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Auf der alten Fährte

Bret Harte: Auf der alten Fährte - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorBret Harte
titleAuf der alten Fährte
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1906
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid13f875d4
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Oberst Starbottles Plaidoyer

Es war ein Tag des Triumphs für Oberst Starbottle gewesen. In erster Linie für seine Persönlichkeit, denn es wäre ja schwierig gewesen, die Individualität des Obersten von seinen beruflichen Fähigkeiten zu trennen, in zweiter für seine rednerische Geschicklichkeit als sympathieerweckender Verteidiger und in dritter für seine Tätigkeit als berühmter Rechtsanwalt und Vertreter der Eurekabewässerungsgesellschaft contra den Staat Kalifornien. Über die Gesetzmäßigkeit seines Verfahrens will ich lieber schweigen. Es gab Leute, die sie bestritten, obwohl die Geschworenen sie unter der Ägide des halb belustigten, halb höhnischen obersten Richters hatten gelten lassen.

Eine Stunde lang hatten sie ja mit dem Oberst gelacht und hatten mit ihm geweint, waren durch seine leidenschaftliche und schwungvolle Rede jenachdem zu persönlicher Entrüstung oder patriotischer Begeisterung hingerissen worden – wie hätten sie also anders handeln können, als ihm zuzustimmen? Wenn auch der eine oder andre behauptete, der amerikanische Adler, Thomas Jefferson und die Beschlüsse von 98 hätten nicht das Geringste mit der Bestreitung eines unklar abgefaßten Vertrags durch eine Bewässerungsgesellschaft zu schaffen, und wohlfeile Verunglimpfung des Staatsanwalts und seiner politischen Gesinnungen passe durchaus nicht in die vorliegende Rechtsfrage – man war nichtsdestoweniger allgemein überzeugt, daß die unterliegende Partei den Oberst nur gar zu gern auf ihrer Seite gehabt hätte. Dessen war sich Starbottle auch wohl bewußt, als er in Schweiß gebadet, mit rotem Kopf und keuchendem Atem die untern Knöpfe seines blauen Gehrocks, die er in der Hitze des Gefechts aufgerissen hatte, wieder schloß, die altmodische fleckenlose Hemdkrause darüber zurechtrückte und von Beifall rufenden, die Hände ausstreckenden Freunden umringt aus dem Sitzungssaal hinausstolzierte.

Jetzt aber geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Der Oberst lehnte jede alkoholische Erfrischung in der benachbarten Palmettoweinstube unbedingt ab und erklärte aufs entschiedenste, daß er sofort in sein unweit gelegenes Bureau zurückkehren müsse. Nichtsdestoweniger verließ er das Gerichtsgebäude unbegleitet, allem Anschein nach auch unbewaffnet, bis auf den treuen Stock mit dem goldenen Knopf, den er wie immer am Vorderarm hängen hatte. Die Menge sah ihm mit unverhohlener Bewunderung bei dieser neuen Kundgebung seines Mutes nach. Man erinnerte sich jetzt, daß ihm gegen den Schluß seiner Verteidigungsrede ein geheimnisvolles Briefchen zugesteckt worden war – jedenfalls eine Forderung des Staatsanwalts, und jeder war überzeugt, daß der Oberst, der eine scharfe Klinge führte, nach Hause eilte, um sie zu beantworten.

Darin täuschte man sich indes. Das Briefchen rührte von weiblicher Hand her und enthielt nichts, als die Bitte um eine Unterredung unmittelbar nach Schluß der Verhandlung. Darin aber erblickte der Oberst, der dem schönen Geschlecht mindestens ebenso ergeben war als den Gesetzen der Ehre, eine dringende Verpflichtung.

In der Nähe des Bureaus angelangt, rückte er die schwarze Halsbinde unter dem Byronkragen zurecht und klatschte mit dem Taschentuch den Staub von seinen tadellos weißen Beinkleidern und Lackschuhen ab. Zu seiner Überraschung fand er, als er die Tür seines Privatzimmers öffnete, die Besucherin schon vor, und er war einigermaßen verblüfft, eine einfach gekleidete Frau in mehr als mittleren Jahren zu erblicken. Allein der Oberst war in den Traditionen südländischer Höflichkeit aufgewachsen, die heute in der Republik schon für veraltet gilt, und seine Verbeugung stimmte mit dem Stil seiner Hemdenkrause und seiner Strippenhosen überein. Nichts in seinem Benehmen verriet, daß er eine Enttäuschung erfahren hatte, höchstens waren seine Sätze etwas kurz und abgerissen. Allein der Oberst neigte im Privatgespräch zu einem fragmentarischen Stil, der einen starken Gegensatz zu seinem Wortschwall im öffentlichen Leben bildete.

»Bitte tausendmal um Entschuldigung ... hm ... daß ich eine Dame habe warten lassen ... Hm! Doch ... Glückwünsche von Freunden ... hm ... Rücksichten, die man ihnen schuldig ist ... hm ... hielten mich auf ... hm ... Aufschub soll ja ... hm ... übrigens ... hm ... Vergnügen erhöhen!«

Der Oberst ergänzte seinen Satz durch eine huldigende Bewegung der fetten, weißen, wohlgepflegten Hand.

»Ja, eben der Rede wegen kam ich zu Ihnen. Ich war in der Verhandlung, und als ich sah, wie Sie diese Geschworenen herumkriegten, sagte ich mir, das ist die Sorte Anwalt, die ich brauche: ein Mann, der blumenreich und überzeugend redet – gerade der richtige für unsern Fall!«

»Ach so! Eine geschäftliche Angelegenheit!« sagte der Oberst äußerlich gleichmütig, innerlich aber sehr erleichtert. »Und ... hm ... darf ich fragen, um was es sich handelt?«

»Um Bruch eines Eheversprechens,« erwiderte die Besucherin mit Seelenruhe.

Wenn der Oberst anfangs überrascht gewesen war, so war er nun merklich betroffen und obendrein so entsetzt, daß er all seine Höflichkeit aufbieten mußte, um diesen Eindruck zu verbergen. Rechtsstreite über Eheversprechen waren ihm nämlich ein Greuel. Er hatte von jeher etwas höchst Überflüssiges darin erblickt, was leicht vermieden werden könnte, indem man dem männlichen Teil einfach den Garaus machte, in welchem Fall er dann die Mörderin mit Vergnügen verteidigt haben würde. Aber auf Schadenersatz klagen – Schadenersatz! – ein Prozeß, wobei vor belustigten Richtern und Geschworenen Liebesbriefe verlesen werden, das ging ihm wider die Natur. Es verletzte seine ritterlichen Gefühle, zumal als der Humor bei ihm schwach entwickelt war, so schwach, daß er im Verlauf seiner Tätigkeit etliche wichtige Fälle durch unvorhergesehene Entfaltung von Humor auf Seite der Geschworenen verloren hatte. Die Frau bemerkte offenbar seine Bestürzung, täuschte sich aber über deren Ursache.

»Es handelt sich nicht um mich – um meine Tochter.«

Der Oberst gewann seine Höflichkeit wieder.

»Ach so! Das zu hören, ist mir wirklich eine Erleichterung, verehrte Frau! Ich hätte mir kaum eine Vorstellung machen können von einem Mann, der ... hm, hm, ... unklug genug wäre, ein solches Glück von sich zu stoßen ... hm, hm ... oder niedrig genug, das Vertrauen gereifter Weiblichkeit zu täuschen, die ... hm, hm ... sicher bisher nur Ritterlichkeit von unserm Geschlecht erfahren hat!«

Die Frau lächelte.

»Ja, es ist meine Tochter, Zaidee Hooker – Sie könnten daher Ihre hübschen Redensarten für sie aufsparen und für die Geschworenen.«

Der Oberst zuckte bei dieser zweifelhaften Aussicht leicht zusammen, versetzte indes lächelnd: »Ja freilich ... die Geschworenen! Aber ... hm ... müssen wir denn so weit gehen, verehrte Frau? Kann die Sache nicht ... hm ... außergerichtlich beigelegt werden? Könnte das Individuum ... hm ... nicht durch irgend einen Verwandten oder sogar einen geschätzten persönlichen Freund zur Rechenschaft gezogen ... hm ... und gezwungen werden, Genugtuung, persönliche Genugtuung für sein Betragen zu geben? Die zu diesem Zweck nötigen Schritte ... hm ... würde ich persönlich übernehmen ...«

Das war sein ehrlicher Wille, ja seine kleinen dunkeln Augen leuchteten schon in jenem Feuer, das nur ein Ehrenhandel oder ein Liebesabenteuer darin zu entzünden vermochte.

»Ja, was käme denn dabei heraus ... für uns?« fragte die Frau, ihn betroffen anstarrend.

»Man könnte ihn dadurch zwingen, seine Pflicht zu tun,« erklärte ihr der Oberst, sich im Stuhl zurücklehnend.

»Er soll's nur bleiben lassen!« warf die Frau verächtlich hin. »Darauf sind wir gar nicht aus, aber zahlen soll er! Schadenersatz – nichts andres wollen wir!«

Der Oberst biß sich auf die Lippe.

»Ich setze voraus,« sagte er finster, »daß Sie urkundliche Beweise, schriftliche Versprechungen und Beteuerungen in Händen haben?«

»Nein, nicht einen Buchstaben! Das ist's ja gerade, und deshalb brauchen wir Sie! Sie müssen die Geschworenen überzeugen, Sie müssen ihnen zeigen, wie der Hase läuft, die Geschichte auf Ihre Weise vortragen. Du liebe Zeit! Für einen Mann wie Sie ist das ja gar nichts!«

So verblüffend diese Zumutung für jeden andern Anwalt gewesen wäre, dem Oberst Starbottle erleichterte sie das Herz. Das Fehlen jeglicher heiterkeiterregenden Briefschaften, und das Vertrauen in seine Gabe der Überredung regten seine Phantasie an, obwohl er die Schmeichelei mit einer leichten Bewegung seiner weißen Hand ablehnte.

