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Auf fremden Pfaden

Karl May: Auf fremden Pfaden - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleAuf fremden Pfaden
booktitleAuf fremden Pfaden
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20242-1
sendernadja@abc.de
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In den Magarat ess ssuchur

Als das Gebet zu Ende war und wir uns von den Knieen erhoben hatten, sahen wir von Norden her einen einzelnen Kamelreiter kommen. Sein Hedschihn war ein vorzüglicher Schnellläufer, und seine Waffen bestanden aus einer langen, arabischen Flinte und zwei Messern, die er an Armbändern an seinen Handgelenken hängen hatte. Diese Art, die Messer zu tragen, ist für den Gegner sehr gefährlich: man umarmt ihn und sticht ihm dabei die beiden Klingen von hinten in den Rücken.

»Sallam!« grüßte er, bei uns angekommen, indem er, ohne sein Kamel niederknieen zu lassen, aus dem Sattel sprang. »Erlaubt mir, hier mein Hedschihn zu tränken und euch vor den Feinden zu warnen, denen ihr entgegengeht!«

Er war in einen langen, weißen Burnus gehüllt, unter dessen Kapuze sein dunkles, stark eingefettetes Haar hervorquoll. Groß und kräftig gebaut, hatte er ein ovales, volles Gesicht mit einer Abplattung in der Gegend der Backenknochen, eine kurze, fast stumpfe Nase, kleine Augen und ein rundes Kinn. Hätte er das Litham getragen, einen Gesichtsschleier, der nur die Augen frei läßt, so wäre ich überzeugt gewesen, einen Targi vor mir zu haben.

»Du bist uns willkommen,« antwortete der alte Schech, als das Tier des Ankömmlings von selbst zum Wasser lief, um zu trinken. »Wen aber meinst du, indem du von Feinden redest?«

»Die Imoscharh,« antwortete der Gefragte.

Dieses Wort ist gleichbedeutend mit Tuareg. Des letzteren Wortes bedienen sich nur die Araber, während die Angehörigen des betreffenden räuberischen Volkes sich nie anders denn als Imoscharh bezeichnen.

»Du meinst die Tuareg? Befinden sich welche auf unserm Wege?«

»Nicht nur welche, sondern sehr viele und zwar in der Oase Seghedem.«

»Allah! Dorthin wollten wir in dieser Nacht reiten!«

»Das könnt ihr nicht. Wir waren eine Karawane von über dreißig Männern mit achtzig Kamelen. Wir kamen vom Bir Ishaya und hielten uns für sicher; kaum aber hatten wir Seghedem erreicht, so wurden wir von den Imoscharh, welche sich dort versteckt hielten, überfallen und trotz der tapfersten Gegenwehr niedergemetzelt. Ich bin der einzige, der entkommen ist.«

»Ia waili!« rief der Alte betroffen aus. »Diese Hunde hat uns der Schaïtan in den Weg geführt! Sie werden in Seghedem liegen bleiben. Was thun wir da? Sollen wir hier warten, bis sie fort sind, hier am Bir Ikbar, dessen Wasser für Menschen kaum zu genießen ist und für unsere Tiere kaum noch einen Tag ausreichen würde?«

Er sah sich ratlos im Kreise um. Abram Ben Sakir, der Handelsherr, machte ein bedenkliches Gesicht und fragte:

»Können wir die Oase Seghedem nicht umgehen?«

»Nein,« antwortete der Schech. »Nach Osten ist das unmöglich, denn der nächste Brunnen dorthin liegt drei volle Tagereisen von hier im Gebiete der Tibbu, und der Umweg nach Westen würde uns in die Berge der Magarat ess ßuchur führen, durch welche ich den Weg nicht kenne.«

»Aber ich kenne ihn,« sagte der neu Angekommene.

»Du?« fragte der Schech erstaunt. »Da wärest du ja ein Khabir, der diese Gegend weit besser kennt als ich, und doch zähle ich das doppelte deiner Jahre.«

»Es ist so; ich bin Khabir. Das Alter thut es nicht; ich kenne diese Gegend, weil ich mehreremale dagewesen bin. Ich war ja auch der Khabir der Karawane, welche von den Imoscharh überfallen wurde, und hätte mich nicht retten können, wenn der Wüstenweg mir unbekannt gewesen wäre. Ich bin ein Krieger der Beni Riah und werde Omar Ibn Amarah genannt.«

Der arabische Stamm der Beni Riah wohnt allerdings in Fezzan, aber es wurde mir schwer, diesen Khabir für einen Araber zu halten, zumal er die Tuareg nicht anders als Imoscharh nannte, was ein Araber nicht gethan hätte. Diesen meinen Zweifel hegte der Schech aber nicht, denn er sagte:

»Ich weiß, daß die Beni Riah Männer sind, welche den Weg von Mursuk nach Bilma genau kennen, und glaube also, daß du in den Magarat ess ßuchur gewesen bist. Also kennst du die Berge der Felsengrotten? Und du glaubst, daß wir auf diesem Wege die Oase Seghedem und die Tuareg umgehen können?«

»Ja; es ist leichter, als du denkst. Wenn wir von hier aus einen Bogen um diese Oase reiten, lassen wir die Gefahr rechts von uns liegen und kommen glücklich beim Bir Ishaya an. Ich will euch führen, denn ich denke, daß nicht du allein es wünschest, sondern daß auch alle deine Begleiter diesen Wunsch haben.«

»Sie haben ihn. Setze dich zu uns, und sei unser Gast! Wir werden jetzt essen und nach dem Abendgebete von hier aufbrechen.«

»Ich bin bereit, euer Führer und Gast zu sein, doch wirst du mir nun sagen, wer die Männer sind, deren Schech el Dschemali du zu sein scheinest.«

»Das mußt du natürlich wissen. Du siehst hier Abram Ben Sakir, den Handelsherrn aus Mursuk, dem alle diese Diener und Lastkamele gehören; ich soll ihn von Bilma nach Mutsuk bringen. Und dort stehen zwei Fremde, die sich erst gestern zu uns gesellt haben. Es ist Hadschi Kara Ben Nemsi, aus dem Abendlande, mit Kamil Ben Sufakah, der sein Diener ist.«

Der Khabir sah uns mit scharfem, stechendem Blicke an und fragte dann Kamil in grollendem Tone:

»Dein Name ist Kamil Ben Sufakah? Zu welchem Volke gehörest du?«

»Ich bin ein Beni Dscherar vom Ferkah Ischelli,« antwortete der Gefragte.

