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Auf fremden Pfaden

Karl May: Auf fremden Pfaden - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleAuf fremden Pfaden
booktitleAuf fremden Pfaden
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20242-1
sendernadja@abc.de
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Der Boer van het Roer

1.

Wie eine riesige Sphinx, deren Rätsel seit Jahrtausenden ihrer Lösung harren, liegt an der südlichen Spitze der alten Welt und bespült von zwei mächtigen Oceanen die an Gegensätzen ebenso wie an Geheimnissen reiche Ländermasse von Afrika. Hunderttausende von Quadratmeilen dürsten hier unter dem Fluche der Unfruchtbarkeit oder bilden weite Steppenplateaus, deren spärliche Vegetation nur in der feuchten Jahreszeit dem Springbocke und den ihm verwandten Arten ein Dasein gestattet. Unzählige Bäche und Wadis stürzen im Frühjahre donnernd und schäumend zu Thal, um schon nach kurzem Laufe im dürren Sande zu versiegen und ihren Lauf mit wüstem Geröll und Steingetrümmer zu bezeichnen; und wo die Gesittung es wagt, den kühnen Fuß auf den widerstrebenden Boden zu setzen, da muß sie sich zum Kampfe mit Gewalten rüsten, welche über Tod und Verderben gebieten. Und hart neben diesen sterilen Strecken schafft eine riesige Natur die gigantischsten pflanzlichen und tierischen Erscheinungen des Erdballes. Während die Wüstenglut selbst den Keim des kleinsten Gräschens im brennenden Sande erstickt, treiben nicht weit davon die Massen der ›heimatslosen Fanna auf den Wassern des Sees; dichte Talebwälder strecken ihre Palmenkronen zum Himmel empor, und der mächtige Baobab breitet auf unzerstörbar scheinendem Stamme seine massigen Äste dem flammenden Lichte entgegen. Hier vermag man in dem Tode der Steppe kaum an das Vorhandensein eines niedrigen Insektes oder Wurmes zu glauben, und dort schon am Saume der Einöde erschallt die Stimme des Löwen; die Giraffe weidet in den Wipfeln der Bäume und Sträucher; weiterhin erdröhnt der Boden unter den Tritten des Elefanten und Nashornes, und der Hippopotamus wälzt sich im tiefen Schlamme stagnierender Gewässer.

Ein Erdteil von der armen Küstenentwickelung Afrikas bietet dem Seefahrer keinen gastlichen Empfang und läßt sich nur unter großen Anstrengungen von der Civilisation erobern; darum kennen wir Afrika auch heute noch weniger als Amerika und Australien, von deren Dasein keine Ahnung vorhanden war, als die Südküste des mittelländischen Meeres längst einer hohen, leider aber wieder verschwundenen Kultur zu Diensten war. Während in den Meeren der mittleren Zone längst die Wimpel flatterten und zahlreiche Segel, die allerdings nur Küstenfahrzeugen angehörten, sich im Winde blähten, lag der dritte Teil der alten Welt als mythenhafter Koloß zwischen dem atlantischen und indischen Ocean, und nur spärlich ertönt die Kunde, daß ein kühner Schiffer eine verwegene Fahrt längs seiner Gestade versucht habe.

Daß bereits im Altertume das Südkap von geschichtlichen Völkern gekannt und umfahren worden sei, ist teils lose Vermutung, teils Sage. So glaubte z. B. Kant, nach Buch I der Könige, Kap. 22 annehmen zu können, daß zur Zeit des jüdischen Königs Josaphat die Seereisen vom arabischen Meerbusen aus um das Kap nach Spanien etwas Gewöhnliches gewesen seien, und Herodot erzählt, daß Karthager, welche von dem ägyptischen König Necho gesendet waren, um 610 vor Christus denselben Weg zurückgelegt hätten. Übrigens galt schon ein weiteres Vordringen an der Westküste Afrikas, wie die Fahrt des Karthaginiensers Hanno um 500 vor Christus, obgleich dieselbe doch höchstens bis Guinea ging, für eine Umschiffung dieses Erdteiles. Daß später der Kyzikener Eudoxos von Gades aus eine Reise um das Kap in den arabischen Meerbusen gemacht habe, ist eine Erdichtung.

Es scheint sicher zu sein, daß bis gegen das Ende des 15. Jahrhunderts von Norden aus niemand an und um das Kap gekommen sei. König Johann von Portugal sendete ein kleines Geschwader unter Bartholomäus Diaz aus; dieses umsegelte 1487 auch wirklich das Kap; weiter vorzudringen hinderte jedoch den kühnen Mann eine unter seinen Leuten ausgebrochene Meuterei. Wegen der schrecklichen Stürme, welche er an dem Vorgebirge auszustehen hatte, nannte er dasselbe Cabo tormentoso (stürmisches Vorgebirge). König Johann aber änderte diesen Namen in »Kap der guten Hoffnung« um, da er nun nicht mehr zweifelte, den Seeweg in das Wunderland Indien gefunden zu haben.

Sein Nachfolger, König Immanuel, schickte eine Flottille von vier Schiffen unter Vasco da Gama aus, um den aufgefundenen Weg weiter zu verfolgen, welche Aufgabe dieser berühmte Mann auch wirklich löste. Doch war es den Portugiesen nur um den Weg nach Indien zu thun; um die Südspitze Afrikas kümmerten sie sich nicht.

Erst die Holländer besetzten dieses Land 1600 durch den Seekapitän Van Kisboek und beschlossen, es zu kolonisieren. Die niederländischen Einwanderer, Boers genannt, warfen die Hottentotten zurück, drangen nach und nach bis zu den Kaffern vor und rangen auch diesen eine Strecke Landes nach der andern ab. Die Ansiedelung wuchs und erregte den Neid der Engländer, welche durch Anwendung aller Mittel die Holländer zu verdrängen suchten und auch nicht eher ruhten, als bis sie 1714 im Pariser Frieden das Land abgetreten bekamen. Dies zog eine Zufuhr englischer Kolonisten nach sich, welche die holländischen Boers in jeder Weise beeinträchtigten, und es entstand zwischen beiden eine Feindseligkeit, die in den Kämpfen der Kolonie mit den Eingeborenen eine sehr bedeutende Rolle spielt.

