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Auf der alten Fährte

Bret Harte: Auf der alten Fährte - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorBret Harte
titleAuf der alten Fährte
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid13f875d4
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Der Wirt vom Big Flume-Hotel

Als die Postkutsche von Big Flume vor dem Big Flume-Gasthaus vorfuhr, begann ein Negerkellner die große Tischglocke zu schwingen. Er hielt dieses Instrument mit beiden Händen und suchte ihm durch kühne Drehungen und schwungvolle Armbewegungen den malerischen Reiz und den melodischen Klang zu verleihen, die ihm und seinem Zweck nicht von Natur innewohnten. Denn die so künstlerisch angekündigte Mahlzeit war nur das übliche Stationsmittagessen, das man im Big Flume-Hotel drei Viertelstunden in die Länge zog, um dem Postwagen von Sakramento Zeit zum Anschluß zu geben, obwohl das Mahl an sich selten einen Reisenden verlockt hätte, sich so lang in seinen Genuß zu vertiefen. Den üblichen Hunger zu stillen, genügte in der Regel eine halbe Stunde, und die übrigbleibenden Minuten wurden von den Reisenden dazu verwendet, die Erinnerung an das Genossene in Getränk zu ersäufen, durch Rauchen zu betäuben oder über einem hastigen Kartenspiel oder einer Partie Domino zu vergessen. Heute aber blieb ein verspäteter Reisender dem verlassenen Eßtisch länger getreu, sowie eine Dame, die erst nach Ankunft des Postwagens gekommen war und, durch eine Wildnis leerer Schüsseln von ihrem Tischgenossen getrennt, gleichfalls sitzen blieb. Als der Wirt das bemerkte, trat er, vielleicht gerührt über diese ungewohnte Anerkennung seiner Kochkunst, näher, um die beiden seiner persönlichen Aufmerksamkeit zu würdigen.

Er war indes ein Mann, dem gerade jene erhabenen Eigenschaften, die im Westen Amerikas die Fähigkeit, ein »Wirtshaus zu führen«, zur sprichwörtlichen Bezeichnung für höchste Überlegenheit gemacht haben, in wunderlichem Maß abgingen. Er hatte wenig oder gar keinen Neuerungstrieb, keine Findigkeit, keine Anmaßung, kein Talent für Reklame, keine Fortschrittlichkeit und keinen Sinn für modernen Schwindel. Ihm war die duldsame Gutmütigkeit des westlichen Pioniers eigen, der Wirbelstürme, Hungersnot, Überschwemmung, Blitzschlag und Pestilenz gelassen hinnimmt, und den das Mißgeschick, wenn nicht anregt, so doch auch nicht abschreckt. Schimpfreden, Klagen und Unzufriedenheit der hastigen, hungrigen Reisenden, sowie die Drohungen und Anordnungen der Postwagengesellschaft, ließ er über sich ergehen, wie er die Willkür törichter, ungerechter, aber übermächtiger Naturgewalten mit unerschütterlicher Ruhe ertragen hatte. Vielleicht lag darin seine Stärke. Das Publikum war genötigt, ihn und sein Gasthaus als einen Teil unzulänglicher Kultur hinzunehmen, und man ertrug seine Gemütsruhe sogar mit Humor. Wer es vorzog, sich mit ihm zu zanken, ging mit dem Gefühl, das Spielzeug eines großherzigen, väterlich fühlenden Bären gewesen zu sein, aus dem Kampf hervor, und man hatte den Eindruck, daß falls der Streit zu Tätlichkeiten geführt hätte, der große, langgliedrige Mann, der bei aller Schläfrigkeit viel Muskelkraft hatte, die Rolle des Bären auch körperlich in befriedigender Weise durchgeführt haben würde. Von seiner Lebensgeschichte war nur bekannt, daß er im Jahre 1852 aus Wiskonsin ausgewandert war, gelassen an der Stelle von »Big Flume«, die damals noch pfadlose Wildnis war, sein Ochsengespann abgeschirrt und bei Eröffnung einer neuen Poststraße nach den Minen ein kleines »Einkehrhaus« errichtet hatte, das sich mit der Zeit zu dem jetzigen »Gasthof« entwickelte. Außerdem wußte man, daß er in irgend einem Staat des Westens von seiner Frau Rosalie, der »Heideblume von Elkham Creek«, wegen Unverträglichkeit der Temperamente – über das ihrige war nichts bekannt! – geschieden worden war.

Solch ein Mensch war Abner Langworthy, der Wirt, der sich jetzt mit behäbiger Ruhe der Dame näherte, die dem Durchgang zwischen den Tischen den Rücken zukehrte. Gelegentlich stillstehend, um berufsmäßig Tischtücher zurechtzuziehen und Gläser zusammenzustellen, gelangte er endlich an ihre Seite.

»Wenn Sie sonst noch was wünschen sollten, Madame,« begann er, brach aber jählings ab, denn die Dame hatte beim Klang seiner Stimme aufgeblickt.

Es war seine geschiedene Frau, die er seit ihrer Trennung nicht wiedergesehen hatte. Das Erkennen erfolgte augenblicklich von beiden Seiten und brachte bezeichnenderweise keinen von beiden Teilen aus dem Gleichgewicht.

»Du liebe Zeit! Ist das eine Überraschung!« sagte die Dame, obwohl sie die Ausrufungszeichen nur der Form halber anbrachte. »Abner Langworthy! Doch vielleicht paßt sich's nicht, daß ich Abner sage ...«

»Ebenso geht mir's mit Rosalie, und ich sage es doch,« erwiderte er. »Nur noch einen Augenblick ...«

Er trat zu dem andern Gast, stellte die nämliche Frage nach etwaigen Wünschen, erhielt eine verneinende Antwort und ließ sich dann der Dame gegenüber schwerfällig auf einen Stuhl nieder.

