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Auf fremden Pfaden

Karl May: Auf fremden Pfaden - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorKarl May
titleAuf fremden Pfaden
booktitleAuf fremden Pfaden
publisherHaffmans
year1887/1888
isbn3-251-20242-1
sendernadja@abc.de
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Gott läßt sich nicht spotten

1.

Indem ich mich anschicke, die folgende Begebenheit zu erzählen, muß ich an ein Ereignis aus meiner Kindheit denken, welches mir noch heute so klar und deutlich im Gedächtnisse lebt, als ob ich es erst gestern erlebt hätte.

Wir standen, fünf oder sechs kleine Knaben, auf dem Marktplatze meiner Vaterstadt und sahen einem Fuhrmanne zu, dessen Pferde den schweren Wagen nicht fortzubringen vermochten. Er hieb lange Zeit vergeblich auf sie ein und ließ sich endlich von seinem Zorne zu einem Fluche hinreißen, den er mit so kräftigen Hieben begleitete, daß die Pferde die Last nun wirklich über das Hindernis hinwegzerrten. »Ja, wenn nichts mehr helfen will, dann hilft ein ›heiliges Donnerwetter‹,« lachte er und fuhr weiter. Die Umstehenden lachten mit, und wir Knaben fühlten uns von dem Fluche so imponiert, daß wir ihn sofort auf das eifrigste bei unserem Spiele anwandten. Es wurde einige Zeit mit wahrer Wonne ›gedonnerwettert‹, bis mein Vater es hörte und mir zum Fenster heraus jenen bekannten Wink gab, welcher die Eigentümlichkeit hatte, mich stets und augenblicklich in eine höchst wehmütige Stimmung zu versetzen. So auch dieses Mal, und zwar nicht ohne Grund, denn ich hatte die Anwendung des Kraftwortes dadurch zu büßen, daß ich kein Mittagessen bekam und mit sehr niedergedrückten Gefühlen zusehen mußte, wie gut der dicke Milchreis meinen Geschwistern schmeckte. Dieser sehr unfreiwillige Verzicht that mir so weh, daß ich den festen Entschluß faßte, nie wieder ›Donnerwetter‹ zu sagen. Dieses löbliche Vorhaben wurde dadurch noch mehr befestigt, daß mich nach Tische meine ehrwürdige, damals achtzig Jahre alte Großmama beiseite nahm und mir mit einem derben Waschlappen den Mund so kräftig abwusch, daß mir das helle Wasser aus den Augen lief.

»Pfui, pfui!« sagte sie dabei.«Wer flucht, der beschmutzt seinen Mund, und das muß tüchtig abgerumpelt werden. Merke dir das, und thue es ja nicht wieder, wenn ich dich lieb behalten soll!«

Wenn ich offen sein will, so muß ich gestehen, daß dieses ›Abrumpeln‹ einen noch tiefern Eindruck auf mich machte, als die Kostentziehung, denn was Großmama sagte, das war mir heiliger als jedes andere Wort. ich zog mich also in einen stillen Winkel zurück, um die Reinigung der Lippen auf eigene Hand weiter fortzusetzen, und dabei fiel mir ein, daß ich doch nicht der einzige gewesen war, der geflucht hatte. Infolgedessen setzte ich mich in den heimlichen Besitz des besagten Waschlappens und schlich mich fort, um die Mitschuldigen alle zusammenzuholen. Als mir dies gelungen war, erklärte ich ihnen, welchem Schicksale sie sich unter den obwaltenden Umständen zu unterwerfen hätten, und führte sie zu dem großen Wassertroge, der an der obern Seite des Marktes stand. Dort gaben wir uns dann dem ›Abrumpeln‹ mit einem solchen Feuereifer hin, daß uns das Wasser an den Beinen niederlief und wir uns in die Sonne legen mußten, um wieder trocken zu werden.

So großen Spaß diese Wäsche uns allen machte, so ernst war es mir doch mit der Angelegenheit an sich, und ich muß sagen, daß von jenem Tage sich der Abscheu datiert, den ich noch heute gegen jeden Fluch und jeden Schwur empfinde. Sei mir ein Mensch auch noch so sympathisch, sobald ich ein solches Wort von ihm höre, fühle ich mich abgestoßen, und stellt es sich gar heraus, daß er ein Gewohnheitsflucher ist, so hört er auf, für mich zu existieren.

Wie weit es ein Mensch in dieser sündhaften Angewohnheit zu bringen vermag, habe ich an dem Manne gesehen, von dem ich heute erzählen will, weil sein Beispiel zugleich einen deutlichen Beweis dafür bildet, daß mit der Langmut und Barmherzigkeit Gottes nicht zu scherzen ist.

Zur Zeit, als diese Episode sich ereignete, befand ich mich mit Winnetou, dem Häuptling der Apatschen, bei den Navajos, welche ihn auch als ihren obersten Anführer anerkannten, weil sie im weiteren Sinne auch zu dem Volke der Apatschen gehörten. Sie lagerten damals zwischen den Höhen der Agua grande genannten Gegend und wollten von da aus nach dem Colorado hinab, doch nicht eher, als bis eine Anzahl weißer Jäger, die ich zu ihnen bestellt hatte, eingetroffen sein würde.