Während die Eingeborenen des Kaplandes dem Europäer bisher als unbefähigte Horden galten, hat der jetzt noch wütende Kampf zwischen den Engländern und Kaffern bewiesen, daß die letzteren keineswegs zu verachtende Gegner seien; und wenn wir auch annehmen müssen, daß sie wie die Indianer Amerikas an dem grausamen Gesetze zu Grunde gehen werden, welches dem Kaukasier die Aufgabe erteilt zu haben scheint, an dem Untergange seiner farbigen Brüder zu arbeiten, so steht zu vermuten, daß die Anwohner der Kalahari sich ebenso wie der Wilde des amerikanischen Westens bis auf das Messer gegen seinen in jeder Beziehung übermächtigen Feind verteidigen werde. Der Tod einer Nation ist niemals ein plötzliches Stürzen in die Vergessenheit, sondern ein gewaltiges Zucken und Ringen, ein allerdings immer schwächer werdendes, aber lange andauerndes Aufbäumen, welches in glühendem Hasse noch im letzten Augenblick den Feind mit in das Verderben zu ziehen sucht. – – –

Ich hatte auf einer Reise durch die niederländische Provinz Zeeland eine Familie Van Helmers kennen gelernt und bei derselben trotz ihrer Armut eine herzliche Gastfreundlichkeit gefunden. Ich erfuhr, daß ein Großohm des Hausvaters nach dem Kap der guten Hoffnung übergesiedelt sei. Man hatte mit ihm und seinem Sohne lange in gelegentlich brieflicher Verbindung gestanden, bis der Sohn mit so vielen anderen Boers vor den andringenden Engländern über das Drachengebirge gestiegen war, um sich in der jetzigen Kolonie Transvaal ein neues Heimwesen zu gründen. Seit dieser Zeit hatten die Nachrichten aufgehört, doch gedachte die Familie ihrer Verwandten mit lebhafter Anhänglichkeit, und als ich meine Absicht, nach dem Kaplande zu gehen, verlauten ließ, wurde ich mit der Bitte bestürmt, dort wo möglich eine Erkundigung nach den Verschollenen einzuziehen. Für den Fall, daß es mir gelingen sollte, dieselben ausfindig zu machen, wurde mir ein Brief anvertraut, und ich verließ Holland mit dem Wunsche, in dieser Richtung den guten Leuten für ihre an mir bewiesene Freundlichkeit dankbar sein zu können.

In der Kapstadt angekommen, hatte ich mich einige Zeit dort aufgehalten, war dann nach Nord und West gewandert und besuchte nun die Transvaal-Lande, obgleich die damaligen Zustände in denselben nichts weniger als einladend genannt werden konnten.

Der berühmte Kaffernhäuptling Tschaka, mit Recht der Attila Südafrikas genannt, hatte zahlreiche Kaffernstämme unter seine Botmäßigkeit gebracht und ihnen eine kriegerische Verfassung gegeben, welche ihre Widerstandsfähigkeit gegen die Europäer um das Zehnfache vergrößerte. Sikukuni, sein Bruder, überfiel und tötete ihn, um die Herrschaft an sich zu reißen, und nun begann zwischen ihm und den Boers eine Reihe von Kämpfen, in denen die Boers, außerdem noch angefehdet durch die Ungerechtigkeit und Vergewaltigung der englischen Regierung, Wunder der Tapferkeit verrichteten. Später beabsichtigte die Transvaal-Republik den Bau einer Eisenbahn nach der Delagoabai; da sie aber durch diesen Schienenweg wirtschaftlich unabhängig geworden wäre, so suchte England die Ausführung dieses Planes unmöglich zu machen, indem sie den Kaffernhäuptling Sikukuni zum Aufstand gegen die Boers reizte, ihn mit den dazu nötigen Waffen versah und dann die dadurch geschaffene Lage als Vorwand nahm, »zum Schutze des Christentums« die Republik zu annektieren. Um diese Zeit geschah, was ich erzähle.