»Siehst munter aus und – wohlgenährt,« hob er resigniert an, als ob er seine eigene Höflichkeit mit andern Schwierigkeiten seines Berufs in den Kauf nähme. »Wenn nicht,« setzte er vorsichtig hinzu, »eine neue Krankheit um den Weg ist.«

»Nein! Mir geht's ganz gut,« gab die Dame gelassen zurück, »und du kommst scheint's vorwärts hier, ist auch natürlich ... obwohl du immer nur Haut und Knochen bist, wie sonst auch.«

Keine Spur von Übelwollen lag in beider Bemerkungen, nur gelassene Anerkennung gewisser unliebsamer Tatsachen, woran beide gewöhnt zu sein schienen. Langworthy hielt inne, um mit der Serviette, die er herkömmlicherweise unterm Arm trug, einige Fliegen von der Butter wegzuscheuchen, dann fuhr er fort: »Es muß so etliche fünf Jahre sein, seit ich dich zuletzt gesehen habe, nicht? Damals beim Gericht, als du die Urteilsausfertigung erhieltest, wird's gewesen sein?«

»Ja, am 28. Juli 1851 war's. Ich hab' an dem Tag dem Advokaten seine Rechnung bezahlt, deshalb weiß ich's noch,« versetzte die Dame. »Das scheint ja ein großes Geschäft hier zu sein,« bemerkte sie, sich im Speisesaal umsehend. »Es wird schon was herauskommen dabei. Könnte nicht sagen, daß du für eine Wirtschaft paßtest – aber allerdings, es gibt blutwenig, wofür du je gepaßt hättest.«

»Freilich, so ist's,« erwiderte Herr Langworthy, auch diese unumstößliche Wahrheit durch ein Kopfnicken anerkennend. »Und du, denke ich mir, du bringst's auch zu was? Wohl inzwischen verheiratet?« fragte er mit einem leichten Versuch, diese Frage zartfühlend zu behandeln.

Sie nickte, ohne sein Zögern zu beachten.

»Ja ... wie lang ist's denn her? Drei Jahre und drei Tage! Konstantin Byers aus Milwaukee – kennst ihn schwerlich. Holzhändler – Stammholz ist seine Spezialität.«

»Und ... du bist mit ihm zufrieden?«

»Jawohl! Byers sorgt gut für einen und ist rührig. Und du? In dein Geschäft brauchst du doch eine Frau?«

Langworthys ernsthaftes, pflichtmäßiges Benehmen wich etwas lebhafterer Teilnahme.

»Ja ... daran hab' ich auch schon gedacht. In der Küche hab' ich eine junge Person, die nicht schlecht dazu taugen würde, mein' ich ... hab' mir aber noch nichts anmerken lassen. Du könntest sie dir wohl einmal ansehen, Rosalie ... ja so, Frau Byers müßte ich eigentlich sagen ... ihr ein wenig auf den Zahn fühlen und mir dann deine Ansicht sagen. Es sind immer noch sieben Minuten bis zum fahrplanmäßigen Abgang der Post und ... wenn du nichts mehr genießen willst« ... zartfühlend, wie es einem Wirt ansteht ... »und sonst nichts vorhast, so könntest du's als Zeitvertreib ansehen.«

So wunderlich es erscheinen mag, Frau Byers' frisches Gesicht zeigte bei dieser Zumutung einen freudig angeregten Ausdruck. Sie sprang lebhaft auf und begann den Staubmantel um ihre üppige Gestalt zu legen.

»Gern tu' ich dir den Gefallen, Abner,« versicherte sie, »und ich glaube auch nicht, daß es Byers wider den Strich ginge –,« sie bemerkte Langworthys Zurückschrecken bei dieser ihm ganz unerwarteten Erwähnung des Ehemanns und setzte vertraulich hinzu: »Und wenn's ihm nicht paßte, war mir's auch einerlei, denn wer soll denn wissen, was für eine Sorte Frau du brauchst, wenn nicht ich. Erst letzte Woche hab' ich das zu Byers gesagt ...«

»Zu Byers?« fragte Abner überrascht.

»Jawohl, zu ihm. Jetzt sind wir drei Jahre verheiratet, Konstantin,« hab' ich gesagt, »wenn ich jetzt nicht wüßte, was für eine Sorte Frau du brauchst und in Zukunft brauchen wirst, da käme wahrhaftig wenig heraus bei der Ehe.«

»Du warst immer so klug, Rosalie,« erklärte Abner mit nachträglicher Anerkennung.

»Ich war immer auf dem Posten,« erwiderte Rosalie mit einem Lächeln, das alle Grübchen auf ihren Wangen spielen ließ, das aber gleich wieder zu der für dieses Paar kennzeichnenden Resignation abgedämpft wurde. »Laß uns deine mutmaßliche Zukünftige einmal beschauen.«

So ermutigt, führte Langworthy Frau Byers durch die Halle, wo eine Menge Leute herumlungerten, in eine kleinere Halle, die an die Küche stieß. Diese war geräumig, aber durch die Tannen vor den Fenstern verdunkelt, die das in den schwachgelichteten Wald hineingestellte Haus an der Rückseite noch dicht umdrängten. Eine Anzahl männlicher und weiblicher Dienstboten, worunter ein Chinese und ein Neger, waren mit Geschirrwaschen und andern häuslichen Arbeiten beschäftigt, am Fenster stand ein blondes junges Mädchen, das eine Blechpfanne fegte und diese jetzt vors Gesicht hielt, um einen offenbar durch den Eintritt des Dienstherrn verursachten Heiterkeitsausbruch zu verbergen. Eine Fülle flockigen krausen Haars und ein Teil des weißen Arms blieben immerhin von diesem Schild unbedeckt, und Frau Byers schloß aus Langworthys Blicken, die ein leichter Stoß seines Ellbogens noch verdeutlichte, daß diese Schöne die in Frage stehende »Zukünftige« sei. Seine etwas undeutlich an die gesamte Dienerschaft gerichtete Erklärung, daß er »Frau ... hm ... Dusenberry nur das Haus zeigen wolle«, belehrte sie, daß er der jungen Person noch nichts von seiner früheren Ehe und deren Scheidung gesagt hatte. Während er sich sofort abwandte, gelang es Frau Byers, des jungen Mädchens, das mit einem Nachbar spaßhafte Bemerkungen austauschte, vollständiger ansichtig zu werden. Langworthy schwieg, bis er und der Gast wieder in dem jetzt ganz verlassenen Speisesaal angelangt waren.