»Und als Moslem bist du der Diener eines Giaur, eines Ungläubigen geworden? Schande und Fluch über dich! Möge dich die Dschehennah verschlingen!«

Er spuckte ihn an, was sich mein Kamil sehr ruhig gefallen ließ, denn er war nur mit dem Munde tapfer, in der That aber ein Feigling, der seinesgleichen suchte. Das einzige, was er wagte, war, sich mit der vorwurfsvoll klingenden Frage an mich zu wenden:

»Sihdi, kannst du es dulden, daß dein treuer Diener so beleidigt wird, du, der Held aller Helden, der zwei Gewehre hat?«

»Der Held der Helden?« lachte der Khabir verächtlich. »Wie kann ein Giaur ein Held sein! Ich werde gleich zeigen, wie man mit so einem stinkenden Hunde zu sprechen hat.«

Er kam auf mich zu, blieb drei Schritte vor mir stehen, funkelte mich mit lodernden Augen an und fragte:

»Also, du bist ein Christ, wirklich ein Christ?«

»Ja,« antwortete ich in aller Ruhe.

»Und da glaubst du, daß ich dich wirklich nach Mursuk bringen werde?«

»Nein!«

»Nicht?« klang es erstaunt. »Du hast es erraten. Ein gläubiger Sohn des Propheten wird sich nie dazu hergeben, der Khabir eines Christen zu sein, dessen Seele für die Hölle bestimmt ist.«

»Du irrst. So, wie du denkst, habe ich es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen, daß es überhaupt nicht dein Wille sei, irgend jemand nach Mursuk zu führen.«

»Maschallah! Was hindert mich, dich für diese Beleidigung niederzuschlagen!«

»Laß dich nicht auslachen! Ein Targi, wie du bist, schlägt mich nicht nieder.«

Er hob schon die Faust zum Hiebe, ließ sie aber vor Erstaunen wieder sinken und fragte:

»Wie? Für einen Targi hältst du mich, für einen Krieger der Imoscharh? Warum denn?«

»Darüber habe ich dir keine Rechenschaft abzulegen; aber warum willst du jetzt nicht nach Bilma weiterreiten, sondern nach Mursuk umkehren? Warum bist du nicht gleich umgekehrt, als deine Karawane in der Oase Seghedem überfallen wurde, sondern eine ganze Tagereise bis hierher weitergeritten?«

»Weil – weil – – weil – –«

Er stockte. Meine Frage brachte ihn so in Verlegenheit, daß er erst nach einiger Zeit fortfahren konnte:

»Weil die Imoscharh mir den Rückweg verlegt hatten.«

»Das war kein Grund, einen ganzen Tag lang weiter zu reiten. Ich schenke keinem deiner Worte Glauben. Daß die Tuareg irgendwo stecken, daran will ich nicht zweifeln, in Seghedem aber wahrscheinlich nicht. Ich nehme vielmehr an, daß du uns erst zu ihnen bringen willst. Du bist ihr Mirsal, ihr Gasuhs, der uns in ihre Hände liefern soll. Wahrscheinlich stecken sie im Gebiete der Felsengrotte, weil du uns dorthin führen willst.«

Ich sagte das in einem so bestimmten, überzeugten Tone, daß er einiger Zeit bedurfte, seine Bestürzung zu überwinden; dann aber brach er los:

»Ia Allah! Ist es möglich! Ein Gasuhs werde ich genannt, ein Gasuhs, zum Danke dafür, daß ich diese Männer hier retten will! Hund von einem Giaur, du stinkst mich an wie ein Aas, in dem die Würmer wimmeln! Ich werde – – –«

»Halt!« unterbrach ich ihn. »Kein solches Wort weiter! Als Christ bin ich zu deinen Beleidigungen bisher ruhig geblieben; ich werde auch ferner ruhig bleiben, aber dafür sorgen, daß, falls du noch ein solches Wort aussprichst, du auch ruhig wirst! Hast du bis jetzt noch keinen Christen gekannt, so sollst du einen kennen lernen, und kein Prophet wird mich hindern, dir zu zeigen, daß du gegen mich ein Schwächling und ein Knabe bist!«

»Ein Knabe!« schrie er wütend auf. »Das sollst du büßen! Hund, da hast du beide Messer!«

Er that einen Sprung auf mich zu, indem er die Arme ausbreitete, um sie um mich zu schlingen und mir die Messer in den Rücken zu stoßen; aber meine Faust kam ihm zuvor; ich schlug sie ihm von unten herauf unter das Kinn, daß er zurückflog und in den Sand stürzte. Im nächsten Augenblicke war er wieder auf und legte die Flinte, welche er festgehalten hatte, auf mich an; eben als der Hahn knackte, griff ich zu, riß sie ihm aus den Händen, sprang zwei Schritte zurück, richtete den Lauf auf ihn und drohte:

»Keine Bewegung weiter, Knabe, sonst trifft dich deine eigene Kugel! Gehe heim zu den Deinen, und bitte deine Mutter um ein Spielzeug, welches besser für deine Hände paßt als diese Flinte!«

Ich drückte den Schuß ab und schlug dann den Kolben des Gewehres schief gegen den Boden, daß er abbrach. Bei dem kleinen Krach, den das verursachte, stieß der Khabir einen wilden Schrei aus und sprang abermals auf mich ein; er achtete nicht darauf, daß ich das Bein hob, und er bekam einen Fußtritt in die Magengegend, der ihn zu Boden warf. Sofort kniete ich auf ihm und gab ihm einen Fausthieb gegen die Schläfe, der ihn so ruhig machte, wie ich es ihm angedroht hatte; er rührte sich nicht. Der Zorn des Scheikes richtete sich jetzt voll gegen mich.

