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Hugo von Hofmannsthal: Aufsätze - Kapitel 4
Quellenangabe
typeessay
authorHugo von Hofmannsthal
booktitleReitergeschichte - Erzählungen und Aufsätze
titleAufsätze
publisherFischer Bücherei
year1953
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid52005fbb
created20061202
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Sizilien und wir

Indem wir als Deutsche dieses Inselland betreten, scheint sich uns unablehnbar Goethes Genius zum Begleiter anzubieten. Wir kreuzen mit jedem Gang die Spuren seines Weges; alle diese Namen waren uns schon vorher durch ihn vertraut; wir hatten diese Buchten und Berge durch ihn gesehen, bevor wir sie gesehen hatten. Es ist unvermeidlich, daß wir uns seiner immer wieder erinnern. An dieser Insel gehen die Jahrhunderte fast spurlos vorüber, und sein Sinn, der auf das Gesetzmäßige und Bleibende gerichtet war, hat uns die Gestaltung der Landschaft überliefert mit der Genauigkeit eines Erdkundigen und ihre Färbungen und Belichtungen mit dem Auge eines Malers. Sein Bericht umfaßt die Bauwerke wie die Bräuche, er zeichnet auf, was sich auf die Volkssitten bezieht, wie das, was auf den Anbau der Feldfrüchte Bezug hat; auf die Verehrung der Heiligen, auf die Straßenpolizei, auf die Bereitung der Nahrungsmittel, die Wartung der Haustiere, die Bewässerung der Gärten; und alles mit dem gleichen, festen, nüchternen und zugleich einschmeichelnden Zug des Griffels. Hier scheint er abwechselnd ein bildender Künstler, ein Botaniker, ein reisender Kaufmann, ein Sittenforscher; oder vielmehr, er ist dies alles zu gleicher Zeit. Hier treibt er seine Kunst – die Lebenskunst – aufs Höchste und versteht sie zugleich nach außen und nach innen zu wenden. Kein schattenhafter Geleiter ist hier mehr bei ihm; kein Palladio, kein Michelangelo, durch dessen Augen er sehen würde. Hier ist er ganz allein und hat sich ganz den Dingen übergeben; sie werden seine Sprache – er redet nur mehr aus ihnen. Aber nie ist er eben darum mehr er selbst und mächtiger seiner selbst. Der sizilische Aufenthalt war die Krönung seiner Reise, und diese Reise war das große Erlebnis seines Lebens. Die Harmonie seiner einander ergänzenden Sinne stand niemals höher, das Miteinander seltener und widersprechender Gaben: die innere Freiheit und die Selbstbezähmung; der Enthusiasmus und die Kraft, ihn niederzuhalten; die bis zur Härte gehende Festigkeit, und die alles annehmende Weichheit; die Begehrlichkeit vor der Natur und die Keuschheit vor der Natur. Nie, als während sein Fuß diesen glücklichen und lichtvollen Boden tritt, ist sein Geist so majestätisch im Gleichgewicht zwischen dem Relativen und dem Absoluten. Uneingeschränkt gewährt er sich die Lust der Hingabe an das Einzelne, in der unser Geist sich erneuert, und die höhere der ordnenden Zusammenfassung. Er tränkt sich ohne Unterlaß mit dem Schauspiel des Lebens, und jedes Einzelne, das ihm vor Augen tritt, scheint von der gleichen Wichtigkeit; aber kraft des Gedächtnisses, die Formen nebeneinander zu tragen, erhebt er sich in jedem Punkt der Darstellung mühelos und ohne heftige Flügelschläge und schwebt auf ins Gesetzmäßige, Allgemeine. Nirgendwo war er großartiger klassisch und weiter von jeder Romantik; weiter von jedem Dualismus: dem von Materie und Geist, dem von Vergangenheit und Gegenwart; sie alle sind durch eine vollkommen große und ungequälte innere Haltung überwunden. Er lebt mit der Erde, auf der er steht; auf jede Macht für sich verzichtend, hat er alle Macht aus ihr in sich gezogen. Er lehnt alles ab, was die Erde je mit Gewalt bedroht und beleidigt hat: die Erdbeben, die Kriege, das gewaltsame unruhige Tun der Menschen. Er lehnt die Geschichte ab, als welche dies alles heranbringt. Majestätisch stehend, erblickt er alles im Stehen. Nie vielleicht seit Platon wandelte ein Sterblicher so ruhevoll im hesperischen Garten der Ideen.

