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Auf fremden Pfaden

Karl May: Auf fremden Pfaden - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleAuf fremden Pfaden
booktitleAuf fremden Pfaden
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20242-1
sendernadja@abc.de
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3.

Ich hatte die Utensilien, welche der Satteltasche des Engländers entnommen worden waren, mit auf mein Zimmer gebracht. Es war mir, als müßten sie mich Anhaltspunkte finden lassen über die Ereignisse des heutigen Tages. Sie bestanden außer einigen im Lande der Kaffern höchst unbrauchbaren Toilettegegenständen für Gecken aus einer Brieftasche und einem Fernrohre von sehr geringem Werte.

Das Portefeuille enthielt außer verschiedenen unverfänglichen Notizen eine Anzahl von Privatbriefen, welche sämtlich an Sir Hilbert Grey in Kingsfield adressiert waren und den Poststempel der Kapstadt trugen. Ich las sie durch. Sie verdienten diese Aufmerksamkeit nicht, außer einem, bei dessen Lektüre mir ein höchst gezwungener Stil auffiel, der mit der Konzipierung der anderen Schreiben, obgleich er von demselben Verfasser stammte und von der gleichen Hand geschrieben war, in einem auffallenden Kontraste stand. Es war darin von einer Rhinoceroshaube und einem Perspektive die Rede, ohne daß ich klar zu sehen vermochte, welche Rolle diese beiden Gegenstände in dem Briefe zu spielen hatten. Sollte vielleicht die Mütze des entkommenen Engländers und sein in meinen Händen befindliches Fernrohr gemeint sein? Ich forschte, suchte und verglich und machte endlich die Entdeckung, daß der Brief in der Weise abgefaßt worden war, daß sein eigentlicher Inhalt zu Tage trat, wenn man zuerst die Zeilen der graden und dann die der ungraden Zahlen las. Hierdurch erhielt das Schreiben für mich eine große Wichtigkeit. Es stellte sich nämlich heraus, daß Sir Hilbert Grey aus Kingsfield der Vertreter einer Waffenfabrik war, welche im Auftrage des englischen Gouvernements eine Lieferung von Gewehren, Patronen, Blei und Pulver an die jenseits der Randberge sich zusammenziehenden Zulukaffern zu machen hatte. Um diesen Brief als unverfänglich erscheinen zu lassen, hatte man ihm diese künstliche Fassung gegeben und ihn unter die anderen gesteckt; er war jedenfalls an einen englischen Agenten gerichtet, welcher sich bei den Zulus befinden mußte, und verwies auf nähere Details und Instruktionen, welche, doppelt angefertigt, sich in dem Fernrohre Greys, und falls dasselbe verloren gehe, unter dem Futter seiner Rhinoceroshaube befanden.

Ich nahm natürlich sofort die Züge des Perspektives auseinander und gewahrte da einen beschriebenen Bogen, weicher zusammengerollt und hineingesteckt worden war. Die Adresse lautete an einen Lieutenant Mac Klintok, welcher angewiesen wurde, mit einem Detachement von Kaffern über den Kerspaß zu gehen, um an einem genau bezeichneten Tage am Aettersberge mit dem Transporte zusammenzutreffen und denselben dann über das Randgebirge zu begleiten. Aus einer kurzen Bemerkung ging hervor, daß die Zulus sofort nach dem Eintreffen der Waffen den Kleipaß besetzen würden, um die diesseits befindlichen Boers abzuhalten, ihren jenseitigen Kameraden Hilfe zu bringen.

Aus dem allen ging hervor, daß die bevorstehende Erhebung der Kaffern eine Folge englischer Einflüsse sei, und es ließ sich vermuten, daß die Briten eine Anzahl Offiziere entsendet hatten, um das Unternehmen strategisch zu leiten.

Wie aber kam Sikukuni hierher, und wie hatte ich mir die Gegenwart dieses Sir Hilbert Grey bei ihm zu erklären? Diese Fragen vermochte mir der Brief nicht zu beantworten. Es mußten sehr wichtige Gründe sein, welche den Häuptling bewogen hatten, in so geringer Begleitung über das Gebirge zu gehen. Jedenfalls war es notwendig, Kees Uys und den Boer van het Roer von dem Geschehenen und dem Waffentransporte zu benachrichtigen.

Noch in Gedanken darüber, wurde ich von Mietje zum Abendessen gerufen, welches ich nur mit ihr einnahm, da Jeffrouw Soofje durch ihr Unwohlsein daran verhindert war. Jetzt erst fand ich Gelegenheit, das Nähere über den Überfall Sikukunis zu erfahren. Das Mädchen sagte mir nochmals Dank für die rechtzeitige Hilfe und fügte hinzu:

»Ich glaubte an keine Gefahr, da erst nur ein Zulu erschien, der übrigens die Stammeszeichen abgelegt hatte und daher von uns für einen Fingo gehalten wurde.«

»Er ist von Sikukuni vorausgesandt worden, um zu rekognoszieren. Was gab er vor?«

»Er fragte, ob er bei uns Arbeit haben könne, und wollte wissen, ob der Boer daheim sei. Da wir Leute genug haben und Jan nicht daheim ist, so mußte ich ihn fortschicken.«

»Und er ging ohne weiteres?«

»Nein. Er hatte die Kette bemerkt, welche ich hier trage, und fragte mich, wie ich zu derselben gekommen sei.«

»Ihr habt es ihm erzählt?«

»Ja. Er betrachtete mich darauf mit einem sehr bösen Blick und entfernte sich. Wenige Minuten später kehrte er mit Sikukuni und dem dritten Kaffer zurück.«

»Kanntet Ihr den Häuptling?«

»Nein; ich hatte ihn noch niemals gesehen.«

»Was gab er als Ursache seines Besuches an?«

»Er fragte nach Jan und wollte wissen, wann er aufgebrochen, wohin er und wer mit ihm geritten sei.«

»Und Ihr habt ihm die verlangte Auskunft erteilt?«

»Wie konnte ich! Er drohte mir mit dem Tode, aber ich wäre doch lieber gestorben, als daß ich Jan verraten hätte. Dieser trifft ja nur deshalb mit den Anführern zusammen, um den Angriff gegen die Zulus mit ihnen zu besprechen und Somi zu fragen, ob er König der Zulus werden will.«

»Ah! Somi will erscheinen? Das ist eine wichtige Neuigkeit! Ich denke, man hat über seinen Aufenthalt nicht das mindeste gewußt.«

»Jan und Kees Uys wußten alles. Somi hatte eine Zufluchtsstätte da oben im Norden bei den Makua gefunden.«

»Und erst als Ihr ihm die Auskunft verweigertet, begann Sikukuni von dieser Kette zu sprechen?«

»Ja.«

»Und glaubt Ihr, was er darüber sagte?«

»Ich weiß nicht, ob ich es glauben soll. Nur die Frauen von berühmten Häuptlingen dürfen solche Ketten tragen, das hat mir Jan gesagt. Jeffrouw ist mir stets eine gute Mutter gewesen, aber ich würde doch sehr froh sein, meinen Vater kennen zu lernen.«

»Nach Sikukunis Ausspruch ist Somi Euer Vater, und wenn es den Boers gelingt, ihren Plan auszuführen, werdet Ihr also eine Königstochter.«

»Oh, Mynheer, auch wenn dies wahr wäre, so würde ich nicht stolz darauf sein. Der Vater im Himmel mag mit mir nach seinem Willen thun!«

»So recht, mein Kind! Gott lenkt die Geschicke der Völker und auch die Schritte eines jeden einzelnen seiner Menschenkinder. Aber jetzt glaube ich klar zu sein über die Absicht, welche Sikukuni herbeigeführt hat.«

»Was meint Ihr, Mynheer?«

»Er scheint erfahren zu haben, was die Boers mit Somi beabsichtigen; er scheint sogar von der gegenwärtigen Zusammenkunft zu wissen und die Farm nur aufgesucht zu haben, um zu sehen, ob die Versammlung bereits begonnen habe. Sagte er nicht auch, daß Jan sterben müsse? Er muß also wissen, wo dieser zu finden ist.«

»Oh, Mynheer, Ihr macht mir Angst!«

»Ich ziehe nur meine Schlüsse, und es ist gut, wenn man die Gefahr kennt, welche einem droht. Wer hat hier von der Zusammenkunft gewußt?«

»Nur Jan, die Mutter und ich.«

»Keiner der Kaffern oder Hottentotten?«

»Nein.«

»Und doch muß es so sein. Ihr werdet davon gesprochen haben und seid belauscht worden. Sikukuni weiß alles, und da er zu Euch gekommen ist, so ist sicher anzunehmen, daß er diese Kenntnis von hier erhalten hat. Es befindet sich ein Verräter unter den Eurigen; überlegt Euch einmal, auf wen der Verdacht zu werfen wäre!«.

»Ich kenne keinen,« antwortete sie nachdenklich. »Unsere Leute sind alle erprobt außer dem Makololo Tschemba, welcher erst vor kurzem zu uns gekommen ist; der aber ist so fleißig und fügsam wie kein anderer; er kann kein Verräter sein!«

»Ein fleißiger Kaffer? Eine große und auffällige Seltenheit! Ich werde einmal mit ihm sprechen. Vielleicht ist grad dieser Fleiß der beabsichtigte Wert, sich in Euer Vertrauen zu schleichen. Aber wißt Ihr, daß ich Euch morgen früh verlassen muß?«

»Uns verlassen, Mynheer? – Und so bald!«

»Allerdings. Euch droht Gefahr, und ich gehe nicht, um Euch in derselben zu verlassen, sondern um dieselbe von Euch abzuwenden. Ich werden Jan und die Boers aufsuchen, um sie zu benachrichtigen. Die Engländer senden den Zulus Waffen und Munition; dieser Transport muß ihnen weggenommen werden. Und außerdem hege ich den Verdacht, daß Sikukuni nicht ohne größere Begleitung über die Berge gekommen ist. Er scheint den Ort zu kennen, an welchem die Zusammenkunft stattfindet, und die Boers dabei überfallen zu wollen; meinem Vermuten nach sind die Leute, welche er bei sich hatte, nur ein Teil seiner Truppe gewesen.«

»Wenn das wahr ist, Mynheer, so befindet sich Jan in der allergrößten Gefahr, und wir werden es Euch danken, wenn Ihr ihn aufsucht, um ihn zu warnen!«

»Das eben will ich thun! Übrigens, je größer die Gefahr für ihn, desto geringer ist sie für Euch; denn wenn Sikukuni zu den Boers geht, habt Ihr unterdessen von ihm nichts zu befürchten.«

»Aber, wenn er nun beabsichtigt, uns zu überfallen, bevor er Jan und die Boers aufsucht?«