»Was hast du gethan!« fuhr er mich an. »Wir haben dich bei uns aufgenommen und dir erlaubt, mit uns zu reiten; du aber vergiltst uns diese Gastlichkeit damit, daß du den Mann tötest, der unser Retter sein will!«

»Nicht euer Retter, sondern euer Verderber will er sein. Übrigens ist er nur betäubt. Untersuche ihn!«

Er kniete zu dem Khabir nieder und überzeugte sich, daß ich recht hatte, was aber seinen Zorn keineswegs minderte. Wieder aufstehend, sagte er:

»Er ist zwar nicht tot, aber du hast ihn geschlagen und sein Gewehr zerbrochen; das fordert nach dem Gesetze der Wüste dein Blut. Wir werden über dich zu Gericht sitzen müssen!«

»Haltet lieber Gericht über ihn! Ich behaupte, daß er ein Targi ist, der euch verderben will; wenn ihr es nicht glaubt, so wird euch vielleicht schon der morgende Tag beweisen, daß ich mich nicht geirrt habe. Und um mein Schicksal habe ich keine Sorge; eure Entscheidung fürchte ich nicht. Wer will mich hindern, mich auf mein Hedschihn zu setzen und fortzureiten, wenn es mir beliebt? Ihr seid zusammen nur zwölf Männer. Diese beiden kleinen abendländischen Tabangat, Revolver genannt, haben zweimal sechs Schüsse; das allein genügt, euch von mir fern zu halten, ohne daß ich zu den Gewehren greife. Und wie ich vermute und sehe, bist du der einzige, der sich mir wirklich feindlich gesinnt zeigt. Abram Ben Sakir kann nicht die Absicht haben, sein Leben und die Ladungen seiner Kamele in die Hände der Tuareg fallen zu lassen, und seine Leute werden damit einverstanden sein!«

»Sprich, was du willst! Du wirst die Folgen doch nicht anders machen. Faßt an, ihr Leute! Wir wollen den Khabir zum Brunnen tragen und sein Gesicht mit Wasser befeuchten, daß seine Seele zurück in das Leben kehrt.«

Sie schafften ihn hin. Mich ging er für den Augenblick nichts mehr an; ich setzte mich wieder bei meinem Hedschihn nieder und nahm, um auf alles gleich vorbereitet zu sein, einen der Revolver zur Hand. Kamil hatte sich neugierig mit hingemacht und schaute zu, was ihre Bemühungen für einen Erfolg haben würden. Sie bildeten einen Haufen von Menschen, in dem man jetzt, da es dunkel geworden war, eine Einzelbewegung nicht mehr erkennen konnte. Dann bemerkte ich, daß der Khabir zu sich gekommen war und sie beratend um ihn saßen. Zwei standen abseits und sprachen leise miteinander; es war mein Kamil, welcher mit dem Handelsherrn redete und ihm, wie ich dann erfuhr, gesagt hatte, daß ich klüger als alle die andern sei und er ja nicht auf sie, sondern auf mich hören solle, denn wenn ich einmal den Khabir für einen Targi gehalten hätte, so dürfe gar nicht daran gezweifelt werden, daß er auch wirklich einer sei. Seine eifrigen Worte fanden Gehör, denn Abram Ben Sakir kam zu mir und sagte:

»Sihdi, dein Diener sagt, daß ich mich nicht auf den Schech el Dschemali, sondern auf dich verlassen solle. Ist es wirklich wahr, daß du diesen Mann für einen Spion der Räuber hältst?«

»Ja. Ich habe dazu mehrere Gründe, welche du, falls ich sie dir auch mitteilte, doch nicht verstehen würdest. Ich will dir nur sagen, daß ich nicht zum erstenmale in es Sahar bin und auch außerhalb derselben mit Menschen seines Schlages oft Erfahrungen gemacht habe. Ich habe nicht die mindeste Lust, mit nach den Bergen der Felsengrotte zu reiten und dort den Tuareg in die Hände zu fallen.«

»Allah, wallah, tallah! Was soll ich thun? Ich habe versprochen, mich nach den Anordnungen des Schech el Dschemali zu richten; das wurde ausgemacht, als ich ihn mietete, und meine Leute haben mehr Vertrauen zu ihm als zu dem, was du sagst. Man wird mich überstimmen, und ich werde meine Zustimmung geben müssen, daß wir von dem Khabir geführt werden. Willst du die Güte haben, Sihdi, mir eine Bitte zu erfüllen? Verlaß mich nicht, wenn ich mit nach den Felsen muß!«

»Du hast aber ja gar nicht nötig, um meine Hilfe zu bitten; du brauchst nur ganz einfach zu erklären, daß du nicht dorthin, sondern unbedingt nach Seghedern willst!«

»Man wird mich überstimmen. Diese Leute sind ja nicht eigentlich Diener, sondern ich habe sie nur für diese Reise gemietet, und du wirst vielleicht wissen, daß nach dem Brauche der Wüste die Stimme des Gehorchenden in Zeiten der Gefahr von ganz derselben Wichtigkeit ist, wie die Stimme des sonst Befehlenden. Also verlaß mich nicht.«

»Ich will mir die Sache überlegen.«

»Ja, überlege sie dir, und laß mich dann hören oder sehen, was du beschlossen hast! Ich möchte dem Khabir trotz deines Verdachtes auch jetzt noch trauen, denn ich halte es für unmöglich, daß ein gläubiger Moslem einen so gräßlichen Meineid schwören kann.«

»Es ist aber doch kein gläubiger Muhammedaner, das kann ich beweisen. Wir haben gebetet, als die Sonne in das Sandmeer tauchte, der Khabir hat nicht gebetet, denn er war während der Gebetszeit unterwegs; er ist nicht von seinem Dschemelgestiegen, um niederzuknieen, denn er kam, als unser Gebet eben beendet war. Wer das vorgeschriebene Gebet versäumt, ist kein gläubiger Anhänger des Propheten, und wer das nicht ist, dem darf man wohl einen falschen Schwur zutrauen. Meinst du nicht?«

