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Auf der alten Fährte

Bret Harte: Auf der alten Fährte - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorBret Harte
titleAuf der alten Fährte
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid13f875d4
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Smiths Auferstehung

Das üppige Gelage, womit Herr James Farendell den letzten Tag seines Junggesellentums gefeiert hatte, war so tief in die Nacht hinein ausgedehnt worden, daß der letzte Gast, der sich unter der Türe des besten Restaurants in Sacramento von ihm verabschiedete, wohl den Eindruck haben konnte, die blaßgelbe Glut am Himmel bedeute die Morgenröte. Aber Herr Farendell selbst hatte den Kopf frei genug behalten, um sie als Feuerschein in einem entlegenen Geschäftsviertel zu erkennen, ein in der trockenen Jahreszeit nicht seltenes Ereignis. Als der Gast verschwunden war, schlug er selbst diese Richtung ein. Sein eigenes Kontor lag zwar nicht genau da, wo das Feuer sein mußte, aber Sacramento war schon einmal von einer rasch und weit um sich greifenden Feuersbrunst heimgesucht worden, und es schien ihm geboten, selbst in dieser festlichen Nacht auf seiner Hut zu sein.

Vielleicht gab ihm auch gerade dieser Tag Anlaß zu einer gewissen Ängstlichkeit. Tags darauf wollte er mit der Witwe seines verstorbenen Teilhabers Hochzeit machen, eine Heirat, die ihre persönlichen Annehmlichkeiten hatte, und wodurch auch geschäftliche Schwierigkeiten gehoben wurden. Er war vom Glück begünstigt, aber wie manche, die es noch mehr sind, durchaus nicht blind für die Möglichkeiten eines Umschlags. Der Tod seines Teilhabers an einem aufblühenden Geschäft hätte einen solchen bedeuten können, aber seine erfolgreiche, wenn auch etwas überstürzte Werbung um dessen unerfahrene Witwe hatte seine günstigen Aussichten wieder hergestellt, ohne das Anstandsgefühl einer Gesellschaft von Pionieren allzu tief zu verletzen. Nichtsdestoweniger war er kein zufriedener, nicht einmal ein entschlossener Mensch, wenn auch ein tatkräftiger.

Ein Gang von wenigen Minuten brachte ihn an den Kai am Flußufer, eine bevorzugte Gegend, worin neben vielen andern sein Geschäftshaus in günstiger Lage stand. Zu jener frühen Zeit konnte man nur wenige von diesen Gebäuden als dauernd ansehen, Feuer und Überschwemmungen bedrohten sie fortwährend. Es waren entweder flüchtig aufgeführte Holzbauten oder wie beim Farendellschen ein Wellblechdach über einem einstöckigen Holzbau, der im Innern mehr oder weniger hübsch ausgeschmückt war. Als er hinkam, war der Feuerschein in der Ferne bedeutend angewachsen. Er hatte unterwegs viele bekannte Geschäftsleute gesehen, die eilig dahinstürmten, sei es, um ihr Eigentum zu beschützen, sei es, um der mangelhaft ausgerüsteten freiwilligen Feuerwehr selbstlose Dienste zu leisten. Wäre Farendell in dieser besondern Nacht nicht von andern Gedanken in Anspruch genommen gewesen, würde er sicher auch an diesem Werk der Bruderliebe teilgenommen haben.

Er schloß die eiserne Türe auf und zündete die Hängelampe an, die man an Dampfertagen gebrauchte, wenn die Nacht durchgearbeitet werden mußte. Sie beleuchtete ein schmuck eingerichtetes Kontor mit Stehpulten für die Angestellten und seinen eigenen Schreibtisch, der in einer Ecke stand. In der Mitte der Wand befand sich ein großer Kassenschrank. Auch diesen schloß er auf und nahm ein paar wichtige Geschäftsbücher heraus, desgleichen Goldmünzen und Goldstaub im Wert von etlichen fünfhundert Dollars. Der Hauptbestand war gestern auf die Bank gebracht worden. Es war nur eine Vorsichtsmaßregel für alle Fälle, denn Farendell hatte keine Eile, die Sachen in Sicherheit zu bringen, vertiefte sich vielmehr nachdenklich in ein Bündel von Schriftstücken, das er demselben Fach entnommen hatte. Das durch Rollläden dicht verschlossene Gebäude war fast hermetisch verwahrt gegen Licht und sogar Lärm, weshalb er weder beobachten konnte, wie stetig der Feuerschein anwuchs, noch wie das Geräusch der Löscharbeit näher rückte und wie das ganze ruhige Viertel von Geschäftsleuten wimmelte, die gleich ihm um ihr Eigentum besorgt waren. Die Papiere, die er durchblätterte, mußten von Wichtigkeit sein, denn als jetzt der Griff der schweren eisernen Türe gedreht wurde und diese sich schwerfällig in den Angeln bewegte, war sein erstes, daß er hastig die Papiere verbarg, während er das offen daliegende Gold nicht beachtete. Und als er sich jetzt nach der Türe umwandte, drückten Gesicht und Haltung viel eher nervöse Angst um ein sorglich gehütetes Geheimnis aus, als Entrüstung über den Eindringling.

Dieser machte wohl einen seltsamen, aber keinen schreckenerregenden Eindruck. Es war ein Mann, der kaum das mittlere Lebensalter überschritten haben konnte, mit einem schmalen Gesicht, eingesunkenen Schläfen und Wangen, die von Krankheit oder Entbehrung zeugten, und einem halbergrauten Bart, der seine Kehle umgab wie ein schmutziges wollenes Halstuch, indes Kinn und Mund glatt rasiert waren. Seine Bewegungen waren bedächtig und pedantisch, und selbst als er jetzt den Riegel an der Türe von innen vorschob, lag darin nichts Herausforderndes. Nichtsdestoweniger fuhr Farendell mit der Hand nach der Tasche, worin er seine Pistole trug, aber der Fremde winkte ihm mit gelassener Warnung ab, zog einen Stuhl herbei und ließ sich ohne Umstände neben ihm nieder.

Farendells ärgerliches Starren wich einem Ausdruck der Überraschung und des Erkennens.

»Josua Scranton,« murmelte Farendell unsicher.

»Ich meine auch,« versetzte der andre langsam. »Das ist der Name, den ich von jeher getragen habe. Du nanntest dich Farendell. Nun, wir haben uns nicht mehr gesehen seit dem Frühjahr 50, als du mich halb erfroren und vom Fieber geschüttelt am Stanislausfluß im Stich ließest, das Mutungsfeld verkauftest, das Duffy und ich bearbeiteten, und nach Frisko verduftetest.«

»Ich habe einfach von meinem Recht als erster Eigentümer Gebrauch gemacht und meine Vorschüsse gerettet,« entgegnete der ehemalige Farendell in scharfem Ton.

Wieder hob sich die schmale Hand, dieses Mal um jede Erklärung verächtlich abzuschneiden.

»Das ist nicht der eigentliche Grund, weshalb ich dich heute nacht aufsuche,« sagte der Fremde ruhig, »auch nicht über deinen Namen Farendell – den Namen deines Freundes, der auf der Überfahrt hierher gestorben ist und dessen Papiere du ›entlehnt‹ hast – wollte ich mit dir reden. Auch nicht eigentlich über deine Frau, die du in Missouri hast sitzen lassen, ohne je ihre Briefe zu beantworten – das heißt von allem etwas führt mich her, und noch etwas andres außerdem.«

»Was zum Henker willst du von mir?« fragte Farendell mit verzweifelter Offenheit, die eine schweigende Anerkennung der Nichtigkeit der erwähnten Tatsachen enthielt.

»Du gibst zu, daß du dich morgen verheiraten willst?« fragte Scranton, Wort für Wort betonend, weiter.

»Jawohl, und, zum Teufel, ich möchte den sehen, der etwas dagegen hätte,« herrschte ihn Farendell wütend an.

»Du wirst es nicht tun,« erwiderte Scranton. »Möchte dir's nicht raten. Du hast die Leiter wieder herabzusteigen, ob du magst oder nicht. Du wirst heruntersteigen und verschwinden. Innerhalb einer Stunde wirst du dein Pult, deine Bücher, die ganze Bude abschließen und verduften. In einer Stunde von jetzt an wird kein Farendell mehr vorhanden sein, folglich wird auch morgen keine Hochzeit stattfinden.«

»Wenn du's darauf abgesehen hast – würdest du mich nicht lieber auf der Stelle ermorden?« fragte Farendell mit scheuem Blick und einem unwillkürlichen Griff nach seinem Revolver.

Aber wieder hob sich im selben Augenblick des Fremden magere Hand.

»Wir pflegen nicht in Mord zu arbeiten, Duffy und ich, sonst wären wir zu zwei hergekommen. Sollte mir aber etwas zustoßen, so bleibt Duffy übrig, und er hat die Beweismittel.«

Farendell schien die Richtigkeit auch dieser Aussage unumwunden anzuerkennen.