»Das wird er nicht, wenigstens fällt es mir schwer, daran zu glauben. Nach dem Vorgefallenen weiß er, daß wir hier gewitzigt sind, und wollte er wirklich einen zweiten Angriff versuchen, so müßte er vorher zu den Seinen zurückkehren, was auf alle Fälle einige Zeit in Anspruch nimmt, wenn ich auch nicht sagen kann, wo sich dieselben befinden. Er weiß ganz genau, daß die Zusammenkunft der Boers bereits begonnen hat, und wird vor allen Dingen nach dieser Richtung hin einschreiten, um erst dann als Sieger zur Farm zurückzukehren. Dennoch aber dürft Ihr nicht versäumen, möglichst für Eure Sicherheit zu sorgen. Auf den Mut Eures Gesindes könnt Ihr Euch wohl nicht verlassen?«

»Nein. Der Hottentott ist stets ein Feigling, und die wenigen Kaffern, welche wir hier haben, sind nicht zahlreich genug.«

»So müßt Ihr bei Euren Nachbarn Hilfe suchen! Wohnen sie weit entfernt von Euch?«

»Nein. Nachbar Zelmst ist auf einem guten Pferde in einer Stunde zu erreichen und die beiden andern in nicht viel späterer Zeit. Ich werde sofort Boten senden und ihnen sagen lassen, daß – – –«

»Sagen? Nein; Ihr dürft die Botschaft nicht mündlich ausrichten lassen, da ich einen Verräter unter Euren Leuten vermute. Schreibt lieber einige Zeilen, welche den Nachbarn übergeben werden mögen.«

»Das ist allerdings sicherer. Zelmst wird jedenfalls selbst sofort kommen; Hoblyn schickt seine zwei Söhne, und Mijer wird Baas Jeremias senden, der wohl einige von seinen Kaffern mitbringt.«

»So bleibt mir nur noch übrig, den Weg zu erfahren, auf dem ich zu Jan komme. Sobald die Unterstützung anlangt, werde ich abreiten.«

»Kennt Ihr die Raafberge, Mynheer?«

»Ich habe sie ganz genau auf meiner Karte.«

»Den Weg zu ihnen kenne ich nicht, doch – – –«

»Ich werde ihn leicht finden; die Karte ist sehr gut.«

»Es sind vier Berge. Zwischen dem zweiten und dritten liegt ein Doppelthal, welches durch einen Höhenrücken getrennt ist, der nur niedriges Holz und Buschwerk trägt. Nur ein einziger hoher Stinkholzbaum ist schon von weitem zu erkennen. Habt Ihr ihn erreicht und steigt grad von ihm aus in das westliche Thal hinab, so gelangt Ihr nach zweihundert Schritten an eine kurze, steile Kloof, in welcher die Zusammenkunft stattfindet. Jedenfalls wird Euer Kommen bemerkt, denn Jan hat mir gesagt, daß an dem Baume stets ein Posten Wache steht.«

»Die Beschreibung ist deutlich genug, ich werde mich nicht irren. Und nun macht Eure Meldungen an die Nachbarn fertig; ich werde unterdessen einen Rundgang halten und einige Wachen für die Nacht ausstellen!«

Ich ging, suchte aber vorher mein Zimmer auf, um mich mit Messer und Revolver zu versehen, was auf jeden Fall geraten war. Dort angekommen, gewahrte ich zu meinem lebhaften Erstaunen, daß der Schild Sikukunis fehlte, den ich noch kurz vor dem Abendessen an die Wand gehängt hatte. Ich steckte die Waffen zu mir und ging in den Hof, wo die Kaffern und Hottentotten beim Schmause saßen.

Quimbo sah mich kommen. Er erhob sich von dem Feuer, an welchem er sich mit einem mehrere Pfunde schweren Stücke des gebratenen Ebers beschäftigte, und trat auf mich zu.

»Mynheer komm, Oh, oh! Mynheer eß' mit Fleisch von Sau!«

Er riß das Stück in zwei Hälften, von denen er mir die eine mit fetttriefenden Fingern darreichte.

»Behalte das Fleisch! Wo ist der Schild, Quimbo?«

»Schild?« fragte er. »Schild von Sikukuni?«

»Ja. Er ist weg aus meiner Stube!«

»Schild bin weg, bin fort aus Stube! Oh, oh, Quimbo hab' nicht Schild! Quimbo bin' wesen in Stube und hab' seh' Schild häng' an Wand.«

»Wann war das?«

»Gleich, jetzt bin' wesen in Stube. Quimbo woll' sag' Mynheer, daß Mynheer mit eß' Fleisch von Sau, aber Mynheer bin nicht 'Wesen in Stube; bloß Schild noch war häng' an Wand!«

Das war allerdings merkwürdig. Wenn Quimbo nicht wußte, wo der Schild hingekommen war, so mußte ich annehmen, daß derselbe gestohlen worden sei. Aber wer konnte ein so eigentümliches Interesse für die Trophäe besitzen? Ich ließ die Sache einstweilen dahingestellt und wandte mich schon weg, um meinen Rundgang anzutreten, als mir unwillkürlich der Makololo Tschemba einfiel.

»Kennst du Tschemba?« fragte ich Quimbo.

»Tschemba? Quimbo kenn' Tschemba; Quimbo hab' red' schon groß viel mit Tschemba; Tschemba bin Makololo, sag' Tschemba, aber Tschemba bin nicht Makololo, denn Makololo mach' Haut fett mit Thon, und Tschemba hab' nicht Thon auf Haut.«

Das bestätigte meinen Verdacht.

»Ist Tschemba nicht hier?« fragte ich.

»Tschemba bin nicht hier; Tschemba bin fort hinter Haus und bin nachher komm in Stall.«

»Was wollte er im Stalle?«

»Quimbo weiß nicht; Quimbo bin nicht' wesen in Stall.«

»Und wo ist er jetzt?«

»Tschemba bin noch in Stall.«

Ich war heute bereits im Stalle gewesen und wußte infolgedessen, daß dieser einen Ausgang auch nach dem Garten hatte. Mir kam es verdächtig vor, daß Tschemba, welcher sich für einen Makololo ausgab, ohne es nach dem Ausspruche meines Dieners zu sein, sich jetzt im Stalle zu thun machte, während die andern Kaffern und Hottentotten beim Mahle saßen. Daher beschloß ich, nach ihm zu sehen, ging jedoch nicht durch die vordere Thür in den Stall, sondern schritt der Giebelseite des Hauses entlang nach der Hinterfronte desselben.

Eben wollte ich um die Ecke biegen, als ich nach dem Garten zu ganz eigentümliche Schritte vernahm. Es klang, als ob zwei oder drei Personen sich leise vom Hause zu entfernen versuchten. Wer konnte das sein? Ich horchte einen Augenblick schärfer hin und vernahm das unterdrückte Schnaufen eines Pferdes. Das war im höchsten Grade verdächtig, und darum eilte ich so lautlos wie möglich über den Grasplatz hinweg dem Schalle nach.

Bald sah ich eine dunkle Masse vor mir, welche bereits am Zaune angekommen war. Ich erkannte, mich niederdukkend und bis in die unmittelbarste Nähe herankriechend, ein Pferd und einen Mann, welcher eben beschäftigt war, einen Plankeneingang zu öffnen, welcher, ohne daß ich denselben am Tage bemerkt hatte, im Zaune angebracht war. Der Augenschein belehrte Mich, daß die Füße des Pferdes, um den Schall der Fußtritte zu dämpfen, umwunden waren, und ebenso sah ich, daß seine Nüstern mit einem Tuche umwickelt seien. Der Mann hatte nur den gewöhnlichen Lendenschurz der Kaffern, und auch an seiner hohen, eigentümlichen Frisur erkannte ich, daß er diesem Volksstamme angehöre, Es konnte kein anderer sein, als Tschemba.

Ich richtete mich hinter seinem Rücken auf, faßte ihn mit der Linken bei der Kehle und schlug ihm die rechte Faust so gegen den Schädel, daß er zusammenbrach. Mit seinem eigenen Schurze band ich ihm die Hände und faßte ihn dann am Schopfe, um ihn, indem ich das Pferd am Zügel nahm, nach dem Hofe zu schleifen.

Dort gab es ein außerordentliches Hallo, als ich in den Schein der beiden Feuer gelangte. Quimbo sprang auf und blickte dem Gefesselten in das Gesicht.

»Oh, oh, Mynheer komm' mit Pferd und 'fangen Mann? Wer bin Mann? Oh, oh, Mann bin Tschemba, der nicht Makololo bin! Wo hab' Mynheer Tschemba 'funden? Was hat Tschemba thun mit Pferd von Mynheer?«

Wirklich war es mein eigenes Pferd, mit welchem der Kaffer sich heimlich hatte davonschleichen wollen. Welchen Zweck sollte dieser Pferdediebstahl und die heimliche Entfernung von der Farm haben?

Durch die wenig zarte Bewegung wieder zu sich gekommen, schlug Tschemba die Augen auf, schloß sie aber sofort wieder, jedenfalls infolge der in ihm erwachenden Scham über die Lage, in welche er sich so unvermutet versetzt sah.

Ich gebot, das Pferd von den Tüchern zu befreien und wieder in den Stall zu schaffen, und ließ, während dies geschah, Tschemba durch Quimbo auf meine Stube bringen. Er stellte sich noch immer leblos und lag, ohne sich zu rühren, gebunden am Boden.

»Tschemba bin tot,« meinte Quimbo. »Soll Quimbo mach' lebendig Tschemba?«

Ich nickte. Der Diener brannte einen Span an und hielt ihn dem Scheintoten an die künstliche Frisur, welche sofort mit lautem Prasseln zu sengen begann. Dieses Maltraitieren seines kostbarsten Schmuckes brachte allerdings sofort Leben in die Glieder des Pferdediebes. Er sprang empor, fuhr sich mit den gefesselten Händen nach dem Kopfe und stieß ein Geheul aus, als ob er am Spieße stäke.

»Mynheer seh', oh, oh, daß falsch' Makololo bin tot nicht mehr!« rief Quimbo unter einem Lachen, welches ihm den Mund von einem Ohre bis zum andern öffnete.

»Gut; lege den Span weg!« gebot ich und wandte mich dann zu dem Gefangenen:

»Ich werde dich fragen, und du wirst mir antworten. Wenn du mir eine einzige Lüge sagst, lasse ich dir den Kopf kahl brennen!«

Sofort griff Quimbo wieder nach dem Span.

»Schön, gut, Mynheer! Oh, oh, Quimbo werd' brenn' Haar bis auf Haut. Haar brenn' sehr, brenn' viel; in Haar sein groß' Öl und groß' Fett!«

»Wie heißt du?« begann ich das Verhör.

»Tschemba.«

»Gut; das will ich glauben! Du bist kein Makololo. Zu welchem Stamme gehörst du?«

Er schwieg.

»Nun?«

»Tschemba sein Makololo!«

»Quimbo, nimm das Feuer!«

Der Aufgeforderte gehorchte sofort. Tschemba hielt mit einer Gebärde der höchsten Angst die Arme vor. Die Frisur, zu deren Gestaltung eine ganze Reihe von Jahren erforderlich gewesen war, hatte einen zu großen Wert für ihn, als daß er sie von neuem in Gefahr bringen sollte.