Während wir auf die Ankunft dieser Leute warteten, brachten unsere roten Wachen zwei fremde Indianer, welche sie unter sehr verdächtigen Umständen aufgegriffen hatten, in das Lager. Sie sollten natürlich sofort ausgefragt werden, weigerten sich aber, irgend eine Antwort zu geben, Es war ihnen kein Wort zu entlocken; ihre Gesichter waren nicht gefärbt, und da sie auch kein Zeichen ihrer Abstammung an sich trugen, so war es beinahe unmöglich, zu bestimmen, welchem Volke sie angehörten. Wir wußten, daß die Utahs sich in letzter Zeit den Navajos feindlich gezeigt hatten, und so bemerkte ich zu Winnetou:

»Ich möchte sie für Utahs halten, denn dieser Stamm hat sich immer mehr nach Süden gezogen und scheint einen Angriff gegen die Navajos zu planen. Vielleicht sind diese beiden Kerls von ihnen ausgeschickt, um den Aufenthalt der Navajos zu erkunden.«

ich glaubte, mit diesen Worten das Richtige getroffen zu haben, aber Winnetou kannte die hier oben hausenden Indianer besser als ich, er antwortete:

»Es sind Pa-Utes, doch hat mein weißer Bruder recht, indem er sie für Kundschafter hält.«

»Sollten sich die Pa-Utes mit den Utahs verbunden haben?«

»Winnetou zweifelt nicht daran, denn wenn es anders wäre, würden diese beiden Krieger sich nicht weigern, uns Auskunft zu erteilen.«

»Da gilt es, vorsichtig zu sein! In einer Gegend, wie die hiesige ist, muß man annehmen, daß Kundschafter sich höchstens drei Tagereisen von ihren Leuten entfernen. Daraus können wir schließen, wie nahe uns die Feinde ungefähr sind.«

»Uff! Wir werden nach ihnen suchen.«

»Wer?«

»Du und ich.«

»Weiter niemand?«

»Vier gute Augen sehen mehr als hundert schlechte, und je mehr Krieger wir mitnehmen, desto eher können wir entdeckt werden.«

»Das ist richtig; aber vielleicht kommen wir in die Lage, einen Boten heimsenden zu müssen.«

»So nehmen wir einen Navajo mit, weiter aber niemand. Howgh!«

Dieses letztere Wort diente bei ihm stets zur Bekräftigung; es hieß soviel wie: abgemacht, Sela, Amen. Darum verzichtete ich darauf, ihm weitere Vorschläge zu machen.

Die Navajo-Abteilung, bei welcher wir uns befanden, zählte außer den alten Männern, Frauen und Kindern gegen dreihundert Krieger, die unter Nitsas-Kar, einem sehr tüchtigen Häuptlinge, standen. Das waren Leute genug zur Abwehr eines Feindes, von dem wir annahmen, daß er nicht gerade in hellen Haufen erscheinen werde; dennoch waren wir so vorsichtig, einen Boten nach der nächsten Abteilung zu senden, um sie von der nahenden Gefahr zu benachrichtigen. Eine kurze Beratung mit Nitsas-Kar hatte das von Winnetou gewünschte Ergebnis. Der Apatsche, ich und ein junger, aber sehr erprobter Krieger ritten fort, um den Aufenthalt der Gegner zu entdecken, und die Navajos blieben unter Aufstellung doppelter Posten und scharfer Bewachung der beiden Gefangenen an Ort und Stelle lagern, um auf unsere Rückkehr oder unsern Boten zu warten.

Es war noch sehr früh am Morgen, und wir hatten also den ganzen Tag vor uns. Im allgemeinen wußten wir, daß die Utahs im Süden des gleichnamigen Territoriums lagerten, während die Pa-Utes ungefähr da zu suchen waren, wo die Ecken von Utah, Colorado, Arizona und Neu-Mexiko zusammenstoßen. Das war freilich sehr unbestimmt, zumal wir uns sagen mußten, daß die Roten, falls sie einen Überfall beabsichtigten, die Gegenden wahrscheinlich schon verlassen hätten. Wohin also uns wenden? So hätte nur einer, der nicht Westmann war, gefragt; wir aber kannten einen Wegweiser, auf den wir uns verlassen konnten, nämlich die Fährte der beiden Kundschafter, welche wir fanden, sobald wir das Lager verlassen hatten.