»Sihdi, du bist scharfsinniger als ich!«

»Und warum hat er nicht am Kampfe teilgenommen, als, wie er behauptet, seine Karawane überfallen wurde? Warum sitzt er jetzt ruhig dort am Wasser und führt nur Reden gegen mich, während er zu Thaten den Mut nicht besitzt? Im Zorne ja, da hat er mich vorhin angegriffen, nun dieser aber verraucht ist, verzichtet er darauf, sich selbst an mir zu rächen, er weiß, daß er sich leicht und ohne Gefahr für sich rächen kann, wenn wir ihm in die Grottenberge folgen. Da werden wir überfallen, und wenn wir dann gefangen sind, kann er mich töten, ohne für seine Tuareghaut den kleinsten Ritz zu riskieren. Das ist sein Gedanke, und darum läßt er klugerweise mich einstweilen in Ruhe.«

»Wenn man dich so sprechen hört, Sihdi, muß man unbedingt denken, daß du das Richtige triffst. Das Klügste würde wohl sein, dich zum drittenmale zu bitten, mich unter deinen Schutz zu nehmen.«

»Wenn ich das thue, begebe ich mich höchst wahrscheinlich in eine Lage, in welcher ich selbst des Schutzes bedarf. Deine Bitte ist also eine Aufforderung an mich, mich deinetwegen einer Gefahr auszusetzen – –«

Ich wurde in meiner Rede unterbrochen, denn in diesem Augenblicke ertönte die laute Stimme des Schech el Dschemali:

»Auf, ihr Gläubigen, zum Nachtgebete, denn es ist dunkel geworden, und der letzte Schein des Tages versank vollständig hinter den Enden der Erde!«

Die Männer knieten, nach der Gegend von Mekka gerichtet, abermals nieder, befeuchteten Hände, Brust und Stirn mit Wasser und beteten ihm nach. – – –

AIs das Gebet, das letzte des Tages, zu Ende war, stand der Schech el Dschemali auf und befahl den Leuten, die Kamele zu beladen, weil jetzt aufgebrochen werden solle.

»Wohin?« fragte der Handelsherr.

»Nach den Felsengrotten natürlich,« lautete die Antwort.

»Wäre es nicht besser, wenn wir doch direkt nach der Oase Seghedem ritten?«

»Das sagst du, weil Kara Ben Nemsi, dieser Christ, auch lieber dorthin will?«

»Ja.«

»Wenn du auf die Ansicht eines Giaur mehr giebst, als auf das Wort eines gläubigen Moslem, so reite hin; es wird dich niemand halten. Wir aber machen den Umweg über die Grottenberge, weil uns unser Leben teurer ist als die Dummheit eines Ungläubigen.«

»Meine Diener müssen mit mir gehen!«

»Müssen? Sie sind keine Sklaven, sondern freie Männer, und du hast mir versprechen müssen, dich nach meinen Weisungen zu richten. Wir stimmen ab, und dann wirst du ja sehen, ob sie dir und dem Christen oder ihrer Klugheit folgen wollen.«

Die Abstimmung wurde vorgenommen, und es stellte sich heraus, daß alle außer dem Kaufmanne, mir und meinem Diener bereit waren, dem Khabir zu folgen. Abram Ben Sakir kam zu mir, um sich zu entschuldigen und mich zum viertenmale zu bitten, ihn nicht zu verlassen.

Eben als er sich von mir entfernte, hörten wir ein Geräusch, welches sich uns von Westen her näherte. Es waren die Schritte von Kamelen, und bald sahen wir trotz der Dunkelheit eine Reiterschar vor uns auftauchen. Auch wir wurden gesehen, denn eine laute Stimme rief:

»Wakkif – halt! Es sind schon Leute an dem Brunnen. Greift zu den Gewehren!«

Da antwortete unser alter Schech el Dschemali:

»Es ist Friede. Wir sind weder Krieger noch Räuber. Kommt herbei, und labt eure Tiere und euch selbst an der Flüssigkeit des Wassers.«

»Seid ihr eine Kaffilah

»Ja.«

»Woher und wohin?«

»Von Bilma nach Murzuk.«

»Wieviel Männer zählt ihr?«

»Vierzehn.«

»So macht uns Raum! Aber wenn du gelogen hast, so wird dir dein Kopf vom Halse fallen.«

Sie kamen vorsichtig vollends heran. Der von ihnen, welcher gesprochen hatte, ritt einige Kamelslängen voran, überschaute den Platz und sagte dann zu seinen Leuten:

»Es ist wahr; es sind nur vierzehn Männer; wir können also ohne Sorge sein. Kommt herbei!«

Er bediente sich der arabischen Sprache, aber in einer Weise, die in ihm einen Tedetu vermuten ließ. Als sie von ihren Kamelen stiegen, zählte ich sie; es waren gerade zwanzig Mann. Sie schienen eine Frau oder ein Mädchen bei sich zu haben, denn eines ihrer Kamele trug einen Tachtirwan, eines jener verhangenen, leichten Bambusgestelle, deren lange, bebänderten und bewimpelten Stangen besonders des Nachts eine außerordentlich phantastische Erscheinung bilden.

Der Anführer der neuangekommenen Karawane schien ein sehr kriegerischer Mann zu sein, denn er plazierte seine Leute so, daß im Falle feindlicher Absichten von unserer Seite sie gegen uns im Vorteile waren. Seine Waffen bestanden aus einer langen Flinte, zwei Wurflanzen, einem Säbel und wahrscheinlich auch Messern oder Pistolen. Ich konnte nicht genau unterscheiden, was er in den Gürtelschnuren stecken hatte. Der Schech el Dschemali begrüßte ihn mit einem Sallam und fuhr dann fort:

»Du siehst, daß du nichts bei uns zu fürchten hast, und wirst uns verzeihen, daß wir wissen möchten, wer ihr seid.«

Der Gefragte antwortete in stolzem Tone:

»Wir sind Tibbu vom Stamme der Reschade und wollen nach Abo reiten.«

»Vom Stamme der Reschade? So seid ihr doch die Todfeinde der Tuareg von Asben?«

»Ja, das sind wir. Allah verdamme sie!«

»Und kommt aus Westen, wo sie wohnen!«

»Ja, daher kommen wir.«

»So müßt ihr sehr mutige Männer sein. Wenn sich so eine kleine Zahl von Kriegern in das Land der Todfeinde wagt,