»Tschemba will sag' Wahrheit! Tschemba sein – sein – sein – –«

»Ein Zulu!« half ich ihm über die Klippe hinweg.

»Ein Zulu!« nickte er, den brennenden Span mit einem scheuen Blick beobachtend.

»Du bist ein Krieger Sikukunis?«

»Mynheer weiß all'; Tschemba sag' ja!«

»Ich weiß alles. Sikukuni hat dich hierher gesandt?«

»Sikukuni mich schick' zu Boer.«

»Wozu?«

»Tschemba seh' und hör', was Boer sprech' mit Boer.«

»Du hast spioniert und dann Sikukuni alles wissen lassen?«

»Mynheer laß' Tschemba Haar, und Tschemba sag' all' von Sikukuni. Sikukuni nehm' Blut, nehm' Leben, Somi aber sein gut.«

»Wenn du alles aufrichtig erzählst, so wird deinem Haare nichts geschehen!«

»Quimbo thu' weg Feuer!«

Quimbo folgte meinem Winke und legte das Kienholz fort.

»Nun erzähle!«

»Sikukuni weiß, daß Mynheer Uys sein Häuptling von Boer und komm groß viel zu Mynheer Jan. Sikukuni schick Tschemba zu Mynheer Jan und send' dann Bot', um zu hör', was Tschemba hör' und seh'. Tschemba hör', daß Boers komm' zu Raafberg' mit Somi und sag' Sikukuni; Sikukuni komm' mit Zulu und will mach' tot Boers, komm' heut her und seh, ob Boer schon fort. Sikukuni geh' nach' Raafberg und mach' dann auch tot Jeffrouw, nehm' mit Mietje.«

»Wo ist er jetzt?«

»Auf Weg nach Raafberg' und wart' auf Tschemba.«

»Wo?«

»In groß' Wald vor Raafberg' mit viel' Krieger von Zulu.«

»Du hast heute mit ihm gesprochen?«

»Tschemba red' mit Sikukuni, eh' Sikukuni komm' und als Sikukuni spring' auf Pferd mit Mietje.«

»Wer ist der Engländer, welchen er bei sich hat?«

»Tschemba weiß nicht England.«

»Du hast den Schild hier weggenommen?«

»Tschemba woll' bring' Schild zu Sikukuni; Zulu sein feig und sterb', wenn nicht hab' mehr Schild, und Sikukuni geb' viel Geschenk an Tschemba, wenn Tschemba bring' Schild.«

»Wo ist er?«

»Tschemba hab' trag' Schild hinaus über Garten und leg' auf Erd' bei Thür.«

»Quimbo, hole ihn!«

Der Diener entfernte sich eilig und kehrte in kürzester Zeit mit der Trophäe zurück. Mit ihm zugleich trat Mietje ein, welche die Boten hatte absenden wollen und dabei über das mit Tschemba Vorgekommene unterrichtet worden war. Ich gab ihr die nötigen Aufklärungen, und dann sandte sie ihre Briefe ab, obgleich Tschembas Aussage meine Vermutung bestätigte, daß für jetzt ein Überfall der Farm nicht zu erwarten sei. Über das Schicksal des Gefangenen zu entscheiden, war Sache der Boers, und deshalb ließ ich ihn in einem sichern Raum unterbringen, wo er bis zur Ankunft Jans eingeschlossen wurde.

Nun stellte ich, um allen Eventualitäten zu begegnen, Wachen aus und begab mich dann zur Ruhe. Als ich erwachte, graute der Morgen. Nachbar Zelmst war bereits eingetroffen, und kaum hatten wir unsere Morgenpfeifen angebrannt, so ritten auch die beiden jungen Hoblyn und Baas Jeremias mit einigen Kaffern in den Hof.

Sie waren nicht wenig überrascht gewesen von der Kunde, daß Sikukuni diesseits des Gebirges und in ihrer unmittelbaren Nähe aufgetreten sei, und versprachen mir, bis zur Rückkehr Jans nach besten Kräften für die Sicherheit der beiden Frauen Sorge zu tragen. Ich konnte also meinen Ritt nach den Raafbergen unternehmen.

Dieser war jedenfalls nicht ganz ungefährlich für mich, da sich die Zulus zwischen mir und den Boers befanden, doch kümmerte mich das nicht; diese Kaffern waren ja nicht die ersten Wilden, denen ich mich gegenüber sah.

Von den besten Wünschen der Zurückbleibenden begleitet, verließ ich nun die Farm. Quimbo saß wieder mit weit auseinander gespreizten Beinen auf dem Rückenplateau seines Brabanters und hatte hinter sich einige tüchtige Stücke des von der gestrigen Feier übrig gebliebenen Fleisches aufgestapelt. Die Pferde hatten sich ausgeruht und schritten so wacker aus, daß ich annahm, die Raafberge schon am nächsten Morgen erreichen zu können, obgleich mir Mietje und auch die andern versichert hatten, daß fast zwei Tagreisen bis zu ihnen zu rechnen seien.

Der Weg führte meist über wüste Sandstrecken oder über vegetationslose Konglomerat- und Schieferlager, und erst gegen Abend sahen wir nach einem scharfen, anstrengenden Ritte den bläulichen Duft eines Waldes an dem vor uns liegenden Horizonte auftauchen. Der Beschreibung und meiner Berechnung nach war dies vor den Raafbergen der letzte Wald, in welchem Tschemba zu Sikukuni hatte stoßen wollen; für uns allerdings war es auch der nächste, den wir trafen, da ich nach dem Kompaß genau die nördliche Richtung eingehalten und die zur Rechten und Linken vor uns liegenden einzelnen Waldungen nicht berührt hatte.

Wenn Sikukuni wirklich Tschemba hier erwartete, so hatte er sich jedenfalls an dem uns zugekehrten Rande des Waldes postiert und mußte unser Nahen bemerken. Daher zog ich es vor, hier auf der freien Ebene zu warten, bis es dunkel genug sei, um uns unbemerkt zu nähern. Wir stiegen ab, koppelten die Pferde zusammen und legten uns auf den von den Strahlen der Sonne noch warmen Boden nieder.

Quimbo zog, um sich die Zeit zu vertreiben, sein Messer hervor und schärfte es an dem harten Gestein; er that dies mit einer so andächtigen Sorgfalt, als gälte es, ein ganzes Heer von Feinden abzuschlachten.

»Seh' Mynheer! Quimbo wetz' Messer für Sikukuni,« erklärte er.

»Warum denn grad und bloß für ihn?«

»Sikukuni will raub' Mietje, und Mietje werd' doch sein Frau von Quimbo. Doch Quimbo stech' tot nicht bloß Sikukuni, sondern auch noch groß' viel' Zulus, wenn treff' in Wald!«

Er schwang das Messer und schnitt dabei eine Grimasse, die allerdings fürchterlich zu nennen war; dann holte er sich ein Stück Fleisch herbei und stach in dasselbe hinein, daß die Stücke davonflogen, die er allerdings zusammenlas, um sie in dem breiten Munde verschwinden zu lassen.

Die Sonne sank immer tiefer, und ihre immer schräger fallenden Strahlen ließen unsere Schatten von Minute zu Minute länger wachsen, bis sie sich in der hereinbrechenden Dämmerung verloren. Jetzt wurde es Zeit, aufzubrechen. Wir stiegen wieder zu Pferde und bogen nach einer seitwärts liegenden Hügelreihe ein, welche sich bis an den Wald hinzog und deren Fuß wir verfolgten, bis wir uns unter den Bäumen befanden.

Hier mußte Quimbo bei den Pferden warten, bis ich zu unserer Sicherheit den Platz in einem möglichst weiten Umkreise durchsucht hatte; dann sorgten wir für die Tiere und legten uns zur Ruhe, nachdem ich von den mitgenommenen Vorräten ein kurzes Abendessen gehalten hatte.

Als ich erwachte, ertönte bereits die helle Stimme des lang befiederten Finken aus den Zweigen. Zwar war es noch sehr früh am Tage, aber ich war ja genötigt, grad diese Morgenstunde gut auszunützen, indem ich die Spuren der Zulus zu finden versuchte. Ich weckte daher Quimbo und befahl ihm, den Ort auf keinen Fall vor meiner Rückkehr zu verlassen. Dann schritt ich behutsam längs des Waldrandes unter den Bäumen hin, um die Stelle zu finden, an welcher der Feind den Wald betreten hatte. Ich bemerkte nicht das geringste Zeichen, obgleich ich nach und nach eine Strecke von wohl einer halben Stundenlänge zurücklegte; der gesuchte Ort mußte sich nicht hier ober-, sondern unterhalb unseres Nachtlagers befinden, und daher kehrte ich zu diesem zurück.

Dort angekommen, fand ich wohl die Pferde, nicht aber Quimbo. Rufen durfte ich auf keinen Fall; an ein leichtsinniges Verlassen des Ortes wollte ich nicht glauben, daher folgte ich den Eindrücken, welche sein Fuß zurückgelassen hatte. Sie führten entgegengesetzt von der Richtung, aus welcher ich gekommen war, längs des Waldrandes hin und fielen also mit dem von mir beabsichtigten Wege zusammen. Nach einiger Zeit gingen sie waldeinwärts, wo sie mit einer breiten Fährte zusammentrafen, die auf einem durch einen Windbruch entstandenen freien Platz endigte. Hier lag ein Trupp von vollständig gerüsteten Zulukaffern; ich zählte deren vierundzwanzig. In ihrer Mitte saß Sikukuni. Ihre Pferde hatten sie ringsum an die Stämme des niedrigen Buschwerkes befestigt, welches zwischen den niedergestürzten Bäumen aufgeschossen war.

Da wo ich, durch die Zweige lauschend, lag, führte eine einzelne Spur an dem Rande der Lichtung hin. Stammte dieselbe von Quimbo, oder war sie von einem der Feinde verursacht worden, der mich bei seiner Rückkehr leicht entdecken konnte? Ich mußte dies untersuchen und folgte ihr schnell, aber vorsichtig.

Schon nach wenigen Schritten vereinigte sie sich mit einer zweiten Fährte und führte mit ihr grad senkrecht von der Lichtung ab. Da ich vor mir nicht das mindeste Geräusch vernahm, erhob ich mich aus der bisher eingehaltenen tief gebeugten Stellung und schritt rascher vorwärts. Nach einiger Zeit teilten sich die Spuren wieder. Welcher sollte ich folgen? Ich untersuchte beide. Die eine stammte von einem nackten Fuße und die andere von einem riesigen Schuhe oder Stiefel her. Sollte der Engländer in der Nähe sein? Ihn hatte ich weniger zu fürchten und wandte mich also der ersteren Fährte zu.