»Nun?« fragte er mit einem raschen Blick nach der Uhr. »Was hältst du von Marie Ellen?«

Jedem gewöhnlichen Beobachter würde das in Frage stehende Mädchen höchst ungeeignet erschienen sein, den ihm zugedachten Posten auszufüllen, sowohl den Jahren als dem lauten, auffallenden Benehmen nach, das nicht auf Befähigung zur Wirtschaftsführung schließen ließ. Aber Frau Byers war eben kein gewöhnlicher Beobachter und ihr Zuhörer kein gewöhnlicher Wirt.

»Sie ist älter, als sie sich gibt,« begann Frau Byers tastend, »und das kälberhafte Gebaren paßt nicht mehr recht ...«

Langworthy nickte. Wenn Frau Byers in Marie Ellen mörderische Neigungen entdeckt hätte, würde er ebenso unbewegt geblieben sein.

»Hübsch ist sie eigentlich nicht,« fuhr Frau Byers überlegend fort, »aber ...«

»Ich habe nie viel nach Schönheit gefragt, Rosalie. Das weißt du doch!«

Frau Byers nahm die etwas zweideutige Bemerkung gelassen auf und kehrte zu ihrem Gegenstand zurück.

»Im ganzen glaube ich, daß du dir sie herziehen könntest,« entschied sie nachdenklich.

Langworthy nickte mit einer Duldermiene, die alles, was ihr Urteil und sein eigenes beeinflußt haben mochte, ergebungsvoll hinzunehmen schien.

»Ich wollte ein unbefangenes Urteil hören, Rosalie, und da traf sich's, daß du gerade des Wegs kamst. Kann ich dir noch irgend etwas mitgeben für die Reise?« fragte er, als eine Unruhe draußen und der Ruf: »Alles da?« die Abfahrt der Postkutsche verkündigte. »Eine Apfelsine oder Ingwerbrot. Es ist frisch gebacken.«

»Danke dir sehr, Abner, aber ich brauche wirklich nichts vor dem Nachtessen,« versetzte Frau Byers, indem sie auf die Veranda traten, vor der die Kutsche hielt.

Langworthy half ihr hinein.

»Wenn du wieder diesen Weg kommen solltest ...« Er stockte mit einer gewissen Zaghaftigkeit.

»So steige ich wieder hier ab, eher aber wird Byers kommen, der hier herum Geschäfte hat,« erwiderte Frau Byers fröhlich nickend, während sich der Wagen in Bewegung setzte.

Der Wirt des Big Flume-Hotels kehrte in sein Haus zurück, machte aber in den nächsten drei Wochen nicht im geringsten Miene, den Rat seiner einstigen Ehefrau zu befolgen. In seinem Verhältnis zu Marie Ellen machte sich nur die Duldsamkeit für Vergehen seiner Untergebenen – in Marie Ellens Fall sehr viel zerschlagenes Geschirr – bemerklich, die er aber auch sonst walten ließ; von wärmeren Gefühlen oder einem Verlangen nach vertraulicher Annäherung war nichts zu spüren. Die einzige Abweichung von seinen sonstigen Gewohnheiten bestand in einem Hang, bei Ankunft der Postkutsche auf der Veranda zu stehen und, so weit seine Obliegenheiten ihm Zeit ließen, die weiblichen Gäste an seinem Tisch scharf zu mustern. Das war vermutlich die Ursache, daß er die männlichen Gäste und ihre Eigentümlichkeiten gar nicht wahrnahm und ihnen keinen Anspruch auf persönliche Aufmerksamkeit zugestand. So ging es auch, als eines Tags ein rotbärtiger Mann in einem langen leinenen Staubrock ankam, der über und über mit dem roten Staub der Landstraße bedeckt war. Bis in die Augen hinein, die den Wirt scharf beobachteten, schien dieser rötliche Staub gedrungen zu sein.

Als Abner gegen Ende der Mahlzeit wie gewöhnlich mit seinem Negerkellner am Tisch herumging, um die Bezahlung einzukassieren, blickte der Fremde auf.

»Sie sind der Wirt?« fragte er.

»Ja, der bin ich.«

»Ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen reden.«

»Erst bezahlen, bitte,« versetzte Abner höflich, aber bestimmt, denn er hatte sich längst einen Spruch für diesen Fall zurechtmachen müssen, »nachher können Sie Ihre Klagen über das Essen vorbringen.«

Eine leichte Röte flog über das Gesicht des Fremden, und die rotunterlaufenen Augen wurden um einen Schatten dunkler, da Abner aber seine grauen fest und ernsthaft auf ihn gerichtet hielt, begnügte er sich in prahlerischer Weise eine Handvoll Gold und Silber aus der Tasche zu ziehen und sein Gedeck zu bezahlen. Abner waltete weiter seines Amtes, fand aber den Fremden nach Tisch in der Halle.

»Sie haben mich schlecht behandelt,« bemerkte der Mann in verdrießlichem Ton, »schadet aber nichts, denn was ich mit Ihnen zu reden habe, taugt ohnehin nicht an den Wirtstisch. Mein Name ist Byers – meine Frau gab mir zu verstehen, daß sie hier gewesen sei.«

Zum ersten Male hatte Abner das Gefühl, daß es doch eigentlich für einen andern ganz unstatthaft sei, Rosalie »seine Frau« zu nennen, obwohl ihm ja die Tatsache ihrer Wiederverheiratung vollständig klargemacht worden war. Er ertrug aber auch dies, wie er ein Erdbeben oder sonst ein Naturereignis ertragen haben würde, mit seinem gewohnten duldsamen Lächeln und reichte dem Gast die Hand.

Byers ergriff sie. Er war scheinbar besänftigt, innerlich aber noch mehr verstört als Abners Gäste in der Regel nach Tisch zu sein pflegten.