»Jedenfalls,« sagte er zuversichtlich, »haben Sie wirksame Zeugenaussagen zur Verfügung? Vielleicht können Sie mir ... hm ... den Fall in kurzen Zügen schildern?«

»Das kann Zaidee haarklein tun,« versetzte die Frau; »ich möchte nur zuerst wissen, ob Sie den Fall übernehmen können.«

»Gewiß,« erklärte der Oberst ohne Zögern, denn seine Neugier war erwacht. »Ich zweifle nicht daran, daß Ihre Fräulein Tochter mir genügende Tatsachen und Einzelheiten wird liefern können, um Material für eine Klageschrift zu gewinnen ...«

»Jawohl, die ist nicht auf den Mund gefallen,« versetzte die Mutter selbstbewußt.

»Und wann werde ich das Vergnügen haben, Ihr Fräulein Tochter zu sehen?« fragte Starbottle verbindlich.

»Sobald ich draußen bin und sie herrufe. Sie ist nämlich vor dem Haus, treibt sich auf der Straße herum – geniert sich so ein bißchen, doch nur im Anfang ...«

Damit ging sie nach der Türe, und der verwunderte Oberst gab ihr ritterlich das Geleite bis auf die Straße, wo sie mit schriller Stimme: »Du, Zaidee!« rief.

Und sofort löste sich ein junges Mädchen von einem Baumstamm, an dem sie scheinbar einen alten Wahlanschlag studiert hatte, und kam auf die Haustür zugeschlendert. Gleich der Mutter war sie einfach gekleidet, aber ungleich dieser hatte sie ein blasses, eher feines Gesicht mit einem sittsamen Mund und niedergeschlagenen Augen. Das war alles, was der Oberst wahrnahm, während er sich tief verbeugte und ins Bureau voranging, denn das junge Mädchen nahm seine Begrüßung hin, ohne den Kopf zu heben. Er rückte ihr aufs liebenswürdigste einen Stuhl zurecht, auf dessen Kante sie sich etwas zaghaft niederließ, ohne den Blick von der Spitze ihres Sonnenschirms zu verwenden, womit sie das Teppichmuster nachzeichnete. Ein zweiter Stuhl wurde der Mutter angeboten, die ihn aber ablehnte.

»Ich hab' im Sinn, Sie und Zaidee allein schwatzen zu lassen,« erklärte sie und setzte, zur Tochter gewendet hinzu: »Du sagst ihm alles, Zaidee.«

Damit war sie, noch eh' der Oberst hatte aufstehen können, aus dem Zimmer verschwunden. Trotz aller Erfahrungen in seinem Beruf war Starbottle im ersten Augenblick etwas verlegen, doch das junge Mädchen brach, ohne aufzublicken, das Schweigen.

»Adoniram K. Hotchkiß,« begann sie mit eintöniger Stimme, als ob sie etwas auswendig Gelerntes aufsagte, »fing voriges Jahr an, mir Aufmerksamkeit zu schenken. Von da an bemühte er sich unentwegt –«

»Einen Augenblick!« unterbrach der verdutzte Oberst. »Sie sprechen von Hotchkiß, dem Präsidenten der Bewässerungsgesellschaft?«

Er hatte den Namen eines hervorragenden Mitbürgers, eines strengen, asketischen, schweigsamen Mannes in mittleren Jahren, eines Kirchenältesten, und mehr als das, des Vorstands der eben von ihm verteidigten Gesellschaft zu hören geglaubt, aber daran war ja nicht zu denken ...

»Ja, den mein' ich,« fuhr das Mädchen fort, ohne den Sonnenschirm aus den Augen zu lassen. »Immerzu traf er mich. Meistens geschah's in der Wiedertäuferkirche, beim Morgengottesdienst, in der Betstunde und so weiter. Und dann auch zu Hause, das heißt draußen – auf der Straße ...«

»Und dieser Herr, Herr Adoniram K. Hotchkiß, hat Ihnen die Ehe versprochen?«

»Ja.«

Starbottle rückte in großem Unbehagen auf seinem Stuhl hin und her.

»Ganz außerordentliche Sache! Sehen Sie ... hm ... meine liebe junge Dame ... hm ... das macht nämlich den Fall zu einem überaus heikeln ...«

»Das sagt die Mama auch,« erwiderte das junge Ding einfach, wobei jedoch ein schwaches Lächeln um den sittsamen Mund und die gesenkten Wangen spielte.

»Ich meine,« setzte der Oberst mit schmerzlichem und doch verbindlichem Lächeln hinzu, »daß dieser ... hm ... dieser Herr ... hm ... auch zu meinen Klienten zählt ...«

»Das sagte die Ma auch, und sie meinte, daß die Sache für Sie um so leichter sei, weil Sie ihn kennen.«

Eine leichte Röte flog über des Obersten Wange, als er rasch und ein wenig steif entgegnete: »Im Gegenteil ... hm ... dieser Umstand wird es mir vielleicht unmöglich machen, für Sie einzutreten.«

Das Mädchen schlug die Augen auf. Solange die seidenen Wimpern gehoben blieben, hielt der Oberst den Atem an. Sogar ein nüchternerer Beobachter hätte bei dieser plötzlichen Offenbarung ihrer Augen das Gesicht zauberhaft verwandelt gefunden. Diese Augen waren braun, groß, sanft, und doch von einem außergewöhnlichen, durchdringenden wissenden Ausdruck; es waren die Augen einer lebenserfahrenen Frau von dreißig Jahren im Gesicht eines Kindes. Was der Oberst sonst noch darin sah, weiß der Himmel! Er hatte das Gefühl, daß dieser einzige Blick ihm all seine Geheimnisse entreiße, seine ganze Seele bloßlege, seine Eitelkeit, Streitsucht, Frauenverehrung, selbst seine veraltete Ritterlichkeit durchschaue und trotzdem verkläre, und als sich die Wimpern wieder senkten, war ihm, als ob diese Augen den größeren Teil seines Wesens verschlungen hätten.

»Verzeihen Sie,« sagte er hastig, »ich wollte nur sagen ... hm ... daß die Sache vielleicht freundschaftlich beigelegt werden könnte. Mein Interesse an ... hm ... und wie Sie sehr richtig bemerkten ... hm ... meine genaue Bekanntschaft mit meinem Klienten ... hm ... mit Herrn Hotchkiß ... hm ... mag zu einer Verständigung, einem Vergleich dienlich sein ...«

»Und Schadenersatz,« sagte das junge Mädchen, wieder zu ihrem Sonnenschirm gewendet, als ob sie nie aufgeblickt hätte.

Der Oberst zuckte zusammen. »Ohne Zweifel ... hm ... Entschädigung, falls Sie nicht lieber auf Erfüllung des Eheversprechens dringen, falls ...« (er versuchte wieder den Ton leichter Huldigung anzuschlagen, der ihm aber in Erinnerung ihrer Augen nicht recht gelingen wollte) »falls hier nicht Gefühle ... hm ... im Spiel sind?«

»Was für Gefühle?« fragte die schöne Klientin ruhig.

»Wenn Sie ihn noch lieben?« gab Starbottle, tatsächlich errötend, zurück.

Wieder blickte Zaidee auf, wieder stockte dem Oberst der Atem vor diesem Blick, der nicht nur genau erriet, was er gesagt, sondern auch was er gedacht und nicht gesagt hatte, ja der noch ahnte, was er hätte denken können.

»Versteht sich!« sagte sie, die dichten Wimpern wieder senkend.

Der Oberst lachte unsicher, dann zwang er sich, von dem Gefühl beschlichen, daß er vollends ganz zum Dummkopf werde, zu einer ebenso schwächlichen Würde.

»Sie entschuldigen ... soviel ich weiß, sind keine Briefe vorhanden. Darf ich fragen, in welcher Form die Liebeserklärungen und Versprechungen gegeben wurden?«

»Durchs Gesang- und Gebetbuch,« erklärte sie kurz.

»Ich verstehe nicht ganz ...« stammelte der im Dunklen tappende Rechtskundige.

»Gebetbuch – mit Bleistift unterstrichene Wörter – an mich weitergegeben,« erläuterte Zaidee. »Wörter wie: ›Liebe‹, ›Teure‹, ›Süße‹, ›Köstliche‹, ›Gebenedeite‹,« setzte sie hinzu, jedes dieser Worte durch ein Aufstoßen des Sonnenschirms betonend. »Manchmal eine ganze Linie aus Thomas a Kempis, dem Hohenlied und derartigem.«

»Ich glaube,« bemerkte Starbottle in feierlichem Ton, »daß sich die Worte ... hm ... heiliger Psalmen sehr wohl zum Ausdruck zärtlicher Gefühle eignen, aber wurde auch für das bestimmte Eheversprechen ... hm ... keine andre Form gewählt?«

»Trauungsgottesdienst im Gebetbuch – jede Linie davon, jedes Wort unterstrichen,« sagte Zaidee.

Der Oberst nickte beistimmend und schien diese Form ganz natürlich zu finden.

»Sehr gut. Wurde das auch andern bekannt? Sind Zeugen dafür vorhanden?«

»Keine Rede, nur er und ich wußten darum. Es geschah beim Gottesdienst oder in der Betstunde. Einmal steckte er mir beim Weitergeben des Sammeltellers eins von den bekannten Pfefferminzzeltchen zu, worauf ›Ich liebe dich‹ gestempelt ist.«

Der Oberst hüstelte.

»Sie haben die Tablette doch noch?«

»Nein, ich hab' sie gelutscht,« erwiderte sie einfach.

»Oh!« Dann fragte Starbottle nach einer Weile rücksichtsvoll: »Waren diese ... hm ... Aufmerksamkeiten auf die heiligen Räume beschränkt? Oder trafen Sie auch anderwärts mit ihm zusammen?«

»Er pflegte an unserm Haus vorbeizugehen,« lautete der Bescheid in dem früheren auswendig gelernten Ton, »und ein Zeichen zu geben.«

»Ach! Ein Zeichen!« wiederholte der Oberst befriedigt.

»Ja. Er sagte ›Kirro‹ und ich drauf ›Kirri‹. Zwitschernd wie die Vögel, wissen Sie.«

Es klang dem Oberst wirklich wie süßer Vogelsang, als sie die Stimme erhob. Ihr Ruf wenigstens klang so, doch soweit er den mürrischen Kirchenältesten kannte, schien es ihm zweifelhaft, ob sein Ruf ebenso melodisch gewesen sein möchte. Er ließ sich den ihrigen ernsthaft wiederholen.