Noch hatte ich kaum ein Dutzend Schritte gemacht, so erblickte ich zwei nackte, braune Beine, welche hinter dem dikken Stamme eines Baumes hervorragten. Diese nach innen gewachsenen, eckigen Wadenmuskeln kannte ich; sie konnten keinem andern angehören, als meinem »gut', schön' und tapfern Quimbo«. Ich trat näher, nicht ganz leise, sondern für ihn vernehmbar, um ihn nicht zu erschrecken und dadurch zur Unvorsichtigkeit zu verleiten. Wirklich bewegten sich sofort die Beine; der Körper, zu dem sie gehörten, bog sich schnell hinter dem Stamme hervor, zwei Augen wandten sich mir zu, und dann stand der Kaffer mit einer zur Vorsicht mahnenden Pantomime vor mir.

»Oh, oh, Mynheer rat', wer bin dort!« flüsterte er mit einer durch die Bäume gerichteten Handbewegung.

»Der Engländer?«

»Mynheer weiß'? Wer hab' Mynheer 'sagt, daß England hier?«

»Ich sah seine Spur. Warum hast du die Pferde verlassen?«

»Oh, oh, Mynheer nicht bin bös, nicht bin zorn' auf Quimbo! Quimbo hör' lauf' Pferd; Quimbo paß' auf und seh' Pferd, was reiß' aus, und Zulu, der fang' Pferd. Quimbo lauf nach Pferd und Zulu und komm' an Ort, wo bin Sikukuni mit viel' Krieger und England. Da steh' auf England und geh in Wald; Quimbo lauf nach, und nun komm' auch Mynheer.«

Diese Erzählung genügte, um mich aufzuklären. Ich trat etwas vor und gewahrte den Engländer, welcher sich wohl nur entfernt hatte, um auf einige Zeit dem penetranten Fettgeruche der Kaffern zu entgehen, denn er lag ohne Beschäftigung am Boden und starrte in die über ihm hängenden Zweige empor.

Ich hatte jetzt eine schnelle Entscheidung zu treffen. Bemächtigte ich mich des Engländers, so lief ich Gefahr, grad dadurch unsere Anwesenheit zu verraten; aber wenn es mir gelang, unsere Spuren zu verbergen, so gab sein Verschwinden den Zulus jedenfalls Veranlassung, den ganzen Tag nach ihm zu suchen, wodurch ich die nötige Zeit gewann, die Boers herbeizuführen. Und zudem wußte ich ja, daß die Kaffern bei weitem nicht die Pfadfinder sind, wie die Wilden des westlichen Nordamerika. Auf das Eintreffen des Waffentransportes konnte das Verschwinden des Engländers keinen Einfluß haben; daher besann ich mich nicht lange, schlich mich bis hart zu ihm hin und richtete mich dann, das Messer in der Hand, vor seinen Augen empor.

»Good morning, Sir Hilbert Grey! Ihr scheint schlecht geschlafen zu haben, da Ihr bereits wieder der Ruhe pflegt!«

Es widerstrebte mir, ihn zu überfallen wie einen Wilden, und wenn ich geglaubt hatte, daß eine Überraschung jede Gefahr für mich unmöglich machen werde, so hatte ich mich auch nicht verrechnet, denn der gute Mann riß vor Erstaunen den Mund weit auf, machte ein Gesicht, als sähe er ein Gespenst, brachte keinen Laut hervor und vergaß sogar, sich zu erheben.

»Wollt Ihr nicht ein wenig aufstehen, Sir? Oder habt Ihr hier zu Lande bereits vergessen, wie man mit einem Gentleman zu sprechen hat?«

Erst jetzt erhob er sich langsam, wie im Traume, und sagte:

»Heigh-ho, Ihr seid es?«

»Ja, ich bin es, wenn ich mich nicht irre! Wollt Ihr nicht so gut sein und einmal Eure Schuhe ausziehen?«

»Warum?« fragte er, im höchsten Grade erstaunt.

»Weil ich es wünsche, Sir! Ich habe jetzt keine Zeit, Euch meine Gründe zu erklären, doch werdet Ihr sie später sicher hören. Also, bitte!«

»Ich begreife nicht, was – –«

»Ihr braucht es auch nicht zu begreifen, Sir. Seht hier dieses Messer! Es sitzt Euch in weniger Zeit als einer Minute zwischen den Rippen, wenn Ihr nicht sofort thut, was ich Euch befehle!«

Ich winkte, und Quimbo trat an seine andere Seite. Er hatte sich bisher versteckt gehalten und erhob jetzt die Lanze.

»Mynheer, soll Quimbo stech' Lanze hier in England wie gestern in Sau?«

Das war dem guten Sir Hilbert Grey denn doch zu gefährlich. Er erklärte erschrocken:

»Ich verstehe Euch nicht, Sir, aber ich werde Euch dennoch den sonderbaren Gefallen thun!«

»Ein Glück für Euch. Ihr seid uns einmal entgangen, zum zweitenmal aber passiert das nicht wieder! Übrigens ersuche ich Euch, so leise wie möglich zu sprechen und uns jetzt zu folgen!«

Ich ließ ihn die Schuhe natürlich bloß deshalb ausziehen, damit seine riesigen Stapfen etwas weniger bemerkbar wurden. Er nahm sie unter den Arm und folgte mir. Bei unsern Pferden angekommen, konnte ich schon etwas umständlicher mit ihm verkehren.

»Ihr wolltet mich gestern abhalten, Eure saubere Begleitung kennen zu lernen; es ist Euch nicht gelungen, und Ihr habt jetzt die Folgen zu tragen. Ihr seid mit den Feinden des Landes hier eingedrungen, habt Sikukuni geholfen, eine Farm zu überfallen, und werdet daher das Leben lassen müssen, wenn Ihr Euch nicht so verhaltet, daß ich Euch der Nachsicht meiner Freunde empfehlen kann. Wie kommt Ihr mit dem obersten Häuptling der Kaffern zusammen?«

»Good God, das ist sehr einfach, Sir,« antwortete er sehr kleinlaut. »Ich hatte eine Botschaft jenseits der Gebirge auszurichten und traf unterwegs mit ihm zusammen.«

»Welche Botschaft ist es?«

»Eine rein geschäftliche, Sir; Ihr könnt es glauben!«

»Ich glaube es allerdings; doch sind die Geschäfte sehr verschiedener Art. An wen war die Botschaft gerichtet?«

»An – an einen Holländer.«

»Lügt nicht, sonst verschlimmert Ihr Euch Eure Lage!«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Die Wahrheit ist im Gegenteil, daß Ihr an den Lieutenant Mac Klintok geschickt seid!«

Er schwieg verlegen und überrascht.

»Nun, antwortet!«

»Wer sagt Euch das?«

»Eure Unvorsichtigkeit. Zur sichern Expedition eines wichtigen Auftrages gehört ein ganz anderer Mann als Ihr. Also noch einmal: Wie kommt Ihr mit Sikukuni zusammen?«

»Ich traf ihn zufällig; das ist die Wahrheit, so wahr ich ein Engländer bin!«

»Dann muß Eure Sendung für ihn eine freundliche, für die Holländer aber eine gefährliche sein. Wollt Ihr mir nichts Näheres mitteilen?«

»Ich darf nicht, Sir, denn ich verliere sonst meine Stellung!«

»Gut, so will ich nicht weiter in Euch dringen, Sir. Verliert nur auch die Rhinoceroshaube nicht, wie Ihr das Perspektiv und Eure interessante Briefsammlung verloren habt; es könnte sich sonst leicht einer finden, welcher eine Zeile um die andere liest!«

Er erbleichte.

»Was wollt ihr damit sagen, Sir?«

»Ich sage nur, was ich bereits gesagt habe: Wenn Ihr Euch im geringsten weigert, meinen Befehlen zu gehorchen, so schmeckt Ihr meine Kugel oder die Lanze meines Dieners. Jetzt werdet Ihr diesen schönen Brabanter Gaul besteigen; die Schuhe könnt Ihr wieder anziehen!«

Er sah, daß ich nicht spaßte, und stieg auf.

»Well, Sir, so meint Ihr wohl, daß ich mit Euch reiten soll?«

»Natürlich!«

»Aber ich habe ja noch meine Decke und meine Waffen bei den Kaffern!«

»Ihr braucht jetzt weder Decke noch Waffen. Zum Frieren ist es jetzt bereits zu warm, und überfällt Euch wieder ein Cerberus, so sitzt Ihr heut ja noch höher und sicherer als gestern. Übrigens werde ich Euch vielleicht schon morgen wieder zu Euren Sachen verhelfen! So, erlaubt mir einmal Eure Füße!«

Ich zog einen Riemen aus der Tasche und befestigte seine unendlichen Beine unter dem Leibe des Pferdes weg an demselben.

»Jetzt werdet Ihr nicht vom Gaule fallen, wenn ein Eber kommt! Steig hinten auf, Quimbo!«

Der Kaffer sah mich halb fragend und halb lachend an.

»Was soll Quimbo? England sitz' auf Pferd, und Quimbo soll sitz' auf England?«

»Nein, du sollst nicht auf England, sondern hinter England sitzen und dabei England so fest wie möglich halten!«

»Oh, Mynheer, oh, oh, das sein schön und gut für Quimbo, denn wenn Quimbo halt' England, so fall' Quimbo nicht von Pferd und werd' aufschneid' von Mynheer Uys!«

Er kroch auf den Rücken des Brabanters und umklammerte den langen Leib des guten Sir Hilbert Grey.

»So! Jetzt reitest du dort auf dem Schiefer immer grad nach West. Ich komme gleich nach!«

Er folgte der Weisung, kam aber nur mit Mühe vorwärts. Ich blieb zurück, um unsere Spuren zu verwischen; dann stieg auch ich auf und eilte den beiden nach. Auf dem harten Gestein war von einer Fährte keine Rede, und als wir eine Ecke des Waldes zwischen uns und den Kaffern hatten, ohne daß sich von diesen ein einziger gezeigt hatte, war ich sicher, daß dieselben keine Ahnung von unserer Gegenwart bekommen würden.

Der Brabanter war stark genug, die doppelte Last zu tragen, und als ich ihn am Zügel ergriff und nach Nord umlenkte, ging es im Galopp vorwärts, daß die Funken stoben. Der Engländer war kein übler Reiter, und Quimbo hielt sich an demselben so fest, daß ich immer scharf vorwärts trachten konnte, und Zeitverkürzung gab es auch, da sich Quimbo in den spaßhaftesten Bemerkungen über den Doppelritt erging und Sir Hilbert Grey sich alle Augenblicke nach dem Schicksale erkundigte, dem ich ihn entgegenführte. Natürlich fiel meine Auskunft sehr mangelhaft aus, da ich nicht zu seinen Richtern gehörte.

