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Aufsätze

Georg Herwegh: Aufsätze - Kapitel 14
Quellenangabe
titleAufsätze
authorGeorg Herwegh
typeessay
sendererich.adler@abc.de
created20020604
modified20170830
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Rettung Platens

Ich kenne keine schönere Pflicht als die, einen Toten in sein Rechte einzusetzen. Seit Platens gemißhandeltes Herz in italischer Erde ruht, hat sich manche freundliche Stimme über ihn erhoben; seit diese Brust voll Lieder in Staub gesunken hat man gerne die Eitelkeit vergessen, die so unbändig darin gehaust. Er hatte bei seinem Leben leidenschaftlich um di Teilnahme des Volkes gerungen und fand sie nirgends al in den Zirkeln der Aristokratie, die seinem stolzen Sinne so zuwider sein mußten. Seine Geburt war vielleicht sein größtes Unglück; sein zweites unsere Unfähigkeit, eine ungewöhnliche Individualität gewähren zu lassen, unser trauriger Hang, alles nach unsern Begriffen ummodeln zu wollen Jedermann soll denken, wie wir denken, jedermann fühlen wie wir fühlen. Nirgends werden so viel originale Naturen totgeschlagen als in Deutschland und England. Ich erinnere in letzterer Beziehung nur an den armen Shelley, der landesflüchtig werden mußte, weil er sich unglücklicher fühlte als die blonden Ladies der britischen Insel, weil ihm der Jammer der Menschheit mehr Sorgen machte als dem Sprecher des Hauses der Lords auf seinem Wollsacke. Ein sonniger Blick des Wohlwollens, und wir hätten die oft marmorkalten Gebilde Platens zum wärmsten Leben erwecken können. Alle Gunst und Gnade von oben tröstete ihn nicht für die beharrlich stumpfe Gleichgültigkeit der Nation.

Unsere großen Geister haben sich schwer an dem Sänger der »Abbassiden« versündigt. Die Freunde Platens waren alle so gewöhnlich, keiner derselben war imstande, den Dichter in seiner Tiefe zu erfassen; das Beste, was sie ihm darbringen zu können glaubten, waren schale Lobhudeleien. Und seine Feinde waren so geistreich! Sie besaßen so viel Witz, so viel grausamen, mordenden Witz! Die Schmähungen Heines hatten die unseligsten Folgen. jeder Pinsel, der nicht wußte, was nur Poesie ist, meinte nun das Recht zu haben, herzufallen über diesen eigentümlichen, in seinem Kerne untadelhaften Geist.

Die Stimmen des Tadels fangen an zu verhallen. Das schönste Denkmal ward August Platen durch Gutzkow in den literarischen Übersichten von Lewalds »Europa« gesetzt. Von Heine verlautet, daß er eingestehe, er habe Platen immer hoch geachtet. Freiligratb sang im »Musenalmanach« von ihm als von einem Dichter, dem, wie wenigen, Dichterfeuer im Herzen brannte. Immermann, welcher Platen in seinem »im Irrgarten der Metrik umhertaumelnden Kavalier« und namentlich in seinem »Tulifäntcben« so herb angegriffen hatte, hat sich eines andern besonnen und gesteht in seinem »neuen Münchhausen« wenigstens: »Der Graf von Platen kommt in die Walhalla, und er gehört auch hinein, trotz aller seiner Torheiten und Mißgriffe.«

Darüber herrscht kein Zweifel mehr, daß er ein Dichter, ein echter Dichter gewesen.

Er hat sich noch einen andern Anspruch auf unsere Liebe erworben durch seine freie, großartige Gesinnung. Die Cottasche Gesamtausgabe hat viele Lieder Platens ausgeschlossen, die soeben in einer andern Buchhandlung unter dem Titel »Gedichte aus dem ungedruckten Nachlasse des Grafen August von Platen-Hallermünde« erschienen sind. Seine Polenlieder sind das Herrlichste, was je auf dem Grabe von Helden gesungen wurde, und er schlägt die Harfe mit göttlichem Zorne. Ihm war in den hohen Regionen bei weitern nicht so heimisch zumute, wie sein Stand glauben lassen könnte; ein guter, der beste Teil seines Herzens gehörte dem Volke an. Wir wollen ihm verzeihen, daß er geschrieben:

Du weißt es längst, man kann hienieden
Nichts Schlechtres als ein Deutscher sein!

Wir wollen ihm verzeihen, um der Verse willen, die er an einen bekannten Dichter, der einst selbst Freiheitslieder gesungen, gerichtet hat.

Die Feder Marats, wieder in Blut getaucht,
Steht auf und lehrt scheuseliges Henkertum.
Die Feder Marats? Nein, die deine
Wahrlich abscheulicher, zehnmal, ist sie.

Er schrieb für Freiheit, mindestens wie er sie
In seiner teuflisch kochenden Brust verstand:
Du glühst für Knechtschaft, willst Vernichtung
Predigen über ein ganzes Volk uns.

Nicht bloß sie selbst, ihr Name sogar – es spricht's
Dein feiler Mund – soll schwinden und untergehn:
Nur dich hinweg, dich, Name Polens!
Rufst du, dir schreib ich es nach mit Schauder.

Ihr Name selbst? wie kränkte der Name dich?
Ihr Name bleibt, und gingen sie selbst zugrund!
Er ward mit Heldenblut geschrieben,
Menschlichem Ruhme die schönste Sternschrift.

Du freilich wichst demütigen Schritts zurück,
Wenn fremde Macht anfiele das Vaterland.
Sie starben, ja, doch nicht entgingst du
Ihrem gebrochenen Heldenblicke.

Sie schrecken dich im Tode sogar, und nach
Dem Tod verfolgt dein schnödes Gedicht sie noch.
O seltne Großmut! Solche Seelen
Nährt der entartete deutsche Boden!

Du höhnst den Leichnam, aber ich leg indes
Dies kurze Lied auf mächtigen Aschenkrug:
Hier liegt ein Volk! und dort bei dir ging
Menschengefühl in Sophistik unter.

 


 

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