Die Reisen hier zu Lande werden gewöhnlich auf dem Ochsenwagen vorgenommen, doch hatte ich mich aus alter Gewohnheit und um schneller vorwärts zu kommen, auf das Pferd gesetzt. Neben mir ritt Quimbo, ein Basutokaffer, welchen ich mir als Führer gemietet hatte. Er hatte lange Zeit auf verschiedenen niederländischen Farmen in Dienst gestanden, war den Weißen freundlich gesinnt und radebrechte das Holländische leidlich. Übrigens bildete er zu Pferde eine ziemlich seltsame Figur. Außer einem kattunenen Schurz, welchen er um seine Lenden geschlungen hatte, war er vollständig nackt und hatte seinen dunklen, mit starker, eckiger Muskulatur versehenen Körper mit Fett eingerieben, welches seine Haut zwar vor den lästigen Stichen der Insekten schützte, leider aber einen so penetranten Geruch oder vielmehr Gestank verbreitete, daß es mich eine wirkliche Überwindung kostete, mit ihm in größerer Nähe als fünfzig Schritte zu verkehren. Das Merkwürdigste an ihm war die Art und Weise, sein Haar zu tragen. Er hatte es nämlich durch tägliche Anwendung von Akaziengummi und jahrelange sorgsame Pflege in eine kompakte Form gekleistert, welche seiner Frisur das Aussehen von zwei mit den Sohlen gegeneinander geneigten Pantoffeln gab, deren Absätze die Spitze bildeten, während die Fußhöhlungen nach oben gerichtet waren und von ihm als Aufbewahrungsort von allerlei höchst wertlosen, für ihn aber außerordentlich wichtigen Kleinigkeiten dienten. Die Ohrläppchen waren in seiner Jugend durch angehängte Gewichte so ausgedehnt worden, daß sie an Größe so ziemlich den Ohrlappen eines Neufundländers gleichkamen; und um diese Schmuckstücke praktisch zu verwerten, pflegte er sie des Morgens aufzurollen und in die Höhlung jeder Rolle eine von seinen beiden Schnupfdosen zu stecken. Außerdem trug er an jedem Nasenflügel einen starken messingenen Ring und hatte, jedenfalls eine Erfindung seines eigenen ästhetischen Genies, um den Hals einen breiten Riemen von Sohlenleder geschnallt, an welchem zwei sehr umfangreiche Kuhglocken befestigt waren, die er wohl auf einer der oben erwähnten Farmen annektiert hatte. Und dabei nahm er als Reiter ganz dieselbe unbeschreibliche Haltung ein, in welcher bei herumziehenden Gauklern und Bärenführern der Affe auf dem Kamele zu sitzen pflegt, und wenn er während der Unterhaltung mir ein aufmerksames Gesicht machen wollte, wobei er es allerdings zu einem fürchterlichen Zähnefletschen und einem geradezu sperrangelweiten Aufreißen des breiten Mundes brachte, so hatte er ganz das Aussehen einer zoologischen Species, von welcher es schwer zu bestimmen war, ob sie unter die Wiederkäuer, Bulldoggen oder Meerkatzen zu klassifizieren sei. Bewaffnet war dieses Unikum mit einer schweren, aus Schwarzholz gefertigten Keule, einem fürchterlichen krummen Messer und einem Wurfspeere. Ob er diese gefährlichen Instrumente auch zu gebrauchen verstehe, hatte ich noch nicht in Erfahrung bringen können.

Ich selbst ritt einen guten Engländer, für ihn aber hatte ich nur eines jener massigen Brabanter Ungetüme auftreiben können, wie sie die Kanonen Napoleons des Ersten von Schlachtfeld zu Schlachtfeld schleppten. Es hatte wahrhaft elefantenmäßige Formen und einen Gang, welcher es allerdings höchst notwendig machte, daß der auf dem breiten Rücken hockende Quimbo sich nur in den dringendsten Fällen der Zügel bediente und es lieber vorzog, sich mit beiden Händen an die Mähne des Tieres festzukrallen.

Jetzt ritt er zu meiner Linken und machte in seinem Kauderwelsch die größten Anstrengungen, mich über die politischen Verhältnisse des Landes aufzuklären.

»Hab' Mynheer schon 'sehn Sikukuni, der groß' König von Kaffern?«

»Nein. Hast du ihn gesehen?«

»Quimbo hab' nicht' sehn Sikukuni; Quimbo bin gut Holland, bin gut Basuto, bin schlecht Zulu. Aber Quimbo hab' 'hört von Sikukuni, Quimbo will nicht sehn Sikukuni.«

»So fürchtest du dich vor ihm?«

Der brave Kaffer riß den Mund auf, daß ich ihm beinahe bis hinunter in den Magen blicken konnte, und drehte mir ein Paar Augen, als wolle er mich mit seinem Blick wie mit Dynamit in die Luft sprengen.

»Was hab' Mynheer' sagt? Quimbo bin furchtbar vor Sikukuni? Mynheer kenn nicht Quimbo; Quimbo bin Mut, Quimbo bin Kraft, Quimbo freß Sikukuni. Aber Sikukuni hab' viel Zulu, und Zulu hab' viel Irua und hab' viel Flint'. England geb' Zulu Flint' und Pulv', daß Zulu mach' tot Holland. Aber Quimbo hab' nicht Flint' und Pulv'; er kann nicht schieß' Zulu.«

»Aber wir reiten ja jetzt nach dem Quathlambagebirge und werden dann in das Land der Zulus kommen! Wenn du nun erschossen wirst!«

»Mynheer hab' Flint' und Pulv'; Mynheer werd' schieß tot Sikukuni und Zulu; Quimbo hab' lieb Mynheer; Mynheer geb' Quimbo Tabak, und Quimbo geb' Mynheer dafür Seele und Leib!«

Diese Liebeserklärung war von einer so inbrünstigen Gestikulation begleitet, daß der zärtliche Kaffer das Gleichgewicht verlor und kaum noch Zeit fand, die Mähne des Pferdes wieder zu erfassen, um sich auf dessen Rücken zurückzuzerren.

»Ist Sikukuni wirklich so bös?« fragte ich.

»Sikukuni hab' tot schlag' weiß' Mann, weiß' Frau, weiß' Kind und hab' tot schlag' Basuto; Sikukuni trink' Blut und tanz', wenn schlag' tot viel weiß' Mann, Frau und Kind. Sikukuni hab' schlag' tot Boer am Blau-Kranz-Spruit; ist Sikukuni gut?«

Der Kaffer hatte recht. Ich mußte an die fürchterliche Metzelei am Blesboks-Fluß denken, wo Sikukuni über sechshundert Holländer und Hottentotten treulos hingeschlachtet hatte, und an die Grausamkeit, mit weicher er bei Feierlichkeiten seine Gefangenen oder, in Ermangelung solcher, ganze Scharen seiner eigenen Leute auf die qualvollste Weise abwürgen ließ. Hatte doch sein Verwandter, der friedliebende und den Holländern freundlich gesinnte Somi, sich einem solchen Tode nur durch die schleunigste Flucht entziehen können und dabei erfahren, daß sein Weib mit dem einzigen Kinde, welches er besaß und die er vorausgesandt hatte, in der Kalahari elend verschmachtet waren. Sikukunis Befehle rochen nach Blut, seine Fußstapfen rauchten von Blut, und nach blutiger Rache schrien die unzähligen Opfer, welche seiner Mordlust gefallen waren. Die eiserne Strenge, mit welcher er regierte, hielt seine Scharen zusammen, aber man wußte es wohl, daß sie sich nach einem andern Führer sehnten und es im stillen bedauerten, den Aufenthalt Somis nicht erfahren zu können.

