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Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes

Gustav Schüler: Auf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes - Kapitel 112
Quellenangabe
typepoem
authorGustav Schüler
titleAuf den Strömen der Welt zu den Meeren Gottes
publisherFritz Eckardt Verlag
year1908
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160221
projectid90127d03
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Wer nicht?

Wer sündigt nicht? Wess' Blut ist fieberfest?
Wer ragt so erzen in den Lebenshohn,
Daß er nicht Schmutz zu Götterbildern preßt,
Gleich unberührt von Strafe oder Lohn?

Durch wessen Seele schnitt kein sausend Schwert?
Zu wessen Kehle quoll kein Fluchen her,
Wenn er an seinem hingeloschenen Herd
Zusammensank, an Kraft und Glauben leer.

Wer flehte nicht die schwarzverdeckte Nacht
Ihn einzuschlucken, weil sich's nicht mehr lohnt,
Zu schauen einer neuen Sonne Pracht,
Weil neue Not im neuen Lichte wohnt? –

Wer aber wär' nicht mit dem ersten Halm
Am Frühlingsmorgen frühe aufgeblüht?
Wer wäre nicht im heiligen Jubelpsalm
Mit allen Kreaturen hochgeglüht?

Wer wäre nicht, um tiefer nur zu sein
– Noch tiefer als die ärmste Blume steht –
Vor Gott hinabgefallen wie ein Stein,
Zum wortelosen tiefsten Glücksgebet?

Wer hätte nicht durch allen Erdenspott,
Durch all des Fleisches dunkle Gier und Last,
Dich, Sonnenfürsten, heiliger großer Gott,
Mit beiden Händen klammernd angefaßt?

So müssen wir – wem bliebe eine Wahl –
Ins Licht uns reißen, auf aus schwerer Nacht!
Zuletzt ist Gott, trugführt auch Zweifelqual,
Dennoch aus ewigem Morgenlicht gemacht.

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