»Nehmen Sie einen Trunk mit mir?« fragte Abner, obwohl es ihm aufgefallen war, daß Byers schon vor dem Essen Wein getrunken hatte.

»Mit Vergnügen,« erwiderte Byers aufs bereitwilligste, setzte aber mit einem Blick auf das überfüllte Schenkzimmer hinzu: »Könnten wir nicht eine feuchte Ecke für uns allein haben?«

»Versteht sich. Dann müssen Sie aber warten, bis sie fort ist.«

Herr Byers schreckte leicht zusammen, aber es stellte sich heraus, daß in diesem Fall mit dem störenden weiblichen Element nur die Postkutsche gemeint war, die denn auch nach einiger echt weiblichen Trödelei glücklich abgefertigt wurde. Herr Langworthy trat dann sofort, gefolgt von einem Neger, der ein Brett mit einer Karaffe und zwei Gläsern trug, auf Byers zu, faßte ihn am Arm und führte ihn über eine schmale Galerie, die an der Tiefe des Hauses entlang lief, ins Freie, wo er nach wenigen Schritten mit seinem Gast im jungfräulichen Urwald untertauchte.

Es ist schon angedeutet worden, daß man den Raum für das Big Flume-Hotel spärlich dem Wald abgerungen hatte, aber auf eine derartige Wandlung der Szenerie war Byers, trotzdem er selbst Hinterwäldler war, nicht vorbereitet. Das Gasthaus mit seinem geräuschvollen Treiben und seiner protzigen Neuheit, das doch kaum ein Dutzend Schritte entfernt lag, war dem Auge wie dem Ohr so vollständig entrückt, als ob es vom Erdboden verschwunden wäre. Als die schmale Zone alten Blechgeschirrs, zerbrochenen Porzellans und dürrer Späne, die von den einst hier gefällten Bäumen herrührten, überschritten war, befanden sich die beiden Männer in der Einsamkeit. Sie nahmen die Karaffe von dem Brett, das der Neger am Fuß einer riesigen Tanne niedergesetzt hatte, füllten ihre Gläser und machten sich's dann zwischen den verästeten Wurzeln bequem. Der buschige Schweif eines Eichhörnchens verschwand hinter ihnen, das Picken des Waldspechtes, das aus weiter Ferne herüberdrang, machte die Stille und Weltverlorenheit vollends sinnfällig. Und dann war's, als ob wie mit einem Zauberschlag der dünne Firnis der Zivilisation von den beiden Männern abfiele, wie die Borke von den Bäumen um sie her, und sie streckten sich in ursprünglichster Unbefangenheit nebeneinander aus. Byers zog den lästigen Staubmantel und den Rock aus, Langworthy entledigte sich der Jacke von fraglichem Weiß, des Hemdkragens und sogar eines Hosenträgers, womit er zu spielen begann.

»Dürfte zwischen großdenkenden Männern, die in der Einsamkeit gelebt haben,« begann Byers mit einer so übernatürlichen Feierlichkeit, daß man sie nur dem Alkohol zuschreiben konnte, »nicht eine offene Frage erlaubt sein? In welcher Weise hat sich Frau Byers' Temperament früher gezeigt?«

»Ihr Temperament ...« wiederholte Abner geistesabwesend.

»Ja ... ich meine natürlich damals, als Sie mit ihr zusammenlebten. Sie wurden ja doch wegen Unverträglichkeit der Temperamente geschieden!«

»Sie hat sich ja scheiden lassen, also muß ich wohl das unverträgliche Temperament gehabt haben,« sagte Langworthy voll Einfalt.

»W–as?« rief Byers, sein Glas absetzend und mit trunkener Wichtigtuerei dem trübseligen, gutmütigen, duldsamen Mann an seiner Seite in die Augen blickend. »Sie? Sie wären unverträglich?«

»Ja, so wird's der Gerichtshof wohl angesehen haben,« versetzte Abner gelassen.

Byers starrte betroffen drein, nach kurzer Überlegung nickte er indes vielsagend und schien sich innerlich erleichtert zu fühlen.

»Ja, ja, kann mir's denken ... wenn Sie sich gerade ein wenig stark eingeheizt hatten mit dem Kornsäftchen da« – er hob sein Glas – »gab's manchmal eine Kesselexplosion?«

Abner schüttelte nur den Kopf.

»Ich war damals strenger Abstinenzler,« bemerkte er ruhig.

Byers rappelte sich auf und blickte, auf unsichern Beinen stehend, um sich.

»Wie haben Sie denn in der Regel Ihrem Temperament die Zügel schießen lassen?« fragte er flüsternd mit rauher Stimme.

»Ich weiß es selbst nicht ... vielleicht lag darin gerade die Unverträglichkeit.«

»Und wenn sie Ihnen Teller an den Kopf schmiß, was pflegten Sie dann zu tun?«

»Das hat sie nie getan! Hat sie gesagt, sie habe mir Teller an den Kopf geschmissen?«

»Nein, nein!« versicherte Byers, dunkelrot vor Verlegenheit. »Es ist mir ein andrer Fall in den Sinn gekommen, ich hab's verwechselt –,« er machte eine großartige Handbewegung, als ob er den Gesprächsgegenstand von sich wiese. »Jedenfalls sind Sie aber ganz auseinander, Sie und meine Frau?« setzte er mit schlecht verhehlter Besorgnis hinzu.

»Soviel ich weiß. Wir haben ja das Scheidungsurteil,« erwiderte Abner mit seiner gewohnten Unterordnung unter die Macht der Tatsachen.

»Meine Frau hat ein Wort fallen lassen, daß Sie an Wiederverheiratung dächten ... wie steht's damit?«

»Noch auf dem alten Fleck,« versetzte Abner. »Ich habe noch keinen Schritt vorwärts getan. Sehen Sie, ich muß ja dem Mädchen natürlich sagen, daß ich geschieden worden bin, und da die Sache hier in der Gegend nicht bekannt ist, möchte ich nicht damit herausrücken, eh' ich weiß, ob mich das Mädel will. Dann muß es ja gesagt werden.«

»Warum muß es denn sein?« fragte Byers.