So mochten wir über zwei Stunden lang geritten sein, als am nördlichen Horizonte vier dunkle Bergspitzen auftauchten, welche sich von Minute zu Minute vergrößerten, so daß ich in ihnen die Raafberge erkannte. Ich hielt genau auf ihre Mitte zu, und die dritte Stunde war noch nicht vergangen, so erkannte ich das Doppelthal und auch den Stinkholzbaum, welcher auf der Höhe zwischen ihnen in die Lüfte ragte.

jetzt wurde das Fortkommen schwerer; es galt, Abhänge zu erklimmen und zwischen dichtem Gebüsch sich hindurchzuwinden. Auf dem Höhenzuge angekommen, zog ich den Krimstecher aus dem Etui und fixierte den Signalbaum. Ein Mann lehnte an seinem Stamme und beobachtete uns ebenso durch ein Rohr. Ich nahm den Hut ab und schwenkte denselben; er antwortete durch das gleiche Zeichen und stieg dann schnell den Abhang hinunter. Jedenfalls ging er in die Kloof, um die Boers zu benachrichtigen.

In größerer Nähe angekommen, erkannte ich nun mit dem bloßen Auge acht Gestalten, welche uns teils erwarteten, teils uns entgegen kamen. Unter den Vordersten befand sich Kees Uys, der allerdings ganz erstaunte Augen machte, als er mich sah.

»Ihr seid es, Mynheer? Das ist ja gar nicht möglich! Was treibt Euch zu uns, und wie kommt Ihr in so kurzer Zeit hierher? Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« fragte er.

»Schlimmes genug, aber es hat ein gutes Ende genommen,« antwortete ich.

»Und wen bringt Ihr hier?«

»Einen Gefangenen, den ich euch zu überliefern habe. Führt mich zu den andern, dann werde ich euch alles erzählen!«

Ich wurde, als mich Uys vorstellte, von den derben, biederen Männern herzlich willkommen geheißen. Dann nahmen wir den Engländer in die Mitte und schritten, während Quimbo in der Nähe der Wache bei den Pferden blieb, nach der Kloof hinab.

Dort saßen noch vier Männer. Ihr Gespräch war so ernst gewesen, daß sie sich durch die Nachricht von meinem Nahen in demselben gar nicht hatten stören lassen. Der eine war ein Kaffer von hoher, schlanker, aber kräftiger Figur; ich erriet sofort, daß es Somi, der vertriebene Bruder Sikukunis, sei. Zwei kräftige, untersetzte und echt neerländische Gestalten waren Zingen und van Hoorst, und der vierte, welcher allerdings wie ein Goliath vor mir stand, war kein anderer als Jan van Helmers. Er war um einen vollen Kopf länger als ich, und die Stärke seiner Glieder stand zu dieser Höhe in genauer Proportion. Das Leopardenfell, welches ihm als Karoßüber die Schultern hing, erhöhte den Eindruck kriegerischer Stärke, welchen diese Figur machen mußte, und doch blickten seine klugen Augen so gut und mild, daß man ihn vom ersten Augenblick an liebgewinnen mußte.

»Neef Jan, dieser Mynheer kommt von Jeffrouw Soofje und von Mietje,« benachrichtigte ihn Kees Uys.

»Von Mietje? Ist's wahr?« fragte er.

»Ja. Er kam mit mir zu ihnen und ist es wert, daß du ihn willkommen heißest!«

»Das thue ich ohnedies, da er unsern Ort kennt und also einer der Unserigen ist,« antwortete er, mir kräftig die Hand schüttelnd.

»Das ist er nicht, Neef Jan. Er ist ein Deutscher und kam nach dem Kap, um hier ein wenig spazieren zu gehen, wie es die deutschen Gelehrten zuweilen machen sollen. Ich brachte ihn zu Jeffrouw Soofje, und diese hat ihn gesendet, um dir wichtige Botschaften zu bringen.«

»Ah, da ist daheim etwas passiert! Setzt Euch, Mynheer; nehmt einen Trunk, und erzählt dann schnell!«

Er griff in eine Bodenvertiefung und langte nebst Glas eine Flasche des rühmlichst bekannten Kapweines hervor. Ich that Bescheid; das Glas ging rundum, und dann warteten alle mit Spannung auf meine Botschaft. Sir Hilbert Grey stand neben mir; eine Flucht aus der Mitte solcher Männer war nicht möglich, und man sah es ihm auch deutlich an, daß er bereit sei, sich in sein Schicksal zu ergeben.

Ich griff in die Tasche, zog sein Portefeuille hervor und nahm den Brief aus demselben. Er erschrak.

»Lest einmal diesen Brief, Mynheer!« bat ich Kees Uys.

Er that es und meinte dann:

»Findet Ihr etwas Sonderliches in ihm?«

»Gebt ihn weiter!«

Das Schreiben ging von Hand zu Hand, ohne daß einem einzigen die eigentümliche Fassung desselben aufgefallen wäre. Ich gab es Uys zurück und erklärte:

»Lest einmal die erste und dritte, die fünfte und siebente Zeile und so weiter, und fangt dann mit der zweiten wieder oben an!«

Er folgte dieser Weisung, und bald nahm sein Gesicht eine Spannung an, welche die andern neugierig machte.

»Ah, das ist etwas anderes; das ist ja ein Schreiben, welches wir Euch gar nicht mit Geld bezahlen können!« meinte er, als er die Lektüre beendet hatte.

»Gieb her; gieb her!« rief es von allen Seiten.

»Halt, das dauert zu lange. Ich werde euch den Brief vorlesen!«

Er begann, und als er zu Ende war, zeigte sich die Versammlung in der größten Aufregung.

»Das ist ja eine wahre Kunst, einen solchen Brief zu schreiben, und eine noch viel größere Kunst, das Geheimnis zu entdecken!« rief van Raal. »Wer hat es Euch verraten, Mynheer?«

»Niemand; ich fand es selbst.«

»Und wo fandet Ihr den Brief?«

»Nachher! Lest vorher diese Ordre!«

Ich nahm das Perspektiv des Engländers aus der Tasche und zog das Papier aus dem Rohre. Es wurde wieder von Uys vorgelesen, und auf die dann an mich gerichtete Bitte um Aufklärung wandte ich mich an den Gefangenen:

»Nehmt einmal Eure Mütze ab, Sir Hilbert Grey, und gebt sie diesem Herrn!«

Der Engländer gehorchte beinahe zitternd. Uys nahm die Mütze und nickte.

»Das also ist der Mann, und darum bringt Ihr ihn zu uns! Wollen das Duplikat gleich holen!« Er zog das Messer hervor und schnitt das Futter auf. »Hier ist es, und seht, es lautet dem anderen ganz gleich! Aber nun erzählt, Mynheer, wie Ihr zu dem Gefangenen kommt!«

»Ich fand ihn bei Sikukuni.«

»Bei Sikukuni!« rief es im Kreise, und selbst Somi, welcher bisher ruhig dagesessen hatte, machte eine Bewegung der Überraschung. »Das ist nicht möglich! Sikukuni ist beim Zuluheere drüben hinter den Bergen!«

»Sikukuni ist hier in der Nähe, und wenn ihr ihn fangen wollt, kann ich euch zu ihm führen!«

Sie sprangen alle auf, auch Somi, diese Männer, die sonst nicht leicht aus dem Gleichgewichte zu bringen waren.

»Scherzt Ihr oder ist es wirklich so?« wurde ich gefragt.

»Es ist so! Sikukuni war auf Eurer Farm, Mynheer van Helmers; er wollte Jeffrouw Soofje töten und Mietje mit sich nehmen. Ich hinderte ihn daran und verfolgte ihn bis in den Wald, den man zu Pferde in drei Stunden von hier erreichen kann.«

Jan legte mir die Faust schwer auf die Schulter.

»Wenn er den Meinen nur ein Haar gekrümmt hat, so ist er verloren. Erzählt, aber schnell, schnell!«

»Ja, erzählt und laßt uns nicht länger warten!« mahnten auch die andern.

Ich begann meinen Bericht und erzählte rasch alle Ereignisse seit gestern bis zu dem gegenwärtigen Augenblick. Sie lauschten in atemloser Spannung, und als ich geendet hatte, war der Eindruck von der Wahrheit meines Referates so groß, daß sie alle zu den Waffen griffen.

»Wir müssen hin; wir müssen ihn sofort überfallen!« rief Jan.

»Ja,« stimmte Zingen bei. »Haben wir ihn, so ist der Aufstand der Zulus schon vor dem Ausbruche so gut wie beendet!«

»Holt die Pferde!« meinte van Hoorst. »Wir dürfen keine Zeit verlieren!«

»Halt!« rief ich in die allgemeine Unruhe hinein. »Hört mich, Mynheers, ehe ihr einen Entschluß faßt!«

»Ja, hört ihn,« meinte Kees Uys. »Er hat in allem so gehandelt, daß uns seine Meinung nur von Nutzen sein kann!«

»Ihr seid hier versammelt, um wichtige Dinge zu besprechen. Seid ihr bereits fertig damit?«

»Nein.«

»Und braucht ihr lange Zeit, um es zu werden?«

»Nein. Wir sind im ganzen einig und haben nur noch Nebendinge zu bestimmen.«

»Es bleibt euch Zeit genug dazu, und es ist besser, gleich fertig zu werden, als zuvor von hier aufzubrechen und von neuem zu beginnen.«

»Aber dann entgeht uns Sikukuni!«

»Wie kann er euch entgehen, da er euch hier überfallen will! Ihr könntet ihn ruhig erwarten; da es aber doch möglich ist, daß er Verdacht geschöpft hat, so halte ich es allerdings für besser, ihn im Walde aufzusuchen; doch ist jetzt dazu noch nicht die richtige Zeit.«

»Wann dann?« fragte Jan, der vor Verlangen brannte, mit dem Zulu zusammenzugeraten.

»Beabsichtigen die Zulus, hierher zu kommen, so wird dies nicht vor nachts geschehen, und suchen wir sie auf, so dürfen wir erst nach Mitternacht aufbrechen, um sie gleich beim Tagesgrauen zu erreichen. In beiden Fällen bleibt euch Zeit zu euren Verhandlungen. Ihr braucht nicht wieder hierher zurückzukehren, könnt im Chore nach Jan van Helmers Farm reiten und dann nach dem Attersberge aufbrechen, um den Transport wegzunehmen, zu welchem ihr vielleicht zu spät kommt, wenn ihr hier zu viel Zeit versäumt.«

»Ihr habt recht,« meinte Zingen, »wenn wir nur sicher wären, daß Sikukuni morgen früh noch zu treffen ist!«

»Ja, er hat recht,« knirschte auch Jan, »wenn nicht Sikukuni auf den Gedanken kommt, uns auch beim Morgengrauen zu überfallen.«

»Warum?« fragte ich.

»Weil dann beide Gegner zu gleicher Zeit aufbrechen und einander umgehen können.«

»Das ist allerdings ein Gedanke, der seine volle Berechtigung hat.«

»Darum ist es besser, wir brechen sofort auf und – –«

»Und lassen uns von den Zulus bemerken,« fiel ich ein. »Verzeiht, Mynheers, wenn ich sage, ›uns‹ und also eure Sache auch zu der meinigen mache! Aber ich habe mich einmal in dieses Abenteuer verwickelt und möchte auch nicht gern den Schauplatz verlassen, bevor ich weiß, zu welchem Ende es führt.«

Da trat van Hoorst zu mir und bot mir die Hand; die andern folgten ihm.

