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Aufsätze

Georg Herwegh: Aufsätze - Kapitel 9
Quellenangabe
titleAufsätze
authorGeorg Herwegh
typeessay
sendererich.adler@abc.de
created20020604
modified20170830
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Der Mangel politischer Bildung bei den deutschen Literaten

Man kann einen Dichter entschuldigen, wenn er sich auch nicht gerade tatsächlich mit den Fragen beschäftigt, weiche die Herzen der Besten seiner Zeit bewegen, wenn er sich zurückzieht in die stille Klause seines Gemachs, unbedrängt vom lärmenden Geräusch des Tages, und dort, in sich versunken, über der Erschaffung neuer poetischer Gestalten brütet. Aber nimmermehr zu entschuldigen ist er, wenn er seinen Sinn für jene Fragen förmlich verschließt, verdammungswürdig, wenn er in eine unfreie Opposition gegen dieselben sich stellt.

Die Blätter der »Deutschen Volkshalle« haben schon öfters Zeugnis abgelegt, daß sie die hohe Bedeutung und den unvergleichbaren Wert des poetischen Wortes für die Nation gar wohl zu schätzen wissen; sie haben anerkannt, daß die Wirkung dichterischer Komposition weit ausgreifender, weit universaler ist als das bloße Räsonnement des Politikers oder Kritikers oder auch Philosophen, die alle am Ende mehr auf den Kopf als auf Herz und Gemüt berechnet sind. Unsere letzte Hoffnung haben wir noch auf die Musen gesetzt, und zwar nicht so, daß sie uns bloß beruhigen sollten über eine unerträgliche Gegenwart – denn für den Verlust der Freiheit gibt es wenig Trost –, sondern daß sie uns anfeuern und begeistern sollten zur Eroberung eines längst verlornen Kleinods. Wenn wir hiemit der Poesie eine der ersten Rollen in der Weltgeschichte zugeteilt haben, so haben wir zugleich auch das Ansinnen und die Forderung an sie gestellt, daß sie sich nicht zur Kupplerin erniedrigen und nicht mit neuen Lappen alte Märchen flicken solle, die ihren Sinn verloren.

Man möge uns aber nicht mißverstehen. Mit solchem Ansinnen haben wir keineswegs die Meinung ausgesprochen, als sollte der Dichter nur die Heroen der Weltgeschichte, die Streiter im Dienste der Wahrheit, die Kämpfer für Recht, die Schildhalter der Freiheit zu seinem Vorwurfe erwählen, nur solche der poetischen Behandlung für würdig erachten, Shakespeare hat uns Schufte jeder Gattung vorgeführt, vorgeführt, wie es allein der Dichter durfte, ganz objektiv, wie sie waren, wie sie sind, wie sie leibten und lebten, in all ihrem trüben Glanze, ihrem trostlosen Prunke, ihrem blühenden Elend. Sie wurden oft mit grausamer Vorliebe von ihm behandelt, sie schienen vier Akte hindurch fast im Besitze des Rechts zu sein, bis im fünften Akte das Gericht über sie erging und der Dichter sie mit ihrem Gold und ihrem Purpur und allen ihren schönen Redensarten dem Teufel überantwortete.

Hier liegt es eben. Der Dichter darf alle möglichen Figuren der Geschichte, der Vergangenheit und der Gegenwart, in poetischen Produktionen uns vor Augen führen; er darf einen Dionys und einen Möros, jeden in seiner individuellsten, konkretesten Wahrheit darstellen; aber er darf den Schurken nicht recht behalten lassen, das Gift nicht mit Honig überkleistern.

Die einfachste Definition von Verbrechen ist: Eingriff in die Rechte eines Individuums oder einer Gesamtheit von Individuen; Schmälerung der persönlichen Freiheit, Beeinträchtigung derselben in irgendeiner Beziehung.

Der Dichter ist Richter im höchsten, umfassendsten Sinne des Wortes und wird daher nie gutheißen können, was der Freiheit von der res privata an bis zur res publica hinauf im geringsten Eintrag tut.

Wird die Freiheit des einzelnen von irgendeiner weltlichen Macht angegriffen, so hat er mit seinen Blumen stets das Opfer, niemals den Schlächter zu bekränzen. Nur zum Richter der Weltgeschichte selbst, zum Richter des Schicksals darf er sich nicht aufwerfen. Hier muß er mit wahrhaft frommem Sinne anerkennen, daß die augenblickliche scheinbare Aufopferung der persönlichen Freiheit der Freiheit im ganzen und großen zuliebe stattfindet.

Die Erhebung beklagenswerter Erscheinungen, solange sie im Rechte und in der Macht sitzen, in die Atmosphäre der Poesie, ist und wird ewig eine Lüge bleiben. Wie kalt, wie trostlos kalt läßt einen nicht Lamartines »Chant du Sacre«, welcher die Feierlichkeiten bei der Krönung Karls X. zum Gegenstande hat! Man muß ein Herz haben wie ein Bourbon, um von dieser toten Pracht im mindesten sich rühren zu lassen.