»So steht's also?« sagte er barsch. »Sag mir, wieviel du haben willst. Allzuviel habe ich nicht zu geben.«

»Und wenn du Millionen hättest, es würde nicht ausreichen, uns zu kaufen, das könntest du nachgerade wissen,« erklärte Scranton mit einem kurzen Aufflammen der Augen.

Doch schon in der nächsten Sekunde war seine bisherige kalte Entschlossenheit wieder da, und den Arm auf das Pult des vor ihm sitzenden Manns stützend, spielte er gleichgültig mit einem Briefbeschwerer, der ihm in die Hand kam.

»Die Sache ist die,« sprach er langsam weiter, »daß wir beide, Duffy und ich, die Geduld mit dir verloren haben, Farendell. Wir haben im Hinterhalt gelegen, dich und dein Treiben beobachtet und dazu geschwiegen, bis wir die Zeit für gekommen hielten, daß du die Karten aus der Hand gibst und aus dem Spiel ausscheidest. Wir wollen nichts von dir, wir beneiden dich um nichts, aber wir haben beschlossen, deinem Treiben ein Ende zu machen.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»Dann wird's, schätz' wohl, viel Geschrei setzen, vielleicht auch Kampf, auch werden andre mit hineingezogen werden, aber schließlich wird's auf eins herauskommen,« erklärte Scranton gelassen. »Die ganze Geschichte wird an den Tag kommen, und du wirst dich doch drücken müssen. Wenn du's jetzt tust, so geht's ohne Aufsehen ab.«

»Ja, meinst du denn, ein Geschäftsmann wie ich könnte verschwinden, ohne daß es Aufsehen machte?« fragte Farendell zornig. »Seid ihr denn verrückt?«

»Ich schätze, daß die Lücke, die du hinterläßt, ausgefüllt werden kann,« sagte Scranton trocken. »Aber wenn du jetzt gehst, hast du weiter nichts mit der Geschichte zu tun, wenn du dagegen bleibst, mußt du ausfressen, was du dir eingebrockt hast, und zuletzt doch gehen.«

Farendell schwieg. Möglicherweise hatte er diese Wahrheit längst mit sich herumgetragen. Niemand außer ihm kannte ja den unausgesetzten Kraftaufwand, den Verhehlen und Vertuschen in diesen Jahren erfordert hatten, niemand ahnte, wie oft er selbst nahe an einem verzweifelten Schritt gewesen war. Deshalb war das Opfer, das von ihm gefordert wurde, nicht so groß, als es erscheinen mochte. Dieses Bewußtsein würde ihm ein gewisses moralisches Übergewicht über den Gegner gegeben haben, falls Scranton aus reiner Selbstsucht oder Bosheit gehandelt hätte, da er aber wohl eine Vorstellung von Farendells wahrem Seelenzustand haben mochte, wirkte sein Ultimatum um so unpersönlicher und verhängnisvoller. Das war es, was Farendell vielleicht veranlasste, mit verzweifeltem Ungestüm zu fragen: »Was ins Teufels Namen hat euch dazu getrieben?«

Scranton legte die Arme auf dem Pult übereinander und sagte, mit der einen Hand sein glattes Kinn reibend: »Soviel ich mich erinnere, hab' ich dir ja schon gesagt, wir, Duffy und ich, hätten die Geduld verloren!«

Er hielt einen Augenblick inne, stand dann plötzlich auf und sagte mit einer wegwerfenden Bewegung gegen das Gold auf dem Zählbrett: »Du kannst davon mitnehmen, was du nötig hast, um fortzukommen! Je weniger du indes mitschleppst, desto weniger läufst du Gefahr, verfolgt zu werden!«

Er ging zur Tür, schloß auf und öffnete sie. Eine seltsame Beleuchtung wie von einem fahlgelben Lichtstrom, den Blitze durchzucken, erfüllte die Dunkelheit draußen, und die Stille wurde von dumpfem Krachen und immer näher kommenden Rufen und Schreien unterbrochen. Ein paar Gestalten huschten aus den benachbarten leeren Geschäftshäusern, sie wie das Farendellsche von den beunruhigten Eigentümern aufgesucht worden waren.

»Das Glück ist dir günstig,« fuhr Scranton fort. »Du könntest dir's gar nicht besser wünschen. Es ist eine große Feuersbrunst, die Stadt ist zum Bratofen geworden – das ist die beste Gelegenheit für einen, der sich aus dem Staub machen und nicht vermißt werden will. Hinterlaß Spuren, wo das Gedränge am dichtesten ist und du gesehen werden mußt als einer, der zu Hilfe eilt! Du wirst nicht der einzige sein, der morgen fehlt,« setzte er finster und bedeutungsvoll hinzu, »oder kein Mensch wird wissen, daß du zu denen gehörst, die wirklich ›durchgebrannt‹ sind!«

Wo die Überzeugungskraft der unanfechtbaren Logik des seltsamen Mannes vielleicht doch nicht ausgereicht hätte, setzten Geräusch, Tumult, das Gefühl unentrinnbar herannahenden Unheils, der Drang, irgendwie zu handeln, in welcher Art es auch sei, die ihrige ein. Farendell stopfte hastig die vorhin gefundenen Papiere und das Gold in seine Tasche, dann ging er nach der Türe. Schon glaubte er den glühenden Hauch der von Bau zu Bau hüpfenden Flammen zu verspüren.

»Und du?« sagte er, sich mißtrauisch nach Scranton umwendend.

»Wenn du draußen bist, werde ich die Sachen hier in Ordnung bringen und dann auch gehen – nicht vorher! Ich glaube,« setzte er mit einem finsteren Blick nach dem Himmel, der jetzt von Funken sprühte, als ob Meteore niederschauerten, hinzu, »daß morgen früh nicht mehr viel übrig sein wird von der Bude.«

Ein paar glühende Holzstücke schlugen dumpf polternd auf das Blechdach des niederen Hauses und zerfielen in Asche. Farendell warf einen letzten Blick um sich, dann stürmte er hinaus. Die eiserne Türe fiel hinter ihm zu – er war fort.

Offenbar war es höchste Zeit gewesen zu gehen, denn die umstehenden Häuser waren längst verlassen von denen, die sie hatten retten wollen und nun Bücher und Wertsachen in Stößen auf die Straße geschafft hatten, um sie von da wegtragen zu lassen. Und jetzt trat ein furchtbares Phänomen ein, wie es früher schon in einem ähnlichen Fall alle Anstrengungen der Feuerwehr zu Schanden gemacht hatte. Ein großes hölzernes Magazinsgebäude, das im Mittelpunkt des Häuserblocks lag, viele hundert Fuß von dem eigentlichen Feuerherd entfernt, und das bisher unversehrt geblieben, war mit einem Schlag in dichte Rauchwolken eingehüllt, und ohne alle Vorzeichen brachen aus dem ganzen Gebäude vom Sockel bis zum First lodernde Flammen heraus. Augenzeugen behaupteten, daß ein Feuerstrom von der Brandstätte herübergeflossen sei, den Zwischenraum gleich einem leuchtenden Bogen überbrückend. Im nächsten Augenblick war das ganze Viertel von einem Wirbel aus Rauch und Flammen umzogen, aus dessen kochendem Strudel gelegentlich die zusammenbrechenden oder glühenden Umrisse der Wellblechhäuser auftauchten. Dann fegte das Feuer weiter und weiter.

Als die Sonne wieder über der bestürzten, verwüsteten Stadt aufging, waren persönliches Leid und Erleben über dem allgemeinen Unglück vergessen. Zwei oder drei Tage vergingen, bis alle Einzelheiten überhaupt bekannt wurden – die unwiderstehlich drängende Energie dieses Volkes errichtete inzwischen schon neue Bauten auf den glostenden Trümmern. Erst am dritten Tag nach dem Brand las James Farendell auf dem Deck eines Dampfers, der die Küste entlang durch die Nebel des Goldenen Tores kroch, in einer durch den Lotsen gebrachten Zeitung von San Franzisko die neuesten Nachrichten. Als er den Umfang der Verluste, die seine frühere Annahme weit überstiegen, rasch in Gedanken überschätzte, empfand er mit einer gewissen Genugtuung, daß er materiell im Grunde nicht übler dran war als seine Kollegen. Sie waren ruiniert wie er, sie mußten die Arbeit von vorn anfangen wie er – aber dann! Ach, es war immerhin ein furchtbarer Unterschied! Tief aufatmend, las er weiter, als mit einem Mal sein Blick an einem späteren Artikel haften blieb, dessen vollen Sinn er zuerst gar nicht zu begreifen vermochte. Er las ihn wieder und wieder, und die Worte drängten sich mit einer bedächtigen Entschiedenheit seinen Sinnen auf, so beharrlich und teilnahmslos wie Scrantons Reden in der verhängnisvollen Nacht.

