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Auf der alten Fährte

Bret Harte: Auf der alten Fährte - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorBret Harte
titleAuf der alten Fährte
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid13f875d4
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Eine Erbschaft in »Kastaniengrube«

Die vier Männer an der »Zip Coon«-Schicht hatten sich noch nicht richtig ins Geschirr geworfen zu des Tages Arbeit. Das übliche trödelnde Zögern, womit man eine regelmäßige, aber langweilige Beschäftigung aufnimmt, äußerte sich in ihrem Fall durch umständliches Prüfen der Schärfe der Spitzhacke, feierliche Auswahl unter verschiedenen Schaufeln oder dem Heben und Wägen eines Stecheisens oder eines Drillbohrers. Einer von den Vieren entdeckte plötzlich in dem Zeitungsblatt, worin sein Mittagskäse gewickelt war, einen drolligen Artikel, und setzte sich ohne weiteres hin, um ihn gründlich zu studieren, wobei er sich nicht einmal durch eine Schürfpfanne stören ließ, die nach ihm geworfen wurde. Kurz, sie nahmen ihr Tagewerk auf, wie Schuljungen an ihre Aufgaben gehen.

»Holla!« rief Ned Wyngate, seelenvergnügt eine neue Unterbrechung der Arbeit begrüßend. »Hol mich der Kuckuck, wenn da nicht ein Expreßreiter angejagt kommt!«

Die Augen mit der Hand beschattend, spähte er über das weitgestreckte, von der Sonne gedörrte Brachland, das zwischen ihnen und der Landstraße lag, hinaus. Alle folgten seinem Blick und sahen richtig einen Berittenen mit der Kuriertasche an der Seite herangaloppieren. Das war wirklich ein Ereignis, denn für gewöhnlich gab der Postbote die Briefe für sie beim Krämer am Kreuzweg ab.

»War mir's doch, als ob etwas in der Luft liege,« sagte Wyngate. »Ums Arbeiten war mir's heut schon gar nicht zu tun.«

Jetzt lief einer von den Vieren dem Reiter entgegen, die andern aber spähten scharf aus und sahen den Boten anhalten und ihrem Kameraden einen braunen Umschlag einhändigen, mit dem dieser atemlos zur Schicht zurücklief, während der Bote sein Pferd herumwarf und davonjagte.

»Ein Telegramm an Jack Wells,« rief der Überbringer, indem er dem jungen Menschen, der vorhin so eifrig gelesen hatte, den Umschlag hinstreckte.

Tiefes Schweigen herrschte. Telegramme waren damals kostbare Seltenheiten, besonders für die jungen, zigeunernden Goldgräber der Zip Coon-Schicht. Sie brannten vor Neugierde, aber so vertraulich, brüderlich und formlos sie bisher miteinander verkehrt hatten, schien diese gewichtige Botschaft aus der Welt der Zivilisation doch seltsamerweise in allen die Förmlichkeit von draußen wieder zu erwecken. Alle kehrten ihre Blicke absichtlich vom Empfänger des Telegramms ab, und dieser stammelte ein: »Ihr erlaubt doch, Jungen?« während er den Umschlag aufriß.

Abermals eine Pause, die den wartenden Genossen endlos lang dünkte. Dann erklang Wells' Stimme und zwar in ganz natürlichem Ton.

»Donnerwetter! Das ist doch komisch! Lies das einmal, Dexter – lies es laut!«

Dexter, der Vorarbeiter, nahm ihm das Telegramm aus der Hand und las:

»Ihr Onkel Quincy Wells gestern gestorben, Sie als einzigen Erben hinterlassend. Werde Sie morgen aufsuchen, um Ihre Anordnungen einzuholen.

Baker & Triggs, Rechtsanwälte,
Sacramento.«

Die Mienen hellten sich auf, und drei fröhliche Gesichter wandten sich Wells zu, er aber blickte verdutzt drein.

»Dürfen wir unsern Glückwunsch darbringen, Herr Wells?« fragte Wyngate mit übertriebener Höflichkeit. »Oder waren der Herr Onkel am Ende ein Engländer und Sie erben mit dem Gut obendrein einen Titel ... sind vielleicht Lord Wells oder mindestens ein ›Sehr Ehrenwerter?‹«

Jetzt schwand die Bestürzung von Jack Wells' jugendlichen Zügen, und er begann dafür lange und schweigend in sich hineinzulachen. Das zog sich so in die Länge, daß sich Dexter als Vorarbeiter und Ältester veranlaßt sah, dagegen einzuschreiten.

»Hör mal auf, Jack! Kichre nicht und wackle nicht mit dem Kopf wie eine tolpatschige Elster – wenn du wirklich der Erbe bist.«

»Ich kann nichts dafür,« prustete Wells heraus. »Freilich bin ich der Erbe, aber seht, Jungen, zu erben gibt's nichts!«

»Was meinst du damit? Sollte es ein schlechter Witz sein?« fragte Rice.

»Das denn doch nicht – für eine Fopperei sind Telegramme doch zu teuer. Seht, Kinder, ich habe einen Onkel Namens Quincy Wells – gekannt habe ich ihn zwar kaum – und der mag ja gestorben sein. Aber seine ganze Liegenschaften bestanden in einem Mutungsfeld von der Größe des unsrigen, das übrigens längst ausgebeutet ist, ferner einer windschiefen Bretterbude, ›Landhaus‹ genannt, und einem Gemüsegarten von ungefähr drei Morgen, wo er Gemüse zum Verkauf zog. Er war allezeit ein armer Schlucker und wenn ihr von einem ›Gut‹ und einem ›Erben‹ redet ... ach, du liebe Zeit!«

»Ein Geizhals war er, so wahr ich hier stehe!« erklärte Wyngate mit optimistischer Bestimmtheit. »Die machen's immer so! Du wirst schon sehen, daß alle Fugen der lotterigen Bretterbude mit blauen Lappen und Depositenscheinen von Banken ausgestopft, und daß Goldstaub und Silbergeld auf dem ganzen Stück Land herum vergraben sind! Und davon durfte natürlich kein Mensch eine Ahnung haben! Selbstverständlich hat er mutterseelenallein gelebt, keinen Menschen ins Haus gelassen – und ist nahezu verhungert! Der Herr sei mit dir! Es gibt Hunderte solcher Fälle, ja die Welt wimmelt von derartigen Käuzen!«

»Jawohl, so ist's,« pflichtete Pulaski Briggs, der vierte im Bunde, bei, »und ich sage dir, was wir tun werden! Am Tag, wo du den Besitz übernimmst, kommen wir und ›schürfen‹ dir die ganze Bude, den Schweinestall, das Kartoffelland durch, rein zu unserm Vergnügen – soll dich keinen roten Heller kosten!«

Begeisterung wirkt ansteckend, und so hatte Jacks Gesicht einen Augenblick bei diesen Verheißungen aufgeleuchtet, aber die frühere Betroffenheit kehrte im Nu zurück.

»Ihr könnt euch darauf verlassen, daß die Jungen, die sich bei Kastaniengrube herumtreiben, das längst besorgt hätten, wenn etwas zu holen wäre.«

»Kastaniengrube?« wiederholten Rice und die andern.

»Ja! Kastaniengrube heißt der Ort. Er liegt keine zwanzig Meilen von hier und ist ein gottverlassenes Loch.«

Eine Wolke hatte sich über die Zip Coon-Schicht gesenkt. Kastaniengrube war allen bekannt, und es stand fest, daß aus diesem Nazareth noch nie etwas Gutes gekommen war.