Wir waren in einer der fruchtbarsten Gegenden von Arizona, was aber nicht viel heißen will. Das Land hat sehr geringe Wasserniederschläge; die wenigen Flüsse haben ihre Betten in tiefen, tiefen Schluchten; der Hauptstrom, nämlich der Colorado, fließt zwischen Felswänden, welche oft über zweitausend Meter fast senkrecht emporsteigen, und oben breitet sich das Hochplateau nach allen Seiten kahl und pflanzenarm aus, der Glut der Sonne und den darüber hinsausenden Stürmen preisgegeben. Nur selten giebt es einen Wasserlauf, dem man folgen kann, ohne in eine schier endlose Tiefe hinabsteigen zu müssen, und dann giebt es allerdings ein Grün von Gras, von Sträuchern und Bäumen, welches das Auge umsomehr erfreut, als der Blick bisher unausgesetzt auf nacktem Fels hat ruhen müssen. Da, wo kleine Flüsse sich einander nahen, giebt es sogar Wälder, zwischen denen sich saftige Prairien erstrecken. Dies war der Fall auch hier, wo wir uns befanden, und so gehörte kein übermäßiger Scharfsinn dazu, die Fährte der beiden gefangenen Kundschafter zu entdecken.

Da man diese Leute sofort bei ihrer Ankunft ergriffen hatte, waren ihre Spuren noch so frisch, daß sich das von den Hufen ihrer Pferde niedergetretene Gras noch nicht wieder aufgerichtet hatte, und wir Galopp reiten konnten, ohne die Eindrücke nur einmal aus den Augen zu verlieren. Die Kundschafter schienen die ganze Nacht unterwegs gewesen zu sein, denn wir fanden keine Stelle, an welcher sie gelagert hatten. Später kam felsiges Terrain, wo wir langsamer reiten mußten, da wir gezwungen waren, nun schärfer achtzugeben; doch hatten sie in der Dunkelheit nicht vorsichtig genug sein können, und wenn in dem harten Gestein auch nicht mehr von Hufstapfen die Rede sein konnte, so gab es für uns doch deutliche Merkmale genug, die uns den richtigen Weg zeigten.

Erst am Abend erreichten wir ein Wässerchen, wo sie gestern Rast gemacht hatten. Da fanden wir ihre Medizinen und Farbentöpfe versteckt, aus denen wir ersahen, daß sie Pa-Utes waren und sich auf dem Kriegspfade befanden. Wir ruhten während der ganzen Nacht hier aus und ritten dann am Morgen weiter.

Leider waren die Spuren von jetzt an nicht mehr zu erkennen, was uns aber gar keine Verlegenheit bereitete, denn wir brauchten nur die Richtung nach dem Rio San Juan einzuhalten, um sie dort ganz gewiß zu treffen. Wir ritten also Ostnordost, erst über eine Savanne, deren Gras immer spärlicher wurde, und dann über eine Felsenebene, welche so glatt und nackt war, als ob sie aus Cement gegossen worden sei.

Es war gegen Mittag, als wir am fernen Horizonte drei Punkte sahen, welche sich uns näherten. Da es kein Versteck für uns gab und wir nicht wußten, ob wir mit Weißen oder Roten zusammentreffen würden, so stiegen wir ab, ließen unsere Pferde sich legen und legten auch uns neben sie auf das Gestein. Auf diese Weise konnten wir nicht so bald gesehen werden.

Die Punkte wurden um so größer, je mehr sie sich uns näherten, bis wir sahen, daß es drei Reiter waren. Winnetou beschattete seine Augen mit der Hand, blickte ihnen schärfer entgegen und rief dann aus:

»Uff! Dick Hammerdull, Pitt Holbers und ein dritter Weißer, den ich nicht kenne!«

Hammerdull und Holbers gehörten zu den Jägern, welche wir erwarteten. Auch ich erkannte sie jetzt und sprang auf. Da Winnetou und der Navajo dasselbe thaten, wurden wir jetzt gesehen, und die drei Reiter blieben halten. Wir ließen unsere Pferde aufspringen, stiegen in den Sattel und ritten auf sie zu. Hammerdull und Holbers erkannten uns und kamen mit lauten Jubelrufen uns entgegengaloppiert.

Es muß gesagt werden, daß die beiden Männer so treffliche Originale waren, wie man sie im wilden Westen nur zu finden vermag. Sie wurden von allen ihren Bekannten die verkehrten Toasts‹ genannt. Unter Toasts versteht man bekanntlich zusammengelegte Butterbrote, und Dick und Pitt pflegten im Nahekampfe sich Rücken an Rücken aneinander zu stellen, um sich in dieser Weise ihrer Angreifer besser erwehren zu können; sie standen also nicht mit den Butterseiten zusammen; daher die Bezeichnung der verkehrten‹ Toasts.

Hammerdull war ein kleiner und, was im Westen sehr selten ist, außerordentlich dicker Kerl und hielt sein von Schmarren und Narben durchzogenes Gesicht soviel wie möglich stets glatt rasiert. Seine List kam seiner Verwegenheit gleich, was ihn für jeden zu einem sehr willkommenen Gefährten machte, wenngleich es mir oft lieber gewesen wäre, wenn er mehr bedachtsam als kühn gehandelt hätte. Er hatte sich die eigentümliche Redensart »ob .... oder nicht .... das bleibt sich gleich« angewöhnt und rief dadurch fast stets ein Lächeln auf den Gesichtern seiner Gefährten hervor.