»Man fürchtet jetzt, daß der Verlust an Menschenleben weit größer sei, als zuerst angenommen wurde. Der schon veröffentlichten Liste von Toten müssen wir den Namen James Farendells, des unsern Mitbürgern wohlbekannten tatkräftigen Unternehmers, hinzufügen, der am Morgen nach dem Brand vermißt wurde. Heute nachmittag wurden seine verkohlten Überreste unter dem eingesunkenen verbogenen Blechdach seines Kontorgebäudes aufgefunden. Offenbar war er hingeeilt, um seine Bücher und Schriftlichkeiten in Sicherheit zu bringen – der offenstehende Kassenschrank spricht für diese Annahme – und muß durch die Hitze, die das Metall dehnte und damit Türen und Fenster hermetisch abschloß, eingesperrt worden sein. Einige von seinen Nachbarn sahen ihn das Gebäude betreten, als das Feuer noch weit entfernt war, und seine Überreste sind an den darunter liegenden Schlüsseln erkannt worden. Dieses verfrühte Ende erregt um so schmerzlichere Teilnahme, als der Verstorbene am Tag darauf die Witwe seines früheren Teilhabers zum Altar führen wollte. Er hat, dem Ruf der Pflicht gehorchend, eine fröhliche Tafelrunde verlassen, die er zur Feier des letzten Tages seines Junggesellentums, der auch der letzte seines Lebens werden sollte, um sich versammelt hatte. Zwei Familien sind auf diese Weise in Trauer versetzt, und es ergibt sich daraus die leidige Folgerung, daß durch dieses widrige Schicksal die wohlbekannte Firma Farendell & Cutler buchstäblich erloschen ist.«

Farendell sprang auf, aber ein Schlingern des Schiffs, das auf den langgestreckten Wellen des Pazifiks dahinglitt, ließ ihn schwindelnd auf seinen Sitz zurücksinken und bändigte seinen ersten ungestümen Trieb zur Umkehr. Er sah jetzt klar: das Feuer hatte ihn gerächt, indem es seinen Verfolger Scranton ausgemerzt hatte, doch in den Augen seiner Bekannten hatte es nur ihn vertilgt! Er hätte ja zurückkehren können, um das Gerücht von seinem Tod persönlich zu widerlegen, aber Scrantons Genosse lebte und mit ihm sein Geheimnis; seine Rückkehr ins Leben wäre auch eine Rückkehr unter das Henkerbeil gewesen, das über ihm schwebte.

* * *

Vier Jahre verstrichen, ehe der einstige Farendell seinen Fuß wieder auf den Kai von Sacramento setzte. Der Dampfer, der ihn von San Franzisko hergebracht hatte, war ihm nach Umfang, Bequemlichkeit und Schönheit im Vergleich zu dem überfüllten ärmlichen, alle drei Wochen einmal fahrenden Boot von damals wie ein Wunder erschienen. Das hätte ihn gewissermaßen auf die noch größere Veränderung der Stadt vorbereiten können, aber dort erinnerte ihn überhaupt nichts mehr an die Vergangenheit, kein Wahrzeichen, nicht einmal eine Ruine gemahnte an die Stadt, die er einst gekannt hatte. Quadrate von Backsteingebäuden mit Straßen, die allerhand seltsame Namen führten, nahmen den Stadtteil ein, wo sein Geschäftshaus gestanden hatte, sogar dessen Lage hätte er nicht mehr bestimmen können. Die Schilder der Läden und Warenhäuser zeigten ihm ebenso fremde Namen. In den vier Jahren seines Wanderlebens hatte er sich kaum irgendwo so fremd gefühlt wie hier. Er hatte auf die gründliche Veränderung in seinem Äußern gebaut: den Vollbart, den er trug, und die von tropischer Sonne gegerbte Haut, allein die Vorsicht war überflüssig gewesen – unter den neuen Gesichtern in der verwandelten Stadt fand er kein bekanntes, keines auch konnte ihn wieder erkennen. Eine vorsichtige Anspielung, die er im Gespräch mit einem Reisegenossen auf dem Schiff über Verhältnisse in Sacramento gemacht hatte, wurde nur mit der verwunderten Bemerkung: »Ach, das muß vor dem Brand gewesen sein!« beantwortet, als ob es sich um eine entlegene historische Epoche gehandelt hätte. Diese gesicherte Gewißheit seiner Einsamkeit hatte sogar etwas Wehmütiges. Ja, er war vollständig ausgemerzt.

Das tat ihm weh, denn der einstige Farendell hatte mit den äußern auch innere Wandlungen durchgemacht. Das Glück war ihm merkwürdig hold gewesen. Das Boot, womit er entronnen war, hatte ihn nach Acapulco gebracht, wo seine Dienste als die eines zurückkehrenden und wahrscheinlich erfolgreichen Kaliforniers von einer englischen Gesellschaft, die alle mexikanischen Bergwerke wieder in Betrieb setzen wollte, eifrig begehrt wurden. Der Posten lag aber bedenklich nahe an der großen Auswandererstraße und deshalb schiffte er sich, sobald er eine hinreichende Summe verdient hatte, mit etlichen Waren nach Callao ein, wo er ein selbständiges Geschäft eröffnete, und zwar unter seinem wirklichen Namen, dem anspruchslosen Allerweltsnamen Smith. Höchst wahrscheinlich war dieses verständige Verfahren auch der erste Schritt zur Rechtlichkeit. Denn ob sein neuer Kurs sittlichen Gründen entsprang, oder nur einen abergläubischen Versuch darstellte, das Glück zu fesseln, genug, er war von nun an streng redlich in seinen Geschäften. Alles gelang ihm. Während der Flucht hatte ihn der Plan aufrecht gehalten, daß er, sobald er Erfolg haben würde, an seine verlassene Braut schreiben und sie bitten wolle, ihm zu folgen und wenn auch nicht seinen Namen, so doch seinen Reichtum zu teilen. Allein mit dem wachsenden Reichtum traten die Schwierigkeiten der Ausführung deutlicher zu Tage. Er hatte ja durchaus keine Gewißheit, daß ihre Liebe den an ihr geübten Betrug und die Enthüllungen, die er zu machen hätte, überleben würde, auch zweifelte er am Erfolg irgend eines Märchens, das er sonst unbedenklich und mit großer Zungenfertigkeit an Stelle der Wahrheit gesetzt hätte. Schon waren mehrere Monate seit seinem angeblichen Tod verstrichen. Wie konnte er erwarten, daß sie jetzt einer verfrühten Werbung minder zugänglich gewesen sein sollte als nach dem Tod ihres Gatten?

Vielleicht kam er dadurch dazu, an seine Frau zu denken, die er vor so langer Zeit verlassen hatte. Es war ihm bis jetzt ganz bequem gewesen, ohne Reue oder Liebe, vergessend und vergessen, dahin zu leben, aber in seinem jetzigen Wohlstand empfand er das Bedürfnis, seine ehelichen Angelegenheiten in eine gesichertere und gesetzmäßigere Form zu bringen, wäre es auch nur, um Katastrophen wie die letzte vorzubeugen. In diesem Fall waren ja die Schwierigkeiten weit geringer. Daß Ehemänner ihre Frauen verlassen und erst wieder auftauchen, wenn sie zu Geld gekommen sind, ist in Kalifornien nichts Unerhörtes. Sie würde in der Freude des Wiedersehens gewiß jeder halbwegs glaubhaften Geschichte willig Gehör schenken, oder aber – und dieser Gedanke war ihm ebenso lieb – sie war gestorben oder hatte sich scheiden lassen und wieder verheiratet, dann war er in weit gesicherterer Lage. Er begann also, ohne sich irgendwie hervorzuwagen, Nachforschungen anzustellen und anonyme Briefe zu schreiben, wodurch er ermittelte, daß seine Frau nur einige Wochen nach seinem zweiten Verschwinden von Missouri nach Sacramento übergesiedelt sei, daß man aber ihre Adresse nicht kenne!

Diese unvorhergesehene Sachlage machte ihn unruhig, reizte aber auch seine Neugier. Der einzige Mensch, der möglicherweise seine Identität mit dem ehemaligen Farendell feststellen, und den sie in Kalifornien treffen konnte, war Duffy. Er hatte sich oft den Kopf darüber zerbrochen, ob Scrantons geheimnisvoller Genosse gleich der übrigen Welt getäuscht worden sei, oder ob er wisse, daß die aufgefundene Leiche die seines Freundes war. Wenn nicht, so mußte er es eben als seltsames Zusammentreffen hinnehmen, daß auch Scranton in jener Nacht verschwunden war. In den ersten sechs Monaten seiner Flüchtlingszeit hatte er die kalifornischen Zeitungen genau durchgesehen, ohne je auf eine Notiz zu stoßen, daß man seinen Tod bezweifle. Diese Umstände und vielleicht etwas von jenem Bann, der den Verbrecher zwingt, den Schauplatz seiner Missetat zu umkreisen, hatten ihn, den vermöglichen Mann in mittleren Jahren in die Stadt zurückgeführt, die er als Flüchtiger verlassen hatte.