»Weil's sonst unehrlich wäre gegen das Mädel,« sagte Abner. »Wenn Ihnen Frau Byers nicht gesagt hätte, daß sie meine Frau war, wie würde Ihnen das passen? Und ich setz' den Fall, Sie wären ein geschiedener Mann gewesen und hätten's ihr nicht gesagt, was dann? Nun ja!« fuhr er fort, sich ergebungsvoll wieder an den Baumstamm zurücklehnend. »Ich will nichts gesagt haben, aber scheiden ließe sie sich zum zweiten Male, und zwar von Ihnen – auf der Stelle, darauf können Sie Gift nehmen!«

»Ich kann nur sagen, daß ...« rief Byers aufgeregt mit erhobener Stimme, brach aber plötzlich ab und wollte sein Glas frisch füllen, als Abner ihm die Hand auf den ausgestreckten Arm legte.

»Sie haben jetzt so viel im Leib, als Sie für den Augenblick führen können, Byers, und mehr darf mir im Big Flume-Hotel keiner trinken. Gastfreundschaft in allen Ehren, und aufs Getränk käme mir's nicht an. Wenn wir draußen in der Prärie wären, könnten Sie durch die Gurgel jagen, was Ihnen beliebt; ich würde Sie nachher einfach in Ihren Teppich wickeln. Aber hier hat die Postgesellschaft und haben die Frauen und Kinder, die mitfahren, auch ihr Recht. Und« – er machte eine kleine Pause, ehe er hinzusetzte: »ich schätze wohl, Frau Byers desgleichen. Wenigstens sollen Sie aus meinem Haus nicht besoffen heimkommen, 's ist hart für Sie und mich, das begreif' ich, aber wir müssen ja in dieser Welt viel harte Bissen hinunterwürgen, und soviel ich bis jetzt gesehen habe, ist das Leben überhaupt kein Pläsier.«

Ob es nun die gutmütige, aber unerschütterliche Bestimmtheit, oder die entsagungsvolle Lebensweisheit Abners war, kurz etwas in des Sprechers Wesen erregte Herrn Byers' alkoholische Empfänglichkeit und beschleunigte den Abstieg vom leidenschaftlichen Stadium der Betrunkenheit zum trunkenen Elend, in welches Stadium er jetzt geriet. Die Glut in seinen geröteten Augen wurde trüb und nebelhaft, und Feuchtigkeit steckte ihm auch in der Kehle, als er Abners Hand mit rührseliger Inbrunst drückte.

»Darin erkenne ich den wahren Freund!« sagte er mit dumpfer Stimme. »Wie Sie für mich und meine Frau besorgt sind! Ich sage nur: was Frau Byers auch gewesen sein mag – selbst wenn sie Ihre Frau war – sie war – eine edle Frau! Solch eine Frau,« versicherte Byers, leeren Blicks ins Weite starrend, »kann gar nicht Männer genug haben.«

»Jetzt setzen Sie sich nur noch ein Weilchen und rauchen Sie in Ruhe Ihre Pfeife,« erwiderte Abner, ihm den gefüllten Tabaksbeutel aufdrängend. »Ich muß dem Metzger meine Bestellungen machen, werde aber im Nu wieder hier sein.«

Er versicherte sich bei diesen Worten der Schnapsflasche, und entzog sich durch eilige Flucht einer Neigung des Gefährten, ihm um den Hals zu fallen. Mit ein paar gewaltigen Schritten war er wieder in seinem Gasthof, während Byers taumelnd an den Baumstamm zurücksank und vergebliche Anstrengungen machte, seine leere Pfeife zu stopfen.

Ob Abners Beratung mit dem Metzger nur ein Vorwand gewesen war, die Schnapsflasche außer Schußweite zu bringen, weiß ich nicht zu sagen, jedenfalls erledigte er seine Geschäfte sehr rasch und kam alsbald in die Wildnis zurück, wo er aber zu seiner Überraschung Herrn Byers nicht mehr vorfand. Er durchstreifte die nächste Umgebung, ohne ihn zu entdecken, ohne Antwort auf sein Rufen zu erhalten. Er war mehr verdrießlich als beunruhigt, da er es für wahrscheinlich hielt, daß der Vermißte seinen Rausch in irgend einem versteckten Dickicht ausschlafe, und ging ins Haus zurück, wobei ihm plötzlich einfiel, Byers könne auch im Schankzimmer weiteres Getränk gesucht haben. Zu seiner abermaligen Überraschung berichtete indes der Schankkellner unaufgefordert, er habe Herrn Byers eilig über die Seitenveranda nach der Landstraße gehen sehen, und diese Aussage wurde eine Stunde später durch einen Fuhrmann bestätigt, der einen Mann von Byers' Aussehen »mehr als halb besoffen« zwei Meilen vom Haus hastig die Landstraße entlang hatte stolpern sehen. Ohne Zweifel hatte der Vermißte also das Weite gesucht, sei es aus Groll gegen den Gastfreund, sei es in einer Anwandlung verzweifelten Dursts. Die eine dieser Möglichkeiten war für Abners seltsames Verantwortlichkeitsgefühl Frau Byers gegenüber so peinlich wie die andre, aber er ertrug sie mit gewohnter ergebungsvoller Ruhe.