Das Sizilien, das er uns hinhält, ist im ersten Augenblick leuchtender, stärker – soll ich sagen: wirklicher? – als das wirkliche, das uns umgibt. Wir schwanken beinahe zwischen dem Reiz, mit dem die volkswimmelnden Straßen, diese schweigenden und duftenden Gärten, diese großen Ausblicke uns anziehen, und dem unsäglichen Zauber, den er auf seine Blätter gebannt hat. Beides ist Wirklichkeit, aber auf seinem Bilde ist alles zugleich: die ganze Landschaft, das ganze Tun der Menschen, das Wachstum der Pflanzen, ja das Werden der Gesteine. Wir sehen ein Bild ohnegleichen – und wir sehen es vor unseren Augen entstehen. Er, der es malt, steht immerfort neben uns und gewährt uns die Beglückung seiner Gegenwart zugleich mit dem Anblicke seiner Kunst. Seine metaphorische Unerschöpflichkeit spielt vor uns mit den Objekten; keines ist ihm zu wirklich, daß er sich nicht mit ihm vereinigte; für einen Augenblick wandelt er sich in ein jedes, winkt uns aus dem Innern des Gegenstandes zu, taucht wieder auf. Mit einem Male ist nur mehr das Bild da. Er ist vor unseren Augen in sein Bild hineingegangen und uns entschwunden; wir sind allein mit einer gemalten Tafel. Ein Schauder überläuft uns, und wir verhängen das Bild mit einem Vorhang, um uns der Wirklichkeit zuzuwenden, die unvertrauter, weniger spiegelhaft gerundet, gefährlicher – aber unser ist. Das Geheimnis, daß wir Kinder unserer Zeit sind, rührt uns an, und die Unterscheidung zwischen den Jahrhunderten.

Wir sind anders hergekommen als er. Er kam, geschaukelt wie Odysseus, von widrigen Winden zurückgehalten, mühsam und gefährlich. Wir kommen über Nacht. Wir reisen schnell, fast so schnell wie der Blick über die Landschaft hinfliegt; ja die Schnelligkeit, mit der wir uns bewegen, ermutigt noch die Kühnheit unseres Auges; wo der Blick nichts gewahrt als einen bläulichen Duft, dort werden wir morgen umhergehen und einem neuen Horizont die Herrschaft unserer Gegenwart aufzwingen. So sehen wir schon vorübergehend, was wir morgen sehen werden. Wir beherrschen den Raum und zugleich die Zeit – wo er sich an die Erde schmiegte. Seinem reinen Menschensinn war dies Inselland groß, weit, mächtig, unabsehbar. So ist es zu Stunden; zu Stunden ist es uns ein Dreieck im blauen Meer, über dem wir geisterhaft schweben, und jede seiner Seiten ist einer anderen Welt zugewandt, die sich ungeheuer in den Raum wie in die Zeit hineinerstreckt: wir aber sind des Anblickes dieser drei Welten mächtig. Ihn umgab hier der Länderkranz der antiken Welt: orbis terrarum, herrlich geordnet, rein umzogen, Herkulessäulen abschließend im Westen, das Judenland, Persien, Arabien herwinkend vom Osten. In diesem Kreis stand ihm der Sturz des Daseins still, wie das Himmelsgewölbe leuchtend aufruht auf den alterslosen Gewässern. Uns rufen hier deutlich unterscheidbar drei Welten an, und dem Anruf keiner können wir uns verschließen. An den ionischen Strand der Ostküste legt sich die griechische Welle; über Syrakus und Girgenti (noch nicht über Messina und Palermo) steht das griechische Licht; nicht in den Tempeltrümmern allein, nicht in den ewigen Namen der Landschaften und Städte – auch dort, wo nichts mehr da ist und fast weniger als nichts, kahles Gestein, der Ort des Gewesenen, erst recht rührt mit leiblicher Gewalt dies uns an die tiefste Seele. (»Was ist es, das an die alten seligen Küsten mich fesselt, daß ich mehr noch sie liebe als mein Vaterland?« Mehr noch! Und dies kam aus dem Munde eines, der sein Vaterland mit Kräften des Genius liebte.)