Wenige Tage in einem der neuen Gasthöfe überzeugten ihn vollständig, daß er keinerlei Gefahr lief, erkannt zu werden, und ermutigten ihn, eine Wohnung zu nehmen, die seiner offen zugestandenen Stellung als Haupt eines südamerikanischen Handelshauses besser entsprach. Durch Vermittlung seines Bankiers knüpfte er vorsichtig Verkehr mit wenigen Geschäftshäusern der Stadt an, was ihm einige Tätigkeit verschaffte, und der Umstand, daß die Briefe aus Südamerika an »Don Diego Smith« adressiert waren, verlieh seiner Persönlichkeit einen ausländischen Anstrich, zu dem die sonngebräunte Haut und der schwarze Bart das ihrige beitrugen. Noch ein kräftigerer Beweis dafür, daß sein früheres Selbst gänzlich ausgemerzt war, sollte ihm zu teil werden. Eines Tages wurde er zu seinem großen Schrecken auf der Bank mit einem Herrn bekannt gemacht, den er auf der Stelle als früheren Geschäftsfreund erkannte. Aber der Schreck war nur auf seiner Seite; die förmliche Verbeugung und Anrede des andern bewiesen zur Genüge, daß ihm nicht einmal eine entfernte Ähnlichkeit auffiel. Würde er wohl an seiner Frau ebenso unentdeckt vorübergehen können, wenn er sie zufällig träfe? Er wollte sie ja freilich nicht treffen, ehe er näheres von ihr wußte, und er wurde nun im Besuche öffentlicher Lokale vorsichtiger, aber zum Glück für ihn waren im damaligen Kalifornien die Frauen immer noch stark in der Minderheit und wurden daher mehr beobachtet, als sie beobachten konnten.

Vier Wochen vergingen. Er hatte mittlerweile das Adreßbuch der Stadt gründlich nach allen »Smiths« durchforscht, denn aus Furcht, eine verfrühte Enthüllung herbeizuführen, hatte er die anonymen Inserate aufgegeben. Diese persönliche Angelegenheit füllte einen Teil seiner Geschäftsstunden aus, und er betrieb sie ohne jegliche Hast. Er hatte ein wunderliches Vorgefühl, daß er zufällig die Wohnung seiner Frau entdecken, ja im stande sein werde, das Nötige über ihre Lebensführung und ihre Gewohnheiten zu erfragen, und vielleicht sogar eine kurze Frist unbeobachteter persönlicher Beobachtung zu haben, ehe er sich zu erkennen gab. Dieser Glaube wurde in eigentümlicher Weise bestätigt.

Eines Tages brachte er seine Uhr zur Ausbesserung in ein Juweliergeschäft. Während nun der Uhrmacher das Werk untersuchte, fiel ihm ein gewöhnliches altmodisches herzförmiges Medaillon auf, das mit anderen reparaturbedürftigen Schmucksachen auf dem Tisch lag. Das Ding kam ihm bekannt vor; er öffnete die nicht mehr gut schließende Kapsel vollends und erblickte ein verblaßtes Daguerrotypbildchen von sich selbst, das er einst in Missouri vor der Auswanderung nach Kalifornien hatte machen lassen. Er erinnerte sich sofort, es seiner Frau geschenkt zu haben, doch war es seiner jetzigen Erscheinung so unähnlich, daß er es getrost ansehen und ein paar gleichgültige Fragen an den Juwelier richten konnte. Dieser war ein mitteilsamer Mann. Ja, das sei freilich altmodischer Plunder, die Dame, die es vor ein paar Tagen gebracht habe und deren Name und Wohnung auf dem angehefteten Zettel stünde, wolle es aber durchaus geflickt haben.

Smith war mittlerweile gänzlich Herr der Erregung geworden, die ihn beim Anblick des Namens und der Handschrift seiner Frau erfaßt hatte. Nun war die Fährte endlich gefunden! Gleichgültig legte er das Medaillon hin, gab an, was mit seiner Uhr geschehen solle, und verließ das Geschäft.

Die Adresse, die er sich wohl eingeprägt hatte, bezeichnete zu seiner Überraschung ein Haus in der Nachbarschaft seiner Wohnung, aber er ging ohne Aufenthalt heim. Eine kleine Unterhaltung mit dem Hauswart ergab, daß das angegebene Gebäude ein großes Hotel garni war, worin »Frau Smith« offenbar als Haushälterin angestellt sein mußte, denn das Adreßbuch nannte nur den Namen des Besitzers, nicht den ihrigen. Er wartete den Abend ab, um seine Rekognoszierung zu beginnen. Seit er wirklich auf ihrer Spur war, hatte sein Feuereifer sich merklich abgekühlt, und er ging nur mit äußerster Behutsamkeit zu Werke. Das Haus, ein neu aufgeführter Holzbau, bot äußerlich keine Möglichkeit, die von ihr bewohnten Zimmer zu unterscheiden: alle Fenster nach der Straße waren mit denselben Vorhängen versehen. Es war ihm indes ein angenehm aufregendes Gefühl, zwei- oder dreimal an den Wänden vorüberzugehen, die den Gegenstand seiner Forschungen bargen. Gesehen hatte er sie bis jetzt noch nicht, und dadurch wurde der Genuß der Spannung natürlich noch gesteigert. Er bemerkte, daß in einem unmittelbar gegenüberliegenden neuen Haus Geschäftsräume zu vermieten waren, da kam ihm ein Einfall, der bis zum anderen Morgen zum festen Plan reifte. Er mietete ein Vorderzimmer im ersten Stock, ließ es hastig als Privatkontor einrichten und saß am zweiten Tag schon in aller Gottesfrühe hinter seinem Pult an dem Fenster, das einen vollen Überblick über das Nachbarhaus bot. Es war durchaus nicht auffallend, daß der südamerikanische Kapitalist in dieser beliebten Geschäftsgegend ein Privatbureau innehatte.

Zwei oder drei Tage vergingen, ohne daß er auf seinem Lauscherposten etwas von Belang wahrgenommen hätte. Er lernte zwar die verschiedenen Bewohner des Hauses von Ansehen kennen, darunter auch die beiden chinesischen Diener und das irische Hausmädchen, nur die Haushälterin ließ sich nicht blicken. Offenbar führte sie ein sehr zurückgezogenes Leben und ging nur ihren Pflichten nach: möglicherweise machte sie des Morgens, ehe er kam, oder abends, wenn er schon fort war, ihre Einkäufe. In diesem Gedanken machte er sich eines Morgens zu einem Frühspaziergang auf, wobei ihn ein tüchtiger Frühlingsschauer, ein Nachzügler aus der Regenzeit, überraschte. Es waren wenig Menschen unterwegs, aber schon um zwei oder drei Häuserblocks herum sah er eine große Frauengestalt vor sich hergehen, deren Kopf und Schultern der Regenschirm seinem Blick entzog. Trotz seiner inneren Gedankenarbeit war ihm aufgefallen, daß sie einen hübschen Gang hatte und mit Geschick und Anmut den Rock gerafft hielt, wobei gutsitzende Stiefel und schlanke Knöchel sichtbar wurden. Aber erst als sie um die Ecke seiner eigenen Straße bog, was er nicht erwartet hatte, wurde er aufmerksam. Sie ging weiter, blieb aber wenige Türen vor der seinigen stehen, um einem Händler, der eben seine Rollläden aufzog, einen Auftrag zu geben. Er konnte ihre Stimme deutlich hören, und in der Aufregung, worein ihn der Klang versetzte, strich er eilends, ohne die Augen aufzuschlagen, an ihr vorüber. Er erreichte sein Haus, ging im Sturmschritt die Treppe hinauf, schloß sein Kontor auf und lief ans Fenster. Die Dame ging schon über die Straße. Er sah sie vor der gegenüberliegenden Haustüre stillstehen, die sie mit einem Drücker öffnete, und als sie sich einen Augenblick umdrehte, um ihren Regenschirm zu schließen, war ihm ihr Profil deutlich zugekehrt. Er hatte seiner Frau Stimme gehört, ihr Gesicht gesehen.

Freilich, sie war eine andere, als das schmächtige, junge Schulmädchen, das er vor zehn Jahren geheiratet hatte, oder wenigstens ganz anders, als sie in seiner Erinnerung stand. Hatte er sie denn je gesehen, wie sie wirklich war? In dem schüchternen, sommersprossigen, unentwickelten Frauchen, das er im ersten Jahre der Ehe kennen gelernt hatte, mußte ja doch der Keim dieser selbstbewußten, gereiften Frau gelegen haben. Und dieser Klang ihrer Stimme! Er hatte ihn nie in seiner Erinnerung heraufbeschworen gehabt, wie es wohl ein Liebender tun mag, jetzt aber war er ihm seltsam zu Herzen gegangen. Ihres Profils hatte er sich wohl erinnert, aber nicht mit dem Gefühl, das ihn jetzt bewegte. Würde er sie verlassen haben, wenn sie damals schon so gewesen wäre? Oder war er ein andrer geworden und nicht mehr der von ehedem? Würde sie vielleicht den nicht mehr kennen, der aus ihm geworden war? Smith war abergläubisch wie ein Spieler und fatalistisch wie alle schwachen Menschen, und so beschlich ihn eine plötzliche Angst, und er trat vom Fenster zurück, weil er fürchtete, sie könne ihn beobachten, erkennen und damit dem Schicksal vorgreifen.