Was dieser Besuch des Herrn Byers mit der aufgeschobenen Liebeswerbung um Marie Ellen zu schaffen hatte, und wie Abner dadurch zu einem Entschluß angespornt werden konnte, wäre schwer zu ergründen gewesen. Abners Logik war eben ganz eigenartig und so kam er zu dem Schluß, daß er sofort handeln müsse. Die Sache war nicht leicht; denn er hatte dem Mädchen bisher nie Aufmerksamkeit geschenkt, und ihre Obliegenheit, nämlich die Besorgung der paar Schlafzimmer, die für vorübergehende Gäste vorhanden waren, brachten ihn selten in Berührung mit ihr. Eine Unterredung mußte doch durch einen geschäftlichen Vorwand herbeigeführt werden, und das widerstrebte wieder seinem zartfühlenden Wahrheitsbedürfnis. Während er mit diesem Entschluß rang, begnügte er sich ein paar Tage lang damit, das Mädchen, so oft er in ihre Nähe kam, in gewohnter Sanftmut ernsthaft anzusehen. Unglücklicherweise war die erste Wirkung dieses Blicks, daß Marie Ellen kicherte, später aber verriet sie einige Verwirrung und Angst in ihrem Wesen, und schließlich ertrug sie seine Blicke mit einem trotzigen Ausdruck gekränkter Würde.

Das entsprach seinen Erwartungen so wenig, daß er sich genötigt sah, die Sache zu überstürzen. Der nächste Tag war ein Sonntag, und an Sonntagen war seinen Angestellten abwechselnd vergönnt, zur Erholung nach der acht Meilen entfernten Stadt zu fahren, um die Kirche zu besuchen oder sich sonst einen guten Tag zu machen. An diesem Sonntagmorgen vernahm Marie Ellen mit Erstaunen, daß sie einen Extrafeiertag in Gesellschaft ihres Herrn haben solle. Es muß zugegeben werden, daß das Mädchen, das sich schon niedlich herausgeputzt hatte, um die städtische Jugend zu berücken, diese Aussicht nicht mit dem Entzücken begrüßte, das ein anspruchsvollerer Liebhaber erwartet haben würde. Wie dem auch sein mochte, der Omnibus mit dem übrigen Personal rollte davon, und Abner, der die ungewohnte Verkleidung eines schwarzen Anzugs angelegt hatte, bot sofort der jungen Dame feierlich den Arm und führte sie über die Seitenveranda an dem schon erwähnten Trümmerfeld vorüber in die nahe Wildnis unter den nämlichen Baum, wo er mit Byers gesessen hatte.

»Der Platz ist ebenso gut zum Plaudern,« sagte er, auf die Baumwurzeln deutend, »als wenn wir einen entlegeneren suchten, Fräulein Budd, und wir sind dafür hübsch nah beim Haus. Möchten Sie mir nicht sagen, was für eine Erfrischung Sie wünschen? Das Büfett steht Ihnen zu Diensten, und ich werde das Gewünschte sofort holen.«

Allein Marie Ellen faßte ihre Röcke zierlich zusammen, ließ sich auf einer Baumwurzel nieder, legte ihren weißen Spitzensonnenschirm über die Kniee und erklärte, mit Kopfschütteln unter den flockigen Stirnlöckchen und hellen Augenwimpern hervor nach ihrem törichten Brotherrn aufblinzelnd, daß sie augenblicklich keinerlei Gelüste habe.

»Ich habe mir's überlegt, Fräulein Budd,« hob Abner mit Überwindung an, »daß wenn zwei Leute wie Sie und ich beieinander sind, um etwas zu besprechen, das vielleicht dazu führen könnte, daß sie beisammen bleiben, sie einander vertrauensvoll sagen sollten, ob Derartiges in ihrem Leben schon vorgekommen ist.«

»Wenn eine von den schleichenden, heimtückischen, herzlosen Kröten in der Küche Ihnen etwa einen Floh ins Ohr gesetzt oder Ihnen Geschichten zugetragen hat,« brach Marie Ellen los, ihre zweiunddreißig weißen Zähne aufeinander beißend, daß es knackte, »nun, dann hätten Sie mir's einfach sagen können, ohne mir meinen Sonntag zu verhunzen! Und wenn Sie mich nicht mehr behalten wollen, so brauchen Sie mir nur meinen Lohn bis auf den heutigen Tag zu bezahlen ...« Sie brach ab, denn der Ausdruck von Verblüffung auf Abners Gesicht war so deutlich, daß er jedes Mißverständnis ausschloß.

»Kein Mensch hat Sie verleumdet, Fräulein Budd,« sagte er langsam, auch diesen heimtückischen Schicksalsschlag mit Fassung hinnehmend. »Ich sprach gar nicht von Ihnen, sondern von mir, und wollte mir nur erlauben zu sagen, daß ich verheiratet war und geschieden bin.«

Marie Ellen starrte ihn an, und weil dabei eine leichte Röte ihr bräunliches Gesicht überflog, beeilte er, sich zartfühlend hinzuzusetzen: »Nicht wegen Untreue, Fräulein Budd – nicht weil ich schlechte Streiche gemacht hätte – nur wegen Unverträglichkeit der Temperamente.«

»Temperament? Ihr Temperament?« stammelte Marie Ellen.

»Ja«, bekannte Abner.

Eine Verwandlung ging auf Marie Ellens Gesicht vor sich, und das Mädchen brach in ein kreischendes Gelächter aus. Sie lachte und klatschte dabei mit beiden Händen auf ihre Röcke, sie lachte und faßte mit den Händen nach ihrer schmächtigen Taille, lachte, den Kopf auf die Kniee beugend, daß ihr flockiges Haar über die Stirne hereinfiel. Abner fühlte sich erleichtert, zerbrach sich aber doch den Kopf darüber, weshalb die Enthüllung seiner Unverträglichkeit sowohl bei Byers, als bei Marie Ellen aus solchen Unglauben stieß. Vielleicht daß dieses Rätsel ihm später einmal gelöst werden würde; augenblicklich mußte man es eben in den Kauf nehmen und tragen.