So – –«

Er wurde durch einen Ruf unterbrochen, welcher aus dem Tachtirwan erklang. Dieser Ruf bestand aus drei oder vier Worten, welche ich nicht verstand; es schien berberisch zu sein; da mir aber nur der Dialekt der Beni-Mezab-Berber bekannt war, so vermutete ich, daß die Worte der Tuaregsprache angehörten. Und ganz eigentümlich, kaum waren sie erklungen, so stand der Khabir, dem ich mißtraute, nach einigen schnellen Schritten bei dem Tachtirwan und sprach seinerseits eine Frage aus, die ich auch nicht verstand; eine weibliche Stimme, es konnte aber auch die eines Knaben sein, antwortete hinter den Vorhängen; da aber sprang der Anführer der Tibbu hin, faßte den Khabir beim Arme, riß ihn fort und fuhr ihn zornig an:

»Was hast du hier bei dem Sitze meiner Omm Bent zu suchen? Weißt du nicht, daß dies verboten ist? Mache dich fort von dieser Stelle!«

Omm Bent heißt Mutter der Tochter und soll Frau bedeuten, denn das eigentliche Wort für Ehefrau spricht ein Muhammedaner niemals aus. Der Khabir stand eine Weile unbeweglich, als ob er irgend eine innere Erregung niederzukämpfen habe; sein Gesicht war wegen der Dunkelheit nicht zu erkennen; dann antwortete er in ruhig sein sollendem Tone, dem ich aber einen Zwang anhörte:

»Omm Bent? Ich habe die Stimme für die eines Knaben gehalten.«

»Es ist kein Knabe, und wenn es einer wäre, meinst du, daß er dich gerufen habe? Wer und was bist du denn eigentlich?«

»Ich heiße Omar Ibn Amarah und bin der Khabir dieser Karawane.«

»Welchem Stamme gehörst du an?«

»Den Beni Riah, und weil ich der Khabir, also der Diener dieser Kaffilah bin, glaubte ich, einen Dienst erweisen zu können; nur darum ging ich zu dem Tachtirwan.«

»Das mag sein; aber wir brauchen deine Dienste nicht. Wann reitet ihr fort von hier?«

»Wir standen eben im Begriff, aufzubrechen.«

»Auch wir wollen uns nicht verweilen, denn wir haben Eile, nach Obo zu kommen. Da ihr friedliche Leute seid, können wir bis in die Oase zusammenreiten, denn bis dahin ist unser Weg der eurige.«

»Wir reiten nicht nach Seghedem, weil die Tuareg diese Oase und die ganze, östlich vor ihr liegende Gegend besetzt haben.«

Der Tedetu schien zu erschrecken, denn er fuhr einige Schritte zurück und rief aus:

»Die Tuareg, diese Hunde? Weißt du das gewiß?«

»Ja, denn ich komme von Seghedem; ich war der Khabir einer Kaffilah, welche sie dort überfallen haben, und bin der einzige, der entkommen ist. Wir werden Seghedem vermeiden und in einem Bogen nach Westen den Brunnen Ishaya erreichen. Ostwärts können wir nicht ausweichen, weil dort die Imoscharh auch streifen.«

Wieder sagte er Imoscharh anstatt Tuareg. Es fiel mir auf, daß er den letzten Satz besonders stark betonte. Der Weg der Tibbu führte ostwärts. Warum warnte er sie vor dieser Richtung? Er hatte doch erst nicht gesagt, daß die Tuareg auch diese Gegend besetzt hielten! War es vielleicht seine Absicht, die Tibbu zu veranlassen, mit uns nach den Magarat ess ßuchur zu reiten? Und wenn es so war, welchen Grund hatte er dazu? Hatte er den Ruf aus dem Tachtirwan verstanden? Dann war er ganz gewiß das, wofür ich ihn hielt, also ein Targi. Dieser Khabir wurde mir immer verdächtiger.

Der Tedetu fragte ihn weiter aus und erfuhr von ihm dasselbe, was er uns erzählt hatte; dann winkte er seine Leute zusammen, beriet sich eine Weile mit leiser Stimme mit ihnen, so daß wir nichts verstehen konnten, und wendete sich dann wieder an den Khabir:

»Weißt du vielleicht, von welchem Stamme die Tuareg sind, von denen du sprichst?«

»Nein. Ich verstehe auch kein Wort von der Sprache dieser Imoscharh. Aber als sie uns überfielen, hörte ich zwei Worte rufen, und ich habe gehört, daß beim Angriffe stets der Name des Stammes und des Anführers gerufen wird: Kelowi und Rhagata.«

»Allah, Allah, das stimmt! Rhagata heißt der Amghar der östlichen Kelowi-Tuareg, und ich weiß allerdings, daß er mit seinen Kriegern auf Raub ausgezogen ist. Allah sei Dank, daß er mir erlaubt hat, mit dir zusammenzutreffen, denn sonst wären wir alle trotz unserer Tapferkeit von den Tuareg getötet worden! Ihr wollt also durch die Magarat ess ßuchur? Das ist ein schlimmer Weg! Glaubst du, daß wir glücklich und unbelästigt nach dem Brunnen Ishaya kommen können?«

»Ich bin überzeugt, daß uns kein einziger Targi auf diesem Wege begegnen wird.«

»Ich könnte dann von Ishaya aus mich östlich wenden und so der uns drohenden Gefahr entgehen. Ehe ich mich aber entschließe, mit euch zu reiten, muß ich genauer wissen, wer ihr seid.«

»Mich kennst du schon. Unsere Kaffilah gehört diesem Handelsmanne aus Mursuk, welcher Abram Ben Sakir heißt; die Leute, welche sich bei ihm befinden, sind friedliche Kameltreiber, welche er gemietet hat. Dort sitzt ein Mann, der erst gestern mit seinem Diener zu ihnen gestoßen ist. Er ist ein Giaur, ein Christ, wird Kara Ben Nemsi genannt.«