»Redet nicht, Mynheer!« sagte er. »Ihr habt grad so gehandelt, als wäret Ihr einer der Unserigen; wir sind Euch viel Dank schuldig, und da wir jetzt nicht über eine große Zahl von Büchsen verfügen, so kann es uns nur willkommen sein, wenn Ihr die Eure auch ferner für uns sprechen lassen wollt! Was nun den Überfall betrifft, so stimme ich Euch in allem vollständig bei.«

»Und dennoch bin ich zu einer Konzession für Mynheer van Helmers bereit. Im Falle die beiden Feinde sich umgehen, müßten wir den Gegner wieder hier aufsuchen, wozu wir Zeit gebrauchen würden. Daher schlage ich vor, wir warten hier nur bis eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit und besetzen von der Dämmerung an den Eingang der Thäler in einer breiten Linie. Ist bis dahin von den Zulus nichts zu spüren, so brechen wir auf. Ich meine jedoch, daß sie den ganzen Tag verwenden werden, um nach dem Engländer zu suchen, der sich ihrer Ansicht nach im Walde verirrt hat; von Tschemba, der noch nicht bei ihnen angekommen ist, ganz abgesehen.«

Dieser Vorschlag wurde angenommen, obgleich Jan am liebsten sofort aufgebrochen wäre. Wie Achilles vor Troja, zog er sich zürnend zurück und verließ die Kloof, ohne an den weiteren Verhandlungen teilzunehmen.

Die erste derselben bezog sich auf den Engländer. Was ich vorhergesehen hatte, geschah. Als Diener seines Herrn traf ihn keine Verantwortung, und da er auch sonst nicht direkt feindselig gehandelt hatte, so beschloß man, ihn einstweilen als Gefangenen zu behandeln und nach Wegnahme des Transportes wieder freizugeben.

Nun wurde in Vereinigung das Mahl gehalten, bei welchem Jan so einsilbig blieb, wie vorher, und dann legte man sich in Anbetracht der zu erwartenden nächtlichen Anstrengung zur Ruhe,

Diese dauerte einige Stunden. Ich war der erste, welcher erwachte, und verließ die Kloof, um hinaus nach dem Baume zu gehen. Dort stand Quimbo und hielt mit stolzem Blick ein gewaltiges Roer in der Hand.

»Was thust du hier?«

»Was thu' Quimbo? Oh, oh, seh' nicht Mynheer, daß Quimbo steh'Wach'?«

»Du? Ich denke, Mynheer van Hoorst soll jetzt Wache haben?«

»Oh, Wach' hab' Mynheer Raal und dann Mynheer van Hoorst, aber hab' will' schlaf all' beid' und sag', Quimbo soll nehm' Flint' und steh' Wach' an Baum.«

Die beiden Männer hatten dem guten Kaffer mit diesem ehrenvollen Auftrage jedenfalls den größten Gefallen gethan, und da etwas Feindseliges jetzt nicht zu erwarten stand, so lag auch kein Grund vor, ihr Verhalten besonders straffällig zu nehmen.

»Es ist doch nichts passiert?« erkundigte ich mich.

»Passiert? Nein, nichts, gar kein'! Bloß groß', lang' Mynheer reit' fort.«

»Es ist einer fortgeritten?« fragte ich in sofortiger Ahnung und Besorgnis. »Wer?«

»Groß', lang', dick' Mynheer mit Fell von Leopard auf Achsel.«

»Wann war das?«

»Wann war? Gleich als Quimbo nehm Flint' und steh' Wach'.«

Also vor bereits zwei Stunden! Ich eilte nach der Kloof zurück und weckte die Schläfer. Sie erschraken bei meiner Kunde und traten sofort zu einer Beratung zusammen. Der hitzige Boer van het Roer hatte unsern ganzen Angriffsplan vereitelt, und es galt nun, ihm schleunigst nachzufolgen, um ihm Hilfe zu bringen, wenn er sich von seiner Verwegenheit hinreißen lassen sollte, sich den Zulus zu zeigen.

Der Engländer wurde wieder auf den Brabanter gebunden, Quimbo stieg hinten auf, und als alles fertig war, ging es in das Thal hinab, in welchem eine frische Quelle rieselte, von welcher der Ort den Namen Klaarfontein erhalten hatte, und von da aus in südlicher Richtung weiter. Als wir die Ebene erreichten, wurden die Pferde in Galopp gesetzt. Die Verhandlungen und nach ihnen die Ruhe hatten einen großen Teil des Tages in Anspruch genommen, und die Sonne neigte sich bereits dem Horizonte zu.

Die Pferde der Boers waren frisch, die unsrigen aber hatten einen angestrengten Ritt erst kurz hinter sich; dennoch war mein Engländer immer voran und zeigte nach einer guten Stunde nicht die geringste Ermüdung. Anders stand es mit dem Brabanter. Das schwere, wenn auch außerordentlich kraftvolle Tier war eine solche Flüchtigkeit nicht gewohnt, hatte eine doppelte Last zu tragen und folgte uns nur mit der größten Anstrengung. Nur noch eine Viertelstunde hatten wir auszuhalten; die Sonne war untergegangen, und es dunkelte bereits, als ich die Stimme Quimbos hörte.

»Mynheer, Mynheer, oh, oh! Mynheer komm zu Quimbo!«

Ich hielt und ließ ihn herankommen.

»Was giebt's?«

»Oh, Mynheer helf' Quimbo! Pferd nicht will mehr lauf, und England nicht will mehr reit'!«

»So! Ihr wehrt Euch, Sir Hilbert Grey, und glaubt vielleicht, in der Dunkelheit zu entkommen? Da irrt Ihr Euch. Gebt einmal Eure Hände her!«

»Was wollt Ihr?«

»Euch die Hände binden. Es ist so besser für meinen Diener.«

»Das lasse ich mir nicht gefallen, Sir!«

»Mir gleich! Ich habe keine Zeit, mit Euch zu verhandeln. Wenn Ihr Euch nicht gutwillig binden laßt, so schieße ich Euch ohne Gnade nieder. Also her mit den Händen!«

Ich war noch mit einem Riemen versehen und band ihm die Hände. Dann eilte ich den andern nach..

Ich holte sie bald ein und kam wieder an die Spitze. Ich hatte während meines Berichtes den Ort, an welchem die Zulus lagerten, so genau beschrieben, daß ihn Jan leicht hatte finden können. Sie waren jetzt, selbst wenn sie sich verteilt gehabt hatten, um den Engländer zu suchen, jedenfalls wieder dorthin zurückgekehrt, und daher hielt ich, als wir um die letzte Waldecke gebogen waren, beinahe grad auf den Platz zu.

Ungefähr da, wo ich die vorige Nacht gelagert hatte, hielt ich an und sprang vom Pferde.

»Steigt ab, Mynheers; bindet eure Tiere an; nehmt eure Waffen und folgt mir so leise wie möglich!«

Sie thaten es, und noch waren wir mit den Pferden beschäftigt, so ertönten zwei Schüsse aus der Richtung des Kaffernlagers.

»Vorwärts, Mynheers; Jan ist in Gefahr!«

jetzt war von Vorsicht keine Rede mehr; wir brachen durch die Büsche, wie es ging, ich voran und die andern mir nach. Die Dunkelheit verhinderte uns, alle Hindernisse zu erkennen; deshalb dauerte es eine geraume Weile, ehe ich die Lichtung erreichte. Hier bot sich ein Anblick, der einen Krieger in Entzücken versetzen konnte. Von der hochflackernden Flamme eines Lagerfeuers hell erleuchtet, stand Jan inmitten der ganzen Zulubande. Der Hut war seinem Kopfe entfallen, und das lange, blonde Haar wehte wie eine Löwenmähne auf das Leopardenfell hernieder. Sie alle hoch überragend, hielt er sie mit dem Kolben seiner Büchse von sich ab, und jeder Hieb, den er führte, warf einen Feind zu Boden. Dennoch hätte er unterliegen müssen, wenn wir nicht rechtzeitig erschienen wären.

Ich erhob meine Büchse und gab zwei Schüsse ab; rechts und links von mir blitzte es auf, und dann warfen wir uns auf die Lichtung. Wir trafen – nur mit Jan zusammen, der uns anstarrte und dann mit einem: »Ich muß ihn haben!« in die Büsche sprang. Auf dem Platze lagen die Leichen; die andern, verwundet oder unverwundet, hatten sich alle gleich nach unsern Schüssen in das Gesträuch geworfen.

Einem augenblicklichen Impulse folgend, eilte ich hinter Jan her. Seitwärts ertönte lautes Schnaufen und Pferdegewieher; ich wandte mich dorthin und kam grad noch zur rechten Zeit, um einen Trupp Kaffern längs des Waldrandes an mir vorübersprengen zu sehen. Der vorderste von ihnen wandte sich zu den übrigen zurück und rief ihnen einige Worte zu, von denen ich nur »indhlu het roer« verstehen konnte. »Indhlu«, so viel wußte ich, bedeutet in der Zulusprache so viel wie Haus, und »het roer« bezog sich jedenfalls auf Jan, der ja weithin als der Boer van het Roer bekannt war.

Demnach schien der entkommene Häuptling entschlossen zu sein, sofort zur Farm zurückzureiten, um sich für den heutigen Überfall zu rächen.

Eben stand ich im Begriff, zum Kampfplatze zurückzukehren, als ich zwischen meinem gegenwärtigen Standpunkte und der Waldecke zwei laute Stimmen vernahm, die ich augenblicklich erkannte:

»Still, England! Nicht sprech' kein Wort zu Quimbo! Quimbo nicht will hab' Geld und nicht will hab' Geschenk. Quimbo hab' gut' Mynheer, viel' groß' gut' Mynheer, und Quimbo thu', was sag' Mynheer. Mynheer sag', daß England bin' fangen, und Quimbo halt' fest England!«

»Well, so gebe ich dir noch mehr! Ich gebe dir auch noch ein Roer, mit dem du eine ganze Meile weit schießen kannst!«

»Nun aber still, England! England hab' nicht gut Roer, denn England kann nicht einmal schieß' tot Sau mit Roer! England will schieß' Meil' mit Roer? Was bin Meil'? Bin Meil' Sau oder Katz'? Kann Quimbo eß' Meil', wenn Quimbo hab' schieß' tot Meil'?«

»Wenn du meine Riemen zerschneidest und mich gehen lässest, so gebe ich dir einen ganzen Wagen voll Fett für dich und deine Haare, einen Wagen voll Fett, welches so gut riecht, daß – –«

»Schweig!« fiel ihm der Kaffer, jetzt ernstlich bös, in die Rede. »Wo will England hab' ganz' Wad voll Fett, wenn England nur hab' lang', dünne Knochen? Das Fett von England riech' gut? Was versteh' England von riech' gut! England riech' an Quimbo, dann wird England seh', wer riech' gut, England oder Kaffer!«

Der Elefantentritt des Brabanters war jetzt in meine Nähe gekommen. Welch ein Glück, daß der brave Diener nicht eine Minute früher anlangte! Er wäre sicher in die Hände der erbosten Zulus gefallen. Ich trat hervor und auf die beiden Reiter zu. Augenblicklich glitt Quimbo vom Pferde, nahm hinter demselben Platz, faßte es am Zügel und erhob den Speer.