Da er über die gewohnte Stunde hinaus in seinem sogenannten Kontor blieb, bekam er sie am selben Tage noch einmal zu sehen, und zwar konnte er ihr dieses Mal voll ins Gesicht blicken, während sie die Straße überschritt. Sie hatte sich in diesen Jahren entschieden zu ihrem Vorteil verändert, und er fragte sich mit einer gewissen Ängstlichkeit, ob sie wohl finden würde, daß ihm die Zeit ebenso gut bekommen sei. Die Selbstgefälligkeit, womit er sich ihre Freude über sein Wiederauftauchen ausgemalt hatte, war durch ihren Anblick stark erschüttert worden. Eine so stattliche und wohlerhaltene Frau wie sie, die einen so verantwortungsvollen und gewiß auch einträglichen Posten innehatte, mußte Verehrer haben und frei wählen können. Es verlangte ihn jetzt, ihr von seinen guten Vermögensverhältnissen zu erzählen, und doch bangte ihm davor, sich ihrem Urteil preiszugeben. Er wartete auf ihre Rückkehr, bis die Nacht hereinbrach, dann ging er bekümmert, in unbehaglicher Stimmung in seine Wohnung. Sie sollte doch so spät nicht allein ausgehen! Was wußte er denn schließlich von ihrem Leben oder ihrem Verkehr? Die Ungebundenheit der kalifornischen Sitten kam ihm in den Sinn, die vielen Skandalgeschichten, die man sich hier von Frauen erzählte, die früher in den atlantischen Staaten einen tadellosen Lebenswandel geführt hatten. Er mußte wahrhaftig auf seiner Hut sein, und doch ging er spät in der Nacht noch vor ihrem Haus auf und ab, um zu sehen, ob sie heimgekommen sei und mit wem. Die Furcht vor Entdeckung beschränkte ihn sehr in seinen Forschungen, und er konnte recht wenig erfahren, denn merkwürdigerweise schien sich niemand außer ihm mit dieser Frau zu beschäftigen. Das ärgerte ihn wiederum, und er begann sich zu fragen, ob er sie, der er sich doch immer noch nicht offenbaren mochte, nicht am Ende überschätze. Nichtsdestoweniger und fast wider Willen strich er in der Nacht darauf wieder um ihr Haus herum und beobachtete sogar mit Herzklopfen den Schatten hinter dem Vorhang, den er für den ihrigen hielt, weil er bei sich festgestellt hatte, daß sie dieses Zimmer bewohnen müsse.

Ob sein Gedächtnis durch die Nachforschungen angeregt worden war, hätte er selbst nicht zu sagen gewußt, aber er konnte sich mit einem Mal jeder Einzelheit, jedes Tages und jeder Stunde seiner Brautwerbung und seines kurzen Ehelebens erinnern. Er wußte jetzt wieder genau, wann und wie sie ihm ihr Jawort gegeben hatte, und die Erinnerung bewegte ihn, wie es die Wirklichkeit wahrscheinlich nicht getan hatte, ja, ein bestimmtes Kennzeichen der ungewöhnlichen Gemütsverfassung, worin er sich befand, war, daß er mit einem Mal sich als der verlassene, verratene Teil vorkam und ein Gefühl schmerzlicher Kränkung in sich großzog! Der Umstand, daß er sich in Gedanken mit ihr beschäftigte, während sie wahrscheinlich mit ihrem Los zufrieden war und durch die Erinnerung an ihn nicht gestört wurde, genügte ihm als logischer Beweis für seine stärkere Liebe!

Als er sie eines Nachmittags zu früherer Stunde als sonst das Haus verlassen sah und er eilends die Treppe herunterging, um ihr aus einiger Entfernung zu folgen, so trieb ihn dazu nicht nur die Neugier, sondern das Gefühl eines erbosten, auf Rache sinnenden Ehemanns. Sie bog in die Hauptstraße ein und gesellte sich plötzlich der Menge zu, die in die Nachmittagsvorstellung eines beliebten Vergnügungslokals drängte. So stark war seine egoistische Selbsttäuschung, daß er über diesen Beweis ihrer Herzlosigkeit bitter lächelte und sogar die Behutsamkeit beiseite setzte, um sich am Eingang ziemlich ungehobelt an ihr vorbeizudrängen. Er fühlte mehr, als er sah, daß sie dem ungeschickten Fremden einen ärgerlichen Blick zuwarf, und es erbitterte ihn zudem, daß sie ihn nicht erkannt hatte! Er setzte sich auf einen Platz hinter ihr, doch sie sah ihn nicht an, und nichts schien ihre Seelenruhe zu stören; die flüchtige Berührung hatte offenbar nicht den geringsten Eindruck auf sie gemacht! Ihr Blick glitt über die Zuschauer hin, die ihr zur Seite saßen, dann nahm die Vorstellung sie ganz in Anspruch. Als diese vorüber war, stand sie auf, traf im Hinausgehen einzelne Bekannte und begrüßte sie. Wieder hörte er die vertraute Stimme, die dicht an seinem Ellbogen ertönte. Der ruhige Klang zeigte, daß sie sich seiner Nähe so wenig bewußt war, als ob er ein Geist gewesen wäre. Zum ersten Male drängte sich ihm diese Vorstellung in erschreckendem, abscheuerregendem Sinn auf. Was war er denn für sie und alle Welt anderes als ein Geist! Ein toter, begrabener, vergessener Mann! Seine Eitelkeit und sein Selbstbewußtsein gingen in der vernichtenden Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit seines Daseins unter. Verwirrt und schwindelnd stürzte er sich blindlings, rücksichtslos in das Gewühl der hinausströmenden Menge, drängte sich durch, als ob er wirklich unsichtbar wäre, stolperte über nachschleppende Frauenkleider und murmelte dann ein Wort der Entschuldigung, das unbeachtet blieb und seinem verstörten Sinn so hohl klang, als käme die Stimme aus einem Grab.

Als er endlich draußen war, warf er keinen Blick zurück, sondern wanderte geistesabwesend im strömenden Regen durch allerhand Nebenstraßen, ohne recht zu wissen, wo er sich befand. Erst als er, bis auf die Haut durchnäßt, den geschlossenen Regenschirm in zitternder Hand haltend, am halbüberschwemmten Kai vor dem hochgehenden Fluß stand, kam er wieder zu sich. Hier wurde ihm auch klar, wie ausschließlich und gänzlich ihn die Nachforschungen nach seiner Frau in diesen letzten drei Wochen beschäftigt hatten – er war seit seiner Ankunft nicht ein einziges Mal auf dem Kai gewesen. Er hatte keinen Anteil genommen an der Aufregung der Einwohner über höchst beunruhigende Nachrichten von Hochwasser im Gebirge, das täglich und stündlich befürchten ließ, der hoch angeschwollene Fluß werde die Stadt überschwemmen. Er hatte zwar die Nachrichten gelesen, hatte sich sogar darüber unterhalten, aber seine Gedanken waren so wenig dabei gewesen, daß er jetzt zum ersten Male aus seiner blinden, selbstsüchtigen Versunkenheit zum Bewußtsein der Wirklichkeit erwachte. Eine Weile beobachtete er finsteren Blicks die ungeheure gelbliche Wassermasse, die schwere Lasten von Trümmern aus Bergstädten und Dörfern einhertrug und sich stetig und unabwendbar wie das Schicksal nach der fernen Bucht und dem noch ferneren und unentrinnbaren Ozean wälzte. Einige Zeit beschäftigte ihn der Anblick und nahm seine Gedanken gefangen, dann trat auch dieses Bild in den Vorstellungskreis ein, aus dem er sich nicht befreien konnte. Ja, es wies ihm den einzigen Weg, der hinausführte – den Weg nach dem fernen Meer und gänzlicher Vergessenheit!

Jetzt fühlte er, wie die durchnäßten Kleider an ihm klebten und wie er fröstelte. Eilends ging er nach Hause und müden Schrittes betrat er sein Schlafzimmer. Als er sich gerade umkleiden wollte, wurde an die Tür geklopft, und der Hausmeister meldete, daß eine Dame da sei, die ihn sprechen wolle und im Wohnzimmer warte. Ihren Namen habe sie nicht genannt.