»Ihr Temperament!« kicherte Marie Ellen. »Alle Heiligen stehen mir bei! Was für eins haben Sie denn?«

»Nun, ich denke mir,« versetzte Abner ergebungsvoll und suchte nach einem Wort, um die Sache klar zu legen, »ich denke mir, es muß eben ein – unverträgliches sein – eins, das andre aufregt.«

Marie Ellen atmete in sprachlosem Unglauben schwer durch die Nase, dann sagte sie, ihre Kniee mit den Händen umschlingend und sich vorwärts beugend: »Hören Sie einmal! Wenn diese alte Schachtel je erfahren hätte, was für ein Temperament ein Mann überhaupt haben kann, wenn sie an einen Mann geschmiedet gewesen wäre, der einen behandelt, wie eine Sklavin, bis man seine eigene Seele nicht mehr sein zu nennen wagt, der sie mit Augen und Zunge mißhandelt hätte, wenn nichts andres zur Hand war, der ihr das Leben zum Ekel gemacht, wenn er nüchtern, und zur Hölle, wenn er betrunken gewesen wäre, der sie aus dem Haus geworfen und dann auf böswillige Verlassung geklagt hätte – dann, ja, dann könnte sie ihren Mund brauchen. Aber Unverträglichkeit der Temperamente – mit Ihnen! Gehen Sie mir doch weg! Das macht mir übel!«

Wie weit Abner die Wahrheit dieses Ausspruchs begriff, wie weit sie seine nächste Frage veranlagte, kann nur er allein wissen. Kurz, er sagte rasch: »Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie meine Frau werden wollen, trotzdem, daß ich ein geschiedener Mann bin?«

Wieder wandelte sich Marie Ellens Ausdruck; der ihrem Geschlecht eigene Trieb zur Verstellung regte sich.

»Sprachen Sie nicht von Erfrischungen?« fragte sie arglistig. »Vielleicht hätten Sie die Güte, mir eine Brauselimonade zu holen?«

Abner stand sofort auf – möglicherweise kam ihm der Aufschub ganz gelegen – und schickte sich an, das Gewünschte zu holen. Als er die Seitenveranda entlang ging, kamen ihm Byers und dessen geheimnisvolle Flucht in den Sinn und ein wildes Gelüste, desgleichen zu tun, tauchte einen Augenblick in ihm auf. Aber es war zu spät – er hatte gesprochen, und er hatte ja keine Frau, zu der er hätte flüchten können, während der empörte oder dürstende Byers – die seinige hatte. Das Schicksal war hart. Doch er kam mit der Flasche Brauselimonade und ergebener Gemütsverfassung zurück. Als Marie Ellen sah, daß er für sich nichts mitgebracht hatte, bestand sie darauf, daß er den Trunk mit ihr teile, und hielt ihm das Glas kokett an die Lippen, wozu Abner wieder ergebungsvoll lächelte.

Als ob das schäumende ungezogene Sodawasser die Geister des Übermutes bei ihr entfesselt hätte, legte sie den Kopf auf die Seite, daß er möglichst viel von ihrem blonden Haar zu sehen bekam, und sagte: »Wissen Sie auch, daß die Offenheit, womit Sie mir von Ihrer Vergangenheit sprechen, mir Lust macht, Ihnen auch von der meinigen zu erzählen?«

»Tun Sie das nicht!« fiel Abner rasch ein.

» Nicht?« fragte sie wie ein Echo.

»Tun Sie's nicht,« wiederholte Abner, »denn mir liegt gar nichts daran. Ich mußte offen sein, denn möglicherweise hätten Sie sich daran stoßen können, daß ich geschieden bin, aber was Sie mir auch von sich sagen könnten, würde meine Absicht nicht ändern. Ich halte fest am eben Gesagten.«

»Aber,« entgegnete Fräulein Budd mit halb ernstlicher, halb gemachter Drohung, »wenn ich Ihnen nun etwas zu sagen hätte, was mit meiner Antwort zusammenhinge?«

»Das ist nicht möglich, und drum möcht' ich bitten, daß Sie's lieber bleiben lassen.«

»Das,« bemerkte die junge Dame arglistig, indem sie ihm neckisch mit dem Finger drohte, »ist also Ihr Temperament!«

»Kann sein,« sagte Abner plötzlich mit einem wunderlichen Gefühl der Erleichterung.

Es wurde nun gleichwohl verabredet, daß Fräulein Budd nach Sacramento gehen solle, wo sie Freunde hatte, daß Abner ihr dorthin folgen werde, um die Verlobung zu veröffentlichen, und daß sie erst als seine Frau ins Hotel zurückkehren werde. Der Vertrag wurde besiegelt durch einen freundschaftlichen Kuß Marie Ellens, den Abner gottergeben erwiderte, wobei beiden zu gleicher Zeit einfiel, daß sie jetzt ebenso gut wieder an ihre Arbeit gehen könnten, was denn auch geschah. Fräulein Budds »Ausgang« an diesem Sonntag hatte nicht länger als eine halbe Stunde gedauert.

Eine Woche verstrich. Fräulein Budd war in Sacramento, und der Inhaber des Big Flume-Hotels stand wie üblich während des Essens unter der Saaltüre auf seinem Posten, als ihm der Kellner einen Zettel einhändigte. Es stand nur eine einzige in Bleistift hingekritzelte Zeile darauf: »Kommen Sie hinters Haus, wo wir uns neulich sprachen. Es handelt sich um sie. C. Byers.«

»Es handelt sich um sie.«

Abners Blicke überflogen den Speisesaal: nein, Frau Byers war nicht hier! Er ging in die Halle hinaus und auf die Veranda; nein, auch hier war sie nicht. Hastig begab er sich an den zum Stelldichein bestimmten Ort, die Wildnis hinterm Haus, und richtig stolperte ihm Byers, betrunken und weinerlich, eine Baumwurzel als Stütze umklammernd, ein paar Schritte entgegen, schlang die Arme um ihn und flüsterte mit heiserer Stimme: »Sie ist fort!«

»Fort?« wiederholte Abner, der ganz blaß geworden war. »Ihre Frau? Wohin?«

»Davongelaufen! Auf Nimmerwiedersehen! Fort!«

Ein Gefühl, das seit Byers' Besuch dunkel in Abner geschlummert hatte, nahm nun fürchterliche Gestalt an, und ehe der unglückliche Byers zur Besinnung kommen konnte, fühlte er sich mit Riesenkräften umspannt und gegen den Baum gepreßt.