»Nein; Sikukuni ist nicht gut; aber die Strafe wird ihn ereilen, und er wird nicht lange mehr Häuptling der Zulus sein.«

»Sikukuni schlägt – – oh, oh, Mynheer,« unterbrach er sich, »Quimbo seh' Mann dort an Berg; Mann reit' auch auf Pferd wie Quimbo und Mynheer!«

Er deutete mit der einen Hand vorwärts, wo allerdings in einiger Entfernung vor uns ein Reiter sichtbar war, welcher in einem stumpfen Winkel mit uns auf die Berge zugehalten hatte, so daß er uns bisher entgangen war.

»Ein Boer oder ein Engländer,« meinte ich. »Vorwärts, Quimbo; wir müssen ihn einholen!«

Ich ließ meinem Fuchse die Sporen fühlen, und sofort setzte er sich in Trab. Der Brabanter versuchte, es ihm gleichzuthun, warf aber den fetten Rücken so herüber und hinüber, daß der Kaffer in die größte Bedrängnis kam, Schiffbruch zu leiden.

»Oh, oh, Mynheer!« brüllte er; »Pferd lauf' viel schnell; Quimbo verlier' Arm, Quimbo verlier' Bein; Quimbo verlier' Quimbo und Pferd! Wo werd sein Quimbo, wenn Mynheer such' Quimbo!«

Die kleine Reitlektion konnte ihm nur Nutzen bringen; daher verminderte ich die Schnelligkeit des Rittes nicht im mindesten, wogegen auch er in gleichem Fortissimo fortbrüllte, Grund genug, mich nicht zu verwundern, daß der fremde Reitersmann auf uns aufmerksam wurde, noch lange bevor wir ihn erreichten. Er wandte sich um und erwartete uns.

Auch er ritt einen Engländer, doch war es augenscheinlich, daß dieser eine bei weitem größere Last zu tragen hatte, als der meinige, denn der Mann war von außerordentlich breiter, gewichtiger Figur und einem Gliederbau, von welchem man ganz bedeutende Kraftäußerungen erwarten konnte. Das breite Gesicht hatte trotz seiner Gutmütigkeit einen höchst selbstbewußten Ausdruck, und das scharfe Auge, welches wißbegierig auf mir ruhte, konnte wohl bedeutend finsterer blicken als jetzt, wo er die Hand zum Gruße erhob, um mir auf den meinigen zu danken.

»Woher?« klang es kurz, aber nicht unfreundlich.

»Seit gestern früh da drüben von Willem Larssen her.«

»Willem Larssen? Ein guter Neederlandsmann! Und wohin, Mynheer?«

»Ein wenig über die Randberge hinüber.«

»Was wollt Ihr dort?«

Der Mann fragte mehr, als eigentlich die Höflichkeit gestatten sollte, doch zeigte seine Miene dabei einen gewissen Ausdruck des Wohlwollens, welcher mich ruhig antworten ließ:

»Will das Land kennen lernen, Mynheer, weiter nichts.«

Da legte er die Hand bedächtig an das Kinn, sein Auge schien sich zu verfinstern, und strenger klang die Frage:

»Das Land wollt Ihr kennen lernen, Mynheer? So, so! Es giebt jetzt gar viele Leute, welche das Land da unten kennen lernen wollen, und doch werden sie nichts kennen lernen, als dieses da!«

Er schlug dabei mit der Faust auf den Kolben seines Roer, welches er über den Rücken hangen hatte. Er war ein Niederländer; das verstand sich ganz von selbst.

»Das meine ich auch, Mynheer,« antwortete ich. »Es ist fürwahr kein gutes Geschäft, Mann gegen Mann zu hetzen, um, wenn sie sich töten, die doppelte Erbschaft einzustreichen!«

Sofort wurde beides, sein Auge und sein Ton, wieder milder.

»So seid Ihr kein Engländer, den man Sir zu nennen hat?«

»Nein; ich bin ein Deutscher, da aus dem Sachsen her, und denke, daß wir mit den Holländern von den gleichen germanischen Eltern abstammen.«

»Recht so! Es giebt eine ganze Zahl Deutscher hier zu Lande, und sie alle halten es mit uns. Seid mir also willkommen!«

Er reichte mir die Rechte zum kräftigen Handschlage entgegen und warf dann mit lächelnder Miene einen Blick auf meinen Begleiter.

»Euer Diener?«

»Diener, Führer und Dolmetscher, Mynheer; ein Wunder- und Prachtkerl, wie Ihr dergleichen lange suchen könnt.«

»Wird sich jetzt im Hintertreffen halten können, Mynheer, denn wenn Ihr es mir erlaubt, werde ich einmal Euer Führer sein. Ihr haltet doch auf den Bezuidenhout-Paß zu?«

»Allerdings.«

»Das ist auch mein Weg, und wenn es Euch recht ist, so bleiben wir für jetzt zusammen. Ich heiße Kees Uys.«

Ich blickte ihn höchst überrascht an, denn diese Bekanntschaft war eine sehr ehrenvolle für mich. Das also war der Sohn des berühmten Boernführers, welcher im Verein mit Potpieter und Pretorius die berühmte Schlacht bei Pieter-Maritzburg gegen die Kaffern gewonnen hatte! Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten und nannte ihm auch meinen Namen, der ihm allerdings ein vollständig unbekannter sein mußte.

»Ihr könnt es mir glauben, Mynheer Uys,« versicherte ich ihm, »daß mir nichts Lieberes passieren konnte, als dieses Zusammentreffen mit Euch!«

»Ihr habt von mir wohl in der Kapstadt gehört?«

»Viel, aber bereits vorher in der Heimat.«

»So kennt man uns auch dort?« fragte er mit einem leichten Anfluge von Stolz in den treuen, ehrlichen Zügen.