Pitt Holbers war im Gegensatze zu ihm sehr lang und sehr dünn. Sein hageres Gesicht war – – fast hätte ich gesagt: in einen Vollbart eingehüllt, und das wäre eine grandiose Unwahrheit gewesen, denn dieser Bart bestand aus kaum hundert Haaren, welche in einsamer Zerstreuung die beiden Wangen, Kinn und Oberlippe bewucherten und von da lang und dünn bis fast auf den Gürtel niederhingen. Es sah aus, als ob die Motten ihm neun Zehntel seines Bartes weggefressen hätten. Pitt war außerordentlich wortkarg und bedächtig, ein sehr brauchbarer Kamerad, der nur dann sprach, wenn er gefragt wurde.

Den dritten Reiter kannten wir nicht. Er war fast noch länger als Holbers und dabei zum Erschrecken dürr. Fast konnte man sich der Täuschung hingeben, daß man seine Knochen klappern höre. Ich fühlte beim ersten Blicke, daß ich mich nicht mit ihm befreunden könne: sein Gesicht war roh zugeschnitten und sein Blick herausfordernd. Wenn es einen rücksichtslosen Menschen gab, so war es jedenfalls dieser Mann.

Indem wir aufeinander zusprengten, rief Dick Hammerdull:

»Winnetou, Old Shatterhand! Siehst du sie, Pitt Holbers, altes Coon, siehst du sie?«

Coon ist Abkürzung von Racoon, Waschbär, der Kosename, mit welchem Hammerdull seinen Pitt Holbers zu benennen pflegte. Dieser antwortete trotz der Freude, welche er fühlte, in seiner trockenen Weise:

»Wenn du denkst, Dick, daß ich sie sehe, so magst du das Richtige getroffen haben.«

Sie faßten unsre Hände und schüttelten sie aus Leibeskräften. Dabei rief Hammerdull weiter:

»Endlich, endlich haben wir euch!«

»Endlich?« fragte ich. »Ihr konntet doch nicht erwarten, uns jetzt schon zu treffen, weil wir euch nach dem Agua grande bestellt haben, bis wohin man noch anderthalben Tagesritt hat. Ist eure Sehnsucht nach uns so groß gewesen?«

»Natürlich! Unendlich groß!«

»Warum? Wo sind die andern?«

»Das ist es ja! Darum sehnten wir uns nach euch, und darum hetzten wir unsere Pferde fast zu Tode. Wir müssen sofort nach dem Agua grande, um eine tüchtige Schar Navajos zu holen.«

»Wozu?«

»Um die Pa-Utes zu überfallen, welche unsere Gefährten gefangen genommen haben. Fort also, fort, Mesch'schurs, sonst kommen wir zu spät!«

Er wollte weiterreiten. Ich griff ihm in die Zügel und sagte:

»Nicht so hitzig, Dick! Vor allen Dingen müssen wir wissen, was geschehen ist. Steigt also ab und erzählt es uns!«

»Absteigen? Fällt mir nicht ein! Ich kann es euch auch im Reiten erzählen.«

»Ich will es aber in Ruhe hören; ihr wißt ja, wie ich in dieser Beziehung bin. Man kann durch Überstürzung leicht alles verderben und soll allem, was man unternimmt, die Überlegung vorangehen lassen.«

»Aber wenn keine Zeit zum Überlegen ist?!«

»Ich sage euch, daß wir Zeit genug haben. Vor allen Dingen müßt ihr uns doch sagen, wer der Mann ist, den ihr da bei euch habt!«

Winnetou war schon abgestiegen; ich folgte ihm und setzte mich zu ihm nieder; da konnten die drei andern nichts, als dasselbe thun.

»Na, Pitt Holbers, altes Coon, da müssen wir also die kostbare Zeit verlieren,« brummte Hammerdull verdrossen. »Was meinst du dazu?«

»Wenn Old Shatterhand und Winnetou wollen, so wird es wohl richtig sein,« antwortete der Gefragte.

»Ob richtig oder nicht, das bleibt sich gleich; es ist die schnellste Hilfe nötig; aber da es nicht anders verlangt wird, so müssen wir uns fügen.«

Sie setzten sich zu uns auf die Erde nieder. Der Unbekannte hatte mir seine Hand in einer Weise zum Gruße entgegengehalten, als ob wir uns schon oft gesehen und gesprochen hätten, und ich hatte sie nur leise berührt, denn ich bin nicht gewöhnt, jemandem die Hand zu drücken, dem ich nicht die meinige vorher angeboten habe. Als er sie dann auch Winnetou hinhielt, that dieser so, als ob er diese Bewegung gar nicht sähe. Der Apatsche hatte also in Beziehung auf diesen Mann ganz dasselbe Vorgefühl wie ich.