»Und nach dem Zeichen?« fragte er.

»Ging er weiter,« war die Antwort.

Der Oberst hüstelte wieder und klopfte mit dem Federhalter auf sein Pult.

»Sind irgendwelche Zärtlichkeiten ... hm ... Liebkosungen vorgekommen ... hm ... hat er zum Beispiel Ihre Hand genommen ... Sie umfaßt ...« fragte er mit einer ehrerbietigen Bewegung seiner eigenen Hand und gesenktem Blick. »Etwa ein Händedruck beim Tanz ... oder vielmehr,« verbesserte er sich mit einem entschuldigenden Räuspern, »beim Weiterreichen des Sammeltellers?«

»Nein, was man zärtlich nennt, war er nicht,« versetzte das Mädchen.

»So, so! Zärtlich im üblichen Sinn des Worts war Adoniram K. Hotchkiß also nicht,« sagte der Oberst in würdigem Geschäftston.

Und wieder schlug sie die verwirrenden Augen auf, wieder saugte sie seinen Blick auf, auch sagte sie: »Ja,« obwohl die Augen, vor denen er durchsichtig wie Glas war, eine Antwort eigentlich überflüssig erscheinen ließen. Er lächelte unsicher, und es entstand eine lange Pause. Endlich machte sie ihren Sonnenschirm langsam von dem Teppichmuster los und stand auf.

»Das wird, mein' ich, alles sein,« sagte sie.

»O – o – noch einen Augenblick,« sagte der Oberst unsicher.

Er würde sie gern länger zurückgehalten haben, aber bei ihrer seltsamen Gedankenleserei fühlte er sich außer stande, sie aufzuhalten oder einen plausiblen Vorwand dafür zu finden. Er wußte, daß sie ihm alles gesagt hatte, was zu sagen war, denn berufliche Erfahrung sagte ihm auch, daß ein hoffnungsloserer Fall überhaupt noch nie vorgekommen war, und doch schreckte er nicht davor zurück, ihn zu übernehmen, er war nur momentan in Verlegenheit.

»Einerlei,« warf er hin. »Ich werde natürlich noch weitere Besprechungen mit Ihnen haben müssen.«

Wiederum antworteten ihre Augen, daß sie das erwarte, sie fragte aber einfach: »Wann?«

»Morgen oder übermorgen,« versetzte er rasch. »Ich werde Sie benachrichtigen.«

Als sie sich zum Gehen wandte, warf er in seinem Eifer, ihr die Türe aufzumachen, seinen Stuhl um, versperrte ihr in wirklich jugendlicher Verwirrung den Weg und ließ bei seiner Abschiedsverbeugung den breitkrempigen Panamahut fallen. Als die schlanke, jugendliche Gestalt unter dem einfachen Strohhut, der mit einem blauen Band unterm Kinn gebunden war, von ihm wegging, machte sie mehr als je den Eindruck eines Kindes.

Der Oberst verbrachte den Nachmittag mit diplomatischen Erkundigungen. Er erfuhr, daß seine Klientin die Tochter einer Witwe war, die am Kreuzweg unmittelbar bei der neuen Wiedertäuferkirche, dem Schauplatz dieses ›Pastorale‹, eine kleine Ranch besaß. Mutter und Tochter lebten sehr zurückgezogen: das Mädchen war in der Stadt wenig bekannt, ihre Schönheit und ihr bezaubernder Reiz hatten noch nicht genügend Anerkennung gefunden. Die Feststellung dieser Tatsache gewährte dem Oberst eine Beruhigung und eine Genugtuung, worüber er sich keine Rechenschaft zu geben wußte. Die Auskunft, die er auf einige Fragen über Hotchkiß erhielt, bestätigte nur seinen persönlichen Eindruck von dem angeblichen Liebhaber. Er war ein ernsthafter, im Praktischen aufgehender Mann, der sich jugendlicher Geselligkeit fernhielt und allem Anschein nach nicht im mindesten zu leichtfertigem Liebesgetändel neigte. Der Oberst wußte sich keinen Vers darauf zu machen, aber er war entschlossen, sein Ziel zu verfolgen, so wenig klar es auch vor ihm stand.

Andern Tags befand er sich um die nämliche Stunde allein in seinem Bureau, das lediglich in einem für die Geschäftsbesuche eingerichteten Zimmer seiner Privatwohnung bestand, denn seit dem Tod des Major Stryker, seinem einzigen Associé, der vor ein paar Jahren im Zweikampf gefallen war, hielt sich Starbottle keinen Schreiber mehr. Sein getreuer Kammerdiener, ein früherer Sklave Namens Jim, trug Akten und Briefschaften zu einer andern Advokatenfirma, der er die Bureauarbeit übergeben hatte. Voll edler Beharrlichkeit hatte Starbottle den Namen des einstigen Teilhabers nicht von seinem Türschild entfernt, und abergläubische Leute behaupteten, daß er seine Unbesiegbarkeit zum Teil dem Namen dieses viel beklagten und etwas gefürchteten Mannes verdanke.

Der Oberst sah auf seine Taschenuhr, deren schwere Goldkapsel die Spuren einer Kugel bewahrte, die, für den Besitzer bestimmt, von ihr auf Geheiß der Vorsehung aufgehalten worden war, und steckte sie mit einiger Schwierigkeit und Kurzatmigkeit wieder in das Uhrtäschchen. Im selben Augenblick hörte er Schritte auf dem Flur, und gleich darauf ging die Türe auf, um Adoniram K. Hotchkiß einzulassen. Das machte dem Oberst Eindruck; er wußte Pünktlichkeit in Ehrensachen zu schätzen.

Mit dem Kopfnicken und dem fragenden Blick eines stark beschäftigten Mannes trat Hotchkiß ins Zimmer. Als sein Fuß die geweihte Schwelle überschritten hatte, war der Oberst förmlich die Höflichkeit selber: er rückte dem Besucher den Stuhl zurecht und nahm ihm den Hut aus der widerstrebenden Hand, dann schloß er ein Eckschränkchen auf und trug eine Flasche Likör und zwei Gläser herbei.

»Eine kleine Erfrischung ... hm hm ... Herr Hotchkiß?« fragte er verbindlich.

»Trinke nichts,« versetzte der andre mit aller Strenge des grundsätzlichen Alkoholgegners.

»Hm hm ... nicht einmal den feinsten Bourbonwhisky, den ein Freund in Kentucky für mich ausgesucht hat? Nein? Entschuldigen Sie ... hm hm ... aber eine Zigarre. Allermildeste Havanna?«

»Ich genieße Tabak und Alkohol in keiner Form,« versetzte der Asket. »Von solch törichten Schwächen bin ich frei.«

Des Obersten feuchte, runde Äuglein glitten schweigend über seines Klienten fahles Gesicht. Sich behaglich im Stuhl zurücklehnend und die Augen wie in träumerischer Erinnerung halb zudrückend, sagte er langsam: »Ihre Ablehnung, Herr Hotchkiß, erinnert mich ... hm hm ... an einen seltsamen Vorfall, der sich ... hm hm ... tatsächlich einmal im Hotel St. Karl in New Orleans ereignet hat. Pinkey Hornblower, ein Freund von mir, hatte den Senator Doolittle zu einem Glas Wein eingeladen. Doch erhielt er genau dieselbe Antwort wie ich von Ihnen. ›Sie trinken nicht und rauchen nicht?‹ sagte Pinkey. ›Gott, müssen Sie aber auf Frauenzimmer versessen sein!‹ Ha ha!«

Der Oberst machte eine Pause, um der leisen Röte, die in des andern Gesicht gestiegen war, Zeit zur Verflüchtigung zu gönnen, dann fuhr er mit halb eingekniffenen Augen fort: »›Ich gestatte keinem Menschen, meine persönlichen Gewohnheiten zu kritisieren,‹ sagte Doolittle über den Hemdkragen hinweg.

»›Dann wird wohl Pistolenschießen auch eine davon sein,‹ bemerkte Pinkey kühl.

»Am andern Morgen fuhren die beiden auf der hinter der Kirchhofsmauer hinführenden Straße hinaus, und Pinkey jagte seinem Gegner Doolittle auf zwölf Schritt Entfernung eine Kugel in die Schläfen. Der arme Doo sagte kein Wort mehr. Hinterließ drei Witwen und sieben Kinder – zwei davon schwarze, wie es hieß.«

»Ich erhielt heute früh ein Billett von Ihnen,« sagte Hotchkiß mit unverhohlener Ungeduld. »Sie wollen mich wohl wegen unsres Falls sprechen? Sie haben das Urteil erhalten?«

Ohne eine Antwort zu geben, mischte sich der Oberst langsam ein Glas Whisky und Wasser. Er hielt das Glas einen Augenblick träumerisch vors Gesicht, als ob er immer noch in angenehme Erinnerungen versunken wäre. Dann trank er aus, wischte sich mit einem großen weißen Taschentuch die Lippen und sagte, sich behaglich im Stuhl zurücklehnend und den andern durch eine Handbewegung zur Geduld mahnend: »Die Unterredung, um die ich Sie gebeten habe, Herr Hotchkiß, betrifft einen Gegenstand, der ... hm hm ... wenn ich so sagen darf ... hm hm ... augenblicklich weder von allgemeinem noch von geschäftlichem Interesse ist, beides aber ... hm hm ... in der Folge werden kann. Es ist ... hm hm ... eine sehr heikle Sache.«

Der Oberst brach ab, und Hotchkiß sah ihm mit wachsender Ungeduld ins Gesicht, bis Starbottle, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen, mit Entschiedenheit fortfuhr: »Es betrifft eine junge Dame, ein schönes, hochherziges Mädchen, mein Herr, das, abgesehen von seinen persönlichen Vorzügen, ... hm hm ... sozusagen einer der ersten Familien von Missouri angehört und ... hm hm ... ziemlich nahe ... hm hm ... mit einem meiner teuersten Jugendfreunde verwandt ist.«

Letzteres war, wie ich mit Bedauern sagen muß, freie Erfindung des Obersten, rednerische Zutat zu den spärlichen Mitteilungen, die er am Tag vorher erhalten hatte.