»Elender!« rief das Einzige, was noch an den gelassenen Abner erinnerte, die gleichmäßige Stimme. »Hund! Haben Sie's gewagt, ihr zu nahe zu treten? Ihre schmutzige Hand gegen sie zu erheben, sie zu schlagen? Stehen Sie mir Rede!«

Der Schreck, die Umklammerung, vielleicht auch Abners Worte beraubten Byers einen Augenblick der Sprache.

»Ob ich sie geschlagen habe?« sagte er dann dumpf. »Ob ich sie mißhandelt habe? O ja!« erklang es mit tiefer Ironie. »Gewiß! Versteht sich! Da sehen Sie einmal her –« er streifte den Ärmel an dem haarigen Arm hinauf, in dessen Mitte eine blaue Narbe sichtbar wurde – »da hat ihre Schere hereingepickt, 's ist so drei Monate her, und sehen Sie –« er neigte den Kopf, daß ein Schmiß längs der Haarwurzeln sichtbar wurde – »das war eine kleine Neckerei mit der Feuerschaufel! Sehen Sie her –« er riß den Kragen auf und entblößte seinen kreuz und quer mit Pflasterstreifen beklebten Hals und Wangenansatz – »das ist alles, was von einem Glas Eingemachtem übrig blieb! Das Eingemachte ist zum Teufel, aber einige Glassplitter habe ich zum Andenken! Das geschah, als sie hörte, daß ich geschieden gewesen war, und ihr's nicht gesagt hatte.«

»Ja war denn dem so?« fragte Abner, nach Luft ringend.

»Sie wissen's recht wohl,« warf Byers verächtlich hin, »oder wollen Sie etwa behaupten, sie hätt's Ihnen nicht gesagt?«

»Sie ...?« wiederholte Abner unsicher. »Ihre Frau ... Sie sagen ja selbst, daß sie's nicht gewußt habe.«

»Meine Frau von ehedem, mein' ich, die Marie Ellen – Ihre Zukünftige,« versetzte Byers höhnisch. »Stellen Sie sich doch nicht so! Behaupten, es nicht zu wissen! Hat sich was! Lassen Sie mich los! Hand weg, Mann! Man schlägt keinen, der so schon am Boden liegt!«

Die Hand, die Byers' Schultern umspannt hielt, gab nach, und dieser torkelte in halb sitzende Stellung gegen den Baum zurück. Dabei überkam ihn das Gefühl, daß zu seinen mannigfaltigen Schmerzen noch ein neues Elend gekommen sei, und er ließ seinen Tränen freien Lauf.

»Marie Ellen – war – war – Ihre erste Frau?« wiederholte Abner ganz benommen.

»Ja,« knurrte Byers mit tränenerstickter Stimme. »Meine erste Frau – von Ihrer ersten zu Ihrer zweiten ausgesucht und für passend erfunden – der Teufel werde klug aus dem Wirrsal! – Wie habe ich das wissen können?« rief er plötzlich kreischend in wilder Anklage. »Das soll mir einer sagen! Da komme ich her, um mit Ihnen zu reden, wie ein Freund, Mann zu Mann, ahnungslos, unschuldig wie ein Kindlein – über meine zweite Frau! Der Freund läuft davon, nimmt den Schnaps mit. Dann höre ich mit einemmal Marie Ellens Stimme in der Küche zwitschern, sachte schleiche ich mich hin und sehe Marie Ellen, die einst meine Frau war, an des Freunds Küchenfenster stehen. Ich mache mich spornstreichs auf und davon, komme heim und erzähle meinem Weib alles ehrlich und offen. Wer ist schuld daran? Wer hat gesagt, man müsse seiner Frau alles sagen? Sie! Wer stellt andrer Männer erste Frauen ans Küchenfenster, daß man erschrickt und beichtet? Sie!«

Aber mit Abner Langworthys Gesicht war schon eine Veränderung vor sich gegangen. Zorn, Ängstlichkeit, Staunen und Verblüffung waren verschwunden, und mit seiner gewohnten Ergebung ins Unvermeidliche blickte er auf, als er sagte: »Es wird schon so sein! Und da es so ist,« setzte er mit gutmütiger Duldsamkeit hinzu, »so kann ich, schätz' wohl, von meinen Grundsätzen abgehen und Ihnen noch etwas zu trinken geben!«

Er gestattete dem Gast noch einen Trunk, dann noch einen und brachte den doppelt verwitweten Byers schließlich in seiner eigenen Stube zu Bett. Das waren ja nur Kleinigkeiten, die größeren Störungen vorangingen, und Abner war sich instinktiv bewußt, daß sein Leidenskelch noch nicht voll war. Der fehlende Tropfen Bitterkeit stellte sich prompt in ein paar Tagen ein, und zwar in Gestalt eines Briefchens von Marie Ellen.

»Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß zwischen mir und Ihnen alles aus ist, und Sie können Ihrer Einstigen sagen, daß ihre Wahl einer zweiten für Sie ungefähr ebenso schlecht ausgefallen sei, wie Ihre eigene erste. Sie können auch Herrn Byers sagen, Ihrem dicken Freund, von dem Sie nie merken ließen, daß Sie ihn kennen, daß wenn ich wieder einen Mann haben will, er sich nicht zu bemühen brauche, mir einen zu angeln. Es wäre sehr freundlich von ihm – bringt einen aber nur in Ungelegenheiten.«

Abner hörte nie mehr etwas von Marie Ellen.

Byers wurde gebührenderweise in Kenntnis gesetzt, daß Frau Byers in einem andern Staat, wo die Verheimlichung einer früheren Scheidung die Ehe ungültig machte, den Scheidungsprozeß eingeleitet habe, worauf er keine Antwort gab.

Die beiden Männer wurden von Stund an innige Freunde und geschworene Ehefeinde, doch sprachen sie immer verehrungsvoll von ihrer »Frau« mit dem rührenden besitzanzeigenden Fürwort »unsre«.

»Sie war eine gute Frau, Schicksalsgenosse« sagte Byers.

»Und sie verstand uns,« bemerkte Abner entsagungsvoll.

Vielleicht hatte er recht.

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