»Pfui! Ein Christ ist unter euch? Wie kann man da mit euch reiten! Wer einen solchen Hund bei sich duldet, der fordert Allahs Zorn heraus! Ich werde mir diese stinkende Bakku einmal betrachten.«

Er kam herbei, bog sich zu mir nieder und starrte mir in das Gesicht. Ich blieb sitzen, ohne mich zu bewegen. Er trat wieder zurück, spuckte aus und sagte:

»Er hat das Angesicht eines Mannes, aber die Seele eines Feiglings, sonst hätte er nicht geduldet, daß ich ihm den Blick der Verachtung gab. Der Löwe läßt den Schakal in seiner Fährte gehen und ist zu stolz, sich nach ihm umzudrehen. So mag der Giaur mit uns reiten, sich aber stets hinter uns halten, wenn er nicht will, daß ich ihn wie ein Ungeziefer mit meinem Fuße zertrete!«

Ich ließ die Beleidigung ruhig über mich ergehen, weil ich es nicht für angezeigt hielt, auch ihm zu zeigen, daß ich nicht der war, für den er mich hielt.

jetzt ließ Abram Ben Sakir seine Kamele beladen. Während dies geschah, nahm er Gelegenheit, sich an den Khabir zu machen. Ich sah sie miteinander sprechen; dann kam er zu mir und sagte:

»Sihdi, er kennt die Haussasprache; er hat mir in derselben mehrere Antworten gegeben.«

»So ist er ein Targi.«

»Ich möchte es doch noch nicht glauben. Der Anführer der Tibbu würde ihn durchschauen. Man sieht ihm doch an, daß er ein großer Krieger ist.«

»Irre dich nicht! Dieser Tedetu muß selbst froh sein, wenn er nicht durchschaut wird.«

»Wie meinst du das?«

»Räuber und Räuber; sie sind Todfeinde und von ganz gleichem Werte.«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ist auch nicht notwendig. Du würdest doch nichts ändern können.«

»Wirst du mit uns reiten, obgleich du dich nur in unsern Spuren halten darfst?«

»Wer sagt das?«

»Der Tedetu.«

»Er hat mir nichts zu befehlen; ich bin ein freier Mann und werde reiten, wie es mir beliebt.«

Er ging kopfschüttelnd von dannen; ich aber führte mein Hedschihn zum Wasser, um es noch einmal tüchtig trinken zu lassen. Die Tibbu, welche sich dort befanden, wichen vor mir wie vor einem Aussätzigen zurück.

Das Aufladen ging unter dem häßlichen Geschrei der Lastkamele vorüber; dann bestiegen die Reiter ihre Tiere und der Zug setzte sich in Bewegung, indem ein Kamel hinter dem andern den Brunnen verließ. Die Lasttiere waren in der Weise zu einer Einzelreihe vereinigt, daß man das Halfter jedes nachfolgenden an den Schwanz des vorangehenden gebunden hatte. Voran ritt der Khabir; ihm folgte der Schech el Dschemali und diesem der Tedetu, welcher sich neben dem Tachtirwan hielt; hinter ihm kamen seine Tibbu, und an diese schloß sich Abram Ben Sakir, der Kaufmann, an der Spitze seiner langen Kaffilah. Ich wartete, bis sie eine Strecke fort waren, und ritt ihnen dann mit Kamil langsam nach. Die Sterne leuchteten jetzt so, daß ich die Karawane nicht aus den Augen verlieren konnte.

»Nun sind wir gezwungen, hinter diesen Leuten zu reiten!« klagte mein tapferer Diener. »Warum hast du dir diesen Befehl erteilen lassen, Sihdi? Bin ich nicht ein Beni Dscherar vom Ferkah Ischelli und sollte eigentlich stolz an der Spitze des Zuges reiten?«

»Wer hindert dich daran? Reite vor, wenn du Lust dazu hast!«

»Ohne dich nicht. Du weißt, daß ich dich in mein Herz geschlossen habe und dich nicht allein in der Verachtung stecken lasse, welche dir zu teil geworden ist. Aber sag, denkst du vielleicht, daß wir es mit jenen Menschen zu thun bekommen werden?«

»Ja, und zwar vielleicht sehr bald, zunächst mit dem Khabir.«

»Du bist also überzeugt, daß er ein Targi ist?«

»Ja. Er hat die Absicht, die Kaffilah in das Verderben zu führen. Ich bin überzeugt, daß die Tuareg in den Magarat ess ßuchur stecken und sie überfallen wollen. Diese Leute rennen blind in ihr Verderben; aber es ist doch möglich, daß sie noch im letzten Augenblicke auf meine Warnung hören.«

»Und wenn sie aber nicht hören?«

»So will ich versuchen, wenigstens Abram Ben Sakir zu retten. Die Gefahr, in welche ich mich begebe, ist sehr groß, denn der Khabir brennt darauf, sich an mir zu rächen; aber es handelt sich nicht bloß um den Khabir und die Tuareg, sondern auch um die Tibbu. Durch diese finden wir wahrscheinlich den Weg zur Rettung, falls wir auch in die Hände der Tuareg geraten sollten.«

»Meinst du? Die Tibbu sollten dich retten, dich, den Christen? Sie werden doch selbst überfallen werden, wie du denkst!«

»Ja, aber sie haben etwas bei sich, was uns zur Hilfe dienen kann, wenn wir sie brauchen sollten, den Tachtirwan.«

»Diese Sänfte könnte uns von Nutzen sein?«

»Sie weniger als ihr Inhalt. Wahrscheinlich sitzt ein Knabe darin.«

»Allah! Was hast du für Gedanke n', Sihdi! In diesem Tachtirwan sollte ein Knabe sein?«

»Ja, ein Tuaregknabe, der von den Tibbu geraubt worden ist.«

Er wollte etwas sagen, brachte aber vor Erstaunen kein Wort hervor; erst nach einiger Zeit fand er die Worte:

»Ein Tuaregknabe! O, Sihdi, du bist ein Ssa'ir, welcher sich Dinge ausdenkt, die ganz unmöglich sind!«