»Die junge Dame,« fuhr er in liebenswürdigem Ton fort, »genießt ferner den Vorzug, von Ihnen in einer Weise ausgezeichnet zu werden, die unsre natürlich streng vertrauliche Unterredung ... hm hm ... unter Freunden ... hm hm ... oder gar zukünftigen Verwandten nötig macht. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich von Zaidee Juno Hooker, der einzigen Tochter von Almira Anna Hooker, Witwe des Jefferson Brown Hooker, früher in Boone County, Kentucky, zuletzt in ... hm hm ... Pike County, Missouri, spreche ...«

Die fahle asketische Färbung, die Hotchkiß' Gesicht eigen war, hatte sich zuerst in Leichenblässe verwandelt und dann eine grünliche Schattierung angenommen, die schließlich einer stumpfen Röte wich.

»Was soll denn das Gerede?« fragte er barsch.

Ein kaum merkliches Aufblitzen von Kampfesmut trat in die Augen des Obersten, seine honigsüße Verbindlichkeit blieb aber unverändert.

»Ich glaube mich so deutlich ausgedrückt zu haben,« versetzte er höflich, »als es unter Gebildeten nötig ist, vor den Geschworenen würde ich allerdings noch deutlicher werden müssen.«

Diese Erwiderung verfehlte ihren Eindruck auf Hotchkiß nicht.

»Ich weiß nicht,« begann er in milderem, vorsichtigerem Ton, »was Sie unter meinen sogenannten Aufmerksamkeiten verstehen, und was Sie damit zu schaffen haben können. Ich habe mit der von Ihnen genannten Persönlichkeit kaum je gesprochen, keine Zeile an sie geschrieben, nie einen Besuch in ihrem Haus gemacht.«

Er stand mit gemachter Gleichgültigkeit auf, zog seine Weste herunter, knöpfte den Rock zu und griff nach seinem Hut. Der Oberst rührte sich aber nicht.

»Ich glaube Ihnen schon angedeutet zu haben, welche Bedeutung ich Ihren ›Aufmerksamkeiten‹ beilege,« erklärte der Oberst milde, »habe Ihnen aber bis jetzt die Rücksicht gezeigt, die Sache freundschaftlich zu besprechen. Was Ihre Angaben über die Beziehungen zu Fräulein Hooker betrifft, so kann ich feststellen, daß sie sich vollständig mit den Angaben decken, die von der jungen Dame selbst gestern in diesem nämlichen Bureau gemacht worden sind.«

»Was soll dann diese sinnlose Schererei bedeuten? Wozu zitiert man mich hierher?« brauste Hotchkiß auf.

»Weil diese Angaben Ihnen verdammt wenig Ehre machen, ja, eine Schmach für Sie sind, mein Herr!«

Gewohnheitsmäßig vorsichtige und zaghafte Menschen verfallen gelegentlich in ohnmächtige und sinnlose Wut. Und so griff Hotchkiß nach Starbottles Stock, der auf dem Tisch lag, im selben Augenblick erfaßte aber der Oberst scheinbar ohne Anstrengung den Griff und der Stock trennte sich zum Erstaunen von Hotchkiß in zwei Teile, wobei der Griff und eine blitzende Stahlklinge in des Besitzers Hand blieben. Den nutzlosen Überrest fallen lassend, trat der Mann zurück. Der Oberst hob die Hülse auf, steckte den Degen hinein, ließ die Feder einschnappen und sagte dann mit vollendet höflichem Ausdruck, der jedoch unverkennbar echten Schmerz verriet, und sogar mit leicht bebender Stimme: »Ich muß Sie tausendmal um Entschuldigung bitten, Herr Hotchkiß, daß ich ... hm hm ... wenn gleich Ihre Unvorsichtigkeit daran schuld war ... hm ... unter dem geweihten Schutz meines eigenen Dachs eine Waffe gezogen habe, und zwar einem Wehrlosen gegenüber. Dafür bitte ich um Verzeihung, mein Herr, und ich nehme sogar den Ausdruck zurück, der diese Unbedachtsamkeit hervorgerufen hat. Diese Entschuldigung soll Sie indes keineswegs abhalten, mich zur Verantwortung, zu persönlicher Verantwortung zu ziehen ... ich stehe Ihnen zu Diensten für die Taktlosigkeit, die ich im Interesse einer Dame, die meine Klientin ist, begangen habe.«

»Ihre Klientin? Wollen Sie etwa sagen, daß Sie den Fall übernommen hätten? Sie, der Anwalt der Bewässerungsgesellschaft?« fragte Hotchkiß, vor Entrüstung bebend.

»Daß ich für Sie einen Prozeß gewonnen habe,« entgegnete der Oberst kühl, »bildet nach den Anschauungen des Anwaltstands durchaus kein Hindernis, daß ich die Sache der Schwachen und Schutzlosen vertrete.«

»Das werden wir ja sehen,« sagte Hotchkiß, die Türklinke erfassend und in den Flur tretend. »Es gibt noch andere Anwälte ... die ...«

»Gestatten Sie, daß ich Sie hinausbegleite,« sagte der Oberst höflich, indem er aufstand.

»... im stande sein werden, Erpressungsversuchen zu begegnen,« vollendete Hotchkiß, indem er seinen Rückzug längs des Flurs fortsetzte.

»Und dann werden Sie in der Lage sein, Ihre Bemerkungen über mich öffentlich zu wiederholen,« fuhr der Oberst, sich verbeugend und den Besucher mit Beharrlichkeit bis zur Haustüre geleitend, fort.

Herr Hotchkiß schlug ihm aber diese vor der Nase zu und stürzte hastig davon. Der Oberst kehrte in sein Arbeitszimmer zurück, nahm ein Blatt Briefpapier, das die Aufschrift: »Starbottle & Stryker, Rechtsanwälte und Notare« trug, und schrieb folgende Zeilen:

» Hooker gegen Hotchkiß.

Geehrte Frau! Nachdem wir uns in obiger Sache mit der Gegenpartei besprochen haben, wäre es uns erwünscht, morgen nachmittag um zwei Uhr eine Unterredung mit Ihnen zu haben.

Hochachtungsvoll
Starbottle & Stryker.«

Er versiegelte das Schreiben und übergab es dem getreuen Jim zur Bestellung, dann gönnte er sich einige Minuten der Überlegung. Der Oberst hatte nämlich den Brauch, erst zu handeln und dann die Gründe zu suchen, die seine Tat rechtfertigten.

Daß Hotchkiß sofort einen Gegenanwalt aufstellen würde, wußte er. Er wußte auch, daß dieser ihm auseinandersetzen würde, daß Miß Hooker keinerlei berechtigte Ansprüche habe, und daß ihre Klage auf Grund ihrer eigenen Aussage abgewiesen werden werde, und so sagte er sich, daß er deshalb besser daran täte, auf keinen Vergleich einzugehen, sondern dem Prozeß den Lauf zu lassen. Er war jedoch überzeugt, daß Hotchkiß die Bloßstellung vor der Öffentlichkeit scheuen werde, und während ihn sein eigenes Gefühl anfangs vor dem Hilfsmittel eines Rechtstreits gewarnt hatte, trieb es ihn jetzt dazu. Seine Macht über die Geschworenen kam ihm in den Sinn, auch sprachen seine Eitelkeit wie seine ritterlichen Gefühle gleichmäßig für den Kampf, nüchterne Tatsachen banden ihn nicht – er hatte seine eigene Auffassung des Falls, und seine Zeugenaussage konnte diese widerlegen. Frau Hookers Ausspruch, er solle »die Geschichte auf seine Fasson erzählen«, erschien ihm jetzt als eine Eingebung, ein prophetisches Wort.

Vielleicht hatten auch die wundervollen Augen der jungen Dame, worüber er viel nachgedacht hatte, ihren Teil an diesem Entschluß. Es war durchaus nicht ihre Einfalt allein, was ihn entzückte, im Gegenteil, ihr offenbar scharfsinniges Verständnis für den Charakter ihres fahnenflüchtigen Liebhabers – und seinen eigenen! Nichts, was dem Oberst jemals an Liebe – sei es flüchtiger oder ernster Natur – zu teil geworden war, hatte ihm in diesem Maße geschmeichelt. Dieser Umstand, verbunden mit dem Respekt für die zwischen ihnen bestehenden geschäftlichen Beziehungen, hielt ihn ab, sich durch ernstliches Ausfragen oder scherzhafte Huldigung genauere Kenntnis über seine Klientin zu verschaffen. Es fragt sich sogar, ob nicht ein besonderer Reiz darin lag, der Vertreter einer simplen » femme incomprise« zu sein.

Unübertrefflich war die Ehrerbietung, womit er sie begrüßte, als sie andern Tags in sein Bureau trat. Er tat sogar, als ob er gar nicht bemerke, daß sie ihren besten Putz angelegt hatte und ohne Zweifel in dem Aufzug vor ihm erschien, womit sie in der Kirche die leider so wenig nachhaltige Aufmerksamkeit des Kirchenältesten Hotchkiß erregt hatte. Ein weißes, jungfräuliches Mullgewand war durch ein blaues Band um die schmächtige Gestalt gegürtet, und den Strohhut zog ein Band gleicher Farbe über die ovale Wange herunter. Die schmalen Füße, die den Mädchen des Südens eigen sind, steckten in weißen Strümpfen und ausgeschnittenen schwarzen Schuhen, die zierlich gekreuzt waren, als sie vor ihm auf ihrem Stuhl saß, die Hand auf den treuen Sonnenschirm gestützt, den sie fest auf den Boden stemmte. Ein leiser Waldesduft ging von ihr aus, der den Oberst seltsamerweise in weit entlegene Zeiten zurückversetzte, in eine von Tannen beschattete Sonntagsschule auf einem Hügelabhang von Georgia, und ihn an seine erste Liebe erinnerte, ein zehnjähriges Mädchen in einem steif gestärkten Kleid. Möglicherweise rief diese Erinnerung auch wieder etwas von der Ungeschicklichkeit hervor, die er damals gezeigt hatte, wenigstens lächelte er unsicher, setzte sich hüstelnd nieder und preßte die Fingerspitzen aufeinander.