»Das Reden hat jetzt gar keinen Wert,« erklärte Rice, die Debatte abschließend. »Du wirst ja aus dem Gauner von Advokaten, der morgen kommt, alles herauslocken, und du kannst deinen Kopf drauf wetten, daß der Kerl sich die Mühe nicht nehmen würde, wenn nichts dahinter steckte. Jedenfalls aber wollen wir die Arbeit für heute einstellen – sagen wir, es sei ein halber Tag gewesen – um unsres hochwohlgeborenen Freunds neue Würde als Rittergutsbesitzer zu feiern. Am besten wird's sein, wir begeben uns zu Tomlinson am Kreuzweg, trinken ein Gläschen und machen ein friedliches Spielchen auf Jacks Kosten, denn so viel trägt das Gut doch wohl, schätz' ich,« fügte er mit Feierlichkeit bei. »Als weitblickender Mann und Präsident dieser eurer Gesellschaft bemerke ich noch, daß es sich gut machen wird, wenn Jack sein Telegramm gelegentlich bei Tomlinson herausnimmt und gut lüftet, es könnte den Kredit der Gesellschaft heben – bei Tomlinson! Eine neue Sprenganlage täte uns bitter not!«

Merkwürdigerweise tat das rein zufällig bei Tomlinson vorgezeigte Telegramm seine Schuldigkeit und die Gesellschaft von der Zip Coon-Schicht stieg greifbar in der öffentlichen Achtung. Der mögliche Zufluß neuen Kapitals zu dem Unternehmen trug der Gesellschaft reichliche Angebote von Handwerkszeug und Lebensmitteln ein. Der weise Rice hielt es für angezeigt, die Verbreitung näherer Aufschlüsse über Jacks Erbschaft vorläufig zu vermeiden, und beschloß deshalb, daß der Advokat durch einen von den Vieren an der Post abgeholt und mit Umgehung von Tomlinsons Haus nach der Schicht geführt werden solle.

»Ich würde dich selbst gehen lassen,« sagte er zu Jack, »nur daß der ungehenkte Schurke von einem Advokaten dann denken könnte, es liege dir viel an der Geschichte – kapierst du? Wir wollen ihm aber im Gegenteil unter die Nase reiben, daß Erbschaften bei uns an der Tagesordnung sind, und daß ein gelegentlich hereinplatzendes Vermögen an der Zip Coon-Schicht keine Rolle spielt. Es wird dich ja nicht sauer ankommen, dem Burschen gegenüber ein bißchen protzig zu tun – kein Mensch wird den Mut haben, dir auf den Zahn zu fühlen!«

Dieser Gedanke wurde so kunstvoll ausgeführt, daß der Advokat andern Tags wirklich baff war, sowohl über das Benehmen seines Führers, der, innerlich von Neugier verzehrt, eine vollständige Gleichgültigkeit zur Schau trug, als über die Ruhe dieses Jackson Wells selbst, der sich nur widerstrebend von seiner Arbeit abrufen ließ und ihm nur in Anwesenheit seiner Genossen gnädigst Gehör schenkte. Er sah sich von vornherein zu einer abbittenden Haltung gezwungen und sprach sein Bedauern aus, Herrn Wells wegen einer so geringfügigen Angelegenheit stören zu müssen, hinzufügend, daß er eben genötigt sei, gesetzliche Vorschriften zu erfüllen.

»Wie hoch schätzen Sie denn das Anwesen ungefähr?« fragte Wells gleichmütig.

»Ich glaube nicht, daß man aus Haus, Mutungsfeld und Gartenland mehr als fünfzehnhundert Dollars herausschlagen wird,« versetzte der Advokat unterwürfig.

Für die mittellosen Besitzer der Zip Coon-Schicht war das eine große Summe, was sich aber keiner anmerken ließ.

»Der Fall ist nämlich der,« fuhr Triggs fort, »daß bei diesem Testament der Wunsch, den direkten, natürlichen Erben auszuschließen, stärker war, als das Verlangen, jemand eine Guttat zu erweisen. Ich nehme an, daß Sie und Ihr Onkel sich nicht sehr nahe standen – wenigstens hatte ich bei Abfassung seines Testaments diesen Eindruck – und daß er Sie nur deshalb zum Erben einsetzte, um seine einzige Tochter zu enterben. Er hatte sich mit ihr überworfen, und sie hatte sein Haus verlassen, um beim Bruder seiner verstorbenen Frau, einem Herrn Morley Brown, der sehr wohlhabend ist, zu leben. Sie erinnern sich vielleicht der jungen Dame?«

Jackson Wells hatte allerdings eine dunkle Erinnerung an dieses Bäschen, ein unausstehliches rothaariges Schulmädchen, und eine ebenso unangenehme an diesen andern Onkel, einen geldstolzen Menschen, der sich nie um ihn gekümmert hatte. So nickte er bejahend mit dem Kopf.

»Möglicherweise wird man den Versuch machen, das Testament anzufechten,« sprach Herr Triggs weiter, »da die Enterbung eines einzigen Kindes, dazu einer Tochter, dem Publikum wie den Richtern und Geschworenen gegen das Gefühl geht. Ein solches Testament ist auch gesetzlich ungültig, wenn der Erblasser nicht Gründe für seine Handlungsweise angibt, was Ihr Onkel übrigens glücklicherweise getan hat. Ich habe eine Abschrift des Testaments bei mir und kann Ihnen die Stelle vorlesen.«

Damit zog er das Aktenstück heraus und begann zu lesen: »Meine Tochter, Jocelinda Wells, schließe ich von jedem Genuß meiner Hinterlassenschaft aus, weil sie eigenwillig ihres Vaters Haus mit dem Morley Browns, ihres Onkels mütterlicherseits, vertauscht hat. Sie hat die Fleischtöpfe Ägyptens der tugendhaften Einfachheit ihres eigenen Heims vorgezogen, hat die bescheidenen Freunde ihrer Jugend, die Genossen ihres Vaters aus niedriger, sklavischer Gier nach Wohlleben und äußerem Glanz von sich gestoßen. Deshalb und zur Entschädigung für ihr Erbe erteile ich ihr hiermit unbedingt und freiwillig die Erlaubnis, ihrem häufig ausgesprochenen Wunsch sich anstatt ihres Vaters einen andern Beschützer zu erwählen, genugzutun, des obgenannten Morley Brown Adoptivtochter zu werden und seinen Namen an Stelle des meinigen zu führen.«

»Da, wie Sie sehen,« setzte der Advokat hinzu, »die junge Dame jetzt bedeutend besser situiert ist, als sie es in ihres Vaters Hause wäre, und offenbar gegenseitige Zugeständnisse stattgefunden haben, ist der Gefühlseinwand, daß sie heimat- und mittellos sei, hinfällig. Da die Erbschaft indes sehr unbedeutend ist und für Sie vielleicht kaum in Betracht kommt, so ziehen Sie am Ende doch vor, sie abzulehnen, was sich leicht wird einrichten lassen?«

Dieser Vorschlag kam der Zip Coon-Gesellschaft gänzlich unerwartet, und Jackson Wells schwieg betroffen, aber Dexter Rice zeigte sich auch diesem Fall gewachsen und wandte sich mit sicherem Selbstbewußtsein an den Advokaten.

»Sie entschuldigen, wenn ich mich einmische, aber in Anbetracht, daß ich der älteste Teilhaber an dieser Schicht bin, die in Jackson Wells ein sehr geschätztes Mitglied sieht, so geht alles, was ihm zum Nutzen gereicht, auch uns an, und ich beantrage, daß man Ihr Testament mit all seinen Schrullen und Haken und Häkchen durchsetzt.«

Während der Advokat seine Augen verwundert von einem Mitglied der Gesellschaft zum andern laufen ließ, fuhr Rice fort: »So weit wir den Fall kapieren, handelt sich's um die gerechte Strafe für ein hochfahrendes Mädchen, das seinem alten Vater das Herz gebrochen hat, und die Belohnung eines jungen Menschen, der unsres Wissens ein musterhafter Neffe war. Wie oft hörten wir ihn nicht, wenn wir zur Mahlzeit ums Lagerfeuer saßen, halb zu sich selbst, halb zu uns sagen: ›Wenn ich nur wüßte, wie's meinem alten Onkel Quincy geht!‹ und nie hat er sich zu einer guten Mahlzeit niedergesetzt, nie ist er von einem ehrlichen Spiel aufgestanden, ohne zu sagen: ›Wenn doch mein alter Onkel Quincy mittun könnte, dann hätt' ich nichts mehr zu wünschen auf dieser Welt!‹ Sagen Sie, meine Herrn, war das nicht Jackson Wells' ewige Litanei?«

Ein zustimmendes Murmeln erhob sich, und Ned Wyngate pflichtete liebreich bei: »Ja, ja, damit hat er uns immer geödet!«

»Wahrhaftig, wahrhaftig!« rief der Advokat, nervös werdend. »Und ich hatte den Eindruck, als ob gar keine verwandtschaftlichen Gefühle bestünden ...«