»Das denkst du nur. Die Tibbu leben in Todfeindschaft mit den Tuareg. Wenn sich zwanzig von ihnen so heimlich in das Gebiet der letzteren geschlichen haben und mit einem so streng und eng verhängten Tachtirwan zurückkehren, da weiß man, wie man sich das zu erklären hat. Oder meinst du, daß dieser Tedetu zu einem so gefährlichen Ritt ins Feindesland seine Omm Bent, sein Weib, mitgenommen habe?«

»Nein, das sicher nicht.«

»Er hat irgend einem Scheik der Tuareg den Sohn geraubt; das ist das Allerschlimmste, was man einem Feinde anthun kann, der Khabir hat es auch entdeckt.«

»Welch ein Ereignis, welch ein Abenteuer! Willst du den Knaben befreien?«

»Was ich thun werde, weiß ich jetzt noch nicht; der geeignete Augenblick wird es entscheiden. Ich will Abram Ben Sakir glücklich nach Mursuk bringen und ihn, wenn er in Gefahr gerät, herausholen. Warten wir ab, wie unser jetziger Ritt verlaufen wird! Wenn du Angst hast, kannst du dich von mir trennen und nach Seghedem reiten.«

»Angst? Was denkst du von mir, Sihdi! Auch wenn die Tuareg und die Tibbu gar nicht wären, müßtest du zugeben, daß ich viel für dich wage, weil es keine gefährlichere Gegend als die Magarat ess ßuchur geben kann. Mitten in der Wüste liegt Er Raml el Helahk, der ›Sand des Verderbens‹, ein See, der anstatt mit Wasser mit so leichtem Sand gefüllt ist, daß jedes Geschöpf, welches hineingerät, viele hundert Fuß zur Tiefe sinkt und wie in einem Meere ertrinken oder ersticken muß.«

»Wirklich?« fragte ich überrascht. Ich glaubte, was er sagte, denn der Reisende Adolf von Wrede hat im Bahr ess Ssafy in der Wüste el Ahqaf einen ähnlichen Sandsee gefunden, in dem ein Kilogewicht an einer sechzig Faden langen Schnur verschwand. Kamil, mein Diener, erzählte mir noch viel von Menschen und Kamelen, welche in diesem Raml el Helahk untergegangen seien, und von den Geistern, die in der Magarat ess ßuchur ihr Wesen treiben sollten; dabei verging die Zeit, und es wurde Mitternacht, als die Sterne am hellsten leuchteten und ich die Entfernung absichtlich kürzte, welche uns bisher von der Kaffilah getrennt hatte. Ich wollte jetzt zeigen, daß es nicht meine Absicht sei, immer hinter der Karawane herzureiten. Wir trieben unsere Tiere an und erreichten bald die hintersten Kamele. An der langen Reihe derselben vorüberreitend, kamen wir an den Tibbu vorbei, die uns zornige Rufe zuwarfen. Der Tedetu hörte die schnellen Schritte unserer Kamele und drehte sich um. Er sah uns kommen und rief uns in befehlendem Tone zu:

»Zurück mit euch!«

Wir gehorchten nicht.

»Zurück, zurück,« wiederholte er, »sonst zeige ich euch, wohin ihr gehört!«

Er hatte die Drohung noch nicht ganz ausgesprochen, so hatten wir ihn schon hinter uns und waren auch an dem Khabir und dem Schech el Dschemali vorübergeschossen. Einige Augenblicke später krachte es hinter uns, und ich fühlte den Luftdruck einer an meinem Kopfe vorbeifliegenden Kugel. Sofort hielt ich mein Hedschihn an, und Kamil that dasselbe mit dem seinigen. Wir warteten, bis die Spitze des Zuges uns einholte.

»Wer hat auf mich geschossen?« fragte ich.

»Ich,« antwortete der Tedetu. »Wenn ihr nicht augenblicklich zurückweicht, bekommst du die zweite Kugel!«

»Die mich ebensowenig treffen wird, wie die erste. Du kannst nicht schießen; ich werde dir zeigen, wie man es machen muß. Kamil, steig ab von deinem Tiere!«

Er sprang herunter. Der Tedetu war mir jetzt bis auf einen Schritt seines Kamels nahe gekommen, an dessen Sattelknopf die beiden Wurflanzen hingen. Ich streckte den Arm aus und griff nach ihnen.

»Hund, was willst du mit meinen Lanzen!« schrie er mich an.

»Dir zeigen, wie man schießen muß. – Paß auf!«

Ich gab Kamil die eine Lanze; er mußte sich so weit entfernen, bis ich Halt sagte, und sie dann emporhalten. Dann zog ich die beiden Revolver und gab alle zwölf Schüsse auf die Lanze ab, die Kamil nun dem Tedetu bringen mußte.

»Schau sie an!« forderte ich diesen auf. »Zwölf Schüsse und zwölf Löcher.«

Er betrachtete den Schaft und brachte vor Erstaunen kein Wort hervor. Der Zug war natürlich halten geblieben. Jetzt mußte Kamil die zweite Lanze so weit von mir in den Sand stecken, daß ich sie im Sternenscheine eben noch sehen konnte. Mein Kamel stand unbeweglich; es war das Schießen gewohnt; ich brauchte nicht abzusteigen.

»Zähle die Schüsse!« gebot ich dem Tedetu und legte den Henrystutzen an, welcher fünfundzwanzig Schüsse hatte. Ich zielte sehr sorgfältig und gab einen Schuß ab, immer ein wenig höher als den andern.

»Wieviel Schüsse?« fragte ich.

»Fünfzehn,« antwortete der Tedetu, der sich nicht erklären konnte, daß ich sovielmal hatte schießen können, ohne zu laden.

»Schau nun die Lanze an!«

Sie wurde ihm gebracht. Er fühlte mit den Fingern nach den Löchern und zählte sie.