Vom Süden her greift das Afrikanische herein und tief in uns herein auch dies. Eine Gehstunde von Palermo am Abhänge des Berges, auf dem Hamilkar sein letztes Lager hatte, ist eine Garteneinsamkeit; sie könnte einen verlassenen Sultanspalast in Tunis oder weit drüben in Meknesch umgeben. Zweimal warf sich diese afrikanische Welt herüber: als phönikisch-punische, als sarazenische; dazwischen liegt das römische Jahrtausend. Aber dort, wo Spuren geblieben sind, in den Pflanzen, in den Gesichtern, in der Sprache, vereinigen sie sich und verstärken einander, und so ist auch dies leibliche Gegenwart und macht als ein Lebendiges seinen Anspruch auf uns geltend, und die Namen überfallen uns leibhaft; Hannibal, Hamilkar mischt sich mit Heinrich, Friedrich, Manfred. Ungeheure Zusammenkunft! Gegen Westen aber sehen wir nun über das tyrrhenische Becken hinaus, über die Säulen des Herkules wittern wir ins Hesperisch-Unabsehbare, uralt vergangene zukunftträchtige Atlantische. Diese Insel ist für uns dramatischer als irgendein Punkt der Welt. Der Geist spannt sich von Pythagoras zu Kolumbus ohne Anstrengung; ihn regiert das Gefühl einer großartigen Gegenwart. Hier landet Platon. Hier schlägt der Karthager. Hier baut der Byzantiner. Hier schläft unter arabischen Kuppeln der Staufer in einem porphyrenen Sarg. Hier reitet Goethe einen Pfad meerentlang. Hier haucht Platen seine Seele aus.

Abgründe freilich sind dazwischen; aber in uns ist Abgrund genug, daß wir wissen, wie wir das Getrennte zusammenbringen. Es ist aber dies unsäglich freudige Licht vor allem, das uns den Mut gibt zu einer ungeheuren Fassung, in die wie in ein Becken die Zeiten und die Räume einschäumen. Dem Auge vertrauen wir uns an, das der geistigste unserer Sinne ist. Hier sind Horizonte leiblich erblickt, verschwimmend und doch völlig klar: ihr Rand scheint nicht im Raum, eher in der Zeit sich zu verlieren; sie sind wie Gedanken, nicht verfolgbar bis ans Ende, aber rein und wahr.

Goethes Zeitgenossen und Gefährten: die Hackert, die Kniep, die Tischbein zeichneten treu vor dieser großen Natur und diesen Denkmälern und legten das Gezeichnete in Wasserfarben an. Da liegt ein Bergstädtchen hoch auf dem Hügel, der mit Ölbäumen bepflanzt und mit Ruinen geschmückt ist. Da erhebt sich im einsamen Bergtal der Tempel von Segesta. Da ist an der Bucht ein normannischer Wachtturm erkennbar oder ein sarazenischer Brunnen. Was wir in uns tragen, sind größere Bilder, wunderbare prometheische Horizonte. Und das Zarteste und Größte noch, das wir durchs Auge erfuhren, ist kaum festzuhalten: das Sichlösen des Festen im weichsten Duft, die Verschiedenheiten des Meeres. Die Kamera des Photographen, mit ausgebildetem Talent gehandhabt, hie und da auf die schönsten Gegenstände, noch lieber auf große zusammenhängende Anblicke im Claude Lorrainschen Stil eingestellt, kann hier das bescheidene Aquarell des achtzehnten und den Stahlstich des neunzehnten Jahrhunderts weit hinter sich lassen, ja, sie kann Bilder gewinnen, an denen unsere Erinnerung sich wunderbar entzündet – und nicht nur die sinnliche Erinnerung: denn in einem Augenblick haben diese Horizonte unserem inneren Sinn für immer Licht und Weite gegeben, und nie läßt sich sagen, in welcher drangvollen verdunkelten Stunde uns dies noch zugute kommen wird!

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