»Auf Ihrer Seite allerdings nicht ... durchaus nicht,« versetzte Rice rasch. »Der Onkel Quincy mag allerdings nicht viele Gefühle aufgespeichert haben, hat auch seines Neffen Aufstieg nicht mit angesehen. Sie wissen doch selbst, wie es manchmal geht – als ein Advokat und ein weitblickender Mann kennen Sie ja die Menschen – gewöhnlich ist das Gefühl nur auf einer Seite vorhanden! Einer ist immer da, der ein Herz hat, Opfer bringt und so weiter, und einer, der nur Geld zusammenscharrt. So ist's in der ganzen Welt, und deshalb,« fuhr Rice fort, indem er die philosophische Gelassenheit aufgab und seine Hand zärtlich, aber mit vielsagendem Druck auf Jacksons Arm legte, »deshalb sagen wir: ›Halt fest an diesem Testament und Onkel Quincys Gedächtnis.‹ Und wir müssen ihm das einprägen, denn er ist weichherzig und sorgt sich so wenig um Geld – er hat ja seinen Anteil an dieser Schicht – daß wenn das Mädel ihm etwas vorheulte, er im stande wäre, alles, Gut und Geld, fahren zu lassen. Nachher würde er sich dann drauf besinnen, daß er die Tochter, die seinem alten Onkel das Herz gebrochen hat, auch noch belohnt habe, und das würde ihn dann so umtreiben, daß er gar nicht mehr arbeiten könnte. Und sehen Sie, das ist der Punkt, wo wir einspringen! Wir sagen ihm: ›Halte fest an diesem Testament.‹«

Der Advokat sah sich Rice und die übrigen Genossen mit einer gewissen Neugier an und wandte sich dann an Wells.

»Nichtsdestoweniger kann ich meine Aufträge nur von Ihnen entgegennehmen,« sagte er trocken.

Jackson, der anfangs wirklich Skrupel gehabt hatte, eine Waise zu verdrängen, hatte mittlerweile erfaßt, was seine Freunde meinten, und erwiderte mit ehrlicher Überzeugung: »Ich glaube, an dem Testament festhalten zu müssen.«

»Gut, gut, dann werde ich's dem Gericht vorlegen,« sagte Triggs, indem er aufstand. »Sollten mittlerweile Gerüchte über eine Anfechtung entstehen ...«

»In diesem Falle,« fiel ihm Wyngate ins Wort, der das Gefühl hatte, in dieser kleinen Komödie noch nicht zur Entfaltung seiner Talente gekommen zu sein, »können Sie dem alten Werwolf von einem Mutterbruder sagen, daß auf der Zip Coon-Schicht vier Männer – und vier Revolver zu treffen seien – falls er Lust habe, seine Nase hereinzustrecken. Wir sind für gewöhnlich duldsame, friedfertige Leute, aber wenn einem alten Mann sozusagen das Herz gebrochen wird, und er mit seinen weißen Haaren verlassen in die Grube fahren muß, dann ist's unsre Pflicht, ihm ein Begräbnis zu veranstalten – verstehen Sie?«

Als Herr Triggs mit einem Begleiter, der ihn abermals um die gefährliche Klippe von Tomlinsons Kramladen herumlotsen sollte, abgezogen war, gab Rice dem ›Erben‹ einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter.

»Wenn ich nicht gewesen wäre, Söhnchen, hätte dich der Gauner zu irgend einem Vergleich mit der Rothaarigen beschwatzt! Ich sah dich wankend werden, drum bin ich zugesprungen. Deine Liebe zum alten Quincy hab' ich vielleicht ein wenig aufgebauscht, aber wenn du kein Ausbund von Undankbarkeit bist, so hättest du jedenfalls diesen Onkel derart lieben sollen!«

Obwohl der junge Wells durch des Genossen Anteilnahme gerührt und von dessen Selbstlosigkeit überzeugt war, hatte er doch das peinliche Gefühl, die Gelegenheit zu einer ritterlichen Tat versäumt zu haben.

* * *

Nach reiflicher Überlegung wurde der Beschluß gefaßt, daß Jackson Wells die vorläufige Besichtigung seines neuen Besitztums allein vornehmen solle, da es sich mit der bisher zur Schau getragenen Uneigennützigkeit der Genossen schlecht vertragen hätte, wenn sie mitgegangen wären. Er wurde indes inständig gebeten, in keine Falle zu laufen, die ihm der Feind stellen würde, und sogar seinen Besuch streng geheim zu halten.

Jackson Wells ging also hin. Der vertraute Baum mit seinen Blütenkerzen, von dem die ›Kastaniengrube‹ ihren Namen ableitete, war den Verschönerungen und Verwüstungen durch die Goldgräber nie gänzlich gewichen, und viele seines Geschlechts hatten die außer Gebrauch gekommenen Gräben, die vernarbten Gänge, zerstörten Wasserläufe und dachlosen Hütten der ersten Ansiedlung überdauert, so daß Jackson Wells, als er an diesem Sommermorgen die breite, unregelmäßige Hauptstraße von ›Kastaniengrube‹ betrat, ein strahlendes Blütenmeer erblickte, das die Luft mit Wohlgeruch erfüllte. Sein erster Besuch hier, der vor zehn Jahren stattgefunden hatte, hatte ihm nichts als hastige Erledigung einer lästigen Pflicht bedeutet, und doch erinnerte er sich des protzigen Gasthofs, der in der Gründerzeit wie ein Pilz aus dem Boden gewachsen war und jetzt schon die Spuren verfrühten Verfalls zeige, er entsann sich des Postamts und der ›Stadthalle‹, die ebenfalls bestimmt schienen, in zarter Jugend dahinzuwelken, der kleinen Wellblechkirche, die jetzt von Schlingpflanzen überwachsen war, und der zwei oder drei schönen massiven Wohnhäuser am Ausgang des Orts, die alle Lebenskraft der kleinen Niederlassung an sich gezogen zu haben schienen. Eines davon war, so hatte er sich sagen lassen, Eigentum des reichen und boshaften Onkels mütterlicherseits, des verhaßten Räubers der kindlichen Gefühle seines rothaarigen Bäschens. Er erinnerte sich recht deutlich der Besichtigung von Mutungsfeld und Gemüsegarten des jetzt dahingegangenen Erblassers, seines durchaus ungünstigen Eindrucks von dem einsamen mürrischen Alten und ebenso seiner Erleichterung darüber, daß die widerwärtige Cousine, die er seit Kinderzeiten nicht mehr gesehen hatte, nicht zu Hause, sondern bei besagtem Onkel Nebenbuhler gewesen war. Er ging quer über die Landstraße auf einen sonnigen Hang zu, von dem die drei Morgen Gemüseland wie ein grüner Wasserfall herunterzurieseln schienen, nach einem Bächlein, das selbst jetzt in der trockenen Jahreszeit noch ein dünnes Wasserrinnsal zeigte. Hier erwartete ihn eine Überraschung. Die Anpflanzung hatte sich in dem üppigen Alluvialboden und unter der rasch treibenden kalifornischen Sonne so stark entwickelt, daß ihr Bebauer nicht mehr im stande gewesen war, sie in Ordnung zu halten oder abzugrenzen. Alles war üppig gediehen, hatte riesenhaften Umfang und verschwenderische Fülle erreicht. Der ›Garten‹ hatte längst seine Grenzen überschritten, streckte seine Fühler auf die Landstraße hinaus, hatte sich die verlassenen Minen und die Trümmer der Vergangenheit angeeignet. Angeregt durch das bißchen Pflege, das ihm Quincy Wells hatte angedeihen lassen, war er über seine drei Morgen hinausgesprungen und hatte sich im ganzen Tal breit gemacht. Scharlachrote Ausläufer setzten über die verlassenen Schleusen, Erbsen kletterten an den Mauern des Gerichtshauses empor, Erdbeeren bedeckten die Geleise auf der Straße und der Wind hatte die Samen und Knollen östlicher Blumen weit und breit durch die Wälder getragen. Die Natur schien mit grimmigem Hohnlächeln zu verkündigen, daß sie allein noch gedeihe in dieser Ansiedlung des Menschen.