»Ich habe ... hm hm ... eine Unterredung mit Herrn Hotchkiß gehabt ... hm hm ... bedaure aber, sagen zu müssen ... hm hm ..., daß wenig Aussicht auf ... hm hm ... auf eine Verständigung vorhanden ist.«

Er hielt inne und nahm zu seinem Erstaunen wahr, daß ein entzückendes Lächeln des Mädchens gespanntes, feierliches Gesicht verklärte.

»Versteht sich!« sagte sie. »Na, denn los auf ihn! War er recht wütend, als Sie's ihm sagten?«

Sie drückte die Kniee behaglich gegeneinander und beugte sich in Erwartung seiner Antwort vor. Trotz alledem würden auch wilde Rosse dem Oberst kein Wort über die Szene mit Hotchkiß entlockt haben.

»Er äußerte sich dahin, daß er einen Gegenanwalt aufstellen und Abweisung der Klage beantragen werde,« versetzte Starbottle, wohlwollend in ihre Heiterkeit einstimmend.

Sie zog ihren Stuhl näher an sein Pult.

»Also werden Sie mit ihm anbinden?« rief sie eifrig. »Werden's ihm gehörig eintränken? Sie werden die Geschichte auf Ihre Fasson erzählen? Werden ihm Ohrfeigen geben rechts und links und ihn zum Zahlen bringen? Ganz gewiß?« sprudelte sie atemlos heraus.

»Das ... hm hm ... will ich ...« sagte der Oberst, fast ebenso atemlos wie sie.

Darauf faßte sie seine rundliche weiße Hand, die auf dem Tisch lag, und drückte ihre Lippen darauf. Er fühlte die weichen jungen Finger durch den Zwirnhandschuh, der sie umschloß, fühlte die leise Wärme ihrer Lippen auf seiner Haut. Er fühlte auch, wie er rot wurde, und war doch außer stande, das Schweigen zu brechen oder seine Stellung zu verändern. Im nächsten Augenblick hatte sie ihren Stuhl wieder aus den früheren Platz zurückgeschoben.

»Ich ... hm hm ... werde mein Möglichstes tun ...« stammelte der Oberst, nach Haltung ringend.

»Das genügt! Sie werden's schon zwingen!« jubilierte das Mädchen. »Wenn Sie für mich reden wie für diese langweilige Bewässerungsgesellschaft – dann, dann setzen Sie alles durch! Wie Sie neulich die Geschworenen den ganzen Tag dasitzen ließen – wie Sie dann das sagten vom Sternenbanner, das über den Rechten ehrbarer Bürger, die sich zu friedlichem Geschäftsbetrieb vereinen, gerade so gut flattere wie über den befestigten Wällen amtlicher Despo...«

»Oligarchie,« murmelte der Oberst verbindlich.

»Oligarchie,« wiederholte das Mädchen rasch. »Da mußte ich geradeswegs den Atem anhalten. Und zu meiner Ma sagte ich: ›Ist das nicht ein süßer Mensch?‹ Ja, so sagt' ich wahrhaftig! Und als Sie alles bis zum Ende herausdeklamierten, ohne daß Ihnen je ein Wort gefehlt hätte – Sie brauchten sie nicht im Gesangbuch zu unterstreichen, Ihnen saßen sie alle auf der Zunge! – und dann hinausgingen ... Nun! Mich ging ja die Bewässerungsgesellschaft von Haut und Haar nichts an, und von Ihnen hatte ich auch nichts gewußt, aber ich hätte mitten in den Saal laufen mögen und Sie vor aller Welt abküssen!«

Und sie lachte mit erglühendem Gesicht, obwohl sie die seltsamen Augen zu Boden heftete. Ach, und Starbottles Gesicht glühte nicht minder, und seine runden Augen hafteten auf dem Pult. Jeder andern Frau gegenüber würde er die alltägliche Galanterie angebracht haben, sich diese Belohnung jetzt nachträglich auszubitten, hier aber wollte ihm das Wort nicht über die Lippen. Er lachte, räusperte sich, und als er wieder aufsah, war seine Klientin von neuem in die steife Haltung ihres ersten Besuchs mit der Schirmspitze auf dem Fußboden verfallen.

»Ich muß Sie bitten ... hm hm ... Ihr Erinnerungsvermögen auf einen andern Punkt zu richten: Den Bruch des ... hm hm ... Verlöbnisses. Gab er Gründe dafür an? Äußerte er Ihnen eine Ursache?«

»Nein, er sagte nichts.«

»Auch nicht auf dem sonstigen Weg? Keine ... hm hm ... Vorwürfe durch Vermittlung des Gesangbuchs? Oder der Heiligen Schrift?«

»Nein, einfach ausgekniffen ist er.«

»Hm ... er brach den Verkehr ab,« verbesserte der Oberst mit tiefem Ernst. »Und Sie ... hm, hm ... waren sich natürlich nicht bewußt, ihm Veranlassung dazu gegeben zu haben?«

Das Mädchen richtete statt aller Antwort die wundervollen Augen mit so durchdringendem Blick auf Starbottle, daß dieser nur eilig hinzusetzen konnte: »Selbstverständlich! Davon kann ja gar nicht die Rede sein!«

Daraufhin erhob sie sich und der Oberst tat desgleichen.

»Wir werden sofort die nötigen Schritte einleiten. Ich muß Sie indes davor warnen, irgendwelche Fragen zu beantworten, irgend etwas über den Fall zu äußern, ehe Sie vor Gericht stehen.«

Wieder waren ein verständnisvoller Blick und ein Kopfnicken ihre einzige Antwort. Er begleitete sie zur Türe und führte die ihm zum Abschied gereichte Hand im Samthandschuh mit altmodischer Feierlichkeit an seine Lippen. Als ob dieser Handkuß seine Unterlassungen und Ungeschicklichkeiten von vorhin aufgehoben hätte, fand er seine Sicherheit und sein altmodisches Wesen wieder, knöpfte den Rock zu, zupfte die Hemdkrause zurecht und stelzte an sein Pult zurück.

In den nächsten Tagen wurde in der Stadt bekannt, daß Zaidee Hooker Adoniram K. Hotchkiß wegen Bruchs des Eheversprechens belangt habe, und auf eine Entschädigungssumme von fünftausend Dollars klaghaft geworden sei. Da die Presse des Westens in jenen idyllischen Zeiten unter der sichern Zensur des Revolvers stand, wurde nur sehr vorsichtig Kritik geübt, und der Klatsch beschränkte sich auf mündliche Äußerungen, wobei der Schwätzer die Gefahr zu tragen hatte. Nichtsdestoweniger erregte der Fall lebhafteste Neugier. Man bestürmte den Oberst, bis seine Erklärung, daß er jeden Versuch, seine berufsmäßige Verschwiegenheit ins Wanken zu bringen, als persönliche Beleidigung ansehe, weitere Fragen abschnitt. Die Gesellschaft war also auf die deutlicheren Äußerungen der Gegenanwälte Kitcham und Bilser angewiesen, die unumwunden sagten, daß der Prozeß »faul« und »abgeschmackt« sei, daß die Klägerin abgewiesen werden müsse, und daß der Feuerfresser Starbottle die Lehre erhalten werde, daß es dem Gesetz gegenüber nichts nütze, den Stier an den Hörnern fassen zu wollen. Es wurde auch dunkel angedeutet, daß es sich um eine Verschwörung handle, ja, daß der ganze Prozeß ein sehr verfehlter Racheversuch Starbottles dafür sei, daß Hotchkiß ihm eine unerhörte Honorarforderung für seine Verdienste um die Bewässerungsgesellschaft zurückgewiesen habe. Daß niemand dem Oberst solches Geschwätz zutrug, ist selbstverständlich. Ruhiger ethischer Betrachtung des Falls stand leider im Wege, daß die Kirchlichen auf Hotchkiß' Seite standen, was bei der großen Zahl Unkirchlicher eine gleiche Parteinahme für die Klägerin und Starbottle hervorrief, freute man sich doch, den Frommen etwas am Zeug flicken zu können.

»Ich hab' den frühen Morgenbetstunden bei Kerzenlicht in der Predigtbude nie recht getraut,« bemerkte ein Kritiker, »und ich schätz' wohl, dieser Hotchkiß hat die Mädels nicht nur zum Psalmensingen schier an den Haaren hingezogen.«

»Geschichten anzetteln und sich davonmachen wollen, eh's zum Klappen kommt,« erklärte ein andrer, »das heißt man ja wohl ›religiös‹ handeln?«

Es war daher nicht zu verwundern, daß der Gerichtssaal drei Wochen später von neugierigem und mitfühlendem Publikum überfüllt war. Die schöne Klägerin erschien zeitig in Begleitung der Mutter und auf Starbottles Rat in demselben einfachen Anzug, den sie beim ersten Besuch auf seinem Bureau getragen hatte. Dieser Anzug und ihr bescheidenes, sittsames Auftreten bereiteten der Zuschauermenge eine gewisse Enttäuschung, denn man hatte sich die Circe dieses asketischen Angeklagten, der grimmig neben seinem Vertreter saß, als ein Wunder blendender Schönheit vorgestellt. Jetzt aber richteten sich aller Augen auf Starbottle, der durch sein Äußeres für die Ärmlichkeit seiner schönen Klientin entschädigte. Seine stattliche Gestalt steckte in einem blauen Frack mit vergoldeten Knöpfen, einer tief ausgeschnittenen Weste, die der Hemdkrause freie Entfaltung gestattete, einer schwarzseidenen Halsbinde, die den knabenmäßig herunterfallenden Hemdkragen um den breiten Hals festhielt, und tadellosen weißen Beinkleidern, die durch Strippen über die Lackstiefel gespannt waren.

»Der ›persönlich Verantwortliche‹ hat Kriegsschmuck angelegt,« raunte man in der Menge.

»Das alte Schlachtroß wittert Pulverdampf,« tuschelte man einander zu.