»Gewiß!«

»Und wie spricht man dort? Mit wem hält man es? Mit uns oder mit den Engländern?«

»Ich bin kein Politikus, Mynheer, aber ich kann Euch aufrichtig sagen, daß Ihr unserer Sympathie vollständig sicher seid. Ich bin während meiner weiten Reisen vielfältig mit den Söhnen Englands zusammengetroffen und habe da manche Freundschaft geschlossen, welche wohl für das ganze Leben andauern wird; doch hier muß man den Einzelnen vom Ganzen wohl unterscheiden. Ich habe kein persönliches Interesse an den hiesigen Verhältnissen, doch gestehe ich, daß ich ohne Zaudern zur Büchse greifen würde, wenn Ihr, so lange ich an Eurer Seite bin, derselben gegen einen Eurer Feinde bedürftet.«

Er reichte mir noch einmal die Hand herüber.

»Ich danke Euch, Mynheer! Ich werde wohl nicht in der Lage sein, diese Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, aber es thut wohl, so freundliche Worte von einem Manne zu hören, welcher aus der Ferne betrachtet hat und also wohl ein richtigeres Urteil besitzt, als derjenige, welcher die Verhältnisse vom Standpunkte seines Vorteiles aus ansieht.«

Er ritt in sich versunken neben mir. Dann richtete er sich plötzlich auf und meinte:

»Ich will Euch einmal ein großes weltgeschichtliches Gesetz sagen, auf welches mich das eigene Grübeln und Sinnen gebracht hat. Es heißt: die Seeherrschaft – und also auch die Herrschaft über die Kolonien – geht der Küste entlang. Blickt in die Geschichte zurück, so werdet Ihr finden, daß ich vielleicht recht habe. Phönizien, Griechenland, Rom, Karthago, Spanien, Portugal, auch vorher Venedig und Genua, die Barbareskenstaaten nur nebenbei erwähnt, Frankreich, Niederland – England lösten einander in der Seeherrschaft ab. Habe ich nicht recht?«

»Ich kann nicht bestreiten, daß ich dieses Gesetz, mit einigen Motivierungen natürlich, beinahe anerkennen möchte.«

»Denkt darüber nach, und Ihr werdet gleicher Meinung mit mir werden! Holland hat der See mehr abgerungen als jedes andere Land, aber daß es sich diesem Gesetze auch zu fügen hat, ist bereits längst entschieden – England hat ihm die Herrschaft abgerungen; in Europa, in Indien, hier am Kap. Und nun ist unser Schicksal leicht zu erkennen: wir kämpfen hier für die mit unserem Blute errungenen Güter, aber sie werden uns endlich doch genommen werden. England wird das Kap beherrschen, vorher aber werden wir uns verteidigen und sterben, wie die Männer und Helden. Die Thaten, welche hier geschehen, werden nicht besungen, ja wohl kaum besprochen werden, denn sie werden in zu weiter Ferne von der Heimat geschehen; aber unsere Söhne und Enkel werden, wenn man sie vertreibt, immer weiter nach dem Norden gehen und unser Andenken bewahren, bis sie selbst dem Geschicke erliegen, welches wir erlitten. Jedes irdische Geschöpf hat eine Berechtigung, zu sein und zu leben; jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch, jedes Volk und jede Nation darf nach der eigentümlichen Weise, die ihm gegeben ist, sich entwickeln, damit am Baume der Menschheit verschiedene Blüten treiben und verschiedene Früchte reifen, je nach dem Boden, dem sie entstammen, und dem Himmel, der sich darüber breitet. Verdrängt ein Volk das andere von seinem Boden, begiebt es sich unter den Himmel eines anderen, um es zu vertilgen, so hat es selbst seine ursprünglichen Wurzeln verloren und kann sich nicht von neuem in die Erde gründen; die Sonne brennt ihm in der Fremde zu heiß, oder es wehen ihm die Winde zu kühl – es erkrankt, es ermattet, es unterliegt; es muß den Tod der Vertriebenen mit seinem eigenen Leben bezahlen. Dies geschieht so wahr, als jede Auswanderung und jeder Klimawechsel im geheimen am innern Marke zehrt, obgleich die roten Wangen das Gegenteil beweisen wollen. Wir werden vom Kap verschwinden, weil wir uns an den Ureigentümern desselben versündigt haben, und England wird uns folgen, und wenn seine Macht und Herrschaft hier Jahrhunderte lang im Wachsen blieb.«

»Meint Ihr?»fragte ich, verwundert über die Aufrichtigkeit, mit welcher er seine innersten Gedanken mir enthüllte, den er vor zwei Minuten zum erstenmal gesehen hatte. »Ich möchte im Gegenteile behaupten, daß von einem Verschwinden, wenn man es nicht ganz und gar äußerlich nehmen will, keine Rede sein kann. Zwei chemische Stoffe, welche wir vermischen, verschwinden nicht, sondern sie entziehen sich nur durch die neue Gestalt, durch das Produkt, welches sie in ihrer Verbindung bilden, unsern Blicken. So ist es nicht allein in der unorganischen, sondern auch in der organischen Welt, zu welcher ja auch der Mensch und durch ihn das Volk, die Nation zählt. Blickt hinüber nach Amerika! Durch die Verbindung so verschiedener Elemente ist ein neues, eigenartiges Volk entstanden, doch diese Elemente selbst sind noch in ihm vorhanden und – –«

»Sehr wohl, Mynheer; aber wollt Ihr nicht zugeben, daß der Indianer wirklich verschwindet, ohne im Yankee wiedergefunden zu werden? Doch da betreten wir ein Feld, dessen Fruchtbarkeit leider zu wenig bekannt ist, als daß seine Bebauung richtig in Angriff genommen worden wäre. Vielleicht bin ich auch ein wenig Phantast; wenigstens würdet Ihr wohl diese Ansicht hegen, wenn ich es unternehmen wollte, Euch so meine Meinungen auseinanderzusetzen.«