»Maschallah! Fünfzehn Löcher!« rief er geradezu erschrocken aus. »Dieser Christ ist ein Sahir, und seine Flinte ist eine Bundukije el mogiza. Sie hat Kugeln ohne Zahl in ihrem Laufe!«

»Du hast recht gesprochen,« stimmte ich bei. »Und soviel mal ich schießen kann und so sicher ich treffe, so weit gehen meine Kugeln auch. Was sind alle eure Waffen gegen diese meine Gewehre! Du hast mir nach dem Leben getrachtet und nach mir geschossen; ich will dir dieses Mal verzeihen, weil ich ein Christ bin, der selbst seinem Feinde Gutes erweist; aber wagest du es ein zweites Mal, mir Böses zu thun, so eröffne ich dir und den Deinen in zwei, drei Augenblicken die Pforte zur Brücke des Todes, und kein Prophet und kein Khalif wird euch das Leben retten können. Ich bin Kara Ben Nemsi, ein Christ, und du sollst mich kennen lernen!«

Er antwortete mit keiner Silbe; tiefes Schweigen beobachteten auch die andern; auf meinen Wink bestieg Kamil sein Tier wieder, und wir ritten weit voran, ohne daß uns jemand wieder zu hindern wagte. Natürlich lud ich die Revolver sofort wieder und ergänzte auch die fünfzehn Patronen des Repetierstutzens.

Von jetzt an ritten wir, wie es uns beliebte, bald voran, bald seitwärts, bald hinterdrein, doch immer so, daß uns keine hinterlistige Kugel in den Rücken kommen konnte. Bis zum Morgengebete ging es durch sandige Wüste; dann wurde Halt gemacht. Als wir nach zwei Stunden der Ruhe wieder aufgebrochen waren, veränderte sich das Terrain. Die Wüste blieb uns zur linken Hand liegen; rechts aber wuchsen nach und nach immer höher werdende, sonderbare Felsengebilde empor, welche bald buchtförmig und bald vorgebirgeartig sich aneinander schlossen und, da wir uns ihnen nicht weit genug näherten, uns in Zweifel ließen, ob sie ganz aus Naturformationen bestanden oder ihre Bildung teilweise auch menschlichen Händen zu verdanken hatten. Es gab da Mauern, Säulen, Zinnen und Erker, Fensteröffnungen, große, bogenförmige Thoreingänge wie zu künstlichen Gängen und Hallen. Ein Anblick, der mein ganzes Interesse in Anspruch nahm. Gern wäre ich weiter geritten; aber ich wollte mich von der Karawane nicht lange und weit entfernen, weil mir ahnte, daß wir uns bald da befanden, wohin der Khabir uns haben wollte.

Wir ritten Stunde um Stunde, und die fremdartigen Felsen begleiteten uns fort und fort zur rechten Hand; sie wollten kein Ende nehmen. Eine Stunde vor Mittag war die Hitze so groß geworden, daß Menschen und Tiere nach Ruhe lechzten. Da schoben sich die Felsen so weit vor, daß wir ihren weitesten Ausläufer berührten. Die Spitze desselben war ausgebuchtet und bildete eine hufeisenförmige Rundung, welche von allen Mitgliedern der Karawane außer mir als außerordentlich geeignet zum Lagern gehalten wurde. Die Reiter stiegen ab, und befreiten die Packkamele von ihren Lasten. Ich freilich konnte zu diesem Orte kein Vertrauen haben, denn falls hier ein Überfall beabsichtigt war, so brauchten die Angreifer nur die Öffnung des Hufeisens zu verschließen; dann waren alle, die sich im Innern der Bucht befanden, in ihre Hände gegeben. Ich sagte aber nichts, denn ich wußte, daß doch niemand auf mich hören würde.

Als alle lagerten, trieb mich die Vorsicht eine Strecke hinaus in die Wüste, von wo ich, zurückgewendet, die Felsenumgebung des Lagerplatzes überblicken konnte. Es fiel mir auch sofort etwas auf. Nördlich von uns, vielleicht eine gute Gehviertelstunde entfernt, schwebten mehrere Nusara es sahra über den Felsen, welche abwechselnd auf und nieder gingen, sich aber nicht entfernten. Ich kehrte schnell in das Lager zurück und ging zu dem Khabir, neben dem soeben der Tedetu stand.

»Wir müssen fort von hier,« sagte ich. »Die Tuareg halten gar nicht weit von hier, um uns zu überfallen.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Die Geier, welche über ihnen schweben.«

»Können Geier sprechen?« fragte er höhnisch.

»Für mich, ja, denn ich verstehe ihre Sprache.«

»Ich werde dich beruhigen. Ich bin der Khabir und habe für die Sicherheit der Kaffilah zu sorgen; ich werde gehen und nach den Feinden suchen, die du dir einbildest. Komm mit!«

Das war sehr pfiffig von ihm, denn wenn ich mitging, fiel ich noch vor den andern in die Hände der Tuareg. Ich setzte List gegen List und antwortete:

»Das ist Sache der Anführer. Der Tedetu mag dich begleiten; er ist ein berühmter Wüstenkrieger, ich aber bin hier fremd; seinem scharfen Auge kann man Glauben und Vertrauen schenken und er wird mir bei eurer Rückkehr sagen, ob ich recht oder unrecht gehabt habe.«

Ich erreichte meinen Zweck; der Tedetu erklärte sich bereit dazu, und dem Khabir schien es gleich zu sein, wer der erste war, der in die Hände der Tuareg fiel, der Anführer der Tibbu oder ich. Sie entfernten sich miteinander, um zu rekognoszieren. Das Resultat wußte ich im voraus: Der Tedetu wurde ergriffen, und dann kamen die Tuareg, um das Lager zu überfallen.

Ich ging nun zu Abram Ben Sakir, um ihn zu warnen und ihn aufzufordern, den gefährlichen Platz mit mir zu verlassen. Es war vergeblich; er schenkte mir keinen Glauben, sondern lachte über meine Besorgnis. Ich gab es daher auf, die kostbare Zeit an ihn zu verschwenden, ließ ihn also sitzen und war nur auf mich, auf Kamil und auf einen dritten bedacht, nämlich auf den Insassen des Tachtirwan, denn wenn mich meine Ahnung nicht betrog, so hatte der Knabe, falls es einer war, bei der Befreiung des Kaufmannes eine Rolle zu spielen.

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