Die sich hinter ihm schließende Tür verbarg dem Diener den außerordentlichen Eindruck, den diese alltägliche Meldung auf den Mietsherrn machte. Einen Augenblick blieb Smith wie von einem Zauber gebannt auf seinem Stuhl sitzen. Es war bezeichnend für seine schwache Natur und seine seltsame Einbildungskraft, daß er im Nu vom äußersten Zweifel zur äußersten Gewißheit und Überzeugung überging. Es war seine Frau! Sie hatte ihn bei dem flüchtigen Vorüberstreifen im Theater doch erkannt, hatte seine Wohnung erfragt und war ihm gefolgt! Mit fieberhafter Eile kleidete er sich um, doch nicht ohne Sorgfalt, nicht ohne Rücksicht auf den Eindruck seines Äußern, und entwarf dabei seinen Plan für die bevorstehende Unterredung. Denn das Pendel schwang jetzt rückwärts; Herr James Smith war wieder einmal der selbstgefällige, selbstbewußte, zurückhaltende, vorsichtige Ehemann, als der er seine Nachforschungen begonnen hatte, ja sogar ein gewisses Gefühl der Kränkung auf seiner Seite war hinzugekommen. Er würde die ausgiebigsten Aufklärungen und Bürgschaften fordern, ehe er sich auf Zugeständnisse einließ – ja, in ihrem Besuch lag vielleicht ein Entgegenkommen, das er zurückweisen mußte. Er malte sich sogar aus, wie sie ihm flehend zu Füßen sinken werde. Noch eine kleine Anspannung seiner abenteuernden Phantasie, und er würde sie zurückgewiesen haben.

Mit entschlossenem Griff öffnete er die Wohnzimmertür und trat mit einem gewissen förmlichen Anstand ein. Da erhob sich die Gestalt einer Frau vom Sofa und warf sich mit einem leisen, halb neckischen, halb nervösen Aufschrei und dem Ruf: »Jim!« geradeswegs an seine Brust. Er prallte, von einem äußeren wie inneren Stoß getroffen, zurück. Nein, das war nicht seine Frau! Ein auffallend gekleidetes Geschöpf, das zwar noch jung war, aber ein trotz der künstlich erhöhten Farben von Aufregungen, Ausschweifungen vorzeitig gealtertes Gesicht zeigte. Und doch ein Gesicht, das er, während er sich von den umklammernden Armen befreite, mit Schrecken erkannte – das Gesicht der Witwe seines einstigen Teilhabers, der Frau, die er am Tage seiner Flucht hatte heiraten wollen. Bestürzung und Widerwillen mußten sich unverkennbar auf seinen Zügen aussprechen, denn auch sie wich zurück. Doch sie war offenbar auf einen derartigen Empfang vorbereitet gewesen, vielleicht durch schmerzliche Erfahrungen daran gewöhnt. Sie sank mit einem trockenen Auflachen auf einen Stuhl und sagte mit harter, blecherner Stimme: »Jedenfalls sind Sie's und Sie kommen mir nicht aus!«

Während er sie und ihren plunderigen Putz, der vom Unwetter zerzaust und durchnäßt war, die schlaff herabhängenden Bänder und den billigen prunkhaften Schmuck in Augenschein nahm, fuhr sie mit der nämlichen harten Stimme fort: »Ich glaubte schon zwei- oder dreimal auf Ihrer Fährte zu sein, aber Sie bemerkten mich nicht, und ich dachte, ich müsse mich geirrt haben. Heute nachmittag aber im Musiktempel ...«

»Wo?« herrschte er sie barsch an.

»Im Tempel, bei der Vorstellung der Truppe aus San Franzisko, wo Sie mich zur Seite stießen und ein ›Bitte um Entschuldigung‹ in den Bart brummten. Als ich die Stimme hörte, wußte ich, das ist Jim Farendell!«

»Farendell!« rief James Smith halb in gemachtem Staunen, halb in ernstlichem Schrecken.

»Nun denn, Smith, wenn Ihnen das lieber ist,« sagte die Frau ungeduldig: »obwohl es einer der erbärmlichsten, niedrigsten Kniffe ist, worauf Sie verfallen konnten. James Smith, Don Diego Smith,« wiederholte sie mit ihrem nervösen Lachen, »das hat gleich neben den Nigger-Minstrels feil! Nun, als ich Sie heute nachmittag dort sah, da sagte ich mir: ›wenn das nicht Jim Farendell ist, so ist's sein Zwillingsbruder.‹ Merken Sie wohl, ich sagte mir nicht ›sein Geist‹, denn von Anfang an, auch ehe ich alles erfahren hatte, bin ich nie einen Augenblick auf das alberne Gerücht von Ihren verkohlten Gebeinen hereingefallen!«

»Ehe Sie was erfahren hatten?« fragte er mit einer Dreistigkeit, von der er doch wußte, daß sie ihm nichts helfen würde.

Sie stand auf, ging quer durchs Zimmer und stellte sich, die Hand auf die Hüfte gestemmt, dicht vor den Mann hin, den sie mit einer halb mitleidigen Frechheit ansah.

»Soll ich Ihnen etwas sagen, Jim,« begann sie langsam sprechend. »Wissen Sie, was Sie mit Ihrem Benehmen erreichen? Daß ich die Geduld mit Ihnen verliere!«

Worte und Haltung erinnerten so stark an den toten Scranton, daß es den abergläubischen Mann kalt überlief.

»Meinen Sie denn, ich wisse nicht, daß Sie in der Brandnacht durchgegangen sind? Meinen Sie denn, ich wisse nicht, daß Sie damals vor dem Bankrott standen und die Gelegenheit ergriffen, mit dem bißchen Geld, das Sie noch hatten, zu verduften und die Leute glauben zu lassen, Sie seien samt Ihren gefälschten Bilanzen und gefälschten Geschäftsbüchern verbrannt? Es war eine Gemeinheit mir gegenüber, Jim, denn ich war damals in Sie verliebt und wäre dumm genug gewesen, mit Ihnen zu gehen, wenn Sie sich mir anvertraut und mich nicht zurückgelassen hätten, um die Entdeckung zu machen, daß Sie mein Geld, jeden Heller, den mir Cutler hinterlassen, durchgebracht hatten.«

Mit der Albernheit des Schwachen, der sich in die Enge getrieben fühlt, klammerte sich Smith an nebensächliche Einzelheiten.

»Aber jedermann hielt die gefundene Leiche für die meinige,« stieß er ärgerlich heraus. »Meine Papiere und Bücher waren verbrannt – man konnte nichts beweisen.«

»Und warum konnte man es nicht?« fragte sie, ihn erbarmungslos fixierend, in vernichtendem Ton. »Weil ich die Sache niedergeschlagen habe! Ich wußte ja, daß die in dem Kontor gefundenen Knochen und Fetzen nichts mit Ihnen zu schaffen hatten, und war schon im Begriff, Lärm zu schlagen, da kam ein fremder Mann zu mir und sagte mir, daß die Überreste die seines Freundes seien, der um Ihren Bankrott gewußt habe und Sie in jener Nacht aufgesucht habe, um Sie zu warnen – ein Mann, den Sie früher einmal halb zu Grunde gerichtet hätten – und der wahrscheinlich sein Leben verloren habe, indem er Ihnen zur Flucht verhalf. Er sagte, wenn ich die Geschichte weiter verfolgte, werde er mit der ganzen Wahrheit herausrücken, daß Sie ein Dieb und ein Fälscher seien und ...«

Sie stockte.

»Und was noch?« fragte er verzweifelt, denn ihm bangte davor, jetzt den Namen seiner Frau aussprechen zu hören.

»... und daß Sie, da er den Beweis führen könne, daß sein Freund um all Ihre Geheimnisse gewußt habe, möglicherweise dafür belangt werden würden, ihn beiseite geschafft zu haben.«

James Smith war einen Augenblick aufs tiefste betroffen; dieser Gedanke war noch nie in ihm aufgetaucht. Er hatte viele Schurkereien begangen, vor Mord aber hatte ihn seine Feigheit stets bewahrt, und der bloße Verdacht versetzte ihn in Angst und Schrecken.

»Aber,« stotterte er, über dieser neuen Gefahr alle anderen vergessend, »er wußte ja, daß ich der Narr nicht sein konnte, den Mann aus dem Weg zu räumen, der mir selbst gesagt hatte, daß Duffy die Papiere habe – es hätte mir ja nichts genützt.«

Frau Cutler starrte ihn einen Augenblick forschend an, dann wandte sie sich wie erschöpft ab.

»Er sagte eben,« erwiderte sie, auf ihren Stuhl zurücksinkend, »wenn ich den Mund hielte, werde er auch schweigen – und ich tat's. Und das habe ich nun davon,« setzte sie hinzu, die Hände halb anklagend, halb verächtlich in den Schoß fallen lassend.