»Ihr wollt wissen, wer dieser Gentleman ist,« meinte Dick Hammerdull. »Er heißt Mr. Fletcher, ist schon seit fast drei Jahrzehnten im wilden Westen und hat sich mit vier Kameraden uns angeschlossen, um endlich einmal Winnetou und Old Shatterhand kennen zu lernen.«

»Ja, Mesch'schurs, es ist wahr, was Mr. Hammerdull sagt,« fiel da Fletcher mit wichtiger Miene ein. »Ich treibe mich nun schon gegen dreißig Jahre im Westen herum und habe es mir zur Aufgabe gemacht, diesen ver .... Roten zu zeigen, daß sie auf unserm ..... Erdboden den Teufel zu suchen haben. Solche......Kanaillen, wie sie sind, soll das......erschlagen, und da ich hoffe, daß ihr genau so gesinnt seid, wie ich, so müßte es mit......zugehen, wenn die......Halunken nicht ihre......Knochen dahin tragen müßten, wo sie der Satan in......Mehl zerstampfen wird!«

Ich erschrak förmlich über die Ausdruckweise. Das waren ja Worte, die ich gar nicht aussprechen und noch viel weniger schreiben kann! Jedes Wort, welches ich hier durch Punkte ersetzt habe, war ein Fluch. Acht Flüche in einer so kurzen Rede! Und dabei sah er uns an, als ob er erwarte, daß wir ganz entzückt darüber seien! Es war mir ganz im Gegenteile so, als ob ich acht Hiebe auf den Kopf erhalten hätte. Und nun wußte ich genau, wer er war, besser, als Hammerdull es mir hätte sagen können. Man hatte oft in meiner Gegenwart von diesem Menschen erzählt, den der Fremdeste sofort an seinen gräßlichen Ausdrücken erkennen mußte. Ja, er war ein Westmann, aber einer der allerniedrigsten Sorte. Es gab keine That, deren er nicht fähig war; der Strick hatte schon oft über seinem Haupte geschwebt; in seinem Indianerhasse überbot er den grausamsten Feind der roten Rasse, und man erzählte sich da von ihm Dinge, bei denen man förmlich fühlte, daß sich die Haare emporsträubten. Dazu kam, daß, wenn er sprach, er sich geradezu in Flüchen badete, so daß selbst rohe Menschen schließlich nichts mehr von ihm wissen wollten. Er war bisher mit einem unbegreiflichen Glücke den Ahndungen des Gesetzes und der Rache der Indianer entgangen, obgleich jeder, der ihn kennen gelernt hatte, sagte, daß er nichts anderes verdiene, als wie ein wildes Tier niedergeschlagen zu werden. Infolge seiner übermäßig dürren Gestalt und der Gewohnheit, in jedem Satze, der über seine Lippen ging, einen Fluch anzubringen, hatte er den Namen Old Cursing-Dry erhalten; aber es war bekannt, daß jeder sein Leben auf das Spiel setzte, der es wagte, ihn in das Gesicht so zu nennen.

»Na, seid ihr etwa stumm, Mesch'schurs?« fragte er jetzt, als er nicht gleich eine Antwort erhielt. »Ich glaube doch, zu wissen, daß ihr beide reden könnt.«

Winnetou saß mit tief gesenkten Wimpern und starren Angesichtes da. Wenn er hätte sprechen wollen, hätte er es nur mit dem Messer und nicht mit dem Munde thun können. Darum übernahm ich es, zu antworten, indem ich den Menschen aufforderte:

»Sagt mir einmal, ob ich mich irre, wenn ich Euch für Old Cursing-Dry halte!«

Er hatte sich auch gesetzt, sprang aber augenblicklich wieder auf, zog sein Messer und schrie mich an:

»Wie – – was – – wer bin ich – – wie nennt Ihr mich? Soll ich Euch dieses Eisen in Euern ... Leib stoßen? Ich werde es thun, wenn Ihr mir nicht sofort Abbitte leistet und – –«

»Schweigt!« unterbrach ich ihn, indem ich meinen Revolver zog und auf ihn richtete. »Bei der geringsten Bewegung mit dem Messer habt Ihr eine Kugel im Kopfe! Old Shatterhand ist nicht der Mann, der sich so leicht niederstechen läßt, wie Ihr zu denken scheint. Seht doch, daß Winnetou seinen Revolver auch schon schußfertig hält! Ihr seid heute an Leute gekommen, welche kurzen Prozeß zu machen pflegen. Ihr bemerkt wohl, daß mein Finger am Drücker liegt. Antwortet mir also bündig, ob Ihr Old Cursing-Dry seid oder nicht?«

Seine Augen leuchteten heimtückisch auf; aber er sah ein, daß er gegen uns im Nachteile war, schob das Messer in den Gürtel zurück, setzte sich wieder nieder und sagte in scheinbarer Ruhe:

»Ich heiße Fletcher; wie mich etwa andere ........ Schufte nennen, das ist mir gleich und geht euch nichts an!«

»Oho! Es geht uns wohl etwas an, was für ein Mensch sich zu uns gesellt! Dick Hammerdull, habt Ihr gewußt, daß dieser Mann Old Cursing-Dry ist?«

»Nein,« antwortete der Dicke verlegen.

»Wie lange seid Ihr schon mit ihm zusammen?«

»Es wird wohl so eine Woche sein. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Wenn du denkst, Dick, daß es so lange her ist, so wird es wohl richtig sein,« antwortete Holbers.