»Teta ilizwi? Wer bin da?« rief er mich an.

»Ich bin es, Quimbo!«

»Oh, oh, Mynheer, Quimbo bin froh, daß Quimbo seh' Mynheer. England will reiß' aus Quimbo, und Pferd will nicht reiß' aus, sondern fall' um mit England und Quimbo!«

»Warte hier!« beschied ich ihn und eilte zum Kampfplatze, wo ich die Roers alle fand.

Auch Jan war zurückgekehrt und stand schweigsam unter den Vorwürfen der andern da.

»Mynheers, die Zulus sind zu Pferde entkommen,« sagte ich. »Seht, ob ihr eines von ihren übrigen Tieren fangen könnt für den Engländer, der da draußen mit meinem Diener hält. Ich werde sehen, wohin die Zulus gehen. Wartet, bis ich zurückkehre!«

Ich suchte so schnell wie möglich unsere Tiere auf, bestieg meinen Engländer und trieb ihn im schnellsten Galopp hinaus auf die Ebene. Wohl an die zehn Minuten lang ritt ich so fort; dann stieg ich ab und legte mich mit dem Ohre an die Erde. Mein ausgezeichnetes Tier hatte mich weit fortgetragen, so daß ich den fliehenden Kaffern ziemlich nahe gekommen war. Ich hörte den Hufschlag ihrer Pferde ganz deutlich und war mir nun auch über die Richtung klar, welche sie einschlugen: es war wirklich diejenige nach der Farm Jan van Helmers'.

Es konnten ihrer beinahe noch ein Dutzend sein, und wenn sie die Farm wirklich erreichten, so stand ein schwerer Kampf für die Nachbarn zu erwarten. Das mußte verhütet werden, wenn es nur irgend möglich war.

Ich ritt zurück. Am Walde angekommen, traf ich die Boers mit dem Engländer beschäftigt, der um seine Entlassung bat. Sie konnten seinen Wunsch nicht erfüllen, da es ihm dann möglich war, unser Vorhaben in Beziehung des Transportes zu verraten. Es war ihnen gelungen, drei Pferde der Zulus einzufangen, deren eines für Sir Hilbert Grey bestimmt ward. Ich machte sie mit meiner Entdeckung bekannt, und augenblicklich griff Jan nach seinem Pferde.

»Ich reite fort; kommt nach, Mynheers!« rief er und erhob den Fuß, um aufzusteigen.

Ich ergriff ihn beim Arme und hielt ihn zurück.

»Bleibt noch eine Weile, Mynheer,« bat ich; »Ihr wißt ja, daß eine Überstürzung selbst in der größten Gefahr nur zum Schaden gereicht. Gebt Eurem Pferde eine halbe Stunde Ruhe und laßt es ein wenig fressen. Da drüben fließt der Bach, wo es auch trinken mag. Auf das Pferd kommt es an, ob der Reiter vorwärts kann!«

»Ihr habt recht, Mynheer; aber eine halbe Stunde nur, nicht länger, und dabei mag es bleiben!« antwortete er und führte das Tier nach der angegebenen Richtung zur Tränke.

»Führe die unsrigen nach, Quimbo!«

»Ja, Mynheer. Pferd muß freß' und muß sauf; aber Quimbo laß' sauf nicht zwei Pferd', sondern drei Pferd'!«

Er nahm außer meinem Engländer und dem Brabanter noch eines von den Zulupferden mit. Ich hatte keine Zeit, mich nach dem Grunde dieses Verfahrens zu erkundigen, und untersuchte die beiden andern Pferde. Es waren Tiere von jener kleinen und außerordentlich dauerhaften Mozambiquerasse, welche die Kaffernhäuptlinge gern für sich und ihre Günstlinge gebrauchen, während ihre Truppen meist nur aus Fußvolk bestehen. Sie trugen zu beiden Seiten des Sattels je ein ziemlich großes Säckchen gestoßenen Mais, eine Maßregel, welche die Tiere zu großer Ausdauer befähigt, da dieses Futter länger anhält, als die dürren Halme, welche das Land bietet.

Noch gab ich mich dieser Betrachtung hin, als Quimbo zurückkehrte und die beiden andern Pferde beim Zügel nahm.

»Pferd hier auch sauf!«

Damit trollte er sich von dannen. Er mußte eine bestimmte Absicht haben. Vielleicht war ihm der Rücken des Brabanters zu breit und er wollte in der Stille einen günstigen Tausch vollziehen. Ich hatte nichts dagegen und schwieg also; nur eine Bemerkung machte ich ihm:

»Nimm diese Säcke in acht, Quimbo; es ist Mais darin, der außerordentlich gut für die Pferde ist.«

»Mais? Oh, oh, Mais werd' bekomm' nicht Boer, sondern Mynheer und Quimbo!«

Er ging, und ich trat zu den andern, um mich mit ihnen zu besprechen. Jan kehrte zurück. Er hatte sein Pferd unter der Aufsicht Quimbos gelassen und wollte hören, was wir berieten.

Es verstand sich ganz von selbst, daß wir den Zulus schleunigst zu folgen suchten; nur war es fraglich, ob unsere Pferde von gleicher Ausdauer seien. Das meinige erhielt den ersten Preis, und da sich Jan nicht halten ließ, so wurde ausgemacht, daß ich mit ihm vorausreiten sollte, während die andern nach Kräften nachfolgen konnten.

Ich ging nach dem Brunnen und teilte dies Quimbo mit.

»Quimbo reit' mit Mynheer!« erklärte er.

»Du darfst nicht; du mußt über den Engländer wachen!«

Er drehte sich um und antwortete nicht. Als Jan kam, um aufzusitzen, that ich das Gleiche und bemerkte, daß sowohl sein Pferd als auch das meinige mit Mais versehen seien, ein Zeichen der Aufmerksamkeit meines guten Kaffern.

Wir nahmen von den Boers Abschied, welche bis gegen Morgen hier halten wollten; ich empfahl ihnen Quimbo, und dann ging es fort. Jan ritt schweigsam neben mir her; er hatte sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen, und ich störte ihn nicht. So waren wir wohl eine halbe Stunde lang im Trabe fortgeritten, als ich Hufschlag hinter mir vernahm. Ich hielt, um den Reiter zu erwarten. Er kam in völliger Carriere herbei und vermochte kaum, sein Pferd vor mir zu halten. Gleich beim ersten Worte, welches ich hörte, erkannte ich Quimbo.

»Mynheer, oh, oh, Quimbo schon denk', Quimbo treff' nicht Mynheer!«

»Was willst denn du?«

Ich hatte beinahe so etwas vermutet, und darum mochte meine Frage nicht sehr streng klingen.

»Quimbo nicht bleib' bei Boers; Quimbo reit' mit gut', lieb' Mynheer. Quimbo hab' Pferd von Zulu und hab' Mais für Pferd.«

»Wo hast du denn den Brabanter?«

»Brabant' thu' weh Quimbo an Bein; Quimbo kann nicht bring' zusamm' wieder Bein. Brabant' bin bei Boers; Boers mag auch weh thu' Bein!«

Ich mußte lachen über diese menschenfreundliche Ansicht des Dieners.

»So komm! Ich kann dich doch nicht wieder zurückschikken.«

Der Ritt wurde in möglichster Eile fortgesetzt. Quimbo konnte seinen Mozambique besser umspannen, und wenn er auch beinahe glatt auf dem Rücken desselben lag, so war er doch besser daran als früher auf dem Brabanter. Die ganze Nacht ging es vorwärts, bis der Morgen graute und die Pferde sich etwas ausruhen mußten. Es wurde gefüttert, und dann saßen wir wieder auf.

Wir hatten die Spur der Zulus getroffen; sie mußten außerordentlich gut beritten sein, sonst hätten wir sie wohl bald eingeholt. Freilich konnten sie sich denken, daß sie verfolgt wurden, und darum mochten sie ihre Pferde nach Möglichkeit anstrengen, grad wie wir es thaten.

Gegen Mittag wurde nochmal Rast gemacht, und als wir später zur Abenddämmerung wieder anhielten, befanden wir uns bereits in der Nähe des Waldes, in welchem ich zum erstenmal mit, Sir Hilbert Grey zusammengetroffen war. Die Pferde dampften und trieften vor Schweiß, und ihre Flanken schlugen, so daß wir die übrige Strecke unmöglich zurücklegen konnten, ohne wenigstens einige Minuten auszuruhen. Das konnte für die Farm verderblich werden, und sobald wir nur einigermaßen wieder Atem geschöpft hatten, ging es weiter.

Wir hatten die ganze, auf zwei Tagreisen geschätzte Strecke in nicht ganz einem Tage zurückgelegt, wobei in Betracht zu ziehen war, daß mein Pferd die ganze Strecke hin und zurück ohne die nötige Zwischenpause unter die Hufe genommen hatte. Das mußte bei der Quellenarmut der Gegend und dem meist steinigen Boden über die Kräfte selbst des besten Tieres gehen, und es war daher nicht zu verwundern, daß wir nur im Schritte nach der Höhe strebten, von welcher sich das Thal absenkte, in dem Jans Farm lag.

Noch hatten wir die noch nicht ganz erreicht, als uns von drüben herauf Schüsse entgegen tönten.

»Hier, Quimbo, halte die Pferde! Zu Fuße kommen wir schneller hinab!« gebot ich und sprang ab.

Jan folgte mir, und nun ging es im ausgestreckten Laufe den Berg vollends hinan und dann auf der entgegengesetzten Seite desselben hinab.

Die Schüsse wiederholten sich und lieferten uns den Beweis, daß die Nachbarn wach gewesen und von den Zulus nicht überrascht worden waren. Wir langten keuchend beim Garten an, sprangen am Zaune hin und bogen um die Ecke des Hofes, da wir annahmen, daß das Thor vor allen Dingen Gegenstand eines Angriffes sein müsse. Wir hatten uns geirrt, denn eben als wir es erreichten, ertönte von der hinteren Seite des Wohngebäudes her ein Schuß.

»Sie sind über die Planken gestiegen und befinden sich bereits in Hof und Garten. Die Unsrigen schießen aus den oberen Fenstern. Kommt!« meinte Jan, indem er wieder umkehrte, längs der Mauer hineilte und dann über den Zaun voltigierte.

Auch ich schwang mich hinüber und hatte den Fuß kaum zur Erde gesetzt, als ich einen krachenden Kolbenschlag vernahm.

»Einer!« rief Jan.

Auch ich sah eine dunkle, nackte Gestalt auf mich zuschnellen, erhob die Büchse und drückte ab.

»Zwei!«

»Hallooh! Wer schießt da unten?« fragte eine tiefe Stimme aus dem Fenster herab.