Sein Äußeres machte nun allerdings nicht im mindesten den Eindruck, als ob er phantastische Gesinnungen hege; vielmehr schien seine derbe, kernige Figur nur für das mühevolle, praktische Leben eingerichtet zu sein. Auch seine Kleidung zeigte dies. Er trug auf dem Kopfe einen breitrandigen Filzhut, welcher sehr wenig das Recht hatte, elegant genannt zu werden; die Schultern und Brust umhüllte über einem engen Wamse aus grobem holländischen Tuche eine einfache graue Wollendecke; die starken Schenkel staken in einer sehr abgerittenen Lederhose, über welche sich lange, wohlgeteerte Stiefelschäfte emporzogen. Seine Bewaffnung schien höchst einfach zu sein, denn sie bestand nur aus einem in einer Büffelscheide steckenden Messer und einer alten, schweren Büchse; doch wer da wußte, mit welcher unfehlbaren Sicherheit der holländische Ansiedler sein ›Roer‹ zu handhaben versteht, der konnte wohl annehmen, daß diese Büchse schon manchem Kaffer, vielleicht auch Engländer, das Leben gekostet hatte. Wie gesagt, das Äußere dieses Mannes schien so einfach, so nüchtern, daß ich nur antworten konnte:

»Phantast? ich denke, Ihr greift mit Euren Ansichten und Meinungen eher in das reale, volle Leben als hinüber in das trügerische Reich der Einbildung. Wer Euer Leben lebt und Eure Erfahrungen sein eigen nennt, wird sich wohl schwerlich den Ruf eines Metaphysikers erwerben, wenn er jemand den Gefallen thut, sich offen auszusprechen.«

»So? Thäte ich Euch einen Gefallen? Ich würde dabei dennoch in diesen Ruf kommen, denn denkt Euch, ich leugne zum Beispiel die Geschichte; ich behaupte, ja ich beweise sogar, daß wir gar keine Geschichte haben!«

»Wenn Ihr diese Behauptung begründen könnt, so seid Ihr ja doch kein Phantast, Mynheer.«

»Ja, ich kann sie begründen; ich kann ihre Wahrheit beweisen, und das ist gar nicht so schwer, als man meinen dürfte. Freilich einem gelehrten Professor dürfte ich damit wohl nicht kommen, denn diese Herren haben oft ganz eigentümliche Dogmen. Sie errichten aus dem Material ihre Gedanken und Schlüsse, Gebäude, welche bis zum Himmel reichen, doch unbewohnbar sind, und beachten nicht die dauerhaften Stoffe, welche die Wirklichkeit bietet, uns Wohnungen zu bauen, unter deren Dächern die Menschheit in Sicherheit und Frieden zu weilen vermag. Diese Herren haben Tausende von Büchern über die Geschichte geschrieben, und doch findet man in keinem derselben wirkliche Geschichte.«

»Ah?«

»Ja, so ist es! Laßt mich zur Analogie greifen! Unsere Naturkunde zerfällt in drei Teile: in die Kunde von den Naturerscheinungen, den Naturkräften und den Naturgesetzen; ihre Aufgabe ist, zu zeigen, wie gewisse Naturkräfte nach gewissen unumstößlichen Naturgesetzen gewisse Naturerscheinungen hervorbringen. So auch die Geschichte. Sie hat zu lehren von den geschichtlichen Gesetzen, den geschichtlichen Kräften und den geschichtlichen Erscheinungen; sie hat nachzuweisen, daß gewisse geschichtliche Kräfte nach gewissen unumstößlichen geschichtlichen Gesetzen gewisse geschichtliche Erscheinungen zu Tage fördern. Welches Geschichtswerk aber zählt uns diese Kräfte und Gesetze auf; welches Geschichtswerk giebt uns eine genaue Erklärung von der notwendigen Entwickelung eines Ereignisses nach diesen Gesetzen und durch diese Kräfte?«

Ich muß gestehen, diese Darlegung frappierte mich; sie entstammte jedenfalls nicht einer phantastischen Weltanschauung, sondern war das Produkt eines aufmerksamen Nachdenkens über die Vorkommnisse des realen Lebens.

»Eure Analogik ist keine gewöhnliche, Mynheer,« antwortete ich; »aber sie scheint überzeugend zu sein.«