Das aus rohen Holzbalken gebaute Haus selbst enthielt ein Wohn- und ein Eßzimmer, eine Küche und zwei Schlafstuben, alles höchst einfach eingerichtet, wenn auch das eine der Schlafzimmer etwas besser in Ordnung war und gewisse Anzeichen weiblichen Geschmacks verriet, so daß Jackson daraus schließen konnte, daß die Cousine es bewohnt habe. Zum Glück bewahrte der leichte, flüchtig aufgeführte Bau keine Spuren der früheren Bewohner, die hingereicht hätten, ihm das Gemüt mit Erinnerungen zu belasten, was auch der Reinlichkeit und Frische ungemein zu statten kam. Der trockene, desinfizierende Sommerwind hatte sowohl Gerüche als Gefühle der Häuslichkeit hinweggetragen, selbst der häusliche Herd wußte keine Familiengeschichten zu erzählen, weil seine Asche in alle Winde zerstreut war, und an dem einfachen Haus, worin der alte Mann gelebt hatte und gestorben war, haftete der Dunst seiner Persönlichkeit so wenig als an der Steinplatte, unter der er jetzt auf dem Hügel ruhte. Dies üppige Wachstum der Pflanzenwelt, die der aufgestöberte Boden hervorbrachte, hatte längst die Blechbüchsen, Scherben und Kleiderfetzen, die sonst um die Zeltposten des Pioniers gehäuft sind, überwuchert und begraben. Die Verschwendung der Natur hatte sie ins Dunkel getaucht.

Jackson Wells mußte lächeln, als ihm seiner Genossen sanguinischer Traum von den Schätzen einfiel, die in den Fugen und Rissen dieser Behausung versteckt sein sollten – sie waren schon gänzlich rein gefegt von den hygienischen Behörden Kaliforniens, der trockenen Luft und der sengenden Sonne. Der Umstand, daß alle Spuren der früheren Bewohner verwischt waren, mißfiel ihm durchaus nicht, denn sie gab ihm freien Raum, selbst etwas zu schaffen. Zuversichtlich pfeifend ging er, die Hände in den Hosentaschen, auf das einzige Stück Zaun und das Tor nach der Straße hin zu. Am Torpfosten steckte etwas, was seine Aufmerksamkeit erregte: es war ein Blatt Papier, worauf groß geschrieben stand: ›Warnung vor unberechtigtem Eintritt. Man hüte sich vor dem Waisenplünderer!‹ Ein einfaches Brett am Gartentor, das in verblichenen schwarzen Buchstaben die Aufschrift getragen hatte: ›Quincy Wells, Obst- und Gemüsehändler‹, war roh mit Kalk überschmiert worden und besagte nun: ›Jackson Wells, Erbschleicher und Kodizillfälscher‹, und die Ankündigung: ›Hier werden Blumensträuße verkauft‹ war umgestaltet in: ›Hier werden Vermächtnisse gestohlen‹. Im ersten Augenblick begriff der harmlose Jackson die Bedeutung dieses Schimpfs gar nicht; die Plakate machten ihm lediglich den Eindruck eines mutwilligen Schuljungenstreichs. Als er sich dann aber der vorsichtigen Warnung des Advokaten entsann, stieg ihm das Blut zu Kopf und er entbrannte in Zorn. Er riß die Papiere in Fetzen und rieb den leichten Kalkbewurf ab, worauf ihm sein eigener Ärger wieder komisch vorkam, und doch war er froh, daß seine kampfeslustigen Genossen das Zeug nicht gesehen hatten.

Eine Neugier war in ihm erwacht: er wollte wissen, wie weit sich diese Gefühle schon ausgebreitet hatten. Deshalb ging er in einen Laden und gab sich durch ein paar Fragen als Besitzer des Gütchens zu erkennen, doch erregte er bei dem Geschäftsmann kein andres Interesse, als die Hoffnung auf einen zukünftigen Kunden und die übliche Neugier Fremden gegenüber. Der Kellner im Hotel war höflich, aber wortkarg und verdrossen. Er habe gehört, daß der Besitz ›wegvererbt‹ worden sei wegen Familienstreitigkeiten, die ihn nichts angingen. Herr Wells werde aber ›Kastaniengrube‹ sehr langweilig finden nach den Minen. Der Ort werde von zwei oder drei Minenbesitzern ausgesogen, die nichts andres im Schild führten, als die übrigen Ansiedler wegzugraulen, alles in die Hand zu bekommen und für sich auszubeuten. Brown, dem das große Haus auf dem Hügel gehöre, sei der Rädelsführer und habe überall die Hand im Spiel. Jackson fühlte, wie ihn die Entrüstung abermals packte. Und das Mädchen, dessen Erbe auf ihn überging, war mit diesem Brown im Bunde, ja möglicherweise hatte er sie nur zu sich genommen, um ihre drei Morgen Land zum Übrigen hin zu ergattern. War dem so, so hatte der alte Onkel gerechte Rache für langes Leiden geübt.

Als er nach seiner Heimkehr diese Gedanken und Eindrücke in seiner innern Unsicherheit den Genossen vorlegte, erschrak er einigermaßen über die blutdürstige Wildheit, womit sie seine Mitteilungen aufnahmen! Sie hofften, daß es nun aus und vorbei sei mit dem Gedanken an ein Zurücktreten, womit er ja geradezu des Onkels Gedächtnis schänden würde. Es sei ja klar und deutlich seine Pflicht, diesem verdammten Satrapen von Kapitalisten Widerstand zu leisten; die Vorsehung habe ihn zu ihrem Werkzeug wider den Tyrannen ausersehen!

»Und der Halunke von einem Advokaten hat sicherlich die ganze Geschichte gewußt, als er uns von Sympathieen des Publikums für die Waisen vorflunkerte,« sagte Rice kampfgerüstet. »Das Testament anfechten? Er soll's nur tun! Wenn wir diesen Braven darauf ertappen, daß er die Hand in der Geschichte hat, so rufen wir die Jungen in der Schicht zusammen und lynchen ihn. Du hältst diese drei Morgen Landes fest, die deine Vorfahren bebaut haben, Söhnchen, und wir helfen dir durch.«

Trotz alledem ergab sich Jackson nur mit innerem Widerstreben darein, daß seine drei Teilhaber ihn begleiten und Zeuge sein wollten, wie er sein Erbe in Besitz nehme. Sein Gefühl sagte ihm, daß des Onkels Testament nicht angefochten und daß der unliebsame Vetter Brown keinen Widerspruch erheben werde. Als der Leiterwagen eintraf, der seine Kleider und einiges wenige Hausgeräte brachte, wich die übertriebene Großmäuligkeit, die seine Genossen auf dem Weg durch die Ansiedlung entfaltet hatten, einer halb wahren, halb gemachten lyrischen Stimmung. Unter einem blühenden Kastanienbaum legten sie sich ins Gras, während Rice die Erlaubnis erhielt, der öffentlichen Meinung auf den Zahn zu fühlen.

»Was wunderlich Beruhigendes und Träumerisches hat das Leben hier, Jacksey, und wir wollen uns vornehmen, alle vierzehn Tage herüberzukommen und dir an die Hand zu gehen. Das wird eine wohltuende Erholung sein von der Sklavenarbeit auf dem Mutungsfeld.«

Trotz dieser Versicherung und obwohl sie ihren Beistand beim Einzug zugesagt hatten, strengte sich keiner von den Dreien bei der Arbeit an; nur mit überschwenglichen Lobpreisungen und Ratschlägen waren sie sehr freigebig. Nach vierstündigem Bummeln und Herumschlendern auf Jacksons Gebiet bekannten sie sich einstimmig zu der Meinung, es werde am besten sein, chinesische Taglöhner zu nehmen, um System in die Sache zu bringen.

»Siehst du,« erklärte Ned Wyngate, »bei den Chinesen ist diese Art von Arbeit Sache des Instinkts. Du brauchst ja nur einen chinesischen Porzellanteller oder eine Tasse zu nehmen, immer siehst du Chinesen drauf gemalt, die solches Zeug machen, und dann leben sie auch von Grünkram und Reis, was so gut wie nichts kostet. Höchstens essen sie noch Hähnchen – du wirst dir doch Hühner halten?«

Jackson fand, daß er alle Hände voll zu tun haben werde mit dem Garten, aber er bejahte.

