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Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

Gustav Schüler: Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes - Kapitel 144
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleAuf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
publisherFritz Eckardt Verlag
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160221
projectid90127d03
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Jesus, meine tote Mutter und ich.

Ich lag im Schlaf. Da trat ein Mann zu mir,
Ein alter Mann mit einem Weidenstecken
Und einer tief herabgebrannten Kerze.
Das alles sah ich durch den schweren Schlaf
Und hörte auch des alten Mannes Stimme,
Die klirrend brach, als ob man rostige Glocken
Mit einem Messer scharf und langsam schabt.
Und zornverdüstert sprach der trübe Greise:
»Steh auf, du Tor, hast lang genug geträumt,
Wir haben einen weiten Weg, steh auf!«
Ich fuhr empor und sah verwirrt um mich.
An meiner Seite lag ein junges Weib
Von süßer Anmut atmend überhaucht.
Mit einer Hand hielt sie die eine Brust,
Wie eine Mutter tut, die säugen will.
Der andere Arm lag auf den blonden Haaren,
Die auf die Kissen glitten, wie die Halme
An Halme sinken, wenn die Ernte kommt.
Der Greise sah – wer ist es und was will er? –
Hin auf die Schlummernde, wie alte Väter
Auf ihre Töchter, die im Brautkranz stehn.
Dann legte er die eine welke Hand –
Die linke wars, die rechte hielt den Stecken –
Auf ihre Stirn, wo krause Träume stampfen
Mit blankem Atem wie die jungen Rosse.
Drauf sprach er dumpf, die Stimme kroch wie Nattern
An morschem Holzwerk langsam her zu mir:
»Was säumst du noch? Mach kurz! Sag ihr Lebwohl!
Nicht wecken, nein! Wozu den Schlaf durchkreuzen!
Küß ihre Hand und sieh auf ihren Mund,
Wie auf den Becher, der dich lang gelabt.«
Ich taumelte vom Lager schwer empor,
Ich mußte tun, was dieser Greise wollte.
»Nimm deinen Mantel und küß ihre Hand!«
Ich nahm den Mantel, hüllte mich darein,
Preßt' meine Lippen auf die Hand des Mädchens,
Die wunderlich die eine Brust umspannte.
»Nicht die!« er schrie's! »Du hast dein Teil am Weibe
Dahingenommen. Bist du noch nicht satt?
Verfluchter Frecher, bist du noch nicht satt?«
Ich zuckte auf, wie Hunde vor der Peitsche.
«Wer bist du,» stöhnt ich, «daß du so mich quälst?»
Er aber schrie, der Schrei stürzt an die Wände,
Daß loser Kalk wie Regen niederging:
»Hinaus mit dir!« – Barfuß, mit bloßem Kopfe,
Die Haare wirr, wie ihre Hand sie wirrte,
Die trotz des Wilden Toben schlummernd lag,
Mein Mantel schlug mir um den nackten Leib,
Stieß er mich aus dem Hause in die Nacht.
Es war – wie seltsam! – meines Vaters Haus,
Das niedere, graue, das vor Dumpfheit stirbt.
Dieselbe alte Tür, zehnmal geflickt,
Dasselbe Dach, wo tausend Moose grünen,
Dieselben scheckig bunten Fensterchen,
Dran meine heiße Knabenstirn gelegen,
Wenn alle Wünsche in die Ferne brannten.
Wie kam ich hierher und wer ist der Freche,
Der so mich peinigt? Grimm stand auf in mir.
Ich blickte rückwärts nach der Türe hin,
Als wollt ich lang Verlornes wieder fassen,
Da ließ er, der sich hinter mich gestellt,
Den Stock auf meinen Nacken niedersausen,
Daß ich aufstöhnte und zur Erde fiel.
Er aber riß mich an den Haaren aufwärts:
»Willst du, daß ich dich, wie du liegst, erschlage,
Wenn du dich umsiehst, ohne, daß ich's will?«
Da wußte ich, wer's war. Es war der Tod. –
Ich schrie nicht auf, ich stürzt im jähen Laufe
Vor ihm daher, der mich am Mantel hielt.
So durch die Felder, über Furchen hin,
Im Fallen laufend und im Laufen fallend.
Manchmal berührte seine Hand mein Fleisch,
Es fror wie Eis hinunter ins Gebein. –
Die Finsternis ward immer sorgenvoller,
Es kamen Gräben, Steine, Büsche, Bäume,
Ich rannt an Bäume, fiel in kotige Wässer.
Doch immer riß, der meinen Mantel hielt,
Mich wieder auf und jagte mich dahin.
Ein Wind sprang wühlend aus den Furchen auf,
Als hätte unser Fuß ihn aufgescheucht
