken-Epidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe trägt. Diese traurige Vorstellung wird dann ferner noch durch eine andere sehr alltägliche begünstigt, daß der liebe Gott seinen Wohnsitz unmittelbar über den Wolken habe, so wie diese wiederum Unterstützung durch Mythologie erhält, die man immer noch (freilich mit Recht) neben dem Christentum her treibt. Hierzu kömmt dann unwandelbare, menschliche Natur; die unwiderstehliche Macht des Klanges über unser ganzes Wesen. Selbst die gefühllosesten Menschen werden durch den Donner der Pauken bei einem: Herr Gott dich loben wir, an einem Dankfest, dem übrigens ihr Herz beipflichtet, zu Tränen hingerissen; und Händels majestätisches: Gib ihnen Hagelsteine für Brod (Give them hailstones for bread), wirkt mit der Macht des Donners auf die Versammlungen. Auch der Wilde fürchtet den Knall der Kanone schon, ehe er noch die Wirkung ihrer Kugeln kennt. Ich möchte wohl wissen, ob man Beispiele von Taubgebornen hat, die sich vor dem Gewitter gefürchtet haben. Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, so glaube ich, ich würde mich ehemals wenig oder gar nicht vor einem Gewitter gefürchtet haben, das nicht gedonnert hätte. Jetzt kann es dem Guthörenden wenig helfen, wenn er die Ohren zuhält, aber daß es doch, etwas wenigstens, helfen soll, haben mich große Kenner aus eigener Erfahrung versichert. Gegen diese durch schlechte Erziehung erst eingepflanzte und dann durch menschliche Natur von einer Seite begünstigte Furcht, weiß ich in der Welt keinen Rat, als man lehre den Patienten Wahrheit in ihrer reinsten Form, die schadet niemals. Man erkläre ihm was das Gewitter ist, ohne leichtsinnige Herabsetzung noch ängstliche Übertreibung der Gefahr. Man vergleiche die Gefahr dabei mit der von Krankheiten, wie wir oben gesehen haben, und zeige mit aller der Stärke, die man dem Satze, ohne tiefe Einsicht und ganz ohne Rednerkünste so leicht erteilen kann, daß die Gewitter die leichtesten Epidemien sind die einen Landstrich befallen können. Eigentlich gar keine. Der Schlagfluß, vor dem kein Mensch einen Augenblick sicher ist, tödet in jedem Städtchen in einem Jahre mehr Menschen, als der Blitz in einem großen Lande, in zehen. Man sage ihm, daß der Blitz, dessen Donner die Erde beben macht, sich durch ein wenig Draht oder ein bißchen Vergoldung hinleiten läßt, wo man ihn hin haben will. Daß er Menschen tödet, (jedoch nicht einmal alle die er trifft,) habe er mit jedem fallenden Dachziegel, und daß er Häuser anzünde, mit jedem verwahrlosten Lichte gemein. Bei weitem die wenigsten Feuersbrünste rühren vom Blitze her, gerade so wie bei weitem die wenigsten gewaltsamen Todesarten. Man sage ihm dieses. Kann er sich bei dieser Lehre des Lächelns nicht enthalten (welches gottlob! gewöhnlich der Fall ist), desto besser. Ja ich rechnete schon zum voraus auf dieses Lächeln, als ich es niederschrieb: daß bei weitem die wenigsten Feuersbrünste vom Blitze herrührten. Es ist immer gut und selbst angenehm, Furcht und Trost sich auf einer Stelle begegnen und bekomplimentieren zu lassen, wo der Rangstreit längst entschieden ist. Wenigstens für einen Dritten. Wäre es möglich unsere tagtägliche Feuersgefahr durch Donner anzudeuten, es würde nicht aufhören zu donnern, zumal an Orten, wo man des Nachts im Bette studiert. Gottlob, daß die meisten dieser oft nahen Schläge kalt sind. Soviel von Gewitterfurcht für den Menschen, der seiner Vernunft noch mächtig ist. Er wird nach einiger Übung finden, daß zwar der Donnerschlag bei ihm nichts von seiner Erhabenheit und Größe verlieren, aber in ihm eben das seelenstärkende, hohe, andächtige Gefühl, ohne alle Furcht, erwecken wird, womit ihn der Pauken-Donner bei einem: Herr Gott dich loben wir etc. erfüllt. Was ihm sonst schrecklich war, wird ihm nun eine Art von Unterhaltung werden, die er außer dem Trost, den er andern Anwesenden damit reicht, sogar erdlich machen kann. Ein kleiner Wink für Hausväter und Hausmütter, den ich zu verstehen bitte. – Armseligen Nervenkranken kann freilich nicht gepredigt werden, für die ist die Kirche aus; man muß sie dem Arzt übergeben, der sie nach der Apotheke begleitet. Ein Spaziergang, der, die Begleitung des Arztes abgerechnet, an manchen Orten ohnehin schon sehr gewöhnlich sein soll.