»Ich werde dir für ein Pärchen sorgen – du brauchst für den Anfang nur zwei,« fuhr Wyngate zuversichtlich fort, »in ein oder zwei Monaten hast du dann, was du braucht, und obendrein Eier genug zum Verkaufen. Wenn ich mir's recht überlege, wär's am Ende besser, du fingest mit den Eiern an. Du borgst dir vom einen Eier, vom andern eine Henne, läßt die Henne brüten, und wenn die Küchlein ausgeschlüpft sind, gibst du dem einen seine Henne zurück, und sobald sie legen, dem andern seine Eier. Dann hast du deine Hühner umsonst.«

Dieser geniale Vorschlag wurde auf dem höchsten Punkt des Gebiets vorgebracht, wo die Genossen, erschöpft von ihrer Arbeit, ausruhten. Mitten in die Rede platzte aber ein barfüßiger, sonnverbrannter, struwelköpfiger Junge herein, der sich forschend im Kreis umsah, dann mit unfehlbarer Treffsicherheit einen Brief auf Jackson Wells' Schoß schleuderte und eilends entfloh. Jackson vermutete sofort, daß dieser Brief mit den schimpflichen Plakaten an seinem Zaun und Gartentor in Zusammenhang stehe, und da er diese seinen Freunden aus Furcht, ihre Kampflust noch mehr zu reizen, verschwiegen hatte, war ihm doppelt unbehaglich zu Mut, als er, verlegen und entrüstet zugleich, das Siegel erbrach und folgendes las:

»Mein Herr!

Ich will Sie hiermit benachrichtigen, daß Sie, wenn es Ihnen auch gelungen ist, durch Lug und Trug das Besitztum zu erlangen, Ihre schurkischen Hände doch nicht an die vor dem Hause gepflanzte Cherokeerose und ebensowenig an die beim Tor stehenden Nelken und an den Frauenschuh legen dürfen, ohne mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, denn diese Gewächse sind Eigentum des Fräulein Jocelinda Wells, die sie eigenhändig gepflanzt hat. Wenn Sie oder Ihre Spießgesellen daran rühren oder die Pflanzen nicht gutwillig hergeben, sobald sie abgeholt werden, so setzen Sie sich einer Klage aus.

Der Rächer.«

Vermutlich wäre Jackson schwach genug gewesen, auch diese Botschaft den Genossen vorzuenthalten, hätten sie ihn nicht, aufgeregt durch das plötzliche Erscheinen und Verschwinden des Boten, gespannten Blicks beobachtet. So streckte er ihnen mit einem schwachen Versuch zu lächeln den Brief hin, war aber auf ein solches Übermaß von Entrüstung, wie sie es an den Tag legten, nicht gefaßt. Mit Mühe konnte er sie abhalten, dem entflohenen Herold nachzusetzen.

»Was könntet ihr dem anhaben?« fragte er. »Der hat ja nur getan, was ihm geheißen wurde.«

»Aber dem Brown, dem gottverdammten Schurken, der dahinter steckt, werde ich auf den Leib rücken,« erklärte Dexter Rice.

»Was soll dabei herauskommen?« fragte Jackson mit einer gewissen Selbständigkeit. »Wenn das Grünzeug dem Mädel gehört, wird's am gescheitesten sein, es ihr ohne Umstände zu geben. Ich will doch, meiner Seel', nichts haben, als was mir der Alte hinterlassen hat, und ganz gewiß nichts von ihr

Zu diesen Worten hörte man Ned Wyngate etwas in den Bart brummen, zum Beispiel daß Jackson Wells zu den Leuten gehöre, die stilllägen und Präriewölfe an sich herumknabbern ließen, wenn diese sich mit der Visitenkarte eines Mädchens vorstellten, aber Rice brachte ihn zum Schweigen, indem er Papier und Bleistift verlangte. Ersteres wurde aus einem Notizbuch gerissen, in einer Tasche fand sich ein Stümpchen des letzteren und dann schrieb Rice:

»Mein Herr!

In Erwiderung des Gewäschs, das Sie in Ihrem Brief von heute freundlichst verzapft haben, teile ich Ihnen mit, daß, was Sie für Fräulein Wells verlangen, zu Ihrer Verfügung steht. Vielleicht fällt auch noch eine Kleinigkeit für Sie selbst ab, falls Sie sich heute nachmittag einfinden wollen bei Ihrem ergebenen –«

»So, jetzt setz' deinen Namen darunter,« fuhr Rice fort, indem er Jackson den Bleistift reichte.

»Aber das kommt ja heraus, als ob wir ärgerlich wären und die Pflanzen nicht gern hergeben möchten,« wandte Jackson ein.

»Mach dir keine Gedanken darüber, Söhnchen, sondern unterschreibe! Im übrigen verlaß dich auf deine Freunde, und wenn du heute abend den Kopf aufs Kissen legst, so danke der allwaltenden Vorsehung dafür, daß sie dir die rechte Sorte hartgesottener Schurken zur Seite gestellt hat, die dich beaufsichtigen!«

Widerstrebend unterzeichnete Jackson das Schriftstück, und Wyngate erbot sich, einen Chinesen aufzutreiben, der Botendienste leisten könnte.

»Wenn du einen Chinesen kriegst, kann Brown das Fluchen und Schimpfen durch den besorgen lassen.«

Der Nachmittag verstrich, die großen Douglastannen am Teich reckten ihre Schatten länger und länger am Hügel empor und die Sonne begann den auf dem Rücken ausgestreckten Männern in die Augen zu stechen. Zarte Düfte von Minzkraut und Eberraute, Ausläufern des Waldes, die sie im Liegen zerquetscht hatten, traten an Stelle des Rauchs der ausgegangenen Pfeifen, und die Hämmerchen des Waldspechts arbeiteten geschäftig in einem Baumstamm, während die Goldgräber gleich friedlichen Wiederkäuern an den duftenden Blättern nagten. Jetzt hörte man auf der Landstraße, die dem Blick durch Kastanienbäume verdeckt war, Räder knarren, und gleich darauf verstummte das Geräusch – der Wagen hielt. Mit funkelnden Augen stand Rice bedächtig auf.

»Bringt wohl gleich einen Karren mit, um die ganze Kabache säuberlich abzuführen,« mutmaßte Wyngate.

»Vielleicht seine eigene Ambulanz,« bemerkte Briggs.

Doch nach einer Weile rollten die Räder plötzlich weiter.

»Es wird am besten sein, wir empfangen ihn am Tor,« erklärte Rice, den Riemen, woran sein Revolver hing, zurechtrückend. »Der Wagen hat lange genug gehalten, um drei bis vier Mann abzusetzen.«

Lässigen Gangs, aber schweigend, durchschritten sie den Garten. Wahrscheinlich glaubte keiner im Ernst an einen feindlichen Zusammenstoß, aber immerhin war die Möglichkeit nahe genug, um ihr Blut in Wallung zu bringen. Als sie ans Tor kamen, fanden sie es aber noch geschlossen und die Straße davor leer.

»Kann sein, daß sie sich ins Haus geschlichen haben,« sagte Briggs; »und es von innen halten wollen.«

Sie wandten sich rasch dieser Richtung zu, als Wyngate leise sagte: »Pst! ... In dem Buschwerk unter den Kastanien steckt jemand ...«

Man horchte hin; ein leises Rascheln im Buschwerk war hörbar.

»Nur heraus, Brown ... ins Freie! Nur nicht schüchtern sein!« rief Rice in lustigem Ton. »Wir warten auf dich!«

Da stieß Briggs, der sich am weitesten in der Richtung des Geräuschs vorgewagt hatte, einen Laut der Überraschung aus und prallte offenen Munds gegen die Gefährten zurück. Im nächsten Augenblick brachen alle in gedämpftes Lachen aus und drückten sich schweigend aneinander wie Schafe, denn ein sehr hübsches, gut gekleidetes junges Mädchen trat zwischen den Büschen hervor und kam auf sie zu.

Sie wäre diesen Männern zu jeder Zeit wie ein berückendes Traumgesicht erschienen, aber jetzt, da sie vor Entrüstung glühte, raubte ihnen der Anblick schier die Besinnung. Ihr wundervolles Haar, das die Farbe von frisch gepflückten Blättern des Cocastrauchs hatte, war beim Streifen durchs Gebüsch aufgegangen, und sie steckte mit echt weiblicher Geschicklichkeit die Haarnadeln fest, während sie voll Majestät auf die Betroffenen zuging.

Drei von den Gesellen wurden so rot als des Mädchens Haare, nur Jackson Wells wechselte weder die Farbe noch die trotzige Haltung. Sie kam heftig atmend heran, und die kurze Oberlippe ließ die weißen Zähne hervorblicken.

Rice war der erste, der Worte fand.

»Ich bitte um Entschuldigung, Fräulein – ich dachte, es sei Brown, Sie begreifen –« stammelte er.