Trotzdem spürten auch die Spötter unbewußt etwas davon, daß in dieser wunderlichen Gestalt die ehrenhafte Vergangenheit ihres Landes verkörpert war, daß der Zauber einstiger Taten, halbverklungener Namen, die ihre Herzen als Knaben erbeben gemacht hatten, noch über ihm schwebte. Der neue Bezirksrichter erwiderte Starbottles übertrieben höfliche Verbeugung. Hinter dem Oberst trug sein schwarzer Diener Jim einen Pack Gesangbücher und Bibeln, wovon er mit einem Bückling, der offenbar seinem Herrn und Meister abgesehen war, je ein Exemplar auf das Pult des Gegenanwalts legte. Nach einem flüchtigen Blick der Neugierde schob dieser die Bücher etwas verächtlich beiseite, als aber Jim weiterging und mit derselben höflichen Verbeugung andre Exemplare vor die Geschworenen legte, sprang er auf.

»Ich möchte die Aufmerksamkeit des hohen Gerichtshofs auf die unerhörte Beeinflussung der Geschworenen lenken, die durch Verteilung von ungehörigen Gegenständen, die mit der Sache nicht das mindeste zu tun haben, ausgeübt werden soll!«

Der Richter blickte den Oberst Starbottle fragend an.

»Der hohe Gerichtshof möge gestatten,« versetzte der Oberst mit Würde, ohne seinen Gegner zu beachten. »Der Vertreter des Angeklagten wird bemerken, daß er selbst mit den ›Gegenständen› versehen ist, die er zu meinem Bedauern in Gegenwart des hohen Gerichtshofs, in Gegenwart seines Klienten, eines Kirchenältesten, mit ... hm hm ... sagen wir geringer Ehrerbietung behandelt hat. Wenn ich feststelle, daß die fraglichen ›Gegenstände‹ Gesangbücher und Exemplare der Heiligen Schrift sind, und daß ich sie den Geschworenen vorlege, weil ich mich im Verlauf meiner Ausführungen darauf beziehen muß, so glaube ich damit in meinem guten Recht zu sein.«

»Das Verfahren ist allerdings ohne Vorgang,« versetzte der Richter trocken, »aber solange der Vertreter der Anklage den Geschworenen nicht zumutet, aus diesen Büchern zu singen, liegt in ihrer Verteilung nichts Unziemliches, und ich kann der Einwendung nicht stattgeben. Da der Angeklagte und sein Vertreter auch damit versehen wurden, kann nicht von Überrumpelung die Rede sein, und da der Vertreter der Anklage offenbar die Aufmerksamkeit der Geschworenen für seine Ausführungen in Anspruch nehmen will, kann ihm nicht daran gelegen sein, sie durch nicht zur Sache Gehöriges abzulenken.«

Nach einer Pause wandte er sich an den Oberst, der stehen geblieben war: »Die Anklage hat das Wort. Beginnen Sie.«

Doch Starbottle blieb mit übereinander gelegten Armen regungslos wie ein Erzbild stehen.

»Ich habe die Einwendung abgewiesen,« mahnte der Richter, »Sie können fortfahren.«

»Ich erwarte, daß der Vertreter des Angeklagten das in Bezug auf mich gebrauchte Wort ›Beeinflussung‹ und die Bezeichnung der heiligen Bücher als ›ungehörig‹ zurücknehme.«

»Dieses Verlangen ist berechtigt und, wie ich nicht bezweifle, wird ihm stattgegeben werden,« erklärte der Richter gelassen.

Der Gegenanwalt stand auf und murmelte ein paar Worte der Entschuldigung, womit der Zwischenfall erledigt war. Der allgemeine Eindruck war jedoch, daß der Oberst dem Gegner eins ausgewischt habe, und wenn ihm daran gelegen gewesen war, höchste Spannung zu erzielen, so war sein Zweck erreicht. Ohne diesen Sieg zu beachten, begann der Oberst, die rechte Hand zwischen die Knöpfe seines Fracks steckend, in gelassener Haltung. Seine sonst so blühende Gesichtsfarbe war gedämpft, aber die kleinen Pupillen der vorstehenden Augen glitzerten wie Stahl. Das junge Mädchen saß vorgebeugt und folgte der Rede mit so atemloser Spannung, so lebhafter Sympathie, so ungekünstelter unbewußter Bewunderung, daß sie plötzlich das Interesse der Versammlung ebenso lebhaft erregte als der Redner selbst. Es war sehr heiß, der Saal zum Ersticken voll, und durch die offenstehenden Fenster sah man eine Menge von Köpfen auf der Straße Stehender, die mit gleicher Spannung den Worten des Obersten folgten: Dieser erinnerte die Geschworenen daran, daß er vor wenig Wochen hier gestanden habe als Vertreter einer bedeutenden Gesellschaft, damals verkörpert durch den Angeklagten von heute. Er habe damals gesprochen als Kämpfer für Gerechtigkeit gegen gesetzliche Unterdrückung, und ebenso vertrete er heute die Sache einer Schutzlosen, der keine Wehr verliehen sei, als die freilich überwältigende Macht der Schönheit und der Unschuld, obwohl der Kläger von damals heute der Angeklagte sei. Vorhin, auf seinem Weg zum Gerichtsgebäude, habe er auf dessen Kuppel das Sternenbanner flattern sehen, das glorreiche Banner, das ein Symbol vollständiger Gleichheit von Arm und Reich, Stark und Schwach unter der Konstitution sei, einer Gleichheit, die dem schlichten Bürger am Pflug, dem Grubenarbeiter mit dem Pickel, dem Rechnungsführer eines Bergwerks die Entscheidung über Recht und Unrecht anheimstelle so gut als dem erleuchteten Vertreter des Gesetzes, den man mit Stolz heute auf der Richterbank begrüße. Der Oberst machte mit einer feierlichen Verbeugung gegen die Richter eine kleine Pause. Der Anblick dieses Banners, fuhr er fort, habe ihm den Mut gehoben, und doch sei er mit unsicherem, er möchte fast sagen zaghaftem Schritt über die Schwelle des Gerichtssaals getreten. Und warum? Weil er sich, die Geschworenen mögen es glauben, einer großen, ja einer heiligen Verantwortlichkeit bewußt sei! Die Gesangbücher und Heiligen Schriften seien, wie der Herr Richter schon gesagt habe, nicht vor die Geschworenen gelegt worden, um sie zum Choralsingen aufzumuntern! Nein, das sei nicht ihr Zweck, er möchte sagen, leider nicht! Sie seien vielmehr der unwiderlegliche, vernichtende Beweis für die Gewissenlosigkeit des Angeklagten, und sie werden für ihn eine so schreckensvolle Warnung bedeuten, wie einst die Feuerschrift in Belsazars Saal.

Eine Bewegung ging durch die Menge, und Hotchkiß' bleiches Gesicht zeigte einen grünlichen Schimmer, indes seine Anwälte sich bestrebten, gleichmütig zu lächeln.

»Es sei seine Pflicht, den Geschworenen klar zu machen, daß es sich in diesem Fall nicht um einen alltäglichen Bruch des Eheversprechens handle, wie er nur allzu häufig dem Gerichtssaal Anlaß zu unziemlichen Scherzen und roher Heiterkeit gebe. Dazu biete sich hier keine Gelegenheit. Es sei nichts vorhanden von Liebesbriefen mit Kosenamen oder geheimnisvollen Kreuzchen oder Chiffern, die, wie er von glaubwürdiger Seite unterrichtet worden sei, den Austausch jener Zärtlichkeiten bedeuteten, die man gemeinhin Küsse nenne. Es könne hier nicht mit grausamer Hand der Schleier von den geheiligten Vertraulichkeiten menschlichen Gefühls gerissen, nicht ausposaunet werden, was nur von Herz zu Herzen habe gehen sollen. Hier liege, wie er mit tiefem Bedauern sagen müsse, eine neue gotteslästerliche Form der Liebeswerbung vor. Das leise Zwitschern Kupidos mische sich in den Chorgesang der Heiligen, die Heiligkeit des Tempels, den man als Bethaus bezeichne, sei entweiht durch Handlungen, die am Altar der Venus besser am Platze wären, und die göttlichen Schriften selbst seien von dem Angeklagten in seinem geweihten Amt als Kirchenältester zum Träger leichtfertiger Liebelei mißbraucht worden.«

Der Oberst ließ nach dieser donnernden Anklage eine Kunstpause eintreten. Die Geschworenen begannen hastig in den Gesangbüchern zu blättern, die Aufmerksamkeit des Publikums aber blieb dem Redner getreu und dem Mädchen, das in Verzückung seinen wohlgerundeten Sätzen lauschte.

»Meine Herren, es mögen mit Ausnahme des Angeklagten,« fuhr er, als die Erregung abnahm, in gedämpfterem, wehmütigem Ton fort, »wenige unter uns sein, die sich rühmen dürfen, regelmäßig zur Kirche zu gehen, oder denen das bescheidenere Wesen der Betstunden, Sonntagsschule, Bibelstunde vertraut und geläufig ist. Und doch« – der Ton schwoll feierlich an – »lebt tief in unsern Herzen das Bewußtsein unsrer Mängel und Irrtümer und das lobenswerte Verlangen, daß andern wenigstens die Unterweisung zu gute komme, die wir zu suchen unterlassen. Vielleicht« – er drückte die Augen träumerisch ein – »ist keiner unter uns, der sich nicht der glücklichen Tage seiner Kindheit erinnert, des spitzen Kirchturms seiner ländlichen Heimat, des Unterrichts, den er in Gesellschaft eines arglosen Dorfmädchens genoß, mit dem er dann Hand in Hand durch die Wälder streifte und den alten Reim sang:

›Zur Sonntagschule pünktlich kommen,
Wird dir, mein Kind, im Leben frommen.‹

»Die Erdbeerfeste wolle er den Herren Geschworenen in Erinnerung rufen, das jährliche Schulfest, bei dem die Berge von Ingwerbrot und Apfelküchlein so köstlich geduftet hätten. Und wie würde jedem zu Mut sein, wenn er erleben müßte, daß diese heiligen Erinnerungen der Kindheit beschmutzt wären durch die Erfahrung, daß der Angeklagte im stande war, derartige Gelegenheiten zu Liebeleien mit den älteren Mädchen und Lehrerinnen zu mißbrauchen, während seine arglosen Gefährten sich in aller Unschuld dabei – der hohe Gerichtshof möge entschuldigen, wenn er einen landläufigen Ausdruck anwende – zu ›Elefanten‹ hergegeben hätten?« Ein flackernder Schimmer von Heiterkeit glitt über die Gesichter der lauschenden Menge. Der Oberst zuckte ein wenig zusammen, faßte sich aber sofort wieder und fuhr fort: »Meine Klientin, die einzige Tochter einer Witwe, die seit Jahren an der westlichen Grenze dieser Stadt mutig gegen das wechselnde Schicksal gekämpft hat, steht heute vor Ihnen nur von ihrer reinen Unschuld umflossen. Sie trägt keine reichen Geschenke ihres treulosen Verehrers, ist nicht mit Juwelen, Ringen, Liebespfändern geschmückt, womit Liebende sonst die Gottheit ihres Herzens zu behängen lieben, ihrer ist nicht die Pracht, womit Salomo die Königin von Saba umkleidete, obwohl der Angeklagte, wie ich Ihnen später zeigen werde, sie mit den minder kostspieligen Blüten der Dichtung dieses Königs geschmückt hat. Nein, meine Herren! Der Angeklagte entfaltete in dieser Angelegenheit eine gewisse ... hm ... Enthaltsamkeit von äußerem Aufwand, die, wie ich gern zugeben will, in seiner Stellung ratsam ist. Das einzige Geschenk, das er ihr gemacht hat, ist bezeichnend sowohl für seine Methode, als für seinen haushälterischen Sinn. Ein wesentliches Moment kirchlicher Übung bildet, wie ich mir sagen ließ, das Sammeln für die Armen. Der Angeklagte erbat in diesem Fall durch stummes Herumreichen eines Zinntellers, der mit einem Wolltuch verdeckt war, persönlich die Geldbeiträge der Getreuen. Als er jedoch zur Klägerin trat, schob er heimlich ein Liebeszeichen auf den Teller und reichte ihr diesen hin. Das Liebeszeichen bestand in einer Tablette, einer dünnen Scheibe, die, wie ich Grund habe anzunehmen, aus Zucker mit Pfefferminzöl bereitet war, und die auf der nach unten gekehrten Seite die Inschrift trug: ›Ich liebe dich!‹ Ich habe mich seither überzeugt, daß diese Pfefferminzpastillen käuflich sind. Das Dutzend kostet fünf Cent, die einzelne folglich weniger als einen halben Cent. Ja, meine Herren, das Wort ›Ich liebe dich‹, das älteste Liebesmotiv, der Kehrreim im Sphärengesang, wurde der Klägerin durch einen so unbedeutenden Gegenstand vermittelt, daß die Republik zum Glück keine Münze hat, die gering genug wäre, seinen Wert darzustellen.

»Meine Herren Geschworenen,« fuhr der Oberst feierlich fort, indem er eine Bibel aus den Taschen des Frackschoßes zog, »ich werde Ihnen beweisen, daß der Angeklagte ein volles Jahr hindurch vermittels unterstrichener Wörter in der Heiligen Schrift und dem kirchlichen Gesangbuch der Klägerin Liebesbriefe schrieb. Er bezeichnete Wörter wie ›Geliebte‹, ›Köstliche‹, ›Teuerste‹, ja mitunter eignete er sich ganze Schriftstellen an, die seinen Gefühlen entsprachen. Auf eine davon möchte ich Ihre Aufmerksamkeit lenken. Während der Angeklagte vorgibt, sich jedes Alkoholgenusses zu enthalten – er hat in meiner Gegenwart eine Erfrischung dieser Art als unwürdige Schwachheit des Fleisches verworfen – hat er in schamloser Heuchelei die folgende Stelle mit dem Bleistift unterstrichen und der Klägerin hingeboten. Die Herren Geschworenen werden sie im Hohenlied Salomonis, Kapitel zwei, Vers vier, finden –«

Nach einer Pause, in der das Rascheln hastig umgeschlagener Blätter hörbar wurde, deklamierte er mit Stentorstimme: »›Er führet mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Panier über mir!‹ Ja, meine Herren! Ja, Sie mögen wohl Ihre Blicke von diesen Blättern erheben und sie auf den zweigesichtigen Angeklagten richten. Seines Herzens heißester Wunsch ist, die Geliebte in einen Weinkeller zu führen! Es ist mir zur Zeit nicht bekannt, welche Art von Spirituosen, wonach der Angeklagte so dringend verlangt, gewöhnlich in diesen Betstunden verabreicht wird, aber ich erachte es für meine Pflicht, im Verlauf dieses Prozesses Klarheit darüber zu erlangen, und müßte ich alle Schankwirte des Distrikts vernehmen. Für jetzt möchte ich Ihre Aufmerksamkeit nur auf die Quantität lenken. Nicht nach einem einzelnen Trunke lechzte der Angeklagte – nicht nach einem Glas leichten edeln Weines, das er mit der Geliebten teilen möchte, nein, er führet sie in den Weinkeller, um ungemessene Quantitäten zu sich zu nehmen!«

Das Lächeln des Publikums war zum Gelächter geworden. Der Richter ließ einen warnenden Blick durch den Saal schweifen und bemerkte, daß Starbottle bei diesem Heiterkeitsausbruch abermals zusammenzuckte. Er sah ihn ernst an. Der Gegenanwalt stimmte recht absichtlich in das Lachen ein, Hotchkiß selbst dagegen saß mit aschfahlem Gesicht da. Unter den Geschworenen aber entstand eine Bewegung: man blätterte hastig in der Bibel und tauschte Bemerkungen aus.

»Die Herren Geschworenen,« bemerkte der Richter in amtlichem Ton, »mögen gütigst Ruhe halten und ihre Aufmerksamkeit nur den Ausführungen des Anwalts zuwenden. Jede Erörterung unter ihnen ist unstatthaft und muß verschoben werden, bis die Herren sich in ihr Beratungszimmer zurückgezogen haben.«

Der Obmann der Geschworenen sprang auf. Es war ein Riese mit gutmütigem Gesicht, aber trotz seines unheimlich klingenden Beinamens der »Knochenbrecher« ein guter, harmloser, etwas erregbarer Mensch.

»Dürfen wir eine Frage stellen?« fragte er respektvoll, obwohl in seiner Stimme unverkennbar jene westamerikanische Betonung lag, der das Bewußtsein, mit Höhergestellten zu sprechen, vollständig abgeht.

»Ja,« versetzte der Richter.

»Wir haben da gerade in dem Stück, aus dem uns der Oberst was vorgesagt hat, Sachen gefunden, von denen wir, mein Nebenmann und ich, nicht erlauben täten, daß man sie vor einem jungen Frauenzimmer bei Gericht vorlesen würde, und nun möchten wir von Ihnen hören – weil Sie doch unparteiisch sind und viel wissen – ob das die Art von Büchern ist, die man in diesen Betstunden Mädels und Kindern zu lesen gibt.«

»Die Geschworenen haben den Ausführungen der Anwälte ohne Einreden oder Bemerkungen zu folgen,« erklärte der Richter kurz, denn er merkte, daß der Vertreter des Angeklagten im Begriff war aufzuspringen, was auch sofort geschah.

»Der hohe Gerichtshof gestatte mir, diesen Herren zu erklären, daß die Stellen, die ihnen anstößig erscheinen, seit tausend Jahren von den ersten Theologen für rein symbolisch erklärt werden. Wie ich später ausführen werde, sind all diese Worte Symbole der Kirche ...«

»Der Kirche?« unterbrach ihn der Obmann mit zorniger Verachtung.

»Ja, der Kirche!«

» Sie haben wir gar nicht gefragt, und von Ihnen wollen wir auch keine Antwort,« erklärte der Obmann, jählings niedersitzend.

»Ich muß eindringlich wiederholen,« sagte der Richter in strengem Ton, »daß der Vertreter der Klägerin nicht unterbrochen werden darf. Der Vertreter des Angeklagten wird später zu Wort kommen.«

Der Anwalt knickte auf seinem Sitz zusammen mit der bittern Überzeugung, daß die Stimmung der Geschworenen ihm feindlich und der Prozeß so gut wie verloren sei. Aber sein Gesicht war nicht in dem Maße verstört wie das seines Klienten, der in höchster Aufregung leise auf ihn einzureden begann, wobei er offenbar heftigem Widerstand begegnete. Der vorher trübe Blick des Obersten, der immer noch in feierlicher Rednerpose dastand, wurde hell und leuchtend.

»Wenn der Vertreter des Angeklagten die Zwischenreden aufgibt und sich darauf beschränkt, mir zu entgegnen, wird er den Herren Geschworenen klar zu machen suchen, daß meine unglückliche Klientin keinerlei rechtliche Ansprüche habe, da kein gesprochenes Wort die Liebeswerbung bezeuge. An Ihnen, meine Herren Geschworenen, ist es dann zu entscheiden, was ausdrückliche Liebesäußerungen sind oder nicht. Uns allen ist bekannt, daß unter den tieferstehenden Geschöpfen, worunter den Angeklagten einzureihen die Herren versucht sein könnten, gewisse mehr oder minder harmonische Signale üblich sind. Der Esel schreit, das Roß wiehert, das Schaf blökt – die gefiederten Bewohner der Haine locken ihre Erkorenen in melodischeren Tönen. Das sind bekannte Tatsachen, womit Sie, meine Herren, die mit der Natur dieses herrlichen Landes leben, wohlvertraut sind. Es sind Tatsachen, die niemand bestreitet, und wir würden sehr gering denken ... hm ... von dem Esel, der uns weismachen wollte, daß sein Geschrei in ... hm ... solch entscheidenden Augenblicken bedeutungslos, unbewußt sei. Aber, meine Herren, ich werde Ihnen den Beweis liefern, daß der Angeklagte auch diesen törichten, wider ihn zeugenden Brauch angewendet hat. Mit größter Mühe, unter größtem Widerstreben habe ich dem mädchenhaften Schamgefühl meiner Klientin das unschuldige Geständnis abgerungen, daß der Angeklagte sie verleitet hat, auf derartige Weise mit ihm zu verkehren. Machen Sie sich ein Bild von der mondbeschienenen einsamen Landstraße, die an der bescheidenen Behausung der Witwe vorüberführt. In einer herrlichen Nacht, die Liebesgefühlen geheiligt ist, lehnt das unschuldige Mädchen am Fenster. Eine hohe, stattliche Gestalt erscheint auf der Straße – es ist der Angeklagte, der zur Kirche geht. Treu der Verabredung, die er mit ihr getroffen hat, öffnet sie die Lippen und läßt ein melodisches: ›Kirri!‹« – der Oberst sprach das Wort leise mit der Fistelstimme, wohl in zärtlicher Nachahmung seiner schönen Klientin – »ertönen. Sofort wird die nächtliche Stille lebendig von der leidenschaftlichen Erwiderung« – der Oberst erhob seine Stimme zu gewaltiger Stärke – »›Kirro!‹ Und als er am Haus vorübergeht, flüstert es wieder süß: ›Kirri!‹ und als seine Gestalt in der Ferne verschwindet, erklingt noch einmal das tieftönige: ›Kirro!‹«

Lautes, anhaltendes Gelächter von elementarer Gewalt hallte durch den Raum, und ehe noch der Richter sein Gesicht in feierliche Falten legen und das vorgehaltene Taschentuch vom Mund nehmen konnte, ertönte aus irgend einer Ecke des Saals ein zwitscherndes »Kirri!«, dem aus einer andern ein lautes »Kirro!« antwortete.