Dieser Verzweiflungsausbruch erschreckte Smith, ohne daß er ihm zu Herzen gegangen wäre. Er stammelte eine unverständliche, wie eine Entschuldigung klingende Ausrede, während er mit neuem Widerwillen ihren schäbigen Aufputz, ihre welke Schönheit und vor allem das Schuldbewußtsein, das ihn an sie kettete, verfluchte. Aber sie schnitt seine Redensarten mit einer müden Handbewegung ab, die ihn wieder an den toten Scranton gemahnte.

»Natürlich bin ich nicht mehr, wie ich war, aber wer trägt die Schuld daran? Als Sie mich im Stich ließen ohne einen Cent, Aug in Aug mit einer Lüge, mußte ich doch irgend etwas beginnen. Zur Arbeit war ich nicht erzogen, und ich habe Freude an hübschen Kleidern, das wissen Sie am besten. Ich bin keine von den Theaterheldinnen, die als Haushälterinnen oder Erzieherinnen hinausziehen und an Schwindsucht sterben, aber ich dachte –« sie stieß wieder das schrille Lachen aus, das durch die Ermattung, worein sie hernach verfiel, doppelt peinlich wirkte – »ich könnt's dahin bringen, eine solche vorzustellen – auf dem Theater! So trat ich bei Barkers Truppe ein. Man sagte mir, ich hätte eine Bühnenerscheinung, aber diese Erscheinung wurde den Leuten langweilig, eh' ich ihnen etwas andres zeigen konnte, und so durfte ich keine großen Ansprüche machen. Ein Jahr behielten sie mich und ließen mich Kammerjungfern und Feenköniginnen spielen hinter jenen Rampenlichtern, vor denen ich Sie heute wiedergefunden habe. Dann gaben sie mir den Laufpaß. Ich hätte wohl irgend einen Narren zum Mann nehmen können, seinem Gelde zuliebe, aber ich war ein solches Schaf, daß ich glaubte, Sie würden mich rufen, wenn Sie in Sicherheit wären. Sie scheinen ja in der Wolle zu sitzen, Don Diego Smith,« bemerkte sie, das elegant ausgestattete Zimmer mit bittrem Lächeln musternd. »Es scheint, daß beim Durchbrennen mehr herauskommt als beim Daheimbleiben.«

»Ich bin erst ein paar Wochen hier,« sagte er hastig. »Was aus Ihnen geworden ist, habe ich nie erfahren, auch nicht, daß Sie noch hier sind ...«

»Sonst wären Sie nicht gekommen,« fiel sie ihm mit Bitterkeit ins Wort. »Nur immer ehrlich, Jim!«

»Wenn ich ... wenn ich irgend etwas für Sie tun könnte,« stotterte er, »so bin ich gewiß ...«

»Etwas für mich tun?« wiederholte sie langsam und grollend. »Was Sie jetzt für mich tun können – o ja!« sie rief es kreischend, indem sie plötzlich aufsprang, auf ihn zulief und seine Arme krampfhaft faßte. »Ja! Nehmen Sie mich von hier weg – auf der Stelle – wohin's auch sei! Sieh, Jim,« fuhr sie wie im Fieber fort, »wir wollen Vergangenes vergangen sein lassen – ich will dich nicht verraten. Ich will nichts gegen dich unternehmen – obwohl mir's vorhin danach zu Mute war, als du mir so schnöde den Laufpaß gabst! Ich will dir gehorchen – mit dir gehen und wenn dein Schlupfwinkel am Ende der Welt wäre, will für dich arbeiten, nur bring mich fort aus diesem Ort der Verdammnis!«

Ihr leidenschaftliches Flehen drang durch den Panzer seiner Selbstsucht und seines Widerwillens. Wenn er an die Gleichgültigkeit seiner Frau dachte! Ja, es konnte sein, daß er sich dahin drängen ließ, mindestens mußte er sich des einzigen Zeugen für seine früheren Vergehen versichern.

»Wir wollen sehen,« sagte er beschwichtigend, indem er sanft ihre Hände von seinen Armen löste. »Wir müssen das in Ruhe besprechen ...«

Er brach ab, weil das alte Mißtrauen wieder die Oberhand gewann.

»Sie müssen aber doch Freunde haben?« sagte er forschend. »Irgend jemand wird Ihnen doch beigestanden haben?«

»Kein Mensch! Nur einer hat mir anfangs ausgeholfen« – sie zögerte ein wenig – »Duffy.«

»Duffy!« wiederholte Smith, zurückschreckend.

»Ja,« erwiderte sie in ängstlichem Ton. »Als er mir das alles sagen mußte, tat ich ihm leid. Höre mich an, Jim! Er war ein rechtschaffener Mann – wenn er auch mit Leib und Seele an seinem Genossen hing – das kann man ihm ja eigentlich nicht zum Vorwurf machen. Ich glaube, daß er mir nur beigestanden hat, weil ich so allein war – aus keinem andern Grund, Jim, das beschwöre ich! Von Zeit zu Zeit half er mir aus, vielleicht würde er auch Lust gehabt haben, mich zu heiraten, hätte er nicht auf eine andre gewartet, die er liebte – eine verheiratete Frau, die vor Jahren von ihrem Mann verlassen worden ist, wie du mich vielleicht verlassen hättest, wenn wir damals Mann und Frau geworden wären. Für die hat er gesorgt, hat ihr die Reise hierher bezahlt, wo sie ihren Mann sucht, und ihr hier ein Geschäft eingerichtet.«

»Von wem – von was für einer Frau reden Sie denn?« fragte Smith, den eine seltsame Ahnung beschlich.

»Von einer Frau Smith. Ja,« setzte sie, seine Verblüffung gewahrend, rasch hinzu, »sie heißt wirklich und wahrhaftig so, hat sich den Namen nicht beigelegt, wie gewisse Leute – ihr Mann hat in der Tat so geheißen! Ich lüge nicht, Jim,« fuhr sie fort, den Schrecken auf seinen Zügen falsch deutend. »Weder die Frau, noch ihren Namen habe ich erfunden. Diese Frau lebt und Duffy liebt sie, während er mir niemals mehr war als ein Freund. Das kann ich beschwören!«

Das Zimmer schien sich mit ihm zu drehen. Die Erzählerin sah ihn starr an, aber er merkte an ihrem leeren Blick, daß sie keine Ahnung von seinem Geheimnis, keine Ahnung von der Tragweite ihrer Enthüllung hatte. Duffy hatte also nicht gewagt, ihr alles zu sagen!

»Was geht mich Duffy an,« rief er mit rohem Gelächter, »oder die dumme Person, die er ihrem Mann stehlen will!«

»Er hat ja nie versucht, sie zu stehlen, und dumm ist sie nur, weil sie ihrem Mann treu bleiben will, solange er lebt. Sie hat Duffy erklärt, daß sie ihn nicht eher heiraten wolle, als bis sie ihres ersten Mannes totes Antlitz gesehen habe. Verrückt von ihr,« setzte sie mit Bitterkeit hinzu.

»Bis sie ihres ersten Mannes totes Antlitz gesehen,« das war alles, was Smith von ihrer Rede hörte. Seines Weibes Treue durch Jahre der Verlassenheit hindurch, ihr langes Warten und gläubiges Vertrauen, ja selbst der bittere Kommentar der in gleicher Weise gekränkten Frau waren ihm nichts im Vergleich zu dem, was dieser einzige Satz heraufbeschwor. Er lachte abermals, dieses Mal aber klang sein Lachen seltsam und weltfern.

»Genug von diesem Duffy! Mischen wir ihn nicht in meine Angelegenheiten, bis ich mit ihm abgerechnet habe. Übrigens,« setzte er barsch hinzu, »wenn die Geschichte ins Lot gebracht werden soll, habe ich alle Hände voll zu tun. Wollen Sie morgen früh wieder zu mir kommen? Und dieser Duffy – lebt er hier?«

»Nein. In Marysville.«

»Gut. Kommen Sie nur zeitig morgen.«

Da sie zu zögern schien, zog er eine Schublade seines Schreibtischs auf, griff eine Handvoll Gold heraus und reichte es ihr hin. Sie sah die Geldstücke einen Augenblick mit seltsamem Ausdruck an, schob sie dann mechanisch in die Tasche und sagte, zu ihm aufblickend, mit erzwungenem Lachen: »Das heißt, ich soll mich scheren!«

»Bis morgen,« versetzte er kurz.

»Falls der Sacramento uns nicht weggeschwemmt haben wird bis dahin,« warf sie mit vermessenem Lachen hin. »Er hat den Kai schon an zwei Stellen durchbrochen. Da wo ich wohne, geht das Wasser bereits bis an die Hausstaffel. Man sagt, es werde die größte Überschwemmung geben, die je erlebt wurde. Sie sind hier gut dran; diese Häuser liegen höher.«

Sie warf diese Sätze unzusammenhängend, wie geistesabwesend hin, als ob sie nur Zeit gewinnen wolle. Smith bewegte sich ungeduldig.