»Ob richtig oder nicht, das bleibt sich gleich, aber es ist genau eine Woche, nicht länger und nicht kürzer.«

»So müssen Euch doch seine Flüche aufgefallen sein!« fuhr ich fort.

»Seine Flüche? Hm, ja! Hab freilich zuweilen gedacht, daß er sich ein wenig anders ausdrücken könnte; aber daß er Old Cursing-Dry ist, das wußte ich nicht.«

»So will ich nichts sagen; aber hättet Ihr es gewußt und ihn trotzdem zu uns gebracht, dann – – Ihr wißt jedenfalls, was ich sagen will. In unserer Gegenwart wird anständig gesprochen; Flüche dulden wir nicht, und wem das nicht recht ist, der mag so schnell wie möglich gehen, wenn er nicht gegangen werden will! Und nun ist's genug hiervon! Wir haben Notwendigeres zu besprechen. Wir erwarteten euch beide mit noch vier Mann; sind diese den Pa-Utes auch in die Hände gefallen?«

»Ja.«

»Wann?«

»Gestern abend.«

»Wo?«

»Am Rio San Juan.«

»Auf welche Weise?«

»Ob auf diese oder auf jene Weise, das bleibt sich ganz egal; ich weiß weder die Art noch die Weise.«

»Das begreife ich nicht. Ihr müßt doch unbedingt wissen, was geschehen ist!«

»Das würde wohl richtig sein, wenn es in unserer Gegenwart geschehen wäre, Mr. Shatterhand.«

»Ah, so seid ihr nicht dabei gewesen?«

»Nein, wir waren fort, um Fleisch zu holen, und weil wir nicht gleich ein Wild fanden, kamen wir weit vom Lager ab. Als wir zurückkehrten, war es schon finster, und wir wären den Pa-Utes ganz ahnungslos in die Arme geritten, wenn uns nicht Mr. Fletcher entgegengekommen wäre, um uns zu warnen.«

»Weiter! Ihr waret zu Pferde?«

»Ja, denn wir wollten uns auf Antilopen versuchen.«

»Fletcher war auch beritten?«

»Natürlich! Als er auf uns getroffen war, versteckten wir die Pferde und schlichen nach unserm Lagerplatze zurück, den die Pa-Utes inzwischen eingenommen hatten. Es gelang uns, so nahe heranzukommen, daß wir unsere acht gefangenen Gefährten sehen konnten; sie lagen gefesselt inmitten der Roten.«

»Keiner tot?«

»Nein, nicht einmal verwundet.«

»Hm, höchst sonderbar! Habt ihr denn keine Schüsse gehört?«

»Nein; wir hatten uns zu weit vom Lager entfernt.«

»War keine Spur zu bemerken, daß ein Kampf stattgefunden hatte?«

»Zwei Indianer lagen tot am Feuer.«

»Das ist noch viel sonderbarer! Ihr habt doch auf das gelauscht, was gesprochen wurde?«

»Ob gelauscht oder nicht, das ist ganz und gar egal; es wurde kein Wort gesprochen. Wir hatten überhaupt schon zuviel gewagt und mußten trachten, uns in Sicherheit zu bringen. Darum suchten wir sehr bald die Pferde wieder auf und ritten fort.«

»Wohin?«

»Natürlich hierher, denn es blieb uns nichts anderes übrig, als Euch aufzusuchen und dann mit Hilfe der Navajos die gefangenen Kameraden zu befreien. Darum schlage ich vor, sofort nach dem Agua grande aufzubrechen und – –«

»Nur Geduld!« unterbrach ich ihn. »Wir sind noch lange nicht so weit. Wir müssen klar sehen, ehe wir einen Entschluß fassen können. Es handelt sich vor allen Dingen um die beiden Indianerleichen. Wer hat diese zwei Indsmen getötet? Wißt Ihr dies vielleicht, Mr. Fletcher?«

»Laßt mich in Ruh!« antwortete er grob. »Was gehen mich die roten Schufte an!«

»Liegt Euch auch nichts an Euren weißen Kameraden, welche gefangen sind?«

»Wenn nicht ein Sohn und ein Neffe von mir dabei wären,

könnte auch sie der holen!«

»Hört, drückt Euch anders aus, sonst jagen wir Euch fort, und Ihr mögt sehen, wie Ihr Eure Verwandten frei bekommt! Wir sind zur Hilfe bereit, müssen da aber unbedingt verlangen, die Wahrheit zu erfahren. Also Ihr wißt nicht, auf welche Weise die Indsmen um das Leben gekommen sind?«

»Nein.«

»So sagt, wie geschah der Überfall?«

»Auch das kann ich nicht sagen, denn ich war nicht dabei.«

»So waret Ihr auch vom Lager fort? – Wohin?«

»Fleisch holen.«

»Hat Euch denn das Los mit getroffen, auf die Jagd zu gehen?«

»Nein; aber die Zeit wurde mir zu lang, und so ritt ich fort. Als ich nach hereingebrochener Dämmerung zurückkehrte, hörte ich das Kriegsgeheul der Roten im Lager, welches überfallen worden war. ich konnte nichts thun, als Mr. Hammerdull und Mr. Holbers entgegenreiten, um sie zu warnen. Das ist alles, was ich von dieser Geschichte

weiß.«

»Wie stark sind die Pa-Utes ungefähr?«

»Es können wohl dreihundert sein. Wenn wir nur halb so viele Navajos bekommen können, mache ich mich anheischig, diesen ...... Schurken das Leben aus den ...... Leibern zu treiben, so daß – –«