Aber nun! Wenn es gar in unsrer Macht stünde, diesen Blitz, vor dem wir uns, der Pauken-Parade wegen, womit er sich zeigt, so sehr fürchten, ganz von unsern Häusern, wo nicht zu entfernen, doch ebenso unschädlich für sie zu machen, und ihn ebenso von uns abhalten zu können, wie wir von uns und unsern Meubeln den Regen durch Dächer abhalten. Aber dieses können wir. Und zwar gerade mit der Zuverlässigkeit, mit der wir uns gegen den Regen unter einem guten Obdach, und gegen den Sonnenstich unter einer dichten Laube verwahren. Daß dieses nicht jedermann glaubt, ist nicht zu verwundern. Wir haben so selten Gelegenheit die Probe zu machen, weil leider! jene Schirme gegen den Blitz noch immer nicht den allgemeinen Eingang finden wollen, der nötig wäre jene Überzeugung endlich zu bewirken. Wäre zum Beispiel eine ganze Stadt mit Blei oder Kupfer gedeckt, so daß auch kein Stall ohne ein solches Dach wäre, und würden diese Dächer alle gehörig durch Metall mit der Erde verbunden: so würde man gar nichts mehr von schädlichen Wirkungen des Blitzes an diesem Orte hören, ja man würde am Ende gar nicht mehr wissen, ob und wo der Blitz herabgefahren sei, wenn er herabgefahren wäre. Nach einer Generation würde sich alles Schreckliche hierbei völlig verlieren; man würde dem Donnerwetter, das man jetzt wie eine Belagerung fürchtet, zuhören, wie der Kanonade bei einer Musterung, und dem Wetterstrahl zusehen wie einem Lustfeuer. Hörte man von andern Orten her, daß unarmierte Häuser vom Blitz gezündet oder Menschen in denselben getödet worden wären, so würde man dieses ebensowenig seltsam finden, als daß es jemanden auf seinen Speicher regnet, wenn das Dach nicht verwahrt ist, oder daß jemand bei einem Gewitter naß wird, der sich nicht unterstellt. So muß es kommen, wenn alle Gewitterfurcht sich von der Erde verlieren soll. Man muß nur deutlich und anschaulich einsehen lernen, daß man sich vor dem Blitze sichern kann, wenn man will. Wer es nicht tun will, gut, habeat sibi, wenn er getroffen wird oder ihm sein Haus abbrennt. Ich habe oben das Donnerwetter mit der Ruhr verglichen, vielleicht schadet es nicht, es hier noch zu guter Letzt einmal mit der Winterkälte zu vergleichen, also Wetter mit Witterung. Eine strenge Kälte ist etwas sehr viel Fürchterlicheres und Gefährlicheres als alle Donnerwetter von sechs Sommern zusammen genommen, ob es gleich gemeiniglich sehr stille dabei hergeht. Warum fürchtet man sich nicht davor? Deswegen weil wir sichere Ableiter für dieselbe haben, Brennmaterialien und Kleidung. Wenn wir auch hören, daß Menschen, denen ihre Geschäfte oder ihre Armut nicht verstatteten die Ableitung gehörig anzubringen, um ihre gesunden Glieder oder gar um ihr Leben durch die Kälte gekommen sind; so beklagen wir diese Unglücklichen mit Recht, aber die Kälte selbst wird uns durch solche Beispiele nicht schrecklicher, weil wir wissen, woran die Schuld lag. Ebenso und nicht um ein Haar anders verhält es sich mit dem Blitze. So weit hat man es in der Naturkunde gebracht. Die Häuser werden von ihm gezündet und Menschen von ihm getödet, weil sie nicht für Ableitung desselben gesorgt haben. Der Mensch, der sich bei einem Donnerwetter unter einen hohen Baum stellt, handelt ebenso unvorsichtig, als der, der sich bei einer strengen Kälte im Freien dem Schlafe überläßt. Wir wissen jetzt mit dem Grade von Zuverlässigkeit, daß man sich vor dem Blitze verwahren kann, mit dem wir es von der Kälte wissen. Daß man an die Verwahrung gegen den ersten nicht so gerne geht, weil sie eines Teils kostbar und andern Teils das Einschlagen sehr selten ist, ändert hier für unsere Betrachtung schlechterdings nichts. Genug, daß der Satz außer allem Zweifel ist: Die Menschen werden vom Blitze getroffen und ihre Häuser angezündet, weil sie es nicht anders haben wollten. Was die Ursache hiervon ist: Knauserei, Leichtsinn, Unwissenheit oder sonst etwas, darum haben wir uns hier nicht zu bekümmern.

