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Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

Gustav Schüler: Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes - Kapitel 142
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleAuf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
publisherFritz Eckardt Verlag
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160221
projectid90127d03
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Der Marterfels.

Hinweggewiesen von des Himmels Tor,
Fragt ich: »Wohin?« in schwerster Not ergrausend.
»Dahin!« Und schwarzer Flügel Weggeleit brach vor.

Mit meinen dürren Flügeln gräßlich sausend,
Rast ich dahin am goldenen Himmelszaun.
Das Lustgewirr dort innen überbrausend.

Was mich durchschütterte, das war kein Graun,
Vom Unerhörten wie hinabgeschlagen,
Erzitterte ich losgelöst im Schaun.

Durch hellste Luft im atemlosen Jagen
Kam ich zu einer Schluft, ins Felsgeklüft
Mit Riesenmeißeln steil hinabgeschlagen.

Noch einmal vor dem Berge mit Gedüft
Tut sich ein Garten auf in Schönheitspochen.
Nackt starrt vor ihm das dämmernde Geschlüft.

Schon ist mein Flügel in die Schlucht gebrochen –
Was für Geschrei von Angst und Not und Pein
Kommt durch die Luft wie Brandgewölk gekrochen?

Und tobender und irrer ward das Schrein,
Und näher kam die Wirrnis, die entsetzte.
Jetzt jagt ich in das Stimmenmeer hinein.

Da – Fluch dir! der mich hierher hetzte:
Im Felsen Menschenkopf an Kopf sich wand,
Gekrallt die Hand, die das Gesicht zerfetzte.

Der Leib, gegraben in die Felsenwand,
Wird langsam Stein in grausen Jahrmillionen –
Ich wußt' es, das ist das verfluchte Land,

Für Lüge, Mord und für Verrat das Lohnen –
Was sollst du hier, so fiel's mich wütend an,
Wo die verfluchten schwarzen Seelen wohnen?

So rast ich hin, wie nur der Blitz es kann,
Die Schlucht hinab – umsonst, sie schlägt sich weiter,
Die ihre Enden an die Sterne spann.

Geschrei und Fluchen blieben mir Begleiter.
Nur manchmal, wundersüß aus Gram gehaucht,
Ein Lied voll Tröstens, treu und hell und heiter.

Wie Sterne aus Sturmtosen aufgetaucht.
Und staunend hielt ich still und sah ins Grausen,
Das wie ein Strudel wühlt und stöhnt und faucht.

Hier sah ich die Verfluchten schaurig hausen:
Verzweiflung, Angst, Zorn, Haß und Wut
Verändern ihr Gesicht in jähen Pausen.

Die Hände reißen nach der Adern Blut,
Zergraben das Gesicht mit langen Rissen,
Die Augen rennen wie in Fieberglut,

Wenn sie nicht schrein, die Lippen fest verbissen. –
Die Luft, die erzene, schlief ein in Graun,
Sie schrie sonst mit wie die aus den Steinkissen.

Doch da – was ist's, was ist das für ein Schaun?
Auf mancher Hand sah ich ein Vöglein sitzen;
Wie eine Taube, weiß und grau und braun.

Wie Schwalben gabelten die Flügelspitzen,
Und ihre Stimme war ein Trost in Pein,
Wie Kinderbeten bei entbrannten Blitzen.

In diesen Rausch von Qual sank sie hinein
Und sänftigte das jammervolle Tosen,
Und, wie mir war, lauscht selbst der tote Stein. –

Die Augen sahn auf sie, als sähn sie Rosen
Auf jeder Hand, wo solch ein Vöglein saß,
Und manche Lippe neigt sich, sie zu kosen.

Dess' Hand ein Vöglein sich zur Rast erlas,
Den ließ die Qual, bis es sich hob zum Scheiden,
Daß er des grausen Unglücks fast vergaß.

Doch wenn es floh, flucht' er in neuen Leiden
Und krallte zuckend Splitter aus dem Stein
Und winselte, die Seelen zu zerschneiden.

So in den Graus quoll lieblich Singen ein,
So in das Singen strahlt das gelle Schreien:
Ein wunderschauriges Verflochtensein. –

Da plötzlich, als ob tausend Stürme speien,
Erwacht die Luft und tobt die Schlucht entlang
Und rannte hin an der Zerschundenen Reihen.

Wie abgerissen wurde der Gesang,
Ein jeder Schrei ward, wie erschlagen, stille,
Und durch den Sturm, der unermeßlich rang,

Brach eine Stimme wie ein Riesenwille:
»Hinweg ihr Vögel! Fels, tu, was du mußt!
Ich bin der Herr, ich bin des Rächers Wille!«

Und Steine prasselten auf Kopf und Brust,
Sandstaub fraß in die Augen, Schlacken flogen.
Ich duckt mich hin am Fels, mein unbewußt.

Da schrie die Stimme: »Du, hinabgebogen,
Verfluchter du, dein Ziel ist nah, geh hin!
Verfluchter du, du hast, wie sie, gelogen!«

Ich wußt es, den er meint, daß ich es bin.
Mit Angst und Jammer hob ich mich zum Fluge,
Durch Sturm und Schlucht flog ich Verfluchter hin.

Ich sah nicht auf von meinem Schreckenszuge,
Ich krampft den Mund, ich krampfte Hand in Hand
Und taumelt hin in meinem irren Fluge.

Ich klatschte gegen die verfluchte Wand,
Ich sauste hin, von einem Fels getroffen,
Doch auf und weiter, weiter unverwandt!

Der Sturm zerschlägt sich an des Berges Schroffen;
Ich höre wieder, wie sie schreit, die Pein,
Und schauderte, ins tiefste Mark getroffen!

Da scholl es: »Reißt ihn nieder, grabt ihn ein!«
Und vor mir sah ich schwarze Riesen stehn,
Die rissen mich mit Fäusten auf den Stein.

Ich war zu feig, zu betteln und zu flehn.
Sie warfen mich ins Loch, in Fels gemacht,
Die Arme waren und der Kopf zu sehn.

Vernichtet stiert' ich aus dem steinernen Schacht,
Durch all das Winseln, Fluchen, Toben, Wimmern
Schrie ich empor: Wer hat mich hergebracht?

Warum, warum?« Die grellen Höhen flimmern,
Die Luft schlief wieder ein vor Angst und Gram –
Was sah ich dort auf meinen Händen schimmern?

Ein Vöglein, ein barmherzig Vöglein kam,
Das sang – o Stimme, sag, dich muß ich kennen,
Sag mir, wo ich auf Erden dich vernahm? ...

Nun weiß ichs! Liebste! Ich weiß dich zu nennen,
Du Engelholde, die ich nicht verstand –
Jetzt bist du hier und singst auf meiner Hand!

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