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Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

Gustav Schüler: Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes - Kapitel 26
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleAuf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
publisherFritz Eckardt Verlag
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160221
projectid90127d03
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Mazeppa.

»Den Hengst heraus!« Und durch das Tor
Gleich schwarzem Blitz gewittert's vor.
»Heran! Die Stricke! Schnürt ihn gut!
Mehr noch!« Schon färbt die Stricke Blut.
»Noch fester!« Wie der Hengst sich bäumt
Und ganz in blutigem Schäumen schäumt.
»Noch fester!« Und mit ihren Zähnen
Ziehn sie die Stricke. »Längs den Mähnen
Die Arme ihm wie an ein Kreuz!«
Der alte graue Henker schreit's.
»Fertig! Zurück! Die Peitsche! Los!
Hund, reite in der Hölle Schoß!«
Ein Fluchen, gurgelnd, halbzerschellt
Von des Geschnürten Lippen gellt.
Der Hengst – wie eine Flamme sticht –
Saust hin. Das Auge folgt ihm nicht! –
Nun Heide! Und die Heide schreit,
Die Wolken wimmern Wehgeleit,
Der Strauch, der Stein. Das Echo prallt
Und ächzt und ringt und reißt und krallt,
Und zuckt und zittert wie ein Kind,
Dem beide Augen zerstochen sind.
Und dem Gebundenen ist's wie Sturm,
Der ihn umstürmt auf höchstem Turm.
Mazeppa weiß nicht, daß er reitet,
Weil alles an ihm vorübergleitet,
Rasend, mit wirrendem Radesdrehn,
Er aber bleibe versteinert stehn.
Versteinert, denn kein Glied ist sein:
Die Stricke schneiden mit brennender Pein.
Er steht: Das rote Heidekraut
Flimmert vorbei, mit Blute betaut.
Sträucher, im rasenden Rennen verdoppelt,
Wie an Dämonen angekoppelt.
Bäume, einzeln, wachsen im Jagen,
Als würden Wälder zum Himmel getragen.
Die Wolken, wie vorbeigefegt,
Eine immer die andre zerschlägt.
Ein Horizont in den andern bricht,
Wie ein jählings sterbend Angesicht.
Die Sonne stürzt näher, ihr Flammenschein
Frißt ihm bis ins Mark hinein.
Mazeppa, von dem Strick zerfetzt,
Tobt, wimmert, ächzt und lallt zuletzt.
Der Hengst, zu höchster Angst geschlagen,
Knirscht auf in seinem Todesjagen.
Und seinem Reiter ist's, als tose
Wilder vorüber das Grenzenlose.
Jetzt geht's, wo Busch in Busch sich flicht,
Die Zweige peitschen sein Gesicht.
Ihm ist's, als säh' er schwarze Haufen,
Wirrend zerwirbelt vorüberlaufen,
Die schlagen ihm – er wendet sich nicht –
Den nackten Leib und das Gesicht.
Sickernd Blut ihm ins Auge schwimmt,
Fleckigt rot das Jagende glimmt,
Das größer wird und höher klimmt.
Es kommt der Wald! Die Stämme schwanken,
Wie eines Gefolterten Angstgedanken.
Mazeppas Blick bohrt sich durchs Blut:
Es rast vorbei in brechender Wut,
Von schwarzen peitschenden Mänteln geschlagen,
Von großen, frechen Vögeln getragen:
Und manchmal schlägt ein Scheusal grau
Ihn an mit grausam grabender Klau.
Nun wächst der Schwarm: ein schwarzes Heer,
Es dunkelt, und – er – trennt's – nicht – mehr. –
Tief – tiefer – tausendjähriger Wald!
Der Hengst kämpft schwer – nun endet's bald –
Die Äste splittern und wuchten und knacken,
Die des Hengstes krampfende Weichen packen
Und den Mann! Dess' ganzer Leib ein Blut,
Eine rote, reißende Fieberglut. –
Er – sieht – nichts – mehr. Nun reckt sein Ohr
Ein gierig saugend Lauschen vor.
Ächzen und Dröhnen, Splittern und Schrei.
Er weiß: es rast noch immer vorbei!
Kein Ende! Es sinkt jedweder Ton
Fluchend in den andern schon.
Des Hengstes Stöhnen mischt sich ein,
Mazeppas Wimmern wimmert drein.
Da – flirrend Licht! – der Wald versinkt,
Ein Raunen und Rinnen und Rauschen klingt.
Ein Strom! Ein Sturz! Ein schaurig Müh'n,
Zwei Sterbende über die Wasser ziehn.
Hah Kühle, Kühle – wie das tut –
Der Reiter und sein Reiten ruht,
Aus dem wirrenden, stoßenden Radesdrehn
Löst sich ein Lied vom Schlafengehn.
Mazeppa in des Stromes Flut
Schläft ein, wie in der Mutter Hut.

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