»Ich bin es, Baas Jeremias!« antwortete Jan, indem auch er auf ein Ziel, welches ich nicht erkannte, abdrückte. Ein lauter Schrei bewies, daß er getroffen hatte. »Wo sind die Schurken?«

»Nur zwei oder drei im Hofe –«

»Die sind abgethan!«

»Die andern im Garten!«

»Ah, ich werde ihnen jemand schicken!«

Er trat an das Häuschen des Leoparden.

»Tüfel!«

Ein eigentümlich pfauchendes Zischen ließ sich vernehmen.

»Komm, mein Tüfel; du hast seit langem keinen Zulu mehr gesehen!«

Er zog das mächtige Tier an der Kette aus dem Hause und schlang ihm dieselbe um den Hals.

»Tretet nahe zu mir, Mynheer! Er ist gut abgerichtet, thut keinem aus dem Hause etwas, und auch Ihr habt nichts zu fürchten, wenn Ihr bei mir steht. Baas Jeremias!«

»Hallooh, was ist's?«

»Ist jemand von den Leuten draußen? Ich lasse den Tüfel los.«

»Immer los, Neef Jan! Wir sind alle hier im Hause.«

Jan führte das Tier bis an die Hofecke, zeigte nach dem Garten und ließ los.

»Faß, Tüfel!«

Im nächsten Augenblick war das Tier verschwunden, und gleich darauf vernahmen wir einen entsetzlichen Schrei, dem ein kurzes, zorniges Brüllen folgte.

»Schon einer! Kommt, Mynheer, ich schicke ihnen noch jemand!«

Er schritt auf einen niedrigen Schuppen zu und öffnete die Thür.

»Rob!«

Im Augenblick kam der Strauß hervor.

»Faß!« gebot der Boer, nach dem Garten deutend.

Der Vogel folgte dem Befehle und stieß davon.

»Wird der Leopard dem Strauße nichts thun?« fragte ich.

»Fällt ihm nicht ein! Sie trinken Milch aus einem Kübel. Aber jetzt kommt, Mynheer! Wir müssen die Pferde der Kaffern zu entdecken suchen, dann sind die Schurken verloren.«

Wir sprangen wieder über den Zaun, während im Garten ein Schrei dem andern folgte. Die Pferde befanden sich jedenfalls in der Nähe des Hauses; darum meinte ich:

»Wir umgehen das Haus in einiger Entfernung von den Planken, Ihr dahin und ich dorthin, Mynheer Jan!«

»Nein, Ihr müßt bei mir bleiben wegen des Leoparden, wenn dieser über den Zaun setzen sollte, was ich aber nicht erwarte.«

Da huschte es an uns vorüber, eine Gestalt und noch eine. Ich gab ihnen schnell meinen noch übrigen Schuß nach. Ein dritter wollte vorbei, empfing aber die zweite Kugel Jans, und dann hörten wir auch schon das Schnaufen von Pferden, deren Hufschlag sich entfernte.

»Dort also hielten sie,« rief Jan. »Die beiden sind entkommen, wenn Ihr keinen von ihnen getroffen habt.«

»ich traf den zweiten; das weiß ich ganz genau. Und doch sind wohl zwei davon, denn es hat jedenfalls einer bei den Pferden gestanden.«

»Die übrigen aber sind verloren; denn ich kenne meinen Tüfel.«

Noch während er sprach, knackten die Planken; ich glaubte, ein vierter Zulu wolle herüber, und kehrte die Büchse zum Schlage um, aber es war der Leopard, welcher zur Erde schnellte, sich dann mit der Raschheit des Blitzes auf mich stürzte und mich zur Erde riß.

»Tüfel!« rief ihn Jan von mir zurück, aber das Tier hatte Blut geschmeckt und seine ganze Wildheit wieder bekommen.

Die eine Tatze krallte sich tief in das Fleisch meiner Achsel, und die Zähne versuchten, meine Kehle zu erreichen. Ich lag unter ihm, hielt ihn am Halse gefaßt und drückte den Kopf fest an mich, um das fürchterliche Gebiß unschädlich zu machen. Die Beine schlang ich um seinen Hinterleib und zog denselben hart zu mir hernieder, so daß mir hernieder, so daß mir auch die Hinterpranken nicht gefährlich werden konnten. Dennoch hätte ich ohne Jans Hilfe unterliegen müssen. Dieser faßte die Kette, riß mit einem gewaltigen Rucke das Tier von mir weg und schleuderte es mit solcher Wucht gegen die Planken, daß nicht nur diese, sondern auch die Glieder des Leoparden krachten.

Die Geschichte erzählt von Männern, welche Löwen einfach mit der Hand erwürgt haben sollen; ich hatte bisher an der Wahrheit dieser Erzählungen gezweifelt, wurde jetzt aber überzeugt, daß es menschliche Individuen geben könne, deren physische Kraft selbst derjenigen eines solchen Tieres gewachsen ist. Ich raffte mich auf und zog das Messer.

»Wir müssen ihn töten!«

»Ist nicht nötig, Mynheer; er ist bereits unschädlich!«

Der Boer kniete auf dem Leoparden, der sich gegen den mächtigen Druck nur durch ein dumpfes Heulen wehren konnte, und schlang die Kette um einen der tief in die Erde eingelassenen Steine, welche die Stützen des Plankenzaunes bildeten. Dann erhob er sich.

»Hier hängt er sicher, bis zum Tage, wo das Auge hinreicht, ihn fügsam zu machen. Seid Ihr verwundet?«

»Ein wenig an der Schulter.«

»So kommt schnell, damit Ihr verbunden werdet! Es war allerdings wohl eine Unvorsichtigkeit, das Tier loszulassen, uns aber wären mehr Feinde entgangen als ihm.«

Er stieg über den Zaun, und auch ich that es trotz der Schmerzen, welche ich dabei an der verwundeten Achsel empfand.

»Macht die Thür auf, Baas Jeremias!«

»Sogleich, Neef Jan!« antwortete der Boer von oben herunter. »Wie ist's mit den Kaffern?«

»Zwei sind entkommen; die andern werden wir uns anleuchten.«

Die Thür wurde geöffnet, und wir standen im Begriffe, einzutreten, als wir jenseits des Zaunes nahendes Pferdegetrappel vernahmen, welches von einer hilferufenden Stimme übertönt wurde.

»Au, oh, oh! Mynheer, helf! Bös' Geist will freß' Quimbo und freß' Pferd!«

Was konnte das für ein Geist sein? Jan eilte zum Thore und zog es auf. Nach wenigen Augenblicken kam Quimbo auf seinem Mozambique hereingesprengt; ihm folgten, trotzdem er sie nicht am Zügel hatte, die beiden andern Pferde, und hinter diesen fegte mit weit vorgestrecktem Halse der Strauß herein.

»Oh, Geist will fang' arm' Quimbo. Mynheer schieß' tot Geist!« rief der Kaffer, jetzt vor mir haltend und mit ängstlicher Gebärde zurückdeutend.

Baas Jeremias stand mit einer großen Laterne unter der Thür, so daß wir deutlich zu sehen vermochten. Der Strauß war, wie wir später bemerkten, durch die jedenfalls von den Zulus geöffnete Plankenpforte aus dem Garten geraten und auf Quimbo gestoßen, der sich dem Hause genähert hatte und in der Dunkelheit den Vogel nicht erkennen konnte. Jetzt sah er freilich, mit welcher Art von Geistern er es zu thun gehabt hatte, und der Mut kehrte ihm zurück. Vom Pferde springend, faßte er seinen Wurfspeer und schlug damit kräftig auf seinen Verfolger los.

»Was? Geist bin Vogel, bin Strauß? Wart, Quimbo will zeig' Vogel, zu mach' Geist!«

Er hatte sich in seinem Gegner verrechnet. Der in der Freiheit so schüchterne und furchtsame Strauß ist in gezähmtem Zustande oft ein sehr tapferer Wächter des Hauses und, wenn er einmal zum Bewußtsein seiner Stärke gelangte, ein Kämpe, mit dem man nicht so leicht anbinden darf. Quimbo sollte dies sofort erfahren; der Vogel riß ihn mit einem kraftvollen Anlaufe zur Erde, versetzte ihm einige höchst energische Beintritte und schlug mit dem Schnabel nach seinem Kopfe, wobei er unglücklicherweise nach der Frisur zielte, die im Augenblick ihre künstlerische Pantoffelform verlor. Der Unterliegende stieß ein gellendes Zetermordio aus.

»Helf', Mynheer! Oh arm' Quimbo, oh schön' arm' Haar von Quimbo! Mynheer, hau' tot, schlag' tot, stech' tot, schieß' tot Strauß!«

»Rob, zurück!« rief Jan und faßte den Vogel bei einem der kurzen, schlagenden Flügel.

Das Tier gehorchte und wurde von dem Boer nach dem noch offenen Schuppen gebracht. Quimbo raffte sich auf und wollte, seinen Schopf noch immer mit den Händen haltend, sein Lamento fortsetzen, als er meine zerfetzte Schulter bemerkte, von welcher allerdings das Blut sehr reichlich niederfloß. Sofort sprang er auf mich zu und rief besorgt:

»Mynheer hab' Wund'? Mynheer bin schlag' bald tot? Oh, oh, gut' arm' Mynheer! Quimbo werd' bind' zu Wund' von lieb Mynheer!«

Die Nachbarn und auch Mietje waren herbeigekommen. Bei den Worten Quimbos vergaßen sie die Fragen und Erkundigungen, welche sie jedenfalls auf den Lippen hatten, und umringten mich. Ich wurde in das Haus und in die Stube gezogen, wo man meine Wunde untersuchte. Sie zeigte sich zwar als schmerzhaft, aber nicht gefährlich. Während des Verbindens ging es ans Fragen und Erzählen, und dann begaben wir uns mit Laternen und wohl bewaffnet hinaus, um nach den Zulus zu sehen.

Im Hofe lagen drei Leichen. Hinter dem Hause hatte der Tod eine noch reichlichere Ernte gehalten, denn dort fanden wir fünf gräßlich zerfleischte Körper, von denen zwei augenscheinlich unter den Schnabelhieben des Straußes gestürzt waren, ehe der Leopard sie vollends getötet hatte.

Nun suchten wir nach der Richtung, in welcher die Pferde gestanden hatten. Auch hier waren unsere zwei Schüsse tödlich gewesen, zum großen Grimme Jans aber befand sich Sikukuni nicht unter den Gefallenen. Er war abermals entkommen.

Am vorhergehenden Tage hatten die Nachbarn die im Walde gefallenen Zulus beerdigen und deren von uns versteckten Habseligkeiten nach der Farm bringen lassen. Am nächsten Morgen stand ein bedeutenderes Begräbnis bevor, mit welchem wir bis zur Ankunft der zurückgebliebenen Boers warten wollten. Dann sollte ein Gericht über den gefangenen Tschemba gehalten und das Nötige über die Verfolgung Sikukunis und die Aufhebung des Waffentransportes bestimmt werden. – –

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