Nur ein Blick aus den blitzenden braunen Augen ward dem Sünder zu teil, und die kurze Oberlippe kräuselte sich, daß sie fast unter den verächtlich aufgeblasenen Nasenflügeln verschwand. Dann ließ sie den aufgehobenen Kleiderrock fallen und ging geradeswegs auf Jackson Wells zu, vor dem sie stehen blieb.

»Wir hatten keine Ahnung, daß du hier bist ... allein hier bist,« sagte er abbittend.

»Hast wohl gedacht, ich würde mich nicht allein hertrauen, hm? Nun, wie du siehst, bin ich nicht bange.«

Sie griff wieder nach Hut und Haar und zog den ersteren boshafterweise tief über die geradlinigen Brauen herein.

»Gib mir meine Pflanzen!«

Jackson war verblüfft gewesen. Er würde in dieser eigenwilligen Schönheit kaum das rothaarige Schulmädchen wiedererkannt haben, das er nach Jungenart gehaßt und mit dem er sich oft herumgebalgt hatte. Aber die Erinnerung erwachte und mit ihr der Instinkt der Gewohnheit. Er sah ihr unverwandt ins Gesicht und sagte zum Entsetzen seiner Genossen: »Sag bitte!«

Die andern erwarteten nichts andres, als ihn hinsinken zu sehen – durchbohrt von den Haarnadeln, aber die Schönheit blickte nur erstaunt auf und sagte mit schneidendem Hohn: »Haben Sie die Güte, Herr Jackson Wells.«

»Ich habe die Blumen noch nicht ausgegraben, und es würde dir ganz recht geschehen, wenn ich dich's selbst tun ließe, doch werden dir meine Freunde vielleicht helfen – wenn du ihnen ein gutes Wort gibst.«

Alle drei fuhren nach Spaten und Hacke und stürzten eifrig herbei.

»Zeigen Sie uns nur, was Sie haben wollen,« riefen sie aus einem Munde.

Die junge Dame betrachtete sich das Kleeblatt und betrachtete sich Jackson. Dann kehrte sie ihm rasch und entschlossen den Rücken und sagte mit einem Lächeln, das alle drei um den letzten Rest von Verstand brachte: » Ihnen will ich's zeigen!«

Damit schlug sie den Weg nach dem Haus ein.

»Sie müssen Jacksey nichts übel nehmen,« sagte Rice, sich beflissen an ihre Seite drängend, »er ist so außer sich über den Verlust Ihres Vaters, den er geliebt hat wie ein leiblicher Sohn, daß man ihn nicht wiedererkennt und daß er offenbar nicht aus noch ein weiß. Und was Sie betrifft – Fräulein – ja – was hat er doch gesagt, gerade eh' die junge Dame kam?« fragte er, Wyngate als Zeugen aufrufend.

»Alles, was mein Bäschen mit eigenen Händen gepflanzt hat, muß sorgfältig ausgehoben und ihr geschickt werden – wenn mir's auch schier das Leben kostet, mich davon zu trennen,« zitierte Wyngate ohne Erröten, indem er sich an ihre andre Seite schlängelte.

Des Fräuleins Augen fixierten die Sprecher scharf, ihr Mund aber fuhr fort, berückend zu lächeln.

»Es tut mir sehr leid, Ihnen Mühe zu machen ...«

In wenigen Minuten wurden die Gewächse ausgehoben und sorgfältig nebeneinander geordnet, ja, der unterwürfige Briggs legte sogar einiges dazu, was die junge Dame nicht begehrt hatte.

»Wollen Sie auch noch die Güte haben, sie bis zu dem Wagen zu tragen, der eben den Berg herabkommt?« fragte sie, auf eine von einem kleinen Jungen gelenkte Chaise beutend, die sich langsam dem Tor näherte.

Mit wahrer Zärtlichkeit hoben die Männer die Pflanzen auf und setzten sich, jeder ein Bündel tragend, nach dem Tor in Bewegung. Fräulein Wells führte den Zug an, indes Jackson noch immer mürrisch an der Gartentüre lehnte.

Die drei Männer gingen zuerst hinaus, Fräulein Wells aber blieb zögernd zurück, näherte dann ihr schönes keckes Gesicht bis auf Zollbreite dem des Vetters und zischte ihm zu: »Heuchler, der den Leuten Sand in die Augen streut!«

»Naseweiser Querkopf!« gab Jackson, wieder im Bann der Kindheitserinnerungen, unverweilt zurück, während sie davoneilte.

Jetzt hörte er das Wägelchen mit seiner Feindin von dannen rasseln, seine Freunde aber blieben noch eine Weile in ernster Beratung auf der Straße stehen, und als sie endlich zu ihm zurückkehrten, waren sie auffallend linkisch und befangen, was er ihrem schlechten Gewissen über die Schwäche zuschrieb, womit sie sich den Wünschen des Mädchens unterworfen hatten.

Zu seiner Überraschung aber redete ihn Dexter mit finsterer Miene an.

»Natürlich,« begann er, »brauchen wir unsre Nasen nicht in Familiengeschichten zu stecken, und es ist dein gutes Recht, sie für dich zu behalten, aber wenn du ehrlich und offen gegen uns gewesen wärest und uns keinen Bären aufgebunden hättest über diese junge ...«

»Was meinst du eigentlich?« fiel ihm Wells verwundert ins Wort.

»Nun ... von einem rothaarigen Mädel zu sprechen ...«

»Sie hat doch rotes Haar!« rief Wells ungeduldig.

»Mit einem Menschen,« fuhr Rice verächtlich fort, »der dermaßen von Vorurteilen verblendet ist, um so von einer wunderschönen Waise zu sprechen, die der Schmerz um einen geliebten, wenn auch verdammt unverständigen Vater verzehrt, einzig und allein, weil sie um ein paar Gewächse aus diesem Kartoffelacker bittet, kann man ja nicht vernünftig reden. Wenn du erst ruhig werden und dir die Sache als verständiger Mann überlegen wirst, Söhnchen, so stimmst du uns sicher darin bei, daß, je früher du einlenkst, desto mehr dabei herauskommen wird. In deinem eigenen Interesse, Söhnchen – ganz abgesehen von den Forderungen der Menschlichkeit – halten wir's indessen für richtig, uns zurückzuziehen, bis diese Sache im Lot ist. Die Dame scheint gewissermaßen deine Gefühle auch bei uns vorauszusetzen; sie nimmt womöglich an, daß wir auch etwas gegen ihre Haarfarbe einzuwenden hätten! Und da sie eine mittellose, von ihren Verwandten verstoßene Waise ist ...«

»Wie kannst du nur solches Zeug schwatzen!« brach Jackson ärgerlich los. »Ihr habt's ja erlebt – euch hat sie zehnmal besser behandelt als mich!«

»Ruhig Blut! Da haben wir wieder deine Heftigkeit, womit du das arme Kind so erschreckt hast! Selbstverständlich hat sie sich überzeugt, daß wir weitherzige Männer sind, die, an die Formen der Gesellschaft gewöhnt, über den Besuch einer Dame und die Trennung von etlichen grünen Stecken nicht den Kopf verlieren! Aber lassen wir das beiseite! Wir gehen heute abend heim, Söhnchen, und wenn du dir alles wohl überlegt haben und zur Besinnung gekommen sein wirst, halten wir wieder zu dir, so gut wie zuvor. In der Schicht wollen wir einen Arbeiter für dich einstellen; darüber brauchst du dir also keine Sorgen zu machen!«

So unklar und widersinnig die Gründe auch waren, der Entschluß stand fest, und nachdem bei Jackson die erste Entrüstung verraucht war, sah er die Genossen mit einer gewissen Erleichterung abziehen. Er hatte gezögert, den Besitz anzunehmen, und sie hatten ihn leidenschaftlich dazu gedrängt. Jetzt, da sie ihm zu Zugeständnissen rieten, hatte er seltsamerweise das Gefühl, daß er im Recht sei, wenn er den Besitz festhalte. Seine sentimentalen Bedenken waren wie weggeblasen, seit man ihm die verhaßte Cousine in der Rolle der verfolgten Waise zeigte, und, wunderlich wie seine Stimmung war, erblickte er in ihrer Schönheit nur einen weiteren Grund zum Groll. Nein, er hatte sich nicht getäuscht: das war noch dasselbe launische, eigensinnige, rothaarige Mädchen.