»Schon gut, ich gehe ja,« sagte sie, die Lippen langsam zusammenpressend, um ihr Zittern zu verhindern. »Sie haben mir nichts mehr zu sagen?« – er fuhr ärgerlich herum und sie setzte hastig und bitter hinzu: »Nichts wegen morgen, meine ich?«

»Nein.«

Sie machte selbst die Türe auf und ging. Er wartete, bis das Rascheln ihrer durchnäßten Röcke auf der Treppe nicht mehr zu hören und die Haustüre hinter ihr zugefallen war. Dann trat er an den Schreibtisch, raffte seine Papiere zusammen und legte sie in die Koffer, die er mit fieberhafter Eile, aber gesammelten, entschlossenen Ausdrucks zu packen begann. Er schrieb dann ein paar Briefe, versiegelte sie und legte sie auf den Tisch, worauf er in sein Schlafzimmer ging und den entstellenden Bart frischweg abrasierte. Wäre er nicht so ganz und gar in Anspruch genommen gewesen von diesem einen Gedanken, so hätten ihm lautes Sprechen auf der Straße, eiliges Hin und Her von Fußtritten auf dem nassen Fußsteig auffallen müssen, aber er nahm nichts wahr, ihn beherrschte nur das Eine – er mußte seine Frau heute abend noch sehen! Wie er das angreifen würde, das wußte er noch nicht, es würde sich aber schon ein Weg finden, wenn er nur erst ihrer Wohnung gegenüber in seinem Privatkontor war.

Drei Stunden hatten die Vorbereitungen immerhin in Anspruch genommen. Im Hinuntergehen wollte er dem Hausmeister einige Aufträge erteilen, aber dessen Zimmer war leer. Als er auf die Straße trat, fand er sie zu seiner Überraschung menschenleer und alle Läden geschlossen, sogar eine Weinkneipe an der Ecke war völlig unbesucht. Er bog in die leicht bergab führende Straße, die zu seinem Ziel führte, ein und sah mit Erstaunen an deren unterem Ende längs der Querstraße, in der sein Geschäftslokal lag, eine dichtgestaute Menschenmenge stehen. Als er hastig vorwärts eilte, erblickte er etwas, was genau aussah wie die Schornsteine eines flachen Dampfboots. Er rieb sich die Augen, denn er hielt es für eine Sinnestäuschung, es war aber keine. Im nächsten Augenblick hatte er die Menschenmauer erreicht, die nun ein paar Häuser von der Hauptstraße entfernt an einer Lagune von gelbem Wasser stand, dessen Hauptstrom die Straße erfüllte, die sein Ziel war und zwischen deren Häusern, die bis zum ersten Stock von Wasser umspült waren, in der Tat ein kleines Dampfboot manövrierte. Ruderboote und Holzflöße trieben auf den gurgelnden, trägen Fluten und ein Bootsmann setzte eben einen Fahrgast am aufsteigenden Teil der Straße ab, wo Smith mit der Menge stand.

Von seiner Idee besessen, arbeitete er sich verzweifelt durchs Gedränge bis zu dem Boot hin und verlangte nach seinem Kontor übergesetzt zu werden. Der Bootsmann zauderte, aber Smith bot ihm rasch den doppelten Wert seines Fahrzeuges, worüber sich in der allgemeinen Aufregung niemand wunderte. Als er nun sogar die Dienste des Bootsmanns ablehnte und allein abstieß, wurde er von der umstehenden Menge mit hellen Zurufen begrüßt. Im nächsten Augenblick trieb er mitten in der Strömung und lenkte sein Boot mit verzweifelter Energie, aber ungeübter Hand bis zu seinem Kontor, das er durchs Fenster betrat. Das Haus war neu und massiv aus Backsteinen gebaut, auch wies es noch keine Beschädigung durch die Flut auf, ganz anders aber sah es mit dem Gegenüber aus, das er gierig mit den Augen verschlang und dessen billiges unsicheres Fundament schon sichtlich von den Wassern unterwühlt war. Boote lagen vor dem Haus, Koffer und Wertgegenstände wurden hastig eingeladen, aber die eine Gestalt, nach der er ausspähte, konnte er nicht entdecken. Er band sein eigenes Boot am Fensterkreuz fest. Die Gelegenheit zu einer Unterredung war ihm offenbar nicht gegeben, aber immerhin die Möglichkeit, ihr auf der Flucht zu folgen und zu beobachten, wohin sie sich wandte. Plötzlich sah er sie an einem der Fenster erscheinen. Ein Bootsmann hob sie in einen flachen mit Koffern und Möbelstücken beladenen Prahm. Offenbar war sie die letzte, die das Haus verließ, denn sämtliche Boote fuhren nun ab, und wahrlich nicht zu früh, denn im selben Augenblick ertönte ein Warnungsruf, der Prahm kam stark ins Schwanken und der obere Teil des Hauses senkte sich langsam in die Flut, wie ein Ochse unterm Beil zusammenbricht. Eine große gelbe Welle schlug auf die andre Seite der Straße hinüber und drang, sein Boot beinahe mit fortreißend, durchs offene Fenster in sein Zimmer. Zugleich nahm er wahr, daß die Strömung ihre Richtung änderte und an Ungestüm zunahm, aus den Warnungsrufen und dem Geschrei der Bootsleute ging hervor, daß der Fluß an seiner oberen Krümmung übers Ufer getreten war. Smith hatte eben noch Zeit, ins Boot zu springen und es flott zu machen, als auch das Wasser schon fußhoch in seinem Zimmer stand.

Die neue Strömung riß die Boote in entgegengesetzter Richtung von den erhöhten Stadtteilen, die ihr Ziel waren, nach dem Kanal des angeschwollenen Stromes. Der Prahm unterlag zuerst ihrem Einfluß und trieb trotz allen Kraftaufwands der Bootsleute dem Fluß zu. Den andern kleineren Booten gelang es teilweise, in das stehende Wasser der Querstraßen zu gelangen, doch eines sank vor seinen Augen. Aber Smiths Blicke verfolgten einzig den Prahm. Seine Unerfahrenheit im Rudern und die Trümmer, die der Strom führte, machten die Verfolgung äußerst schwierig. Mit den Wurzeln ausgerissene Bäume vom Hügelland, Balken, Blöcke, Schuppendächer, aufgeblähte Tierleichen sperrten den Strom; alles Unheil, das die Wasser angerichtet hatten, schien in dieser unseligen Strömung zusammengepreßt zu sein. Ein- oder zweimal entging er mit knapper Not dem Zusammenstoß mit schweren Gebälkstücken oder der Deichsel eines Farmerwagens, einmal wurde das Boot sogar durch einen Baum untergetaucht, er konnte es aber, indem er sich an den Ästen anklammerte, wieder freikriegen.

Leute, die ihn vom Ufer oder von dem Prahm aus beobachteten, erzählten späterhin, sie hätten den Eindruck gehabt, als sei mit einemmal eine vollständige Willenlosigkeit über ihn gekommen. Er machte keinen Versuch mehr, sein Boot zu lenken oder gegen die Strömung zu kämpfen, sondern saß, ohne die Ruder zu bewegen, regungslos nach vorn starrend, im Stern. Man bemühte sich, ihn zu warnen, rief ihm zu, er solle alles aufbieten, den Prahm zu erreichen, der trotz eigener Gefahr den Kurs änderte, um ihm beizuspringen, allein er gab keine Antwort, beachtete keine Mahnung. Dann war's mit einemmal, als ob ein großer Holzklotz, dem der Prahm eben ausgewichen war, unter dem Kiel seines Bootes plötzlich in die Höhe strebte, und dieses schlug um. Nach einer Sekunde tauchte Smiths Kopf, das Gesicht aufwärts gerichtet, an der Oberfläche auf, und zwar in solcher Nähe vom Stern des Prahms, daß die Frau, die darin saß, einen Schrei ausstieß, aber im nächsten Augenblick wurde er, noch ehe die Bootsleute ihn hatten erreichen können, hinuntergerissen und verschwand. Die Leute zogen die Riemen ein und spähten nach ihm aus, aber James Smiths Leiche wurde unter dem Prahm von den Wassern verschluckt und trieb in der Mittelströmung des Flusses hinaus ins ferne Meer.

* * *

In dieser Nacht fand auf dem Deck eines zur Rettung des vermißten Prahms ausgesandten Dampfers zwischen einem ernsten bekümmerten Mann, der diesen geheuert hatte, und Frau Smith eine seltsame Begegnung statt. Als er ihr beruhigend zusprach und sie, wie er vorher schon so oft getan, auf die Schutzlosigkeit und Verlassenheit ihrer Lage hinwies, zeigte sie sich zum ersten Male zugänglich für seine Überredung. Erst Monate nach ihrer Verheiratung aber gestand sie ihm, sie habe in jener ereignisvollen Nacht im Augenblick höchster Gefahr eine Vision gehabt, sie habe das tote Antlitz ihres ersten Mannes aus den Wassern aufragen sehen.

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