»Scheint? Sie ist es wirklich! Sagt mir, was findet Ihr in Euren Geschichtswerken? Eine Aufzählung derjenigen geschichtlichen Erscheinungen, derjenigen Ereignisse, welche sich in dem Zeitpunkte, von welchem aus wir erzählen können, teils wirklich zugetragen haben, teils zugetragen haben sollen. Ist das Geschichte? Das ist nur einfache Chronik; denn wo bleiben die geschichtlichen Kräfte und Gesetze? Der Naturforscher, der Chemiker wirkt gleichsam schöpferisch – freilich nur in sehr beschränktem Sinn – indem er durch die ihm bekannten Naturkräfte nach den ihm ebenso bekannten Naturgesetzen verändert, zerstört oder hervorbringt. Was aber thut der Geschichtsforscher? Er sammelt die äußeren Thatsachen, reiht sie an einem beliebigen Faden auf, wie der Kaffer seine Glasperlen, und kann nichts über ihre Erzeugung und Entwickelung sagen, ebensowenig, als der Kaffer weiß, wie seine Glasperlen entstanden sind. Und dennoch giebt er diesem Kalender den Namen der Geschichte! ja, die Geschichte sollte die Mutter der Politik sein! Das aber, was Ihr Geschichte nennt, ist ein unfruchtbares Ding. Was sind Eure sogenannten Politiker? Sie streiten sich um die Früchte von Bäumen, die sie nicht gepflanzt haben, und verstehen es nicht, einen Kern zu pflanzen, welcher ihnen diese Früchte auf einem ebenso sichern wie friedlichen Wege bringen würde. Ich sage Euch, Mynheer: erst dann, wenn unsere Erkenntnis hindurchgedrungen ist in jene geheimnisvollen Tiefen, aus denen von dem allmächtigen Schöpfer selbst angeordnete weltgeschichtliche Gewalten nach unumstößlichen weltgeschichtlichen Gesetzen weltgeschichtliche Thatsachen emporwachsen lassen aus dem Boden, dessen Produkte wir bisher hinnahmen, ohne uns ihrer Erzeugung zu bemächtigen, dann erst können wir sagen: wir haben Geschichte. Dann werden wir Herren der Ereignisse sein; dann werden wir dieselben zu machen, zu fabrizieren verstehen, wie der Handwerker sein Werk und der Poet sein Gedicht. Dann wird die Geschichte das Kind Politik gebären, welches als Königin des Erdkreises demselben den ewigen Frieden bringt und das Schwert in die Pflugschar verwandelt, denn der Streit, der Krieg wird zur Unmöglichkeit werden, da jeder die Gesetze und Kräfte kennt, nach und mit denen der andere wirkt und handelt. Statt der Konkurrenz der Waffe wird die Konkurrenz des Friedens walten, und die Entwickelung des Menschengeschlechtes wird auf Bahnen geleitet werden, die so hoch über unserer jetzigen Kenntnis liegen, daß wir von ihnen nicht die mindeste Ahnung besitzen. Bis dahin aber wollen wir eifrig nach jenen Tiefen forschen und in Demut bekennen, daß wir noch Stümper sind!« Er hatte mit einer Begeisterung gesprochen, welche sein Auge mit Flammen begabte. Dieser äußerlich so schlichte Mann war ein tiefer Denker und ein hinreißender Redner. Auch wenn ich danach gesucht hätte, es wäre mir doch nicht gelungen, sofort eine Entgegnung auf seine Thesen zu finden. Ich schwieg daher, und auch er vermied es, den Eindruck seiner Worte durch ein Brechen dieses Schweigens zu zerstören.

So ritten wir still und in Gedanken versunken nebeneinander her, bis er endlich doch den gesenkten Kopf erhob und zu mir herüberschaute.

»Das war ein Blick in die Zukunft, Mynheer. Laßt uns auch an die Gegenwart denken! Ihr wollt über die Berge. Habt Ihr eine bestimmte Adresse, an welche Ihr Euch da wenden wollt?«

»Nein. Ich fliege, wie der Vogel fliegt, und wo ich einen Baum finde, da lasse ich mich auf einen Tag in seinen Zweigen nieder. Und doch,« fügte ich, mich besinnend, hinzu, »ich hätte wohl eine Adresse, wenn man bei diesem Worte nicht an einen bekannten Punkt denkt.«

»Ihr sucht jemand?«

»Was man eigentlich unter Suchen versteht, nein; aber ich traf in Zeeland eine Familie, welche Verwandte in Transvaal besitzt, von denen seit langer Zeit keine Kunde in die Heimat gedrungen ist, und wurde gebeten, mich gelegentlich nach denselben zu erkundigen.«

»Wie heißen diese Verwandten hier?«

»Van Helmers.«

»Hm, ich habe Tausende von Boers unter meinem Kommando gehabt und kenne die meisten beim Namen; es waren einige Helmers unter ihnen. Könnt Ihr mir nicht vielleicht etwas Näheres angeben?«

»Ich weiß nur, daß sie vor den Engländern über die Drachenberge in das Transvaal gestiegen sind.«

»Und aus Zeeland stammen sie?«

»Ja, wie ich bereits sagte, der Großoheim von ihnen ging nach dem Kap; es können von demselben also Kinder und Enkel vorhanden sein.«

»Was war dieser Großoheim?«

»Schiffer.«

»Und hieß Lucas van Helmers?«

»Allerdings.« rief ich überrascht, »Ihr kennt die Familie, Mynheer?«

»Ich habe von diesem Lucas einiges gehört. Seine Verwandten – hm, er ist längst tot, und ich muß mich besinnen,« antwortete er mit einem eigentümlichen Zwinkern seines Auges.

Sein ernstes Gesicht nahm einen leis-schelmischen Ausdruck an, der mich schließen ließ, daß er von den Betreffenden mehr wisse, als er mir sagen wollte. Was hatte er für Gründe zu dieser Zurückhaltung?

Da plötzlich hielt er sein Pferd an, und auch ich parierte das meinige. Der aus Lagern grob geschichteten Sandsteines gebildete Boden war stellenweise von dunklen Massen eruptiven Gesteines durchbrochen; diese Felsenlager hinderten uns, weit zu sehen, doch dämpften sie den Schall nicht, welcher uns den Hufschlag eines uns schnell entgegenkommenden Pferdes zutrug.

»Wer kommt?« fragte er, das Roer von der Schulter nehmend.

Auch ich hatte sofort mein Gewehr ergriffen, doch senkten wir beide zu gleicher Zeit die Waffen: ein leichter Pony trabte um die Felsenecke, und auf ihm saß eine Mädchengestalt, deren Erscheinung auch unter andern Verhältnissen meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte.

Sie trug einen leichten, roten Rock, dessen Mieder gürtelartig nur die Hälfte der Taille umschloß; über die eine Schulter war nach der andern Hüfte herüber ein Wildkatzenfell geschlungen, und das lockige, tiefschwarze Haar quoll in dichter Fülle unter einem aus bunten Federn hergestellten Mützchen hervor. Arme und Füße waren bloß, und die dunkle Farbe derselben ließ in der Reiterin ein Kaffernmädchen vermuten. Ein Blick in das Gesicht machte diese Vermutung zur Gewißheit, wenn auch die Bildung desselben nicht die scharfe Prägung zeigte, welche man bei Individuen gewöhnlichen Schlages beobachtet.