»Schweig!« donnerte ihn da der Apatsche an, der bis jetzt kein Wort gesprochen hatte. »Du bist es, der die beiden Pa-Utes getötet hat!«

»Nein, ich bin es nicht!«

»Das ist Lüge. Du bist der Mörder!«

Die Augen der beiden bohrten sich ineinander. Die bronzenen Züge Winnetous waren kalt und stolz wie die eines Königs, während auf dem Gesichte Fletchers die ungezügelte Leidenschaft flammte. Der letztere vermochte nicht, den Blick des Apatschen länger als einige Sekunden auszuhalten; er mußte den seinen senken, hob aber die Finger wie zum Schwure und rief:

»Ich will erblinden oder zerschmettert werden, wenn ich der Mörder bin! Das ist genug gesagt, und nun laßt mich in

Ruhe mit Euern ...... roten Teufeln!«

Es überlief mich ein kaltes Grauen. Aber ich hielt ihn für den Mörder, ohne es ihm aber zu sagen. Nun diese Worte! Das hieß das Strafgericht mit beispielloser Gottlosigkeit und Frechheit auf sich herabbeschwören! Mir versagte die Zunge; Winnetou aber stand auf und sagte im Tone eines Propheten, vor dessen geistigem Auge das Kommende entschleiert liegt:

»Dieses lästernde Bleichgesicht hat vorhin gleich beim Willkommen die ganze rote Rasse, also alle meine Brüder

und auch mich verflucht. Winnetou hat dazu geschwiegen, denn er weiß, daß der gute Manitou den Fluch des Bösen in Segen und Wohlthat verwandelt. Nun aber hat der Flucher den großen und gerechten Manitou selbst gelästert und zur Rache aufgefordert; er hat mit dem Allmächtigen gewettet um das Licht seiner Augen und um die Unverletzlichkeit seiner Glieder. Winnetou sieht das Strafgericht über ihn hereinbrechen und mag keinen Teil an ihm haben. Der große Manitou weiß ebenso gut wie ich und Old Shatterhand, daß er der Mörder ist, und wird ihm thun, wie er von ihm gefordert hat. Howgh!«

Als sich der Apatsche jetzt wieder niedersetzte, wäre es uns andern unmöglich gewesen, gleich zu sprechen; Fletcher aber sprang auf und wiederholte seine Lästerung in einer Weise, daß es mich förmlich emporriß; ich trat auf ihn zu, erhob die Faust und fuhr ihn an:

»Schweig augenblicklich, Mensch, sonst schlage ich dich nieder wie ein Ungeziefer, dessen Tod für andere Geschöpfe ein Segen ist! Auch ich sage mich von dir los. Mag geschehen, was da wolle, von uns hast du keine Hilfe zu erwarten!«

Da duckte er sich zusammen, hatte aber doch noch die Frechheit, halblaut und halb höhnisch zu sagen:

»Sagt Euch in Namen von mir los! Ich brauche Euch nicht, denn es handelt sich nicht um mich, sondern um die Gefangenen. Das also ist der ganze Beistand, den man von diesen beiden hochberühmten Westmännern zu erwarten hat. Ich danke!«

»Du hast nicht zu danken, denn du hast nichts mehr von uns zu fordern. Was aber die Gefangenen betrifft, so werden wir thun, was in unsern Kräften steht. Wenn Rettung möglich ist, soll sie ihnen werden.«

»Dann müssen wir uns aber beeilen!« bat Dick Hammerdull. »Ihr werdet einsehen, daß wir keine Minute länger verlieren dürfen, Mr. Shatterhand. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?«

»Hm!« brummte der Gefragte nachdenklich. »Wenn ich es mir recht überlege, können wir nichts Besseres thun, als uns auf Mr. Winnetou und Mr. Shatterhand verlassen. Die sind gescheiter als du bist, alter Dick, von mir ganz zu schweigen.«

»Da wäre es viel besser gewesen, du hättest gar nichts gesagt! So ein Coon, wie du bist, sollte eigentlich gar nicht reden!«

»Well! Da du hierin jedenfalls recht hast, ersuche ich dich, mich in Zukunft gar nicht mehr zu fragen; dann kann das alte Coon den Schnabel halten.«

Das war natürlich im Scherz gemeint, denn es kam nie vor, daß die beiden sich im Ernste zankten. Dies wäre ihrer Eigenschaft als Toasts ganz zuwider gewesen. Hammerdull mußte uns den Ort, an welchem sich das Lager befunden hatte, genau beschreiben. Er fügte hinzu:

»Wahrscheinlich aber sind die Roten dort nicht mehr zu treffen; ich bin vielmehr sicher, daß sie hinter uns her sind, um uns zu verfolgen. Darum dringe ich so darauf, daß wir schnell weiterreiten.«

»Ihr seid im Irrtum, Dick,« antwortete ich. »Ihr werdet nicht verfolgt. Wenn die Pa-Utes wüßten, daß drei entkommen sind, wären sie schon längst zu sehen. Sie sind jedenfalls der Überzeugung, alle Weißen, welche anwesend waren, gefangen zu haben.«

»Aber unsere Spuren! Aus ihnen müssen sie doch ersehen, daß wir auf der Jagd waren, also beim Überfall nicht dabei gewesen sind!«

»Der Überfall geschah gestern abend nach Anbruch der Dunkelheit, und heut früh waren eure Spuren schon so undeutlich, daß nicht mehr unterschieden werden konnte, wann sie entstanden sind, ob vor oder nach der Überrumpelung des Lagers. Und eure Kameraden werden, wenn man sie fragt, sich hüten, euch, von denen ihre Rettung abhängt, zu verraten. Dazu kommt, daß die Pa-Utes sich auf dem Kriegspfade befinden und also die beiden Leichen nicht mit sich herumschleppen können. Man wird die Toten dort begraben. Obgleich sie gezwungen sind, die dabei vorgeschriebenen Ceremonien abzukürzen, werden sie doch vor morgen mittag nicht fertig sein und also nicht eher aufbrechen. Zudem haben sie auch sonst keine Eile, weil sie auf die Rückkehr der beiden Kundschafter warten müssen, von denen sie nicht wissen, daß sie in die Hände der Navajos geraten sind. Ihr seht also wohl ein, daß wir Zeit haben?«

»Ob Zeit oder nicht, das ist ganz und gar egal; ich werde mich aber nach Eurem Entschlusse richten, weil Ihr wirklich klüger seid als Pitt Holbers, das alte Coon. Das hat er vorhin selbst gesagt.«

»Von dir natürlich ganz zu schweigen, lieber Dick,« fiel Holbers in komischem Ernste ein.

»Sei doch lieber still! Du hast ja gesagt, daß du nicht mehr reden willst. Was gedenkt Ihr also nun zu thun, Mr. Shatterhand?«

»Das wird Winnetou bestimmen. Die Aufklärung habe ich allein geführt; darum werde ich das weitere nun ihm überlassen.«

Winnetou und ich, wir kannten uns, wie sich selten zwei Menschen kennen. In Augenblicken, wo es galt, einen Entschluß zu fassen, war es oft, als ob wir beide nur eine Seele, einen Gedanken hätten. Was der eine von uns aussprach, das hatte der andere vorher schon im stillen für richtig gehalten. So auch jetzt. Der Apatsche warf einen forschenden Blick in mein Gesicht, und als ich nickte, wendete er sich an den Navajo, welcher mit uns gekommen war und bisher schweigend bei uns gesessen hatte, denn wenn Häuptlinge sprechen, darf ein gewöhnlicher Krieger es nicht wagen, sich hören zu lassen:

»Kennt mein junger, roter Bruder genau den Deklil-Naßla des Juanflusses?«

Der Gefragte nickte stumm und ehrfurchtsvoll. Der Apatsche fuhr fort:

»An beiden Enden desselben gehen schmale Pfade hinab, welche nur von den Kriegern der Navajos gefunden werden. Nitsas-Kar, der tapfere Häuptling derselben, mag seine Krieger nach dem Cañon führen, die eine Hälfte ganz hinab an das untere Ende und die andere Hälfte an das obere Ende, doch nicht ganz hinab, damit sie nicht gesehen werden können, denn wir werden die Pa-Utes in den Cañon locken. Erst wenn sie in denselben eingedrungen sind, darf die obere Schar ganz hinab bis an das Wasser steigen und sich sehen lassen. Dann sind die Pa-Utes zwischen den beiden Abteilungen eingeschlossen und müssen sich ergeben, wenn sie sich nicht bis auf den letzten Mann erschießen lassen wollen, denn sie befinden sich zwischen den hohen, glatten Wänden des Cañons, wo sie sich nicht verbergen können, während die Krieger der Navajos von keiner Kugel getroffen werden können, weil sie hinter den Felsenblöcken stecken, welche oben und unten die Schlucht einengen. Hat mein Bruder mich verstanden?«

Wieder dasselbe zustimmende Nicken.

»So mag er sich sofort auf sein Pferd setzen, um schnell heimzureiten!«

Einige Augenblicke später galoppierte der Navajo davon, ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben. Dann stiegen auch wir auf und eilten fort, dem San Juan zu, dessen Ufer Winnetou und ich genau kannten. Und selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätten wir in Hammerdull und Holbers zuverlässige Führer gehabt. An Fletcher erging kein Wort, kein Blick der Aufforderung, uns zu folgen; wir thaten, als ob er gar nicht anwesend sei, doch kam er, als er sich eine Weile besonnen hatte, hinter uns her. Es wäre uns freilich viel lieber gewesen, wenn er zurückgeblieben wäre. –

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