Aber bleierne und kupferne Dächer sind kostbar. Freilich. Aber sie sind auch glücklicher Weise zu unsrer gegenwärtigen Absicht nicht nötig. Es ist schon vollkommen hinreichend, wenn nur die Schornsteine, die Firsten und alle hervorstehende Ecken der Gebäude mit zusammenhängenden Streifen von Blei oder Kupfer belegt, und alle diese Belegungen mit ähnlichen Streifen, die man an der Wand des Hauses herunter an die Erde führt, in Verbindung gebracht werden. Die hohen und spitzen Stangen können ganz wegbleiben. Unsere Absicht ist nicht, hier diese Einrichtung zu lehren. Ohne Zeichnung würde vieles gar nicht verstanden werden, und selbst der nötige Unterricht würde ein eignes Taschenbuch für die Liebhaber erfordern. Wir geben also bloß irgend einem künftigen Verleger hiermit den Wink zu einem solchen Taschenbuche, ohne uns, weder um den Titel desselben, noch den davon zu erwartenden Vorteil, und am allerwenigsten um die Taschen der Deutschen zu bekümmern, die, nach dem zu urteilen, was sie bisher hineingesteckt haben, ohnehin unmöglich viel kleiner als Maltersäcke sein können. Wir verweisen aber dafür mit Ernst auf ein Werk, das niemanden unbekannt bleiben sollte, den der wichtige Gegenstand, von dem hier die Rede ist, nur im mindesten interessiert, nämlich auf Herrn Reimarus neuere Betrachtungen vom Blitze; die in diesem Jahre (1794) zu Hamburg erschienen sind. Das Werk ist von der einen Seite ebenso lehrreich für den größten Kenner, als es von der andern herablassend für die gemeinste Fähigkeit ist. Amtleute und Prediger, oder sonst irgend ein Stand in der Welt, zu dem sich der Leidende flüchtet, und von dem er mit Recht Hülfe und Belehrung erwartet, sollten dieses Buch kennen, um raten zu können. Will man nicht folgen. Auch gut. Nur spreche man alsdann vom Erschlagnen oder von dem vom Blitze Abgebrannten nie anders als von dem Erfrornen. Es ist völlig einerlei. Der Unterschied, wenn einer da ist, liegt bloß in unserm Leichtsinn, in unsrer Nachlässigkeit, und leider! freilich etwas in unsrer Dürftigkeit, und was können die in der Welt nicht verderben? Vielleicht wäre es gut, um wenigstens dem Furchtsamen, dem es bloß auf persönliche Sicherheit ankömmt, einige Hülfe zu verschaffen, wenn man an jedem Ort ein Gebäude, oder ein paar recht gut gegen den Blitz sicherte, wo man bei einem schweren Donnerwetter hineingehen, oder sich auch incognito hineintragen lassen könnte. Es könnte dazu die Kirche oder auch das Hauptwirtshaus, die Schule, die Badstube usw. ausersehen werden. – Am meisten ist es zu verwundern, daß die Großen und Reichen, die sich vor dem Gewitter fürchten, nicht mehr auf ihre Sicherheit und Ruhe dabei denken. Wollten sie auch nicht ihre ganzen Schlösser und Paläste sichern lassen, wie leicht könnte nicht ein niedlicher kleiner Pavillon im Garten dazu eingerichtet werden? Man kann kaum, wenn man nur etwas von einem Baumeister oder Dichter ist, dem Trieb widerstehen, allegorische Verzierungen und Sinnsprüche für einen solchen Schlupfwinkel zu erfinden, in den sich die Götter der Erde verkriechen, wenn der Gott des Himmels zu donnern anfängt.

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