Und floh vor uns und schlüpfte in die Büsche.
Und aus den Wolken, die so niederschleiften,
Als wollten sie barmherzig mich umhüllen,
Sank, wie ein Weinen, sickernd leises Regnen.
Das wuchs und wuchs und strömte stürzend nieder,
Verwaschend meiner Sohlen schwere Spur.
Es war ein grausenvoller Henkersweg.
Mit starrer Kraft, mein Atem kämpfte notvoll,
Keucht ich und keuchte, hinter mir den Würger.
Er sprach nicht mehr, ich hörte ihn nicht atmen,
Ich hörte nicht das Klatschen seiner Füße.
Getränkt von der Unsterblichkeit geheimen Wassern,
War er wie Luft, doch seine Hand blieb schwer,
Ich fühlte, wo sie meinen Mantel packte
Und naß und kalt war wie ein Klumpen Schlammes.
Da peitschte durch den Regen gelles Rot,
Als reckte schlingernd sich ein Waldbrand auf.
Und in den Flammen sah ich Wesen rennen,
Mit Mänteln angetan, wie ich, verfolgt
Von solchen Wesen, wie mir eines folgte,
Der Brand schien wie ein quirlend Hexenfeuer
Einherzutanzen vor den so Verfolgten,
Die, wie es schien, die breiten Flammen traten. –
Der Weg ward immer schrecklicher und schlimmer,
Die Brände schlugen immer breiter auf.
Da, dicht vor mir, er konnte kaum noch laufen,
Schleppt sich ein Mensch in einem langen Mantel,
Auch so, wie ich, von einer Hand gestoßen.
Ich stürzte an dem Matten jach vorbei
Und sah ihm, wie ich rannte, in das Antlitz:
Ein Weib, ein altes, ganz verkrümmtes Weib,
Schneeweißes Haar, das strähnig niederhing,
Ihr Mund, die Augen, ihre Stirn und Züge –
Ich ward wie Stein – o du barmherziger Gott!
Die hier zu Tod Vermattete ist – meine – Mutter,
Die schon vor sieben langen Jahren starb.
Und – »Mutter! – Mutter!« schrie ich auf
Und stürzte hin und faßte ihre Hand,
Die eiseskalt und eisesschwer herabhing.
Und ihre Augen waren hingeloschen
Und ihre Stirn war welk und fahl wie Wachs.
Auf ihrem Munde lag erschrockenes Staunen,
Das Wesen nicht noch Worte finden kann.
Da sprach der Grause, der mich hergepeitscht:
»Nimm ihre Hand und führe sie ins Licht,
Die nicht mehr weiß, wie sie's vollenden soll!«
Und seine Hand sank ab von meinem Mantel,
Und der bei ihr, ließ ab von ihrem Leibe.
Ich aber nahm mein irrend Mütterlein
In meinen Arm, daß ich sie vorwärts führte,
Und wollte gehn, allein sie schritt nicht mehr.
Da nahm ich ihren lebenlosen Leib
Und lud ihn auf mich und brach wankend vor.
Der rote Brand ward tiefer, mächtiger, breiter
Und schien sich um die Leiber, die in ihm
Noch immer hasteten, gleich hellen Flügeln
Herumzuschließen und sie leicht zu machen.
Die Leiber, immer größer wuchs die Zahl,
Sie wurden lichter, wurden schöner, reicher,
Und immer mächtiger schwoll die Lichtflut vor.
Ich aber, wie gestärkt vom toten Leibe,
Den ich herantrug an das große Licht,
Ich badete schon in den ersten Wellen
Des goldenen Lichtes, das mein Mütterlein
Mit seinem Glanze feiervoll umströmte.
Da plötzlich aus den Flammen, die nicht sengten,
Herausgewachsen, trat ein Mann zu mir,
Der grüßend gegen mich die Hände hob,
Sein ganzes Wesen redete von Liebe
Und seine Stimme klang so menschlich schlicht
Und klang so weit herauf aus Ewigkeit:
»Gib mir dein Mütterlein, du banger Mensch,
Ich will es tragen, weil du nicht mehr kannst,
Weil von dem Schreiten dir die Kniee zittern.
Ich will dir nah sein, daß du nicht erschrickst,
Wenn dich das Licht der neuen Welten blendet.
Durch deine Augen strömt das ewige Licht
In deinen Leib und schwemmt die Erde weg
Und speist dich mächtig mit Unsterblichkeit.
Ich hauche dann auf deiner Mutter Augen,
Daß ihre Starrheit wie ein Reif zerschmilzt.
Dich aber soll zuerst ihr neuer Blick
Umschließen mit aufblühendem Erstaunen,
Damit sie glaube, du hast sie erweckt.
Nimm ihre Hand, die leblos niederhängt,
Geh ihr zur Seite, dann sind wir wie eins
Und meines Odems Wirken schafft in euch.« –
Und Jesus schritt, im Arm mein Mütterlein
Und ich an meiner toten Mutter Hand,
Den goldnen Toren stark und herrlich zu.

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