»Der Scheriff wird den Saal räumen!« sagte der Richter streng. Aber ach, während die verlegenen, kichernden Gerichtsdiener hin und her liefert, zwitscherten die Zuhörer draußen vor den Fenstern: »Kirri!« und die an der andern Seite des Saals angesammelte Menge brüllte im Chor: »Kirro!« und wieder lachte alles zusammen, ja die schöne Klägerin selbst wand sich hinter ihrem Taschentuch in Lachkrämpfen.

Nur Oberst Starbottle lachte nicht. Hochaufgerichtet stand er mit leichenbleichem Gesicht da. Und der Richter, der ihn forschend ansah, merkte, was sonst niemand wahrnahm – der Oberst hatte in tiefem Ernst gesprochen. Was der Richter für einen geschickten Advokatenkniff, für schärfste Ironie gehalten hatte, war die tiefe, ernste, aller Heiterkeit bare Überzeugung eines Mannes, der den Humor nicht kannte. Achtung vor dieser Überzeugtheit lag in dem Ton, womit der Richter ruhig sagte: »Fahren Sie fort, Herr Oberst Starbottle.«

»Ich danke dem hohen Gerichtshof,« sagte Starbottle langsam, »daß er nach Möglichkeit eine Störung zu verhindern trachtet, wie ich sie in dreißigjähriger Ausübung meines Berufs mitertragen habe, ohne die Urheber dafür zur Rechenschaft – zur persönlichen Rechenschaft zu ziehen. Es liegt möglicherweise an mir, daß ich rednerisch nicht im stande war, den Herren Geschworenen die ganze Bedeutung der Signale des Angeklagten nachdrücklich zu Gemüt zu führen, denn ich fühle wohl, daß meiner Stimme die Fähigkeit mangelt, sowohl das süße Zwitschern meiner Klientin als die leidenschaftliche Kraft in dem Gegenruf des Angeklagten zum Ausdruck zu bringen. Ich werde,« fuhr der Oberst fort, ohne in seiner Verblendung die warnenden Blicke und zusammengezogenen Brauen des Richters zu beachten, »noch einen Versuch machen. Meine Klientin rief also« – er rief das Wort in den höchsten Tönen – »›Kirri!‹ und die Antwort war: ›Kirrooo‹« – Die Stimme des Obersten erschütterte die Kuppel über seinem Haupt.

Erneutes schallendes Gelächter folgte dieser scheinbar verwegenen Wiederholung, wurde aber durch einen ganz unvorhergesehenen Zwischenfall zum Schweigen gebracht. Der Angeklagte fuhr jählings in die Höhe, riß sich von seinem Anwalt, der ihm die Hand auf den Arm legte und eifrig in ihn hineinredete, los und stürzte in wilder Flucht aus dem Saal. Daß er auch das Haus verlassen hatte, bekundete das »Kirro!«, das ihn draußen empfing und ihm noch mehrmals nachgesandt wurde.

»Aus mir unerklärlichen Gründen bittet mein Klient, die Verhandlung zu vertagen,« erklärte der Anwalt, »und ein friedliches Übereinkommen mit der Klägerin anzubahnen. Als vermöglicher Mann in angesehener Stellung ist er sowohl im stande als gewillt, diesen Frieden mit Geldopfern zu erkaufen. Während ich als sein Vertreter immer noch der Überzeugung bin, daß die Klägerin keinen Rechtsanspruch hat, muß ich auf sein Verlangen den hohen Gerichtshof bitten, die Verhandlung zu vertagen, bis ich mit dem Gegenanwalt ein Übereinkommen getroffen habe.«

»Soweit ich aus den Ausführungen der Anwälte ersehen konnte,« sagte der Richter ernsthaft, »scheint mir der Fall nicht geeignet zu sein für einen Rechtsstreit. Ich kann daher nur billigen, daß der Beklagte einen Vergleich vorschlägt, und kann der Klägerin nur ernstlich raten, darauf einzugehen.«

Oberst Starbottle beugte sich zu seiner Klientin hinüber. Unverändert in Haltung und Ausdruck, gab er dann die Erklärung ab: »Ich füge mich dem Wunsch meiner Klientin – wir sind zu Vergleichsverhandlungen bereit.«

Ehe die Gerichtssitzung geschlossen war, wußte die ganze Stadt, daß Adorinam K. Hotchkiß sich mit der Summe von viertausend Dollars und Übernahme der Kosten weitere Belästigungen erspart hatte.

* * *

Der Oberst Starbottle hatte das Gleichgewicht seiner Seele so weit wiedererlangt, um mit gespreiztem Gang nach seinem Bureau zu marschieren, wo er seine schöne Klientin treffen sollte. Zu seiner Überraschung war sie schon zur Stelle, und zwar in Begleitung eines etwas dämlich dreinschauenden jungen Mannes, der ihm unbekannt war. Wenn es den Oberst innerlich etwas verdroß, einen dritten bei dieser Unterredung zugegen zu haben, so war er doch viel zu höflich, um sich das anmerken zu lassen. Er verbeugte sich mit Anmut und bot den jungen Leuten Sitze an.

»Ich hielt es fürs beste, Hiram gleich mitzubringen,« begann die junge Dame, ihren forschenden Blick auf den Oberst richtend, »obwohl er sich fürchterlich genierte und immer wieder sagte, daß Sie ihn ja nicht kennten, gar keine Ahnung von seiner Existenz hätten. Da hab' ich aber gesagt: ›Du brennst dich, Hiram! So ein mächtiger Herr wie der Oberst, der weiß alles – ich hab's ihm an den Augen angesehen!‹ Du liebe Zeit!« fuhr sie fort, indem sie sich auf den Sonnenschirm gestützt vorbeugte und den Blick in die Augen des Obersten tauchte, »wissen Sie noch, wie Sie mich gefragt haben, ob ich den alten Hotchkiß liebte, und ich sagte: ›Versteht sich!‹ und da haben Sie mich angeguckt – meiner Seel'! Ich sah's Ihnen genau an, daß Sie gleich merkten, daß irgend ein Hiram um den Weg sei, so gut, als ob ich's Ihnen ins Gesicht gesagt hätte! So, Hiram, und nun stehst du auf und schüttelst dem Herrn Oberst herzhaft die Hand, denn wenn er nicht wäre und seine Findigkeit und seine riesige Redekunst, so hätte ich nie und nimmer die viertausend Dollars aus dem verliebten alten Narren herausgeschlagen, das Geld, womit wir eine Farm kaufen und heiraten können! Das verdankst du ihm und sonst niemand! Und jetzt steh' nicht da und starre ihn an, als ob du nicht auf fünf zählen könntest. Er wird dich nicht auffressen – obwohl er schon manchen bessern Mann umgebracht hat. Komm, oder muß ich alle Dankbarkeit allein besorgen!«

Es ist der Aufzeichnung wert, daß der Oberst sich so verbindlich und so tief verbeugte, daß es ihm gelang, die dargebotene Hand des schüchternen Hiram vollständig zu übersehen und die freimütiger und herzlicher dargereichten Fingerspitzen der holden Zaidee nur flüchtig zu berühren.

»Ich ... hm ... spreche Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch aus, obwohl ich finde ... hm ... daß Sie meinen ... hm ... Scharfblick überschätzen. Unglücklicherweise machen mir dringende Geschäfte, die mich vielleicht auch nötigen werden, heute abend die Stadt zu verlassen, eine längere Unterredung unmöglich. Die geschäftliche Erledigung ... hm ... des Falles, werden die Anwälte übernehmen, die meine Bureauarbeit besorgen ... hm ... man wird der Sache die größte Aufmerksamkeit schenken. Und nun wünsche ich Ihnen guten Nachmittag.«

Trotz der dringenden Geschäfte zog sich der Oberst in sein Privatzimmer zurück, wo der getreue Jim ihn nachdenklich vor seinem Pult sitzend traf, als schon die Dämmerung hereinbrach.

»Herr Oberst! Ich will nur hoffen, daß nichts passiert ist, weil Sie so gruselig ernsthaft aussehen! Seit dem Tag, wo sie den armen Massa Stryker mit einer Kugel durch den Kopf heimgebracht haben, hab' ich den Herrn Oberst nicht so gesehen ...«

»Gib mir den Whisky, Jim,« sagte Starbottle, langsam aufstehend.

Seelenvergnügt eilte der Neger fort, um das Gewünschte zu holen. Starbottle goß sich ein Glas voll und leerte es mit der alten Energie.

»Du hast ganz recht, Jim,« sagte er, das Glas niedersetzend, »aber ich ... hm ... werde eben alt ... hm ... und der arme Stryker fehlt mir entsetzlich ... ich weiß nicht, wie es kommt!«

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