Andern Tags machte er sich mit der verbissenen Stetigkeit, die ein Grundzug seiner schlichten Natur war, und ihn den Genossen so wertvoll gemacht hatte, an die Arbeit. Er trommelte ein halbes Dutzend Chinesen zusammen und lernte von ihnen, obwohl er sich den Anschein gab, sie anzuleiten, die Gartenarbeit. Die Hauptaufgabe war, die übermäßige Üppigkeit der Vegetation zu beschränken und zu zähmen, und er führte die kleinliche Sparsamkeit der Chinesen gegen die Verschwendungssucht des kalifornischen Bodens ins Feld. Der Garten gedieh, und die Nachbarn rühmten sein Gedeihen, sowie den neuen Besitzer. Allein Jackson wußte, daß dieser üppigen Ernte des Frühlings die Unfruchtbarkeit der trockenen Jahreszeit folgen mußte und daß seine Arbeit nur durch Bewässerung nutzbringend gemacht werden konnte. Darum stellte er ein Pumpwerk auf, um das Wasser des kleinen am Fuße des Hügels fließenden Bachs bis zum höchsten Punkte zu heben, von wo er's durch parallele Rinnen wieder herunterrieseln ließ. Der ganze Ort spendete ihm Beifall, nur der pessimistische Kellner schüttelte den Kopf.

»Sobald Sie's dahin bringen, daß die Geschichte rentiert,« sagte er, »so werden Sie schon sehen, Herr Wells, daß Brown irgendwie hereinspukt und Sie aufs Trockene setzt!«

Doch Jackson kümmerte sich wenig um diesen Brown, den er kaum kannte. Einmal allerdings, als er am Hügel Gräben zog, fühlte er sich von zwei Männern beobachtet, die am andern Flußufer standen, aber ihre Neugier war offenbar rasch befriedigt, denn sie gingen alsbald ihrer Wege. Noch weniger beschäftigte er sich mit dem Tun und Treiben seiner Cousine, die ein- oder zweimal mit hochmütigem Gesicht an ihm vorüberfuhr. Einmal erblickte er sie auch in einer Gesellschaft von Reitern, und mit Erstaunen sah er, wie sie ihren hübschen aber schieferigen Mustang mit einer Heftigkeit und zugleich einer Anmut meisterte, die ihre Begleiter bald in Entzücken, bald in Schrecken versetzten. Augenscheinlich wurde sie von ihrem selbstgewählten Vater und seinen Freunden unbegreiflich verwöhnt und verzogen. Weshalb sie ihm aber den kleinen Garten mißgönnte und das ländliche Leben, wofür sie so gar nicht geeignet war, blieb ihm ein Rätsel, dem er manchmal nachgrübelte.

Eines Nachmittags arbeitete er in der Nähe der Landstraße, als er plötzlich durch ein Geschrei seiner Chinesen aufgeschreckt wurde, die eilig, von den Erdbeerbeeten verschwanden, wo sie am Pflücken waren. Zu gleicher Zeit hörte er seine Zaunlatten splitternd krachen und nahm unter den Kastanienzweigen eine Bewegung wahr. Er vermutete einen der landesüblichen Angriffe auf chinesische Arbeiter und wollte zornglühend mit Hacke und Spaten seinen Leuten zu Hilfe eilen. Zu seiner Überraschung aber gewahrte er Jocelindas Mustang, der sich mit dem Sattel in den Ästen verfangen hatte und zappelnd und um sich schlagend zwischen zwei Bäumen steckte, während die unglückliche Reiterin im Erdbeerbeet lag. Erschrocken, aber ohne die Geistesgegenwart zu verlieren, befreite Jackson zuerst das Pferd, das eine furchtbare Zerstörung anrichtete, aus seiner mißlichen Lage, und wandte sich dann seiner Cousine zu. Sie hatte sich schon auf dem Ellbogen aufgerichtet, und sah, die eine Wange mit Blut und Erde beschmiert unter dem verschobenen Hut und den auf die Stirn gerutschten Haaren hervor zornig zu ihm auf.

»Du wirst wohl nicht annehmen, ich hätte zum zweiten Male in deinen elenden Garten eindringen wollen,« sagte sie mit einer Stimme, die trotzig und doch unsicher klang. »Das Biest ist mir durchgegangen.«

»Nein, diesmal hast du deine schlechte Laune nicht an mir, sondern an deinem Tier ausgelassen, denn sonst wäre die Geschichte nicht passiert. Bist du verletzt?«

Sie versuchte aufzustehen, wobei er ihr behilflich sein wollte, doch sie wich seiner Hand scheu aus und arbeitete sich allein auf die Füße, knickte aber beim ersten Schritt zusammen.

»Wenn ich dich nicht führen darf, will ich einen von den Chinesen rufen,« schlug er vor.

»Wenn du das tust,« sagte sie leise mit zornfunkelnden Augen, »so schrei ich um Hilfe!«

Er zweifelte nicht daran, daß sie die Drohung ausführen würde. Im selben Augenblick aber wurde ihr Gesicht kreideweiß, und er schob in geschickter geschäftsmäßiger Weise seinen Arm unter den ihrigen, daß ihr Gewicht darauf ruhte. Nun fiel ihr der Hut herunter, und eine dicke Haarflechte legte sich auf seine Schulter. Das war dereinst auch des öfteren vorgekommen, nur daß der Zopf inzwischen bedeutend länger und dunkler geworden war.

»Wenn du bis zum Tor hinken und dich dort auf die Bank setzen könntest, würde ich dir dein Pferd holen,« sagte er. »Ich hab's an einen Baum gebunden.«

»Ja, ich hab's gesehen – eh' du mir irgendwie zu Hilfe kamst,« warf sie verächtlich hin.

»Das Pferd hätte davonlaufen können, du nicht.«

»Wenn du nur wüßtest, wie ich dich hasse,« sagte sie mit zuckenden Lippen.

»Das würde die Lage der Dinge auch nicht ändern,« bemerkte er. »Wisch' dir lieber das Gesicht ab; es ist zerkratzt und schmutzig, und deine Nase hast du an meinen Erdbeeren gerieben.«

Sie packte hastig das ihr gebotene Taschentuch und fuhr sich damit ins Gesicht.

»Ich muß gräßlich aussehen ...«

»Wie ein Schweinchen,« bestätigte Jackson mit Humor.

Sie konnte jetzt etwas fester auftreten und ließ sich bis zum Tor führen. Dort setzte er sie auf die Bank und ging, nach dem Pferd zu sehen. Das schöne Tier, in dem der Schrecken noch nachzitterte, und das sich an den Zaunlatten und dem Gestrüpp blutig gerissen hatte, ließ sich ganz zahm und gehorsam vorführen.

Jocelinda hatte ihr Gesicht vollends gesäubert und fing hastig noch zwei dicke Tränen auf, die an ihren langen Wimpern hingen, ehe sie das geliehene Taschentuch zurückwarf. Ihres übertretenen Knöchels wegen mußte sie sich in den Sattel heben lassen. Jackson steckte ihren kleinen Fuß in den Steigbügel und dachte der Zeit, da dieser Fuß noch kleiner gewesen war.

»Du bist früher im Herrensitz geritten,« bemerkte er, während eine Flut von Erinnerungen in ihm aufstieg, »und das wäre bei deinem und des Gauls Temperament viel ratsamer.«

»Und du,« versetzte sie leise, »warst früher viel ...«

Das letzte Wort verklang unterm Sausen der Peitsche und dem Hufschlag des Pferdes, aber Jackson war's, als ob es »netter« gelautet hätte.

Vielleicht geschah's deshalb, daß er, sobald Roß und Reiterin seinem Blick entschwunden waren, in den Garten zurückging, in dem zerstampften und zerdrückten Erdbeerbeet die allerschönsten Früchte pflückte, sie in ein kleines Körbchen legte, mit Blättern bedeckte, einen Zettel mit der überaus witzigen Aufschrift: »Mit dir aufgelesen« dazusteckte, und sie durch einen von seinen Chinesen an die Cousine sandte. Der unfreiwillige Eintritt der jungen Dame rief auch bei Li Sing, dem Vorarbeiter und zugleich Hauptwäschebesorger des Anwesens, Erinnerungen wach.