Als sie uns erblickte, riß sie die Zügel an sich und legte die kleine Hand an den Messergriff, welcher unter dem Katzenfelle hervorsah, doch ging ihre Besorgnis schnell in ein Lächeln über, und sichtlich freudig überrascht rief sie:

»Kees Uys! Ihr wollt zu uns?«

»Ja, mein Mietje. Ist die Mutter daheim?«

»Ja.«

»Und Jan?«

»Nein. Er sucht einen Leoparden.«

»Und du? Wo willst du hin, Mädchen?«

»Hinüber zu Nachbar Zelmst. Ich habe Eile. Mutter ist krank, und Zelmst soll ihr helfen.«

»Kind, du kommst vor nachts nicht hinüber, und der Weg ist gefährlich.«

Sie lächelte leichthin.

»Ich fürchte mich nicht, Baas Uys, das wißt Ihr ja, und Mutter ist diesmal so schlimm, daß der Nachbar kommen muß.«

»Ist Nachbar Zelmst ein Arzt?« fragte ich.

»Er ist ein Boer, der einiges von den Kräutern versteht,« antwortete mir Kees Uys.

»So kann Mietje wieder umkehren; ich werde der Mutter zu helfen versuchen.«

Das Mädchen blickte erfreut zu mir herüber.

»So seid Ihr ein Offizier van der Gezondheid?« fragte sie.

»Ich bin auch Arzt und habe meine Reiseapotheke bei mir,« antwortete ich.

»Das ist ja ein außerordentlich glücklicher Umstand, Mynheer,« meinte Uys. »Kehr um, Mietje, und sei froh, denn ich weiß die Zeit gar nicht mehr, seit welcher hier in den Randbergen ein Arzt gesehen wurde. Kommt, Mynheer, wir wollen etwas scharf zureiten! Ihr müßt nämlich wissen, daß Mietje es nicht liebt, ihren Pony zu langweilen!«

Wir ließen nun die Pferde ausgreifen, und ich bemerkte allerdings bald, daß Mietje ihr Tier ausgezeichnet zu behandeln verstand. Ein ungewöhnliches Interesse erwachte in mir für die fremdartige Reiterin. Wie kam die Kafferin zu dem christlichen Namen Marie? Wie zu dem beinahe verwandtschaftlichen Verhältnisse zu dem berühmten Boersführer? Ihrem vorteilhaften Äußeren nach mußte sie einem ausgezeichneten Stamme angehören; vielleicht war sie eine Aatomba oder eine Lagoanerin. Wer war die kranke Mutter? Das Mädchen sah nicht aus, als ob es eine kaffrarische Erziehung genossen habe.

Diese Gedanken und Betrachtungen wurden durch eine hinter uns rufende Stimme unterbrochen. Ich wandte mich um. Hart an den Hufen unserer Pferde trabte der dicke Brabanter, doch ohne Reiter. Der letztere lag eine kleine Strecke weiter zurück, streckte Arme und Beine kerzengrad in die Luft und schrie aus Leibeskräften:

»Mynheer halt – Mnyheer wart'! Oh, oh – au, oh! Quimbo hab' nicht mehr Pferd, und Pferd hab' nicht mehr Quimbo! oh, au! Pferd lauf, und Quimbo kann nicht mehr lauf und nicht mehr reit'; Quimbo hab' nicht mehr Arm und nicht mehr Bein, Quimbo lieg' an der Erd und bin tot!«

Ich mußte lachen, und auch Kees Uys stimmte ein. Das Mädchen aber kehrte zu dem verunglückten Stammverwandten zurück, warf sich vom Pony und bog sich zu ihm nieder.

»Du heißest Quimbo? Hast du dir Schaden gethan?« fragte sie ihn.

»Ja, Quimbo heiß' Quimbo; aber nicht Quimbo hab' Quimbo Schaden gethan, sondern Pferd hab' Schaden gethan Quimbo.«

»Was thut dir weh? Wo schmerzt es dich? Im Rücken?«

»Nur Rücken soll schmerz' Quimbo? Oh, oh, der ganz' Quimbo thu' Quimbo weh. Quimbo bin nicht mehr am Leben; Quimbo bin tot!«

Auch ich stieg vom Pferde, um zu sehen, ob er sich Schaden gethan habe; ich konnte trotz der sorgfältigsten Untersuchung nicht das Geringste finden, und dennoch verweigerte er, sich zu erheben. Er brüllte unter meiner forschenden Hand und versicherte ohne Aufhören, daß er vollständig tot sei. Da stieg auch Uys ab und zog sein Messer hervor.

»Quimbo ist wirklich tot,« meinte er gelassen. »Und wenn Ihr es nicht glaubt, Mynheer, so werde ich es Euch beweisen. Ich schneide ihn auf, und dann könnt Ihr hineinsehen, ob er noch Leben hat.«

Er bog sich nieder, faßte den Kaffer bei der Kehle und setzte das Messer an; im nächsten Augenblick war Quimbo aufgesprungen und schlug einen fürchterlichen Salto mortale zur Seite hinüber.

»Oh, nicht schneid' Quimbo! Quimbo bin wirklich tot, aber Quimbo kann doch wieder reit' auf Pferd!«

»So steige auf, und nimm dich in acht, daß du nicht wieder herabfällst!«

Der von den Toten Erstandene suchte die Gegenstände zusammen, welche ihm entfallen waren, und kletterte wieder auf das Pferd.

»Reit' Mynheer wieder schnell?« fragte er ängstlich.

Ich nickte.

»Oh, dann bind' Quimbo fest,« bat er; »sonst werd' Quimbo zweimal tot!«

»Dann schneide ich dich wirklich auf!« versicherte Uys mit drohender Miene und stieg ebenso wie ich und Mietje wieder auf. »Übrigens ist unser Weg kein weiter mehr. In einer halben Stunde haben wir unser Ziel erreicht, und dann, Mynheer, könnt Ihr ja zeigen, daß Ihr ein wenig mehr versteht, als Nachbar Zelmst, der Kräutersucher.« – –

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