Solche Persönlichkeiten werden der poetischen Behandlung erst fähig, wenn sie ihrem Untergange entgegeneilen, und dann sind wieder eigentlich nicht sie es, welche auf Poesie Anspruch machen können, sondern der Sieg der Freiheit, der in ihrem Sturze sich offenbart, die Nemesis der Weltgeschichte, die alles aus dem Wege räumt, was die ungehemmteste Bewegung des Geistes irgend beeinträchtigen könnte.

Aber – hält man entgegen – hat nicht Shakespeare bei jeder Gelegenheit seine Königin Elisabeth verherrlicht, hat nicht Tasso sein »befreites Jerusalem« unter den Auspizien des Herzogs von Ferrara vollendet, hat nicht Goethe als Minister an einem fürstlichen Hofe gelebt, hat es selbst Schiller verschmäht, Unterstützungen von hoher Hand anzunehmen? Willst du darum so ungerecht sein und alles über den Haufen werfen, was sie anerkannt Herrliches dem deutschen Volke und der fernsten Nachwelt hinterlassen? Du wagst es, den Genius anzuklagen, weil seine Füße die Schwelle eines Palastes betreten haben? So würden wir am Ende unserer schönsten Werke beraubt!

Nicht so. Man kann einstimmen in die lauteste Bewunderung, welche solchen Geistern von allen Völkern gezollt wird; man kann tief überzeugt sein, daß der Dichter seinen Beruf, seine Mission erst wahrhaft begriffen hat, wenn er zum Volke sich gesellt, und wird darum doch nicht in Abrede stellen, daß der echte Dichter, selbst im Purpur und in der Tiara, wider Willen predigen muß das Evangelium der Freiheit. Goethe mußte seinen »Faust«, seinen »Werther«, seinen »Egmont«, Schiller seinen »Don Carlos« schreiben; denn der Genius in ihnen war mächtiger als sie selbst.

Aber ihr Leben war ein Widerspruch. Schiller kann noch eher entschuldigt werden als Goethe; er war arm von Mutterleibe an und wollte nur eine sorgenfreie Existenz, um ungestört seinem poetischen Drange sich hingeben zu können; er hat seinen Glauben nirgends verleugnet und ist stets die Schlange im Schoße der hohen Herren geblieben. Doch muß ich, was den Charakter betrifft, auch hier Béranger weit vorziehen, der, arm geboren, arm sterben will und selbst jede Gabe aus den Händen seiner Freunde zurückweist. Loben muß ich in solcher Beziehung einen der größten Maler Frankreichs, den Maler David, der sein ganzes Leben hindurch alle Anerbietungen fremder Fürsten ausgeschlagen, der außer Napoleon nichts gemalt hat als Republikaner und ewig Republikaner; der nach der Schlacht von Waterloo dem stolzen Wellington, der sich von ihm porträtieren lassen wollte, weit stolzer zur Antwort gab: »Ich male keinen Engländer!«

Welchen unberechenbar größeren moralischen Eindruck würden unsere großen Dichter und Denker machen, wenn sie fern von den Palästen in den niederen Sphären des Volkes geblieben wären, wenn sie ihr Leben mehr in Einklang gebracht hätten mit ihren Worten! Sie haben der Freiheit viel geschadet; sie haben so hübsche Verse auf dieselbe gemacht und durch ihre soziale Stellung ihr so schnurstracks entgegen gehandelt! Sie sind schuld daran, wenn von vielen Seiten her die empörende Behauptung laut wurde, wohl sei die Freiheit etwas höchst Poetisches, aber auch etwas höchst Unpraktisches. Sie hätten der bloß einseitigen Freiheit des Dichters, der bloßen ästhetischen Bequemlichkeit nie die Würde des Menschen, die Freiheit des Mannes zum Opfer bringen sollen. Wir wären vielleicht ärmer um einige Produktionen; aber die, welche wir besäßen, würden dann eindringlicher reden zum Herzen der Nation, weil sie aus dem Herzen und Kopfe der Männer kämen, die ihr nahe gestanden.

Verhehlen wir es uns nicht; es liegt auch einigermaßen an uns, daß die größten Genien unseren Kreisen entfremdet wurden. Wir sind oft so lange gleichgültig gegen dieselben und stoßen sie beinahe zurück, bis sie die Aufmerksamkeit erlauchterer Zirkel erregen und man von oben her sich derselben bemächtigt. So haben wir schon manchen verloren, der bei ein wenig Teilnahme der Unsrige geworden und für uns, statt gegen uns in die Schranken getreten wäre. Die Nation sollte die Lenkung ihrer jugendlichen Geister übernehmen und sie für ihren Dienst brauchbar machen.