»Mir hab gekannt die Fräulein und alte Herr, das ist gestorben tot. Alte Herr gemacht Fräulein Leben sauer. Immerzu gegähnt – immer Befehl gegeben – immerzu Fräulein eingesperrt. Oft Fräulein eingeschlossen in Waschhaus, kann nicht spazieren gehen, kann nicht schwatzen, hat ja niemand – wie soll jemand kriegen? – muß waschen, waschen wie Chinese. Alte Herr tot gestorben – Fräulein jetzt vergnügt. Hat viel Spaß, viel Besuch in Blowns großes Haus ans Hügel. Blown reichster Mann an Ort.«

Wenn Jackson nachgefragt hätte, würde er diese Aussage eines Heiden ausnahmsweise von christlichen Nachbarn bestätigt gehört haben.

Doch es geschahen Dinge, die seine Gedanken in ganz andrer Weise in Anspruch nahmen. Der Bach, die Lebensader seines Gartens, war vertrocknet! Nachforschungen ergaben, daß sein Wasser zwei Kilometer weiter oben in Browns Graben geleitet worden war! Wells entrüstete Einsprache entlockte Brown eine förmliche Antwort, worin er feststellte, daß er Besitzer der anliegenden Minen sei, und daß das Anrecht der Minen auf Wasser dem der Landwirtschaft vorgehe. Zugleich erbot er sich aber, den Besitzer des auf diese Weise unfruchtbar und nutzlos gewordenen Grundstücks zu entschädigen, indem er dieses ankaufe. Jackson gedachte der Prophezeiungen des trübseligen Kellners! Das war der Anfang vom Ende! Aber was konnte der unternehmungslustige Kapitalist mit dem Grundstück anfangen wollen, das, wie der Onkel genugsam erfahren hatte, für Minenzwecke gleichfalls unbrauchbar war? Konnte er aus reiner Bosheit so handeln – unterm Einfluß der rachedürstenden Cousine? Nein, den Gedanken verwarf er, sobald er in ihm aufgestiegen war. Nein! Nein! Seine Freunde hatten recht! Er hatte das Erbteil des Mädchens mit Unrecht an sich gerissen, hatte einen Frevel begangen, darum konnte er kein Glück haben – es war die Strafe! Statt freiwillig zurückzutreten, wie er's gekonnt hätte, mußte er nun schimpflich weichen, und sie würde nie auch nur ahnen, was sich zuerst in ihm geregt hatte. Selbst jetzt noch hätte er ihr das Besitztum als freies Geschenk zurückgeben können, aber die Genossen hatten ihm von ihren spärlichen Ersparnissen die Mittel zur Bebauung vorgestreckt. Vielleicht daß eine Anrufung ihrer Großmut sie vermocht hatte, selbst darüber hinwegzugehen, aber den Freunden seine Niederlage zu bekennen, war fast noch bitterer, als sie ihr einzugestehen.

Er hatte heute keinen Sinn für die Arbeit und gab den Chinesen frühzeitig Feierabend. Noch einmal untersuchte er des Onkels alte Minenanlage auf der Spitze des Hügels und überzeugte sich, daß es hoffnungslose Arbeit gewesen war, die jener mit Recht aufgegeben hatte. Als die Sonne unterging, stand er unter den Kastanienbäumen und sah die Glut am westlichen Himmel hinschwinden, gleich seinen kindischen Hoffnungen. Er hatte den Platz liebgewonnen, und jetzt war auch die Stunde, in der die wenigen Blumen, die er gepflegt hatte, liebliche Düfte aushauchten, als wollten sie ihm für seine Mühe danken. Da hörte er sich beim Namen rufen.

Es war seine Cousine, die in sichtlicher Unschlüssigkeit nur ein paar Schritte von ihm entfernt stand. Sie war sehr blaß, und Jackson dachte im ersten Augenblick, sie habe noch unter den Folgen ihres Sturzes zu leiden, bis er an ihrem nervösen, verlegenen Wesen merkte, daß sie innerlich beunruhigt war. Die frühere Keckheit und Heftigkeit schienen verschwunden zu sein, und doch lag ein Zug seltsamer Entschlossenheit zwischen den hübschen Brauen.

»Guten Abend,« sagte er.

Doch sie erwiderte den Gruß nicht, sondern versetzte, unruhig an ihrem Handschuh zerrend: »Der Onkel will dein Grundstück kaufen?«

»Ja.«

»Gib's ihm nicht, sage ich dir!« stieß sie hastig heraus.

Er starrte sie betroffen an.

»O! Nicht etwa, weil ich dich hierbehalten möchte,« fuhr sie in einer Anwandlung gewohnter Kampfeslust fort, »deshalb brauchst du die Augen nicht aufzureißen! Ich sage, gib's ihm nicht, weil er nicht schön, nicht ehrlich handelt.«

»Er hat mir ja gar seine andre Wahl gelassen.«

»Das ist's ja. Gerade darum ist's so gemein und niedrig. Ich muß das sagen, wenn er auch unser Onkel ist.«

Jackson war betroffen und fühlte sich einigermaßen abgestoßen.

»Ich weiß, es ist abscheulich, so etwas zu sagen,« fuhr sie mit blassen Lippen fort, »aber schweigen wäre noch viel abscheulicher! O Jack! Als wir noch Kinder waren, haben wir uns viel gezankt und gebalgt, aber war ich je unredlich? War ich je hinterlistig? Habe ich je gelogen? Nein, und lügen kann ich auch jetzt nicht. Jack,« sie sah sich scheu und hastig um, » er will das Grundstück haben, er glaubt, daß am Abhang und am Flußufer Gold zu finden sei. Er sagt, Papa sei verrückt gewesen, die Minen auf der Höhe anzulegen. Jack! Hast du das Ufer nie untersucht?«

Jetzt dämmerte einiges Verständnis in ihm auf.

»Nein,« sagte er, setzte aber mit Bitterkeit hinzu: »Was für einen Wert hätte das jetzt? Ihm gehört ja das Wasser, womit ich arbeiten könnte!«

»Aber, Jack, wenn du die ›Farbe‹ fändest, so hättest du ja das Minenrecht! Du könntest das Wasserrecht in Anspruch nehmen, und dein Recht ginge vor, weil du den Boden besitzest.«

Jackson war bestürzt.

»Ja, wenn ich sie fände!«

»Du würdest sie finden.«

»Würde ich?«

»Ja, denn ich habe sie gefunden – heimlich wie ein Dieb! – gestern früh am Abhang des trockenen Flußbetts, als noch kein Mensch um den Weg war! Eine Pfanne voll habe ich gewaschen, und das war darin.«

Damit zog sie ein Seidenpapier aus der Tasche, wickelte es auf und schüttelte drei winzige Goldkörner auf ihre flache Hand.

»Und darauf bist du selbst gekommen, Jossy?«

»Gewiß!«

»Ganz allein?«

»Auf Ehr und Seligkeit.«

Er breitete die Arme aus und sie umschlangen sich. Dann wich jedes, die Hände des andern feierlich festhaltend, auf Armeslänge zurück. Darauf streckten sie langsam die Arme seitwärts aus, bis diese Bewegung ihre Gesichter und Lippen zusammenführte. Das geschah dreimal mit dem feierlichsten Ernst, und dann umarmten sie sich wieder, als ob ihre Füße auf Zapfen steckten hin und her schwankend wie ein Taktmesser. Ach! Das war keine augenblickliche Anwandlung! Der zufälligste und gleichgültigste Beobachter hätte den Eindruck haben müssen, daß dieses Spiel auf langer Übung und unziemlicher Erfahrung beruhte. Und in dieser Hinsicht – war es eine Offenbarung und eine Erklärung.

* * *

»Ich hab' Jackson immer im Verdacht gehabt,« äußerte Rice vierzehn Tage später, »daß er uns über die rothaarige Cousine etwas vorflunkere, aber das will mir doch nicht hinunter, daß er uns weis macht, sie hätte ihn auf die Spur des Goldes gebracht, um Brown lahmzulegen. Nein, nein, mein Herr. Er fand das Gold, als er die Gräben zog – gewöhnliches Niggerglück – finden, wo man nichts sucht.«

»Jedenfalls können wir uns nicht beklagen, denn er hat uns ja angeboten, die Mine in Gemeinschaft mit ihm auszubeuten,« bemerkte Briggs.

»Jawohl – bis er einen andern Teilhaber hereinnimmt!«

»Doch nicht Brown?« riefen die Genossen entsetzt.

»Nein! Aber Browns Adoptivtochter – das rothaarige Mädel.«

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