Das Bestreben der »Deutschen Volkshalle« ist insoferne ein doppeltes: einmal die Dichter für das Volk und dann das Volk für seine Dichter zu gewinnen. Sie hat es mehr mit den werdenden als mit den fertigen Geistern zu tun; sie wird stets so billig sein, bei allen ästhetischen Gebrechen der jungen Literatur das wahre, das demokratische Element derselben nicht zu verkennen, immerhin aber darauf hinarbeiten, daß die Wahrheit auch im Gewande der Schönheit sich zeige. Kämpfen, unerbittlich kämpfen wird sie, wo die Poesie oder Philosophie in den Dienst veralteter oder verkehrter Richtungen genommen wird.

Ich kann hier wohl am leichtesten an einige Erscheinungen der neuesten Zeit anknüpfen.

Die Schriftsteller vor der Julirevolution sind immer noch eher zu entschuldigen als die Schriftsteller nach dem Jahre 1830, welche zwei Revolutionen hinter sich haben, aber dessenungeachtet den Geist des Jahrhunderts böslich verdrehen.

Teils veraltete, teils unfreie Richtungen machen sich seit einiger Zeit im »Freihafen« geltend. Das eben ausgegebene vierte Heft des Jahrgangs 1839 enthält interessante Briefe des verstorbenen Wilhelm Waiblinger an seinen Vater und von Heinrich König, dem freisinnigen Abgeordneten, lehrreiche Aufschlüsse über die neueste russische Literatur. Rudolf Kausler bringt einen zweiten Artikel über Ludwig Tieck und die deutsche Romantik, der sehr wissenschaftlich gehalten ist, jedoch mehr von einer guten, geschickten Verarbeitung fremder, als von einer Fülle eigener Gedanken zeugt.

Unbegreiflich ist es, daß eine so verfehlte Produktion wie »Julius der Dritte, vorgeschichtliche Novelle von M. Eternicht« Aufnahme gefunden. Hier entschädigt einen weder die Kunst für eine falsche Politik noch eine auf der Höhe der Zeit stehende politische Ansicht für die ästhetische Unzulänglichkeit. Der Verfasser gibt sich durchweg die wichtigste Miene von der Welt, und wißt ihr, was als Ziel der deutschen Geschichte zuletzt geweissagt wird? Anschließung Preußens an Östreich, ein deutscher Kaiser aus preußischer Linie und Wiedereroberung des Elsasses und Straßburgs! Und das alles soll vollendet sein im Jahre des Herrn 1850. O quel bruit pour une omelette!

Der zweite Aufsatz, gegen den wir Einsprache tun müssen, führt den Titel: »Hegel und die christliche Freiheit«. Von F. A. Maerker. – Christliche Freiheit! Es ist wahr, das Christentum predigt die Freiheit; der Begriff Freiheit aber war vorhanden, ehe es ein Christentum gab. Freiheit ist Freiheit: nicht tückisch, nicht heidnisch, nicht christlich. Die Freiheit hat nur einen Glauben, den Glauben an sich selbst.

Wie hoch ich Lamennais schätze, davon habe ich in diesen Blättern schon mehrere Male den Beweis gegeben. Und doch kann ich mich mit seiner Art und Weise, die demokratischen Prinzipien aus dem Evangelium abzuleiten, mit seinem evangelischen Radikalismus, nicht ganz verständigen. Er hat dadurch seinen und unsern Gegnern das Recht eingeräumt, auch ihrerseits die Bibel als Beleg zu zitieren. Lamennais hat eine Dogmatik geschrieben, besser, als je ein Theolog sie schreiben wird – wer bürgt uns aber dafür, daß nicht auch die Aristokratie die so allgemein gefaßten Lehren des Evangeliums für ihre Zwecke ausbeuten könnte?

Herr Maerker ist übrigens nur der Vorredner und Übersetzer einer akademischen Rede, welche Hegel bei der dritten Säkularfeier der Augsburgischen Konfession im Jahre 1830 in lateinischer Sprache gehalten hat.

Die Freiheit braucht nicht christlich zu sein; wir dürfen sie nicht aufgeben, und wenn sie ein Heide wäre. Brutus war gewiß ein so freier Mann als Hegel und seine Schüler. Mag alles zuletzt auf die Religion bezogen werden müssen, nehmt wenigstens die Freiheit aus. Diese ist nur von sich selbst abhängig,

Wir sind seit dem Jahre 1830 um einen guten Schritt vorwärts gekommen, und Herr Maerker hätte sich nicht die Mühe zu geben brauchen, diese Rede drucken zu lassen, dem Redakteur des »Freihafens« hätte ich übrigens so viel politischen Takt zugetraut, sie nicht aufzunehmen.

Wozu immer solche captationes benevolentiae?

 


 

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